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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lateinische Schule.

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auch in den andern Realien und im Französischen ein kleines Mehr an positiven Kennt-nissen, das aber freilich später sich bald vollends ansgleicht, denn in der Fortbildungs-schule holen unter obiger Voraussetzung die gewesenen Lateiner die gewesenen Real-schüler gewöhnlich bald ein. Von den im Vorhergehenden liegenden Gründen dieserErscheinung will ich nur einen hervorheben: der lateinische Elementarunterricht ist nachmeiner Meinung ungleich bildender, ungleich geeigneter, das Sprachbewußtsein zu ent-wickeln, die Sprachkraft und damit die Denkkraft zu stärken, als der französische. Natürlich,denn für den Schüler sind die Beugungsformen weit schärfer ausgeprägt, die syntaktischenFormen ein klareres Abbild der Denkformen, als hier, und die Schwierigkeiten nehmen insteigendem Maße das Auffassungs- und Urtheilsvermögen in Anspruch, während imFranzösischen die ersten Schwierigkeiten in der Aussprache liegen und hauptsächlich dasGehör und die Sprachwerkzeuge beschäftigen. Was nun aber den materiellen Nutzenbetrifft, so täuscht man sich gar oft, indem man folgendermaßen calculirt: Das Lateinist für meinen Sohn unnütz, denn wo spricht man denn Latein? Das Französischedagegen ist die allgemeine Verkehrssprache. Ja, nur lernt kein Realschüler bis zum14. Jahr so viel Französisch, um ohne weiteres im Verkehr des Lebens davon Ge-brauch machen zu können, abgesehen davon, daß denn doch die allerwenigsten von unfernHandwerkern wirklich die französische Sprache praktisch nöthig haben; kommt aber einguter Lateiner und ein guter Realschüler nachher auf eine höhere Anstalt oder in einLand, wo man französisch spricht, so wird die Solidität der sprachlichen Grundlage beiLeiden eine Probe zu bestehen haben, um deren Ausfall mir nicht bange ist. Von dennaturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnissen aber wird das oben zugcgebeneMehr dem Realschüler in der Praxis keinen nennenswerthen Voraus vor dem Lateinerverschaffen; denn das Beste und eigentlich Fruchtbare, was in diesen Diseiplinen er-reicht werden kann, fällt doch jenseits der betreffenden Altersgrenze.

Unsere niederen Realschulen sind mit in der Absicht gegründet worden, daß sieihre Schüler besser als die lateinischen Schulen für „das Geschäft" vorbereiten sollten;schon diese Absicht möchten wir nicht gutheißen, denn bei der in Frage stehenden Alters-stufe liegt die wichtigste Aufgabe noch in der allgemein menschlichen Bildung; aber dieAbsicht selbst wird verfehlt, eben infolge davon, daß der unterscheidende Stoff der la-teinischen Schule in näherer Verwandtschaft mit dem Geist und Gemüth des Knabensteht und zur Weckung seines Geistes, zur Bildung seines Gemüths mehr beiträgt,als der spezifische Stoff der Realschule.

Nach dem Bisherigen sehen wir die lateinischen Schulen nicht bloß als Unterbaufür die Gymnasialstudien an, sondern sie führen zugleich diejenigen, deren Schullaufbahnim 14. Jahr wesentlich zu Ende geht, zu einem gewissen Abschluß ihrer Bildung. EsWäre auch nach unserer Ansicht schlimm, wenn es anders wäre; denn auf die 4125Schüler aller Arten von lateinischen Schulen in Württemberg kamen im I. 1854 nur132 Abiturienten; wenn also nur die Universität das richtige Ziel der lateinischenSchule ist, so erreicht die weit überwiegende Mehrzahl ihr Ziel nicht. Es ist aberfür diese Mehrzahl, wie oben gezeigt, in der lateinischen Schule nicht schlechter gesorgt,als in der Realschule, wenn auch die gewonnene Bildung der Qualität nach nicht e;anzdie gleiche ist. Eine höhere Bildungsstufe kann auf dem einen wie auf dem andernWege nur dann erstiegen werden, wenn die Schullaufbahu weiter fortgesetzt wird. Ebenin dieser Hinsicht tritt nun aber ein wichtiger Unterschied ein. Für einen guten Real-schüler ist der Weg zu elastischer Bildung und zum Studiren, wenn der Fall nicht einganz außergewöhnlicher ist, im 14. Jahr so gut wie verschlossen; er kann die Latein-schüler im Lateinischen und Griechischen nur mit Opfern an Zeit, straft und Geld,welche fast alle znrückschrecken, noch einholen; der Lateinschüler dagegen kann vom ge-nannten Zeitpunct an die realistische Laufbahn ohne bedeutende Schwierigkeiten immernoch einschlagen; ein Fehlgriff in der Berufswahl kann von diesem mit leichter Mühe,von jenem fast nicht mehr gut gemacht werden.