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Lateinische Schule.
Classen der größeren Anstalten übergehen, wo ihre Gründlichkeit dem sonst nicht seltenenStreben, die akademische Lehrart zu anticipiren, zum heilsamen Gegengewicht wird.Bewahrt auch das Zusammenleben mit mehreren Kollegen sicherer vor Einseitigkeit, sobilden sich erfahrungsgemäß an kleinen Schulen leichter charaktervolle Lehrerindividua-litäten; erhält in einem glücklich zusammengesetzten Lehrercollegium der eiuzelne durchdas wissenschaftliche Streben und die pädagogische Erfahrung der andern vielfache An-regung, so hat dagegen der Lehrer ans dem Lande zwar nur Einen Kollegen, abervielleicht einen Mann, der mit ihm ganz harmonirt, der sein Freund ist, oder er stehtauch nicht unter dem ermattenden Einfluß eines ungünstig zusammengesetzten Collegiums,wie sie eben auch Vorkommen können, dessen Mitglieder vielleicht theilweise ohne päda-gogisches Interesse, übersatt, verdrossen sind, die ihnen anvcrtrauten Seelen nicht ansdem Herzen tragen, den Schwerpunct ihrer Interessen und Bestrebungen außerhalb derAnstalt finden oder gar in Zwietracht und Händeln leben und bei jeder Gelegenheit aneinander auffahren; erhöht dort das Zusammenwirken mehrerer die Wirksamkeit dereinzelnen Kraft, so ist hier die Einheitlichkeit der Wirkung von vornherein nicht erst inFrage gestellt; hat dort der einzelne an Schuld und Verdienst des Erfolgs nur gerin-geren Antheil, so macht hier das Bewußtsein der nngetheilten Verantwortlichkeit dasGefühl der Mängel empfindlicher, die Warnehmung des Gedeihens lohnender und dieFreude über ein wirklich erreichtes Ziel höher. Auch die Lage der Präceptoren hatsomit ihre Lichtseiten und um ihretwillen soll man die kleinen lateinischen Schulen nichtausheben. Aber sollte man sie um der Bedürfnisse der Schüler willen anfheben undin Realschulen verwandeln? Es ist dies eine um so schwierigere Frage, je verschie-dener die Interessen sind, welche sie berührt. Bestimmen wir vor allem die Natur derRealschulen, von denen die Rede sein kann. An eine Realschule in norddeutschemSinn ist ja natürlich nicht zu denken, dort benennt man mit diesem Namen ganz an-dere Anstalten; eS sind kleine ein- oder zweiclassige Schulen für Knaben vom 8. bis14. Jahre, was man in Preußen Stadtschulen, vielleicht höhere Stadtschulen nennenwürde. Der Lehrplan unterscheidet sich von dem der lateinischen Schulen dadurch, daßetwa die eine Hälfte der dort den elastischen Sprachen zugewendeten Zeit dem Franzö-sischen, die andre den Realien zngelegt wird; Geometrie, welche nur einzelne lateinischeSchulen haben, ist auf allen Realschulplänen, auf manchen auch Physik; in Geschichteund deutscher Sprache müßen die Realschüler nothwendig mehr Stunden haben, wennsie mit den Lateinern auch nur einigermaßen gleichen Schritt halten wollen, abgesehenvon andern Gründen schon darum, weil diese den für dieses Alter verständlichsten Theilder Geschichte, die alte, in Hauptpartien aus den Quellen, also in viel concreterer undfruchtbarerer Weise, kennen lernen, aus Nepos, Cäsar, Livius und der griechischen Chre-stomathie, und weil sie die Schätze der Muttersprache zu heben durch das viel reich-lichere, vielseitig bildende liebersetzen aus den alten und in die alten Sprachen weit mehrgeübt werden; in neuerer Zeit werden an nicht wenigen Schulen dem Zeichnen so vieleStunden gewidmet, daß der Rcallehrer selbst den Kopf schüttelt. Die Schülerbcvölkerungsteht durchschnittlich um eine Schichte tiefer als in der lateinischen Schule, da die Beamtenund diejenigen, welche sich zu den „Honoratioren^ zählen, für ihre Kinder insgemein dielateinische Schule suchen, Handwerker dagegen, denen diese zu vornehm gewesen wäre,der gewöhnlichen Volksschule den Rücken kehren und sich zur Realschule wenden. DieLehrer, größtentheils ursprünglich dem Volksschullehrerstande angehörig, haben ihre wei-teren Studien in der Regel auf der polytechnischen Schule gemacht; Neallehrer von akade-mischer Bildung werden fast ausnahmslos nur an größeren Anstalten zu finden sein.DaS Resultat im ganzen ist nach meinen "Beobachtungen ungefähr folgendes: wennwir, wie billig, die oberen Schüler einer guten lateinischen mit den oberen Schülerneiner guten Realschule vergleichen, so sind die ersteren an geistiger Bildung, an Ge-wandtheit im Denken und Sprechen den letzteren entschieden überlegen, die Realschülerhaben gewöhnlich als Ersatz für die alten Sprachen die Geometrie voraus, vielleicht