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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Lateinische Schule.

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Lateinische «schule. Zweiter Artikel. Die lateinischen Schulen in Württem-berg sind, wie der vorhergehende Artikel zeigt, ein Vermächtnis der Reformation, undzwar ein Vermächtnis, das in unserer Heimat, wie es scheint, treuer bewahrt wordenist, als in irgend einem anderen Lande. Thiersch hat in seinem Werk „lieber den gegen-wärtigen Zustand des öffentlichen Unterrichts" rc. Th. I. 1838 den württembergischcnlateinischen Schulen bekanntlich ein glänzendes Zeugnis ausgestellt und die Ueberzeugungausgesprochen, daß sie „als das Kleinod unter allen Schätzen auf dem Gebiet der ge-lehrten Schulen in Deutschland zu bewundern seien" HS. 218); auch haben württem-bergische Anschauungen auf die analogen Gestaltungen im bayrischen Schulwesen allemAnschein nach ziemlichen Einfluß gehabt. Wenn nun auch jenes Lob nach der Ansichtderer, welche unser Schulwesen ans längerer Erfahrung kennen, etwas zu überschwenglichlauten mag, so hoffen wir dennoch, es sollte dem Zwecke dieses Werkes nicht zuwider-laufend gefunden werden, wenn wir dieser für das Schulwesen hauptsächlich Württem-bergs charakteristischen Institution eine eingehendere Schilderung widmen und den Versuchmachen, in Bezug auf die Zukunft der kleineren lateinischen Schulen eine von der imvorhergehenden Artikel dargclegten abweichende Ansicht zu- begründen. Suchen wir unszuerst das Bild einer zweiclassigeu lateinischen Schule vor das Auge zu stellen. Siehat durchschnittlich etwa 40 — 50 Schüler in 6 Jahrgängen unter zwei Hauptlehrern,zu denen an manchen Orten noch ein Hülfslchrer ans der Zahl der Volksschullehrerfür Singen und Schönschreiben kommt. Sind nun die Hauptlehrer tüchtige, ihremAmte gewachsene Männer, welche zusammen passen und auch die Realien gut zuvertreten geeignet sind, so stehen die Jahrgänge der Schüler denen in den ent-sprechenden Gymnasialclasscn in den Hauptfächern wesentlich gleich. Der Lehrplan wirdin der unteren Classe etwa folgendermaßen gestaltet sein: Latein 16, Deutsch 3, Reli-gion 3, Rechnen 4, Geographie 2, Schönschreiben 2, in der oberen: Latein 16,Griechisch 6, Französisch 2, Deutsch I, Religion 2, Rechnen 2, Geschichte und Geo-praphie 2, Schönschreiben 1, Singen 1 Stunde. Vor 1841 kam noch das Hebräischedazu, doch nur in Privatstnnden. Wenn neben der lateinischen Schule eine Realschulebesteht, so giebt vielleicht der Reallehrer Rechnen und Französisch in der Latein-, unddafür der Präceptor, welcher meistens Theologie stndirt hat, Religion, Geschichte undGeographie in der Realschule. Zuweilen haben die Lateiner auch ein paar StundenUnterricht in der Geometrie, und in den ineisten Orten, jedoch mir facultativ, imZeichnen. Es unterscheidet sich also der Lehrplan von dem der Gymnasien insgemeindadurch, daß dem Latein etliche wöchentliche Stunden mehr, dem Französischen und densogenannten Realien etliche weniger gewidmet sind. Das Plus beim lateinischen Unter-richt wird aber in Wahrheit zn einem bedeutenden Minus, wenn inan bedenkt, daß injedem Fall mehrere Altersclassen beisammen, also mehrere Abtheilnngen zugleich znunterrichten sind. Hierin liegt nun eine Hanptknnst tüchtiger Präceptorcn nnd fastmöchte ich sagen, zugleich der Schlüssel zu dem Näthsel, wie es kommt, daß scheinbarmangelhaft organisirte Schulen doch wirklich Bedeutendes leisten nnd mit scheinbar voll-kommener organisirten erfolgreich concnrriren können. Die Unterrichtsfächer nämlich,welche die geistige Bildung der Jugend tiefer gründen und auch in die sittliche Er-ziehung tiefer cingreifcn, das sind die, welche ihrer Natur nach das Wissen und dasKönnen gleichmäßig fördern nnd ohne ernste, selbstthätige Arbeit von Seiten desSchülers gar nicht ordentlich betrieben werden können, d. h. Sprachen und Mathematik.Hat ein Lehrer in diesen Fächern nur Eine Altersklasse zu unterrichten, so ist er min-destens in Versuchung, umständlich zu werden, zu docircn und einen Theil des Unter-richts , nämlich die eigene Uebnng der Schüler, außerhalb der Schulzeit fallen zn lassen,während derjenige, welcher mehrere Altersclassen zugleich vor sich hat, eben dadurchgenöthigt ist, seinen Unterricht zu concentriren und mit der intensivsten Geistesthätigkeitzu ertheilen, gespannte Aufmerksamkeit zu fordern und auf zweckmäßige Selbstbeschäf-tigung für diejenigen zu denken, welche er im Augenblick nicht selbst unterrichtet.