Lateinische Schule.
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Welt, andererseits in tausend Beziehungen zu derselben steht und eine Hauptgrnndlage,nächst dem Christenthum und der Nationalität, die einzige Grundlage der modernenCultnr ist. Man muß nun an jeden wissenschaftlich Gebildeten die Anforderung stellen,daß er eine Kenntnis dieser Culturwelt sich zu eigen mache, wenn es auch nur ist ansdem Weg der Geschichte, oder der Knnstanschannngen, oder durch Uebersctzungen. Aberdies sind doch nur secundäre Quellen, durch welche man nicht die Sache selbst, sondern,um mit Plato zu reden, ein Abbild, ein des Wesens erhält, wie es sich eben
dem Gemüthe in der Darstellung des vermittelnden Elements darbietct. Wie
schwach, wie getrübt, ja wie undeutlich und unverständlich diese Abbilder sind, das weißjeder Kundige und cs ist geradezu unmöglich, eine richtige Vorstellung von einem derbedeutenderen platonischen Dialogen durch eine bloße Uebersetzung zu erhalten. Ueber-dies ist jeder, der sich darauf beschränken muß, auf diesem Wege eine Kenntnis deralten Welt sich zu verschaffen, gcnöthigt, das Berichtete auf Treu und Glauben hinzu-nehmen; er kann sich von der Wahrheit nicht aus eigener Anschauung überzeugen. Eserwächst in ihm kein Wissen sondern eine Vorstellung Was es aber
für Folgen hat, wenn die große Masse der Gebildeten sich mit secundären Quellen be-gnügt, das zeigt die Geschichte der christlichen Kirche im Mittelalter, da selbst dieTräger der Bildung und die Männer des Fachs nur eine sehr unvollkommene oder garkeine Kenntnis von der Beschaffenheit und dem Inhalt der urkundlichen religiösenQuellen hatten. Die Reformation war eben nichts anderes, als das Zurückgehen aufdiese Quellen. Die Kirchengewalt des Mittelalters hat statt des Urtextes eine Ueber-setzung geboten, sie hat es den Klerikern erlassen, die Sprachen des Urtextes zu lernen,sie hat den Laien den Kelch entzogen, weil ja in dem Fleisch auch das Blut enthaltensei. Wer bürgt uns, daß nicht auch eine Staatsgewalt osficielle Uebersctzungen derClassiker ausgeben könnte, daß sie das Alterthum, statt unter beiderlei Gestalt nurunter der eineil Gestalt des Römcrthums den Untergebenen znkommen lassen Wollte,weil ja das römische Wesen das griechische in sich ausgenommen habe. Uxsinpla suntockiosa. Es muß also, wenn es überhaupt der Mühe lohnt, daß die classische Cnltur-Welt uns zugänglich erhalten bleibe, auch ein Geschlecht von Gebildeten erhalten bleiben,Welchem jederzeit der Zutritt zu den Quellen offen steht, ohne daß es genöthigt ist,fremde Berichte im guten Glauben hinzunehmen und statt der Urbilder die Abbildersich zu vergegenwärtigen. Zu diesem Zweck halten wir die lateinischen Schulen fürnothwendig und von diesem Gcsichtspunct ans versprechen wir ihnen eine Dauer undGeltung, die sie wegen ihrer formal bildenden Kraft nimmermehr behaupten werden.Aber freilich handelt es sich dabei nicht mehr von dem Latein allein, sondern wesentlichzugleich von dein Griechischen. Denn wenn die römische Welt unmittelbarer auf unsereCultur gewirkt hat und historisch uns näher liegt, so ist doch die griechische unendlichreicher, mannigfaltiger, vollendeter, originaler. Dies bedarf denn doch Wohl keinesweiteren Beweises. In den lateinischen Schulen erblicken wir die conservative Macht,durch welche die Kontinuität der Bildung erhalten wird, durch welche verhindert wird,daß sich das Menschengeschlecht nicht von den Grundlagen seiner Bildung losreiße, daßdie Errungenschaften der alten Welt ihm nicht verloren gehen. Mögen die Zöglinge dermodernen Bildung reicher ansgestattet sein mit mannigfaltigen Kenntnissen, mögen siesich in den Verhältnissen des modernen Völkerlebens sicher, energisch und schlau bewegen,Möge ihnen selbst ein reicher Schmuck, eine siegreiche Logik, eine überzeugende Kraftder Rede zn Gebot stehen —- es liegt kein Grund vor, warum die Zöglinge der antikenBildung nicht auch alle diese Vorzüge sich sollten aneignen können. Aber in Einem
Stücke werden diese letzteren immer überlegen sein, ich meine den Sinn für das
Historische, welcher sich zeigt in dem gründlichen, gediegenen und soliden Wissenvon dem, was da gewesen ist, in dem treuen Festhalten an dem Gewordenen, in dem
ernsten Prüfen und richtigen Beurtheilen des Werdenden. Es wird wohl nicht in Ab-
rede gezogen werden können, daß dies eine Eigenschaft ist, welche wir in erster Linie