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Lateinische Schule.
an denen suchen müßen, welche berufen sind, dereinst in größeren oder kleineren Kreisenan die Spitze der Gesellschaft zu treten, die Geister zu lenken und den Ereignissen eineRichtung zu geben*).
Nach dieser Abschweifung, welche übrigens zur Begründung unserer Ansicht über dielateinischen Schulen unvermeidlich war, kehren wir zu der Frage zurück, welche Be-deutung wir diesen Unterrichtsan st alten in dem oben bezeich-netcn beschränkten Sinne beiz umessen haben. Daß dieselben als
*) lieber den Antheil, den das Lateinlernen an der deutschen Bildung hat, spricht sich einManu, welchem einige Kenntnis des Lebens und der Welt nicht abznsprechen sein wird, G. Frei-tag, in den „Neuen Bildern ans dem Leben des deutsche» Volkes" (Leipzig 1882 S. 425 ff.)mit besonderer Beziehung auf die Zustände auf der Schwelle unseres Jahrhunderts aus, wiefolgt: „Es ist eine Eigenheit der modernen Bildung, daß die treibende geistige Kraft sich in derMitte der Nation, zwischen der Masse und den erblich Privilegirten ausbreitet, nach beiden Seitenbelebend und nmformend; je mehr sich ein Kreis irdischer Interessen von dem gebildeten Bürger-thum isolirt, desto weiter entfernt er sich von allem, was dem Leben Licht, Wärme und sicherenHalt verleiht. Und sucht man das Besondere, was die Männer dieses Kreises verbindet und vonandern unterscheidet, so ist es nicht zumeist ihre praktische Thätigkeit in glücklicher Mitte, sondernihre Bildung durch die lateinische Schule. Darin liegt der unübertreffliche Vorzug, dasletzte Geheimnis ihres Einflusses. Niemand durfte das bereitwilliger anerkennen, als der Kauf-mann und Industrielle, der sich von nuten heraiisgearbeitet hatte und in ihren Kreis getretenwar. Mit Verwunderung erkannte er, wie seine Söhne unter Beschäftigung mit lateinischer undgriechischer Grammatik eine Schärfe und Präcision im Denken und Sprechen erhielten, die seltenandere Thätigkeit dem Heranwachsenden Manne gewährt. Die naturwüchsige Logik, welche in demkunstvollen Ban der alten Sprachen so ausgezeichnet zu Tage kommt, weckte schon früh den Scharf-sinn und förderte das Verständnis aller geistigen Bildungen, die Masse des fremdartigen Sprach-stoffs kräftigte unübertrefflich das Gedächtnis. Noch mehr aber belebte der Inhalt, jene entfern-tere Welt, welche dem Lernenden aufgeschlossen war. Noch immer stammte ein sehr großer Theilunserer geistigen Habe aus dem Alterthum. Wer recht verstehen wollte, was um und in ihmlebendig wirkte, vielleicht langst Gemeingut aller Elasten des Volkes geworden war, der mußtebis zu dem Quell hinabsteigen. Und die Bekanntschaft mit einem großen abgeschlossenen natio-nalen Leben, das Verständnis seiner Lebensgesetze, seiner Schönheiten und Beschränktheit verlieheine Freiheit im Urtheil über Zustände der Gegenwart, die durch nichts anderes ersetzt werdenkonnte. Wem die Seele durch die Dialoge des Plato erwärmt worden war, der mußte mit Ver-achtung auf den Zelotismus der Mönche herabsehen, und wer mit Entzücken die Antigone inder Ursprache gelesen hatte, der durfte mit berechtigter Nichtachtung die Sonnenjungfran beiSeite legen. Das Wichtigste von allem aber war die besondere Methode des Lernens auf latei-nischen Schulen und Universitäten. Nicht das gedankenlose Anfnehmen eines überlieferten Stoffes,sondern das Selbstsuchen und Selbstfinden ist das Leben weckende in jedem Lernen. In denhöheren Elasten des Gymnasiums und auf der Universität wurde der Stndirende der Vertrantedes suchenden Gelehrten. Gerade die Streitfragen, welche seine Zeit am meisten bewegten, dieForschungen, welche noch nnbeendet am kräftigsten anspannten, wurden ihm am liebsten mitgethcilt.So drang der Jüngling als ein frei Suchender in den Mittelpnnct des grünenden Lebens ein,und wie sehr ihn sein späterer Beruf vom eigenen Forschen entfernt hielt, er hatte das besteund letzte Wissen, die höchsten Resultate seiner Zeit in sich ausgenommen und war sein ganzesLeben lang in den großen Fragen der Wissenschaft und des Glaubens zum Urtheil befähigt,indem er allen neuen Bildungsstoff nach den Gesichtspuncten, die er gewonnen, annahm oderabwies. Auch daß die gelehrte Schule für das praktische Leben so wenig vorbereite, war keinestichhaltige Klage. Der Kaufmann, der seine Söhne von der Universität auf den Stuhl desComtoirs nahm, bemerkte sehr bald, daß sie vieles nicht gelernt hatten, was jüngeren Lehrlingensehr geläufig war, daß sie aber in der Regel mit spielender Leichtigkeit das Fehlende nachholten.
Dieser unendliche Segen der gelehrten Bildung war am Ende des achtzehnten Jahrhunderts,seit die Philosophie und die Alterthnmswissenschaften hohe Bedeutung gewonnen hatten, der ent-scheidende Vorzug des deutschen Mittelstands. In ihm liegt das Geheimnis der unsichtbarenHerrschaft, welche das gebildete Bürgerthum seit dieser Zeit über das ideale Leben ansgeübt har»Fürsten und Volk umbildend, sich uachziehend." D. Red.