Laster.
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Gegengewicht giebt, so daß eine Gewohnheit gar nicht entstehen kann; aber durch eineZucht, die ebensosehr auf positivem Wege den Willen stärkt und das Gewissen schärft,damit, auch wenn die fehlerhafte Neigung trotz aller vorherigen Niederhaltung selbstim reifen Alter sich gemäß dem Spruche naturam vxpsllas luroa sto. wieder regt, daseigene Auge Helle genug ist, um sie augenblicklich zu erkennen, und der sittliche Willemächtig genug, um sich ihrer zu erwehren. — Man kann fragen, ob das sittliche Ge-brechen eine eigene, etwa zwischen Fehler und Untugend in der Mitte stehendeGattung, oder ob es mit einein von diesen Begriffen oder vielleicht blos mit demMangel identisch sei? Letzteres wohl nicht, dafür ist der Ausdruck zu stark; ein Ge-brechen ist zwar im ursprünglichen, physischen Sinn etwas vereinzeltes, aber es ent-stellt doch den ganzen Mann und gilt in der Regel für unheilbar. Andererseits ist esdoch mehr Gegenstand des Mitleids, es wird als Unglück angesehen. Eine besondereGattung aber bilden die sittlichen Gebrechen doch auch wieder nicht; schon der Nameist zu sehr nur ein bildlicher, der mehr den Eindruck, den wir von der Sache empfan-gen, als die Sache selbst bezeichnet. Es wird also Wohl am richtigsten gesagt werden,das Gebrechen sei seinem Wesen nach identisch mit dem Fehler; der Name jedoch werdeje nach dem subjectiven Eindruck, den die fragliche Qualität auf uns macht, auch vomMangel, wie von der Untugend und sogar dem Laster gebraucht, in jenem Fall umein starkes, in diesem Fall um ein milderes Urtheil damit auszusprechcn.
Die nächste Stufe, die zwischen Fehler und Laster noch in der Mitte steht, ist dieUntugend, deren negativer Name doch etwas sehr positives — ein Wollen oderThun dessen, was nichts taugt — ausdrückt, wie in ähnlichen Benennungen (Unzucht,Untreue, Nichtswürdigkeit rc.) immer ein sehr positiver Sinn liegt. Die Untugendinficirt stärker und tiefer, als der Fehler, das sittliche Gesammtwescn des Menschen,denn sie ist nicht das Product einer Nachgiebigkeit, aus der sich blos durch Gewohn-heit ein lrabitus erzeugt hat, sondern die Untugend wird mit Willen gehegt und fest-gehalten. Daher sie in dieser Beziehung dem Laster an sittlicher Verwerflichkeit gleichkommt. Dagegen unterscheiden sich beide deutlich dadurch, daß sich 1) das Laster inHandlungen von ganz bestimmter Art, die Untugend dagegen mehr im allgemeinenBenehmen offenbart; daher z. B. der Fürwitz, der Neid, die Roheit, die Heftigkeitnicht als Laster, sondern als Untugend, dagegen die Trunkenheit, die Wollust, derGeiz als Laster zu charakterisiren sind; und daß 2) das Laster seine Befriedigung imGenuß, also auf den Wegen der groben oder feinen Sinnlichkeit sucht, was bei derUntugend nicht der Fall ist. Deshalb würden wir z. B. die Ehrsucht nicht ein Laster,sondern eine Untugend nennen, dagegen die Grausamkeit entschieden als Laster signa-lisiren, weil sie wesentlich in einer teuflischen Art von Wollust besteht, auch bekannt-lich die grausamsten Wütheriche meist auch die unersättlichsten Wollüstlinge sind. DasLaster fällt aus den genannten Ursachen gröber und greller ins Auge, es präsentirtsich häßlicher, abschreckender als die Untugend, die für andere viel mehr eine Last,nicht aber wie das Laster ein Abscheu ist. Daher gebraucht man das Wort Untugendauch (s. Wiegand, Wörterbuch der deutschen Synonymen III. S. 904) von üblenEigenschaften, durch die ein Pferd, ein Hund, eine Katze uns beschwerlich fällt undsich als ein schlecht gezogenes oder schon bösgeartetes Exemplar answeist, wogegenniemals ein Thier lasterhaft genannt wird. Man kann das Laster als das den Men-schen Schändende bezeichnen, was also nicht blos sein Gewissen befleckt, sondern selbst dieauch noch vom sündigen Menschen Werth geachtete, ja von der Selbstsucht hoch gehalteneEhre ihm nimmt, die Achtung, die wir schon als Mensch vor ihm haben würden, un-möglich macht. Das Laster wäre hiernach eine Sünde, mit der der Mensch sich selberlästert, d. h. seine eigene Ehre freventlich antastet (was wohl noch genauer znträfe,als wenn Nizsch, System der chr. Lehre, § 112, das Laster als das „Lästern Gottesim Handeln" definirt). Aber damit wäre noch nicht der Grund angedeutet, warumdann gewisse Sünden vorzugsweise solche schändende Wirkung haben, andere nicht, da