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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Laster.

Einen Mangel im ethischen Sinne sehen wir da, wo nach der Vorschrift desSittengesetzes eine Tagend sein sollte, aber die Stelle derselben leer ist. DiesesNegative giebt sich anch nnr als Negatives kund; es nimmt noch nicht den Charakter'eines positiven Wollens und Ansübens an, sondern es ist ein Defect, der geradedarum mehr ins Auge fällt, weil daneben positiv Gutes vorhanden ist, dem man nnrnoch Vervollständigung (ftrw von Früchten des Geistes und der Gerechtigkeit,

Phil. 1, 11.) wünschen muß. Es hat z. B. ein sonst rechtschaffener Mann in einerbestimmten Beziehung, wie etwa für eine specielle Seite menschlicher Wohlfahrt, mensch-licher Bildung n. s. f. kein Interesse; es fehlt also an der Richtung des sittlichenTriebes nach dieser Seite hin — wir bedauern das als einen Mangel, aber wir gebengerne zu und trösten uns dessen, daß die übrige Beschaffenheit des ganzen Charaktersuns denselben vergessen lasse. Hieraus ist aber zugleich klar, warum dieser Gegen-stand eigentlich noch gar kein Object für die Erziehung bildet. Denn wo der Charaktersich noch gar nicht ausgebildet und fest gestaltet hat, da giebt es auch noch keine bloßeLücken; wo eigentlich alles noch leer, noch erst im Werden ist, da giebts noch keineleeren Stellen. Der Erzieher wird zwar schon Warnehmen können, daß an dem oderjenem Punct ein Mangel sittlichen Interesses dereinst eintreten könnte; er wird alsogerade nach dieser Seite hin, weil der Trieb fehlt, desto mehr das Gewissen zu weckensuchen (s. über diesen Unterschied, dessen Richtigkeit und Wichtigkeit anch an diesemOrte zu Tage tritt, den Art. Gewissen, Bd. II. S. 891); aber dem Hervortretcn vonMängeln kann er damit dennoch nicht Vorbeugen, weil sich später oft der Sinn nachganz andern Seiten hin verschließt und öffnet, als er es im Jugendalter war. Selbstdurch Erzeugung eines strengen, imperatorischen Pflichtbewnßtseins, d. h. derjenigenGesinnung, kraft welcher man zum voraus entschlossen ist, alles, was man für rechterkennt, auch sofort unweigerlich zu thun, wird praktisch das Entstehen von Mängelnnicht unmöglich gemacht, weil, Wo es am sittlichen Trieb in einer bestimmten Beziehungfehlt, alsbald auch der Verstand, sobald er zu Hülfe gerufen wird, den Beweis zuliefern bereit ist, daß in jener Beziehung gar keine Schuldigkeit vorliege. Dann aberist allerdings die Stufe des bloßen Mangels schon überschritten; sobald das Be-wußtsein einmal geweckt ist, es soll etwas geschehen, was sittlich ist, und diesem Be-wußtsein nun theoretisch die Leugnung, praktisch das Nichtwollen gegenübertritt, dannwird aus dem Mangel etwas schlimmeres, ein Fehler.

Zwar unterwerfen wir auch den Fehler noch einer schonenden Beurtheilung; wiedas Wort schon an einen Naturfehler erinnert, so denken wir uns den sittlichen Fehlerauch — zwar als wesentlich imputabel und in Vergleich mit der Negativität desbloßen Mangels als etwas positives, aber doch so, daß sich der Wille mehr passivals activ verhält. Es hat jemand den Fehler, daß er gerne schwatzt, gerne aufschneidet,daß er nirgends zu rechter Zeit eintrifft oder fertig wird. Derlei Dinge sind einpositives Thun, das dadurch in Gang gekommen ist, daß sich infolge einer fehler-haften Naturneigung, die nicht durch gegenwirkende Zucht entkräftet worden ist, eineGewohnheit gebildet hat, deren Macht zu brechen der Wille, selbst wenn er zwischeneinsich ihrer entledigen möchte, nicht die Kraft besitzt. Auf diese Gattung kann allein derName „schwache Seite" mit Fug angewendet werden, wiewohl er. eigentlich nur derSprache der Conversation, nicht der Sprache der Wissenschaft, dem Idiom der Welt,nicht dem christlichen Ernst angehört. Der Fehler beruht auf sittlicher Schwäche, diesich in einzelnen Beziehungen vorfindet, während in andern der Wille ein guter undkräftiger sein kann. Ein Fehler aber ist schon viel weniger, als ein Mangel, durchanderweitige Tugenden zu decken, zu überstrahlen, weil, wenn der Wille in andernStücken doch kräftig genug ist, um das Böse zu meiden und das Gute zu thun, ihmalsdann auch zugemuthet werden kann, daß er in jenen Beziehungen seine Schuldigkeitthue. Pädagogisch ist der Bildung von Fehlern nur entgegenzuwirken durch die Zucht,die einer fehlerhaften Neigung die Befriedigung versagt oder dieser durch Strafe ein