Landexamen.
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sollten. Das Alter des Aufznnehmenden, nach dem 18. Oktober (torminus Imoao) be-rechnet, konnte hiernach höchstens 14'/- Jahr betragen. Diese Gliederung erhielt sich bisznm Jahr 1834. Von da an wurde das dreimalige Erscheinen zuerst ans ein zweimaliges,später auf ein einmaliges reducirt, wie es noch jetzt ist. Das Alter wird jedoch seitdem Jahr 1846 nach dem Kalenderjahr berechnet. Die Rcduetion selbst erscheint unszweckmäßig, da die Vortheile einer zwei- oder dreimaligen Prüfung, an sich sehr proble-matisch, doch mit den Kosten, die den Bewerbern dadurch verursacht werden, in garkeinem richtigen Verhältnis stehen.
Wie ernst und wichtig aber die ganze Sache behandelt wurde, geht schon daraushervor, daß die von der Behörde entsendeten Visitatoren der Lateinschulen, wie schonangeführt, ein besonderes Augenmerk ans diese Kandidaten des Landexamens habenund sich über sie von den Ortsbehörden und Lehrern besondere Mittheilung machenlassen sollten, daß für ihre Bewerbung besonders formulirte Tabellen vorgeschriebenwurden, in welchen die Personalien der Bittsteller und ihrer Eltern und Pfleger,deren Vermögcnsstand n. a. genau angegeben und beglaubigt, so wie eingehendeZeugnisse der Lehrer über die Kandidaten niedergclegt werden müßen. Diesen Tabellensind ärztliche Zeugnisse über die Gesnndheitsverhältnisse der Bittsteller, Schutzpocken-impsung, endlich Nachweise über den Besitz eines Bürgerrechts beiznschließen. Ueber-hanpt hatte die Zeit des LandexamenS in Stuttgart insbesondere in früheren Zeiten,da noch zwei und drei Altersabtheilnngen erschienen, fast den Charakter einer Festver-sammlung. Aus allen Gegenden des Landes fanden sich Lehrer, Väter, Mütter, Ge-schwister der jungen Kandidaten, welche selbst im festlichen Gewände, Frack und kurzenBeinkleidern bis in den Anfang der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts erschienen,in der Residenz ein. Besonders war der geistliche Stand, dem die Concurrenten meistangchörten, stark vertreten. Vor dem Anfang sah man die Pforten des Gymnasiumsbelagert von Schaaren theilnehmender Freunde. Die eintretenden Mitglieder der Prü-fnngscommission wurden ehrerbietigst begrüßt, schwer beladene Diener schleppten den ge-lehrten Apparat der Kandidaten herbei, ein etwa spät noch athemlos herbeieilendesSöhnlein, von ferne von: Hohne der Gymnasisten verfolgt, wurde mit neugierigen undmitleidigen Blicken gemustert; wenn es dann aber stille ward, verlief sich allmählich dieMenge. Indessen trieb der Gedanke an die in: Schweiße ihres Angesichtes arbeitendenSöhne, deren Lebensschicksal von ein paar Schnitzern abhieng, die Lehrer und Elternruhelos umher, bis die Zeit heran nahte, in welcher die ersten Nachrichten über das„Argument" verlauteten, nachdem die flinksten Arbeiter den Schauplatz des Kampfesverlassen hatten. Jetzt füllte sich allmählich wieder der Platz vor den: Gymnasium. Wennnun einer nach dem andern zum Vorschein kam, wurden die Concepte gemustert, kritisirt,es entspannen sich Debatten über die Uebersetzung, und der ängstliche Vater gieng, dasCorpus ckoiicti in der Hand, von einer Anctorität zur andern, um zu erfahren, ob hierrichtig übersetzt sei, ob er einen Schnitzer, einen ganzen oder halben vor sich habe, undhoffnungsvoll oder cntmnthigt, nicht selten auch tüchtig ausgescholten, zogen die Bethei-ligten von dannen. Das große Thema der Tagesnnterhaltung aber in gesellschaftlichenZirkeln bildete das Landexamen, dessen Verlauf von Anfang bis zu Ende mit der ge-spanntesten Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Vor dem Jahre 1822 hatte auch die münd-liche Prüfung gewissermaßen den Charakter der Öffentlichkeit, sofern NachmittagsZuhörer zugelasscn wurden. Durch Erlaß vom 29. Juli 1822 wurde jedoch diese „Ge-wohnheit als vielfach störend aufgehoben." Wir haben damit eine der charakteristischenErscheinungen des spccifisch württembergischen Kirchen- und Schullebens gezeichnet.In einem dem württembergischen Publicum bekannten Gedicht sind die einzelnen Zügederselben im Tone des Volkshumors treu wiedergegeben.*) — In neuester Zeit hat mitder Zahl der Bewerber, welche in früheren Jahren öfters die Zahl hundert überstieg,
*) S. Gedichte von Friedr. Seeger, Stuttgart 1861, S. 291.