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4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
113
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zugleich der Phantasie einen freieren Spielraum gewährt. Ganz besonders aber sollteman mit Benutzung des Carikirten vorsichtiger sein, indem dabei nur zu leicht derHang zum Gemeinen eine gefährliche Nahrung erhält und der Reiz des Possenhaftendie Entwicklung eines ernsten Sinnes für das Schöne beeinträchtigt. In der Schulewird durch den Gebrauch guter Bilder beim Unterricht in der Geschichte, namentlichder biblischen, und in der Geographie und Naturgeschichte mit der Lebendigkeit undFaßlichkeit des Unterrichtes zugleich die Bildung des Geschmacks befördert werden, wozuauch überall ein zweckmäßig ausgewählter Bilderschmuck der Wände des SchulzimmersMitwirken sollte. Diesem Zwecke direct zu dienen, ist die Aufgabe des Zeichenunterrichtes,der aber als allgemeiner Unterrichtsgegenstand auch nur das sich zum Ziele setzen darf,was von allen Schülern erreicht werden kann. Es muß also in stetigem, streng me-thodischem Fortschritte vom Leichteren zum Schwereren der Sinn für gefällige Formenund das ästhetische Urtheil allmählich gebildet und geübt und besonders darauf geachtetWerden, daß die bescheidene Leistung, Welche dem Schüler zugemuthet wird, mit mög-lichster Vollkommenheit und Sauberkeit zu Stande komme, damit das Kind an seinerArbeit und an seinem allmählichen Fortschritt zum Schwereren selbst seine Freude habenkann. Dazu ist aber vor allem ein selbst methodisch tüchtig geschulter Zeichenlehrererforderlich, und gerade die Erfüllung dieser Forderung ist es, was in so vielen Fällennoch fehlt. Es ist ein großer Jrrthum, zu glauben, daß der, welcher selbst zeichnenkann, auch nothwendig im Zeichnen müße Unterricht geben können, und dieser Jrrthumhat zur Folge, daß oft die tüchtigsten Künstler vergeblich sich abmühen, für eine ganzeSchule etwas zu leisten, und daß sie vielmehr, während sie mit Wenigen besonders ta-lentvollen Schülern noch allein vorangehen, Geschmack und Interesse der übrigen inSudeleien und der daraus nothwendig entstehenden Unlust verkommen lassen. Aehnlichestritt bei dem häuslichen Musikunterricht so häufig ein, wenn dieser von Lehrernertheilt wird, die ihre Kunst vielleicht recht gut zu üben, aber nicht zu lehren verstehen.Dem Schulunterrichte in der Musik dagegen werden zwei andere Klippen gefährlich,einmal die Versuchung, das Gute gegen das Neue, wohl auch gegen eigene Compost-tionen des Lehrers zurückzustellen, und dann die, in übergroßem Eifer an zu Schweressich zu wagen. Beide Klippen werden vermieden werden, wenn der Lehrer inmittender Gränze sich hält, welche der Choral, dieses Kleinod unserer evangelischen Kirche,auf der einen und das Volkslied, dieser noch lange nicht vollständig gehobene und ver-wertete Schatz unseres sangesreichen Volkes, bezeichnet. Viel zweckmäßiger, als dasschulmeisterliche Bestreben, das Volkslied, ähnlich wie den Volksdialekt, als etwas ab-solut Gemeines ans deraufgeklärten" Jugend zu verbannen, ist es, dasselbe aufsinnvolle Weise in Pflege zu nehmen und es zu veredeln, indem man seinen meist vor-trefflichen Melodien passende nur auch wirklich poetische zur Erweckung einesreinen und frischen vaterländischen und frommen Sinnes geeignete Texte unterlegt,wozu ja auch bereits ein sehr dankenswerther Anfang gemacht ist. Innerhalb der an-gedeutetcn Gränze bewegen sich denn auch zahlreiche, für Jugend und Schule vollkommengeeignete Compositionen unserer ausgezeichnetsten Meister, wie Haydn, Mozart, Beet-hoven, C. M. v. Weber, Kreutzer, Schubart, Mendelssohn, Silcher und anderer, so daßder einsichtsvolle und selbst mit dem richtigen Sinn in dieser Beziehung begabte Lehrersich niemals in die Nothwendigkeit versetzt finden kann, auch nur zum Mittelguten seineZuflucht zu nehmen.

Am bequemsten bieten natürlich die Producte der Poesie als Mittel für dieästhetische Erziehung sich dar, wie sie denn auch in einem einigermaßen ansgebildetenUnterricht jederzeit eine weniger oder mehr bedeutende Stelle gefunden haben, von demMemorircn einer lateinischen Sequenz in dem dürftigen Unterricht der mittelalterlichenSchulen bis zur Lectüre der Meisterwerke der antiken Poesie in den Schulen der wieder-hergestellten Wissenschaft. Freilich wurde dabei eine ästhetische Wirkung von Seiten

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