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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Kunst.

drei die Richtung des Geistes von dem Einzelnen auf das Allgemeine, von dem Endlichenauf das Unendliche nnd von dem Menschlichen auf das Göttliche darstellen. In derErkenntnis des Wahren dringt der Geist durch die einzelne Erscheinung zu dem ihr zuGrunde liegenden Gedanken nnd damit zn dem das Einzelne hervorbringenden Principhindurch; im sittlichen Wollen sucht er sein eigenes leibliches Organ nnd die umgebendeWelt dem in ihm sich aussprcchenden Gesetze dienstbar zn machen, und in dein Schönenstellt die wechselsweise Durchdringung des Realen und Idealen, in welcherdas Einzelnezur allgemeinen Weihe" geführt wird, in einer unmittelbar durch sich selbst den Geistbefriedigenden Weise sich dar.

Die Beziehung des Menschen in der alle diese Seiten des Geistes znsammcnfassendcnTotalität seines ganzen Wesens auf das Allgemeine, Uebersinnliche, mit Einem Worte,auf das Göttliche ist nun aber die Religion. Die Religion äußert sich im Gebietedes Erkennens, indem sie anregt, über das Göttliche nnd über sein Verhältnis zurWelt und zum Menschen bestimmte Begriffe zn bilden; sie äußert sich im Gebietedes Wollend, indem sie den Willen antreibt, das göttliche Gesetz zu verwirklichen.Aber die Religion ist ihrem inneren Wesen nach weder ein Wissen in dem engerenSinne eines durch Gründe und Reflexion vermittelten Erkennens, noch ein auf ein be-stimmtes äußeres Thun gerichtetes Wollen; sondern sie ist eben die im Selbstbewußtscinunmittelbar sich kund gebende Bestimmtheit des Menschen in der ganzen Totalität seinesSeins durch Gott. Und um dieser Unmittelbarkeit willen steht die Religion gerade zuder Kunst in einer besonders nahen Beziehung. Der Moment des künstlerischen Em-pfangens tritt ein, wenn im Geiste des Künstlers Reales und Ideales, die einzelnesinnliche Erscheinung und ein allgemeiner geistiger Gehalt unmittelbar sich durchdringen,und dieselbe unmittelbare Durchdringung stellt denn auch das künstlerische Schaffen imKunstwerke dar. Darum ist Lei allen nur einigermaßen ansgebildeten Religionen die Kunstdie stete Begleiterin der Religion. Am innigsten war diese Verbindung im Griechenthnmevorhanden, nnd zwar in einem solchen Maße, daß man die griechsche Religion mit Rechtals die Religion der Schönheit bezeichnet hat. Aber eben in diesem Ueberwiegen des ästhe-tischen Momentes über das ethische liegt auch ihre Schwäche. Alan begnügte sich zu sehr,die Wirklichkeit mit dem künstlerischen Scheine des Ideals zu verklären, statt sie nach demgöttlichen Gesetze zn gestalten und zu heiligen und die tiefen sitttichen Conflicte des Lebensauf ethischem Wege zu lösen, und dieses mußte in Verbindung mit der natürlichen Neigungdes sündigen Willens, in den Dienst desvergänglichen Wesens" sich hinzugeben, zumUntergänge der Religion führen. Dieser einseitig ästhetischen Richtung trat die altte-stamentliche Religion entgegen, indem sie das Gesetz des heiligen Gottes hoch über dieGelüste des natürlichen Willens und in der Forderung, heilig zu werden, wie Gottheilig ist, den Menschen eine wesentlich ethische Aufgabe stellte. Aber bei der Strengedes Gegensatzes blieb auch das Gesetz dem natürlichen Willen ein äußerliches und zurVersöhnung des Göttlichen und Menschlichen konnte es auf dem gesetzlichen Standpnnctenicht kommen, und eben darum auch nicht zur vollkommenen künstlerischen Durchdringungzwischen Ideal und Wirklichkeit: die Kunst tritt in der alttestamentlicheu Religion zurück,und nur in der lyrischen Poesie darf sie sich freier bewegen, um den reineren geistigenVerkehr der Seele mit Gott darzustellcn. Erst durch das Christcnthum ist jene Ver-söhnung zu Stande gekommen. Wie in der Person des Heilandes selbst die vollkom-menste Durchdringung des Göttlichen nnd Menschlichen sich darstellt und damit, was dieantike Kunst unvollkommen und im schönen Scheine suchte, zur vollkommensten Wirk-lichkeit geworden ist, so hat auch das Christenthum, getreu dem Worte seines Stifters,er sei nicht gekommen, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn seligwerde, das Recht des Menschlichen wieder anerkannt, nur daß es nicht in uuheiliger,natürlicher Willkür sich geltend mache, sondern beherrscht werde von dem heiligen Geist;und die Erfüllung des Gesetzes wird im Christenthum eben dadurch möglich, daß imneuen Bunde das Gesetz nicht mehr ein äußerliches bleiben, sondern den Menschenin