104
Krankheiten.
schäftigung mit angenehmen sinnlichen Warnehmnngen — Leben in der Natur — unddie Herstellung des Gleichgewichtes zwischen den cerebralen und vegetativen Functionengehört; man wird daher den Kranken frühzeitig einem Arzte übergeben, welcher zurmethodischen Behandlung von Seelenstörungen befähigt und äußerlich für diesen Zweckeingerichtet ist.
3. Unter den sog. somatischen Gehirnkrankheiten mit tiefgreifendem Ein-fluß auf Intelligenz und moralischen Charakter steht oben an die Epilepsie (fallendeSucht); besonders nach längerem Bestehen entwickelt sich häufig Unlust oder wirklicheUnfähigkeit zum Lernen, Gedächtnisschwäche und in Folge der Verrückung des Gleich-gewichtes zwischen den sinnlichen Antrieben und der normalen geistigen Beherrschungderselben eine Entartung des Charakters; häufig geht den Anfällen ein ganz pathologi-scher Zustand voran, welcher die Unterrichtsfähigkeit ausschließt. Bei diesem Grade istdie Erziehung wie der Unterricht so individuell zu gestalten, daß der gewöhnliche Schul-besuch nicht angemessen ist. Die schwierige Aufgabe der Erziehung liegt in dem Auf-sinden eines Mittelweges, welcher ebenso die pathologischen Verhältnisse berücksichtigt,als die Launen, Unarten und Geistesträgheit bekämpft; Züchtigungen veranlassen leichteinen Anfall der Krämpfe. Weiter erfahren Kinder durch ein acutes Gehirnleiden,eine sog. Hirnentzündnng, nicht selten eine traurige Umgestaltung ihres cerebralen undpsychischen Lebens; die Abnahme des Gedächtnisses, die zeitweise Stumpfheit der In-telligenz und abwechslungsweise die abnorme Reizbarkeit oder Aufregung, sowie die mitder abnormen Disposition des Gehirns gegebene Gefahr der Schläge an den Kopfmüßen dem Erzieher und Lehrer solcher Kinder gegenwärtig sein.
Literatur: vr. CH. West, über Epilepsie, Blödsinn und Irrsinn der Kinder;Journ. für Kinderkrankh. XXIII. Juli n. August 1854, S. 1—39; Lriorrs äs Lois-mont, Onrstts llobäom. 1858, Xr. 26; vr. E. W. Güntz, „der Wahnsinn der Schul-kinder, eine neue Art der Seelenstörungen"; Zeitschr. für Psychiatrie, 1859. XVI.S. 187—221. vr. R. Köhler.
Krcnikheileu, Verhalten bei Krankheiten. Die Krankheiten als normwidrigeZustände bedingen in den allgemeinen, auf normal beschaffene Individuen berechnetenGrundsätzen der Erziehung und des Unterrichtes Abänderungen, sobald die physischenoder psychischen Störungen eine der Voraussetzungen für die gewöhnliche pädagogischeEinwirkung und Führung abändcrn. Dabei ist es dem Gegenstände gemäß, die psychischenAnomalien und Krankheiten von den somatischen gesondert zu betrachten, und in Bezugauf die letzteren zu unterscheiden, welche Regeln sich für das Verhalten bei der Erziehungim allgemeinen und für das Verhalten des Lehrers in der Schule gegenüber krankenoder leidenden Kindern ergeben.
Die erste Frage, welche vor allem zu beantworten ist, betrifft das vsirkliche Vor-handensein einer Krankheit überhaupt; bekanntlich werden manchmal leichtereKrankheiten zu Hanse oder in der Schule vorgegeben, um das Schulzimmer verlassen,eine Arbeit weglegen, oder einige Tage zu Hause dem süßen NichtSthun sich widmenzu dürfen, von bösen Buben werden aber auch schwere Krankheiten namentlich epilep-tische Anfälle nachgemacht; künstliche hysterische Convulsionen bei Mädchen fallen wohlnie in das Alter unter vierzehn-Jahren, wohl aber beobachtet man ein Gemisch vonwirklichen und von gemachten Ncrvenzufällen schon während der Entwicklungsjahre.
Da viele leichtere Nebel durch keine den Laien ohne weitere Beobachtung zugäng-liche Merkmale sich verrathen, so wird der Lehrer am besten thun, vorläufig der An-gabe Glauben zu schenken, für die nächste Schulzeit jedoch, zumal bei den der Täuschungverdächtigen Zöglingen, ein elterliches, bei mehrtägiger Dauer ein ärztliches Zeugniszu verlangen. In der Familie selbst wird man durch sorgfältige Beobachtung meistensbald ein Urtheil gewinnen; bei Zweifeln wird der Arzt entscheiden, Welcher übrigens inFamilien mit schlechter Erziehung, zumal bei thörichten Müttern, welche zum Spiel-ball ihrer zuchtlosen Jungen geworden sind, einen schweren Stand hat; ans eigener