80
Körperliche Erziehung.
Als Getränke dient zum Stillen des Durstes am besten reines Trinkwasser,bei heftigem Durste statt eines kalkhaltigen kalten Wassers ungleich besser ein Säuerlingmit etwas Zucker und Wein; also nicht einmal den Wein möchte ich unter diesen Um-ständen verbieten, ja ich sehe weiter keinen Grund ein, warum nicht gegen das vier-zehnte Jahr angestrengt arbeitenden und zugleich mittelmäßig genährten Knaben, ohneNeigung zu Kongestionen, über Mittag oder zum Vesperbrod ein Glas Landwein alsdas beste Hülfsmittel, das ermattete Nervensystem zu erregen, gewährt werden soll.Als allgemeiner Grundsatz hat dagegen das Verbot von künstlichen Reizen, wie starkerKaffee, Thee, wie Chocolade, wie Wein und braunes d. h. gehopftes und alkoholreichesBier, seine Geltung.
Von den Gewürzen ist nur das Kochsalz als die Verdauung befördernder Zusatzzu unseren schweren Speisen angemessen.
Der Organismus im ganzen und die Verdauung unmittelbar befindet sich fernerbesser, wenn abgesehen vom Brode und der Milch ein Wechsel unter den Speisen statt-findet und die Hauptmahlzeit nicht aus einem Gerichte besteht; das Einerlei erregt baldWiderwillen, und eine einzige Schüssel führt entweder zur Magenüberladnng oder siebietet nicht alle erforderlichen Ersatzstoffe in genügender Menge.
Die Speiseordnung ist als Grundbedingung für den hinlänglichen Appetit,d. h. die Empfindung des Bedürfnisses und der wieder erwachten Fähigkeit Nahrungauszunehmen, und ebenso aus pädagogischen Gründen für gewöhnlich strenge einzuhalten;einzelne Ausnahmen sind insofern Wohl zulässig, als die Magenverdannng nicht allzuängstlich an die Uhr zu Linden ist. Bei dem rascheren Stoffwechsel und dem wirklichhäufigeren Eintreten des Appetits darf die Nahrung nicht auf drei Mahlzeiten wiebeim Erwachsenen beschränkt werden, sondern in den Vormittags- und Nachmittags-stnnden ist eine Zwischenkost einznschieben; jene kann man ansfallen lassen, sobald zumFrühstück mehr genossen werden kann und die Esslust weniger rege wird. Ein Hanpt-punct ist dabei, daß man die Kinder, wenn sie früh anfstehen, nicht hungern läßt;Hunger ist überhaupt ein Schmerz, welcher im Gesunden gegen den stärksten Willen insoweit Herr wird, als ein hungernder Mensch zu jeder ernstlichen Muskel- und Ge-hirnanstrengung die Fähigkeit verliert; was nach lebhaftem Hunger genossen wird,pflegt überdies schlecht verdaut zu werden; durch Hungern abhärten hat keinen Sinn.Sodann muß bei unseren deutschen Gewohnheiten die Hauptmahlzeit auf den Mittagfallen, nicht aber auf den späten Abend, um nicht beim rechtzeitigen Zubettegehen denSchlaf zu stören, oder durch langes Ausbleiben die Augen zu verderben, die Nervenzu überreizen und das frühe Aufstehen mit einem abgekürzten Schlafe zu erkaufen; dahersollte die letzte Mahlzeit ungefähr l'/s — 2 Stunden vor dem Schlafengehen genossenwerden. Bei unreinlichen Kindern gebe man zu Abend keine Kartoffeln, keinen Brei,keine saure Milch, überhaupt wenig flüssiges oder die Harnmenge vermehrendes.Fügen wir noch bei, daß die einzelnen Mahlzeiten in den rechten Zeitentfernungen folgenmüssen, so wird sich die Speiseordnung und der Küchenzettel im allgemeinen nach demVorgetragenen entwerfen lassen.
Wichtiger als ein Eingehen aufs Detail, welches doch nicht erschöpft werden könnteund sich im Leben je nach Stand und Volkssitte sehr mannigfaltig gestalten muss, sinddie diätetischen Regeln über das beste Verhalten zur Essenszeit. Niesollunter Umständen gegessen werden, wenn eine Störung der Verdauung zu erwarten ist,und selbst solche Einflüsse, welche nur das sog. gute Bekommen der Speisen stören, sollenvermieden werden. Vor allem esse man nie bei pathologischem Appetitmangel, manzwinge doch ja kein Kind, welches an Magenkatarrh mit oder ohne Kopfweh leidet,oder welches fiebert, mehr zu essen als es will; beim Fasten kehrt die Gesundheit amraschesten zurück. Nie erzwinge man den Genuß einer Speise, gegen welche eine Idio-synkrasie oder wirklicher Widerwille besteht; thatsächlich machen einzelne Speiseneinzelnen Individuen Magen- oder Darmkolik, Diarrhöe, einen Ansschlag u. s. w.;