Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen
 

48

Klciukinderschulen.

tigungen des eigentlichen Kindergartens, in welchen Fröbel das Kind erst im drittenJahre einführen will, unsere Aufmerksamkeit richten. Sehen wir ab von demjenigen, wasin diesen Beschäftigungen nur weitere Fortsetzung des früher Angefangenen ist, oderwas, wie die Pflege von Gartenbeeten und das Erzählen von Geschichten re., auch sonstvon jeher geübt worden ist, so bleiben nur die Fröbclschen Bewegungsspiele alsdasjenige übrig, was ein eigenthümliches und neues Moment darbietet. Auch dieseSpiele tragen den schon gerügten lehrhaften Charakter an der Stirne. Die begleitendenVerse, wie

Wie wir auch im Kreis uns drehen.

Stets wir doch die Mitte scheu,

oder

Ist der Kreis vollkommen rund,

Thut er klar die Mitte kund rc.

weisen so stark auf die didaktische Tendenz des Ganzen, daß eine so absichtliche, soredselige, das eigene Thun bei dem kleinsten Schritte so laut verkündende Weise zuspielen dem kindlichen Wesen schwerlich entsprechen kann. In anderen Spielen tritt diegymnastische Tendenz stärker in den Vordergrund, wenige nur, wie z. B. die aus-fliegenden Tauben (Middendorfs, über die Kindergärten, herausgegeb. v. vr. W. Lange,S. 33) nähern sich der wirklich kindlichen Art, Spiele zu treiben, ohne doch die lehr-hafte Zuthat im gesungenen Reime oder in der nachfolgenden Besprechung der Kinder-gärtnerin mit den Kindern zu beseitigen. In dieser steten Reflexion auf das eigene Thunoffenbart sich gerade die schwächste Seite dieser Spiele. Wenn von einem erziehlichenund die geistige Entwickelung des Kindes fördernden Einflüsse des Spielens so oftgeredet worden ist, so ist gewiß an eine so äußerliche Verbindung von Spiel undBelehrung niemals gedacht worden, wie sie hier Schritt für Schritt jede Bewegungverfolgt; sondern es kann dabei nur daran gedacht werden, daß die freie Thätigkeitdes Spieles gewisse sittliche Regungen, gewisse ästhetische Anschauungen oder gewisseBegriffe mit einer Frische und Kraft der Unmittelbarkeit dem Bewußtsein des Kindesvergegenwärtigt, welche eben nur dem Spiele eigenthümlich ist. Wie jenes baso tabulackoost die poetische Wirkung zerstört, so hebt die pedantische Lehrhaftigkeit der Verseund Gesänge und dieses ganzen Verfahrens das Wesen des Spieles selbst auf. Hiezutritt eine andere höchst bedenkliche Seite des Fröbelschen Spieles. In den begleitendenVersen wird das Kind nicht nur angeleitet, überhaupt über sein Thun zu reflectiren,sondern diese Verse beweisen auch, daß das Kind sich selber spielen, d. h., daß esseinen eigenen gegenwärtigen Zustand im Spiele darstellen soll. Immer istdavon dis Rede, was das Kind thut; bald singt es davon, daß es auch seinen Armdrehen könne, bald davon, daß es den Ball werfe und fange, bald davon, daß esFreude habe an diesem oder jenem. Nichts kann dem Wesen wahren Spielens fremderund mehr entgegengesetzt sein. Das spielende Kind will nicht seinen momentanen Zu-stand darstellen. Für wen sollte eS dies? Für sich selbst doch nicht, noch wenigerfür andere. Es will vielmehr seine Ideale darstellen, und diese Ideale liegen in derZukunft des Kindes, nicht, wie die des Erwachsenen, jenseits des Lebens, sondernin der, dem Kinde bis jetzt einzig erreichbaren, Wirklichkeitdes Lebens (vergl. I. Schalterdas Spiel und die Spiele" Weimar 1861, S. 142). Darum läßt die Sage einenCyrus König spielen, weil sie andeuten will, daß eine Ahnung seines Herrscherberufsihn erfüllt habe, darum spielen unsere Kinder mit der immer gleichen unerschöpflichenLust die Jagd-, Soldaten-, Ritter-, Familien- re. Spiele, weil sie in ihnen zeigenkönnen, wie sie die ihnen groß und erhaben erscheinende Wirklichkeit auffassen. Darinoffenbart sich auch das productive Verhalten des Kindes in seinen Spielen, die-jenige Seite des Kinderspieles, welche das Wesen desselben am tiefsten aufdeckt. In denFröbelschen Spielen tritt diese ideale, pathetische und productive Richtung ganz zurück,