Kleinkindcrschulcn.
35
Es ist ersichtlich, daß das materielle Band, welches zwischen Mutter und Kindbesteht, nach und nach lockerer wird und das Substrat eines freieren Verkehrs bildet,der immer geistiger und reiner zu werden bestimmt ist. Der Uebcrgang von der mehrmateriellen Beziehung zur geistigen ist ein sehr nnmerklicher, und an jedem Pnncte derEntwicklnngsreihe sind beide Elemente vorhanden. Von der unbewußten Lebensgemein-schaft, die zwischen der Mutter und dem Embryo stattfindet, ist zwar ein großer Schrittbis zu der individuellen Besondcrung, in Welche das Kind durch die Geburt cintritt;eben so groß ist der andre, durch welchen der entwöhnte Säugling seine unbedingteAbhängigkeit von der Mutter aufgiebt und sich von dem Arme derselben loswindet, ummit eigenen Füßen den Raum zu durchmessen; noch größer vielleicht der dritte, den dasKind vollendet, wenn es die Herrschaft über seine Sprachorgane gewinnt und sein In-neres kund zu geben vermag; aber selbst in diesem vorgeschrittenen Stadium seiner Ent-wicklung ist das Kind noch ganz an die mütterliche Liebe gewiesen, welche die zuträglicheNahrung wählen, zubereiten und darreichen, welche bei zunehmender Kraft der Glied-maßen den Gebrauch derselben leiten und bewachen, welche endlich durch freundlichenVerkehr auch zur ersten Bildung der Sprachlante anfmuntcrn muß. Auch die rein geistigeFortbildung des sprechenden Kindes muß von pädagogischer Seite in den ersten Jahrenals ein Hauptgeschäft der Mutter angesehen werden, an welchem nur nach undnach und auf weniger eingreifende Weise der Vater und die Geschwister theilnehmen.Es scheint zwar so, als ob das sprechende Kind, welches in die Reihe der denkendenWesen eingctrcten ist, nun auch von einem jeden verständigen Menschen geistig gefördertWerden könne, nachdem es einmal das Mittel aller Bildung, die Sprache, errungenhabe, und als ob es eben nur auf die Erfüllung der allgemeinen Bedingungen, anwelche alle Erziehung geknüpft ist, ankomme, darauf nämlich, daß dem unreifen Denkender gereifte Verstand, dem unentwickelten Gemüthe der ausgebildete Charakter zu Hülfekomme. In der That ist ja auch der Mensch bei aller Abhängigkeit von der Naturdoch zugleich so hoch über dieselbe gestellt, daß er schon vor der Zeit aus dem Mutter-leibe genommen werden und doch lebensfähig sein, daß er der Muttermilch ganz entbehrenund doch gesund und kräftig aufwachsen kann. Wie sollte denn die Möglichkeit, ihnauch geistig dem mütterlichen Einflüsse zu entrücken und doch auf eine seiner Bestimmungim Wesentlichen entsprechende Weise zu erziehen, geleugnet werden? Geschieht es dochtäglich und wachsen doch Tausende von Kindern auf, die nie das Angesicht ihrer Müttermit Bewußtsein gesehen haben. Allein diese Ausnahmen, in denen die erhabenen Vorzügesich offenbaren, mit denen die göttliche Liebe die menschliche Natur ausgestattet hat,stoßen die Regel nicht um, in der noch viel größere Privilegien der menschlichenNatur enthalten sind, die Regel, daß die Mutter die von der Natur selbst erwählteund für diesen Beruf auf einzige Weise begabte erste Erzieherin und Lehrerin ihresKindes ist. Aller geistige Verkehr setzt Einverständnis voraus, und alle Erziehungkann nur dann den rechten Erfolg haben, wenn der Zögling selbstthätig darauf eingehtund dem Willen des Erziehers Empfänglichkeit entgegenbringt. Wenn diese Willigkeitauf den höhcrn Stufen der erziehenden Thätigkeit von dem Erzieher selbst durch dieSittlichkeit und Weisheit seiner Handlungsweise hervorgerufen werden kann und soll,so ist dies natürlich auf der ersten und untersten Stufe des kindlichen Lebens nicht möglich,weil hier alle Anknüpfnngspuncte im Bewußtsein noch fehlen. Darum eben hat diegöttliche Ordnung jenes Einverständnis, ohne welches überhaupt die Erziehung nichtgedacht werden könnte, als eine natürliche Sympathie zwischen Mutter und Kindan den Anfang der menschlichen Erziehung gesetzt. Mutter und Kind verstehen einanderam besten, verstehen einander ganz, denn die Gemeinschaft ihres beiderseitigen Lebensbesteht noch lange fort, auch nachdem das organische Band, welches sie vorher zu einemLeben vereinigte, zerrissen ist. Dieses Verstehen ist auch auf der Seite der Mutterzunächst kein reflectirtes, sondern ein so unmittelbares, unbewußtes Mitfühlen und Milleben,daß keine Nestexion die Tiefen desselben durchleuchten, noch weniger die Sicherheit des-