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Kirchenvcsuch.
Man halte also die Predigt nicht für absolut unzugänglich für Unmündige. Nur Kinder;die von Seiten des Hauses und der Schule unangeregt bleiben, und leer von demheiligen Lebensstoffe des Wortes gelassen, auch zum Beobachten, zum Aufmerken und Denkennicht gewöhnt sind, mögen leer aus der Kirche gehen, wie sie gekommen sind. Undauch das nicht immer. Bei einem nachmals tüchtigen, württembergischen Prediger hatdas Geistesleben an dem Worte „Ewigkeit" angefangen, das sich als einziges Erträgniseiner in Ludwigsburg angehörten Predigt in die Seele des sonst ohne besondere An-dacht zuhörenden Knaben heftete.
So dürfte wohl die Predigt, obwohl zunächst für das Bedürfnis der Erwachsenenbemessen, wofern sie nur wirklich Verkündigung des göttlichen Gnadcnrathes ist, fürdie Kinder an sich durchaus nicht ein so dürrer Boden sein, wie man oft glaubt, undauch im Gesang und Gebete werden die mit den Schafen gehenden Lämmer mancheGräslein und Blümlein finden, die ihrem zarten Munde schon genießbar sein dürften.-— Die längere Zeit währende stille Haltung will freilich dem jungen Blute schwerfallen und legt eine Selbstverleugnung auf; aber Selbstverleugnung ist der Grund allersittlichen Stärke. Sie muß frühe schon und in manchfacher Weise geübt werden. Mußsich ja die liebe Jugend auch in der Schule täglich stundenweise stille halten, undniemand sagt, daß ihr die Schule dadurch möge verleidet werden. Oder wird die Liebezu Kirche und Gottes Wort mit den Gliedmaßen von selber wachsen? Wenn aus denKindern gedankenlose Sänger, Beter und Hörer werden, ja wenn sich in ihnen gareine Widrigkeit gegen Kirche und Gottes Wort ansetzt, so hat das Wohl ganz andereGründe als den regelmäßigen Kirchenbesuch an sich. Sehen die Kinder ihre Elternsich dem Besuche der Kirche entziehen, hören sie gar leichtfertige Urtheilc überKirche und Kirchendiener, wird die Kirche von den Lehrern vornehm ignorirt, wird dieReligion anderen Lehrgegenständen gegenüber geringgeschätzt und die darauf verwendeteZeit von dem gelehrten Präceptor oder Professor z. B. dem Latein gegenüber alseine Art Zeitverderb behandelt, oder bietet die Predigt selbst statt grüner Waide nurStrohfutter unerquicklichen Moralgcschwätzes, kurz, geht nicht die übrige Erziehung undBildung der Jugend mit der Kirche redlich Hand in Hand und thut nicht diese selbsttreulich das Ihre, dann wundere man sich nicht, wenn unsere Kinder und Jünglingenur dem Zwange sich beugend zur Kirche kommen und in diese eben nur den Leibbringen, aber dann lege man auch nicht dem Kirchenbesuche zur Last, was anders-wo verschuldet ist.
Hat somit der Kirchenbesuch der Jugend sein gutes Recht, entspricht er eben sosehr ihrem eigenen Bedürfnisse als dem Selbsterhaltungstriebe der Gemeinde, so weißdiese auch zugleich manche Kräfte und Gaben der Jugend für ihre gottesdienst-lichen Zwecke zu benützen, und das ebenso sehr im Vortheile der Jugend alsihrem eigenen.
Auch hierin hat sie die Analogie des Familienlebens für sich, wo die Kinder imHelfen und Dienen für sich selbst den besten Nutzen ziehen. Namentlich sind schon inalten Zeiten sonderlich die Knaben mit ihren Hellen durchschlagenden Stimmen zumChorgesang für liturgische Zwecke benützt, oft freilich sogar misbraucht worden. Manhöre, wie „Niclas Hermann der alte Cantor" in Joachimsthal (m der köstlichen Vorredezu des I. Matthesius Historien von der Sindflut rc. Wittenberg 1562) u. a. aus seinerJugenderinnerung schreibt: „Zudem, so wurden die armen Knaben mit dem Singen der-maßen beschwert und gepeinigt', das man von einem Fest zu dem andern, kaum zeitgnug haben künde, die Gesenge anzurichten unnd zu ubersingen, wenn man gleich in derSchul sonst nichts zu leren unnd zu lernen bedurfft hette, Unnd musten offt die Knabenbey nechtlicher zeit in einer Metten, in dem harten kalten Winter dreh gantzer Singer-stunden an einander in der Kirchen erfriesen, das mancher sein lebenlang ein Kröpelund ungesunder Mensch sein muste." — Daß man sogar durch verbrecherische Ver-stümmlung der Natur schöne Knabenstimmen für die Verherrlichung der römischen