Kirchcnbesuch.
23
Verachten des Wortes Gottes ordentlich von Jugend auf zu gewöhnen und endlich gareinen Widerwillen gegen Predigt und Kirche und Gottesdienst zu fassen. Das liebsteWörtlein der ganzen Predigt wird ihnen das Schlußamen, und sobald der Druck derZucht aufhört, sorgen sie dafür, nach diesem sich nicht mehr sehnen zu mäßen. So Wittscheint es, die Kirche durch die Verfrühung des Kirchenbesnchs und namentlich durchKirchenzwang ihrer eigenen Absicht in den Weg und beeinträchtigt, wie mit einem zufrühe gerittenen Pferde geschieht, die künftige tüchtige Kraftentwicklung. Ja der KinderAnwesenheit im Predigtgottcsdienste dürfte sogar manchmal ein störendes Element werden,indem der Prediger ans billiger Rücksicht auf die Jugend über manche Dinge zu Elternund Erwachsenen nicht mit der wünschenswerthen Freiheit und Offenheit reden kann.
Gegen solche Bedenken aber ist einmal schon geltend zu machen die Analogie aller-anderen Lebensverhältnisse, in die das Kind hereinwächst. Man macht ihm nicht dieWelt zurecht, sondern es muß sich selbst nach dem Maße seiner Empfänglichkeit mitderselben zurecht setzen. So im Leben des Hauses, der Natur, des Staats, so auchim Leben der Kirche. Es wohnt der Hausandacht bei, wie sie ist, auf dem Schoßeder Mutter sitzend, neben dem Vater oder den älteren Geschwistern stehend, es ist stillund faltet dem Vorgänge der großen Leute nach seine Händlein. Schon dieses Stille-sein ist für das Kind eine Andacht, auch wenn es von dem, was der betende Vaterspricht, noch keinen Gedanken vernähme. Gleicherweise geht es mit der Anwesenheitder Kinder im öffentlichen Gottesdienste. Der Anblick der sonntäglich geschmückten Ge-meinde, der Schall der Orgel, des Gesangs, die Erhebung zum Gebete, die athemloseStille während des stillen Vaterunsers, das alleinige Reden des Mannes auf derKanzel, der Segen über die Gemeinde, das alles giebt dem jungen Gemüthe Eindrückevon einer höheren Macht, der sich die großen Leute gemeinsam beugen und der mansich also beugen müße. So im Gemüthsleben des Kindes, so auch im Leben der Er-kenntnis. Die Campe'schen Zeiten, wo man mit dem Geheimnisse, daß ein Gott sei,erst gegen den Jüngling Herausrücken zu sollen und zu können meinte, sind vorbei. Esgiebt auch ein Kinderwissen und einen Kindcrverstand von göttlichen und sittlichen Dingen.
Wenn ein kleiner Knabe (der nachmalige Jnspeetor Zeller in Beuggcn) bei seinemersten ernstlich gemeinten Gebete (um die Entdeckung eines verlegten Buches) denlieben Gott anredet: „du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs", weil es, wie er ausseiner Bibel wußte, die alten Väter in Israel so gehalten, oder wenn ein anderer kleinerLateiner (s. Jugendblättcr von Barth 1861, 1) täglich betet für Papa und Mama,für die Tante — und für sich selbst um „Weisheit, sein Volk zu regieren", Weil Sa-lomo auch so gebetet hat und das dem Herrn Wohlgefallen, so ist in solchem Gebeteder lieben Einfalt wohl eben so viel Weisheit als im Gebete manches Mannes, derdarüber lächelt. Die Predigt müßte doch fürwahr über alle Höhen wegfliegenoder über die Maßen strohern sein, die einem aufmerksamen Kinde nicht irgend etwasböte, was auch seinen jungen Geist schon anspräche: einen bekannten Namen, eine be-kannte Geschichte aus der Bibel, ein Gleichnis, das auch ihm eine Anschauung giebt,eine Erzählung, die auch seine Theilnahme reizt, einen Gemcinspruch, der auch ihmins Ohr klingt. Es kommt nur darauf an, daß auch außer der Kirche, in Haus undSchule, der Sinn für religiöse Dinge auf geeignete Weise angesprochen, die Bekannt-schaft mit dein Worte Gottes angeknüpft und genährt werde. Ein kleines Bübleinnahm lange vor der Zeit seines ersten Leseunterrichts, mit der Mutter regelmäßig zurKirche gehend, gewöhnlich seine Berliner Bilderbibel mich unterhielt sich während derPredigt mit Anschauen der ihm freilich vom Hause her bekannten Bilder, und hattedabei doch Zeit, dies und das mit seinen feinen Kinderöhrlein aus der Predigt heraus-znhören. „Die Geschichte steht auch in meiner Bibel", sagte es manchmal nach derKirche, wenn ihrer etwa vom Prediger erwähnt worden war; und klang ihm ein be-kannter Name, ein Abraham, Joseph, Mose ins Ohr, so war ihm das alsbald eineAufforderung, dem Bilde des genannten Mannes in seiner Bibel nachznspüren. —