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4 (1865) Kirche - Muttersprache
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Kirche.

ihr bestellten ordentlichen Diener die göttlich gestifteten Gnadenmittel annimmt, ihremGottesdienst, ihrer Sonntags- nnd Sacramentsfeier fleißige und herzliche Theilnahmeschenkt, für ihre Interessen nach innen nnd anßen mit lebhaftem Patriotismus Parteinimmt; aber 4) ebendeshalb auch mithilft, daß ihre Schäden, so weit dies in mensch-licher Macht liegt, geheilt, und, so weit sie in dieser Welt oder unter gegebenen Ver-hältnissen unvermeidlich sind, zwar nicht gelängnet oder gleißnerisch beschönigt, aberbei allem Zngestehen in Geduld getragen werden. Kirchlichkeit ist somit die hingebende,vertrauensvolle, gläubige und vertragende Liebe des einzelnen Kirchengenossen gegen dieKirche; sie ist ihr gegenüber wesentlich dieselbe Pietät, wie der Familiensinn, wie dieVaterlandsliebe. Wo Kirchlichkeit fehlt, da muß entweder ihrerseits die Kirche (sei esim großen Ganzen, oder sei es auch nur local, z. B. durch schlechte Predigt, Faulheitin der Seelsorge, ärgerlichen Wandel der Geistlichen u. dgl.) sich um alle Anziehungs-kraft, d. h. um alle Wahrheit und um alles geistige Leben gebracht haben, so daß ge-rade die besten, die die kirchlichsten wären, gezwungen sind, auf andern Wegen eineGemeinschaft christlichen Lebens zu suchen; oder aber trägt der Unkirchliche die Ursacheselber in sich, sei es, daß die Unkirchlichkeit nur der Ansdruck der Unchristlichkeit ist(wiewohl es freilich auch Leute giebt von großer Kirchlichkeit und sehr geringer Christ-lichkeit); oder sei es, daß zwar Christenthum, vielleicht viel Christenthum (so zu sagen,der Blasse, dem Volumen nach) vorhanden ist, aber wenig Einsicht in die historischenBedingungen der Existenz einer Kirche und dafür allerlei abstracte Ideale nebst einernamhaften Dosis herben, stupiden Eigensinns, einfältige Buchstabenklauberei im Ge-brauche der h. Schrift und dabei doch wenig Einfalt, viel Ucber- nnd Aberglaube undwenig wirklicher Glaube, (lieber die Kirchlichkeit als christliche Tugend s. Rothe, theol.Ethik III. S. 378 390. Schleiermacher, christliche Sitte S. 580 ff. Harleßchr. Eth. H. 55. Chalybäus) specnlative Ethik. II. S. 446 ff. Insbesondre auchdie oben citirte Schrift von Näg elsbach.) Die Mittel, welche der evangelische Erzieheranzuwenden hat, um seinem Zöglinge jenen kirchlichen Sinn einzupflanzen, sind folgende.Das Einfachste wäre, wenn im Bewußtsein des Kindes sich schon von Anfang die Ein-heit des Christlichen und Kirchlichen, sofern das letztere die gemeinsame, öffentliche, ob-jective Erscheinungs- oder Darstellungsform für das erstere ist, dermaßen festsetzte,daß beides auch in späterer Zeit für das Denken nnd Fühlen des Zöglings gar niemehr auseinanderfallen könnte. Allein wie an sich selbst das Christliche und das Kirch-liche in Wahrheit eben nicht identisch sind, sondern das letztere immer noch solchesmitenthält, was der christlichen Idee, oder concreter gesprochen, dem biblischen Christen-thum inadäquat ist: so ist es auch, nachdem einmal mit der Reformation diese Unter-scheidung gegen das gewaltsame Festhalten jener unwahren Identität mit der Macht derWahrheit durchgebrochen ist, eine pure Unmöglichkeit, irgend ein mit der gebildeten Weltin Berührung kommendes Individuum in unbefangenem Glauben an jene schlechthinigeEinheit zurückzuhalten. Wer nicht von aller Civilisation ferne seine Tage verlebt, dermuß irgend einmal entdecken, daß es auch Christenthnm giebt in anderer kirchlicher Form,als in welcher es ihm überliefert und geläufig worden ist. Entweder nun ist er schnelldamit fertig, jede andere kirchliche Form als schlechthin falsch und unberechtigt anzusehen;ein Weg auf den der Ultramontanismus und Jesuitismus diejenigen führt, die ihm indie Hände fallen. In solcher Weise kirchlich zu erziehen, erlaubt dem Protestanten ein-fach sein Wahrheitssinn nicht. Dafür ist die andre Gefahr desto näher, daß allmählich,namentlich bei nachdenklicheren Naturen jener Unterschied zwischen Christlichem undKirchlichem sich bis zur Gleichgültigkeit des letzteren steigern kann. Bei einzelnen istes sogar denkbar, daß sie für die fremde Kirchcnform ein höheres Interesse gewinnen alsfür die eigene; wie denn bei Protestanten aus den höhern Ständen ein Liebäugeln mitdem K atholicismns sich gar nicht selten findet, freilich nur infolge ebenso großer religiöserIgnoranz als schmählicher Gesinnungslosigkeit; es ist sogar oft der pure Haß gegen denreligiösen und sittlichen Ernst des Protestantismus, was bei Herren und Damen die