Druckschrift 
4 (1865) Kirche - Muttersprache
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

Kirche.

5

daß selbst die Besten nur eben im gehobenen gottesdienstlichen Momente mit ihremeigensten Bewußtsein so weit hinanreichen? Deshalb eben will der Sectengeist alle ans-schließen, die in irgend einem Stücke noch dahinten sind hinter dem, was die Gemein-schaft bekennt, oder will er umgekehrt vom öffentlichen Gottesdienst, wenigstens vomBekenntnis in Gesang und Liturgie alles ausschließcn, was nicht in aller Munde wahrund wirklich ist, und das Reine und Vollkommene nur in gesetzlicher Weise gepredigt wissen.Beides ist falsch. Der Schwierigkeit ist aber auch nur zu entgehen durch jene Unter-scheidung der Kirche als moralischer Person von allen einzelnen, die, was jene aus-spricht, Wohl als ihre innerste Gesinnung erkennen (sonst gehörten sie gar nicht zurKirche), aber ihr sactisches Zurückstehen hinter dem, was die Kirche ist und thut alsideale Persönlichkeit, die dennoch nicht bloßes Ideal ist, sondern eine nur für jetzt un-sichtbare Realität hat, demüthig bekennen.

III. Die Kirche ist freier Verein, beruhend auf der Association derer, die anChristum glauben. Diese Association hat aber nicht nur den Trieb in sich, sondern sieist durch die universale Bedeutung des Christenthums als welterlösender Religion aus-drücklich darauf angewiesen, die ganze Menschheit in ihren Kreis zu ziehen. Sie kanndas, weil der christliche Begriff vom Menschen jeden Unterschied der Nationalität, desGeschlechts, der Bildung u. s. f. zu einem gleichgültigen Moment herabsetzt hier istnicht Jude noch Grieche, nicht Mann noch Weib, nicht Freier noch Knecht (Gal. 3, 28).Darin besteht auch ein fundamentaler Unterschied zwischen Kirche und Staat, daß fürerstere an sich diejenigen Schranken nicht existiren, die für diesen nothwendig sind; dennvergrößert dieser sich zu einem Weltreiche, so steht auch schon sein Znsammenbrechen innächster Aussicht. Allein nur die römische Kirche hat, da sie sich für die katholische,d. h. die allgemeine ausgiebt, diese Negirung der staatlichen Schranken und Differenzenthatsächlich und consequcnt durchzuführen versucht, hat aber eben damit sich in unauf-hörlichen Conflict mit der staatlichen Gewalt begeben. Und wenn auch protestantischeTheologen das Verhältnis von Staat und Kirche darauf hin ordnen wollen, daß dieseeinen universalen, jener nur einen nationalen Charakter habe, so treiben sie sich damitin einem abstracten Denken herum, das nie zu einem klaren und wahren Resultatführen kann. Man macht von dieser Seite nicht selten den protestantischen Fürsten denVorwurf, sie hätten die evangelische Kirche schon von vornherein dadurch in schiefe Stel-lung, ja unwürdige Knechtschaft gebracht, daß sie, indem jeder sein Land reformirte, dieKirche in Landeskirchen zerschlagen haben ein Begriff, den die Schrift nicht kenne,und der, weil er das Moment der Universalität oder Katholicität anfhebe, eigentlicheine oontrnäiotio in ackssoto sei. Wir unsererseits haben im Gegentheil die Ueber-zengnng, daß die Landeskirche die wahre, concrete Form für die Existenz der Kirche ist.Denn 1) ein Verein, der die ganze Menschheit umfassen soll, kann nur auf geistigeWeise wirklich sein: ich kann alle Menschen als Brüder erkennen, für alle beten, kannnach den entferntesten Pnncten hin meine Liebe ihre Gaben senden lassen, aber einwirkliches Zusammenleben, ein gemeinsames Handeln des ganzen Menschengeschlechtesist - abgesehen von anderem schon physisch unmöglich. Selbst die römische Kirche,die so viel Gewalt und List anwendet, hat dies nur in höchst unvollkommener Weisevermocht und selbst ihre wirklichen Erfolge sind großenteils nur eine scheinbare Ver-wirklichung jener Idee. 2) Die evangelische Kirche, zufrieden mit dem Glauben aneine geistige Zusammengehörigkeit aller in der weiten Welt zerstreuten wahrhaft Gläu-bigen, begehrt keinen äußeren Zusammenschluß aller durch gemeinsames Regimentund gleiche Lebensformen; da ihr die Verfassung, überhaupt das Anstaltliche an derKirche nicht ans göttlicher Stiftung beruht, sondern etwas aus natürlichen Prämissenhcrvorgegangenes, historisch gewordenes ist, so läßt sie eine Mannigfaltigkeit verschiedenerKirchenformen nach Zeit und Ort willig zu; sie fordert bloß reine Verkündigung desWortes Gottes und schriftgemäße Spendung der Sacramente, das aber ist beides inden mannigfaltigsten Formen gleich gut möglich. Andererseits aber geht sie auch nicht