Der Krieg von 1870 und die Jesuiten. 207
überzeugt sein, daß die Negierungen Deutschlands ihre vitalstenLebensinteressen ferner nicht mehr berücksichtigen wollten. DerSchritt, der mit der Streichung dieser Position geschehe, sage demRedner, der Kanzler wolle den Frieden mit Nom nicht. Er könnezwar die Hoffnung nicht aufgeben, daß endlich die traurigen Wirren,welche auf kirchlichem Gebiete die einzelnen Länder und das DeutscheReich zerfleischten, aufhören und der innere Frieden zurückkehrenwürde, aber auf dem hier betretenen Wege werde es nie gelingen,davon möge man überzeugt sein." Der Reichskanzler rechtfer-tigte die Zurückziehung der Position:
Der Herr Vorredner hat seine Aeußerungen mit demAusdruck der Verwunderung darüber eingeleitet, daß kurzvor der eintretenden Diskussion über die betreffendeBudgetposition diese Forderung, die in den Kommissions-verhandlungen noch aufrecht erhalten worden sei, zurück-gezogen ist. Ich kann ihm mit meiner gewöhnlichenOffenheit die Genesis dieses Entschlusses vollständig dar-legen.
Wenn Sachen zur Sprache kommen, die ich die amt-liche Verpflichtung habe, selbst zu vertreten, so pflege ichmir die letzten Verhandlungen im Reichstage über die-selben anzusehen. Daß ich das nicht wachen- und mo-natelang vorher thue, wird auch der Herr Vorredner er-klärlich finden; denn für mich hat jeder Tag seine eignenSorgen. (Abgeordneter Wiudthorst: „Für michauch!")
Bei meiner Durchlesung der letzten Verhandlungenüber diese Sache*) fand ich — und wenn man anderthalbJahre wie diese durchlebt hat, so ist man durch solchenRückblick oft in gewisses Erstaunen versetzt, als ob manein Jahrzehnt zurücksähe — ich fand, daß ich damals
*) Vgl die „Kanossarede" in Band VI., Seite 164 ff., auchdie Rede 14, Abschnitt i., dieses Bandes.