206 Die Reichstagssession von 1874—75.
noch jetzt durch eine große Anzahl von Preßprozessen andas Licht zu ziehen suche — nicht etwa weil ich durchein Gefühl der Rache und Empfindlichkeit dabei geleitetwerde, sondern nur durch das Rechtsgefühl, weil ich will,daß die Schändlichkeitn, die sonst auf einen engerenLeserkreis beschränkt bleiben, indem sie keine Widerlegungund Berichtigung finden, vor ein größeres Forum ge-zogen werden, damit ehrliche Leute sehen, was man heuteeinem bethörten Leserkreis zu bieten wagt! Darumbringe ich diese Verdächtigungen vor das Licht. Daßdiese Presse an dem Attentat unschuldig wäre, kann mansicher nicht sagen. Wenn ich nur die Hälfte der Schänd-lichkeitn, die von mir in ultramontanen Blättern ge-druckt werden, von irgend einem Menschen glaubte, sowüßte ich selbst nicht, was ich thäte. (Heiterkeit, leb-haftes Bravo.)
8. Drr Krieg von 1870 und dir Jesuiten.
5. Dezember >874.
Auf Befürworten des Reichskanzlers war noch im vorjährigenNeichshaushaltsetat die Position von 19 350 Thalsrn „für einenGesandten beim päpstlichen Stuhl") bewilligt worden, obschon esseit der Ablehnung des Kardinals Hohenlohe keinen deutschen Ge-sandten mehr beim Papste gab. Auch in den diesjährigen Etats-entwurf war ursprünglich der entsprechende Posten eingesetzt wor-den, aber am 4. Dezember zeigte der Reichskanzler der Budget-kommission an, daß er denselben zurückziehe. In der 25. Sitzungam 5. Dezember kam die Angelegenheit vor das Plenum. DerAbgeordnete Windthorst erklärte „den plötzlichen Wandel in derGesinnung des Herrn Reichskanzlers, der in dieser Zurückziehunghervortrete, für etwas dem gewöhnlichen Menschenverstände sehrAuffallendes. Die 15 Millionen deutscher Katholiken würden fortan
*) Vgl. die Rede Nr. 14 im ersten Teil dieses Bandes.