182 Die Neichstagssession von 1874—75.
sagen, bis zu dem Zeitpunkt, wo wir die jetzt unter unsanwesenden Abgeordneten von Elsaß-Lothringen kennenlernten, einigermaßen sanguinischere Ansichten über dieMöglichkeit gehabt, in Elsaß-Lothringen bald ein kon-stitutionelles und parlamentarisches Leben großzuziehen.Ich will gleich nachher das Element näher kennzeichnen,welches mich da in eine Täuschung induziert hat. Nach-dem wir nun die Tonart kennen gelernt haben, in derdie gewählten Vertreter von Elsaß-Lothringen die Reichs-politik, die Reichsinteressen ausfassen, habe ich — undich bin sonst nicht schüchtern in der Politik — doch eingewisses Bangen und Zagen empfunden, ob ich dem Reicheden Schritt zumulen darf, der dahin führen kann, daßwir in Elsaß-Lothringen eine parlamentarische Institutionschüfen, deren Majorität oder Gesamtheit von der Ge-sinnung und Auffassung der Herren Abgeordneten Si-monis und Winterer sein könnte. Ich glaube, daß eiusolches Parlament für den europäischen Frieden einegroße Gefahr in sich bergen würde. Ich vermute, daßdie Wahlen demnächst anders ausfallen würden, als diejetzigen ausgefallen sind; aber ich bin zu wenig davongewiß, wir müssen andre Proben erst sehen. Ein Par-lament, welches seine Inspirationen hauptsächlich demfranzösischen und römischen Interesse entnehmen würde(Unruhe und Widerspruch im Zentrum; sehr gut! links),könnte nicht bestehen ohne einen dauernden Konflikt zwi-schen diesem Parlament und der Reichsregierung. Eswürde eine erhebliche Aufregung in der französischen Stim-mung, vielleicht in der ganzen europäischen, Hervorrufen,und ich halte es für sehr schwer, mit einer parlamentari-schen Versammlung, in welcher Ansichten wie die hiervon den elsässischen Abgeordneten vertretenen die Majorität