Druckschrift 
Der Tod in Venedig : Novelle
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

53

*

*

das Hotel zu Fuß, wie er gekommen, um sich, gefolgt von demHandgepäck tragenden Hausdiener, durch die weiß blühendeAllee quer über die Insel zur Dampferbrücke zu begeben. Ererreicht sie, er nimmt Platz, — und was folgte, war eine Lei-densfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.

Es war die vertraute Fahrt über die Lagune, an San Marcovorbei, den großen Kanal hinauf. Aschenbach saß auf derRundbank am Buge, den Arm aufs Geländer gestützt, mit derHand die Augen beschattend. Die öffentlichen Gärten bliebenzurück, die Piazzetta eröffhete sich noch einmal in fürstlicherAnmut und ward verlassen, es kam die große Flucht der Pa-läste, und als die Wasserstraße sich wendete, erschien des Ri-alto prächtig gespannter Marmorbogen.Der Reisende schaute,und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphäre der Stadt, die-sen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehenes ihn so sehr gedrängt hatte, — er atmete ihn jetzt in tiefen,zärtlich schmerzlichen Zügen. War es möglich, daß er nichtgewußt, nicht bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allenhing? Was heute morgen ein halbes Bedauern, ein leiser Zwei-fel an der Richtigkeit seines Tuns gewesen war, das wurde j etztzum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer Seelennot, so bitter,daß sie ihm mehrmals Tränen in die Augen trieb, und von derer sich sagte, daß er sie unmöglich habe vorhersehen können.Was er als so schwer erträglich, ja zuweilen als völlig unleid-lich empfand, war offenbar der Gedanke, daß er Venedig nieWiedersehen solle, daß dies ein Abschied für immer sei. Dennda sich zum zweiten Male gezeigt hatte, daß die Stadt ihn krankmache, da er sie zum zweiten Male Hals über Kopf zu verlassengezwungen war, so hatte er sie ja fortan als einen ihm unmög-