ERSTES K A P I T E L
Gustav Aschenbach oder von Aschenbach, wie seit seinemfünfzigsten Geburtstag amtlich sein Name lautete, hatte aneinem Frühlingsnachmittag des Jahres 19.., das unserem Kon-tinent monatelang eine so gefahrdrohende Miene zeigte, vonseiner Wohnung in der Prinzregentenstraße zu München ausallein einen weiteren Spaziergang unternommen. Überreiztvon der schwierigen und gefährlichen, eben jetzt eine höch-ste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauig-keit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden,hatte der Schriftsteller dem Fortschwingen des produzieren-den Triebwerkes in seinem Innern, jenem „motus animi con-tinuus“, worin nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit be-steht, auch nach der Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tunvermocht und den entlastenden Schlummer nicht gefunden,der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit seiner Kräfte, ein-mal untertags so nötig war. So hatte er bald nach dem Tee dasFreie gesucht, in der Hoffnung, daß Luft und Bewegung ihnwiederherstellen und ihm zu einem ersprießlichen Abend ver-helfen würden.
Es war Anfang Mai und, nach naßkalten Wochen, einfalscher Hochsommer eingefallen. Der Englische Garten, ob-gleich nur erst zart belaubt, war dumpfig wie im August undin der Nähe der Stadt voller Wagen und Spaziergänger ge-wesen. Beim Aumeister, wohin stillere und stillere Wege ihn