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Der Tod in Venedig : Novelle
Entstehung
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oder daß es sich um eine dauernde physiognomische Entstel-lung handelte: seine Lippen schienen zu kurz, sie waren völ-lig von den Zähnen zurückgezogen, dergestalt, daß diese, biszum Zahnfleisch bloßgelegt, weiß und lang dazwischen her-vorbleckten.

Wohl möglich, daß Aschenbach es bei seiner halb zer-streuten, halb inquisitiven Musterung des Fremden an Rück-sicht hatte fehlen lassen, denn plötzlich ward er gewahr, daßjener seinen Blick erwiderte und zwar so kriegerisch, so ge-rade ins Auge hinein, so offenkundig gesonnen, die Sache aufsÄußerste zu treiben, und den Blick des andern zum Abzug zuzwingen, daß Aschenbach, peinlich berührt, sich abwandte undeinen Gang die Zäune entlang begann, mit dem beiläufigenEntschluß, des Menschen nicht weiter achtzuhaben. Er hatteihn in der nächsten Minute vergessen. Mochte nun aber dasWandererhafte in der Erscheinung des Fremden auf seineEinbildungskraft gewirkt haben oder sonst irgendein physi-scher oder seelischer Einfluß im Spiele sein: eine seltsame Aus-weitung seines Innern ward ihm ganz überraschend bewußt,eine Art schweifender Unruhe, ein jugendlich durstiges Ver-langen in die Ferne, ein Gefühl, so lebhaft, so neu oder dochso längst entwöhnt und verlernt, daß er, die Hände auf demRücken und den Blick am Boden, gefesselt stehen blieb, umdie Empfindung auf Wesen und Ziel zu prüfen.

Es war Reiselust, nichts weiter; aber wahrhaft als Anfallauftretend und ins Leidenschaftliche, ja bis zur Sinnestäu-schung gesteigert. Seine Begierde ward sehend, seine Ein-bildungskraft, noch nicht zur Ruhe gekommen seit den Stun-den der Arbeit, schuf sich ein Beispiel für alle Wunder und