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Tristan : 6 Novellen
Entstehung
Seite
157
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mals heftig den Kopf schüttelte. Seine kantige Stirnunter der Kapuze war ganz von langen und tiefenQuerfalten durchfurcht. „Sie wissen sehr Wohl, daßes das Laster selbst ist, das ein Mensch dort gemalthat... die entblößte Wollust! Von zwei schlichtenund unbewußten Leuten, die dieses Madonnenbildbetrachteten, habe ich mit meinen Ohren gehört, daßes sie an dem Dogma der unbefleckten Empfängnisirre mache..."

„O, erlauben Sie, nicht darum handelt es sich,"sagte der junge Verkäufer überlegen lächelnd. Erschrieb in seinen Mußestunden eine Broschüre überdie moderne Kunstbewegung und war sehr wohl imstände, ein gebildetes Gespräch zu führen. „DasBild ist ein Kunstwerk," fuhr er fort, „und man mußden Maßstab daran legen, der ihm gebührt. Es hatallerseits den größten Beifall gehabt. Der Staathat es angekauft..."

„Ich weiß, daß der Staat es angekauft hat,"sagte Hieronymus. „Ich weiß auch, daß der Malerzweimal beim Regenten gespeist hat. Das Volk sprichtdavon, und Gott weiß, wie es sich die Thatsachedeutet, daß jemand für ein solches Werk zum hochge-ehrten Manne wird. Wovon legt diese ThatsacheZeugnis ab? Von der Blindheit der Welt, einerBlindheit, die unfaßlich ist, wenn sie nicht auf scham-loser Heuchelei beruht. Dieses Gebilde ist aus Sin-nenlust entstanden und wird in Sinnenlust genossen... ist dies wahr oder nicht? Antworten Sie; ant-worten auch Sie, Herr Blüthenzweig!"