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er selbst, zusammt seinen Lesern oder Hörern, stehen untereinem und demselben Zwange, nämlich, unter dem der Wahr-heit. Ganz anders verhält es sich mit Unwahrheiten, odermit Halbwahrheiten, die ein Schriftsteller oder Lehrer seinenLesern oder Schülern aufschwatzen will. Hier hat eine wirk-liche Verstandesnothzüchtigung Statt; denn der gesunde Ver-stand, wenn er gleich nicht befähiget ist, das Irrige in demVorgetragenen sich zur Stunde deutlich als solches zu denken,sperret sich doch, das Halb wahre für etwas Ganzwahres, undbare Unwahrheit für Wahrheit hinzunehmen.
Die Verstandesnothzüchtigung geschiehet auf zweierleiWeise, durch Künste der Sophistik und durch Verblüffen;beide Arten findet man aber häufig miteinander vereint, unddiesem doppelten Nothzwange erliegen gar manche Geister.
Ueber die ärztliche Sophistik darf ich nicht sprechen;theils ist es eine Aufgabe, deren Lösung meine Kräfte über-steigt, theils ist die Lösung auch zu weitläuftig; denn werüber diesen Gegenstand gründlich schreiben will, muss alleaufgestellte Behauptungen mit unanfechtbaren Beispielen ausden Schriften bekannter Aerzte belegen. Es wäre aber wolzu wünschen, dass einmahl ein wahrhaft philosophischer Arzteine Kritik der medizinischen Logik schriebe. Er brauchteja nicht gerade Belege aus den Schriften lebender Aerzte an-zuführen (das würde anstössig und gehässig sein); die Schrif-ten der verstorbenen würden ihm schon alles, dessen er be-dürftig sein möchte, in reichem, ja in überreichem Masseliefern. Ich meine, ein solches Buch müsse die Fortschritteder wahren Medizin sehr fördern; denn es würde, durch gründ-liche Belehrung der lesenden Aerzte, die schreibenden zumumsichtigeren Schreiben zwingen: sobald es nämlich keinelesende Aerzte mehr gäbe, die verworrenes, unlogisches Zeugfür tiefe Forschung und Offenbarung einer gründlichen Gelehr-samkeit ansähen, würden solche Schreibereien bald aufhörenmüssen.
Was die Verstandesnothzüchtigung durch Verblüffen be-trifft, so ist diese seit der ältesten Zeit in Gebrauch gewesen.Schon in der ersten Mache wird der Verstand der Schülerdurch manche Hochschullehrer verblüfft; denn weil der Schüler