— 615 -
oder des Wesens der Krankheit durch Probearzeneien ge-sprochen; jetzt muss ich aber auch noch ein Wort von derErkenntniss der Form sagen. In manchen Fällen kann manallerdings aus den Krankheitszufällen mit mehr oder minderWahrscheinlichkeit auf die Form schliessen; man kann errathen,ob der Gesammtorganismus, oder ein Organ, und welches Organurerkrankt sei. Dass dieses Errathen durch die Zeichen aber invielen Fällen höchst unsicher und in vielen anderen bar unmöglichsei, habe ich im Vorigen hoffentlich schon zur Genüge gezeigt.Wir sind also auch hier in vielen Fällen einzig auf die Probe-mittel beschränkt. Ueber die Reihenfolge, in welcher wir dieProbemittel geben müssen, lässt sich nichts / llgemeines sagen,welches belehren könnte. Folgender Krankheitsfall wird es,denke ich, den jüngeren Lesern ganz anschaulich machen,wie durch äussere Umstände (über welche sich doch offenbarnichts Allgemeines sagen lässt) der Arzt zu dem Vor-, oderNachgeben des einen und des anderen Probemittels be-stimmt wird.
Im Jahre 1833 verlangte man meine Hülfe bei einem irr-sinnigen Landmanne. Bei diesem war nicht einmahl ein Schattenvon Wahrscheinlichkeit zu erspähen, der mich hätte errathenlassen, ob sein Gehirn mitleidlich, oder urerkrankt sei. Fürdie letzte Ansicht sprach die Aussage seiner Freunde, dielautete nämlich: er habe das Gut, welches er baute, vonseinen Geschwistern zu theuer übernommen, diesen Missgriffspäter erst recht eingesehen, darüber gebrütet, und durchdieses Brüten sei er schweigsam und dann irrsinnig geworden.
Zeichen eines Bauchleidens waren von den Hausleutennicht zu erfragen, und von dem Irren begreiflich am wenig-sten. Sein Harn war eine kleine Schattung dunkler als einvollkommen gesunder, er hatte eine Goldfarbe. Diese gelbeFärbung war aber ein zu vieldeutiger Zufall, um von dem-selben auf ein Urleberleiden zu schliessen; er hätte eben sogut, als Zeichen consensueller Nieren-, oder Leberberührtheit,von einer Urgehirnerkrankung abhangen können. Bei der Un-möglichkeit, über die Form und über die Natur dieser Krank-heit, eine, auch nur auf die dunkelste Vermuthung gegründeteMeinung zu haben, blieb mir also nichts anders über, als die