Druckschrift 
1 (1838) A - K
Entstehung
Seite
219
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

BAD

219

Stufen in das Badegewölbe hinab, ehe man zu dem Wasserspiegel kommt;hier muss die nackte Frau hinabsteigen, ist sie unten angekommen, so musssie bis über den Kopf untertauchen, bleibt ein Härchen unbenetzt, so istdas Bad ungültig, und muss wiederholt werden; daher befindet sich meistauf der untersten Stufe eine Frau, die den Kopf der Badenden untertaucht,falls durch Übung sie dies noch nicht selbst erlernt hat. Eine ganze Ge-meinde, zuweilen die Judenschaft einer ganzen Gegend besitzt oft nur einBad. Das Wasser hat keinen Abfluss, daher die Reinigung nur mit höch-ster Mühe und auch dann nur unvollständig möglich ist. Krätzige, Phthisi-sche, Herpetische, Gichtische, Syphilitische besuchen erfahrungsgemäss dasBad und können Ansteckungastoffe verbreiten. Das bringt den Gegenstandvor das Forum der medicinischen Policei. Das Wasser kann im Winterund in schlechtem Anstalten in der Regel nicht erwärmt werden, daher ent-stehen alle Krankheiten, die von einem kalten Bade in einem kalten Kellerbei zu Rheumatismus und Gicht Geneigten, bei Herpetischen, bei zu Blut-und Schlagflüssen Disponirten, bei Nervenschwachen, Verzärtelten und invielen andern Umständen, ja oft bei ganz Gesunden zu entstehen pflegen;dadurch wird der Gegenstand für den praktischen Arzt wichtig, obwol auchder erstere Punkt ihm nicht gleichgültig sein kann. In kleinern Orten bleibtdas Wasser oft Jahrelang für alle Badende dasselbe, die schmuzigste Frauaus der Hefe des Volkes benutzt es, sowie die Reinlichkeit liebende, unddiese muss nothwendig schon vor Ekel krank werden, wenn sie bedenkt,dass sie in einer Cloake, die oft den Schmuz einer ganzen Generation ent-hält, baden soll. Drei Punkte sind es also, durch welche vorzüglich dieSchädlichkeit dieser Bäder entsteht, 1) durch Ekel, 2) durch Erkältung, 3)durch Mittheilung eines Contagiums. — Dass eine jede gut erzogene Israe-litin beim Eintreten in ein solches Kellerbad, wenn «ie anders die Verhält-nisse kennt, Ekel empfinden müsse, ist ebenso einleuchtend, als dass sie sichdarin auch erkälten könne, zumal nach überstandenem Wochenbette, beireizbarem Hautsysteme, bei schlechtem Wetter und im Winter, bei nichthinreichender Erwärmung des Wassers. Auch sind Fälle bekannt geworden,wo durch solche Bäder venerische Ansteckung erfolgte. Vor allen Dingenmüssen sich die Regierungen der Sache annehmen, die Physiker müssen dieBäder untersuchen und über die schlechten berichten, und auch die jüdi-schen Geistlichen müssen zur Verbesserung des Bades durch richtige Auf-klärung über das Gesetz etc. das Ihrige beitragen. Die Verbesserungkönnte nach Mombert (a. a. O. S. 210.) auf folgende Weise geschehen:1) Es müssen durchlöcherte Badewannen ins Wasser hinabgelassen werden,die jedesmal, wenn sich Jemand badet, herausgehoben und gereinigt werdeilkönnen. 2) Es muss eine Pumpe angebracht werden, womit das Wasseröfters ausgepumpt wird, worauf dann die Quelle von Schlamm u. dgl. be-freit werden kann. Besser noch würde ein Ahleitungscanal vom Grunde derQuelle aus hierzu dienen, doch ist die Ausführung meist unmöglich. 8) Esmuss durch irgend eine Vorrichtung so viel erwärmtes Wasser hinzugegos-sen werden können, dass eine mittlere Temperatur herauskommt. Die zweiletzten Punkte sind an manchen Orten schon eingeführt; bei weitem in denmeisten Quellbädern aber schüttet man blos einen Kessel voll beissemWassers hinein, das im Winter oft nicht hinreicht, die Eisdecke über derQuelle zu schmelzen. Die angegebenen Reinigungsapparate können indessendie Gefahr einer möglichen Ansteckung vermindern, aber durchaus nicht be-seitigen, besonders da, wo sehr viele Frauen ein und dasselbe Bad besu-chen; es müsste daher auch, nach der Grösse der Gemeinden, die Anzahlder Bäder bestimmt werden. Dr. Braun (Henke's Zeitschrift für Staats-arzneikunde. 1835. Bd. 29. S. 169. u. f.) ist der Meinung, dass diesesKellerbad der Israelitinnen nicht so nachtheilig sei, als Mombert angiebt,und sagt: „Wahrscheinlich war es jedesmal nur der zufällige Rauch der dasBad beheizenden Feuer, oder der Dunst der Kohlen, der durch Ungeschickder Wärter eine oder die andere Frau belästigt hat." Übrigens wünschter, dass auch Reinigungsbäder für christliche Weiber erbaut würdeo, und