Einleitung. 5
erzeugt werden könnten. Die Gesetze, welche die anorganische Chemie be-herrschen, schienen für die Körper der organischen Chemie keine Geltungzu habeü, ihre Bildung vielmehr von einer besonderen Kraft, der „Lebens-kraft", abzuhängen. Da stellte im Jahre 1828 Wühler aus cyansauremAmmoniak Harnstoff dar und hatte damit zum ersten Mal eine organischeVerbindung aus anorganischer Substanz erzeugt. Im Jahre 1845 erfolgtedurch Kolbe die vollständige Synthese der Trichloressigsäure, in den fünf-ziger Jahren durch Berthelot diejenige der Ameisensäure und des Alkohols.Letzteren hatte Hennel schon '1828 synthetisch gewonnen, doch wiesBerthelot erst seine Identität mit dem bei der Gärung entstehenden Wein-geist nach. Damit war die Grenze endgültig verwischt, welche die an-organische Chemie von der organischen trennte. Die organische Chemiebildet seitdem, als Chemie der Kohlenstoffverbindungen, nur noch einenTeil der Gesamtchemie.
So mag die lebendige Substanz aus lebloser auf einem gewissen Ent-wicklungszustande unseres Erdballs entstanden sein, als die Bedingungenzu ihrer Bildung gegeben waren. Damit aus jener lebendigen Substanz dieWelt der Organismen sich bildete, mußte aber zu ihren ursprünglichen Eigen-schaften schon die Fähigkeit gehören, in ihrer Umgebung fortbestehen zukönnen, zu wachsen, d. h. fremde in ihren Körper aufgenommene Stoffe ineigene Substanz zu verwandeln, sich fortzupflanzen d. h. durch Teilung zuvervielfältigen, endlich neue Eigenschaften zu erlangen und diese erblichfestzuhalten. Gebilde die aus eigener, bestimmender Kraft zu solchenLeistungen befähigt wären, lagen auch jenen Beobachtern nicht vor, welcheneuerdings behaupten, durch Radiumstrahlen in Fleischbrühe und anderenorganischen Medien die Entstehung mikroskopischer Gebilde erlangt zu haben,die sich wie lebende Wesen verhalten ( 7 ).
Die Botanik oder Wissenschaft von den Pflanzen läßt sich in einenallgemeinen oder generellen und in einen besonderen oder speziellen Teilgliedern. Im allgemeinen Teile werden die Pflanzen gemeinsam auf ihrenBau und ihre Funktion untersucht, im speziellen Teile ihr Bau und ihreFunktionen in den einzelnen Abteilungen des Pflanzenreichs gesondert er-örtert.
Die Lehre von dem Bau der Gewächse ist die Morphologie, jenevon den Funktionen die Physiologie der Pflanzen. Im allgemeinen teile^•Uen Morphologie und Physiologie getrennt, im speziellen vereinigt zurBehandlung kommen. Im allgemeinen Teile bilden Morphologie und Physio-logie unsere eigentliche Aufgabe, die an ausgewählten, dem Pflanzenreicheentnommenen Beispielen erläutert wird. Im speziellen Teile tritt die Be-handlung der einzelnen Familien des Pflanzenreiches in den Vordergrund,wobei wir uns mit ihrer besonderen Morphologie und Physiologie vertrautmachen wollen.