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Gelangt eine Spore in die Blüthe einer Roggen- oder Weizenpflanze (oder auch anderer Gräser), soentwickelt sich ein Mycel in den äusseren Schichten des Fruchtknotens. Zu besonders tippiger Ausbildunggelangt es im untersten Theil desselben, so dass schliesslich der obere Theil mit den beiden Narben vondem Grundkörper hoch emporgehoben wird. Der letztere wächst dann schliesslich zu dem eigentlichenMutterkorn heran, während jener als »Mützchen« auf demselben sitzt. Bevor sich aber die endliche Aus-bildung des Mutterkorns vollzieht, tritt an dem noch wenig emporgehobenen Fruchtknoten eine neueFruchtform auf. Auf der Oberfläche erscheinen nämlich unregelmässige Längsfaltungen und Wulstungen,die von den dicht neben einander stehenden Conidienträgern bedeckt werden. Die abgeschnürten Conidiensind ellipsoidisch, einzellig und hyalin, in besonders reichlicher Menge werden sie in Längsfurchen undVertiefungen des oberen Theiles am Fruchtknoten hervorgebracht.
Gleichzeitig mit der Erzeugung der Sporen wird eine trübe, süssliche, syrupartige Flüssigkeit insolcher Menge erzeugt, dass sie zwischen den Spelzen hervortritt und an der Aehre herabrinnt. An ihremErscheinen bemerkt man die Anwesenheit des Pilzes; sie ist dem Landmann unter dem Namen Honigtaudes Getreides wohlbekannt. Wahrscheinlich dient die Aussonderung der Flüssigkeit zur Anlockung vonInsekten, da nur diese die Verbreitung der Sporen besorgen. Diese Form der Claviceps purpurea Tul.hat man früher für einen besonderen Pilz angesehen und ihr den Namen Sphacelia segetum Lev. bei-gelegt.
Nach und nach erschöpft sich die Conidienbildung, der Fruchtknoten fängt an einzuschrumpfen undauszutrocknen: die Bildung des »Mützchens« bereitet sich vor. In gleichem Masse vermehrt sich aber dieMycelwucherung im Grunde des Fruchtknotens und erzeugt einen zunächst noch weichen, weissen Pilzkörpervon beträchtlicher Grösse, der nach und nach durch Wasserverlust erhärtet und die bekannte Färbung desMutterkornes annimmt. Das Mycel ist in einen Dauerzustand übergegangen, es hat sich ein Sclerotiumgebildet, das ebenfalls als specifische Gestalt betrachtet und dem der Name Sclerotium clavus beigelegtwurde. Dieses fällt aus der reifen Aehre heraus und überwintert auf dem Ackerboden. Mit ihm sindwir wieder zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurückgekehrt.
Das Mutterkorn findet sich am häufigsten auf Roggen, seltener ist es auf Strandgras, Raygras,Glyceria, Tripsacum, ferner auf Gerste, Trespe und auf Weizen. Es ist in Deutschland, England, Bel-gien, Frankreich, Italien, Nord-Amerika, Japan, Australien, fast auf der ganzen Welt verbreitet.
Das Deutsche Arzneibuch bezeichnet als Mutterkorn, Seeale cornutum, das von der Roggenpflanzegesammelte Sklerotium des Pilzes.
Erklärung der Abbildungen.
Fig. A. Roggenähre mit 2 Mutterkörnem [d] ; nach der Natur.
Fig. B. Fruchtknoten mit der Conidienform Sphacelium se-getum (a), 20mal vergrüssert: b. Scheitel des Frucht-knotens, c. die Narben.
Fig. C. Derselbe im Längsschnitt: d. Anfang der Entwick-lung des Sclerotium clavus.
Fig. D. Derselbe mit dem Anfang des Sclerotiums: a. dasMützchen.
Fig. F. Ein reifes Roggenkorn (a) mit einem Mutterkorn amGrunde; E. das natürliche Mass desselben.
Fig. 6. Ein Mutterkorn (d) mit sehr grossem Mützchen,2 mal vergrüssert.
Fig. H. Dasselbe im Längsschnitt.
Fig. I. Ein gewöhnliches Mutterkorn, natürliche Grösse.
Fig. K, Dasselbe im Querschnitt.
Fig. L, Querschnitt durch das Mützchen, stark vergrüssert.
Fig. M. Derselbe, noch stärker vergrüssert.
Fig. N. Querschnitt durch das Mutterkorn, stark vergrössert.
Fig. 0. Längsschnitt durch dasselbe.
Fig. P. Mutterkorn auskeimend, d. h. die Pilzkörper vonClaviceps purpurea erzeugend, natürliche Grösse.
Fig. Q. Ein Köpfchen desselben, vergrössert.
Fig. It. Dasselbe im Längsschnitt: k. der Stiel, l. das Köpf-chen mit den Perithecien.
Fig. S. Drei Perithecien (m), stärker vergrössert.
Fig. T. Eins derselben noch stärker vergrüssert, n. dieSporenschläuche.
Fig. V. Vier Schläuche mit den Sporen.
Fig. V. Keimende Sporen, von denen die rechte Conidienabschneidet.
Fig. W. Fünf Sporen.