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Erstes Kapitel: Kristallotik (= Kristallkunde).
Ambronn*) beschreibt diese Myelinbewegungen folgendermaßen:„Breitet man etwas Lezithin auf dem Objektträger aus und setztWasser hinzu, so wachsen nach kurzer Zeit jene Gebilde hervor.die sehr bald eine deutliche doppelte Kontur zeigen und zuden mannigfaltigsten Figuren sich entwickeln; die Spitzen derfortwachsenden Schläuche führen dabei fast fortwährend rotie-rende Bewegungen aus. Man kann das Wachstum und dieStruktur dieser Schläuche. Kugeln usw. tagelang unter dem Mi-kroskop verfolgen, wenn man statt Wasser verdünntes Glyzerinzusetzt; das Wachstum erfolgt dann bedeutend langsamer." Diephysikalische Erklärung dieser auffallenden spontanen Bewe-gungen ergibt sich zum Teil aus dem Antagonismus zwischen der(äußerlichen) Oberflächenspannung und der (innerlichen) Richt-kraft der Moleküle, der Molethynen.
Hohle Sphärokristalle. Unter den vielen merkwürdigen For-men der metabolischen Myelinkristalle, welche Lehmann zuerstam Ölsäuren Ammoniak, später aber auch beim Erhitzen vonCholesterin mit Glyzerin, und bei vielen anderen fettsauren Alka-lien beobachtete, sind besonders hervorzuheben die blasenförmigenoder „hohlen Sphärokristalle" (1. c. S. 261, Fig. 159—177; vgl.auch dazu unser Titelbild, Fig. 6—22). Beim Abkühlen der er-hitzten Lösung bilden sich zunächst übersättigte Tröpfchen, nebenoder in welchen sich flüssige Kristalle ausscheiden. Indem diesemit der Oberfläche der kugeligen Tropfen in Berührung kommenund sich auf ihr ausbreiten, entsteht ein flüssig-kristallinischerÜberzug von gleichmäßiger Molekularstruktur. Je nachdem dieDicke dieser anisotropen Membran und ihr Verhältnis zu dem iso-trop-flüssigen Inhalt wechselt, beobachtet man bei fortschreitenderAbkühlung der Lösung unter dem Polarisations-Mikroskop diemerkwürdigen Verwandlungen der hohlen Kugelkristalle und ihrerMolekularstruktur, welche auf unserem Titelbilde in Fig. 6—24nach Lehmann dargestellt sind. Sehr auffallend ist die Ähnlich-keit, welche diese „lebendigen" Hohlkugeln in ihren verschiedenenBildungsphasen mit organischen Zellen zeigen. Nicht allein dieDicke der äußeren „Membran" und ihr Verhältnis zu dem flüssi-gen Inhalt ist vielfach wechselnd, sondern auch die Bildung einesverdichteten „Kernes" im Mittelpunkt dieser Kugel (Titelbild
*) Ambronn, 1890, in den Berichten der K. S. Gesellschaft derWissenschaften, Leipzig, S. 42, 425.