38
nicht und wünscht sich immer etwas zu sinnieren und zurätseln. Und dennoch ist ihm Allegorie und zu schwülstigeSymbolik unbehaglich. Das ewige Genecke, wie es Nietzschebis zum Schlüsse treibt, reizt ihn auf die Dauer nicht. Alsosprach Zarathustra — und er sprach so, daß alle Welt Hör-rohre braucht, um ihn zu verstehen. Schon hat ein Fein-mechaniker einen Kommentar aus einem Bande konstruiert,der dicker ist als das Urwerk, und ein zweiter gar einen ausvier Bänden, und wir hören nur um so schlechter. Ohnesymbolistische Auslegung ist der Zarathustra nicht einmalhalb zu verstehen — aber die Auslegung gelingt selten sicher 48 ).Zarathustra predigt von den Predigern des Todes — ich glaubtezuerst in den „Schwindsüchtigen der Seele“ E. von Hartmann zuerblicken, dessen unerhörte, Aufsehen erregende „Philosophiedes Unbewußten“ (1868) auf den eben gärenden Sturmkopfden tiefsten Eindruck machen mußte, dessen unbewußterWille „gut heißt", der durch Kranke und Greise und Leichnamedas Leben widerlegen will, der pessimistisch „die Zähne auf-einander beißt" 49 ). Aber anderes erinnert an Schopenhauer, undeinige Worte weiter stößt man seine erste Meinung wiederum; denn da ist von „anderen“ die Rede, die sagen: „DasLeben ist nur Leiden“ — das ist ja auch E. v. Hartmann.Zarathustra spricht von einem bleichen Verbrecher. Wiederdrängt sich Schopenhauers Bild auf, wenn wir von der Ueber-windung des Ich, von dem Begehren des armen Leibes nachdem Glück des Messers, von der armen, gelähmten Vernunft,die den Kopf nicht abschütteln kann, vernehmen: Doch wobleibt der Wahnsinn, an dem dann Schopenhauers System zuGrunde gegangen sein müßte ? Da ist der Seiltänzer, der voneinem Possenreißer in den Tod gehetzt und dann von Zara-thustra in einem hohlen Baum begraben wird. Das könnteRichard Wagner sein, der wohl auf dem Weg vom Tier zumUebermenschen war, aber nach Nietzsches Meinung durch diePossenreißerei des „Parsifal“ dem Tode des Christentums ver-fiel und dann von Nietzsche selbst in Verehrung bestattetwurde — aber die Zeit, in der der Seiltänzer auftritt, willnicht recht passen. Da ist die Stadt, der Zarathustras Herzzugetan war, genannt „die bunte Kuh“ — der Name geht wohlauf eine Erinnerung an die Bonner Studienzeit zurück, die ihnzum Ahrtal und zur „bunten Kuh“ geführt haben mag; auchdas einsame Wandern auf den Höhen bei der Stadt und die Tat-sache, daß Nietzsche schon in Bonn den inneren und äußeren