36
deuten, andere Aeußerungen über die Frau vertragen einemildernde Auffassung nicht. „Und wo einmal“, läßt er sichvernehmen, „ein Weib zum Bewußtsein über irgend eine Be-gabung kommt, wieviel lächerliche Selbstbewunderung, wieviel,Gans’ kommt jedesmal dabei zum Vorschein“ 47 ). So wird ihmsogar der Ausbruch einer momentanen Gereiztheit zur „Philo-sophie“.
Nie hat der Deutsche die Wissenschaft überschätzt; da-für bleibt er zu sehr mit den Wurzeln der Natur verwachsen.Aber ein Heiligtum ist sie für ihn darum doch. Allwissentraut das naive Volk dem Gelehrten zu und ehrfürchtig ziehtder schlichte Mann vor dem Vertreter des Hohen, das er indem Besitz sicheren und nicht alltäglichen Wissens sieht, denHut. Den Ringkämpfer des Geistes zu verachten, wäre ihmdasselbe wie den Geist der Wahrheit verleugnen. UndNietzsche? Weder Philologie noch Naturwissenschaft nochGeschichte bleiben von den Pfeilen seines Hohnes verschont.Agrippa von Nettesheim ist ein Kind gegen ihn. DennNietzsche ist undankbar; aus den Wissenschaften saugt erdas Blut, von dem er sich nährt, ein dämonischer Vampir.Agrippa poltert nur über Auswüchse.
Kaum ein Zug im Denken Nietzsches geht so tief hin-ab wie sein Haß gegen alle Religion. Man möge dem Begriffder Religion noch so weite Grenzen geben — die Religionmuß völlig aufhören, wo der Mensch außer sich und seinereigenen Herrlichkeit nichts anderes mehr anerkennt. Religiössein bedeutet zum mindesten eine höhere Macht über denMenschen anerkennen. Ein Materialist, der die „ewige Materie“mit ihren Gesetzen als letzten Sinn der Erde anerkennt undverehrt, ist noch religiöser als Nietzsche. Die neuere Ge-schichte des Antichristentums läuft in Nietzsche aus. Diespäteren Freidenker Englands, die leichtfertigsten Franzosen,Schopenhauer, Ludwig Feuerbach, Georg Friedrich Daumeriuvenis, David Friedrich Strauß, die Büchner, Vogt, Mole-schott und wie sie alle heißen, sind immerhin noch mit einemTropfen Andacht und Liebe für Hohes, Gewaltiges getauft,das sie vor, außer und über dem Einzelmenschen rühmen.Ueberboten werden kann die Abkehr vom Göttlichen nach demVerfasser des „Ecee homo“ nicht mehr. Nietzsches Antireligio-sität schlägt allem ins Gesicht, was wir von deutscher Wesens-ansehauung wissen. Von den Germanen des Taeitus an, die,wo immer sich Großes, Ansprechendes in Natur und Menschen