Psychologie und Geschichte stimmen nun darin überein,daß weder beim Individuum noch bei einem Volke wirksame,leben beherrschende Ideen sieh mit einem Male fertig aus-bilden. Innerer Charakter und äußere Anlässe müssen Zu-sammentreffen, damit die Idee mehr werde als ein bloß schönes,aber schwächliches Gebilde der wirklichkeitsfremden Ge-dankenarbeit. Auch beim Individuum ist die originale Ideezuerst inhaltlich nur in vagen Umrissen da, die der Innigkeitnicht entspricht, mit der die Meinung ergriffen wurde. Erstallmählich in immer neuer Bemühung gewinnen die triebent-sprungenen Tendenzen deutlichere Gestalt, bis diejenige Formim Geiste da ist, in der wir die möglichst vollkommensteinnere Erfüllung unseres Sehnens und Wesens erblickenmüssen. Nicht anders bei einem Volke. Beim Volke indestaucht eine besondere Schwierigkeit auf. Als Kollektivganzeshat es keine eigene Seele, sondern nur die Seelen seiner Kon-stituenten. Die Kulturgeschichte löst die Frage. Es ist wohlausnahmelos die Religion des Volkes 6 ), in der sich das Sehnender Einzelnen zuerst sammelt und zur realen Einheit wird.„Du sollst keine fremden Götter neben mir haben“, heißt esim alten Testament, und auch Cicero führt in seinen feier-lichen Gesetzen über die Religion (De leg. II 8,19) die markigenWorte an: „Separatim nemo habessit deos neve novos neveadvenas nisi publice adscitos“.
Von da aus ringt sich die politische Form der Volks-idee Schritt für Schritt frei, bis es einer Generation odereinem einzelnen Menschen gelingt, sie klar zu fassen undauszusprechen. Verlangt muß von einem solchen Künderder Volksseele werden, daß er nicht nur eine gewisse formaleBildung besitze, sondern auch sich mit seinem Volke imWesen und Charakter eins fühle. Er muß ein geistigerSohn des Volkes selbst sein. Dieser Forderung widerspricht z. B.und kann daher niemals Volksidee in unserem Sinne werden diekünstliche Massenidee, wie sie Lassalle und Marx für den deut-schen Arbeiterstand schufen, dem sie durch Stand und Herkunftfremd waren.' Sodann kann nur ein genialer Mensch dieVolksidee schöpfen, weil nur geniale Menschen den Tief-blick mit der Willenskraft und der Fernkraft verbinden, diezur Wirkung auf Generationen hinaus unumgänglich sind.Nicht wissenschaftliche und ästhetische Genies, sondern Geniesder praktischen Vernunft sind ferner die wirksamen Trägersolcher Bewegung. Gottgesandte Männer oder „Propheten“ im