Druckschrift 
Geschichte des ersten Kreuzzuges
Entstehung
Seite
148
Einzelbild herunterladen
 

148

Richtungen gebrochen. Irdischer Lebensgenuß, weltliche Bildung,nationale Selbstständigkeit machte sich geltend: Wissenschaft und Kunstbegannen eine reiche Blüthe, die Allgewalt des Chalifates wurde ge-brochen, und allein auf eine geistliche Würde beschränkt; überall er-hoben sich unter oder neben ihm weltliche Staatsgewalten, und überallverdrängte das politische, geistige und gewerbliche Interesse den Eiferfür den Glaubenskampf. Der Islam als streitende Weltreligionverlor damals seine Furchtbarkeit, und seine kriegerische Macht ge-rieth in immer tieferen Verfall; im Uebrigen war für seine Bekennerselbst diese Wendung vom Fanatismus zur Cultur ein offenbarerGewinn; in diese Zeit gehört fast Alles, was der Islam für dieposiüven und bleibenden Interessen der Menschheit, für geistigenFortschritt und mildere Sitte geleistet hat.

Einen anderen Verlaus nahmen die Dinge im Abendlande. Wenndie muhammedanischen Völker auf Kosten der religiösen Kraft undEinheit zu geistiger Vielseitigkeit und politischer Bewegung gelangten,so lenkte vom 9. bis zum 11. Jahrhundert bei den europäischenNationen umgekehrt die Gesinnung immer stärker und ausschließlicherin die kirchlichen Bahnen. Man bemerkt diese Wendung schon beiKarl dem Großen selbst. Wohl ist in seinem Regimente das welt-liche, politische und nationale Element in hohem Glanze vertreten.Die kaiserliche Würde hat er in ungeahnter Machtfülle hergestellt,und der Papst zu Rom ist ihm dienstbar wie jeder andere Bischofseines Reiches; Wissenschaften aller Art werden gepflegt, altrömischeSchriftsteller nachgeahmt, altdeutsche Heldensagen gesammelt. Aberbei alledem faßt bereits Karl seinen kaiserlichen Beruf wesentlich alseinen religiösen. Aus dem ersten Reichstage nach seiner Kaiserkrönnngerörtert er, daß jetzt, nachdem das Kaiserthum hergestellt sei; alleMenschen den rechten Glauben an die Dreieinigkeit haben und eingottseliges Leben in Christo führen müßten. Wo er im Inneren desReiches kirchliche Mängel, Reste des Heidenthums, ketzerische Nei-gungen findet, tritt er ihnen mit der vollen Wucht der Staatsgewaltentgegen. Nach Außen liegt ihm kein Krieg mehr am Herzen, alsder Streit gegen die Barbaren, das heißt die Nichtchristen, die Sara-cenen in Spanien, die heidnischen Sachsen, Dänen und Slaven. DieEroberung ist hier überall auch Bekehrung: wohl dient umgekehrt dieAusbreitung der christlichen Lehre auch zur Befestigung der Herr-