Wiestes Kapitel.
Aussichten im Morgenlande.
Wir sahen bisher, wie die innere Entwickelung des Abendlandeseine mächtige Einheit geistlicher Herrschaft gegründet, in dieser dieTheile der damals verfallenden weltlichen Mächte zusammengefaßtund sogleich zu einem gewaltigen Angriff nach Außen sich erhobenhatte. Die Rüstung war beschaffen, wie die Macht, welche sieunternommen; der Gedanke des Unternehmens gab ihr den einzigenZusammenhang, den sie überhaupt besaß; in diesem Sinne war derAnsspruch, Christus sei der alleinige Feldherr des Unternehmens,zur Erfüllung gekommen.
Damals aber, als diese durch Religion und Streitbegier erregtenLateiner an den Grenzen ihrer heimathlichen Welt, an den Usernder Donau und des adriatischen Meeres angelangt waren, befandsich das Morgenland, das Ziel ihres Angriffes, in nicht geringererBewegung. Mit rascher Energie hatte sich aus dem östlichen Asienher, auf der einen Seite die ägyptischen Fatimiden, auf der anderendas griechische Kaiserthum bis zur Vernichtung bedrohend, das Reichder Seldschuken erhoben; drei thatkräftige Regenten hatten seine Aus-breitung und seine Einheit gegründet, und bis zum Jahre 1092 einunbezweifeltes Uebergewicht in den weiten Ländermassen Westasiensbehauptet. Im November aber des angegebenen Jahres starb MelekSchah; in dem Mittelpunkte des Reiches, unter den Söhnen desSultans selbst kam es zu heftiger Reibung und langdauerndemKriege; auf der Stelle setzten sich die Wirkungen desselben von denUfern des Indus bis zu den Küsten, von Chalcedon und Askalon