Druckschrift 
Die wissenschaftliche Bedeutung der platonischen Liebe
Entstehung
Seite
25
Einzelbild herunterladen
 

25

heit einzuseuken und sorglich zu pflege», daß er für jene Seeleselbst sowohl wie für andere reichliche Früchte trage. Von derLiebe zu der Schönheit der Seele schreitet er fort zu der derSchönheiten der Handlungen, Gesetze und Wissenschaften, bleibtnicht hängen, wie eine Bedientenseele, an der Liebe und Ver-ehrung eines einzelnen schönen Körpers oder Wissenszweiges,sondern versenkt sich in das Meer der Schönheiten in der Weltund gebiert in diesem sich reichlich lohnenden Streben selbstschöne und erhabene Gedanken. Bei hinreichender Beharrlichkeitgelangt er endlich zum höchsten Grade der großen Geheimnisseder Liebe, nämlich zur Schau ung der Idee des Schönen^).Dieses Schöne ist unveränderlich und ewig, entsteht nicht undvergeht nicht, wird weder vermindert noch vermehrt; ist nicht,wie das irdisch Schöne, an einem Orte zu einer Zeit schön undan einem andren und zu einer andren häßlich, findet sich sicht-bar weder auf Erden noch im Himmel, weder an einem leblosennoch an einem empfindenden Geschöpfe. Das hier gemeinteSchöne ist ewig, einfach, sich immer selbst gleich, ist die Grund-ursache aller möglichen Schönheiten. Wer dieses Schöne end-lich mit dem Auge des Geistes geschaut hat, der verachtet allemenschlichen Schönheiten in Gold- und Prachtgewändern, diedoch alle mit menschlichem Fleiße, mit Farben- und anderemTande verunreinigt sind. Ein solcher wird auch keine Schein-tugenden mehr erzeugen wollen, denn er hat ja nicht blos einBild der Tugend gesehen, sondern hat sich vermählt mit derwahren, d. h. ewig währenden, reellsten einen und einzigen Tu-gend und Schönheit. Und wenn er nun vermählt mit dieser Ideedes Schönen seine individuelle Tugend erzeugt und heran gezogenihat: so wird es ihm nicht fehlen ein Freund Gottes und, wenn