92
haften Hirngespinnsten einer Zukunft zu brüten, dieer me genießen sollte.
Allein diese Karakterverschiedenheiten, weit ent-fernt Beider Freundschaft zu stören, festigten sie viel-mehr, und während Warner trotz seinem vorgerückte-ren Alter der stärkern Natur Lindcns sich unwillkür-lich beugte, schöpfte er dagegen das Vergnügen, daser am reinsten zu genießen fähig war, aus der liebe-vollen, neidlosen Theilnahme, welche der Freundseinen Träumen von künftiger Auszeichnung schenkte,und aus der unermüdlichen Bewunderung, womit erneben ihm saß und zusah wie die Farben, geleitetvon dem wirklichen aber noch ungebildeten Genie deSjugendlichen Malers, auf der Leinwand hervortraten.Bisher hatte Warner seine Versuche auf geringereLeistungen beschränkt; jetzt aber war der drängendenForderung seiner Natur von ihm nachgegeben und derPlan zu einem geschichtlichen Gemälde gefaßt worden.Ach, welche schlaflose Nächte, welche Kämpfe derschäumenden Phantasie mit den materiellen Organendes Geistes, welche Mühen des unermattbaren Ge-dankens, erschöpfend und ins Innerste greifend wieeine wirkliche Krankheit, kostete es den ruhmbegie-rigen Künstler, um in der Stille seiner Seele undaus deren verwirrten, unter einander streitendenBildern den Entwurf dieses lang bedachten und an-gebeteten Werkes auszuarbeiten! Aber als es einmalentworfen war, als aus dem Dunkel der bisherigenVorstellungen Gestalt um Gestalt in des Malers