258
MWMA
Bürde auf dich gehäuft, die zu schwer ist für Deine Seele. WoHaft Du die Jahre Deines ManneSaltcrS verbracht, Odo — wasführte Dich in diesen Zustand des GramS?"
„Hast Du noch so viel weibliches Erbarmen, daß Du Antheilnimmst an dem Geschicke eines AuSgestoßenen?"
Die Bläffe auf Nlrika'S Wangen wich einer sanften Glut —sie war nicht das Zeichen eines stürmischen Gefühls, sondern einzarter Beweis, daß ein Herz, wie das ihrige, nie die Empfindun-gen «erläugnen konnte, die ihr einst so iheuer gewesen waren.
„Kann ich die Vergangenheit vergessen?" lautete die Antwort.„Warst Du nicht der Freund meiner Jugend — ja, standest Dumeinem Herzen nicht als Verlobter nahe?"
„Du erkennst also noch immer diese lang gehegten Bande an?
O lllrika, wie thöricht und wahnsinnig war ich nicht, als ich ein
unschätzbares Kleinod wegwarf! Aber höre mich an, und Du sollsterfahren, wie Gott sich und Dich gerächt hat."
Die Gattin des Bürgermeisters blieb, obschon im Innern sehraufgeregt, geduldig sitzen, während der Einsiedler seinen Geist aufdie Enthüllungen vorbereitete, die er zu machen im Begriffe war.
„Ich brauche Dir nichts von meiner Jugend zu erzählen,"begann er endlich; „denn Du weißt wohl, daß ich von edler Ge-burt bin und, von Kindheit an verwaist, mit nicht geringen Glücks-gütern in ein Leben eintrat, das der gedankenlosen Jugend so vieleGefahren bietet. Ich besaß die meisten edeln Triebe eines Men-schen, den keine Sorge bedrückt, und ein Herz, das sich nicht un-uöthigerweise gegen das Mitgefühl für den Unglücklichen verschloß;ja ich glaube, sagen zu dürfen, daß es dem Mitleid nicht ganzunzugänglich war —"
„Du läßt Dir nicht Gerechtigkeit widerfahren, Odo! Sage,Deine Hand war stets offen und Dein Herz voll edler Empfindungen."
So gedemüthigt auch der Einsiedler durch Neue und Entsagungwar, so konnte er doch diese Worte, die über so zarte und Wahrheit-