I. F. Cooper's Amerikanische No mane, n e u aus dem Englischen übertragen. Zwanzigster Van L. Die H e i d e n n» a u e r. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 1845 . l e H e i d e n m a u e r. Eine Rhein sage von James Fenimore To a per. Ans dem Englischen von Or. C. K o l b. War ich nicht Zeuge von dem Erdentreibcu, Von, Riesenunrecht bis zum kleinen Treubruch? Byron. Stuttgart. Verlag von S. G. Lie schlug. 1845 . Einleitung »Ich muß mir ein wenig Eure Nachsicht erbitten vielleicht räumt Ihr ein, es sey zu Eurem eigenen Besten geschehen, wenn ich Euch gelegentlich wieder darüber frage.» Maaß für Maaß. Gegen meine lange hergebrachte Gewohnheit hatte ich einen Sommer innerhalb der Mauern einer großen Stadt verbracht; aber der Augenblick der Befreiung war gekommen und kein Vogel verließ je seinen Käfig mit der Wonne, mit welcher ich Postpferde bestellen ließ. Wir saßen zu Vier in einem leichten Reisewagen, der von starken normannischen Pferde» lustig ihrer heimathlichen Provinz zugezogen wurde. Wir verließen für eine Weile Paris, die Königin der.modernen Städte, mit ihrem Tumult und ihrer Ordnung, ihren Palästen und ihren Winkelgaffen, ihrer Eleganz und ihrem Unflalhi ihren ruhelosen Bewohnern und ihren stereotypen Politikern, ihrer Theorie und ihrer Praxis, ihren Reichthümern und ihrer Armuth, ihrem Frohsinn und ihrem Elend, ihren Kapitalisten und ihren Patrioten, ihren jungen Liberalen und ihren alten Illiberalen, ihren drei Ständen und ihrer Gleichheit, ihrer zarten Redeweise und ihrer kräftigen Haltung, ihrer Volksregierung und ihrem regierungsfeindlichen Volke, ihren Bajonetten und ihrer moralischen Kraft, ihren Gelehrten und ihrer Unwissenheit, ihren Unterhaltungen und ihren Revolutionen, ihrem rückwärts schreitenden Widerstand und ihrer stillestehenden Bewegung, ihren Putzmacherin- IV neu, Philosophen, Operntânzerinnen, Poeten, Fidlern, Banquiers und Köchen. Trotz der langen Einengung innerhalb der Barrieren war es doch nicht leicht, Paris ganz ohne Bedauern zu verlassen: Paris, das jeder Fremde tadelt und jeder Fremde sucht — vor dem die Moralisten zurückschrecken, während ste eS zugleich nachahmen — ob dem die Alten ihre Köpfe schütteln und die Herzen der Jungen höher schlagen — Paris, diesen Mittelpunkt von so vielem Vortrefflichem — von so Vielem, was nicht einmal einen Namen hat! Die erste Nacht legten wir, fern von der französtschen Hauptstadt, unsere Häupter auf ländliche Pfühle und athmeten am nächsten Tage die Lust des Meeres. Durch Artois und Französtsch- Flandern reisend gelangten wir am fünften Morgen in das neue Königreich Belgien und berührten die ansehnlichen, historisch wichtigen Städte Douays, Tournai und Alh. Mit jedem Schritte trafen wir auf dasselbe Banner, welches über den Tuilerie» flattert, und allenthalben erkannten wir die zuversichtliche Miene, den leichten Gang französischer Soldaten, welche eben beschäftigt gewesen waren, dem wankenden Throne des sächsischen Hauses Stützen zu geben. Sie schienen eben so heimisch zu sehn, als schlenderten sie auf dem Quai d'Orsay umher. Zu Brüssel waren noch häufige Merkmale des ungestümen Kampfes vorhanden, der die Holländer vertrieben hatte. In der Wand eines einzigen nicht großen Hauses slacken 46 Bomben, während 93 Kartätschenkugeln in einem seiner Pflaster begraben waren! Auch unsere Zimmer ließen die furchtbaren Denkzeichen des Krieges blicken. Die Spiegel waren zersplittert, die Wände von Kartätschen zerrissen, die Planken der Betten von Kugeln durchbohrt und die übrigen Hausgeräthschaften nicht minder roh behandelt. An tausend Plätzen des Parkes standen verstümmelte V Bäume und einer der kleinen Liebesgötter, die wir vor drei Jahren lachend über dem Hauptihore verlassen halten, war jetzt amputirt und ganz trübselig, während sein Kamerad auf den Schwingen einer Kanonenkugel ganz und gar Reißaus genommen hatte. Aber ungeachtet der vielen Spuren von Feindseligkeiten, durch die wir wandelten, entgingen wir doch glücklicher Weise dem Anblick von Menschenblut, wie wir denn auch von unsrem gefälligen Gastwirthe, einem Schweizer, erfuhren, daß seine stets in gutem Ruf stehenden Keller während der Belagerung ganz ungewöhnliche Nachfrage gefunden hätten. Aus den vielen noch vorhandenen Wahrzeichen konnten wir übrigens entnehmen, daß die Belgier ritterlich für ihre Lostrennung gekämpft hatten — wenigstens ein Beweis, daß sie frei zu seyn verdienten. Unser Weg führte uns über Löwen, Tirlemont, Lüttich, Aachen und Jülich nach dem Rheine. Die erstere dieser Städte hatte noch in der vorigen Woche den feindlichen Armeen zum Schauplatze deS Kampfes gedient, und da den Holländern vorgeworfen wurde, sie hätten sich bei ihrem Vorrücken große Barbareien erlaubt, so sahen wir uns »ach den Merkmalen um. Wie viele der Spuren bereits wieder gut gemacht worden, konnten wir nicht gut unterscheiden; die noch vorhandenen aber gaben uns allen Grund, zu glauben, daß die Vorwürfe, welche man auf die Eindringlinge häufte, nicht ganz verdient sind. Ist es doch, als sei ich bestimmt, mit jeder Stunde meines vorrückenden Lebens bemerken zu müssen, wie wandelbar und kläglich die Unsterblichkeit ist, welche durch Zeitungen verliehen wird! Ich würde dem alten Bisthum Lüttich nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn Ich «die Schönheit seines Gebiets stillschweigend übergehen wollte. Die Gegend besitzt fast alle Erfordernisse einer idyllischen Landschaft: zahllose, einsam stehende Meiereien, waidende Heerden, lebendiges Gehäge, wellenförmiges Terrain und ein Grün, das mit dem Smaragde wetteiferte. Glücklicherweise führte der Weg stundenlang auf der Höhe fort und setzte uns so in den Stand, diese Herrlichkeiten nach Muße zu genießen. Zu Aachen badeten wir, besuchten die Reliquien, nahmen Augenschein von dem Saale, wo so viele mehr oder weniger berühmte Kaiser gekrönt worden waren, setzten uns in den Stuhl Carls des Großen und gingen unseres Weges. Den Rhein kannte ich schon von früher. Ein paar Jahre vorher hatte ich zu Katwyck auf dem Sande gestanden und mitangeschen, wie er vermittelst der Schleusen, die unter der kurzen Regierung des guten Königs Ludwig geschaffen wurden, periodisch in die Nordsee abfließt, während ich im nämlichen Sommer an der eisigen Seite des Gotthards, wo er als kleiner Bach schäumte, über ihn wegschritt. Wir waren nun gekommen, um an den schönsten Stellen seine Herrlichkeiten zu betrachten und sie, so weit eS die Borliebe für die Heimath geschehen läßt, mit den wohlgegründcten Ansprüchen unseres Hudson zu vergleichen. Wir verließen Cöln mit seinem großartigen, aber unvollendeten Münster, an dessen unausgcbauten Thürmen der Krahn schon fünfhundert Jahre in die Luft hinaus reicht — mit seinen Erinnerungen an Rubens und dessen königliche Beschützerin, und reisten so langsam oder so schnell stromaufwärts, um Alles, was sich uns bot, betrachten und doch das Gefühl der Uebersättigung vermeiden zu können. Wir trafen auf preußische Soldaten, die sich durch spielenden Dienst auf die ernsteren Pflichten ihres Berufs vorbereiteten. LancierS galoppirten in Schwadronen über das freie Feld und Vedetten standen, die gespannte Pistole in der Hand, an jedem VII Heuschober, während Adjutanten hin- und hersprengten, als ob der große Kampf, der sich drohend vorbereitet, und früher oder später eintrcten muß, bereits wirklich begonnen hätte. Da ganz Europa gegenwärtig ein Kriegslager ist, so sprachen uns derartige Schauspiele nicht mehr an, um so weniger, da wir'ü auf die Schönheiten abgesehen hatten, welche die Natur in ihrer glücklicheren Stimmung bescheerte- Wir sahen Ruinen zu Dutzenden, altergraue Festungen, Klöster, die zum Theil verlassen, zum Theil noch bewohnt waren, Dörfer und Städte, das Siebengebirg, Felsen und Weinberge, mit jedem Schritte empfindend, wie innig die Beziehung ist zwischen der Poesie der Natur und der Poesie der Kunst, zwischen dem Felsen mit seinem zerbröckelnden Thurme und dem Gefühle, das ihm Interesse verleiht. Da lag eine Insel, die an sich nicht viel angesprochen haben würde, wenn nicht die Mauern eines mittelalterlichen Klosters darauf ihrem endlichen Verfalle entgegen gegangen wären: dort stand ein kahler Bergkegel, aller Großartigkeit baar und nichts von jenen Tinten zeigend, welche ein milderes Klima verleiht — aber auf seiner Spitze wankte eine alte Ritterburg. Hier führte Cäsar seine Legionen nach dem Strom und dort setzte Napoleon seine bewaffnete Schaaren auf das feindliche Ufer. Dieses Denkmal wurde Hoche errichtet, und von jener Terrasse aus lenkte der große Adolph seine Bataillone. Was unsere eigenen geschichtliche» Momente betrifft, so hat fle die Zeit noch nicht gemildert und in jene unbestimmten Farben der Ferne und der Convention gekleidet, welche nöthig find, um jene Sympathie zu wecken, welche nur aus der Uebereinstimmung Aller hcrvorgehen kann. In einer Stimmung, wie sie nothwendig durch eine Fluth solcher Erinnerungen hervorgerufen werden mußte, verfolgten wir vm unsern Weg auf dem südlichen Ufer dieser großen Arterie von Mittel-Europa. Wir bewunderten die Großartigkeit von NheinfelS, das seltene Kleinod einer zertrümmerten Kirche zu Bacharach und die schwindelnde Höhe, wo selbst jetzt noch in der adlerartigen Grüße und Sicherheit alter Zeiten ein Prinz von Preußen wohnt. Zu Mainz angelangt, verglichen wir am Abende des zweiten Tags mit Sorgfalt und hoffentlich auch unparteiisch das, was wir gesehen hatten, mit den Schauplätzen, welche wir noch so lebhaft in theurer Erinnerung hatten. Von Kindheit an ist mir der Hudson ein guter Bekannter gewesen. Da er den Hauptweg für alle diejenigen bildet, welche aus dem Innern des Staates New-Dork nach dem Meere wollen, so hatte mich die Nothwendigkeit frühzeitig mit allen seinen Windungen, Vorgebirgen, Inseln, Städten und Dörfern vertraut gemacht. Mein Beruf forderte mich sogar auf, alle seine Kanäle, selbst die verborgensten, zu untersuchen, und es gab keinen Sitz, keinen Weiler am Ufer, welchen ich in jener Zeit nicht besucht hätte. Es galt also jetzt, die Gewalt tiefer Eindrücke dem Einfluß von Dingen entgegenzusetzen, die mir noch vor Augen standen. Ich lebe der Ueberzeugung, daß der Rhein zwar auf bestimmte Strecken häufig mehr romantische Partieen besitzt, als der Hudson, dieser aber in Betreff der Abwechslung der edlen Schönheit und Großartigkeit die Palme verdient. Der amerikanische Strom umfaßt zugestandenermaßen die schönsten Partieen des Rheins, ist zumal ein großer und ein kleiner Fluß, hat seine Baien, seine schmalen, unter Wiesen hinziehenden Fahrwasser: seine drohenden Engen erweitern sich stellenweise, so daß er einem italienischen See ähnlich wird, während sich von seinem europäischen Nebenbuhler im äußersten Falle sagen läßt, daß er eine schwache Nachahmung aller IX dieser wundervollen Eigenthümlichkeiien biete. Zehn Grade einer südlicheren Breite^erzeugen reichere Tinten, glänzendere Uebergänge von Licht und Schatten, wie auch einen herrlicheren Wechsel der Atmosphäre, um die Schönheiten unseres westlichen Klimas zu erhöhen. Selbst in Betreff der Inseln liegt der Vortheil auf Seiten des Hudson, da sie weit kühner, besser gelegen und in.ihren charakteristischen Zügen weit bedeutsamer, die des Rheins dagegen nur viel zahlreicher sind. Wenn wir die Vergleichung dieser beiden gefeierten Ströme auf ihre künstlichen Beigaben ausdehnen wollen, so wird das Er- gebniß noch zweifelhafter. Die Gebäude der ältern Städte und Dörfer Europas scheinen, von der Ferne gesehen, vorzugsweise für die Wirkung auf's Auge gruppirt zu scyn, obschon man in Wahrheit das Motiv in der Sicherheit wird suchen müssen; dagegen ist es nöthig, die geräumigen, sauberen und fröhlichen Dörfer Amerikas zu betreten, um sie würdigen zu können. Auf dem alten Continente geben die Kirchthürme, das Dächerlabyrinth, die unregelmäßigen Mauern und hin und wieder das Schloß, welches sich im Hintergründe erhebt, einer Stadt das Ansehen irgend einer Ungeheuern alterthümlichen Masse, welche einem bestimmten Einzelnzwecke geweiht ist. Dieses Malerische trifft man vielleicht weniger an den Ortschaften des Rheins, als an den Dörfern Frankreichs und Italiens, denn die Deutschen schlagen den Raum mehr an, als ihre Nachbarn; tndeß erscheinen auch die ersteren viel weniger alltäglich, als die lächelnden und gedeihlichen kleinen Marktstecken, die sich an den Ufern des Hudsons drängen. Zu diesen, Vvrtheil kommen noch die zahllosen Ruinen und die reiche Summe historischer Rückerinnerung. Nun hört aber das Uebergewicht, welches dem Rhein durch die künstlichen Hülfsmittel verliehen wird, auf und das des Neben- X buhlerS nimmt seinen Anfang. Was moderne Häuser, Villa's und Landsitze betrifft, so findet der Hudson, wenn man die fürstlichen Schlösser ausnimmt, fast nirgends seines Gleichen. An der Brenia und an anderen, von der Natur hoch begünstigten Orten mag es zwar schönere und edlere Gebäude geben; aber dennoch kenne ich keinen Strom, der ihrer so viele, welche das Auge lieblich ansprechen, aufzuweisen hätte. Und was erst die beweglichen Gegenstände — gewiß ein wichtiger Zug in dieser Vergleichung — betrifft, so kann sich gewiß kein Fluß, der zugleich auch den Charakter des Malerischen in Anspruch nimmt, mit dem Hudson messen, da letzterer ohne Frage durch seine außerordentliche Belebtheit, die Anzahl seiner Schiffe, die Abwechslung und Schönheit in den Formen der Fahrzeuge, wie auch durch die Schnelligkeit und gewandte Führung derselben unter die ersten Ströme der Welt gehört. Die Raaen der hohen Schiffe schwingen sich unter den Felsen und Urwäldern der Hochlande, während außerdem noch Schaluppen, Schoo- ner, blanke mit Zeltdecken versehene Dampfboote, Dachten, Piro- guen und Nindenkähne in zahlloser Menge den breiten Wafferstreifen bedecken. Ein noch sprechenderer und wohl zu beherzigender Unterschied liegt in dem Umstande, daß Zeichnungen und Kupferstiche dem Rhein mit ihrer gewöhnlichen Schminke zu Hülfe kommen und oft Gegenstände, die in der Naturanschaunng nichts ausfallend Anziehendes bieten, zu wirklichen Schönheiten stempeln, während jeder ähnliche Versuch, den Hudson darzustellen, auf das Auge den Eindruck macht, daß er des Originals unwürdig sey. Die Natur ist übrigens allenthalben fruchtbar an schönen Wirkungen, und man thut Unrecht, wenn man sich auf dem Gange durch's Leben derselben nicht erfreut, weil man in diesem oder jenem Theile der Welt schon etwas Schöneres gesehen zu haben wähnt. Wir schieden daher mit Bedauern von dem Rhein, denn in seiner Art läßt sich kaum ein lieblicherer Strom finden. Bei Mainz setzten wir ans das rechte Ufer über, reiste» durch das Großherzogthum Hessen und kamen bei Heidelberg in'S Badische. Hier setzten wir uns auf das große Faß, besichtigten das Schloß und lustwandelten in den Anlagen. Dann ging cS nach Mannheim, von wo aus wir uns abermals der französischen Hauptstadt zukehrten. Mannheim, wo wir uns wegen Unpäßlichkeit eines meiner Reisebegleiter einige Stunden aufhalten mußten, bietet wenig Interessantes und diente nur, wie einige andere Städte, die wir kürzlich gesehen, zu Bekräftigung unserer früheren Ansicht, daß die Spm- metrie und die Regelmäßigkeit, welche große Städte großartig macht, die kleinen ärmlich erscheinen läßt. ES war ein schöner Herbsttag, als wir auf unserem Wege nach Paris das linke Rheinufer wieder erreichten. Die Sehnsucht hatte unserm Patienten den Anschein von Kraft verliehen und wir hofften noch am nämlichen Abend das Gebirge, welches die Südwestseite der Pfalz begrenzt, zurückzulegen, nm so vor Schlafen- gehenSzeit auf der großen Napoleons straße nach Kaiserslautern zu gelangen. Unser Hauptzweck war erreicht, und wie es in solchen Fällen gewöhnlich zu gehen pflegt, zielte jetzt unser angelegentlichster Wunsch nur noch dahin, wieder zu Hause zu seyn. Einige Pvstationcn überzeugten uns übrigens, daß die Ruhe dem Kranken noch immer nöthig war. Freilich kam diese Neberzeugung unglücklicherweise, wie ich damals glaubte, zu spät, denn wir hatten bereits die Ebene der Pfalz zurückgelegt und näherten uns der vorerwähnten Gebirgskette, einem Zweige der Vogesen, welcher in der dortigen Gegend der Hardt genannt wird. Wir hatten auf einen derartigen Unfall nicht gezählt und waren aus früherer Erfahrung mißtrauisch gegen die XII 7s Gasthäuser in diesem abgeschiedenen Theile des Königreichs Baiern. Bereits erging ich mich in bitteren Klagen über unsere Uebereiltheit, als der Kirchthurm von Dürkheim unter den Weinbergen auftauchte; denn gegen den Fuß des Gebirges hin wirb das Land westenförmig und bietet der Kultur des Weines günstigen Boden. Der Ort schien uns beim Näherkommen nur wenig zu versprechen; aber der Postillon hatte uns versichert, daß die Post ein Gasthaus sey, in dem ein König logiren könne, und der Wein — nein, für diesen wußte er keinen höheren Lobspruch, als ein Schwenken seiner Peitsche, ein sehr beredter Ausdruck des Wohlbehagens für einen Menschen seiner Klasse. Wir verhandelten zweifelnd die Frage, ob wir weiter reisen oder Halt machen sollten, bis zu dem Augenblicke, als der Wagen vor dem Schilde deS Ochsen anfuhr. Ein wohlhabend auSsehendcr Bürger trat in die Thüre, um uns zu empfangen. Die Beleibtheit des Mannes, welche kein übles Abbild in dem WirthshauSzeichen hatte, schien uns Bürgschaft zu leisten für eine gute Labung, und der biderbe Charakter seiner Gastfreundlichkeit beseitigte aste Besorgniß vor der Stunde der Rechnung. Wenn ein Reisender auch an Menschenkenntniß gewinnt, so verliert er zuverlässig an der wohlwollenden Gesinnung, welche das Leben versüßt. Der beständige Verkehr mit Leuten, welche an fremde Gesichter gewöhnt sind, durch ihre Dienstleistungen nur mit Personen in Berührung kommen, von denen sie wahrscheinlich nie wieder behelligt werden, und durch die Noth des Augenblicks aller Verantwortlichkeit einer dauernden Kundschaft enthoben bleiben, entwickelt die Selbstsucht unseres Wesens in ihrer aller unanziehendsten Form. Die Klugheit kann zwar dem Gesichte eine geschmeidige Hülle geben, um den gewöhnlichen Anschlag aus die Tasche des Fremden zu bemänteln; aber es liegt in der Natur der Sache, daß der An- XIII schlag vorhanden ist. Die Sucht nach Gewinn steigert sich, wie alle andern Leidenschaften, durch die Gewohnheit, und so finden wir diejenigen, welche an wohlbesuchten Straßen wohnen, weit habgieriger, als diejenigen, bei welchen die Begierde aus Mangel an Gelegenheit zur Anwendung noch im Schlummer befangen ist. Das ehrliche Gesicht, die unabhängige Miene und das freie Wesen unseres Dürkheimer WirthS flößte uns das Vertrauen ein, daß er erhaben sey über die gewöhnlichen feilen Kniffe seiner Be- rufSgenoffen, welche, weil sie an wenig besuchten Orten wohnen, sich am Glücke zu rächen suchen, indem sie zeigen, daß sie jeden Postwagen für eine besondere Gottesschickung ansehen. Er hatte einen Garten, nach welchem er uns für die Dauer des Pferde- wechstls einlud, und dies noch obendrein in einer Weise that, welche zeigte, daß er bloß wohlwollend zu seyn wünsche und sich wenig darum kümmere, ob wir eine Stunde oder eine Woche blieben. Kurz, sein Benehmen war sorglos, freundlich, natürlich und gewinnend, so daß wir uns unwillkührlich an die Heimaih erinnert fühlten und ohne Weiteres zu dem Manne jenes wohlthuende Vertrauen faßten, das von unschätzbarer moralischer Wirkung ist. Obschon wir zu viel von der Welt gesehen haben, um blindlings auf eine sogenannte National-Charakteristik zu bauen, so gefiel uns doch in seinem Aeußern der Ausdruck deutscher Redlichkeit, noch mehr aber in seinem Hauswesen das Gepräge der Ordnung und der Gemächlichkeit, welches man allenthalben traf, ohne dabei durch die reno- mistische Anmaßung verletzt zu werden, welche dieselben Eigenschaften bei abgeschliffeneren Leuten wieder zu nichte macht. Das Gasthaus war keine Bier- und Nauchkneipe, wie so viele WirthShäuser jener Gegend, sondern hatte im Garten abgeschiedene Pavillons, wo sich der müde Wanderer im eigentlichen Sinne des Wortes auSruhen i XIV konnte. Mit solchen Verlockungen vor den Angen nahmen wir »ns vor. zu bleiben, und säumten nicht lange, dem ehrlichen Bürger unsere Absicht kund zu thun. Unsere Mitlheiluug wurde mit großer Höflichkeit entgegen genommen, und ungleich dem unsterblichen Fallstaff begann ich mich der Aussicht zu erfreuen, „ich werde mir'S in meinem WirthshauS gemächlich machen können," ohne befürchten zu müssen, daß man mir dafür die Tasche bemause. Der Wagen war bald unter Dach und das Gepäck auf die Zimmer gebracht. Die Leute im Hanse sprachen zwar bescheiden, aber doch mit Zuversicht von dem Zustande ihrer Speisekammer; gleichwohl dauerte es mehrere Stunden, bis das Mittagessen servirt wurde — eine Zögerung, die sich recht gut mit unfern Gewohnheiten vertrug, obschon wir häusig zu der Bemerkung Gelegenheit gefunden hatten, daß in Deutschland eine Mahlzeit nie zur Unzeit kommt. Ohne Rücksicht auf die Winke, welche eher durch die Menschenfreundlichkeit, als durch Gewinnsucht an die Hand gegeben zu seyn schienen, wurde unsere gewohnte Tafelstunde namhaft gemacht, worauf ich, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, die Frage stellte: „Habe ich, als wir zum Dorfe hereinfuhren, aus dem nahen Berge nicht einige Ruinen gesehen?" „Wir nennen Dürkheim eine Stadt, mein Herr," ent- gcgnetc der Ochienwirth, „und obschon sie nicht gerade unter die größten gehört, ist sie doch zu ihrer Zeit eine Hauptstadt gewesen!" Bei diesen Worten nagte der würdige Bürger kichernd an seiner Pfeifenspitze, denn er war ein Mann, der auch von Orten, wie London, Paris, Pecking, Neapel, St. Petersburg oder vielleicht gar auch von unserer Bundesstadt gehört hatte. XV „Eine Hauptstadt? So war hier wohl der Sitz eines der kleineren Fürsten. Welcher Familie gehörte Euer Sonverain an?" „Sie haben Recht, mein Herr. Vor der französtschen Revolution war Dürkheim eine Residenz und gehörte den Fürsten von Leiningen; sie halten auf der andern Seite der Stadt (sie ist ungefähr halb so groß, als Hudson oder Schenectabp) einen Palast, welcher während des Krieges abbrannte. Während der Napoleoni- schen Feldzüge wurde der Souverain mediatisirt und erhielt eine Entschädigung von Gütern aus der andern Seite des Rheins." Da die englische Sprache kein Wort besitzt, welches mit dem Ausdrucke mediatisirt gleichbedeutend wäre, so wird hier eine Erklärung am Orte sehn. Deutschland war früher, wie beinahe das ganze übrige Europa, in eine endlose Zahl unabhängiger kleiner Herrschaften getheilt, die ihre Grundlagen in dem Prinzips der LehcnS- Gewalt hatten. In demselben Maße, als Zufall, Talent, Verbindungen oder Hinterlist die Interessen der mächtigeren Fürsten förderten, begannen ihre schwächeren Nachbarn entweder ganz und gar zn verschwinden, oder neue untergeordnete Rangstufen einzunehmen. So bestand zum Beispiel Frankreich ursprünglich nur aus einem beziehungsweise unbedeutenden Königreiche und wurde allmählig durch Bretagne, Burgund, Navarra, die Dauphine, die Provence, Normandie und viele andere Staaten verstärkt, wie sich denn auch in gleicher Weise England aus der Heptarchie bildete. Das Con- föoerativ-System Deutschlands hat diese Feudal-Organisation mehr oder weniger bis auf unsere Zeiten fortgeführt. Zwar verschlang die Bildung von Oesterreich und Preußen viele dieser Fürstenthü- mer; aber erst der Napoleonischen Politik war es Vorbehalten, gegen alle kleinen Herren in der unmittelbaren Nachbarschaft des Rheins ohne Unterschied den Todesstoß zu führen. Unter die Zahl der XVI letzteren gehörten die Fürsten von Leini'ngen, deren Bcsttzungen ursprünglich der französischen Republik, dann aber dein Kaiserreich einverleibt wurden, zuletzt aber unter den Scepter des Königs von Baiern kamen, welcher als der rechtmäßige Erbe deS-benachbarten Herzogthums Zweibrücken in diesem Theile Deutschlands einen hinreichend kräftigen Kern von Besitzungen besaß, um dem Wiener Congreß, der am Rhein eine Schranke gegen die kräftige Vergrößerung Frankreichs ziehen wollte, Anlaß zur Erweiterung des gedachten Gebietes zu geben. Da es den entthronten Souvcrainen gestaltet ist, ihre Titel beizubehalten und im Nolhfalle die regierenden Zweige verschiedener fürstlichen Familien mit Gatten und Gattinnen zu versehen, so paßt der Ausdruck mediatisirt recht gut für ihre Lage. „Der junge Fürst ist erst in der letzten Woche liier gewesen," fuhr der Ochsenwirth fort, „und bewohnte einige Tage jenen Flügel. Sie wissen, daß er ein Sohn der Herzogin von Kent und ein Halbbruder der jungen Prinzessin ist, welche wahrscheinlich mit der Zeit auf dem Throne von England sitzen wird." „Hat er Besitzungen hier, oder steht er noch in irgend einer Weise mit Eurer Regierung in Verbindung?" „Man hat ihn mit Geld oder mit Gütern auf der andern Seite des Rheins abgefunden. Er besuchte die Trümmer des alten Schlosses, denn man kann sich denken, daß er ein Verlangen trug, die Wohnstätte seiner Vorfahren zu sehen." „So habe ich also wohl beim Hereinfahren auf dem Berge die Trümmer des Schlosses Leiningen gesehen?" „Nicht doch, mein Herr; Sie sahen die Ruinen der Abtei Limburg. Die von Hartenburg, denn so hieß das Schloß, liegen weiter im Gebirge." XVII „Wie, die Trümmer einer Abtei und noch obendrein die Ruinen eines Schlosses? Da gibt es für den Nest des Tages hinreichende Beschäftigung. Eine Abtei und ein Schloß!" „Und die Heidenmauer und der Teufelsstein." „Wie, eine Heidenmauer und ein Teufelsstein?— Ihr seyd in der That reich an Merkwürdigkeiten." Der Wirth fuhr philosophisch zu rauchen fort. „Habt Ihr nicht einen Führer, der mich auf dem kürzesten Wege nach diesen Plätzen bringen kann?" „Das kann jedes Kind thun." „Ich würde Einen, der Französisch spricht, verziehen, denn mein Deutsch ist nichts weniger als klassisch." Der würdige Gastwirth winkte mit dem Kopfe. „Wir haben hier einen gewissen Christian Kinzel," versetzte er nach kurzem Besinnen, „einen Schneider ohne viel Kundschaft, der sich eine Zeit lang in Frankreich aufgehalten hat; das wird wahrscheinlich der rechte Mann sepn." Ich versetzte, es dürfte der Gesundheit eines Schneiders wohl zu Statten kommen, wenn er Gelegenheit finde, seine Beine zu strecken. Der Ochsenwirth fand meine Erwiederung spaßhaft und nahm sogar seine Pfeife aus dem Munde, um mit mehr Gemächlichkeit lachen zu könne». Seine Heiterkeit kam von Herzen, wie bei einem Manne ohne Arg. Die Sache war bald beendigt. Ein Bote wurde an Christian Kinzel abgeschickt, und ich nahm meinen kleinen männlichen Reisebegleiter bei der Hand, um langsam vorauszugehen und unterwegs das Eintreffen des Führers zu erwarten. Da übrigens der Leser mit dem Platze, den ich zu beschreiben Willens bin, viel zu thun b XVIII haben wird, so dürste es wünschenSwerth erscheinen, daß er genaue Auskunft über die örtlichen Verhältnisse erhalte. Dürkheim liegt in jenem Kreise von Baiern, welcher gemeiniglich der RheinkreiS genannt wird. Der König des gedachten Landes hat ungefähr eine halbe Million Unterthanen in diesem abgerissenen Stücke seiner Besitzungen, welches sich in der einen Richtung von dem Strome an bis nach Rheinpreußen, in der andern von dem Großherzogthum Hessen bis an das französische Gebiet erstreckt. Man muß Postpferde einen Tag lang scharf in Anspruch nehmen, um diese Provinz in was immer für einer Richtung zu kreuzen, woraus der amerikanische Leser entnehmen mag, daß sein Flächenraum ungefähr zwei D-iltheile des Staates Connecticut beträgt. Eine Bergkette, ähnlich de» kleineren Ausläufern der AlleghanieS, welche unter verschiedenen Lokal-Namen bekannt und ein Zweig der Vogesen ist, läuft nahezu in der Richtung von Süden nach Norden durch die Mitte des DistricteS. Das Gebirg bricht auf der Ostseite plötzlich ab und läßt zwischen sich und dem Rhein eine ungeheure Ebene, wie wir sie in Amerika „Fiats" oder „Bottom-Land" nennen würden. Dieses Machland, welches ein Theil der alten Pfalz ist, breitet sich auch noch auf der andern Seite des Rheins aus und ist im Osten eben so schroff abgegrenzt, wie im Westen. Die beiden Orte Dürkheim und Heidelberg liegen an den Endpunkten der gedachten Ebenen einander gegenüber und mögen in gerader Linie sieben Stunden von einander entfernt sepn, während der Rhein in ungefähr gleicher Entfernung mitten durch läuft. Die Ebene der Pfalz soll früher ein See gewesen seyn, der das Wasser des Rheins aufnahm und cs durch einen unterirdischen Kanal wieder entweichen ließ, bis endlich die Zeit oder eine Erderschütterung die GebirgSschranke bei Bingen durchbrach. XIX so daß die Gewässer abfli'eßen und das fruchtbare Thal zurncklaffen konnten. Als wir uns Dürkheim näherten, bemerkten wir unregelmäßige Sandhügel, welche zur Bestätigung dieser nicht üblen Hypothese dienen dürsten, denn das Vorherrschen der Nordwinde mag wohl die leichteren Erdtheile mehr nach dem südwestlichen als nach dem anderen Ufer geführt haben. Wenn wir noch beifügen, daß das Aussehen der östlichen Bergkette hinreichend durchbrochen und unregelmäßig ist, um schon zu seyn, zugleich aber stets bestimmte scharfe Umrisse zeigt, so glauben wir genug gesagt zu haben, um in unserer weiteren Erzählung begriffen werden zu können. Einer der Pässe, welcher seit unsürdenklichen Zeiten den Verkehr zwischen dem Rhein und dem Lande westlich vo» den Vogesen vermittelt, führt durch den tiefen Thaleinschnitt in der Nähe von Dürkheim nach dem Blachlande. Die Poststraße folgt den Thalwindungen, steigt allmählig bis zu dem höchsten Bergkamme hinan, zieht den Strombetten nach, deren Wasser in die Mosel abfließt, und senkt sich eben so allmählig gegen das Herzogthum Zweibrücken nieder, welches aus der anderen Seite der Gebirgskette liegt. Der Besitz dieses Passes bildete daher in Zeiten der Gesetzlosigkeit und Gewalt an sich schon ein Anrecht an Auszeichnung und Macht, da aste Durchreisenden mit Leib und Habe mehr oder weniger der Gnade seines Inhabers verfallen waren. Nachdem wir die Stadt verlassen, bog ich mit meinem kleinen Begleiter »»verweilt in den Thaleinschnitt ein. Der Paß selbst war schmal, erbreiterte sich aber bald zu ungefähr einer halben Stunde, und wir entdeckten außer dem Wege, durch welchen wir hcreingekommen waren, noch zwei oder drei weitere AuSgänge, von denen übrigens nur ein einziger auf größere Entfernung begehbar blieb. Der Umfang dieses ThaleS oder Beckens (denn dies mußte eS gewesen seyn, wenn die Pfalz ein See war) wird sehr durch einen einzeln in der Mitte stehenden Berg geschmälert, der ungefähr den vierten Thcil des Raumes einnimmt und ohne Zweifel eine Insel bildete, so lange das Thal als abgeschiedene Bai mit dem Hauptsee in Verbindung stand. Der Gipfel dieses Berges oder JnselhügelS ist eben, hat eine unregelmäßige, ovale Form und umfaßt zwölf oder sechszehn Morgen Landes. Hier liegen die Trümmer von Limburg, der unmittelbare Gegenstand unseres Besuches. Der Berg stieg mehrere hundert Fuß sehr schroff an, und überall kam unter dem spärlichen Boden röthlicher Quadcrsandstein zu Tage. Die Sonne brannte mit Macht auf daS Gestein, und ich machte mir eben Gedanken, ob ich die Wanderung überhaupt fortsetzen sollte, oder nicht, als der Schneider mit dem Eifer eines neugebornen MutheS herankam. „Voioi Christian Kinzel!" rief A.., dem ein neuer Anblick stets als Sporn diente, und der, trotz seiner Jugend, bereits mit Begier die Alpen und den Apennin, den Jura und das calabrische Gebirg, Thürme, Monumente und Dome, kurz Alles erstiegen hatte, was dazu diente, ihn in die Luft zu erheben—- „Allons, xrimpons!" Wir kletterten bergan, wanden uns durch die Terrassen, auf denen Rebstöcke und Gemüse gepflanzt wurden, und erreichten bald die natürliche Platform. Der Gipfel bot uns eine herrliche Aussicht, die ich übrigens an einem geeigneteren Orte schildern will. Die ganze Fläche des Hügels zeigte Spuren von der früheren Ausdehnung der Abtei, da eine Mauer dieselbe umschlossen hatte; die Hauptgebäude aber standen und stehen zum Theil »och auf der Anhöhe und ziehen sich bis an den Rand des östlichen Absturzes. Die Ueberreste waren noch immer zureichend, um die ursprüngliche XXI Großartigkeit der Bauten erkennen zu lassen. Ungleich den meisten Ruinen am Rheine war das Gebäude kunstgerecht behandelt und nicht nur massiv, sondern auch aus dem vorerwähnten schön behauenen Sandsteine errichtet, der in endlosen Schichten durch die ganze Gegend vorkömmt. Die Kapelle war noch leidlich gut erhalten; außerdem entdeckte ich noch das Refektorium, diesen unerläßlichen Tröster mönchischer Abgeschiedenheit, mehrere Gebäude, welche augenscheinlich die Schlafgemächer bargen und einige Spuren der Kreuzgänge. Auch ist noch ein zum Schwindeln hoher Thurm von kirchlicher Form vorhanden, der hinreichend dazu dient, den Ruinen Charakter zu verleihen. Er war geschloffen, damit nicht müßige Leute thörichterweise durch Ersteigen der gebrechlichen Treppen sich in Gefahr setzen möchten; indeß konnte es keinem Zweifel unterliegen, daß er früher den geweihten Glocken als Obdach diente. In der Nähe befindet sich ein schöner Bogen, dessen Gestein übrigens zum Theil so los ist, daß cS dem unvorsichtigen Wagehals auf den Kopf zu fallen droht. Nachdem ich die Trümmer betrachtet hatte, warf ich einen Blick auf das umgebende Thal. Nichts hätte sanfter und lieblicher seyn können, als dieser Anblick, denn die Nothwendigkeit, welche den Menschen veranlaßt, auch eine kärgliche Gabe werth zu halten, hatte die Umwohner bewogen, jeden Fuß breit Land auf's Beste zu bebauen. Keine Schweizeralb hätte glätter gemäht seyn können, als die Wiesen unter mir, und viele davon waren in einer Weise bewässert, daß sich zwei oder drei Bächlein über dieselben hinschlängelten. Das Wehr einer ländlichen Mühle sperrte das Wasser zu einem Miniatursee ab, und einige eifrige Bewunderer Neptuns hatten an seinem Ufer ein Bierhaus errichtet, das auf seinem Schilde den „Anker" als Würdezeichen trug. Den schönsten Anblick bot XXII jedoch weiter innen ein verfallenes Schloß, das auf einer natürlichen Terrasse oder vielmehr auf einem Felsenvorsprung an der Seite eines der nächsten Berge lag. Der Weg führte unmittelbar unter feinen Mauern vorbei und konnte von den Zinnen aus mit Pfeilen bestrichen werden, — also augenscheinlich eine Oertlichkeit, welche die Erbauer nur in der Absicht gewählt hatten, um die Landstraße am besten beherrschen zu können. Ich bedurfte der Erklärung des Führers nicht, um in dieser Ruine das Schloß Hartenburg zu erkennen. Es stand noch massenhafter da, als die lleberrcste der Abtei, und war aus demselben Material, obschon augenscheinlich in verschiedenen Jahrhunderten gebaut: der eine Theil sah nämlich unregelmäßig und roh aus, wie die meisten Bauten des Mittelalters, während noch außerdem zierlichere Thürme mit Schießscharten zum Gebrauch der Artillerie vorhanden waren. Eine der Kanonen konnte vielleicht unter einem Winkel ihre Kugeln nach der Platform des Abteihügels werfen, obschon nur mit wenig Gefahr für die jetzt zertrümmerten Mauern. Nachdem ich di- verschiedenen Punkte dieser neuen und bezaubernden Landschaft wohl eine Stunde studirt hatte, bat ich den Führer um Auskunft über die Heidenmauer und den Teufelsstein. Beive befanden sich auf dem Gebirg jenseits des ehrgeizigen kleinen Sees und in guter Musketenschußweite von der Abtei. Es war sogar möglich, von unserem gegenwärtigen Standorte aus einen Theil der ersteren zu unterscheiden, und der verwirrte Bericht des Schneiders weckte nur den Wunsch, noch mehr zu sehen. Wir hatten unsere Reise nicht ohne einen gehörigen Vorrath von Wegweisern und Karten angetreten, und einer der erster« befand sich zufälligerweise in meiner Tasche, obschon wir in diesem nur selten besuchten Striche so wenige Merkwürdigkeiten erwarteten, daß ich XXIII ihn noch nicht einmal aufgeschlagen hatte. Als ich nun seine Blätter zu Rathe zog, fühlte ich mich auf das Angenehmste überrascht, Dürkheim und seine Alterthümer der Aufmerksamkeit dcS Reisenden ganz besonders empfohlen zu sehen. Die Heidenmaucr wurde darin als der Platz bezeichnet, wo Attila den Winter verbrachte, ehe er auf seinem berühmten Zuge nach der Hauptstadt der rivilisirten Welt über'den Rhein setzte, obschon die Errichtung der Mauer selbst seinen Feinden zugeschrieben wird. Mit einem Worte, man hält sie für die Ueberreste eines römischen Lagers, für eines jener vorgeschobenen Werke des Reichs, durch welche die Barbaren im Zaum gehalten werden sollten, und deren sich die Hunnen hin und wieder klüglicherweise während ihres Vorrückens nach dem Süden bedienten. Der Tenfelsstein war als ein natürlicher Fels in der Nähe des gedachte» Lagerplatzes geschildert, auf welchem die Heiden ihren Götzen Opfer brachten. Natürlich wurden jetzt die befreiten Gliedmaßen unseres Führers in Anspruch genommen, damit sie uns und ihren Besitzer nach einem Orte brächten, wo sich Merkwürdigkeiten fanden, bei denen fich's sogar seiner eigenen Anstrengung verlohnte. Während wir den Limburger Berg Hinabstiegen, kürzte uns Christian Kinzel den Weg, indem er uns die Volkssagen über die gesehenen und die noch zu besuchenden Punkte inittheiltc. Seiner Erzählung zufolge hatten die frommen Mönche, als sie den Plan zu Erbauung ihres Klosters entwarfen, einen Vertrag mit dem Teusel gemacht, kraft dessen sich Vater Beelzebub verpflichtete, die Steine für ein so umfangreiches Werk zu brechen und sie die steile Höhe hinanzuschaffen. Der Preis, durch welchen der böse Geist für die Unternehmung einer derartigen Arbeit gebeitzt werden sollte, bestand in dem Versprechen, aus den Steinen ein WirthShauS zu XXIV bauen, in welchem ohne Zweifel eine maßlose Quantität Rheinwein verschluckt, der Mensch um seine Vernunft betrogen und so die »»beschützte Seele den gewöhnlichen Angriffen des Versuchers noch mehr bloSgcstellt werden sollte. Den Rheinlandsagen zufolge muß cs den Mönchen oft gelungen sepn, den Erzfeind mit derartigen schlauen Verträgen hinter'S Licht zu führen, obschon es vielleicht nie mit auffallenderem Erfolge geschah, als bei dem fraglichen Con- trakte. Durch die List der Gottesmänner völlig getäuscht, ließ sich der Vater der Sünden so eifrig für das Unternehmen brauchen, daß die Abtei sammt Zugehör in unglaublich kurzer Zeit vollendet dastand — ein Ereigniß, welches die frommen Mönche »ach ihrer eigenen Weise zu erklären wußten, indem sie eS einem Mirakel von reinerem Ursprünge zuschrieben. Jedenfalls hatten sie ihre Täuschung so gut eingeleitet, daß der Teufel trotz seiner sprichwörtlichen Schlauheit nichts von der wahren Bestimmung des Gebäudes merkte, bis mit einem Male die Abteiglocken zum Gebet läuteten. Nun kannte freilich seine Entrüstung keine Grenzen mehr, und er schwang sich unverzüglich nach dem fraglichen Felsen in der schnöden Absicht, ihn mit sich in die Luft zu führen und über der Kapelle fallen zu lassen, damit die Mönche sammt ihrem Altäre seiner Rache zum Opfer würden. Aber der Fels saß auch für den Teufel zu fest, und der Böse sah sich endlich in Folge der ErorciSmcn, mit welchen die Mönche nach ihrer eigenen Weise gegen ihn in'S Feld rückten, genöthigt, mit Schande und Schmach aus diesem Theile des Landes zu fliehen. Man zeigt noch dem Neugierigen gewisse Merkzeichen in dem Gestein, welche beweisen sollen, wie gewaltig sich Satan bei dieser Gelegenheit abgemüht habe: darunter namentlich einen Abdruck seines Hintertheils, den er zurückgelaffen, als er sich, erschöpft von der nutzlosen Anstrengung, ans den Fels setzte. XXV Die Scharfsinnigeren wollen sogar in einer Art Rinne Nachweisen wie sein Schweif gelegen habe, während der böse Feind voll Verdrusses über die bittere Täuschung auf seinem harten Schemel saß. Wir waren eben am Fuße des zweiten Berges angelangt, als Christian Kinzel mit seiner Erzählung zu Ende war. „Und diese Sage also bewahren die Dürkheimer in Betreff des Teufelssteines," bemerkte ich, indem ich die Höhe des Berges mit den Angen maß. „Das Landvolk erzählt sich die Geschichte in dieser Weise," entgegn-ete der Schneider; „aber es gibt Leute in der Gegend, welche nicht daran glauben." Mein kleiner Reisegefährte lachte, und seine Augen funkelten vor Erwartung. „Allons, xrimxons!" rief er wieder. „Allons voir oo Teufelsstein!" Im Laufe der Zeit erreichten wir das Lager. Es befand sich auf einem GebirgSvorsvrung, der eine Art natürliche Bastei bildete, und war von jeder Seite vollständig geschützt, auf derjenigen aber, wo sich der übrige Fels anschloß, durch so steiles Gestein begrenzt, daß sogar das Hinabsteigen nur mühsam von Statten ging. Wir sahen die Ueberreste einer kreisförmigen Mauer, an deren Außenseite eine halbe Stunde weit wirre Steinhaufen lagen, während sich im Innern viele Spuren burcheinanderlaufender Grundmauern entdecken ließen. Der ganze Platz war mit einem Anfluge dunkelfarbiger melancholischer Cedern bedeckt. Aus der Seite, die dem sich anschließenden Gebirg bloSgestellt ist, fand sich augenscheinlich der zugäbliche Schutz eines Grabens. Der Teufclsstein lag etwa tausend Fuß von dem Lager. Er ist ein verwitterter Fels, der sein kahles Haupt über die mehr nach vorne liegenden Bergausläufer emporhebt. Ich setzte mich auf XXVI die höchste Spitze, und für einen Augenblick war die Beschwerde des Heransteigens vergessen. Soweit das Auge reichen konnte, dehnte sich die Ebene der Pfalz vor mir aus. Da und dort glänzten der Rhein und der Neckar wie Silberbänder unter dem Grün der Felder, während die Thürme von Mannheim, Speier, Worms und zahllosen Dörfern die Landschaft so reichlich schmückten, wie Grabsteine die Appische Straße. Ein Dutzend altergraue Ruinen klammerten sich an die Seiten der badischen und hessischen Gebirge, während das Heidelberger Schloß düster und großartig aus seinem romantischen Thals auftauchte. Die Landschaft war deutsch und ihre Kunstdenkmäler etwas gothisch. Zwar ermangelte sie der warmen Gluth, der launenhaften Umrisse und der verführerischen Schönheit Italiens, wie denn auch von der Großartigkeit schweizerischer Thäler und Gletscher nirgends etwas zu erblicken war; aber man sah hier die Vollkommenheit eines fruchtbaren Bodens und des GewerbfleißeS, verschönert durch ein buntes Gemische nützlicher Gegenstände. Auf meinem Standpunkte wurde es mir leicht, mir in meiner Umgebung nur beredte Denkmäler der fortschreitenden Civilisation zu vergegenwärtigen, welche mich eben so gut die Schwäche wie das Erstarken, den jungen Wuchs, wie den hochstrebenden Ehrgeiz des menschlichen Geistes schauen ließen. Der Fels erinnerte mich an die Zeiten eines wilden Aberglaubens und einer entsittlichenden Unwissenheit — an die Zeiten, als das Land noch ein Urwald war, durch welchen der Jäger nach Gutdünken pürschte, mit dem Thiere der Wildniß um die Herrschaft in seiner unheimlichen Domäne ringend. Dennoch trug das edlere Geschöpf das Ebenbild Gottes, und hin und wieder durchdrang ein und der andere große Geist das Dunkel, die Lichtblicke jener ewigen Wahrheit umfassend, von welcher die Natur XXVII durchdrungen ist. Dann folgte der Römer mit seinen Göttern, mit seiner scharfsinnigen und ansprechenden Philosophie, mit seinen geborgten Kunstschätzen, mit seiner wohlüberlegten und Alles überwältigenden Thatkrast, mit seiner Prunkliebe, so großartig in ihrer Wirkung, aber so schmutzig und ungerecht in ihren Mitteln, und endlich vor Allem mit jenem leuchtthurmartigen Ehrgeize, welcher seine Hoffnungen auf dem Meere der eigenen Unendlichkeit scheitern ließ, im eigenen Sturze die Falschheit des Systems bekundend. Die Gedenktafel vor mir zeigte mir die Mittel, durch welche er seine Macht gewonnen und verloren hatte. Die Barbaren mußten in der bitteren Schule der Erfahrung lernen, wie sie ihre Rechte wieder erringen konnten, und in der Aufregung des Augenblicks wurde es mir nicht schwer, mir die Hunnen zu vergegenwärtigen, wie sie in'S Lager hcrcinströmten und die Wahrscheinlichkeiten ihres Sieges aus den Spuren berechneten, welche ihnen hier von dem Scharfsinn und den HülfSguellen ihrer Feinde zurückgeblieben waren. Das Gewirre nebliger Bilder, welches nun folgte, war ein treues Symbol der nächsten Periode. Aus der Dunkelheit derselben erhob sich nach der langen und ruhmvollen Regierung Carls dcS Großen das Ritterschloß mit dem Faustrecht und den maßlosen Ungerechtigkeiten. Dann kam die Abtei, ein Erzeugniß jener milden und nachsichtigen Religion, welche wie ein Sonnenstrahl auf Erden erschienen war, um den falschen Glanz eines Schauplatzes zu verdunkeln , in welchem das natürliche Licht einem feilen und trügerischen hatte weichen müssen. Es erhob sich nun der lange und selbstsüchtige Kampf zwischen feindlichen Principicn, die noch immer nicht ihre Ausgleichung gefunden haben — der Kampf zwischen geistiger und physischer Gewalt. Die erstere, welche sich nicht rein und vollkommen erhielt, ließ sich zu Winkelzügen und Trug herab. XX kill während die letztere zwischen der Furcht vor einem unbekannten Jenseits und der Herrschaft schwankte. Mönch und Ritter geriethen in Zwiespalt; erstcrer mißtraute im Geheim dem Glauben, den er predigte, und dieser zitterte vor den Folgen des Schlages, den sein eigenes Schwerdt geführt hatte — beides die Frucht von zu vielem Wissen aus der einen und zu wenigem auf der andern Seite, während da wie dort die ewigen und unermüdlichen Feinde der Menschheit, die gierigen Leidenschaften wütheten. Ein Gelächter des Knaben lenkte meine Aufmerksamkeit nach dem Fuße des Felsens, denn er und Christian Kinzcl hatten eben zu ihrer wechselseitigen Befriedigung die Lage, welche der Schweif des Teufels eingenommen, auf's Genaueste ermittelt. Amerika hätte auf seiner ganzen weiten Fläche kein passenderes Sinnbild seiner eigenen Zustände aufweisen können, als eben dieses Kind. Dem herrschenden englischen oder sächsischen Stamme untergeordnet, rannen fast gleiche Ströme französischen, schwedischen und holländischen Bluts in seinen Adern. Der Knabe hatte nicht weit zu suchen, um unter seinen Ahnen den friedlichen Gefährten von Penn, den Hugenotten, den Cavalier, den Presbyterianer und den Anhänger Luthers und Calvins zu finden. Der Zufall hatte sogar die Ähnlichkeit noch weiter entwickelt, denn von früher Kindheit an ein Wanderer, mischte er nun in fröhlichen Erörterungen über seine kürzliche Entdeckung die verschiedensten Sprachen unter einander. Die Gedankenkette, die sich mir daraus ergab, war sehr natürlich. Sie umschlang die lange und geheimnißvolle Verborgenheit eines so ungeheuren TheilS der Erde, als Amerika ist, seine Entdeckung und Colonisirung, die Art, wie Gewaltthat, Verfolgung, Bürgerkriege, Unterdrückung und Ungerechtigkeit Menschen von allen Nationen an seine Ufer geworfen hatte, die Folgen dieser Ver- mengung von Gewohnheiten und Ansichten', denen keine selbstsüchtigen Gesetze Zügel anlegtcn, die religiöse und bürgerliche Freiheit, die daraus entsprang, das neue, aber unwiderlegliche System, auf das seine Negierung begründet wurde, der still wirkende Einfluß seines Beispieles auf beide Hemisphären, von denen bereits eine die Institutionen nachgeahmt hat, zu denen sich die andere zu erheben ringt, und alle die endlosen Resultate, welche aus dieser un- crforschlichen und großartigen Schickung quollen. Ich weiß nicht, ob sich meine Gedanken nicht zuletzt zum Erhabenen gesteigert hätten; aber sie wurden jetzt von Christian Kinzel unterbrochen, der mir die Stelle zeigte, wo der Teufel in seinem Zorne dem Gestein einen Fußtritt gegeben hatte. Bon unserem hochgelegenen Punkte niedersteigend schlugen wir wieder den Psad nach Dürkheim ein. Unterwegs erging sich der Schneider in vielen philosophischen Bemerkungen, welche ihm hauptsächlich der klägliche Zustand derjenigen an die Hand gab, die sich für dürftige Nahrung schwer abmühen mußten. Wie er die Dinge ansah, war die Arbeit zu wohlfeil, während dagegen Wein und Kartoffel» zu hoch im Preise standen- Zu welcher Tiefe Betrachtungen, die auf so natürliche Prinzipien begründet waren, geführt haben würden, läßt sich unmöglich sagen, denn der Knabe erhob jetzt einige Zweifel in Betreff der vermeintlichen Länge von des Teufels Schweife. Er hatte zu Paris den ^aräin äes glantes besucht und in dem zoologischen Garten von London die Känguruhs gesehen; er kannte die Exemplare unterschiedlicher Menagerie», die er in Rom, Neapel, Dresden und andern Hauptstädten zu beaugenscheinigen Gelegenheit gefunden, wie er denn auch zu den Berner Bären auf dem vertraulichen Fuße eines freundlichen Besuchers gestanden hatte. Da er außerdem einige unbestimmte Begriffe von XXX den Analogien der Dinge hatte, konnte er sich nicht eines einzigen ThiereS erinnern, welches mit einer so großartigen Verlängerung der Wirbelsäule versehen war, wie diejenige sehn mußte, auf die Christian KinzelS Rinne in de», Teufclsstein einen Schluß ziehen ließ. Die Debatte über den schwierigen Punkt war »och nicht beendigt, als wir das WirthShaus erreichten. Der Ochsenwirth hatte uns in Nichts getäuscht. Die Speisen waren vortrefflich und wurden in einer bis zur Verschwendung reichlichen Menge aufgetragen. Die Flasche alten DürkheimerS hätte wohl für Johannisberger oder für den noch köstlicheren Steinberger, wie man ihn zu London oder New-Dork trinkts gelten können; dazu verlieh die einfache und wohlmeinende Höflichkeit, mit der Alles servirt wurde, dem Mahle eine besondere Würze. ES würde selbstsüchtig gewesen seyn, uns selbst zu erfrischen, ohne nach so vielen Stunden anstrengender Bewegung in der scharfen Berglust auch des Schneiders zu gedenken. Er erhielt gleichfalls sein Glas und sein Couvert, und nachdem wir beiderseits durch dieses natürliche Mittel neu belebt waren, hielten wir eine Besprechung, an welcher der würdige Postmeister Theil nahm. Folgende Seiten sind das Ergebniß der Unterhaltung, welche in dem Gastzimmer des Ochsen stattfand. Sollte irgend ein moderduftiger deutscher Antiquar da oder dort einen unwesentlichen Anachronismus, einen am Unrechten Orte angebrachten Namen oder einen allzufrüh aus dem Fegfeuer erlösten Münch ausfinden, so laden wir ihn ein, seinen gerechten Grimm an Christian Kinzel auszulaffen, dessen Leib und Seele der heilige Benedict von Limburg für immerdar vor allen Kritikern bewahren möge. -»WSK«- Wie H e i d e n m a u e r Erstes Kapitel. Tretet jetzt ror, ihr beide, streicht Euch das Kinn und schwört bet euren Bärte», daß ich ein Schurke sey. Wie er euch gefällt. Der Schauplatz, auf dem unsere Geschichte beginnt, ist ein enges, abgeschlossenes Thal, die Zeit aber fällt auf die Stunde, zu welcher der Tag seine Gewalt verliert und auf die am meisten freistehenden Gegenstände ein Licht wirft, dessen Tinten sich ausnehmen, als schaue man durch ein leicht gefärbtes Glas — eine Eigenthüinlichkeit der Atmosphäre, die, obschon sie im Sommer und Herbst fast jeden Tag vorkömmt, dem Freunde der Natur stets wieder zur Quelle des Genusses wird. Die Farbe, die ich meine, ist nicht ein kränkelndes Gelb, sondern vielmehr eine sanfte, melancholische Glorie, welche den Bergen und dem Gebüsch, den Bäumen und Thürmen, dem Strom und dem Wiesengrunde jenen überaus lieblichen Anstrich gibt, durch den der Schluß des Tages einen so milden sprichwörtlich gewordenen Zauber gewinnt. Die untergehende Sonne berührte mit schräg einfallenden Strahlen einen Streifen gemähten Wiesenlandes, der in einem so tiefen Thaleinschnitte lag, daß er dieses Abschiedslächeln nur einer zufälligen Bildung der benachbarten Höhen, einem fernen Gebirgskamm, den eine Heerde abgewaidet und fruchtbar gemacht hatte, verdankte. Ein murmelnder Bach glitt in der Mitte dahin, und ein schmaler, mehr durch den Huf des Pferdes, als durch Rädereindrücke gebildeter Pfad führte an einem ausgedehnten Walde hin, der sich hob und vor den Blicken zurückwich, meilenweit eine Hügelkette bedeckend, welcher nicht einmal die Sage je eine Bevölkerung Die Heidenmaucr. 1 2 geliehen hatte. Der Ort war so abgeschieden, als wäre er in einer unserer amerikanischen Wildnisse auserlesen worden, obschon er in Wahrheit dem Herzen von Europa nahe lag und eben das sechszehnte Jahrhundert unserer Zeitrechnung gezählt wurde. Obschon übrigens keine Wohnungen vorhanden waren und alle anderen Merkmale von Menschennähe fehlten, so würde doch auch in dieser Waldlandschaft ein amerikanisches Auge alsbald, seinem eigenen Boden gegenüber, unterscheidende Züge entdeckt haben. Die Bäume standen zwar schön und waren sorgfältig erhalten; aber es fehlte ihnen das Moos von Jahrhunderten, der hohe, zackige Wipfel und die wcchselvolle natürliche Wildheit eines Urwaldes auf dem westlichen Continente. Nirgends moderte ein Baumstamm an der Stelle seines Sturzes; kein vom Sturme abgerissener Zweig lag vergessen da, und keine aufwärts gekehrte Wurzel verrieih die Gleichgiltigkeit des Menschen gegen den Verfall dieses wichtigen TheilS der Pflanzenwelt. Hin und wieder erblickte man eine Art Besen, wie man sie bisweilen an den Stengenköpfen der Schiffe steht—an Stellen, die besonders in die Augen fielen, über einem hohen Waldriesen befestigt: fie bildeten die Merkzeichen, welche die Ansprüche der Fällberechtigten schieden und bekundeten, daß der Mensch schon längst sein Scepter über diese düster» Berge ausgedehnt hatte. So abgeschieden fie auch zu seyn schienen, waren sie doch in Wirklichkeit all dem Zwiespalt, den Beschränkungen und Widerwärtigkeiten unterworfen, welche in bevölkerten Gegenden die Rechte des EigenthumS begleiten. Eine Stunde vor der Eröffnung unsrer Geschichte ließ sich, außer dem Gemurmel des Baches, kein Naturlaut vernehmen, der die Ruhe des stummen ThälchenS gestört hätte, wenn anders eine so schmale und in Wahrheit so wilde Schlucht diesen Namen verdiente. Nicht einmal ein Vogel flatterte unter den Bäumen, und nirgends schwebte ein Raubvogel über den Höhen. Nur ein einziges Mal, und auch dann blos für eine Minute, wagte sich ein Rehbock aus seinem Verstecke, um sich aus dem Bachs Labung zu holen. Das Thier zeigt- nicht ganz den elastischen Sprung, die scheue und unschlüssige Bewegung oder den unstäten Blick unseres Hirsches, war aber augenscheinlich ein Bewohner des Waldes, denn während es dem Schutz desselben einigermaßen vertraute, war es doch argwöhnisch gegen die Gewalt des Menschen. Nachdem es seinen Durst gestillt hatte, lauschte es mit der Schärfe eines Instinktes, welche durch die Umstände einer zufälligen Lage nicht zerstört werden konnte, stieg dann wieder den Abhang hinan und suchte mit schüchternen Schritten aufs Neue seinen Versteck. In demselben Augenblicke tauchte auf der entgegengesetzten Seite der Schlucht ein Windspiel aus dem Gehölze auf und begann in der wohlbekannten Weise seiner Race, wenn flchs nur um Bewegung und nicht um die heiße Anstrengung der Jagd handelt, auf dem Pfade hin und her zu rennen. Ein Pfeifen rief den Hund zurück und sein Herr trat in den Weg. Eine Mütze von grünem Sammt, über deren Schilde ein Jagdhorn angebracht war, ein grober, aber zierlicher Ueberrock von der gleichen Farbe, der mit demselben Dicnstabzeichen verziert war, das Instrument selbst, welches von der Schulter herunterhing, und die für Leute dieser Elaste gewöhnlichen Waffen bekundeten einen Förster, oder einen Mann, dem die Obhut über das Jagdwesen und die Wald-Gerichtsbarkeit übertragen war — Funktionen, die viel zu sehr herabgewürdigt erscheinen würden, wenn man den gewöhnlichen Ausdruck Wildhüter auf sie anwenden wollte. Der Förster war ein junger, behender Mann und, ungeachtet seines groben Anzugs, von gewinnender Außenseite. Er lehnte sein Gewehr gegen eine Baumwurzel, pfiff dem Hund, unterstützte den Ruf vermittelst eines schrill tönenden Instrumentes, das er zu diesem Zwecke bei sich führte, und brachte so das Thier bald an seine Seite. Dann koppelte er das Windspiel mit einem zweiten, das neben ihm herging, zusammen, machte den Riemen an seinem Leibe fest, nahm das Horn auf und blies eine kurze, lebhafte Weise, die in weichen, melodischen Tönen durch das Thal klang. Darauf nahm der Jüngling 4 das Instrument von seinen Lippen und lauschte, bis der letzte Hall des fernen Echos verklungen war, als ob er eine Antwort erwarte. Seine Erwartung wurde nicht getäuscht, denn alsbalo klang ein er- wiedernder Ton die Schlucht herunter, welcher durch das Gehöl; dröhnte und die Herzen mancher seiner Insassen vor Furcht schneller schlagen ließ. Der Klang des unsichtbaren Instrumentes war weit schriller und seltsamer, als der des Jagdhorns, obschon es ihm nicht an melancholischem Wohllaute gebrach. Der junge Förster schien ihn wohl zu verstehen, denn er hatte ihn kaum vernommen, als er sein Horn wieder in die Schnur schlang, das Gewehr schulterte und eine erwartende Haltung annahm. Eine Minute später erschien weiter oben in der Schlucht ein anderer Jüngling in dem Pfade, der sich langsam dem Förster näherte. Sein Anzug war ländlich, wie ihn die Bauern zu tragen pflegten, und in der Hand hielt er eine lange, dünne, gerade Nähre von Kirschbaumholz, die fest mit Rinde umwickelt und oben mit einem Mundstücke versehen war, während sich am untern Ende ein trompetenartiger Becher befand. Wie er näher kam, ließ sich in seinem Gesichte ein Anflug von Verdruß entdecken, der sich übrigens eher komisch, als ernst ausnahm — ein Eindruck, der vielleicht auf Rechnung eines großen FilzhuteS zu schreiben war, dessen breite Vor- derkrämpe niederfiel, während die Hintere possierlich anspruchsvoll zugespitzt aufgeschlagen war. Seine Beine stacken, wie die des Försters, in einer Art von Lederhosen, welche die Füße unter den Knieen nackt und frei ließen, während das gedachte Kleidungsstück los und ungeknöpft um dieses wichtige Gelenk hing, so daß dessen Bewegungen durchaus kein Zwang angethan wurde. „Du bleibst lange aus, Gottlob," begann der junge Förster, als der Bauer näher kam, „und der gute Einsiedler wird cs uns nicht sehr Dank wissen, daß wir ihn von seinem Gebete abhalten. Was ist aus Deiner Heerde geworden?" „Darüber mußt Du den heiligen Mann^auf der Heidenmauer fragen, denn ich wüßte nicht darauf zu antworten, und wenn mich Herr Emich selbst in einer Weise, wie er den Abt von Limburg zu behandeln pflegt, nach meiner Heerde fragte." „Wenn Du die Thiere wirklich hast in der Irre umherlaufen lassen, so ist kein Grund zum Spaßen vorhanden. Wo hast Du sie zum letzten Mal gesehen?" „Hier im Wald von Hartenburg, Meister Berchthold — ich gebe Dir das Ehrenwort eines bescheidenen gräflichen Dienstmannes daraus." „Deine Nachlässigkeit wird Dich noch um diesen Dienst bringen, Gottlob." „Es wäre tausend Schade, wenn Deine Worte wahr würden, denn in diesem Falle verlöre Herr Emich den ehrlichsten Kuhhirten in Deutschland, und es müßte mir fast das Herz brechen, wenn ihn die Mönche von Limburg kriegen sollten. Aber die Thiere können nicht weit sehn, und ich will zuvor noch einmal die Kraft meines Kuhhorns versuchen, ehe ich nach Haus gehe, um mir de» Schädel einschlagen zu lassen und meinen Abschied zu holen. Weißt Du auch, Meister Berchthold, daß die Schande, von der Du sprichst, noch nie über ein Mitglied meiner Familie kam, und wir sind doch schon länger Viehhirten gewesen, als die Friederiche Churfürsten?" Der Förster machte eine ungeduldige Geberde, streichelte seine Hunde und wartete die Wirkung des neuen Hornstoßes ab, zu dem sich sein Begleiter anschickte. Gottlob that dies mit der vollen Zuversicht eines Mannes, der seinen Beruf kennt; denn ungeachtet seiner Worte hatte doch sein Gesicht noch keinen Augenblick Unruhe über das Geschick seiner Pflegbefohlenen verrathen. Das Thal erscholl bald von den wilden, kläglichen Tönen des Kirschbaumhorncs, und der Bauer trug Sorge dafür, ihnen die Intonation zu geben, welche stummer Uebereinkunft zufolge seit unfürdcnklichen Zeiten als Signal für das Sammeln einer verlaufenen Heerde galt. Seine Geschicklichkeit und Zuversicht wurden bald belohnt, denn während seines VlasenS kam Kuh um Kuh aus dem Walde gelaufen, und bald befand 6 sich die erforderliche Anzahl von Thieren in dem Pfade — die jüngeren mit erhobenen Schwänzen und linkischen Sätzen an dem Wege hinspringend, während die gesetzteren Versorger der Milchkammer mit geschäftsmäßiger Miene und ernsten Schritten, wie es ihren Jahren und ihrem Ansehen im Dorfe ziemte, weiter eilten. In wenigen Minuten hatten ste fich sammt und sonders um die Person des Hirten geschaart, der, nachdem er seine Pfleglinge gezählt hatte, sein Horn schulterte und sich anschickte, nach dem untern Ende der Schlucht zu gehen. „Du kannst von Glück sagen, daß Du die Thiere mit so wenig Mühe wieder zusammengebracht hast. Gottlob," nahm der Förster wieder auf, während sie der Heerde folgten. „Schreibe es lieber auf Rechnung meiner Geschicklichkeit, Meister Berchthold. Du brauchst nicht zu fürchten, daß Du mich dadurch hochmüthig machest, denn gerechte Anerkennung des Verdienstes kann nie schaden, und Du solltest die Bescheidenheit durch allzu bedenkliche Zurückhaltung nicht cntmuthigen. Es wäre übrigens ein wahres Dorfwunder, wenn eine Heerde, die also aus den Wegen der Kirche genährt wird, ihre Pflicht vergäße." Der Förster lachte, blickte aber bei Seite wie ein Mann, der eine Sache nicht sehen will, gegen die er blind zu sehn wünscht. „Wieder einer von Deinen alten Schwänken, Freund Gottlob! — Du hast die Thiere auf dem Banne des Klosters weiden lassen." „Ei, ich habe meinen PeterSgroschen bezahlt, mich in der St. Benedicts-Kapelle keim Gebet eingefunden und dem Pater Arnolph selbst gebeichtet — dazu dies alles im Laufe eines MonatS; was kann man mehr thun, um sich bei den Brüdern in Gunst zu setzen?" „Ich möchte nur wissen, ob Du Pater Arnolph auch mit der Geschichte Deiner Besuche unterhieltst, die Du mit Herrn EmichS Heerde den Waidegründen des Klosters abstattest, ehrlicher Gottlob." „Warum nicht gar! Meinst Du, Meister Berchthold, es könne mir einfallen, in einem Augenblicke, wo ein ruhiger und beschaulicher 7 Geist so noihwendig ist, den frommen Mönch in Leidenschaft zu jagen, indem ich ihm Bericht erstatte über alle die Sprünge irgend einer ungezogenen Kuh, der man ohne ihren Hirten so wenig trauen kann, als es angeht, eine Jungfrau vor den Jahren der Vorsicht ohne ihre Mutter oder allerweuigstens eine scharfsichtige alte Base auf den Jahrmarkt zu lassen." „Ich sage Dir, Gottlob, sieh Dich vor; denn obschon Herr Emich kein Freund der Mönche ist, so könnte er Dich doch acht Tage bei Wasser und Brod in'S Loch setzen, oder Deinen Rücken mit der Peitsche Bekanntschaft machen lassen, wenn ihm zu Ohren käme, daß einer seiner Knechte sich eine derartige Freiheit mit den Rechten eines Nachbars genommen hat." „So soll Herr Emich nur die Klostetleute von dem besten Waidegrund in der Nähe des Jägerthals vertreiben. Fleisch und Blut kann'S nicht mit ansehen, wenn die Thiere eines adelichen Herrn nach einigen bitter» Kräutern mit den Zähnen in die Erde graben sollen, während das Klostervieh sich das schönste und süßeste Gras behagen läßt. Was willst Du auch, Meister Berchthold? Die Mönche von Limburg essen das fetteste Wildpret, trinken den besten Wein, sprechen von allen Mönchen in der Christenheit die kürzesten Gebete und, potz Tausend, eS gibt Leute, welche ihnen noch obendrein zur Last legen, baß sic die hübschesten Mädels Beicht hören. Was das Loch bei Wasser und Brod betrifft, so weiß ich aus Erfahrung, daß sich keines dieser Heilmittel mit einer melancholischen Constitution verträgt, und ich fordere den Kaiser oder gar den heiligen Vater selbst heraus, ein solches Mirakel zu wirken, das meinen Rücken mit der Peitsche in Bekanntschaft bringen könnte." „Das ist bei Dir nicht mehr nöthig, weil es schon lange geschehen ist." „So legst eben Du die Sache aus, Meister Berchthold, und ich wünsche Dir Glück zu Deinem schnellen Witz; aber wir kommen aus dem Wald hinaus und wollen jetzt diese Frage gegen ein 8 anderes Gespräch vertausche». Die Kühe sind voll und werden den Milchmädchen keine vergebliche Mühe machen; auch liegt wenig daran, woher das Futter kömmt — ob es durch Herrn Emichs Waiden oder durch ein kirchliches Wunder beigeschafft wird. Du hast Deine Hunde heute nicht viel angestrengt, Berchthold?" „Ich nahm sic nur um der frischen Luft und der Bewegung willen in'S Gebirg. Sie verfolgten vor einer Weile die Spur eines Rehbocks; aber da alles Wild in dieser Jagd unsrem Herrn gehört, so hielt ich es nicht für paffend, sie schneller gehen zu lassen, als eben nüthig ist." „Ich freue mich, Dich so sprechen zu hören, denn ich zähle auf Deine Begleitung, wenn ich nach geschehenem Tagewerke den Berg erklettere. Die kleine Anstrengung kann Deinen Beinen nur gut thun." „Du hast mein Wort, ich werde es nicht fehlen lassen; damit wir aber keine Zeit verlieren, wollen wir uns hier trennen, um uns in dem Dorfe wieder zu treffen." Der Förster und der Kuhhirt nahmen durch Zeichen von einander Abschied und, trennten sich. Ersterer verließ die öffentliche Straße und bog rechts in einen Fußweg ein, der über einen schmalen Wiesengrund und über den Bach nach dem Fuße des entgegengesetzten Berges führte. Gottlob dagegen ging in der Richtung des Dorfes fort, das jetzt sichtbar wurde und einen engen Paß im Thale an einer Stelle, wo das letztere fast einen rechten Winkel bildete, völlig ausfüllte. Der erstere Weg führte den Förster nach einer Wohnung, die sehr verschieden von der ärmlichen Hütte war, nach welcher der Kuhhirt seine Schritte lenkte. Ein massenhaftes Schloß lag auf einer vorspringenden Bergspitze über der Häusergruppe in der Schlucht und blickte drohend auf Alle nieder, welche in den Paß einzudringen suchten. Das Bauwesen selbst war in gewaltigen, aber unregelmäßigen Verhältnissen ausgeführt. Die neueren Theile bestanden aus runden Eckthürmen, die auf dem äußersten Rande des Felsen standen und von deren Zinnen aus man einen Stein in die Straße herabwerfen konnte. Der Baumeister hatte der Stärke des Gemäuers große Aufmerksamkeit geschenkt, ohne darüber die Schönheit der Form, soweit diese in der Periode, von welcher wir schreiben, begriffen wurde, ganz zu vernachläßigen. Trotz ihrer Große waren die Thürme doch nur bloße Anhängsel des Hauptgebäudes, welches von der Stellung aus betrachtet, in welche wir jetzt im Geiste den Leser versetzen, den Blicken ein wirres Labyrinth von Mauern, Schornsteinen und Dächern darbot. Erste« stiegen stellenweise von dem grünen Rasen, der die Bergseite bedeckte, auf, während an andern Orten der Fels selbst als Mauerwerk benutzt worden war; denn dieser bestand aus dem gleichen röthlichen Quadersandsteine, und es war daher nicht leicht, auf den ersten Blick zu unterscheiden, was bei diesem gemischten Bauwesen Werk der Natur oder der Kunst war. Der Weg des Försters führte von dem Thale allmählig bergauf nach einem ungeheuren Bogenthore, hinter welchem ein Hof lag. Auf dieser Seite des SchloßcS befand sich weder Graben, noch Brücke oder irgend ein anderes von den gewöhnlichen Schutzmitteln, ein Fallgitter ausgenommen, denn die Lage der Veste machte derartige Vorkehrungen gewissermaßen unnöthig. Aber dennoch war große Sorgfalt darauf verwendet worden, einem Ueberfalle vorzubeugen, und es hätte wohl sicherer Füße, eines festen Schädels und kräftiger Gliedmaßen bedurft, um auf einem andern Wege, als dnrch das Thor sich Eingang in das Gebäude zu verschaffen. Sabald Berchthold die kleine Terrasse, welche vor dem Portale lag, erreicht hatte, machte er sein Horn loS, trat auf den Rand des Absturzes und blieS eine lustige Jägerweise. Die Musik hallte unter den Bergen wieder, und mehr als ein Dorfbewohner brach in blöder Verwunderung von seiner Arbeit ab, um auf die wilden Töne zu horchen. Der Jüngling hing sein Horn wieder um, liebkoste seine 10 Hunde und ging unter dem Fallgitter durch, das auf sein Signal augenblicklich aufgezogen worden war. Zweites Kapitel. »Was sagst Du zu einem Hasen, oder zu der Melancholie eines Sumpfgrabens?' König Heinrich IV. Das Licht war aus der Schlucht, in welcher das Dorf Har- tenburg lag, fast ganz verschwunden, als Berchthold auf einem anderen Pfade, als der war, welcher ihm vor einer Stunde zum Hinansteigen gedient hatte, vom Schlosse herunter kam, vermittelst einer steinernen Brücke über den Bach gelangte und auf dem anderen Ufer in die Straße einbog. Der junge Förster hatte die Hunde eingesperrt und seine Koppel sowohl als sein Gewehr bei Seite gelegt; dagegen hing das Horn noch immer um seine Schulter. An seiner Seite führte er ein Jagdmesser, für jene Zeit und für jenes Land eine nützliche Wehr, die er kraft seines Amtes als Dienstmann des Grafen von Leiningen-Hartenburg tragen durfte. Letzterer war der Gebieter der Veste, welche er eben verlassen, und der Lehensherr über den größten Theil des benachbarten Gcbirgs sowohl als über unterschiedliche Dörfer in der Ebene der Pfalz. Der Kuhhirte schien auf seinen Gefährten oder Freund gewartet zu haben; denn dem vertraulichen Fuße zufolge, welcher zwischen den beiden stattfand, dürfte wohl der letztere Ausdruck als der passendere erscheinen. Gottlob harrte in der Nähe der Hütte seiner Mutter. Als die Jünglinge zusammentrafen, verständigten sie sich mit einander durch ein Zeichen und schritten dann schnellen Fußes weiter, der Häusergruppe den Rücken zukehrsnd. Unmittelbar vor dem Dorfe erweiterte sich das Thal und nahm den Charakter der Fruchtbarkeit und Cultur an, wie wir ihn dem Leser in der Einleitung vorgeführt haben; und wer die Mühe über sich genommen, unser nicht überfiüßigeS Vorwort zu lesen, weiß wohl ohne weitere Belehrung, daß die beiden Zünglinge, mit welchen wir unsre Leser bekannt gemacht haben, sich in dem Thalkeffel befanden, in welchem die Abtei Limburg stand. Freilich haben drei Jahrhunderte manche wesentliche Veränderung in den vergänglichen Zügen dieses Platzes hervorgebracht, obschon sie nicht im Stande waren, einen sonderlichen Einfluß auf den Grundcharakter der Landschaft zu üben. Während die jungen Männer rasch weiter gingen, berührten die ersten Strahlen des Mondes die Vergspitzen, und ehe sie noch eine halbe Stunde in dem Paffe, der nach dem Rheinthale führte, zurückgelegt hatten, standen schon die Thürme und Dächer der Abtei in schöner Nachtbeleuchtung da. Die Klostergebäude glichen durch ihre Anzahl und ihre wirre Gruppirung einem Dorfe, während eine starke, massive Mauer den ganzen oberen Theil des einzelstehenden Berges umschloß. Die Bauart schien auf einen jener kriegerischen Kir- chcnfürsten deS Mittelalters, welche den Harnisch unter der Stole trugen, hinzudeuten; denn während die Thürme, die gemalten Fenster und die Denkmale, welche in Folge frommer Gelübde errichtet worden waren, den unmittelbaren Zweck der Gebäude bezeichneten, bekundeten zugleich die Vertheidigungswerke, daß die Mönche ebenso gut in menschlichen als anderen Mitteln ihren Schutz suchten. »Wir haben da einen Mond, der eben so gut für einen Mönch, als für einen Kuhhirten geschaffen zu sein scheint," bemerkte Gottlob in fast flüsterndem Tone. „Das Licht trifft dort den hohen Thurm der Abtei und wird bald auf die Glatze eines jeden KlosterspätliugS scheinen, der auSgezogen ist, um Pröbchen von der letzten Weinlese zu kosten oder anderweitig in den Angelegenheiten irgend eines Dürkheimer Bürgers zu spioniren." ,,Du hegst nicht viel Ehrfurcht gegen die frommen Väter, ehrlicher Gottlob, denn selten läßt Du eine Gelegenheit entschlüpfen. 12 wenn eS gilt, sie mit Deiner Zunge oder einer hungrigen Kuh in Nachlheil zu bringen." „Ja, stehst Du, Berchthold. wir Grundsaffen sind wenig mehr, als das klare Wasser, in welchem unser Gebieter sein Gesicht und im Nothfalle auch seinen Humor abspiegeln kann. Wenn Herr Emich einmal einen recht herzlichen Haß gegen ein Roß oder einen Menschen, einen Hund oder eine Katze, eine Stadt oder ein Dorf, einen Mönch oder einen Grafen hegt, so weiß ich nicht, wie es kommt — aber ich fühle dann, daß sich in mir selbst die Galle regt, bis ich genug in Harnisch gekommen bin, um zuzuschlagen, wenn er schlägt, zu fluchen, wenn er flucht und sogar umzubringen, wenn er Blut sehen will." „Das ist eine gute Eigenschaft für einen Dienstmann; indeß steht doch um des lieben Ehristenthums willen zu hoffen, daß cs mit der Sympathie hier nicht schon ein Ende hat, sondern daß auch Deine Zuneigungen sich eben sosehr nach denen Deines Herrn richten, wie Dein Haß." „Traun, noch mehr sogar! Graf Emich ist ein gewaltiger Freund von einer Wildpretpastete zum Morgenimbiß, und ich trage ein Verlangen darnach den ganzen lieben langen Tag. — Graf Emich wird in einer Stunde über eine Flasche Dürkheimer Herr, während in derselben Zeit zwei kaum im Stande sind, meinen Eifer für seine Ehre gebührend zu zeigen; und sofern noch andere derartige Widerwärtigkeiten in Frage kommen, bin ich wahrlich nicht der Mann, um meinen Herrn aus Mangel an Dienstbefliffenheit im Stiche zu lassen." „Das glaube ich Dir ohne Eid, Gottlob," versetzte Berchthold lachend, — „namentlich wenn sich's um dergleichen Dinge handelt. Aber im Grunde sind die Benedictiner doch Kirchenleute und halten an ihrem Glauben und an ihrer Pflicht so gut, als irgend ein Bischof in Deutschland; ich sehe daher nicht ein, warum der Herr oder der Knecht so großen Widerwillen gegen sie hegt." 13 „Ich weiß wohl, Du stehst bei einigen von der Brüderschaft in Gunsten, und es vergeht selten eine Woche, in welcher Du nicht vor einem oder dem andern ihrer Altäre kniest. Bei mir ist'ü übrigens nicht so; denn seit der Buße, die sie mir wegen jener Geschichte auflegten, als ich mir ein Bischen Freiheiten mit einer ihrer Heerden erlaubte, habe ich für ihre geistliche Kost einen gar schwachen Magen." „Und doch hast Du im Laufe eines Monats den Petersgroschen bezahlt, Dich beim Gebet eiugefunden und Pater Arnolph Deine Sünden gebeichtet." „Was willst Du auch von einem Sünder verlangen? Ich gab das Geld auf das Versprechen hin, daß ich es mit Wucherzinsen zurückerhalten werde, und zum Beten ließ ich mich heran wegen eines verwünschten Zahnwehs, das mich zeilenweise weit schlimmer plagte, als der Teufel eine arme Seele in der Hölle peinigen kann. Was dann weiter das Beichten betrifft, so geschieht dieß immer mit gebührender Vorsicht, seit meine ungemeine Aufrichtigkeit in Betreff der Heerde jene Buße über mich verhängt hat. Die Wahrheit zu sagen, Meister Berchthold, die Kirche kommt mir vor, wie ein Weib zwei Jahre nach der Hochzeit — angenehm genug, wenn man sie gewähren läßt, aber eine AllerweltS-Here, wenn man ihrem Willen in die Quere kömmt." Der junge Förster wurde nun gedankenvoll und schweigend. Sie befanden sich in der Nähe des Dorfes, welches den Mönchen von Limburg gehörte, und sein geschwätziger, muthwilliger Begleiter hielt es deshalb für paffend, aus Beweggründen der Klugheit Berchthold'S Rückhaltung nachzuahmen. Der künstliche, kleine See dessen wir in der Einleitung Erwähnung thaten, war schon damals vorhanden, obschon das Wirthshaus mit dem ehrgeizigen Anker im Schilde die Frucht eines weit später» Unternehmungsgeistes ist. Sobald die jungen Männer eine Schlucht erreicht hatten, welche in der Nähe der Stelle, wo jetzt die Schenke steht, in'S 14 Gebirg drang, bogen sic von der Landstraße ab, sahen sich aber zuvor wohl um, ob nicht ein neugieriges Auge ihre Bewegungen beobachte. Hier begann ein langer und etwas mühsamer Felsensteig, der nur stellenweise von dem ausgehenden Monde erhellt wurde. Der Förster und der Kuhhirte waren jedoch gut zu Fuße und erreichten bald den Gipfel eines weit vorspringenden Ausläufers im Gebirg, wo sich eine freie haidenartige Ebene vor ihnen aufthat. Obgleich sie ihre Unterhaltung während des Hinansteigens nicht unterbrachen, führten sie dieselbe doch in noch gedämpfterem Tone als unter den Mauern von Limburg, und je höher sie kamen, desto mehr schien dem Hirten der Muth zu entsinken. „Das ist eine traurige Einöde, die Einem wohl den Muth benehmen kann, Berchthold," flüsterte Gottlob, als sein Fuß den ebenen Grund berührte; „auch erscheint sie im Mondenlichte sogar noch unheimlicher, als wenn man sie in der Dunkelheit betritt. Bist Du je zu dieser Stunde dem Teufelssteine so nahe gewesen?" „Ich war einmal um Mitternacht dort und machte bei dieser Gelegenheit Bekanntschaft mit dem Manne, den wir jetzt besuchen wollen. Habe ich Dir nie erzählt, wie eS bei jener Begegnung zuging?" „'S ist eine üble Gewohnheit von Dir, das Gedächtniß Deiner guten Freunde zu besteuern. Wenn Du eS allenfalls noch einmal erzählen willst, so fallen mir vielleicht, bis Du zu Ende kommst, die Thatsachen wieder ein —und offen gesprochen, Deine Stimme kommt mir gar tröstlich vor auf dieser gespenstischen Haide." Der junge Förster lächelte, ohne gerade damit seinen Begleiter verspotten zu wollen, denn er sah, daß derselbe trotz einer scheinbaren Gleichgültigkeit gegen alle ernsten Dinge, wie eS gewöhnlich der Fall zu sehn pflegt, in der Stunde der Prüfung doch der Zaghaftere war; dabei mochte Berchthold auch den Unterschied in'S Auge fassen, welchen eine verschiedene Erziehung in ihrer beiderseitigen Denkkraft 15 nolhwendig zur Folge haben mußte: daß er selbst den Gegenstand nicht als unwichtig behandelte, ließ sich aus der behutsamen Weise entnehmen, in welcher er sich nachstehender Mittheilung entledigte. „Ich hatte von Sonnenaufgang an Herrn EmichS Jagdgründe durchstreift," begann Berchthold, „denn es war mehr als gewöhnliche Wachsamkeit nöthig, um dem benachbarten Bauernvolke auf die Nahte zu gehen. Meine Streife hatte mich weit in die Berge geführt und die Nacht überraschte mich. ES war nicht so hell, wie heute, sondern pechfinster, so daß ich, obschon ich von Kindheit auf an den Wald gewöhnt bin, nicht einmal die Richtung eines Sternes, geschweige denn die des Schlosses hätte angeben können. Ich wandert- stundenlang umher und hoffte mit jedem Augenblick in das Thal zu kommen, bis ich mit einmale auf ein Feld gelangte, das endlos und unbewohnt zu seyn schien." „Ah — das war des Teufels Tanzboden! — Du meinst un>' bewohnt von Menschen," „Kannst Du Dir wohl eine Vorstellung von der Hülflosigkeit eines Geschöpfes machen, das sich im Walde verirrt hat, Gottlob?" „Aus eigener Leibeserfahrung nicht, Meister Berchthold, wohl aber kann ich aus meiner Heerde einen Schluß ziehen, da mir armem Sünder mit dieser oft ein derartiges Unglück zustößt." „Ich weiß nicht, ob Dir die Theilnahme, die Du für Deine Kühe fühlst, einen Begriff von dem Kleinmuth und der Demüthigung geben kann, die sich des Geistes bemächtigen, wenn wir, von allem Verkehr mit unfern Mitmenschen abgeschnitten, allein in einer Einöde stehen und, obgleich wir lebende Geschöpfe in unserer Nähe wissen, von unfern Augen und Ohren doch keinen nützlichen Gebrauch machen können; denn wenn man auch alle Zeichen Gottes vor sich sieht, so gebrtcht's Einem doch an den gewöhnlichen Mitteln, sich der Güte des Schöpfers zu erfreuen, weil man nicht mehr erkennt, was er uns damit verliehen hat." 16 „Müssen denn nothwendiger Weise auch die Zähne müßig oder die Kehle trocken sehn, Meister Förster, weil der Pfad verborgen liegt?" „In einem solche» Augenblicke schweigen Hunger und Durst, weil man sich nach nichts Anderem sehnt, als dem gewöhnlichen Verkehr mit der Erde zurückgegeben zu werden. Man fühlt sich wieder in die Hülslosigkeit eines Wickelkindes eingesetzt und trägt doch alle Bedürfnisse und Gewohnheiten des Mannes im Sinne." „Wenn Du einen solchen Zustand eine Wiedereinsetzung nennst, Freund Berchthold, so will ich St. Benedict um seine Fürsprache an- gehen, damit ich abgesetzt bleiben möge bis an das Ende meiner Tage." „Wo die Erinnerung eines so hülslosen Augenblickes noch frisch im Gedächtniß ist, legt man nicht jedes Wort auf die Wagschaale. Aber als ich meine Verlassenheit so recht lebhaft fühlte, kam ich aus dem Jagdgehäge auf diese Berghaide heraus. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich meinen Blicken ein Gegenstand, der wie ein Haus aussah, und es kam mir vor, als blinke ein Helles Licht durch das Fenster desselben. Jetzt fühlte ich mich dem Verkehr mit meinem Geschlecht wieder znrückgegeben." „Nun bedienst Du Dich Deiner Ausdrücke doch mit mehr Umsicht," sagte der Kuhhirt tief Athem holend, wie ein Mann, der froh ist, daß eine Schwierigkeit endlich doch überwunden wurde. „Ich hoffe, es war die Wohnung irgend eines wohlhabenden Grundsaffe» des Grafen Emich, dem eS nicht an den Mitteln fehlte, einer bedrängten Seele Tröstung zu geben." „Gottlob, die Wohnung war nichts Anderes, als der Teufelsstein, und das Licht ein blinkender Stern, der zufälliger Weise in einer Linie mit dem Teufelsstein stand." „Da kann ich mir denken, Meister Berchthold, daß Du nicht zweimal an der Thüre um Einlaß klopftest." „Der weibische Aberglauben und die Volkssagen, mit denen man sich über unsere Berge trägt, üben keinen sonderlichen Einfluß auf mich, aber" — 17 „Gemach, gemach, Freund Förster; was Du mit so unehrerbietigen Namen bezeichnest, ist die Ansicht aller derer, welche in oder um Dürkheim wohnen. Sei) es Ritter oder Mönch,. Bürger oder Graf, Alle haben gleiche Achtung vor unser» ehrwürdigen Ueberlieferungen. Tausend Sechs und Zwanziger, was müßte aus uns werden, wenn wir nicht so eine Mordsage oder sonst ein derartiges schauerliches und ehrfurchtgebietendes Schauspiel hätten, um es denBußen, Gebeten und Messen der Limburger Mönche gegenüber zu stellen. Blähe Dich meinetwegen in Deiner Weisheit und Philosophie, so viel Du willst, mein guter Milchbrudcr, aber laß uns unfern Teufel, wäre eS auch nur, damit wir dem Abt damit zu Leibe steigen können." „Trotz Deiner hohen Worte weiß ich doch, daß im Grunde des Herzens von uns beiden keiner eine größere Furcht vor eben diesem Berge hegt, als Du, Gottlob. Habe ich nicht schon selbst gesehen, wie Dir die kalten Schweißtropfen über die Stirne rannen, wenn wir nach Einbruch der Dunkelheit über die Haide gingen?" — „Weiß'st Du auch gewiß, daß eS nicht der Thau war? In unseren Bergen gibt'S viel von dieser Feuchtigkeit, mag auch sonst die Erde noch so trocken seyn." „Nun, so soll'S meinetwegen der Thau gewesen seyn." „Um Dir einen Gefallen zu erweisen, Berchthold, würde ich bereitwillig schwören, eS sey ein Rohrbronnen gewesen. Aber was hast Du mit dem Felsen und dem Sterne weiter angesangen?" „An ihrem Wesen ließ sich nichts ändern. Ich stelle mich freilich nicht so gleichgiltig an gegen die geheimnißvolle Nacht, welche die Erde beherrscht, wie Du, aber Du weißt wohl, daß mich die Furcht nie von diesen Bergen fern gehalten hat. AIS ich beim Näherkommen meinen Jrrthum einsah, wollte ich mich schon wieder abwcnden — und ich räume bereitwillig ein, daß ich ein Die Hcidenmauer. L 18 Kreuz schlug und ein ^vo vor mich hinsprach; aber ein Blick nach Oben überzeugte mich, daß der Stein besetzt war —" „Besetzt? Für besessen habe ich ihn zwar stets gehalten, aber doch ließ ich mir von einem Besetztseyn nie etwas träumen." „ES saß Jemand auf dem obersten Vorsprunge, und ich konnte die Umrisse so deutlich sehen, wie die des Felsen selber." „Darauf zeigtest Du die Behendigkeit, welche Dich bei dem Grafen so sehr in Gunst setzte und Dir gu Deinem Försterposten verhalt." „Ich hoffe, der Muth, die Pflichten meines Amtes in Ausführung zu bringen, hat sein Gewicht bei Herrn Emich," entgegnete Berchthold etwas hastig. „Ich bin nicht davon gelaufen, Gottlob, sondern redete .das Wesen an, welches sich zu so später Stunde einen so merkwürdigen Sitz gewählt batte." Ungeachtet seiner erkünstelten Scherzhaftigkeit zog sich der Kuhhirt unwillkürlich näher an seinen Begleiter und sandte zu gleicher Zeit einen Seitenblick in die Richtung des unheimlichen Felsen. „Du scheinst unruhig zu werden, Gottlob." „Meinst Du, ich habe keine Eingeweide im Leibe? Wie sollte ich nicht unruhig werden, wenn ich einen meiner Freunde in einer solchen Klemme weiß? Der Himmel behüte Dich, Berchthold, ich könnte nicht größer in Sorge kommen, und wenn die beste Kuh in meiner Heerde zu fressen aufhörte. Hast Du Antwort erhalten ?" „Ja," entgegnete der Förster, und fuhr dann in der sinnenden Weise eines Mannes fort, der einzelne Lichtblicke einer ihm lang verborgenen Wahrheit erhalten hat; „und der weitere Verlauf belehrte mich, daß die Furcht uns manchmal hindert, die Dinge zu sehen. Wie sie sind, woraus denn oft unsere Jrrthümer Nahrung ziehen. Ich erhielt Antwort, und zwar in einer menschlichen Stimme — das würden wohl die wenigsten Dürkheimer geglaubt haben." „Nun, darin liegt Ermuthigung, und wenn sie auch heiserer gewesen wäre, als das Gebrülle eines Stiers." „Sie klang sanft und war verständigen Inhalts, Gottlob, 19 wie Dir gerne glauben wirst, wenn ich Dir sage, daß sie von Niemand anderem, als von dem Einsiedler der Cedern herrührte. Bon dorther rührt unsere Bekanntschaft, und Dn weißt, daß sie seit jener Zeit meinerseits nicht aus Mangel an häufigen Besuchen in Abnahme gerieth." Der Kuhhirt ging mehr als eine Minute schweigend weiter, machte aber dann plötzlich Halt und redete seinen Gefährten folgendermaßen an: „Und dieß ist also Dein Geheimniß gewesen, Berchthold — ich meine in Betreff der Art, wie Deine neue Freundschaft begonnen hat?" „ES ist kein anderes damit verknüpft. Ich weiß wohl, wie sehr Dn an den Meinungen der Gegend hängst, und fürchtete, bei den Besuchen Deine Begleitung zu verlieren, wenn ich Dir unbehntsamer Weise alle Umstände unseres ersten Zusammentreffens mittheilte. Nun Du aber den Einsiedler selbst kennen gelernt hast, sorge ich nicht mehr, daß Du mir desertiren werdest." „Man muß bei Freunden nie auf allzu viele Opfer zählen, Meister Berchthold. Wenn die Sicherheit des Leibes in Frage kommt, die der Seele gar nicht einmal mitgerechnet, so, trägt sich der menschliche Geist mit so manchen Vorstellungen, läßt sich durch so viele Grillen beherrschen und wird durch so tausenderlei Bedenken gequält, daß man wohl keine größere Uebereilung begehen kann, als wenn man allzusicher auf die Opfer eines Freundes rechnet." „Nun, so weißt Du ja den Weg und kannst wieder nach dem Dorfe zurückkehren, wenn Du willst," entgegnete der Förster ärgerlich und nicht ohne Strenge. „ES gibt Lagen, in welchen es eben so schwer ist, den Rückweg anzntreten, als vorwärts zu gehen," bemerkte Gottlob, „sonst könnte ich Dich wohl beim Wort nehmen, Berchthold, und mich wieder nach der Wohnung meiner sorgsamen Mutter begeben, wo ich ein gutes Nachtessen nnd ein Bett zu hoffen habe, an dessen 20 Seiten die Bildnisse der Jungfrau, des heiligen Benedict und des Herrn Grafen herumhängen. Freilich, ohne meine Sorgfalt für Dich würde ich keinen Schritt weiter gegen das Lager hin thnn." „Halte das wie Du willst," versetzte der Förster, welcher augenscheinlich wohl merkte, wie sehr sich sein Begleiter vor dem Alleinseyn an einem so unheimlichen Platz fürchtete, und daher seinen Vortheil benützte, indem er seine Schritte in einer Weise beschleunigte, daß Gottlob bald seinen überwältigenden Vorstellungen überlassen geblieben sehn würde, wenn dieser nicht emsig die Behendigkeit seines Freundes nachgeahmt hätte. „Du kannst de» Leuten des Grafen sagen, Du habest mich auf diesem Berge verlassend „Nein," entgegnete Gottlob, sich die Noth zum Verdienste anrechnend, „wenn ich dieß thue oder sage, so sollen sie mich zu einem geschorenen Mönche oder zu dem Abt von Limburg obendrein machen." Nachdem der Kuhhirt, welcher den Widerwillen seines Gebieters gegen die fromme Nachbarschaft in vollem Maße theilte, diese Absicht in einer Stimme, die so kräftig als sein Entschluß war, ausgesprochen hatte, stellte sich das Vertrauen zwischen den Freunden wieder her, und sie verfolgten eilenden Fußes ihren Weg. Jndeß dürfen wir nicht bergen, daß der Platz in jeder Hinsicht geeignet war, alle schlummernden Keime des Aberglaubens, welche Erziehung, Ueberlieferung und Volkswahn der menschlichen Brust einpflanzten, in'S Leben zu rufen. Mittlerweile hatten sich unsere Abenteurer einem niedrigen Ce- dergehölze genähert, welches scheinbar innerhalb einer runden, aus großen Steinhaufen gebildeten Mauer auf einem Ausläufer des Gebirges stand. Hinter ihnen lag die ebene Haide, während der kahle Fels, im Mondenlichte sein Haupt aus der Erde emporreckend, inmitten der Einöde irgend einem düsteren Denkmale glich, durch welches die traurige Haide nur noch unheimlicher wurde. Den Hintergrund bildeten die schwarzen Wälder des Hardtgebirges. Rechts befand sich die Schlucht oder das Thal, aus welchem die beiden Jünglinge 21 heraufkamen, und ein wenig seitwärts von dem Cedernhaine nach vorne zu lag mehrere hundert Fuß tiefer in nebeligter Dunkelheit die Ebene der Pfalz, gleich einem Meere, das die endlosen Spuren der Kultur in einander verschwimmen ließ. Es war in der That selten, daß ein Dienstmann des Grafen Emich, namentlich einer von denen, welche in dem Schlöffe oder in dessen Nahe wohnten und daher jeden Augenblick in Anspruch genommen werden konnten, sich soweit von der Veste, und zwar nach der Richtung der feindlichen Abtei entfernte, ohne sich mit Schutz- und Trutzwaffen vorzusehen. Berchthold trug gcwohnter- maßen sein Jagdmesser, ein kurzes, gerades Schwerdt, das bis auf den heutigen Tag in Europa die sogenannten Leibjäger an der Seite führen — eine Claffe, welche, zu den fröhnerischen Diensten von Laquaien herabgewürdigt, hinten aus den Wägen von Gesandten und Fürsten paradiren muß, um den aufmerksamen Zuschauer an den regelmäßigen und sicheren Verfall der Bräuche aus den Zeiten des Lehenwesens zu erinnern. Aber auch Gottlob hatte, sofern menschliche Feinde in Frage kamen, seine persönliche Sicherheit nicht verabsäumt; denn in allen Kämpfen gegen Fleisch und Knochen war er ein mannhafter Bursche, wie er in mehr als einem jener blutigen Zwiste bekundet hatte, die in jener Zeit zwischen den Vasallen der kleineren deutschen Fürsten häufig genug vorkamen; der Kuhhirt hatte sich mit einer schweren Waffe vorgesehen, die sein Vater oft in der Schlacht geschwungen hatte und die der ganzen Muskelkraft des Sohnes bedurfte, um unter gebührender Beobachtung der erforderlichen Stellungen und Lagen gehandhabt zu werden. Feuergewehre waren damals viel zu theuer und zu unvollkommen, um für einen so unwichtigen Anlaß benützt zu werden, wie der war, welcher die Milchbrüder auf's Gebirg geführt hatte: denn in dieser verwandtschaftlichen Beziehung und in dem Umstande des gemeinsamen Heranwachsens lag das Ge- 22 heimniß der Vertraulichkeit, welche zwischen dem Förster und dem Kuhhirten stattfand. Berchthold bog nun, seinen Hirschfänger ziehend, nach einem alterthümlichen Thorwege ein, dessen Lage nur noch durch eine Unterbrechung des Grabens, welcher diese Seite der Mauer geschützt hatte und durch eine Oeffnung in der Mauer selbst kenntlich war, und betrat den inner» Raum, in welchem der Leser das in der Einleitung beschriebene Heidenlager erkennen kann. In demselben Augenblicke ließ Gottlob seine schwere Waffe von der Schulter sinken und faßte ihren Griff in wissenschaftlicher Weise. Es war allerdings kein Feind sichtbar, um diese Bewegungen zu rechtfertigen; aber die zunehmende Einsamkeit des Platzes und jene Besorgniß vor Gefahr, die sich des Menschen gerne bemächtigt, wenn er sich in einer Lage befindet, welche Thaten der Gewalten begünstigt, — gab wahrscheinlich zu dieser gemeinsamen Vorsichtsmaßregel Anlaß. Das Licht der Mondsichel war noch nicht hinreichend kräftig, um durch die dichten Zweige der Cedern zu dringen, und obgleich es in dem Gehölze nicht ganz so dunkel war, wie in einer eigentlichen Wolkennacht, so befanden sich doch die Jünglinge jetzt in jener düsteren und nebeligten Art von Beleuchtung, welche, indem sie die Gegenstände nur unbestimmt erkennen läßt, so ganz besonders dazu geeignet ist, die Zuversichtlichkeit eines mißtrauischen Geistes zu untergraben. Der Wind wehte nur leicht, aber das Seufzen der Nachtluft schlug den Wanderern kläglich an'S Ohr, während sie durch die Trümmer des Platzes ihren Weg suchten. Wir haben bereits oben bemerkt, daß die Heidenmauer ursprünglich ein römisches Lager war. Das kriegerische Volk, welches diese vorgeschobenen Werke an der äußersten Grenze seines weiten Reiches errichtete, hatte natürlich keines der nöthigen Mittel verabsäumt, die je nach den Umständen für die Sicherheit sowohl, als für die Gemächlichkeit ersprießlich werden konnten. Der elfteren Rücksicht hatten sie schon durch die fast gänzlich abgeschiedene Lage des 23 Hügels und durch ein Mauerbollwerk, das den noch vorhandenen Trümmern zufolge ungemein massenhaft und hoch gewesen seyn mußte, hinreichend Rechnung getragen, während der innere Raum in den Uebcrbleibseln, über welche Gottlob in der Dankbarkeit mehr als einmal strauchelte, häufig genug den Beweis lieferte, daß man es nicht an bequemer Einrichtung hatte fehlen lassen. Da und dort stand noch eine mehr oder weniger verfallene Wohnung, welche gleich den denkwürdigen Ueberresten von Pompeji und Her- kulanum ein interessantes und untrügliches Zeugniß ablegte von den Gebräuchen derjenigen, die seitdem längst in die ewige Ruhe eingegangen waren. Einige rohe Ausbesserungen, welche die ergreifenden, aber einfachen Denkmale dessen, was das Innere des Lagers in der Periode seiner Kraft und seines Stolzes gewesen war, eher beeinträchtigten als verschönerten, deuteten darauf hin, daß Abenteurer der neueren Zeit sich Mühe gegeben hatten, die Trümmer in ihrem eigenen Interesse zu benützen, indem sie die verfallenen Hütten zu Wohnungen für ihren eigenen jeweiligen Gebrauch umwandelten. Jndeß schien doch dieß alles längst wieder verlassen worden zu seyn, denn Berchthold und sein Begleiter tasteten sich vorsichtig nur zwischen zerbröckelndem Gestein weiter, dessen klaffende Spalten auf hoffnungslosen Verfall hindeuteten. Endlich hielten die Jünglinge inne und hefteten ihre Blicke in die gleiche Richtung, als würden sie mit einemmaie des Zieles ihrer Wanderung ansichtig. In einem Theile des Haines, wo die Cedern dichter und üppiger wuchsen, als in den meisten Stellen dieses steinigten und unebenen Bodens, stand ein einzelnes, niedriges Gebäude, welches allein noch bewohnbar aussah. Wie die anderen war es entweder ursprünglich von den Herren der Welt erbaut oder durch die Soldaten Attilas, welche einen Winter in diesem Lager zubrachten, auf dem Grundgemäuer eines römischen Gebäudes errichtet worden; auch konnte man bemerken, daß es erfinderische Armuih mit ihrem gewöhnlichen Scharfsinn wetterfest gemacht hatte. Es war ein einzelnes 24 Fenster, eine Thüre und ein roher Schornstein vorhanden, der durch das Clima und die hohe Lage de« Ortes fast unerläßlich wurde. Durch das Fenster ließ sich der trübe Schein einer Fackel unterscheiden — bas einzige Merkzeichen, daß die Hütte bewohnt war, denn außen herum lag Alles, die vorerwähnten rohen Verbesserungen ausgenommen, in der nachläßigen und beredten Stille des Verfalles da. Der Leser wird aus dieser Schilderung wohl entnehmen, daß hier nicht von jener massenhaften Großartigkeit die Rede ist, die man beinahe unwillkürlich mit Allem, was den Namen Römisch trägt, in Verbindung bringt. Denn während der Natur der Sache nach die gewaltigsten öffentlichen Arbeiten dieses Volkes sich am ehesten bis auf unsre Zeiten erhalten mußten, trifft doch der Reisende oft auch auf Denkmäler ihrer Herrschaft, die so gebrechlich und vergänglich sind, daß sie ihre Erhaltung großenthcils nur einer zufälligen Verkettung günstiger Umstände verdanken. Dennoch zeichnete sich der Römer in kleinen Dingen, wenn sie nur auf einen öffentlichen Zweck Bezug hatten, ebensosehr aus, als er in bedeutenden Bauten alle nachkommenden Geschlechter übertraf. Die Ringmauer oder Heidenmauer ist ein triftiger Beleg für meine Behauptung. In der Nähe von Dürkheim findet sich nirgends ein Bogen, ein Grab, ein Thor oder ein gepflasterter Weg, welcher den Beweis führen könnte, daß der Platz etwas anderes war, als ein zeitweiliger militärischer Posten, und doch ist die Anwesenheit seiner früheren Inhaber durch weit augenfälligere Beweise hergestellt, als wohl nach einem Jahrhundert zu finden seyn dürften, wenn mit einemmale die Hälfte aller dermaligen Städte der Christenheit verlassen würden. Freilich sind die Wahrzeichen nur roh und dem Zwecke entsprechend, der sie ins Daseyn rief. Der Förster und der Kuhhirt blieben lange stehen und betrachteten die einsame Hütte, welche ihre Blicke gefesselt hatte, wie Männer, welche weiter zu gehen Anstand nehmen. „Wenn Du mir nur nicht erzählt hättest, Meister Berchthold, 25 daß unser ehrlicher Anachoret so große Vorliebe dafür hat, sich Nachts dem Teufelsstein zu lüften," sagte der letztere. „Ich kann jetzt seiner Gesellschaft lange nicht mehr den früheren Geschmack abgewinnen." „Du wirst Dich doch nicht fürchten, Gottlob—Du, dessen Muth sich unter unseren Jünglingen eines so guten Rufes erfreut?" „Und ich selbst werde der Letzte seyn, der mich der Feigheit oder irgend einer anrüchigen Eigenschaft beschuldigt, Freund Förster; aber Klugheit ist auch in jungen Jahren eine Tugend, und der Abt von Limburg selbst müßte dieß beschwören, wenn er hier wäre—" „Er ist nicht in seiner eigenen hochwürdigen und achtbaren Person gegenwärtig," ließ sich nun eine Stimme so nahe an Goltlob'S Ohr vernehmen, daß dieser hurtig bei Seite sprang; „aber ein Mann, der einen Theil Seiner Heiligkeit bescheiden repräsenliren kann, ist bereit, die Wahrheit Deiner Aeußerung zu bestätigen, mein Sohn." Die betroffenen jungen Männer sahen jetzt, daß sich ihnen unerwartet ein Mönch von der anderen Seite des Gebirges ange- schloßen hatte. Sie befanden sich auf den Ländereien der Abtei oder vielmehr auf einem Grunde, der einen Streitgegenstand zwischen den Bürgern von Dürkheim und dem Kloster bildete, in Wirklichkeit aber sich im Besitze des Letzter» befand, weshalb sie sich als Dienstleute deö Grafen von Hartenburg nicht sehr sicher fühlten. Sie gaben daher keine Antwort und suchten beiderseits irgend einen scheinbaren Vorwand ihres Besuches an einem Platze zu ersinnen, der sonst so wenig begangen wurde und bei dem benachbarten Landvolke nicht sehr in Gunsten stand. „Ihr seyd wohl junge Leute von Dürkheim?" fragte der Mönch, indem er sich bemühte, bei dem unvollkommenen Lichte, das durch die Zweige der dunkeln Cedern drang, die Züge der nächtlichen Wanderer zu mustern. Gottlob, dessen Hauptschwäche in seiner allzugroßen Znngen- geläufigkcit bestand, nahm das Geschäft der Antwort ans sich. „Wir sind junge Leute, hochwürdiger Vater," versetzte er, „wie 26 Euer schneller und scharfer Blick rasch genug erkannt hat. Ich will meine Jahre nicht verläugncn, und wenn ich dieß auch beabsichtigte, so würde der Teufel, welcher alle Personen zwischen fünfzehn und fünf und zwanzig in der Gestalt irgend eines schwindelköpfigen Gebrestes gefangen hält, den Trug bald verrathen." „Von Dürkheim, mein Sohn?" „Da die Rechtsansprüche auf diesen Berg zwischen der Abtei und der Stadt im Streit liegen, so dürften wir wohl nicht hoher in Eurer Gunst zu stehen kommen, frommer Mann, wenn wir ja sagten." „Du läßt der Abtei durch diesen Argwohn wenig Gerechtigkeit widerfahren, mein Sohn. Wir könne» die Rechte der Kirche, die in ihre» zeitlichen Gütern einem unwürdigen und sündigen Verbände armer Brüder vertraut sind, recht wohl vertheidigen, ohne lieblos gegen diejenigen zu sehn, welche bessere Ansprüche zu haben glauben, als wir. Die Liebe zum Mammon ist nur schwach in den Herzen derjenigen, die sich einem Leben der Selbstverläugnung und Reue geweiht haben. Du kannst also dreist heraussagen, daß Du von Dürkheim sehest, ohne meinen Unwillen befürchten zu müssen." „Nun, wenn Ihr einmal so wollt, mein wohlwollender Pater, so will ich keck heraussagen, daß wir von Dürkheim sind." „Und Ihr seyd gekommen, um Euch bei dem heiligen Einsiedler der Cedern Raths zu erholen?" „Es ist nicht nöthig, hochwürdiger Pater, einem Manne von Eurer Menschenkenntniß zu sagen, daß der Kitzel, die Nase in die Angelegenheiten seiner Nebenmenschen zu stecken, die Erbsünde aller Kleinstädtler ist. Himmel! Wenn sich unsere würdigen Bürgermeister nur ein wenig Zeit nehmen wollten, von anderer Leute Sachen abzusehen und vor der eigenen Thüre zu kehren, so würden beide Theile gewinnen, die gestrengen Herren in ihrer Habe und wir in unserer Gemächlichkeit." Der Benedictiner lachte und winkte den Jünglingen, ihm zu folgen, während er selbst der Hütte zu ging. 27 „Da Ihr Euch ohne Zweifel in preiswürdiger und frommer Absicht so weit bemüht habt, meine Söhne," sagte er, „so laßt euch durch meine Anwesenheit von eurem Vorhaben nicht abbringen, Mir wollen gemeinschaftlich nach der Zelle des heiligen Einsiedlers gehen, und wenn aus seinem Segen oder seiner Belehrung Vortheil zu erhalten ist, so glaubt mir, baß ich nicht so ungerecht sehn werde, irgend einen von euch um seinen Anthcil zu beneiden." „Die Art, wie die Mönche von Limburg sich selbst zum Besten ihrer Mitchristen Vortheile versagen, ist nah und fern im Munde Aster, und Eure Großmulh, hochwürdiger Pater, liefert nur einen neuen Beleg für den wohlverdienten Ruf, in welchem die ganze Brüderschaft steht." Da Gottlob diese Worte in sehr ernstem Tone sprach und sich ehrfurchtsvoll dabei verbeugte, so ließ sich der Benedictiner einigermaßen täuschen, obschon er nicht umhin konnte, beim Eintritt in die Hütte einen Blick des Argwohnes nach dem Hirten zu entsenden. Drittes Kapitel. »Er kömmt zuletzt in hoher Lieblichkeit; Woher? — Sie Wissens nicht und brauche»- nicht zu rächen." Lara. den Tagen, in welchen man sündhafte Handlungen hauptsächlich durch Aberglauben wieder gut zu machen suchte und die Sklaven wilder Leidenschaften des Glaubens lebten, sie könnten ihre Reue nur durch auffastende Handlungen physischer Selbstverläug- »ung an den Tag legen, war die Welt oft Zeuge von Beispielen, daß sich Leute ihren Verlockungen entzogen und in Höhlen oder Klausen krochen, um daselbst recht augenfällig der Buße und dem Gebete zu leben. Daß diese außerordentliche Schaustellung von Frömmigkeit häufig nur der Mantel des Ehrgeizes und des Truges war, 28 ist gewiß, obschon es lieblos fest» würde, im Allgemeinen bezweifeln zu wollen, daß die Quelle einer so seltsamen Handlungsweise in einem ehrlichen, wiewohl mißverstandenen Eifer lag. Noch jetzt trifft man in den südlicheren Theilen Europas nicht selten Einsiedeleien, obschon sie in Deutschland nur selten Vorkommen; aber vor der Reformation des sechszehnten Jahrhunderts, folglich auch um die Periode unserer Erzählung, gaben sich die Abkömmlinge der nördlichen Menschenrace vielleicht weit öfter der Einsamkeit in einer Wildniß hin, als die Südländer mit ihrer glühenderen Einbildungskraft. Es ist ein Naturgesetz, daß Körper, welche leicht Eindrücke aufnehmen, dieselben ebenso leicht wieder verwischen lassen, und es mag wohl für die unabläßigen Selbstpeinigungen des AnachoretenlebenS eine Beharrlichkeit und Strenge erforderlich sepn, die sich weit seliener unter den flüchtigen und glücklichen Kindern heißer Sonnen, als unter den ernsteren Sprößlingen von Himmelsstrichen fand, wo Frost und Stürme herrschen. Was sich auch immer theoretisch über einen Menschen sagen lassen mag, der in solcher Weise zu Gottes Ehre die weltliche Gemächlichkeit aufgab, so läßt sich doch keinesfalls verkennen, daß in der Wirklichkeit eine derartige Lebensweise schon hienieden eine wohlthuende Befriedigung in sich führte, die für kränkelnde Gemüther, namentlich aber für solche, in welchen der Saame des Ehrgeizes nur im Schlummer lag, nicht aber erloschen war, viel Reiz bot. In der That kam es nur selten vor, daß sich eine Einsiedelei in der Nähe eines einfachen gläubigen VölkleinS aufthat, und nur Wenige suchten eine völlige Abgeschiedenheit, ohne einen reichen Zoll an Verehrung von Seiten ungebildeter Bewunderer und ein bedeutendes moralisches Nebergewicht über dieselben zu gewinnen. Auf so hinterlistige Weise belagert uns die Eitelkeit innerhalb der Bollwerke, welche wir für die sichersten halten, und wer die Welt aufgegeben hat, um mit ihr auch jene Leidenschaften abzustreifen, durch die er seine Hoffnungen gefährdet sieht, muß nun mit einem- 29 male den Feind in neuer Gestalt mitten im Herzen seiner Derthei- digungswerke finden. Es liegt kein großes Verdienst und gemeiniglich eben so wenig Sicherheit darin, wenn man einer Gefahr den Nucken kehrt, und derjenige, welcher in Folge eines so zweideutigen Mittels den Kampf überlebt, hat weit weniger auf den ehrenvollen Namen eines Helden Anspruch zu machen, als derjenige, welcher siegreich aus dem Streite hervorgeht und seinem Widersacher den Todesstoß gegeben hat. Dem Menschen ist die Aufgabe zugewiesen, im Kreise seiner Brüder Gutes zu thnn, seinen Posten in der Kette der Schöpfung auszufüllen und keine der hohen Pflichten zu umgehen, welche ihm Gott übertragen hat; auch sollte er es eben darum mit dem tiefgefühltesten Danke anerkennen, daß er in seinem mühevollen Erdenwallen des mächtigen Beistandes jener Weisheit nicht entbehrt, welche das All in harmonischem Einklang erhält. Der Klausner unter den Cedern — wie der Anachoret, den der Mönch und seine zufälligen Begleiter jetzt besuchten, von dem Landvolke und den Dürkheimer Bürgern gewöhnlich genannt wurde, — hatte sich sechs Monate vor Eröffnung unserer Geschichte auf der Heidenmauer eingefunden. Woher er kam, wie lang er zu bleiben gedachte und was er früher getrieben; — dieß waren lauter That- sachen, von denen Niemand in der UmgegSnd auch nur das mindeste wußte. Kein Mensch hatte ihn kommen sehen, und Niemand konnte sagen, aus welcher Quelle er die paar HauSgeräthschaften, die sich in seiner Hütte befanden, bezogen hatte. Diejenigen, welche acht Tage zuvor das Lager unbewohnt verlassen hatten, fanden nun mit einemmale einen Mann daselbst, welcher eine der verlassenen Hütten wind- und wetterfest gemacht, zugleich aber durch Auspflanzung eines Kreuzes vor seiner Thüre den Beweggrund seiner Abgeschiedenheit zureichend angekündigt hatte. Man pflegte damals die Niederlassung eines Einsiedlers in der ganzen Umgegend als ein glückliches Ereigniß zu begrüßen, und der Klausner saß noch keine vierzehn Tage im Gebirg, als man schon allerseits auf die Für- 30 spräche des Fremden Hoffnungen baute und Pläne zu Erreichung zeitlicher Zwecke darauf gründete. Die Nachricht von seiner Ankunft verbreitete allgemeine Freude, welche nur von dem Grafen Emich, dem Dürkheimer Magistrate und den Limburger Mönchen nicht getheilt wurde. Der stolze, kampflustige Ritter hegte in Folge seiner angestammten Feindschaft gegen das benachbarte Kloster, welches sich seit Menschenaltern um die Herrschaft über das Thal mit seiner Familie stritt, ein unvertilgbareS Borurtheil gegen alle Diejenigen, welche ihr Leben dem Himmel weihten, und die Herren vom Rathe unterhielten eine geheime Eifersucht gegen jeden Einfluß, der sich nicht auf Landesbrauch und Gesetze gründete, während das Mißtrauen der Mönche in jener geheimen Triebfeder der Menschennatur zu finden war, welche es uns unangenehm empfinden läßt, wenn wir in Dingen, die zu unserem Berufe gehören, übertroffen werden, selbst wenn sich'S dabei um höhere Gottseligkeit handelt. Bisher hatte der Abt von Limburg in allen Vermittelungen zwischen Erde und Himmel als letzte Instanz gegolten, und da dieses Ansehen das Recht der Verjährung für sich hatte, so durfte er sich desselben lange in jener sorglosen Sicherheit erfreuen, welche in Zeiten des Glückes so oft dem Falle vorangeht. Diese Abneigung von Seiten der Hochstehenden und Gewaltigen hätte das Leben des Klausners im mindesten Falle sehr ungemächlich, wo nicht entschieden unsicher machen können, wenn nicht das Gleichgewicht durch entschiedene Gegenkräfte hergestellt worden wäre. Die Volksmeinung . hielt, vom Aberglauben unterstützt, ihren Schild über die niedrige Hütte, und Monat um Monat entschwand nach der Ankunft des Fremden, ohne daß er andere Kundgebungen als die der Ehrfurcht, welche ihm die Masse zollte, hatte befahren dürfen. Ein zufälliges Zusammentreffen mit Berchthold reifte zur Vertraulichkeit heran, und der Leser wird im Laufe unserer Erzählung finden, daß es auch noch andere Personen gab, denen die Gebete und Rathschläge des Klausners nicht glcichgiltig waren. 31 Die letztere Thatsache klärte sich nun auch denjenigen zureichend auf, welche um ihres wechselseitigen Mißtrauens willen mit weniger Umständen, als gewöhnlich, über die Schwelle der Hütte traten. Das Licht im Innern rührte von einem Neißbündel her, der auf dem ärmlichen Heerde brannte, verbreitete aber hinreichende Helle, um dem Mönch und seinen Begleitern zu zeigen, daß der Klausner nicht allein war. Man hatte augenscheinlich ihre Fußtritte vernommen, denn eine weibliche Gestalt benützte diese Ankündigung um sich von ihren Knieen zu heben und ihren Mantel so über sich herzuwerfen, daß ihr Antlitz völlig verhüllt wurde. Sie war kaum damit zu Stande gekommen, als der Benedictiner mit seiner schwarzen Kutte die Thüre verdunkelte, während ihm Berchthold und sein Freund mit lebhafter Neugierde, in welche sich Uebcr- raschung mischte, über die Schultern schauten. Der Klausner war seiner Gestalt und seinem Gesichte nach ein Mann von mittlerem Alter. In seinem Auge sprach sich Geist und Lebhaftigkeit aus, obschon seine Bewegungen die vorsichtige Bedächtigkeit kundgabcn, welche lange Erfahrung allmählig in die Geberdungen derjenigen legt, die nicht vergebens gelebt haben. Er ließ weder Besorgniß, noch Verwunderung über den unerwarteten Besuch blicken, sondern betrachtete einfach seine Gäste wie ein Mann, der sich von ihrer Identität überzeugen will, und forderte sie dann durch einen leichten Wink zum Eintreten auf. Der Benedictiner gehorchte mit einem Blicke argwöhnischer Eifersucht, denn bis jetzt hatte er noch nie Grund zu der Annahme gefunden, daß der Klausner einen so tiefen Einfluß auf die Gemüther der Jugend gewonnen habe, als sich vielleicht aus der Anwesenheit des unbekannten Frauenzimmers folgern ließ. „Ich habe zwar wohl von Deinem heiligen Leben und Deinem Gebetseifer Kunde erhalten, ehrwürdiger Einsiedler," begann er in einem Tone, der in mehr als einem Sinne des Ausdrucks fragend klang, „wußte aber bis auf diesen Augenblick nicht, daß Du mit 32 der kirchlichen Gewalt begabt bist, die Beichte der Gläubigen anzuhören und ihre Sünden zu vergeben." „DaS letztere, Bruder, ist ein Amt, das von Rechts wegen nur Gott zusteht. Das Oberhaupt der Kirche selbst ist nur ein demüthiges Werkzeug des Glaubens, wenn es sich dieser feierlichen Vollmacht entledigt." DaS Gesicht des Mönchs wurde bei dieser .Antwort nicht liebenswürdiger; auch versäumte der Benedictiner nicht, einen prüfenden Blick auf die verhüllte Fremde zu werfen, ob er sie nicht vielleicht an der Haltung erkenne. „Du hast nicht einmal die Tonsur," fuhr er fort, während sein unstäteS Auge von dem Klausner gegen die Frauengestalt hinrollte, die sich so weit aus dem Kreise der Beobachtung zurückgezogen hatte, als es der enge Raum nnr gestattete. „Du siehst, Vater, ich habe noch alles Haar, das mir Zeit und Gebreste gelassen haben; aber glaubt man in Deiner mit Beneficien reich versehenen, kriegerischen Abtei, daß der Rath eines Mannes, der lange genug gelebt hat, um seine eigenen Jrrthümer zu erkennen und zu beklagen, dem minder Erfahrenen nachtheilig werden könne? Wenn ich hierin unglücklicher Weise in einer Selbsttäuschung befangen sehn sollte, hochwürdiger Pater, so bist Du noch zeitig genug gekommen, um das Unrecht wieder gut zu machen." „Wenn die Jungfrau etwas auf ihrer Seele liegen hat, so soll sie sich in den Beichtstühlen der Abteikirche cinfinden, wo sie ohne Zweifel vollen Trost finden wird." „Wie ich aus vielfältiger eigener Erfahrung bezeugen kann—" ergriff nun plötzlich der Kuhhirt das Wort, indem er sich dreist zwischen die beiden GottcSmänner drängte und so ihre beiderseitige Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. ,Geh' auf den Berg hinauf und hole dort Erleichterung für Deine Seele, Gottlob/ Pflegt meine gute und verehrungswürdige Mutter zu sagen, so oft meine Ansicht von mir selbst ein bischen allzu gering wird. ,Benimm Dich mit einem von den gottseligen Vätern der Abtei, deren Weisheit nnd Salbung nicht ermangeln wird, Deinem Herzen sogar eine noch weit schwerere Last abznnehmen. Da ist Pater Ulrich, ein wahres Wunder von Tugend und Selbstverläugnung; dann der Pater Cuno, dessen Zuspruch beinahe noch erbaulicher und heilsamer ist, und endlich der Pater Siegsried, der wahren Seelenbalsam spendet, und darin sogar den hochwürdigsten Abt, den frommen und tugendhaften Vater Bonifacius, übertrifft. Was Du auch thun magst, Kind, geh' den Berg hinauf und tritt kecklich als ein bedrückter nnd niedergeschlagener Sünder in die Kirche; namentlich aber suche Dich bei dem theuren und vortrefflichen Pater Siegfried Raths und Zuspruchs zu erholen/" „Und Du — wer bist Du," fragte der Mönch halb zweifelnd, „daß Du in meiner Gegenwart Ausdrücke über mich brauchst, die ich so wenig verdiene?" „Ich wollte, ich wäre Herr Emich von Hartenburg oder meinetwegen der Churfürst von der Pfalz selbst, um denen, welche ich ehre, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In diesem Falle sollten sich gewisse Väter von Limburg einer besonder» Gunst erfreuen, und zwar unmittelbar nach meinem eigenen Fleisch und Blut. Wer ich bin, Vater? Es nimmt mich Wunder, daß ein Gesicht in Vergessenheit gerathen kann, das sich so oft droben im Beichtstuhl blicken läßt. Was lobenswerth an mir ist, hochwürdiger Pater, habe ich Euch zu danken — aber es darf mich nicht überraschen, daß Ihr Euch meiner nicht erinnert, denn ein bescheidener, demüthiger Geist vergißt stets seiner eigenen guten Werke." „Du nennst Dich Gottlob — aber diesen Namen führen so Viele in der Christenheit." „Freilich, hochwürdiger Pater — und zwar weit mehr, als ihm Ehre machen. Da ist ein gewisser Gottlob Frincke, ein so heilloser Spitzbube, wie nur irgend einer in Dürkheim. Auch der Gottlob Die Heidenmaucr. 3 34 Popp könnte seinem Taufgelübde mehr Respekt erzeigen, und was den Herrn Gottlob von Mannheim betrifft —" „Wir wollen die Verirrungen aller Deiner übrigen Namensvettern um des Guten willen, dessen Du selbst Dich rühmen kannst, übersehen," unterbrach ihn der Benedictiner, der, obschon er anfangs unwillkürlich dem Weihrauch der Schmeichelei nachgegeben hatte, sich jetzt dieser Schwäche zu schämen begann; denn der zungenfertige Kuhhirt ließ seine Worte in einer Weise entströmen, welche die Eigenschaften eines Lobs aus solcher Quelle wohl verdächtigen konnte. „Magst Du zu mir kommen, wenn Du willst, mein Sohn, so soll Dir aller Zuspruch zu Theil werden, den ein einfältiger Sinn und ein aufrichtiges Herz zu ertheilen im Stande ist." „Ach welche Erleichterung würde nicht das Herz meiner alten Mutter empfinden, wenn sie dies hören könnte! Gottlob* würde sie sagen—" „Was ist aus Deinem Begleiter und aus der Jungfrau geworden?" fragte jetzt hastig der Benedictiner. Da der Kuhhirt seine Rolle erfolgreich zu Ende gespielt hatte, so trat er nunmehr mit der Miene der Einfalt und des Erstaunens bei Seite, indem er es dem Klausner und dem Mönche überließ, das Gespräch fortzusetzen. „Deine Gäste haben uns plötzlich verlassen," fuhr der Ordensmann fort, nachdem er sich durch eigene Beaugenscheinigung zureichend überzeugt hatte, daß sich außer ihm selbst, dem gewöhnlichen Bewohner und unserem süß redenden Gottlob Niemand mehr in der Hütte befand; „und wie es mir vorkommt, sind sie miteinander unsichtbar geworden." „Sie sind gegangen, wie sie kamen — aus eigenem freiem Antriebe, und ohne daß sie Jemand darüber befragte." „Sie kommen wohl häufig zu Dir und sind Dir daher bekannt, frommer Einsiedler?" „Ich stelle an Niemanden Fragen, hochwürdiger Vater, und wenn der Churfürst Friedrich selbst sich bei mir einfinden wollte, so würde er so willkommen seyn, wie dieser Kuhhirte hier. Für Vornehme und Geringe habe ich den gleichen Abschiedsgruß: ,Gott sey Dein Geleitsmann!<" „Du hütest das Vieh der Dürkheimer Bürger, Gottlob?" „Hochwürdiger Priester, ich weide die Heerde, welche mir meine Herren anzuvertrauen belieben." „Wir haben ernstlichen Grund zur Beschwerde gegen einen Deiner Zunftgenossen, der dem Grafen von Hartenburg dient und täglich sein Vieh auf die Waidegründe der Kirche treibt. 3st Dir der Kerl nicht bekannt?" „Potz Tausend! Wenn man alle die Spitzbuben, w elche dergleichen Unrecht begehen, sobald sie ihren Herren aus dem Gesichte find — vor dem hochwürdigsten Abt von Limburg in einer Reihe aufziehen lassen wollte, so würde er kaum wissen, ob er mit Gebeten oder mit der Peitsche anfangen sollte, obschon es heißt, daß er im Nothfalle in diesen beiden Stücken ein gar starker geistlicher Herr sey. Ich zittere bisweilen für mein eigenes Betragen, obgleich Niemand eine bessere Meinung von sich selbst haben kann, als ich, so arm und niedrig ich auch in Eurer Hochwürden Gegen« art dastehe; denn ein hartes Geschick und ein Uebersehen in der Verw altung der Angelegenheiten meines Vaters sind einzig Schuld daran, daß ich nothgedrungen unter solcher Kameradschaft leben muß. Wäre ich nicht von der erprobtesten Redlichkeit, so dürfte es noch mehr Vieh auf dem Abteilande geben, und Diejenigen, welche nun aus lauter Demuth ihre Zeit in Fasten verbringen, konnten leicht so weit kommen, es aus Noth thun zu müssen." Der Benediktiner musterte mit scharfem, mißtrauischem Auge Gottlobs demüthigeS Gesicht und lud sodann den Klausner ein, dem Hirten seinen Segen zu ertheilen. Sobald diese heilige Handlung vorgenommen war, winkte er Gottlob, sich zu entfernen, und ging sofort auf den wahren Zweck seines Besuchs in der Einsiedelei über. 36 Wir müssen hierorts bemerken, daß die Periode, von welcher unsere Geschichte spricht, für alle Bewohner der Nheinpfalj ungemein bedenklich war. Der Churfürst hatte — vielleicht unklugerweise für einen Fürsten von seinen beschränkten HülfSquellen — an dem damals wüthenden Kriege thätigen Nntheil genommen, und ernstliche Unglücksfälle drohten, nicht nur seine Ruhe, sondern auch seinen Thron zu gefährden. Es war eine Folge des zu jener Zeit so allgemein in Europa herrschenden LehenspstemS, daß auf jede augenfällige, wenn auch noch so kurze Störung der Gewalt des Machthabers, der das Recht der Souverainetät über die endlose, damals auf Deutschland besonders schwerdrückende Zahl kleiner Herrscher behauptete, innere Wirren folgten. Für letztere galt nur er als Gesetz, denn sie hatten nicht Lust, irgend eine Oberherrlichkeit anzuerkennen, die nicht durch die Hand der Gewalt unterstützt wurde. Die aufstcigende Stufenleiter von Herren, welche den Ritter, den Grafen, den Landgrafen, den Markgrafen, den Herzog und den Churfürsten bis zu dem sogenannten Staatsoberhaupte, dem Kaiser selbst, umfaßte, mußte schon vornweg mit ihren vielseitig verwickelten Interessen, da sie Lehenseid in LehenSeid, Unterthanenpflicht in Unterthanenpflicht verschlang, zu Zwistigkeiten führen, selbst wenn die kaiserliche Krone einen weit bestimmteren und entschiedeneren Einfluß hätte geltend machen können. Bei der unsicheren und bloS mittelbaren Entsaltung der Reichskräfte aber geschah cS nur selten, daß irgend eine bedeutende Ruhestörung ohne das Aufgebot namhafter Streitkräfte beseitigt werden konnte. Kaum sah sich der Kaiser in einen ernstlichen Kampf verflochten, als auch schon die großen Fürsten das Gleichgewicht wieder zu erringen trachteten, welches nur durch die lange Uebcrmacht einer einzelnen Familie verloren gegangen war, während auch die kleineren Fürsten selten in äußerliche Verlegenheiten geriethen, ohne daß innere Zwietracht zu Erhöhung deS UebelS beitrug. Da der Basall gemeiniglich nur das rohe Spiegelbild der Feindseligkeiten und Vorurtheile seines Gebie- 37 terS war, so wird der Leser aus der Sprache des Kuhhirten bereits entnommen haben, daß die Angelegenheiten zwischen dem Abt von Limburg und dein Grafen von Hartenburg durchaus nicht auf dem freundlichsten Fuße standen. Schon die nahe Nachbarschaft war ein fast unumgänglicher Anlaß zu eifersüchtiger Feindseligkeit, während das unablässige Ringen zwischen dem Einflüsse des Aberglaubens und der Furcht vor dem Schwerdte eine weitere natürliche Triebfeder zu Zwistigkeiten abgab. Der Besuch des Mönchs stand in Verbindung mit gewissen Interessen, welche auf die damalige Sachlage, wie sie zwischen der Abtei und dem Schlosse stattfand, Beziehung hatten. Da es jedoch voreilig sehn würde, seinen Zweck schon hier namhaft zu machen, so beschränken wir uns auf die Bemerkung, daß der Mönch sich erst nach einer halben Stunde von dem Klausner verabschiedete, nachdem er sich zuvor den Segen eines Mannes erbeten, dessen Leben so rein und selbstverlcugncnd wie das seines WirtheS war. An der Thüre der Hütte traf der Benedictiner auf den Kuhhirten, der, wie sich der Leser erinnern wird, schon früher abgefertigt worden war, aus Gründen aber, die ihm selbst am besten bekannt sehn mochten, es für paffend gehalten hatte, das Ende der Zusammenkunft abzuwarten. „Du noch immer hier, mein Sohn?" rief der Mönch. „Ich war der Meinung, Du habest den Segen des heiligen Klausners längst im Frieden nach Deinem Bette getragen." „Wenn ich mich glücklich fühle, so darf ich darauf zählen, daß der Schlaf meine Augen scheut, Vater," versetzte Gottlob, indem er sich dem Mönche anschloß, während dieser durch das Cedernholz auf den alten Thorweg des Lagers zuging. „Ich gehöre nicht in das Nindergeschlecht, das sich zur Ruhe niederlegt, sobald es sich mit etwas Gutem angefüllt hat, sondern hege nur um so mehr den Wunsch, mich meiner guten Stimmung zu erfreuen, je glücklicher ich mich fühle." 38 „Das finde ich ganz natürlich. Freilich darf man nicht allen natürlichen Wünschen Nachsicht zu Theil werden lassen; indeß sehe ich doch nicht ein, welche Gefahr eS bringen könnte, wenn man sich seines Glückes bewußt ist." „Von der Gefahr will ich eben nichts sagen, Vater, wohl aber von der Behaglichkeit, die darin liegt; und wenn ich dies in's Auge fasse, so gibt es keinen jungen Menschen in Dürkheim, der mit größerer Sicherheit hievon reden könnte, als ich." „Gottlob," entgegnete der Benedictiner, indem er sich unwillkürlich in der Weise eines Mannes, der eine vertrauliche Mittheilung eröffnen will, näher an seinen Begleiter drängte, „weil Du gerade von Dürkheim sprichst, so kannst Du mir vielleicht etwas über die Stimmung sagen— wie nämlich die dortigen Bürger den Zwist zwischen unserem heiligen Abte und dem Herrn Emich von Hartenburg ansehen." „Wenn ich Euer Hochwürden aus dem Grunde meines Herzens die Wahrheit sagen sollte, so müßte ich Euch mittheilen, daß die Bürger die Angelegenheit in einer Weise beendigt wünschen, die fortan keinem Zweifel mehr Raum gäbe, welcher Partei sie am meisten zu Gehorsam und Liebe verpflichtet find; denn sie finden cs trotz ihres Eifers doch ein wenig hart, daß beiderseits so schwere Ansprüche an ihre Dienstleistungen gemacht werden." „Du kannst nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen, mein Sohn; so sagt Einer, der nicht täuschen konnte." „Dasselbe sagt auch die Vernunft, hochwürdiger Pater. Nm Euch übrigens meine innerste Seele mit einemmale aufzuschließen, so glaube ich, daß es nicht einen einzigen Menschen in unsrem Dürkheim gibt, der sich nicht für gelehrt genug hielte, in diesem Pfiichtenstreite zu sagen, wo Gott und wo der Mammon zu finden ist." „Wie, ziehen sie etwa gar unsere heilige Sendung, unsere göttliche Botschaft — kurz das, was wir wirklich sind, in Frage?" „Niemand ist so keck, sagen zu wollen, daß die Mönche von 39 Limburg seyen, was sie sind, denn dieß wäre eben sv »»ehrerbietig gegen die Kirche als ungebührlich gegen den frommen Paler Siegfried. Höchstens erdreisten wir uns, zu sagen, sie scheinen zu sehn, was sie sind, und das will nicht wenig heißen, wenn man bedenkt, wie es in dieser Welt zugeht. ,Scheine zu seyn, Gottlob/ sagte mein seliger Vater, ,und Du wirst Dir Neid und Feindschaft vom Leibe halten; denn im Scheine liegt nichts, was Andere sonderlich beunruhigen konnte. Nur wenn inan wirklich Etwas ist, fangen die Leute an überall Mängel zu finden. Wenn Du im Frieden mit Deinen Ncbenmenschen zu leben wünschest, so treibe cs nicht über den Schein hinaus, denn dies lassen sich Alle gefallen, weil Alle selbst auch scheinen können, während das Wesen oftmaleu ein ganzes Dorf in Aufruhr jagt. Es liegt eine wunderbare Kraft im Scheinen; aber zu wieviel Leidwesen, Lästersucht und sogar offenem Zwiespalt gibt man nicht Anlaß, wenn man das ist, was man scheint/ Nein, das Aeußerste, was wir Dürkheimer uns zu sagen erdreisten, ist, daß die Limburger Mönche Männer Gottes zu seyn scheinen." „Und Herr Emich?" „Was den Grafen Emich betrifft, Vater, so sind wir so klug, nicht zu vergessen, daß er ein vornehmer Herr ist. Der Churfürst hat keinen kühnere» Ritter, der Kaiser keinen treueren Vasallen. Wir sagen dcßhalb, er scheine tapfer und treu zu seyn." „Du machst viel Wesens von diesen scheinbaren Eigenschaften, mein Sohn." „Es ist wohl so am klügsten, Vater, wenn man die menschliche Schwäche kennt nnd weiß, wie leicht wir einem Jrrthum unterworfen find, sobald wir Handlungen und Gründe beurtheilcn wollen, die außer dem Bereiche unseres Wissens liegen. Nein, das muß man uns Dürkheimer» lassen, daß wir vorsichtige Leute sind." „Für einen Kuhhirten fehlt es Dir nicht an Verstand. Kannst Du lesen?" „Durch Gottes gnädige Führung hat mir die Vorsehung diese kleine Zufälligkeit, als ich noch ein Kind war, in den Weg geworfen, hochwürdiger Pater, und ich las sie auf, wie ich etwa einen guten Bissen verschlinge." „Das ist eine Gabe, die einem Menschen von Deinem Berufe eher zum Schaden als zum Frommen dienen dürfte. Deiner Heerde kann diese Kunst nicht viel nützen." „Ich will nicht auf mich nehmen, zu behaupten, daß irgend eine von meinen Kühen um deßwillen besser daran sey; übrigens gibt es doch, offen gesprochen, hochwürdiger Mönch, Thiere darunter, die zu sehn scheinen." „Wie, willst Du versuchen, eine Sache zu beweisen, die nicht nur unwahrscheinlich, sondern sogar unmöglich ist? Geh', Du bist über das Buch irgend eines einfältigen Spaßmachers hergefallen; denn seit der Entdeckung jenes unklugen Mainzer Bruders treten ohne End und Zahl derartige Teufelsmachwerke an's Licht. Ich möchte doch hören, in welcher Weise ein Stück Vieh von der Buchdruckerkunst Vortheil ziehen kann." „Nur eine kleine Geduld, Vater Siegfried, und Ihr sollt eS erfahren. Denkt Euch einen Viehhirlen, der lesen kann, und einen, bei dem dies nicht der Fall ist; sie sollen etwa Beide in Diensten des Grafen von Hartenburg stehen. Gut, sie ziehen eines Morgens mit ihren Heerden aus. Der eine schlägt den Weg nach den Bergen des Grafen ein, während der andere, ver die Grenzbeschreibung des Herren- und Kloster-Landes gelesen hat, einen andern nimmt, weil die Gelehrsamkeit nicht gerne der Unwissenheit folgt. Derjenige nun, welcher lesen kann, gelangt auf eine viel nähere und bessere Waide, als derjenige, welcher sein Vieh auf Plätzen umhertreibt, welche früher nur zu oft von Menschen und Vieh betreten wurden." „Dein Lernen hat nicht viel zur Lichtung Deines Kopfes 41 beigetragen, Gottlob, wie sehr es auch Deiner Heerde zu Statten gekommen scyn mag." „Wenn Euer Hochwürdcn daran zweifelt, ob ich auch wirklich das sey, was ich sage, so ist hier ein Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung; denn ich kenne nichts, was eine» Menschen so vollpfropft und verwirrt, als das Lernen. Wer nur ein einziges Horn hat, kann es nehmen und seines Weges gehen, während der Besitzer von vielen vielleicht seine Heerde verliert, so lang' er noch zwischen den bessern und schlechter» Instrumenten in der Wahl steht. Der Eigenthümer eines einzigen Schwerdtes wird es ohne Weiteres ziehen und seinen Feind damit erschlagen; wer aber eine ganze Rüstkammer hat, kann wohl um'S Leben kommen, während er sich Schild und Helm anpaßt." „Ich hätte nicht geglaubt, daß Du so geschickt im Antworten wärest. — Und Du glaubst also, das gute Volk von Dürkheim werde sich zwischen der Abtei und dem Grafen neutral halten?" „Vater, wenn Ihr mir zeigen wollt, auf welcher Seite der größere Gewinn für fie liegt, so glaube ich, mit Sicherheit angeben zu können, für welche Partie sie wahrscheinlich das Schwerdt ziehen werden. Wie gesagt, unsere Bürger sind kluge Leute, und es trifft sich nicht oft, daß man sie gegen ihre eigenen Interessen fechten steht." „Du solltest wissen, mein Sohn, daß diejenigen, welchen in diesem Leben Alles nach Wunsch geht, die Magschale der Gerechtigkeit im nächsten gegen sich haben werden, während der Leidende im Fleisch höchst wahrscheinlich zu einer Schadlvshaltnng im Geiste gelangt.", „Himmel! In diesem Falle, hochwürdiger Pater, dürfte es ja in der andern Welt dem hochwürdigsten Herrn Abt von Limburg weit schlimmer ergehen, als einem Bauernknecht, der hier wie ein Hund lebt!" rief Gottlob mit einer Miene von Verwunderung und Einfalt, welche seinen Zuhörer völlig irre führte. „Dem Einen 42 sagt inan nach, daß er seinen Leib in verschiedentlicher Weise tröste und recht Wahl den Unterschied kenne zwischen einen, echten Becher Rheinweins und einem Schluck deS wässerigen Stoffes, der von der andern Seite unseres GebirgS kommt, während der andere—ich weiß nicht, geschieht es ans Noth oder Liebhaberei — nur aus Quellen trinkt. Es ist tausend Schade, daß man nie weiß, was mau wählen soll — zeitliche Gemächlichkeit mit künftiger Qual oder einen hungernden Magen mit einer glücklichen Seele. Glaubt mir, Vater Siegfried, wenn Ihr mehr die derartigen Prüfungen, welche uns unwissende Jünglinge befallen, in'S Auge faßtet, so würdet Ihr uns nicht so schwere Bußübungen auferlegen, obgleich sie ohne Zweifel nur ein Erguß Eurer eigenen strengen Tugend sind." „Was also für Dich geschieht, hat nur Dein zeitliches und ewiges Wohl im Auge. Wenn Du Deinen Geist in dieser Weise kasteiest so bereitest Du ihn allmählig vor für seine endliche Reinigung und vertierst durch einen lauteren Wandel nichts in den Augen Deiner Mitmenschen. Am Tage der großen Abrechnung wird Dir dafür Gerechtigkeit widerfahren." „Ei, ich bin kein so gieriger Gläubiger, daß ich der Vorsehung mit Mahnungen an mein Guthaben zusetzen wollte. Ich weiß wohl, das, was kommen muß, läßt sich nicht verhindern, und deßhalb will ich mir die Geduld als Tugend vornehmen. Jndeß hoffe ich, jene Abrechnung, von der Ihr uns so oft sagt, wird mit gebührender Rücksicht für den armen Mann abgehalten werden, denn offen gesprochen, Vater, in dieser Welt kommen wir überall zu kurz." „Du hast bei Deinen Nebenmenschen Credit um aller Deiner guten Thaten willen, Gottlob." „Ich wollte, daß Ihr hierin Recht hättet! Es kommt mir vor, daß die Welt bereit genug ist. Einem tüchtig die Zeche zu machen, während sie beim Creditgeben so filzig ist, wie ein Geizhals. Ich habe nie etwas Böses gethan — und da wir Alle schwache « 43 Sterbliche sind, hochwürdiger Pater, so können dergleichen Zufälligkeiten sogar einem Heiligen oder einem Benediktiner zufloßen — ich habe nie etwas UebleS gethan, ohne daß die Thal und alle ihre Folgen mir in Buchstaben, die der kurzsichigstc Mensch lesen konnte, auf Rechnung gebracht wurden, während meine Verdienste — und da ich nur ein Kuhhirte bin, so können sie wohl für achtbar genug gelten — zum größten Theil vergessen zu sepn scheinen. WaS nun Euern Abt oder Seine Hoheit den Churfursten oder sogar den Grafen Emich betrifft —" „Den Sommerlandgrafen!" unterbrach ihn der Mönch lachend. „Sommer oder Winter, wie Ihr wollt, Vater Siegfried; er ist Graf von Hartenburg und ein Edler von Leiningen. Aber sogar er kann keine Handlungen der Menschenliebe oder auch nur einer einfachen Gerechtigkeit begehen, ohne daß alle Welt die Gelegenheit ergreift, sie auszuposaunen; und dies geschieht mit eben so großem Eifer, als man mich für den zufälligen Verlust eines Stückchens Viehs oder irgend ein anderes kleines Versehen ausschimpft — denn Ihr wißt ja, wer unter Eurer heiligen Belehrung kühn geworden ist, kann wohl bisweilen auch gegen eine Sünde straucheln." „Du bist ein Casuist, und ein andermal muß ich es mit Deinem Seelenzustande schärfer nehmen. Vorderhand aber kannst Du die Gunst der Kirche erwerben, indem Du Deine Dienste ein wenig mehr ihrem Interesse leihst. Ich habe bei Gelegenheit Deiner Besuche im Kloster wohl bemerkt. Gottlob, daß Du ein gescheidtcr, verständiger Bursche List; aber bis auf diesen Augenblick hat sich für uns kein hinreichender Grund ergeben, von Deinem Witze den Gebrauch zu machen, zu dem wir wohl berechtigt sind, sofern uns aus unfern häufigen Gebeten und den übrigen Tröstungen, die wir Dir schon zuwendeten, Ansprüche erwachsen." „Nehml'S nicht allzu genau, Vater Siegfried, denn Eure Worte deuten wohl auf eine schwere Büßung hin." „Das läßt sich in Zukunft mildern, wo nicht ganz vermeide», mein ehrlicher Gottlob, wenn Du Dich zu dem Dienste hergeben willst, den ich Dir jetzt Vorschläge. Auch zweifle ich nicht, daß Du bereitwillig darauf eingehen wirst, denn ich kenne ja Deine Ehrfurcht vor heiligen Dingen, die sich einerseits aus Deinen Besuchen bei dem frommen Einsiedler, und andererseits aus Deiner Liebe zu der Abtei Limburg entnehmen läßt." „Meint Ihr?" „Ja, und ich habe mich bei dem Pater BonifaciuS so gut wie dafür verbürgt, entweder Dich oder sonst einen Menschen von Deiner Verschmitztheit und Treue für einen vertrauten Dienst im Interesse des Klosters zu gewinnen." „ES dürfte Euch schwer werden, unter den Kuhhirten einen Zweite» wie mich herauszufinden." „Das weiß ich; Deine Geschicklichkeit in Besorgung des Viehs kann Dich noch so weit bringen, daß Dir die Hut der zahlreichen Klosterheerden übertragen wird. Man schenkt Dir schon jetzt großes Vertrauen." „Ich will mein Verdienst nicht selbst herabsetzen, Weiser Vater, und kann daher wohl sagen, daß ich bereits einige Kenntniß von den Waidegründen besitze." „Und von dem Vieh obendrein. Gottlob; wir merken uns die Eigenschaften aller derjenigen, die in unsere Beichtstühle kommen. ES gibt Schlimmere darunter, als Du bist, kann ich Dir versichern." „Und doch habe ich Euch nie auch nur die Hälfte von dem mitgetheilt, was ich von mir sagen könnte, Vater." „Das ist jetzt von keinem Belang. Du weißt wie eS mit dem Streite zwischen Graf Emich und unserer Abtei steht, und wenn Du den Dienst, um den ich Dich angehen möchte, mit Deiner gewohnten Geschicklichkeit ausführst, so kannst Du Dich bei dem heiligen Benedict und seinen Kindern sehr in Gunst setzen. Mir haben Grund zu glauben, daß sich im Schlöffe ein starker Haufe Bewaffneter befindet, der es auf unsere Mauern abgesehen hat, weil man sich mit dem eitlen Wahne trägt, sie enthielten Neichthümer und Vorrälhe, bei denen sichs wohl eines Kirchenraubes verlohnte; es handelt sich nun darum, die Anzahl und die Absichten dieser Leute genau kennen zu lernen. Wollten wir aber einen Mann von bekanntem Berufe auf Kundschaft ausschicken, so würde der Graf Mittel finden, ihn irre zu führen, während dagegen ein Bursche von Deinem Verstand sich die Gunst der Kirche erwerben kann, ohne Verdacht zu erregen." „Wenn Graf Emich davon Wind kriegte, so würde er mir Wohl kein Ohr mehr lassen, um damit Eure heiligen Ermahnungen anhören zu können." „Du brauchst nur Deine Zunge in Zaum zu halten, und er wird Dich nicht beargwöhnen. Kannst Du nicht unter irgend einem Vorwände in das Schloß kommen?" „Vorwände wären leicht dem Tausend nach zu ersinnen. Ich könnte z. B. sagen, daß ich den Kuhhirten des Grafen Emich sprechen und von seiner Geschicklichkeit in Heilung kranker Hufe Nutzen ziehen wolle. Der Wunsch, meinen Dienst zu wechseln, wäre ein weiterer scheinbarer Grund, und außerdem fehlt es ja nicht an lachenden Dirnen in der Veste und deren Umgebung." „Genug; Du bist der Mann, Gottlob, nachdem ich mich schon zwei Wochen Tag für Tag umsehe. Säume daher nicht, Deinen Weg anzutreten, und suche mich morgen nach der Frühmesse in der Abtei auf." „Das mag von Seiten des Himmels wohl genügen, Vater, aber Leute von unserer Klugheit dürfen ihren irdischen Zustand auch nicht vergessen. Soll ich ohne allen Grund meine Ohren in Gefahr setzen, meiner redlichen Einfalt llnehre machen und meine Heerde verabsäumen?" „Du wirst der Kirche einen Dienst leisten, mein Sohn, Dich bei unserem hochwürdigen Abt in Gunst setzen und die Früchte 46 Deines MutheS und Deiner Geschicklichkeit bei Gelegenheit künftiger Vergehungen sattsam zu genießen kriegen." „Daß ich damit der Kirche dienen werde, weiß ich wohl, ehrwürdiger Pater, und das ist eine Ehre, auf die ein Kuhhirt wohl stolz seyn darf; aber durch den Dienst, welchen ich der Kirche leiste, mache ich mir aus zwei triftigen Gründen Feinde auf Erden — erstlich, weil die Kirche in diesem Thale nicht in hoher Achtung steht, und zweitens, weil die Leute einen Freund nicht deshalb lieben, weil er besser ist, als sie selbst. -Nein, Gottlob/ pflegte mein vortrefflicher Vater zu sagen, ,stelle Dich gegen alle Deine Nachbarn so an, als setzest Du von Deinem eigenen Unwerth überzeugt, und Dn kannst dann Alles sctzn, was Du scheinst. Nur unter dieser Bedingung kann der Rechtschaffene in Frieden mit seinen Nebenmenschen auskommen. Aber wenn Du Dich bei der Welt in Achtung setzen willst/ pflegte er bciznfügen, ,so fordere für Alles, was Du thust, einen schönen Preis, denn die Welt glaubt doch nicht an Deine llneigennützigkeit. Wenn Du umsonst arbeitest, so meint sie, Du verdienest auch nichts. Nein/ und er schüttelte dabei den Kopf, ,was man leicht erwirbt, wird nur wenig geschützt, während man das Theure jederzeit nach seinem Preise anschlägt/" „Dein Vater war, wie Du, ein Mensch, der auf das sah, was seinem Leibe wohl Ihat. Du weiß'st, wir Klosterleute führen kein Silber bei uns." „Ach, hochwürdiger Vater, weun'S auch eine Kleinigkeit an Gold ist, so will ich wegen des geringen Unterschieds den Handel nicht abbrechen." „So sollst Du denn Gold erhalten. Ich gebe Dir bei meinem heiligen Amte die Versicherung, daß Dir das Bild des Kaisers in Gold werden soll, sobald es Dir gelingt, uns die Kunde zu überbringen, an der uns gelegen ist." Gottlob blieb stehen, kniete nieder und bat den Mönch ehrerbietig um seinen Segen. Letzterer willfahrte, zweifelte aber halb IsLV'.'rr-? 47 in seinem Innern, ob es wohl räthlich sei), sich eines Kundschafters zu bedienen, über dessen Schlauheit oder Einfalt er so wenig ins Klare kommen konnte. Da übrigens bei der Sache nichts, als etwa die Zuverläßigkeit der Auskunft zu wagen war, so sah er keinen Grund ein, warum er den ertheilten Auftrag hätte wieder zurücknehmen sollen. Nachdem er den erbetenen Segen ertheilk hatte, stiegen unsere beiden Verschworenen gemeinschaftlich den Berg hinab, sich unterwegs noch weiter über das Geschäft besprechend, welches der Kuhhirt übernehmen sollte. Sobald sie jedoch in die Nähe des Weges gelangten, wo sie beobachtet werden konnten, trennten sie sich und schlugen die ihren Zwecken entsprechenden Richtungen ein. Viertes Kapitel. »Und keine Alte, die am Rocken saß, Bracht'S über's Herz, die Mähre zu verschweigen.' Rogers. Die in ihren Mantel gehüllte Frauengestalt hatte Gottlob Frincke's zeitige Einmengung so gut benützt, daß sie aus der KlanSnerhütte gelangte, ohne durch ihre Entfernung die Aufmerksamkeit deSBene- dictiners auf sich zu ziehen. Dagegen war die Wachsamkeit des jungen Berchthold nicht so leicht zu täusche». Er trat, als sie durch die Thüre glitt, bei Seite, blieb noch eine kleine Weile stehen, um dem Kuhhirten seine Absicht durch einen Blick kund zu thun, und eilte sodann der Verschwundenen nach. Hätte der Förster über die Identität der Person, welcher er folgte, noch einen Zweifel unterhalten, so würde ihn ihre leichte, rasche Bewegung überzeugt haben, daß wenigstens das Alter sie nicht bewogen hatte, ihr Gesicht zu verhüllen. Kein Reh hätte mit mehr Behendigkeit dahin eilen können, als die Flüchtige, sobald sie die Hütte des Klausners verlassen hatte; auch ermäßigte sie ihre Hast nicht wesentlich, bis 48 sie über den größten Theil des trübseligen Lagers weggekommen und an eine Stelle gelangt war, wo der blaue, sternbesäte Himmelsraum ihr zeigte, daß sie das Ende des Waldes und fast auch den Rand des Berggipfels erreicht hatte. Hier hielt sic inne, und lehnte sich erschöpft an eine Ceder. Bcrchthold war ihr hurtig uachgcfolgt, ohne übrigens jenes Gepräge von Ruhe und überlegener Körperkraft aufzugeben, welches den Schritten eines jungen Mannes den schüchternen, aber anziehenderen Bewegungen des schwächeren Geschlechtes gegenüber Würde verleiht. Augenscheinlich war er sich seiner Ueberlegenheit bewußt und wollte eine Flucht, die ohnehin schon schneller war, als eS die Umstände erforderten, nicht noch mehr beschleunigen; denn sie hatte, wie er wohl wußte, ihren Grund mehr in einer unbestimmten, in- stinktartigen Angst, als in einem wirklichen Anlasse zu Besorgnissen. Sobald das Frauenzimmer von seiner Eile abließ, ermäßigte auch er seine Hast und näherte sich der Stelle, wo sie nach Luft haschend stand, wie ein vorsichtiger Knabe, der den eben niedergeflogenen Vogel nicht auf's Neue einschüchtern will. „Sehe ich denn so fürchterlich aus, Meta, daß Du vor mir fliehest, als sey ich der Geist eines der Heiden, welche der Sage nach vor Zeiten dieses Lager bewohnten? Sonst Pflegtest Du Dich doch nicht vor dem Jünglinge zu scheuen, den Du, wie ich mir wohl nachrühmen darf, von Kindheit an als treu und ehrlich kennst." „Es ziemt sich nicht für ein Mädchen von meinem Alter — es war thöricht, wo nicht ungehorsam von mir, daß ich mich zu solcher Stunde hier einfand," entgegnete das Mädchen. „Es wäre mir lieb, wenn ich meinem Wunsche, noch mehr von der Weisheit des heiligen Eremiten zu hören, nicht nachgegeben hätte." „Du bist nicht allein, Meta?" „Das wäre in der That sehr unschicklich für das Kind meines Vaters," erwiedertc das junge Frauenzimmer mit stolzer Miene, während sie eine» Blick nach dem verfallenen Gemäuer warf, auf 49 dessen Gestein Berchihold die wohlbekannte Gestalt einer weiblichen Dienerin aus dem Hause seiner Gefährtin entdeckte. „Wenn mich meine Unbesonnenheit soweit getrieben hätte, Meister Berchihold, so würde ich Dir in Wahrheit Grund zu der Annahme geben, ich sep die Tochter irgend eines Bauern, welche Dir der Zufall in den Weg führte." „Ein solcher Jrrthum steht nicht zu besorgen," antwortete Berchihold hastig; „ich kenne Dich wohl, Du bist Meta, das einzige Kind des Dürkheimer Bürgermeisters Heinrich Frei. Niemand kennt Deinen Stand und Deine Aussichten besser, als ich, denn ich habe oft genug davon hören müssen." Die Jungfrau senkte, in einer Anwandelung von natürlichem Bedauern und plötzlicher Neue, den Kops. Ihr blaues Auge, daS sanft von den Strahlen des Mondes beleuchtet wurde, begegnete dem Blicke des Försters, und dieser sah jetzt, daß bessere Gefühle in ihr die Oberhand gewonnen hatten. „Ich hatte nicht die Absicht, das Amt meines Vaters oder irgend einen zufälligen Bortheil meiner Stellung hervorzuheben, am allerwenigsten gegen Dich," er- wiederte das Mädchen schnell. „Es würde mir nur leid gethan haben, wenn Du hättest denken können, ich habe die Sittsamkeit meines Geschlechtes und Standes vergessen. Auch fürchtete ich, Du möchtest-Dein Benehmen hat sich in letzter Zeit sehr geändert, Berchihold." „Dann geschah es ohne mein Wissen und Wollen. Vergessen wir übrigens die Vergangenheit — sage mir lieber, welch' ein Wunder Dich zu einer so ungewöhnlichen Stunde nach diesem anrüchigen und gefürchteten Platze geführt hat." Meta lächelte und der Ausdruck ihres Gesichtes bewies, daß die Augenblicke liebloser Schwäche, wenn dergleichen bei ihr vorkamen , mehr in den Vorurtheilen der Welt, als in ihrem freien und edlen Wesen begründet waren. „Ich könnte Dir die Frage zurückgeben, Berchihold, und die Die Heidenmauer. ^ 50 weibliche Neugierde als Grund vorschützen, warinn ich auf schleunige Antwort zähle. Sprich, warum findet man Dich zu einer Stunde hier, in welcher sich die meisten jungen Jäger dem Schlaf hingebcn?" „Ich bin Graf Emichs Förster, Du aber bist, wie ich noch eben hören mußte, die Tochter des Bürgermeisters von Dürkheim." „Ich erlaffe Dir alle weiteren Erörterungen dieses Unterschieds. Wüßte meine Mutter, daß ich mich eben jetzt anschicke, für mein Benehmen einen Grund anzugeben, so würde sie sagen: ,Bewahre Deine Erklärungen für Diejenigen, welche ein Recht haben, sie zu verlangen/" „Und Heinrich Frei?" „Wahrscheinlich würde er den Besuch ebenso wenig billigen, als den Grund desselben." „Dein Vater liebt mich nicht, Meta." „Gegen Deine Person hat er nicht so viel einzuwenden, Meister Berchthold, wohl aber gegen den Umstand, daß Du nur Herrn Emichs Förster bist. Wärest Du, was Dein Vater war, ein ehrenhafter Bürger unserer Stadt, so würde er Dich hochschätze». Jn- deß stehst Du doch bei meiner lieben Mutter sehr in Gunst." „Gott lohne ihr'S, daß sie in ihrem eigenen Wohlstände Derjenigen nicht vergessen hat, welche durch Unglück heruntergekommen find. Ich glaube, Du gleichst sowohl Deinem Herzen, als Deinem Aussehen nach, mehr Deiner Mutter, als Deinem Vater, Meta." „Das wäre mir wohl recht. Wenn ich Dir sage, daß ich Heinrich Frei's Kind sey, so geschieht es, glaube mir, nicht mit Beziehung auf irgend einen Abstand zwischen uns, sondern nur in der Abficht zu erweisen, daß ich meinen Stand nicht so sehr außer Augen setze, um ihm Unehre zu machen. Ich bin gewiß nicht der Meinung, daß der Posten eines Försters ein unehrenhaftes Amt sey, denn Diejenigen, welche dem Chursürsten in dieser Eigenschaft dienen, find Edelleute." „Und Diejenigen, welche dem Adel dienen, sind Tröpfe. Ich 51 bin nur ein Dienstmann, Meta, aber doch immerhin in einer Weise, die für meinen Stolz nicht viel Verletzendes hat." „Was ist Gras Emich anders, als ein Vasast des Chnrfürsten, der seinerseits ein Unterihan des Kaisers ist? Du solltest Dich nicht selbst so sehr herabwürdigen, Berchthold, und Niemand braucht etwas zu Deiner Rechtfertigung zu sagen." „Ich danke Dir, theuerste Meta. Du bist das Kind der ältesten und treuesten Freundin meiner Mutter, und was auch die Welt über den Unterschied sagen mag, der jetzt zwischen uns stattstndet, so flüstert Dir doch Dein treffliches Herz das Gegentheil zu. Du bist nicht nur das schönste, sondern in Wahrheit auch das wohlwollendste und edelste Mädchen in Deiner Vaterstadt." Die Tochter, das einzige Kind und folglich auch die Erbin des reichsten Bürgers von Dürkheim hörte diese Ansicht aus dem Munde von Herrn Emichs schönem Förster nicht ohne große innere Selbstbefriedigung mit an. „Und nun sollst Du den Grund dieses ungewöhnlichen Besuches erfahren," sagte Meta, sobald sich das stumme Wohlbehagen, welches die letzten Worte des jungen Berchthold hervorgcrufen, ein wenig gelegt halte; „denn ich habe dir'S gewissermaßen versprochen, und cS würde mich in Deiner guten Meinung nicht sonderlich heben, wenn ich einer Zusage vergäße. Du kennst den frommen Einsiedler und die Art seines plötzlichen Erscheinens in der Heibenmauer." „Die letztere ist männiglich bekannt, und Du hast bereits gesehen, daß ich ihn in seiner Hütte besuche." „Ich maße mir nicht an, den Grund namhaft machen oder erforschen zu wollen, — soviel aber ist gewiß, daß er sich noch keine Woche am alten Nömerplatze aufgehalten hatte, als er schon Gelegenheit suchte, mir vor allen andern Jungfrauen Dürkheims eine Aufmerksamkeit zu erweisen, auf die ich durch meine Verdienste keineswegs Anspruch machen kann." „Ha, so ist am Ende die Frömmigkeit nur eine Maske für den Schurken!" „Du wirst doch auf einen Mann von seinen Jahren nicht eifersüchtig werden wollen, um so weniger, da seine Lebenstage reich an Kränkungen und Leiden gewesen seyn müssen, wenn man anders aus seinem hageren Gesichte und seinen hohlen Augen einen Schluß ziehen darf. Freilich ist er gerade der Mann, der einem Jüngling von Deinem Alter, Deiner edlen Haltung, Deinem hübschen Aeußeren und Deiner rührigen Gestalt Unruhe machen kann! — Doch ich sehe, das Blut steigt Dir nach den Wangen, Meister Berchthold, und ich will Dir nicht länger mit Bergleichungen Anstoß geben, die so sehr zu Deinem Nachlheile ausfallen. Mögen die Beweggründe des heiligen Einsiedlers seyn, welche sie wollen — bei Gelegenheit seines zweimaligen Erscheinens in der Stadt und der Besuche, welche wir Mädchen oft in seiner Zelle machten, hat er viel freundliche Theilnahme für mein Wohl und meine künftigen Hoffnungen an den Tag gelegt, dabei ebenso sehr meine irdische Laufbahn, in's Auge fassend, als das jenseitige Leben, dem wir Alle entgegeneilen, obschon wir die Schritte mit unfern Ohren nicht vernehmen können." „Es nimmt mich nicht Wunder, Meta, daß Alle, welche Dich sehen und kennen, so handeln. Und doch finde ich cS sehr sonderbar." „Wahrhaftig," cntgegnete das Mädchen in necksschem Tone, „jetzt rechtfertigst Du die Worte der alten Ilse, welche so oft zu mir gesagt hat: ,nimm dich in Acht, Meta, und schenke den Worten der jungen Städter nicht allzu leicht Glauben; denn wenn Du den Sinn derselben genauer erwägst, so wirst Du sehen, daß sie sich widersprechen. Die Jugend ist so sehr darauf, erpicht, ihr Ziel zu erreichen, daß sie sich nicht lange damit aufhält, das Wahre von dem Scheinbaren zu trennen/ Das sind ihre eigenen Worte, die sie mir oft wiederholte und die ich eben durch Dich rechtfertigen 53 hörte. Ich glaube wahrhaftig', die Alte ist ganz behaglich auf jenem Steinhaufen eingeschlafen." „Störe sie nicht, denn in ihren Jahren ist man der Ruhe sehr bedürftig, und eS wäre in der That unbedacht, ihr dieses kleine Vergnügen zu rauben." Meta hatte bereits einen Schritt vorwärts gethan, augenscheinlich in der Absicht, ihre Begleiterin zu wecken, als die hastigen Worte und eine rasche Geberde des Jünglings sie inne zu halten veranlaßten. Sie trat unter den Schatten der Ceder zurück, nahm ihre frühere Haltung wieder an und fuhr mit mehr Rücksicht fort: „Es würde in der That undankbar seyn, die Arme aufzuwecken, nachdem sie sich zu so später Stunde mit mir diesen mühseligen Berg herangeschleppt hat." „Und noch dazu bei ihrem Alter, Meta." „Ich sollte freilich wieder nach dem Hause meines Vaters zurück; aber meine gute Mutter wird die Zögerung übersehen, denn sie liebt die treue Pflegerin meiner Jugend nicht viel weniger, als ihr eigen Fleisch und Blut." „So ist also Deine Mutter von diesem Besuche in der Hütte des Einsiedlers unterrichtet?" „Glaubst Du, Meister Berchthold, das einzige Kind eines Bürgermeisters von Dürkheim ziehe zu einer solche» Stunde aus, ohne Erlaubniß dazu erhalten zu haben? Ein so heimlicher Besuch wäre höchst unschicklich und ein Leichtsinn, den man nur de» Dirnen in Graf Emichs Dorfe Nachsehen könnte. Es heißt ohnehin in unserer Stadt, daß die Schloßjungfern eS in ihrem Betragen nicht eben sonderlich genau nehmen." „Die in ^>en Städten drunten lügen gewaltig über uns auf den Bergen. Ich schwöre Dir, daß man in eurem Dürkheimer Palast nicht mehr Zucht finden kann, als unter unfern Frauenspersonen, mögen sie nun in dem Dorfe oder auf dem Schlosse wohnen." „Das mag in der Hauptsache wahr seyn, und zur Ehre meine- 54 G-schlechteS will ich cS auch hoffen; dennoch wirst Du kaum so viel Dreistigkeit ausbieten können, Berchthold, etwas um zu Gunsten jener Gisela, der Tochter de» BurgwärtelS zu sagen. In meinem Leben habe ich nie eine eitlere Weibsperson gesehen." „In Hartenburg hält man sie für schön." „Gerade diese Meinung hat das Geschöpf ganz und gar verderbt. Du bist viel in ihrer Gesellschaft, Meister Berchthold, und ich bezweifle nicht, daß die Gewohnheit Dich manche Eigenschaften übersehen ließ, welche Fremden nicht entgehen können. ,Sieh nur jenen flunkernden Vogel aus dem Paffe des Jägerthals an/ sagte die vortreffliche alte Ilse eines Morgens bei Gelegenheit eines Festes in unserer ehrwürdigen Kirche, zu welchem sich die ganze Umgegend in ihrem besten Putze einfand —,sollte man nicht aus seinem Flattern und aus dem Schwenken seiner Federn glauben, er bilde sich ein, das Auge eines jeden jungen Jägers hafte auf seinem Gefieder und fürchte unversehens den Pfeil des Schützen Und doch habe ich Thiere von derselben Zucht gekannt, die, wenn man die Wahrheit sagen darf, sich nicht so gewaltig vor der Hand des Vogelstellers scheuten/» „Du beurtheilst Gisela hart, denn obschon sie ein wenig unbesonnen in ihren Reden ist und sich vielleicht ein Bischen allzuviel auf ihre Schönheit zu Gute thut, so muß man ihr doch nachsagen, daß man sich recht gut und angenehm mit ihr unterhalten kann." „Ich habe ja nur Ilses Worte wiederholt, Meister Berchthold." „Deine Ilse ist alt und geschwätzig, weßhalb man sich über eine thörichte Rede aus ihrem Munde nicht wundern darf." „Magseyn; abernenne es so thöricht, als Du willst, die Thor- heit meiner Pflegerin ist auch die nieinige. Ich habe aus ihrem Umgang so viel gewonnen, daß ich fürchte, ein Verbessernwollen kommt jetzt zu spät. Offen gesprochen, sie hat über des Burgvogts Tochter keine Sylbe laut werden lassen, der ich nicht von ganzem Herzen Glauben schenke.» 55 1 Berchthold verstand stch nur wenig auf die Winkelzüge des menschlichen Herzens. Frei in der Aeußerung seiner eigenen Empfindungen, wie die Lust seiner heimathlichen Berge, und ohne einen Gedanken an Arg in Beziehung auf die Gefühle, die ihn an Meta fesselten, hatte er sich nie in die Geheimnisse jener Leidenschaft ver- ^ tieft, welcher er sich so völlig hingab, ohne auch nur die Ausdehnung seiner eigenen Knechtschaft za kennen. Er betrachtete daher diese kleine Aufwallung der Eifersucht von dem Standpunkte aus, von dem jedes edle Wesen irgend eine Ungerechtigkeit beurtheilt, und ging daher nur mit um so größerer Wärme auf die Bertheidigung der Gekränkten ein. Eines von jenen fiebähnlichen Herzen in einer großen Stadt, die schon zu Hundertmalen rechts und links von den ' Pfeilen aus Amors Köcher durchbohrt worden, wurde wahrscheinlich zu demselben HülfSmittel seine Zuflucht genommen haben, bloS um zu beobachten, bis zu welcher Ausdehnung cS mit den Gefühlen eines Wesens stielen könne, das es zu lieben vorgab. ^ Der Europäer späht so gerne in dem Auge seines transatlantischen Vetters nach dem Splitter und sagt, die Hauptleideuschaft des Lebens scy in dem Herzen des Amerikaners nur eine träge Regung. Allerdings liegt es ganz in der Ordnung der Dinge, daß Leute, welche sich hauptsächlich mit den Angelegenheiten dieser Welt beschäftigen, zufrieden find mit dem natürlichen Gange der Neigungen, wie sie stch aus den ehrenhaften Beziehungen des häuslichen Kreises ergeben; aber eben so wahr ist auch, daß Diejenigen, welche ihre Leidenschaften mit Eitelkeit und Abwechselung nähren, sehr im Jrrthume befangen find, wenn sie glauben, gelegentliche und wankelmüthige Regungen gehören zu dem Wesen jenes hehren und läuternden Gefühles, welches zu dem Strben führt, sich aller der Huldigung, welche wir unwillkürlich der Tugend zollen, würdig zu machen, indem eS den angebeteten Gegenstand mit allen schätzbaren Eigenschaften bekleidet. In Berchthold und Meta darf der Leser nichts von jener Glut suchen, welche bisweilen eine augenblickliche Wallung an die Stelle 36 tieferen Gefühls setzt, oder von jener künstlichen Entwickelung einer Theorie der Liebe, die so oft den Neuling zu dem Jrrthum verleitet, seine Träume für den natürlicheren Zug der Sympathie und der Vernunft zu halten. Für das erster- lebten sie zu weit nördlich, und für das letztere konnte man vielleicht sagen, das Geschick habe ihr LooS etwas zu weit südlich geworfen. Zene feine und fast unbestimmbare Sympathie zwischen den Geschlechtern, die wir Liebe nennen, und der wir Alle unterworfen sind, weil ihr Princip in der Natur selbst begründet ist — findet sich vielleicht in ihrer reinsten und am wenigsten conventioneilen Gestalt gerade in dem Herzen derjenigen, welchen die Vorsehung eine Mittelstufe zwischen Ueberbildung und Unwissenheit, zwischen der ekeln, krankhaften Verkehrtheit allzugroßer Hingebung und jener Selbstsucht, welche die Frucht eines beharrlichen Aufgebots zu Kraftanstrengungen ist — kurz, die Lage der beiden jungen Personen angewiesen hat, die wir in diesem Kapitel unfern Lesern vorführtcn. Es ist bereits zur Genüge gezeigt worden, daß Berchthold, trotz seines dienstlichen Verhältnisses, Ansichten eingesogen hatte, die ihn über seine Stellung erhoben — ein Umstand, der sich hinreichend aus seine» Anspielungen aus die her- abgekommenen Glücksverhältnissc seiner Eitern erklärt. Er drückte sich daher, während er so edelmüthig die Tochter des Mannes verthci- digte, der mit der Bewachung der Zugänge zu Graf EmichS Schlosse beauftragt war, vielleicht weit besser aus, als sich von einem bloßen Forstmann erwarten ließ. „Es ist nicht meines Amtes, die Fehler unserer Schloßschvnheit zu enthüllen, wenn sie deren wirklich besitzt," sprach er; „aber so viel kann ich ohne Furcht, die Wahrheit zu übertreiben, zu ihrer Vertheidigung sagen: ihr Vater ist in der Livree von Leiningen grau geworden, und es gibt wohl in der ganzen Welt kein Kind, welches seinem Erzeuger mehr Achtung und Liebe erwiese, als eben dieser Dein Vogel mit seinem flunkernden Gefieder und der Koketterie gegen den Pfeil des Schützen." 57 „Man sagt, eine pslichtgetreue Tochter gebe stets eine vortreffliche und gehorsame Ehefrau." „Desto besser für den, welcher einmal das Kind des alten Friedrich heiniführt. Ich habe selbst mit angesehen, wie ste, wenn die Evelkeute länger als gewöhnlich im Walde verweilten, bis tief in die Nacht hinein die Thore bewachte, damit ihrem Vater seine Ruhe nicht verkümmert werde; ja, und es waren schleppende Stunden— die meisten ihres Alters und Geschlechts würden alle erdenklichen Entschuldigungen aufgeboten haben, um in ihren Kiffen bleiben zu können. Ich bin oft hievon Zeuge gewesen, da ich vermöge meines Amtes den Grafen meist auf seinen Jagden zu begleiten habe. Daß Gisela schön ist, wird ihr Niemand absprechen wollen, und es mag wohl unter ihre übrigen Eigenschaften auch die gehören, daß sie darum weiß." „Sie scheint nicht die Einzige auf Deiner Hartenburg zu sehn, welche dieser Thatsache sich bewußt ist, Meister Berchthold." „Meinst Du vielleicht den schlemmerischen Pariser Abbe oder den geschworenen Krieger-Mönch von Nhodus, die sich jetzt in dem Schlosse aufhalten?" fragte der junge Förster mit einer Einfalt, die durch ihre offene Natürlichkeit das Herz der größten Kokette beruhigt haben würde. „Da Du hierauf anspielst, so will ich zugeben— freilich ziemt sich'S nicht für mein Amt, daß ich mich allzu vorschnell über Diejenigen äußere, welche mein Gebieter liebt; aber ich kenne Deine Klugheit, Meta, und will daher anssprechen, daß ich halb und halb vermuthe, diese beiden übelgewählten Diener der Kirche denken mehr an das arme Mädchen, als gebührlich ist." „Deine arme Gisela hat allen Grund, sich selbst aufzuhängen! In der Thal, wenn jene lockeren Bursche mich nur mit Einem freie» Blicke betrachten wollten, so sollte der Bürgermeister von Dürkheim von ihrer Dreistigkeit Kunde erhalten." „Meta, sie würden eg nicht wagen. Die arme Gisela ist nicht das Kino eines ehrenfeste» Bürgers, sondern des SchloßwärtelS von 58 Hartenburg, und es mag auch in eurem beiderseitigen Wesen ein Unterschied statlfinden— ja ich bin sogar überzeugt, daß dies der Fall ist; denn Du bist nicht von der Art, daß Du die Bewunderung eines jeden vorübergehenden Ritters suchst, sondern eine Jungfrau, welche ihren Werth und die ihr gebührende Achtung kennt. Allerdings muß ich sagen, daß Du unserer Burgschönheit gewissermaßen Unrecht gelhan hast; aber dennoch mochte ich Dich nie mit ihr vergleichen, mag es sich nun um die Vorzüge des Körpers oder deS Geistes handeln. Wenn sie schon ist, so bist Du noch viel schöner, und hat sie Verstand, so kann man Dich weise nennen." „Berchthold, Du mußt mich nicht mißverstehen, indem Du glaubst, ich habe der Tochter des BurgwärtelS etwas Ungebührliches zur Last legen wollen. Ich weiß, daß das Mädchen verständig ist, und will noch außerdem gerne zugeben, daß eine Person, welcher das Geschick die herbe Lage der Dienstbarkeit angewiesen hat, es nicht leicht finden wird, stets das zu scyn, was man von ihrem Geschlecht und ihren Jahren wünschen könnte. Ich glaube sogar, Gisela würde, wenn das Glück und die Gelegenheit cs gestatteten, ihrer Erziehung und ihrem Aeußcren keine Unehre machen, denn man kann wohl sagen, daß Beides sie einigermaßen über ihren Stand erhebt." „Und Du sagtest, Deine Mutter wisse von diesem Besuche bei dem Einficdler?" „Allerdings. Meine Mutter hat nie etwas dagegen einzuwen- den, wenn ihre Tochter der Kirche oder den Dienern derselben Ehrfurcht zollt." „Davon bin ich überzeugt. Du gehörst unter die eifrigsten Kirchengängerinncn der Abtei, Meta." „Bin ich nicht eine Christin, und möchtest Du wohl haben, daß eine Jungfrau ihre religiösen Pflichten verabsäumte?" „Nein, gewiß nicht; aber unsere Jäger erzählen sich, daß in letzter Zeit der Prior vorzugsweise seinem jungen Neffen, dem Bruder Hugo die Obliegenheit übertrage, die Gewissen der Reuigen zu be- 59 ruhige». ES wäre besser, wenn ein Pater mit einem grauen Tonsurringe in den Beichtstuhl einer Kirche träte, die so häufig von den sungen Schönheiten Dürkheims besucht wird." „Du würdest gut thun, dies mit Deiner schulgerechten Hand dem Bischof von MormS oder unsrem frommen Abte zu schreiben, Meister Berchthoid, denn Du hast geistliche Begabungen und könntest fie vielleicht überreden." „Wollte Gott, das Wenige, was ich in dieser Weise gethan habe, hätte nicht so ganz seinen Zweck verfehlt. Du hast häufige Proben von der Aufrichtigkeit, wenn auch nicht von der Geschicklichkeit dieser Hand, Meta." „Nun, laß das; es führt zu nichts, und läßt mich nur den Einsiedler vergessen. Meine Mutter — ich weiß nicht, wie es kommt — und da Du mich darauf aufmerksam machst, so finde ich selbst auch, daß es von ihrer gewöhnlichen Regel abweicht; aber soviel ist gewiß, daß sie meine Besuche in der Heidenmauer durchaus nicht ent- muthigt. Wir find noch sehr jung, Berchthoid, und begreifen vielleicht deshalb noch nicht Alles, was in älteren und weiseren Köpfen vorgeht." „ES ist seltsam, daß der fromme Mann eben uns aufsuchen mußte. Wenn er unter den Stadtmädchen vorzugsweise Dich auszeichnet, so schenkt er unter den Jünglingen im Jägerthal hauptsächlich mir seine Aufmerksamkeit." In diesem Gedanken lag ein Reiz, der die beiden jungen, arglosen Herzen viele flüchtige Minuten in süßen Banden hielt. Sie sprachen lange und mit ungemindertem Interesse über die unerklärliche Sympathie zwischen dem Gottesmann und ihnen selbst, denn es kam ihnen vor, daß darin eine Kette liege, welche fie noch enger an einander feßle. Was auch Philosophie und Erfahrung in derartigen Dingen behaupten mögen, so ist doch unbestreitbar, daß sich der Mensch in Beziehung auf die geheimen Einflüsse, welche auf der dunkeln Erdenpilgerschaft die Leiter seines Glückes seyn sollen. 60 ! gerne abergläubischen Vorstellungen hingibl. Liegt nun der Grund in dem Dunkel einer unerschaubaren Zukunft oder in dem Bewußtsein, daß selbst bei dem gepriesensten Erfolge so viel das Grgebniß von Umständen ist, die der Mensch nicht zu leiten im Stande war, — möglich auch, daß selbst in hehrer, heiliger Absicht dieses Princip der Menschenbrust eingepflanzt hat, um uns stets unsere Abhängigkeit von einer Hähern Gewalt vor Augen zu halten: soviel bleibt jedenfalls gewiß, daß nur Wenige im Gebiete rationeller Spekulation sich hoch genug erheben, um nicht einen Theil ihrer Zukunft den Wechselfällen des Glückes, oder der Vorsehung, zuzuschreiben: denn so nennen wir die leitenden Gewalten, je nachdem der Geist in der Führung auch der untergeordneten Angelegenheiten des Lebens ein unmittelbares Wirken der Gottheit anerkennt oder verwirft. Zn der Zeit, von welcher wir schreiben, hatte die Aufklärung noch nicht hinreichende Fortschritte gemacht, um de» gewöhnlichen Menschen über den Glauben an die Künste der Zauberei zu erhebe». Man zog allerdings nicht länger öffentlich die Eingeweide von Thieren z» Nathe, um den Willen des Schicksals zu erforschen, gab sich aber doch kaum weniger unverständigen Ansichten hin, und nur Wenig« waren im Stande, wahre Frömmigkeit von Aberglauben oder die erhabenen Schickungen der Vorsehung von den geringfügigen Interessen der Selbstsucht zu scheiden. ES darf daher nicht Wunder nehmen, wenn Berchthold und Meta einen besonderen Werth auf die auffallende Theilnahme legten, welche der Einsiedler für sie kund gab, und eine günstige Vorbedeutung für ihre gemeinschaftlichen Hoffnungen darin sahen: wir sagen gemeinschaftlich, denn obgleich die Jungfrau die Zurückhaltung, welche sie als ei» so wesentliches Erforderniß ihres Geschlechtes betrachtete, nicht bis zu einem vollen Zugeständnisse aller ihrer Gefühle aufgegeben hatte, so erhob doch der scharfsinnige Instinkt der Jugend und Unschuld den wahren Zustand ihrer beiderseitigen Neigungen über allen Zweifel. Die alte Ilse hatte daher hinreichend Zeit, ihren Körper nach l^ 61 dem beschwerlichen Gange von der Stadt nach dem Lager ausruhen zu lassen. Als Meta sich ihr endlich näherte, um sic zu wecken, brach die geschwätzige Alte in einen Nus der Ueberraschung über die Kürze deS Besuchs bei dem Einsiedler aus, denn in ihrem tiefen Schlummer hatte sie durchaus nichts von BerchtholdS Anwesenheit und Verschwinden wahrgenommen. „Es ist ja kaum ein Augenblick, liebe Meta," sagte sie, „seit wir den Berg heraufgekommen, und ich fürchte, Du hast auf die weisen Worte des heiligen Mannes nicht gehörig geachtet. Wir dürfen eine heilsame Arznei nicht zurückweisen, weil sie bitter schmeckt, mein Kind, sondern müssen sie bis auf den letzten Tropfen nehmen, wenn wir anders glauben, daß Heilkraft in der Schale wohnt. Hast Du dem Einsiedler Dein ganzes Herz ausgeleert und ehrlich von Deiner sündigen Natur mit ihm gesprochen?" „Du vcrgtß'st, Ilse, daß der Eremit nicht einmal die Tonsur hat und weder Beicht hören noch Sünde vergeben kann." „Ei, das weiß ich doch nicht. Ein Einsiedler ist ein Mann Gottes, und ein Mann Gottes ist heilig. Zeder Christ aber kann und soll sogar vergeben, und was das Beichlhören betrifft, so ist mir ein Klausner, der in Gebet und Selbstverläugnung Leib und Seele kasteit, weit lieber, als alle Mönche von Limburg. Der Segen eines solchen ManneS hat viel mehr Kraft, als ein ganzes Dutzend von der Hand eines schwelgenden Abtes — ja, ich weiß nicht, ob ich nicht eher ein halb Hundert sagen sollte." „Er hat mich gesegnet, Ilse." „Gur; das ist ein Trost, und wir haben uns dann doch nicht umsonst abgemüht. Aber Du hättest ihm doch sagen sollen, daß Du bei der letzten Messe das Spitzenleibchen zu tragen wünschtest, um Deine Gespielinnen neidisch zu machen über Deine Schönheit. Es wäre jedenfalls heilsam gewesen, wenn Du wenigstens diese Sünde eingestanden hättest." „Aber er fragte mich nicht nach meinen Sünden. Sein ganzes 62 Gespräch betraf das Haus meines Vaters, meine güte Mutter, und — noch andere Dinge." „Unter den andern Dingen hättest Du doch das Leibchen anbringen sollen. Habe ich Dich nicht stets vor der Gefahr des Stolzes gewarnt, Meta, und Dir gesagt, wie sündig cs sey, indem Herze» einer Freundin Neid wecken zu wolle»? Ich weiß aus eigner Erfahrung, daß es nichts Widerlicheres gibt, als den Neid. Oh! ich bin nicht mehr jung, und Du brauchst nur zu mir zu kommen, wenn Du wissen willst, was der Neid oder sonst ein anderes gefährliches Laster ist; ich stehe dafür, Du sollst gute Aufklärung darüber erhalten. Ja, ja, es war sehr Unrecht von Dir, daß Du nicht von dem Leibchen sprachst." „Hätte ich es für paffend gefunden, ein Sündenbekenntniß ab- znlegen, so würde sich'S bei meiner Beichte wohl um ernstlichere Sünden gehandelt haben, als um diejenigen, die auf meinen Anzug Beziehung haben." „Das weiß ich doch nicht. Der Anzug ist ein großer Verführer für junge Herzen und schone Gesichter. Hast Du Schönheit in Deinem Hause, so zerbrich Deine Spiegel, damit cS die Jugend nicht erfahre — dies habe ich tausendmal sagen hören, und da Du zugleich jung und schön bist, so will ich es wiederholen, was auch ganz Dürkheim dagegen sage: — Du bist In Gefahr, wenn Du darum weißt. Wenn Du nur mit dem Klausner von dem Leibchen gesprochen hättest, so wäre Dir wahrscheinlich viel Gutes daraus erwachsen. Was liegt bei einem solchen Manne daran, ob er die Tonsur hat oder nicht? Er fastet, betet, hält seine Mitternachtsbetrachtungen und kasteit seinen Leib — ist das nicht mehr Werth, als alle Haare, die je den Mönchen in der Pfalz ausgefallen sind? Ich wollte, mein Kind, Du hättest mit ihm von dem Leibchen gesprochen." „Da Du es durchaus wünschest, so will ich beim nächsten Be- 63 i suche darauf Bedacht nehmen, liebe Ilse; Du magst Dich daher immerhin zufrieden geben." „DaS wird Deiner Mutter große Freude machen; denn warum sollte ffe sonst ihrer Tochter zu so später Stunde den Besuch eines heidnischen Lagers erlauben? Ich stehe Dir dafür, daß sie an das Leibchen dachte." „Höre doch einmal auf, von dem Leibchen zu sprechen, Ilse; meine Gedanken sind mit etwas ganz Anderem beschäftigt." „Na, wenn das ist, so ist's verlorne Mühe, vorderhand mehr davon zu sagen, obschon der Himmel weiß, daß Du große Ursache hast, Dir jenen eitlen Meßbesuch in'S Gedächtniß zurückzurufen. Warum hat denn Dein Besuch bei dem Eremiten heute so Plötzlich abgebrochen, Meta?» „Wir sind in der That nicht lange auf dem Berge gewesen, Ilse; aber wir müssen uns beeilen, damit die Mutter nicht unruhig werde." „Und warum sollte sie auch? Bin nicht ich bei Dir? Gilt denn Erfahrung für nichts — und Klugheit und ein alter Kopf, ja, und was dies betrifft, ein alter Leib obendrein, und ein gutes Gedächtniß, und Augen, wie sie in Dürkheim keine andere Person von meinen Zähren hat — ich sage von meinen Jahren, denn Du hast bessere und die Deiner lieben Mutter sind nur wenig schlechter, als die Deinigen — aber in meinem Alter trifft man nur wenige meines Gleichen. In Deinen Jahren, Mädchen, war ich nicht die alte Ilse, sondern die lebhafte, die rührige und (Gott verzeih mir, wenn Eitelkeit in dem Gedanken liegt, aber der Wahrheit muß man stets das Wort reden) die schöne Ilse, und dies noch obendrein ohne Beihülfe von einem solchen Leibchen, wie das Deinige." „Kannst Du denn das Leibchen nie vergessen? Komm her und stütze Dich auf mich, damit Dein Fuß auf dem steilen Pfade nicht ausgleite." Beide begannen nun bergab zu steigen, und da sie jetzt eine 64 Stelle des Wegs erreicht hatten, wo besondere Vorsicht nöthig war, so hörte die Unterhaltung so ziemlich auf. Wer heutzutage Dürkheim besucht, wird noch hinreichende Merkmale finden, welche den Beweis liefern, daß sich die Stadt früher weiter gegen den Fuß des Gebirges hin erstreckte, als aus ihrer gegenwärtigen Lage zu entnehmen ist. Man trifft in den unteren Weinbergen noch Ueberreste von Mauern und Thürmcn; auch spricht die Sage von Festungswerken, die seitdem längst verschwunden sind, weil sie durch dieselben Verbesserungen in der Kriegskunst, welche manchem andern festen Platze seine Bedeutsamkeit raubten, nutzlos wurden. Jede höher liegende Häusergruppe war damals mehr oder weniger ein VertheidigungSwerk; aber die Einführung des Schießpulvers und deS schwere» Geschützes hat schon seit Jahrhunderten dergleichen Schutzmittel dem Verfalle preisgegebcn, und wer jetzt eine Citadelle der alten Zeit suchen wollte, dürfte darauf zählen, sie in irgend einer Ebene oder in einem Moraste begraben zu finden. Jetzt sieht die Welt einer neuen CristS von Verbesserungen entgegen, denn die Einführung des Dampfes wird wahrscheinlich das ganze Wehrsystem zu Wasser wie zu Land ändern. Doch wie sich auch die Zukunft gestalten mag, so war doch die Geschicklichkeit des Baumeisters in der Periode unserer Erzählung noch nicht so weit fortgeschritten, um Meta und ihre Begleiterin von dem Eintritte in den Kreis alter- thümlicher Mauern abzuhalten, welche in ihrer Plumpheit eben den Anforderungen entsprachen, die man bei dem unvollkommenen Zustande der damaligen Kunst machen konnte. Da es noch sehr früh war, so wurde eS ihnen nicht schwer, das Haus des Bürgermeisters zu erreichen, ohne daß sie überhaupt eines Menschen Aufmerksamkeit auf sich zogen. Fünftes Kapitel» „Was gibt's Neues?' »Nichts, gnädiger Herr, als daß die Welt ehrlich geworden ist." »Dann ist der jüngste Tag nahe!" Hamlet. Durch alle unsere weit ausgedehnten Staaten findet sich fast leine Spur mehr von der Lebensweise Derjenigen, welche sich zuerst in der Wildniß niederließen. Das Auge des AlterthumforscherS trifft kaum je auf eine andere Ruine, als auf die Mauern irgend eines Fortes oder auf die Wälle einer Berschanzung aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges. Wir haben allerdings auch einige unbedeutende Ueberreste ans noch ferner liegenden Zeiten, und es finden sich sogar einige Wälle oder andere VertheidigungSwerke, die man den Rothhäuten zuschreibt; aber in keinem Theile des Landes stand je ein öffentliches oder Privatgebäude, das überhaupt wesentliche Aehnlichkeit mit einem Ritterschlofse besessen hätte. Damit nun der Leser ein so deutliches Bild, als unsere schwachen Kräfte zu zeichnen vermögen, von der Veste erhalte, auf welcher der stolze Ritter saß, der in unserer Legende eine bedeutende Rolle spielen soll, wird «S nöthig, ausführlicher aus eine Schilderung des Gebäudes selbst und der benachbarten Oertlichkeit einzugehcn. Wir sagen — der Leser, denn wir bekennen, daß wir nur für die Unterhaltung unserer Landsleute schreiben, obschon wir uns glücklich schätzen werden, wenn wir auch einige Belehrung mit einfiießen lassen können. Sollte es noch Anderen belieben, diese unvollkommenen Blätter zu lesen, so werden wir uns geschmeichelt fühlen und cs natürlich mit Dank erkennen; indeß hoffen wir, nachdem wir sie mit dem Zweck unseres Schreibens ausdrücklich bekannt gemacht haben, dabei auf den Vorrath von Nachsicht, dessen das gegenwärtige Werk so sehr bedarf. Und hier wollen wir die Gelegenheit benützen, uns für einen Die Heidenmaucr. 5 Augenblick mit jenem Theile des lesenden Publikums aller Nationen zu benehmen, welches dem Schriftsteller gegenüber die sogenannte Lesewelt bildet. Wir beziehen uns häufig auf die Ansichten und Verhältnisse unseres eigenen Vaterlandes; möge man uns aber deshalb nicht nachsagen, daß wir von den sonst vorhandenen Zuständen nichts wissen. Wir stellen unsere Vergleichungen, so verbrecherischste auch in feindseligen Augen erscheinen mögen, bloS deshalb an, weil sie überhaupt am besten dem Zwecke unserer Schriftstellerei entsprechen; denn fie beziehen sich auf einen Zustand der Gesellschaft, der uns selbst am genauesten bekannt ist, während wir glauben, daß dergleichen Gegenstände bisher großentheils nur dazu benützt wurden, der Unwissenheit und dem Vorurtheils Nahrung zu geben. Sollten wir unwillkürlich jenen, dem Amerikaner besonders eigenthümlichen, garstigen Makel der National-Eitelkcit verrathen, so bitten wir um Nachficht, indem wir uns zu unserer Rechtfertigung auf die Geneigtheit eines noch jungen Landes beziehen, unversehens in das Feld der Nachahmung zu gerathen; möge daher der kritische Beobachter unsere Schwäche übersehen, wenn sich etwa unsere Feder nicht jener glücklichen Gabe der Ausführung rühmen kann, die nur die Frucht vieler Uebung ist. Wir glauben, daß man zur Zeit unserer Bescheidenheit mit Recht noch keinen Vorwurf machen kann; denn bis jetzt haben wir die Grundtugenden des Menschengeschlechtes der Allgemeinheit belassen, indem wir unseres Wissens noch nie von „amerikanischem Muth," „amerikanischer Ehrlichkeit," „amerikanischer Schönheit," „amerikanischer Mannhaftigkeit" oder auch nur von „amerikanischer Armeskraft," als von Eigenschaften gesprochen haben, die abstrakt für sich dastünden und bei unseren Nebenmenschen nicht zu finden wäre»; wir haben uns einfach begnügt, in der ungekünstelten Sprache unseres westlichen ClimaS die Tugend Tugend, und das Laster Laster zu nennen. Allerdings wissen wir wohl, daß wir hierin weit hinter den zahl- und namenlosen klassischen Schriftstellern unserer Periode Zurückbleiben, glauben aber doch, durch unsere Versäumniß nicht viel verloren zu haben, weil uns hinreichende Beweise dafür zu Gebot stehen, daß wir unseren Blättern die Abneigung des Ausländers hinlänglich sichern können, auch wenn wir uns weit weniger kräftige Anspielungen auf National-Vorzüge erlauben. Ueberhaupt haben wir allen Grund zu der Annahme, daß es eine gewisse Klasse unzufriedener Leser gibt, welche auch die zarteste und abgemessenste Empfehlung, die wir unserer westlichen Welt zu Theil werden lassen, für eine unvernünftige und unehrliche Schmälerung des Lobes betrachten, an das sie ausschließlich ein Anrecht zu haben glauben. Wir haben in unserem schönen Lande ein Häuflein, das um Erfolg buhlt, indem es dem Fremdling schmeichelt und in dem eigenen kleinen Kreise vermittelst erborgenen Lichts zu glänzen hofft; was nun diese betrifft, so überantworten wir sic behufs ihrer Besserung einer gewiß unausbleiblichen Rüge, welche in dem gedachten Falle noch bitterer wird durch das Bewußtscyn, sie sei durch eine eben so herabwürdigende, als unnatürliche Kriecherei verdient worden. Wer tiefer in die Geheimnisse des menschlichen Herzens eindringt, wird erfahren, daß es ein kerngesundes Gefühl gibt, das sich nicht ungestraft zurückweisen läßt — ferner, daß man Diejenigen, welche offen und furchtlos ihre Rechte behaupten, am meisten achtet, während Niemand solche Geringschätzung auf sich häuft, als Diejenigen, welche feiger Weise dieselben aufgeben. Während Berchthold in der Heidenmauer mit Meta geheime Zwiesprache hielt, pflegte Emich von Leiningcn auf seinem Schlosse Hartenburg der Ruhe. Die Veste ward bereits als massiges Mauerwerk geschildert, dessen Hauptmaterial aus dem röthlichen Sandsteine bestand, welcher fast durch das ganze Gebiet der alten Pfalz in so reichlicher Menge gefunden wird. Das Gebäude hatte sich mit der Zeit erweitert und war aus dem einfachen Thurme, der cs ursprünglich gewesen, zu einer furchtbaren und ausgedehnten Festung angewachsen. I» der Periode, welche der Regierung Karl des Großen folgte, wurde derjenige, welcher eine Burg, errichten und gegen seine 68 Nachbarn »ertheidigen konnte, zu einem Edlen, der gewissermaßen als unabhängiger Herrscher da stand. Ueber das benachbarte Gebiet galt sein Mille als Gesetz, und diejenigen, welche ihres Grund- befltzeS nicht froh werden konnten, ohne sich seinem Wvhlnehmen zu unterwerfen, fügten sich darein, durch Basallendienste seinen Schutz zu erkaufen. Kaum hatte sich einer dieser kleinen Zwingherrn in seiner Burg festgesetzt und die Huldigungen des LandmanneS entgegen genommen, so begann der Streit mit Demjenigen seiner Standes- genoffen, welcher ihm am nächsten wohnte. Der Sieger wurde natürlich durch seine Eroberungen mächtiger, bis er zuletzt aus dem Gebieter eines einzigen Schlosses und eines Dorfes im Laufe der Zeit zum Herren von vielen wurde. In dieser Weise gelangten die kleineren Ritter zu Macht und Herrschaft, und sogar die größten Herrscher unserer Tage können ihre Stammbäume bis zu solchen wilden Wurzelsproffen verfolgen. Noch steht in dem schweizerischen Canton Aargau auf einer schroffen, schmalen Kuppe eine Ruine, vor vielen Jahrhunderten der Sitz eines Ritters, welcher von seinem Horste aus das nahe Dorf überschaute und über die Dienste eines BauernhäufleinS gebot. Die verfallene Burg führt den Namen Habsbnrg und wird als die Wiege jener mächtigen Familie geehrt, welche Deutschland eine Reihe von Kaisern gab und noch immer über einen großen Theil desselben, wie auch über Oberitalien herrscht. Der König von Preußen stammt aus dem Hause Hohenzollern, das auf einer anderen Ritterburg saß; und so gibt es noch zahllose Beispiele von Rittern, die in Zeiten, als Sicherheit nur durch gute Mauern zu erzielen war, mit dem Grundsteine zu einer Veste auch den Keim zu einer langen Reihe reicher und mächliger Fürsten legten. Jndeß schien weder die Lage des Schlosses Hartenburg, noch die Periode, in welcher eS gegründet wurde, so großartige Aussichten zu rechtfertigen. Wie schon bemerkt, beherrschte es einen Paß, der zwar für örtliche Zwecke wichtig, aber doch keineswegs bedeutungsvoll genug war, um dem Inhaber der Veste außer seinem uninit- 69 telbaren Einfluß sonstige wesentliche Rechte zu verleihen. Da übrigens die Familie Leininge» zahlreich war und ihre Nebcnzweige in gesegneteren Gauen Besitzungen hatte, so war Graf Emich doch kein bloßer Berghäuvtling. Das Lehensystem war lange vor seiner Geburt geregelt worden und die Reichsgesetze sicherten ihm als dem Erben Derjenigen, welche in früherer Periode Land und Leute gewonnen hatten, viele Städte und Dörfer in der Ebene. Als der Rechtsnachfolger eines verstorbenen Verwandten hatte er erst kürzlich sogar auf eine höhere Würde und auf weitere Gebiete Ansprüche gewonnen, obschon sein Versuch, seine Macht zu vergrößern und seinen Rang zu erhöhen, durch seine Standesgenossen vereitelt wurde. Diesem fruchtlosen Versuche seines Ehrgeizes verdankte er den Spottnamen „Sommerlandgraf" — denn dies war der Rang, den er in Anspruch nahm, und der Zeitraum, während dessen er die neuen Titel hatte tragen dürfen. Nachdem der Leser also von der Bedeutsamkeit der fragliche» Familie unterrichtet ist, wird er sich nicht mehr wundern, wenn er hört, daß das Schloß der Grafen von Hartenburg, oder richtiger, der Grafen von Hartenburg-Leiningen in entsprechender Weise gebaut war. ES lag auf einem GebirgSvorsprungs, wo das Thal am engsten zusammengedrängt war; die Stelle nun, wo das Flüßchen eine kurze Wendung machte, stellte den unten liegenden Paß in einer Weise bloS, daß er hier von den Bogenschützen, welche auf den Zinnen ausgestellt waren, leicht bestrichen werden konnte. Im Vordergründe hatte der ganze sichtbare Theil des Gebäudes einen durchaus kriegerischen Charakter und war noch außerdem einigermaßen für den Gebrauch der damaligen unvollkommenen Artillerie eingerichtet, während sich hinten das Labyrinth von Höfen, Kapellen, Thürmen, Thoren, Fallgittern, Staatszimmern, Amtsstuben und Familiengemächern erhob, welche den Gebräuchen und dem Geschmacke jener Zeit entsprachen. Das Dörflein, welches unmittelbar unter dem Gemäuer der vorspringenden Thürme oder der Basteien (wie man 70 sie wohl nennen konnte) im Thale lag, war nnr unbedeutend und bei dem Neichthum sowohl als bei den übrigen Hülfsquellen des Grundherrn von geringem Belang. Der Graf bezog seine Einkünfte hauptsächlich von Dürkheim und von den jenseits liegenden fruchtbaren Ebenen, obschon die Wälder in einem Lande, wo man schon so lange von der Art Gebrauch machte, nicht ohne Werih waren. Wir haben gesagt, daß Emich von Leiningen auf seinem Schlöffe Hartenburg der Ruhe pflegte. Denke sich der Leser in Mitten des vorerwähnten Häusergewühls ein massenhaftes Gebäude von roher Form, das nur geeignet war, den Bedürfnissen eines damaligen Hauswesens zu entsprechen, und wir wollen ihn dann einen Blick in das Innere thun lassen. Die Wände waren getäfelt und mit rohem Schnitzwerk versehen, die weiten Hallen düster, mit Rüstungen behängen und ebendamals mit bewaffneten Männern angcfüllt, die Säle aber von mittlerer Größe und mit einem ritterlichen Prunke ausgestattet, der sich in seiner schwerfälligen Großartigkeit eindrucksvoll genug ausnahm, obschon er den Charakter jenes gemischten Geschmackes zeigte, der noch nichts von der Gemächlichkeit und dem LuruS unserer neueren Zeit kannte. Sogar heutigen Tages gehört Deutschland noch nicht unter die Länder, die sich durch besondere Eleganz im häuslichen Leben auSzeichnen, obschon es manche und zwar sehr augenfällige Ausnahmen bietet. Sogar die Paläste sind sehr einfach in ihren Verzierungen, kunstlos in ihrem LuruS und im Betreff des Geschmacks selten dem unsrigen überlegen, ja demselben nicht einmal immer gleichkommend. Noch immer findet sich ein go- thischer Anstug in den Gewohnheiten und Ansichten dieses beharrlichen Volkes, welches lieber die Verfeinerung des Geistes, als der greifbareren Genüsse der Sinne zu pflegen scheint. Die Hauptzüge, welche auf dem Sitze des Grafen dem Auge entgegen traten, waren wunderliche und verworrene Ornamente, durch den geduldigen Fleiß eines Volkes geschaffen, welches wegen derartiger Erfindungen sprichwörtlich geworden ist: Schwerter, 71 Dolche, Helme, Harnische und sonstige in jener Zeit übliche Waffen, weibliche Arbeiten, wie ste für die Hand einer edlen Dame paßten, Gemälde, welche die meisten Fehler und nur Weniges von den Schönheiten der niederländischen Schule in sich vereinigten, Möbelwerk, welches zu dem in den Palästen der Chursürsten in demselben Verhältnisse stand, wie heutzutage die Ausstattung ländlicher Besuchszimmer zu der Mode in großen Städten, eine verschwenderische Schaustellung von silbernen Geräthschasten, an welchen das Wappen von Leiningen in verschiedener Weise getrieben oder gravirt dem Blicke sich darstellte, nebst Stammbäumen und farbig ausgeführten heraldischen Bilderwerken. Durch die ganze Masse von Gebäuden jedoch zeigten sich nur wenig Spuren, welche aus die Anwesenheit von Frauen oder auch nur auf die Mittel zu wohnlicher Unterbringung derselben hindeuteten. Nur etliche Frauengestalten ließen sich in den Gängen und Höfen blicken, obschon der Platz in ungewöhnlicher Anzahl von Männern überfüllt war. Letztere waren vorzugsweise wilde, bärtige Krieger, die wie müßiges Volk, welches dem ersehnten Anblicke der Thätigkeit entgegenharrt, in den Hallen oder in den offeneren Theilen des Schlosses umherschlenderten. Nicht ein einziger derselben war vollständig bewaffnet, obschon der eine seine Pickelhaube trug, der andere ein Bruststück vvrgeschuallt hatte, und wieder ein anderer nachlässig auf seiner Hakenbüchse lehnte, oder mit dem Sperre Schwenkungen machte. Hier stand eine Gruppe, die sich sorglos in den verschiedenen Angriffswaffen übte, dort unterhielt ein Spaßmacher ein Häuflein träger Zuhörer mit seinen Zoten und Possen, bei weitem der größte Theil aber ließ sich den Rheinwein des gnädigen Herrn belieben. Amerika war zwar damals schon entdeckt; aber der herrliche Theil, welcher uns seitdem als Erbe zusiel, befand sich noch in den Händen seiner ursprünglichen Eigenthümer, und die Pflanze, welche so lange als das Kraut von Virginien bekannt war, seitdem aber die Stapelwaare so vieler anderer Länder Amerika'» 72 geworden ist, stand damals unter den Deutschen nicht so allgemein im Gebrauche, wie heutzutage, denn in letzterem Falle könnten wir nicht umhin, diese hastige Skizze dadurch zu vollenden, daß wir Alles in einen dichten Nebel hüllten. Aber trotz dem allgemeinen Anschein von Gleichgiltigkeit und Nachlässigkeit, der innerhalb HartenburgS Mauern herrschte, zeigte sich doch außerhalb der Thore, in den Thürmchen und auf den Zinnen der vorgeschobenen Basteien mehr als gewöhnliche Wachsamkeit; zudem würde ein aufmerksamer Beobachter außer den Posten, welche stets die Zugänge des Schlosses bewachten, im Dorfe, auf dem Felsen und längs der gewundenen Pfade mehrere schnellfüßige Spione entdeckt haben, die auf der Lauer standen, und da Aller Augen thalabwärts in die Gegend von Limburg gerichtet waren, so ließ sich daraus entnehmen, daß man das Ereigniß, welchem man entgegen sah, von dieser Seite her erwarte. Während es in der Burg und unter dem versammelten starken Vasallenhaufen also aussah, hatte sich Graf Erich nach einem der wunderlichen, halb rohen, halb großartigen Saale des Platzes zurückgezogen. Das Gemach selbst war durch zwanzig Kerzen erhellt und ließ noch verschiedene andere Merkmale blicken, welche auf die nahe Ankunft von Gästen deuteten. Der Graf schritt schweren, klirrenden Trittes auf und ab, und Sorge oder doch ernste Gedankenfülle hatte die Muskeln seiner Eisenstirne gefurcht, auf der sich die Spuren vertrauter Bekanntschaft mit dem Helme abdrückten. Vielleicht ist selbst jetzt noch Amerika das einzige Land, in welchem die Rechtspflege einen ehrenvolleren und geachteteren Beruf bietet, als das Waffenhandwerk — der beste Beweis von einer hohen, beneidens- werthen Stufe der Civilisation; aber in der Periode unserer Erzählung war der Mann von Stand, der nicht der Kirche angehörte — und diese umfaßte damals die ganze Summe der Gelehrsamkeit — nothwendiger Weise Soldat. Es verstund sich daher eben so sehr von selbst, daß Emich von Leiningen die Waffen führte, als daß heutigen Tags ein Mann von Bildung seinen Horaz oder Virgil V. 73 lesen kann; und da ihm die Natur eine kräftige Gestalt, eine eherne Constitution und einen Geist verliehen hatte, dessen Gleichgültigkeit gegen physische Leiden sich zuweilen bis zur Grausamkeit steigerte, so brachte er sich in seinem wilden Gewerbe weit besser vorwärts, als mancher bleiche fleißige Student in der Pflege der Wissenschaften. Der in tiefes Brüten versenkte Gras erhob kaum seine Blicke von dem eichenen Fußboden, während ein Diener um den andern erschien und sich nur leichten Trittes in die Nähe eines Mannes wagte, den sie alle fürchteten und doch zugleich in hohem Grade liebten. Endlich glitt auch ein Mädchen, das mit einer der kleinen Obliegenheiten ihres Geschlechtes beschäftigt war, vor seinen halb träumerischen Blicken dahin. Die Jugend, die rosigen Wangen, die neckische Haltung, der zierlich- Haarputz, das knappe Leibchen und die reichen Falten des weiten Gewandes schienen endlich seinem Auge die Gestalt der Dirne zu vergegenwärtigen. „Bist Du es, Gisela?" begann er in dem milden Tone, in welchem man eine Lieblingsdienerin anzurcden pflegt. „Wie geht es dem ehrlichen Karl?" „Danke schön, Herr Graf — Euer alter und verwundeter Diener hat im Augenblicks weniger Plage, als gewöhnlich sein Loos ist. Das Glied, das er in dem Dienste des Hauses von Leiningen verlor —" „Kömmst Du mir schon wieder mit dem Beine, Mädchen? Warum denn auch stets bei diesem Unfälle Deines Vaters verweilen?" „Wenn der Herr Graf ein Glied auf dem Wahlplatze liegen ließe, so dürste er es wohl vermissen, wenn man ihn zur Eile auf- forderte." „Meinst Du, Kind, meine Zunge würde dann den Kaiser nie an- reden können, ohne den Schaden namhaft zu machen? Geh, Gisela; Du bist eine berechnende Here und versäumst selten die Gelegenheit, aus diesen wachsenden Schatz Deiner Familie anzuspielen. Sind 74 meine Leute — mögen sie nun Krüppel sein oder nicht — eifrig auf der Lauer?" „Sie thun, was ihnen Natur oder Laune eingibt. Die gebe- nebeite heilige Ursula allein weiß, wo die Knappen eine so ungeschlachte Bande, wie die ist, welche jetzt die Hartenburg bewohnt, aufgctrieben haben. Der Eine beginnt zu zechen, sobald er Morgens die Augen ausschlägt, und macht fort, bis er sie Abends wieder schließt. Ein Anderer flucht schlimmer als die nordischen KriegS- knechte, welche die Pfalz verwüsten; dem Einen kommen nichts als die schnödesten Zoten über die Lippen, nnd der Andere ist ein so schlimmer Vielfraß, daß er nie die seinigen bewegt, ohne zu schlucken. Kein Einziger ist unter allen diesen Poltronen, der ein höfliches Wort für eine Jungfrau hätte, obschon sie von ihr wissen, daß sie in dem Haushalte ihres Gebieters sehr geschätzt wird." „Es sind meine Vasallen, Mädchen, und so mannhafte Leute, wie sie in der Stunde der Noth ganz Deutschland nicht wieder bietet." „Ja, mannhaft, wenn man sie sprechen hört, aber man steht ihnen die Unverschämtheit schon von weitem an, Herr Graf. Für alle sittsamen Personen in der Burg könnte es keine abscheulichere Gesellschaft geben." „Die Nachsicht, welche Dir deine Gebieterin geschenkt hat, läßt dich bisweilen die Klugheit vergessen, Mädchen. Geh' und laß meinen Gästen mittheilen, daß die Stunde des Banketts zur Hand sep; ich erwarte das Vergnügen ihrer Anwesenheit." Gisela, deren natürlicher Vorwitz durch eine nachsichtige Gebieterin etwas verstärkt worden war, und in der das Bewußtsein von mehr Schönheit, als gewöhnlich Mädchen ihres Standes zu Theil wird, die Freiheit der Rede bisweilen zur Unbesonnenheit steigerte, bekundete ihre Unzufriedenheit über diesen Auftrag in einer Weise, wie man sie bei ihrem Geschlechts häufig genug findet, wenn es der Zucht entbehrt oder durch den Zwang einer heilsamen 75 Erziehung wenig im Zaume gehalten wird. Sie achtete sorgfältig darauf, bis Emichs Auge wieder auf den Boden gerichtet war, warf dann schmollend ihr Köpfchen in die Höhe und entfernte sich aus dem Zimmer. Sobald der Graf wieder sich selbst überlassen war, versank er aufs Neue in seine Träumerei, und so entschwanden mehrere Minuten unbeachtet. „Mein edler Emich, träumst Du schon wieder, wie gewöhnlich, von Sturmleitern und Bannstrahlen?" rief eine heitere Stimme an seiner Seite, deren Inhaber unbemerkt in de» Saal getreten war, „von rachsüchtigen Priestern, von Vasallendienst, von glatzköpfigen Aebten, von Beichtstühlen und schwerer Buße, von wieder errungenen Rechten, von dem düstern Conclave, vom Abtei-Keller, von Deiner Pickelhaube, von Rache und — um Alles in ein Wort zusammenzukassen, das jede Todsünde in sich begreift — von jenem gefallenen Engel, dem Teufel?" Emich zwang sich bei dieser uncercmoniöscn und nachdrücklichen Begrüßung zu einem herben Lächeln, nahm jedoch die Hand des Sprechers mit der sreimüthigen Offenheit eines munteren Gesellen entgegen. „Du bist mir von Herzen willkommen, Albrecht," versetzte er, „denn der Augenblick der Ankunft meiner geistlichen Gäste ist nahe. Offen gesprochen, es ist mir bei einem Wortgefechte mit diesen scheinheiligen Schurken nie ganz wohl zu Muthe; indessen wird deine Unterstützung zureichcn, und wenn sich uns die ganze Brüderschaft der Abtei gegenüber stellen sollte." „Der Tausend, wir sind ja verwandt mit einander, wir Söhne des heiligen Johannes und diese Bastarde des heiligen Benedict. Obgleich kriegerischer, als die Mönche auf dem Berge da drüben, sind wir auf unserer Insel doch für eben so viele Tugenden in Pflichten genommen. Laß einmal sehen," fügteer bei, indem er mit der Miene frecher Dreistigkeit an den Fingern zählte. „Erstlich haben wir das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt wie die Benediktiner; ferner haben wir uns der Keuschheit ergeben, und das Gleiche ist bei den Limit- 76 kurzer Mönchen der Fall; zunächst achten wir unsere Eide so gut, als der Pater BonifaciuS, und schließlich sind wir beide Diener des heiligen KreuzeS" — vermöge einer besonder» Eingebung machten bei den letztern Worten der Sprecher so wohl, als der Graf das heilige Zeichen auf die Brust — „weßhalb ich nicht zweifle, der ganzen hvchwürdigen Brüderschaft gewachsen zu sehn. Es heißt ja, eine Sünde könne es mit der andern aufnehmen, und so wird doch wahrhaftig ein Heiliger nicht hinter dem andern Zurückbleiben dürfen. Aber Emich, Du bist ernster, als sich für ein so scharfes Zechgelage, wie das von u»S beabsichtigte, ziemen will." .„lind Du so geschniegelt, als sehest Du im Begriffe, die Damen von NhoduS zu einem von euer» Jnselfesten zu laden." Der Johanniter betrachtete selbstgefällig seinen Anzug und stol- zirte neben seinem Wirthe, der seinen Spaziergang wieder aufnahm, mit der Haltung eines Vogels von bewundertem Gefieder hin und her. Die Bemerkung des Grafen von Hartenburg war nicht ganz am Unrechten Orte, denn sein Vetter und Gast hatte in Wirklichkeit weit mehr Mühe auf seine Toilette verwendet, als bei der Abwesenheit von Frauen in der rohen Veste sonst üblich war. Ungleich dem ernsten, männlichen Emich, der sich nur selten all seines kriegerischen Schmucks entkleidete, zog der geschworene Vertheidiger des Kreuzes in völlig friedlicher Tracht auf, wenn man nicht etwa den langen Degen, der an seiner Seite hing und auch in viel späterer Zeit noch als eine unerläßliche Zugehör des Ranges galt — für eine Kriegswehr zählen wollte. Sein reich mit Stickerei, Fransen, Litzen und Knöpfen verziertes Wams war aus blaß-orangegclbem Stoffe gefertigt und bauschte sich in der Blähsucht der herrschenden Mode um ihn her auf, während die aus demselben Material bestehende und in gleich verschwenderischem Schnitte gehaltene Beinbekleidung, wie wesentlich sie auch sehn mochte, kaum sichtbar wurde. Die ro- senrothen Strümpfe waren weit über das Knie heraufgezogen und verliehen dem ganzen Bilde die Wirkung eines reichen ColoritS. 77 Das Oberleder der Schuhe stieg hoch am Beine hinan und war auf dem Rüst mit Schnallen versehen, während Hals und Armgelenke in reichen Spitzenkrausen prunkten. Das wohlbekannte Mal- theser-Kreuz hing an rothem Bande in einem Knopfloche des Wams — nicht über dem Herzen, wie es heutzutage unter den Edlen der andern Hemisphäre die Gewohnheit mit sich bringt, sondern in Folge einer Grille deS Geschmacks so niedrig, daß, wenn man sich überhaupt unter der zufälligen Lage dieser Kleinodien eine Anspielung dächte, das ehrenvolle Abzeichen eine directe Beziehung zu jenem wesentlichen Theile des menschlichen Körpers zu haben schien, welchen man für das Receptakel eines guten Mahles zu halten pflegt. Allerdings würde man auch in dem Falle AlbrechtS von Viederbach, des fraglichen Ritters, durch eine derartige Auslegung der Wahrheit weit näher gekommen styn, als der edle Herr wohl selbst zuzugestehen geneigt war. Nachdem der Krieger des heiligen Johann von Jerusalem das Gewicht seines Körpers zuerst auf der andern Schuhspitze gewiegt hatte, strich er sich seine Krausen zurecht, schob seinen Degen mehr bei Seite, brachte noch anderweitig seinen Anzug in Ordnung und fuhr dann folgendermaßen fort: „Mein AeußereS ist blos anständig, Vetter, und, wenn Du so willst, von der Art, daß ich darin in Abwesenheit der schönen Hausfrau an Deiner wirthlichcn Tafel erscheinen kann, weiter aber durchaus nicht der Rede Werth. Was die Damen unseres unglücklichen und schwer heimgesuchten NhoduS betrifft, mein lieber Netter, so kennst Du ihre Liebhabereien wenig, wenn Du Dir vorstellst, daß dieses schlechte Gewand im Stande sey, ihren an'S Schöne gewöhnten Augen irgend einen Reiz zu bieten. Unsere Ritter pflegten den Geschmack und die Verfeinerungen aller fernen Länder nach der Insel zu bringen, und so klein auch ihr Umfang ist, so giebt cs doch wenige Gegenden, in welchen die humanen Künste — denn so nenne ich die Verschönerung des menschlichen Körpers — einen höheren Aufschwung nahmen, als auf unserem kleinen, wackeren und viel beklag- 78 ten NhoduS. So war es wenigstens, bis der schnöde Oitomanne seinen Triumph feierte." „Gott behüte; ich hätte geglaubt, Du seiest auf alle Arten von Mäßigung in Rede, Leben und sonstiger Enthaltsamkeit beeidigt." „Und bist Dn denn, mein höchstrebellischer Emich, nicht in Pflicht genommen, Deinen Lehnsherrn, dem Kaiser und dem Chur- fürsten, treu und gewärtig zu sein — ja und ist es nicht für gewisse Ländereien und Vorrechte Deine Schuldigkeit, sogar dem heiligen Abt von Limburg Ritterdienst und Vasallenpslicht zu leisten?" „Gottes Fluch über ihn und das ganze gierige Klosterpack!" „Hum, das ist nur die ganz natürliche Folge Deines Eides, wie dieses Wams die Folge des meinigen ist. Wenn die strenge Erfüllung eines Gelübdes dem Körper eben so angenehm wäre, als ste, wie man uns glauben machen will, heilsam für die Seele ist, Graf von Leiningen, wo bliebe dann das Verdienst einer treuen Befolgung seiner Pflicht? Ich lege nie diese zierlichen Kleider an, ohne daß sich eine wohlihätige Erinnerung an Nachtwachen aus den Bollwerken, an scharfe Belagerungen, an feuchte Laufgräben oder an leidige Kreuzzüge gegen die Muselmänner meinem Geiste in der Gestalt von vergangenen Bußübungen vergegenwärtigte. In dieser Weise versüßen wir die Sünde, indem wir uns dabei der körperlichen Beschwernisse und der Stunden ritterlich bestandener Gefahren erinnern." „Bei den heiligen drei Königen von Köln und den eilftansend Jungfrauen in derselben ehrenwerthen Stadt, Du warst auf Deiner kleinen Insel sehr begünstigt, Junker Albrecht, wenn Dn in dieser Weise sündigen und dabei darauf zählen konntest, die Strafe durch einen so leichten Dienst abzukaufen. Meine gierigen Limburger Mönche thun ungemein kostbar mit ihren Vergünstigungen, und wer mit heiler Haut von ihnen abkommen will, muß zum Voraus einen theuren Ablaßzettel lösen. Ich weiß zwar nicht mehr die Anzahl schöner Fäßlein des edelsten Rheinweins, welche mich 79 von Anfang an bis zum letzten Male dergleichen kleine Launen- auSbrüche in solcher Art fürstlichen Aufwandes gekostet haben; so viel aber ist gewiß, — wenn sich eine Gelegenheit zu messen dar- bötc, so würden die vereinigten Beiträge wenig leeren Raum in dem weltberühmten Heidelberger Fasse übrig lassen." »Ich habe oft von diesem königlichen Behälter des edeln Saftes sprechen hören und schon darauf gedacht, eine Pilgerfahrt ' zu Ehren von Dero Geräumigkeit zu machen. Empfängt der Churfürst edle Reisende mit der Gastfreundschaft, die ihm sein Rang und seine Mittel möglich machen?" „Allerdings und zwar recht gerne, obschon ihn dieser Krieg schwer bedrängt und ihm alle Hände voll zu schaffen gibt. Deine Pilgerschaft wird nicht sehr anstrengend sehn, denn Du kannst die Heidelberger Thürme von unseren Bergen aus sehen, und ein gutes Thier nebst einem scharfen Sporne kann Dich in etlichen Stunden scharfen Rittes von hieraus bis in den Hof des Churfürsten bringen." »Laß uns zuerst die Tugenden Deines Kellers erschöpfen, edler »- Emich; dann wird es immer noch an der Zeit sehn, aus der Heidelbergerin ein Pröbchen zu zapfen," versetzte der Ritter von RhoduS. »Unser geschätzter Freund hier, der Abbe, wird der gleichen Ansicht sehn, und zwar allen Reformirern, mit denen unser Deutschland geplagt ist, zum Trotze." Da wir hier eine neue Person einführen, so müssen wir die Geduld unsererS Lesers für eine kurze Abschweifung in Anspruch nehmen. Was man auch über die Bedeutung und Nechtmäßigkcit der hauptsächlich durch Luthers Muth bewerkstelligten Reformation sagen mag (und wir sind weder Sektirer noch Ungläubige, um den heiligen Ursprung der Kirche, von der er sich lossagte, in Ab- - rede zu ziehe»), so wird doch allgemein eingeräumt, daß in jener Periode die durch Jahrhunderte hindurch unbestrittene Gewalt einer ausschließlichen Autorität zu Mißbräuchen geführt hatte, welche den laute» Ruf um Aenderung in ihrem VerwaltungSshsteme zur 8 » Folge hatten. Zwar waren Tausende von denen, welche ihr Leben dem Dienste des Altars geweiht hatten, gewiß ihres heiligen Amtes eben so würdig, als eS der Mensch in Betracht seiner gebrechlichen Natur nur werden kann; aber Tausende hatten dagegen die Tonsur, die Kutte oder andere Sinnbilder kirchlicher Würde nur deßhalb angenommen, um sich der Vorrechte und der Behaglichkeit zu erfreuen, welche ihnen der geistliche Stand bot. Das lange Zeit fast unbestrittene Monopol der Wissenschaften, der Einfluß, welchen sie einer natürlichen Verbindung von geistlicher und weltlicher Macht verdankten, und die abhängige Lage des öffentlichen Geistes, welche nothwendig daraus hervorging, verleitete alle diejenigen, welche nach geistiger Auszeichnung rangen, diesen betretensten und deßhalb sichersten Pfad zu Macht und Ansehen einzuschlagen.. Wir erblicken nicht allein in dem Christenthum, wie cS zu Luthers Zeiten bestand, die Beispiele jenes verderblichen Einflusses, welchen geistliche und weltliche Autorität in ihrer wechselseitigen menschlichen Vermengung üben; denn handle sich'S um Christen oder Muhamedaner, Katholiken oder Protestanten, so liegt das Nebel jedenfalls in der Grundschwäche unseres Wesens, die-den Starken verlockt, den Schwachen zu unterdrücken, und den Gewaltigen so leicht zum Mißbrauch des ihm geschenkten Vertrauens veranlaßt. Gegen diesen Mangel scheint eS durchaus keine andere Sicherheit zu geben, als die Aussicht auf eine nachdrückliche und unumgängliche RechenschaftSabforderung. So lange die strenge Sittlichkeit, welche die christliche Religion von ihren Dienern fordert, nicht durch eine grobe Beimischung weltlichen Ansehens oder weltlicher Vortheile verderbt ist, darf man mit Grund annehmen, daß der Altar wenigstens einer ernstlichen Befleckung entgehen könne; aber kaum hat man diesen gefährlichen Feinden Zutritt zum Heilig- thum gestattet, so stürzen auch sogleich tausend von wilden Leidenschaften entflammte Geister in den Tempel, um unter der Maske des Glaubens nur nach zeitlichen und greifbaren Belohnungen zu trachten. 81 Wie rein übrigens auch ein gesellschaftliches System ober eine Religion im Beginne ihrer Macht seyn mag, so verlockt doch der Besitz eines unbestrittenen Uebergewichts stets in gleicher Weise zu Abschweifungen, welche für ihren Fortbestand wie für die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit verhängnißvoll werden. Dies ist die Folge einer unabhängigen llebung des freien Willens und sie scheint sich von der menschlichen Gebrechlichkeit nicht trennen zu kaffen. Wir setzen allmählig an die Stelle deS Rechts unsere Neigungen und die Gebote der Selbstsucht, bis zuletzt alle sittlichen Grundlagen untergraben sind, und was man früher mit dem Widerwillen betrachtete, welchen das Unrecht stets in dem Reinen weckt, wird am Ende nicht nur eine Sache der Gewohnheit, sondern scheint uns sogar durch die Zweckmäßigkeit und den Nutzen gerechtfertigt zu werden. Es gibt kein sichreres Zeichen von dem Verfalle der Grundsätze, welche erforderlich sind, um sogar unsere unvollkommene Höhe von Tugend festzuhalten, als wenn man den Vorwand der Nothwendigkeit gellend macht, um eine Abweichung von ihren ursprünglichen Geboten zn rechtfertigen; denn man ruft damit das Edle zur Unterstützung der Leidenschaften auf und geht so einen Bund ein, welcher selten versäumt, die mürben Bollwerke einer wankenden Moral vollends in den Staub zu malmen. ES ist somit kein Wunder, wenn die Welt in einer Periode, in welcher sich sogar die Kirchendiener wider Willen genöthigt sahen, gegen die religiösen Mißbräuche im Ungehorsam Schütz zu suchen — dreiste Beispiele maßloser Ausschweifungen zu Tage forderte. Kriegerischer Ehrgeiz, Bestechlichkeit, Gemächlichkeitsliebe und sogar verschwenderische Schlemmerei suchten in gleicher Weise ihre Zwecke durch den Mantel der Religio» zu verhüllen. Wenn der sorglose Ritter bereit war, sein Schwerdt in das Blut der Ungläubigen zu tauchen, um als ein Held des Kreuzes in der Achtung der Menschen zu leben, so schloß sich auch der Pflastertreter, der Schlemmer und sogar der Witzling der großen Städte einer Dle Heidcnmauer. 6 82 derartigen Bewegung an, um selbst auch Geltung zu erhalten durch ein Gepräge, das jeder Münze, mochte fie von reinerem oder schlechterem Metalle seyn, Umlauf sicherte, bloß weil sie den äußeren Stempel der Kirche Gottes trug. „Reformtrer oder vielmehr Lästerer, denn dicß ist der Ausdruck, der am besten auf sie paßt," erwiederte der Abbe mit Bezugnahme auf die letzten Worte des Johanniters. „Ich überantworte ste alle ohne Bedenken dem Teufel. Was übrigens die Zusage unseres tapfern Ritters vom heiligen Johann betrifft, edler Graf Emich, so soll ste, sofern meine Person in Frage kommt, erfüllt werden, denn ich bin überzeugt, daß die Keller von Heidelberg einen schwereren Angriff aushalten können, als irgend einer seyn mag, den man allenfalls mit derartigen Mitteln durchzusetzen gedenkt. Es ist übrigens schon spät, und ich gestehe, daß ich unsere Brüder von Limburg schon früher zu sehen hoffte. Es wird doch kein unnöthiges Mißverständlich dazwischen gekommen seyn, um uns des Vergnügens ihrer Gesellschaft zu berauben?" „Das ist schwerlich zu besorgen, soweit nämlich ein vereiteltes Gelage in Frage kommt; denn wenn je der Teufel jene Mönche vom Berg in Versuchung führte, so geschah es in der Gestalt von Vollerer. Wenn mir aus der vierzigjährigen Erfahrung, die ich mir in ihrer Nachbarschaft gesammelt habe, ein Nrtheil zusteht, so möchte ich fast behaupten, daß ste die Tugend der Mäßigkeit als die achte Todsünde betrachten." „Ein Benedictiner ist dazu berechtigt, die Gastfreundschaft als eine Tugend zu betrachten, und der Abt hat die Erlaubniß, seinem Leibe gütlich zu thun; beurthcilen wir sie deshalb nicht zu hart, sondern bilden uns lieber aus ihren Handlungen eine Ansicht über ihre Verdienste. Ihr habt viele Diener draußen, Graf, die ihnen heute Nacht Ehre erweisen können." Der Graf von Leiningen runzelte die Stirne und wechselte, ehe er antwortete, mit seinem Vetter Blicke, denen der Abbe wohl 83 einen geheimen Sinn Hütte beilegen können, wenn sie seiner Beobachtung nicht entgangen wären. „Meine Leute sammeln sich pflichtmäßig um ihren Gebieter, denn sie haben von dem Beistand gehört, welchen der Churfürst zur Unterstützung der trägen Benediktiner geschickt hat," lautete die Antwort. „Vierhundert Söldlinge liegen heute Nacht in dem Kloster, Herr Latouche, und es sollte Wohl Niemand wundernehmen, wenn die Vasallen Emichs von Hartenburg mit Hand und Schwerdt bereit sind, zu seiner Verthcidigung Dienst zu thun. Gott erbarme sich — die pfiffigen Mönche mögen zwar Wohl dergleichen thun, als lebten sie in Angst und Sorgen, aber wenn Jemand Ursache hat, in Sorgen zu leben, so ist's doch in Wahrheit kein anderer, als der rechtmäßige und viel benachtheiligte Herr des JägerlhalcS." „Deine Lage, Vetter von Hartenburg," bemerkte der Träger des JohanniterkrcuzeS, „bekundet in Wahrheit eine meisterhafte Diplomatik. Du hast das Schwerdt auf den Abt von Limburg gezückt und bist bereit, jeden Augenblick tödtlichc Stöße mit ihm zu wechseln, um so die lang bestrittene Oberherrlichkeit an den Ausgang einer Schlacht zu setzen; aber dennoch bietest Du Deinen Kellermeister auf und läßt ihn Deine besten Fäßlein anzapfen, um Deinem Todfeinde Gastfreundschaft und Ehre zu erzeigen. Monsieur Latouche, dieß überbietet in der That an Bedenklichkeit die Lage eines Abbe von Deinem Schrote, der kaum genug Kirchendiener ist, um Erlösung zu verdienen, aber doch nicht tief genug in Sünden steckt, um mit dem großen Haufen der Uebelthäter auf ewige Zeiten verdammt zu werden." „Es steht zu hoffen, daß wir das gemeinsame Loos der Sterblichen theilen und mehr nach Barmherzigkeit, als nach Verdienst werden beurtheilt werden," entgegnete der Abbe — ein Titel, welcher in Wahrheit kaum eine wirkliche Kirchenwürde bezeichnete. „Jn- deß hoffe ich, daß die diesmalige Begegnung der feindlichen Kräfte 84 harmlos auSfallen wirb, denn offen gesprochen, ich gehöre nicht zu einem kriegführenden Orden, wie unser Freund der Ritter da." „Horcht!" rief der Wirth, indem er seinen Finger erhob, um damit Aufmerksamkeit einzuschärfen. „Habt ihr nichts vernommen?" „O ja, Vetter, die Musik Deiner Lärmmacher im Hof drunten und einige deutsche Flüche, die erst übersetzt werden müßten, wenn man sie verstehen sollte; aber von dem gesegneten Ton der Glocke, die zur Mahlzeit läutet, will noch immer nichts verlauten." „Nicht doch — 's ist der Abt von Limburg mit seinen Brüdern, den Vätern Siegfried und Kuno. Wir wollen nach dem Thore gehen, um ihnen die übliche Ehre zu bezeugen." Auf diese willkommene Kunde legten der Ritter und der Abbe ein sehr löbliches Verlangen an den Tag, die Ersten zu seyn, um einem so wichtigen Manne, als in jener Gegend das reiche und mächtige Oberhaupt des benachbarten Klosters war — die erforderliche Aufmerksamkeit zu erweisen. Sechstes Kapitel. »Warum nicht? — Je größer der Sünder, desto besser der Heilige.' Byron. Ein wilder, klagender Hornton war weit im Thale aus der Nähe der Limburger Berge erschollen. Eine derartige melodische Musik war hier nichts Ungewöhnliches, denn von allen Europäern sind diejenigen, welche in den Flußgebieten des Rheines, der Elbe, der Oder und der Donau wohnen, die eifrigsten Psteger lieblicher Laute. Wir höre» viel von der Härte der deutschen Dialekte und von der Weichheit derer, welche aus dem Lateinischen stammen; wenn wir übrigens Venedig und die Alpcngegenden auSnehmen, so hat die Natur für die Ungleichheit, welche zwischen den Sprachen besteht 85 durch den Unterschied in den Organen derselben reichen Ersatz geleistet. Wer jene Länder besucht, darf in der Regel darauf zählen, daß er den Deutschen trillern, den Italiener aber in ein großartiges Gekrach ausbrechen hört, obschon es in beiden Fällen gewiß auch Ausnahmen gibt. Jedenfalls ist Musik in den ausgedehnten Ebenen Sachsens weit gewöhnlicher, als auf der Onmxaxna, tolioo, und es trifft sich gar nicht selten, daß man in erstgedachtem Lande von einem blondhaarigen Postillon, wenn derselbe langsam einen Berg hinanfährt, mit Horn-Melodien unterhalten wird, die einem Hoforchester keine Unehre machen würden. Eine dieser eigenihümlichen melancholischen Cadenzen war es nun, welche den Spionen deS Grafen Emich das Zeichen gab, die geistlichen Herren hätten das Kloster verlassen. „Habt ihr nicht's gehört, Brüder?" bemerkte Vater BonifaciuS gegen die an seiner Seite reitenden Begleiter fast in dem gleichen Augenblicke, als der Graf von Lciningen auf der Burg dieselbe Frage stellte. „Das war ein bedeutungsvoller Hornstoß." „Möglich, daß uns der Wunsch, unversehens auf dem Schlosse anzulangen, vereitelt wird," versetzte der Mönch, welchen wir dem Leser bereits als Pater Siegfried vorgestellt haben; „aber obgleich eS uns dann nicht gelingen wird, in Graf EmichS Geheimniß mit eigenen Augen eiuzudringen, so habe ich doch einen Menschen geworben, der dieses Geschäft hoffentlich in einer Weise für uns ausführen wird, daß wir jedenfalls eine Witterung von den Anschlägen des Grafen erhalten. Muth, hochwürdiger Abt; die Sache Gottes wird wohl nicht aus Mangel an Beistand unterliegen. Wann ist je der Demüthige und Rechtschaffene verlassen worden?" Der Abt von Limburg ließ einen AuSruf vernehmen, der wenig Glauben an eine mirakelhafte Einmengung zu Gunsten seines Klosters verrieth, zog den Mantel, welcher einigermaßen zu Verhüllung seiner Person diente, fester an sich, und gab seinem Thicre den Sporn, als wolle er wo möglich den Tönen zuvorkvmmen. 8i; welche, wie er instinktartig fühlte, seine Ankunft zu verkündigen bestimmt waren. Auch hatte der Prälat in seiner Vermnthung nicht geirrt, denn kaum waren die wilden Töne auf dem Schloß vernommen worden, als auch schon das Signal, welches die Aufmerksamkeit des Grafen geweckt hatte, den innerhalb der Burgmauer befindlichen Reisigen mitgetheilt wurde. Als Folge des erwarteten Aufgebots zeigte sich nunmehr große Rührigkeit unter den Müßiggängern in den Höfen. Untergeordnete Offiziere gingen unter der Mannschaft umher und ließen die trunkenen Schwelger, mit welchen in Güte nichts anzufangen war, nach ihren geheimen Quartieren schaffen, während sie den Gehorsameren Befehl ertheilten, ihren Kameraden zu folgen. In wenigen Minuten und lange vorher, ehe die Mönche, welche ihre Thiere auf's Aeußerste ansporntcn, auch nur das Dorf erreicht hatten, — befand sich in der Feste Alles im Zustande der größten Ruhe, und das Schloß glich dem Aufenthalte eines mächtigen Ritters zur Zeit der tiefsten Sicherheit. Emich hatte diese Verfügung über seine Leute in Person überwacht und dabei eifrig Sorge getragen, daß kein Nachzügler auftauchen konnte, um die innerhalb der Mauern getroffenen Vorbereitungen zu verrathen. Nachdem diese kluge Vorsichtsmaßregel ausgeführt war, schickte er sich mit seinen beiden Begleitern an, in der Nähe des ThoreS eine Stellung einzunehmen, in welcher sie die Ankunft der Mönche mit besonderer Bequemlichkeit erwarten konnten. Der Mond hatte sich hoch genug gehoben, um die Seite des Bergs zu erhellen und den braunen Thürmen und Bollwerken Har- tenburgS malerische Formen zu verleihen, die sich auf dem dunkeln Hintergründe höchst vortheilhaft auSnahmen. Die Signale schienen im Dorfe sowohl, als in der zürnenden Veste, welche über den abgeschiedenen Platz hinausragte, Alles in stumme Aufmerksamkeit zu versetzen, denn einige Minuten herrschte so tiefe und allgemeine Stille, daß man das Murmeln des FlüßleinS hören konnte, welches 87 sich durch die Wiesen hinschlängclte. Dann ließ sich rascher Hus- schlag vernehmen. „Es thut diesen Dienern der Kirche sehr Noch, Deinen Rheinwein zu kosten, edler Emich," bemerkte Albrecht von Biederbach, der sich nur selten mit Nachdenken bemühte, „oder höre ich da drunten einen Zug ihrer Saumthiere?" „Wenn der Abt im Begriffe wäre, ein anderes Kloster seines Ordens oder seine geistlichen Oberherrn in Speyer zu besuchen, so würde ohne Zweifel viel dergleichen Vieh in seinem Gefolge seyn; denn von allen Freunden einer wohlbesetzten Tafel ist wohl Wilhelm von Venloo, welcher in der Taufe seines Amtes den Namen Bonifacius erhielt, derjenige, welcher die Früchte der Erde am meisten zu schätzen weiß. Ich wollte, daß er und seine ganze Gemeinschaft geistiger Weise in den Garten EdenS verpflanzt wäre — es käme mir nicht darauf an, sie reichlich mit meinen Thränen zu wässern." — „Der Wunsch riecht zwar nach Heiligkeit, läßt sich aber doch nicht ohne sterbliche Hülfe ausführen, wenn Du nicht etwa in besonderer Gunst bei dem Churfürsten von Köln stehst, denn dieser könnte Dir vielleicht mit Hülfe eines Mirakels einen derartigen Dienst leisten." „Du scherzest in einer sehr ernsten Sachs, Ritter," antwortete Emich rauh, denn ohngeachtet seiner angeerbten Todfeindschaft gegen jenen Theil der Kirche, welcher seiner eigenen Macht ins Gehäge kam, fühlte er sich doch so abhängig von überlegenem Wissen, wie dieß bei Leuten von verkümmerter Erziehung unvermeidlich der Fall ist. „Der Chursürst hat vielen adeligen Familien in der von. Dir genannten Weise Dienste geleistet und diese Ehre vielleicht an Häuser verschwendet, die seine Gnade weit weniger verdienen, als das von Leiningen. Doch da kommt der Abt mit seinen lustigen Brüdern. Gottes Fluch über sie wegen ihres Stolzes und ihrer Habsucht!" Der Hnfschlag war immer lauter und lauter geworden und 88 ließ sich nun sogar aus dem Pflaster des äußeren Hofes vernehmen; denn um seinen Gästen Ehre zu erweisen, hatte der Graf ausdrücklich den Befehl ecthcilt, an dem Thore, dem Fallgitter oder der Brücke jedes Hinderniß wegzuräumen. „Ich heiße Dich willkommen und bezeuge Deinem kirchlichen Amte meine Ehrfurcht, heiliger Abt!" rief Emich, von dessen Lippen eben erst die Verwünschung getönt hatte,, indem er diensteifrig vvrtrat, um dem Prälaten abstcigen zu helfen. „Auch euch meinen Willkomm, ihr frommen Brüder, würdige Begleiter eures geachteten und verehrten Oberhaupts." Die Mönche stiegen unter dem Beistände der Hartenburger Dienerschaft ab und wurden von dem Grafen selbst, wie von dessen Freunden scheinbar mit großen Ehren empfangen. Sobald sie auf ihren eigenen Beinen standen, erwiederten sie höflich die Begrüßung. „Der Friede sey mit Dir, mein Sohn, mit diesem Ritter und mit diesem Diener der Kirche," begann Pater BonifaciuS mit jener raschen Handbcwegung, mit welcher die katholischen Priester ihre Bcnedictionen austhcilen. „Sanct Benedict und die heilige Jungfrau mögen euch in ihre heilige Obhut nehmen. Hoffentlich haben wir durch unsere kleine Zögerung Dir nicht Anlaß zum Verdruß gegeben, edler Emich?" „Du kömmst nie zur Unrechten Stunde, Vater, sey es am Morgen oder am Abend. Die Hartenburg ist hoch geehrt, wenn Dein ehrwürdiges Haupt unter ihrem Thor durchzieht." „Wir haben uns danach gesehnt, mein Sohn, Dich zu umarmen, aber gewisse kirchliche Verrichtungen, die nicht vernachläßigt werden durften, haben uns so lange von diesem Genüsse fern gehalten. Laß uns übrigens eintretcn, denn ich fürchte, die Abendluft möchte denen schaden, die ohne Mäntel sind." Nach dieser rücksichtsvollen Andeutung führte Emich unter der Maske großer Hochachtung seine Gäste nach dem Raume, den er kürzlich erst verlassen halte, und nun begann der verschmitzte und 89 erkünstelte Höflichkeitsaustausch, welcher in jenem halbbarbari- schen und treulosen Jahrhundert, wenn eS die Erfüllung gewisser Zwecke galt, oft zu einem herzlosen und gotteslästerlichen Spielen mit den heiligsten Verpflichtungen Anlaß gab, — zu einem Spiele, das zwar in unseren Tagen vielleicht zu einer abgemesseneren Täuschung auSgeartet seyn mag, aber deshalb Wohl kaum weniger tückisch und sündig ist. Man sprach viel von der wechselseitigen Freude, bei diesem Anlaß Gedanken auStauschen zu können, und die plumpen Betheuerungen des derben, aber doch ränkevollen Ritters fanden in der anspruchsvollen Heiligkeit und in der huldvollen AmlSmiene des Priesters reichliche Erwiederung. Der Abt von Limburg und seine Gefährten waren zu dem beabsichtigten Festmahle in einer Kleidung erschienen, welche theil- weise ihren Stand verbarg; sobald aber die Mäntel und die übrigen Obergewänder abgelegt waren, standen sie in der gewöhnlichen Tracht ihres Ordens da, wobei sich der Prälat von seinen Untergebenen nur durch jene Abzeichen kirchlichen Ranges unterschied, welche hochgestellte Kirchendiener zu tragen pflegten, wenn sie nicht eben im Dienste des Altars begriffen waren. Sobald sich's die Gäste bequem gemacht hatten, nahm die Unterhaltung eine weniger persönliche Richtung;'denn obschon Emich von Hartenburg in Beziehung auf das meiste von dem, was man in den Tagen unser Büchercultur Gesittung nennt, so roh und unbändig war, wie sein Schlachtroß, so ließ er es doch nicht an jener Höflichkeit fehlen, die seinem Range ziemte, um so weniger, da man in jenem Striche dergleichen Artigkeiten als das passendste Zubehör eines Lehensherrn betrachtete. „Es heißt, hochwürdiger Abt," fuhr der Wirth fort, indem er dem Gespräche eine Wendung gab, welche seine eigenen geheimen Absichten begünstigen konnte, „daß unser gemeinschaftlicher Herr, der Chursürst, schwer von seinen Feinden bedrängt werde, und man trägt sich sogar mit der Besorgniß, ein Fremder möchte sich 90 die Herrschaft in dein edlen Schlosse Heidelberg anmaßen. Hast Dn nichts von seinen kürzlichen Unfällen und von den Bedrängnissen gehört, die auf seinem Hause lasten?" „Wir haben in allen unfern Kapellen Messen für ihn gelesen und lassen stündlich Gebete abhalten, damit der Himmel ihm Sieg über seine Feinde verleihe. Auch benützen wir eine Vergünstigung, die uns unser gemeinschaftlicher Vater in Nom ertheilte, dahin, um allen denen, welche für ihn zu den Waffen greifen, reichlichen Ablaß zu spenden." „Du hängst mit vieler Liebe an dem Churfürsten Friedrich, heiliger Prälat," murmelte Emich. „Wir erweisen ihm die Achtung, welche jeder Ordensmann gerne dem kräftigen weltlichen Arme zollt, der ihn schützt; zu einer weiter gehenden Treue aber stnv wir nur dem Himmel verpflichtet. Wie kommt es übrigens, daß ein so tapferer Ritter, der wegen seiner kriegerischen Tugenden in so hoher Achtung steht und bekanntermaßen vor keiner Gefahr zurückbebt, zu einer Zeit, in welcher der Thron seines Fürsten zusammen zu brechen droht, im Wamse sich ausruht? Wie wir hören, hast Du Deine Leute auf- geboten, Herr Graf, und wir nehmen an, daß es im Interesse des Churfürsten geschehen sey." „Friedrich hat mir in der letzten Zeit nicht Ursache gegeben, ihn zu lieben. Meine Vasallen berief ich um mich, weil die Zeiten jeden Adeligen wohl ermahnen können, seine Rechte in Acht zu nehmen. Ich habe in letzter Zeit so viel in der Gesellschaft meines Vetters von Viederbach, dieses selbstverläugnenden Johanniters, gelebt, daß sich kriegerische Gedanken sogar dem Gehirne eines so friedlichen Haushammels aufdrangen, als Dein sündiger, armer Nachbar ist." — Der Abt verbeugte sich lächelnd, wie ein Mann, welcher den Worten eines Anderen vollen Glauben schenkt, während sich unter dem unsteten, obdachlosen Ritter, dem Abbe und den Brüdern von ,^S> 91 Limburg ein Zwischenspiel entspann. So verstrichen etliche Minuten, bis endlich ein schmetternder Trompetenstoß die Meldung that, das Bankett harre seiner Gäste. Diener leuchteten der Gesellschaft nach der Halle, in welcher die Tasel gedeckt stand, und unter vielen Ceremonien wurde jedem Einzelnen der Platz angewiesen, der seinem Range und Charakter entsprach. Gras Emich, der in der Regel viel zu finster und derb war, um sich viel mit überflüsfigen Höflichkeiten zu bemühen, bot nun Allem auf, seinen Gästen zu gefallen, denn es lag ihm etwas schwer auf dem Herzen, und er wußte wohl, daß er in Gefahr stand, durch die schlauen Kunstgriffe der Mönche überlistet zu werden. Während der Vorbereitungen zu dem Festmahle, in welchem sich die ganze verschwenderische Gastfreundschaft aussprach, die derartige Belustigungen zu bezeichnen pflegte, versäumte er auch nicht einen der herkömmlichen Bräuche. Er sorgte eifrig für den Becher, wie für den Teller des beleibten und genußsüchtigen Abts, während Albrecht von Viederbach und Monsieur Latouche den untergeordneten Mönchen dieselbe Aufmerksamkeit erwiesen; denn obgleich es der Bequemlichkeit des Abbe zusagte, unter der Hülle eines Kirchendieners durch'S Leben zu wandeln, ließ er sich doch bei Festmahl und Zechgelage nie schlecht finden. Als jedoch die Speisen und die edlen Weine auf die physischen Funktionen der Brüder zu wirken begannen, ließen sie all« mählig ihre Masken fallen und enthüllten nachgerade immer mehr von jenen natürlichen Eigenschaften, welche in der Regel einer gelegentlichen Beobachtung entgehen. Gastfreundschaft war eine Ordensregel der Bcncdictiner. Der Wanderer fand die Klosterthüre stets für ihn offen, und wer sich um Obdach und Imbiß an die Brüderschaft wandte, durfte darauf zählen, beides so ziemlich in derselben Weise zu erhalten, an die er durch seine äußeren Verhältnisse gewöhnt war. Diese Ausübung einer so kostspieligen Tugend gab einen zureichenden Vorwand für Aufhäufung von Schätzen ab, und wer heutzutage durch Europa reist. or wird noch reichliche Belege davon finden, daß es dem Orden niemals an Mitteln zu Ausübung des fraglichen Gebotes fehlte. Man trifft noch heute ziemlich häufig Abteien dieses Ordens in den Waldkan- tonen der Schweiz und in den meisten anderen katholischen Staaten, obschon fie durch die allmählige und sehr wohlthätige llebertragung der politischen Gewalt in Laienhände längst ihres weltlichen Glanzes beraubt worden find. Viele dieser Aebtc waren früher Reichsfürsten, und manches Kloster schwang vordem den Herrscherstab über Gebiete, die seitdem selbst zu unabhängigen Staaten geworden find. Während jene geistlichen Obliegenheiten und Bußübungen, die man für eine charakteristische Eigcnthümlichkeit des Bencdictiner- OrdenS hielt, vorzugsweise einem untergeordneten Mönche, welcher den Namen Prior führte, überlaffen blieben, erwartete man von dem Abte, oder dem Oberhaupte des Klosters, daß er nicht nur bei Verhandlungen über die geistlichen Güter, sondern auch bei der Tafel den Vorfitz führe. Dieser häufige Verkehr mit den gemeinen Interessen des Lebens und die beharrliche Hingebung an dessen gröbere Vergnügungen waren nicht sehr geeignet, zu Uebung der mönchischen Tugenden zu crmuthigen. Wir haben bereits bemerkt, daß eine allzunahe Beziehung des Zeitlichen zum Geistlichen auf den apostolischen Charakter verderblich wirkt, wie denn überhaupt das Vermengen Gottes mit dem Mammon und der Kniff, die geoffenbarten Wahrheiten unserS göttlichen Meisters in eine Stütze zu Aufrechthaltung zeitlicher Herrschaft umzuwandeln, in den Augen unseres amerikanischen Volkes fast wie Gotteslästerungen erscheinen müssen, obschon sich die Bewohner der andern Hemisphäre und ein großer Theil Derjenigen, welche auf unserer westlichen Halbkugel ansässig sind, durch die Gewohnheit mit einem derartigen Stande der Dinge bereits versöhnt haben. Jndeß sind doch durch die Triumphe der Presse und die Folgen eines stetigen Fortschritts in der öffentlichen Meinung längst viele noch zweideutigere Bräuche beseitigt worden, mit denen unsere vor drei Jahrhunderten lebenden Vorfahren so vertraut waren, 93 wie die Jetzlwelt mit den Gewohnheiten des heutigen Tages. Wenn man gewappnete Kirchenfürstcn ihre Haufen in die Schlacht führen sah, so ließ sich nicht erwarten, daß die übrigen Würde» dieser pri- vilegirten Claffe sich milder kund gaben, als eben durch den Geist der Zeit durchaus gefordert wurde. Wilhelm von Venloo, seit seiner Erhebung zum Abt von Limburg unter dem Namen BonifaciuS bekannt, besaß übrigens keineswegs alle jene weltliche Macht, welche so vielen seiner StandeSgc- noffen zum Sündigen Anlaß gab. Dennoch war er das Oberhaupt eines reichen, mächtigen und geachtete» Stiftes, das außerhalb der Abtei-Mauern viele Allodial-Güter besaß und über unterschiedliche Vasallen Lehensberechtigungen übte. Der Abt von Limburg war ein Mann, kräftig an Körper und Geist, und übte einen nicht geringen Einfluß vermittelst eines Charakters, wie er unS oft im Leben begegnet — durch eine derbe Unabhängigkeit des Denkens und Handelns, welche ihrer Wirkung auf die Leichtgläubigen und Schüchternen nie verfehlt, bisweilen aber auch den Dreisten und Verständigen befangen macht. Er stand weit eher wegen seiner Gelehrsamkeit, als wegen seiner Frömmigkeit im Rufe, und alle Welt wußte, daß seine Lieblingssünde in dem Hange bestand, einem Kampfe zwischen den Kräften des Geistes und der Materie, wie er etwa durch reichliche Libationcn und übermäßiges Essen zu entstehen pflegt, zu begegnen— eine Entartung, welcher alle Diejenigen ganz besonders unterworfen sind, die den gewöhnliche» heilkräftigen Trieben der Natur einen unnatürlichen Zwang anlegen, gerade wie der eine Sinn an Schärfe gewinnt, wenn ein anderer fehlt. Der Abt machte sich'S in seinem Gewände leichter und ließ die Kaputze noch weiter auf den Rücken niedersinken, während ihm Emich Becher um Becher zutrank; und als endlich die Speisen entfernt wurden, weil der Vcr- dauungSkraft oder vielmehr dem Magenraum nichts mehr zugemu- thet werden konnte, rötheten sich seine vollen Wangen, seine tiefliegenden, Hellen, durchdringenden grauen Augen blitzten in einer 94 Art wilden Entzückens, und oft zitterten seine Lippen, während der ErdenkloS beredte Merkzeichen seiner Lust von sich gab. Dennoch blieb seine Slimme, obscho» sie den wohlweisen Schulton verloren hatte, fest, tief und gebieterisch, oder wurde gar, wenn er dem Gespräche da und dort eine bittere Spottrede einsiocht, beißend verächtlich. Auch seine Untergebenen ließen ähnliche Spuren ihrer sich allmählig vermindernden Vorsicht blicken, obschon es bei ihnen in weit weniger eindrucksvoller — wir hätten fast gesagt, großartiger Abstufung geschah, als die war, welche der sinnlichen Aufregung ihres Oberhaupts so viel Interesse verlieh. Albrecht und der Abbe verriethen gleichermaßen je nach ihrer Art den Einfluß des Bankettes, wie denn überhaupt sämmtliche Zechgenossen nachgerade redselig, streitsüchtig und lärmend wurden. Nur Emich von Hartenburg müssen wir ausnehmen. Er hatte zwar getäfelt, soweit eS sein gewaltiger Körperbau und seine leiblichen Bedürfnisse forderten, desgleichen auch dem Becher sein Recht widerfahren lassen : aber bis auf diesen Augenblick würde es auch dem aufmerksamsten Beobachter schwer geworden sehn, an ihm eine Abnahme seiner Kräfte zu entdecken. Allerdings wurde das Blau seiner großen, schweren Augen glänzender; indcß hatte er doch ihren Ausdruck in seiner Gewalt, und was sich in denselben aussprach, trug noch immer das Gepräge der Höflichkeit. „Du läßt meinem dürftigen Mahle nur wenig Ehre zu Theil werden, mein heiliger Abt," rief der W irth, als er des zögernden Blickes gewahr wurde, mit welchem der Prälat den köstlichen Neberresten eines Wildschweines folgte, das eben aus der Halle getragen wurde. „Doch wenn Dich die Schurken bei der Auswahl der Bissen verkürzt haben, beim heiligen Benedict, so können dis Berge meiner Jagd noch andere^Thiere der Art liefern. Wie jetzt —" „Entschuldige mich, mein edler Emich! Dein Förster hat Dir mit seinem Sperre alle Gerechtigkeit widerfahren lassen, denn ein saftigeres Stück Wild dampfte wohl nie auf einer Tafel." „Es fiel durch die Hand des jungen Berchthold, der Waise eines Dürkheimer Bürgers. Der Bursche ist ein kecker Jäger, und ich zweifle nicht, daß er sich eines TageS eben so wacker in der Schlacht Hallen wird. Du kennst ihn wohl, Vater, denn er findet sich ost in den Beichtstühlen Deiner Abtei ein." „Da wird er wohl dem Prior besser bekannt seyn, als mir, auf dem so viele weltliche Sorgen lasten. Ist der junge Mann in der Nähe? — denn ich möchte ihm gerne meinen Dank bezeigen." „Hörst Dn'S, Halunke? — mein Oberförster soll erscheinen, denn der hochwürdige und edle Abt von Limburg sei ihm ein Gratias schuldig." „Sagtest Du nicht, daß er aus Dürkheim sch?" „Aus derselbige» guten Stadt, hochwürdiger Priester; und obschon er durch Mißgeschicke so weit heruntergekommen ist, daß er in meinen Wäldern sein Brod suchen muß, so ist er doch ein Bursche, voll Feuer auf der Jagd, mit dem sich'S auch in Stunden der Ruhe gar nicht übel plaudern läßt." „Du nimmst von diesen friedlichen Städtern schwere Dienste in Anspruch, Vetter von Hartenburg; denn wenn man sie frei wählen ließe zwischen den alten Verpflichtungen gegen das Kloster und dem unruhigen Leben, zu dem Du die Handwerker anhältst, so würden wir mehr Beichtkinder innerhalb unserer Mauern haben." Die LehnSpflichtigkeit von Dürkheim war ein Punkt, der längst zwischen dem Kloster Limburg und dem Hause Leiningcn im Streite lag, weßhalb die Anspielung des Mönchs an seinem Wirthe nicht verloren ging. Emichs Stirne umwölkte sich und drohte für einen Augenblick mit einem Nngewitter; er faßte sich jedoch bald wieder und antwortete in heilerem, aber doch hinlänglich kaltem Tone: „Deine Worte erinnern mich an unser dermaligeS Verhältnis hochwürdiger BonifaciuS, und ich danke Dir, daß Du einem Festmahle plötzlich Einhalt gethan hast, das ohne Zweck warm zu werden begann." Der Gras stand auf und zog die Aufmerksamkeit 96 aller seiner Gäste dadurch auf sich, daß er einen zierlich mit Gold ausgelegten Hornbecher bis an den Rand füllte. „Edle und hoch- würdige Diener Gottes," fuhr er fort, „ich trinke auf die Gesundheit und das Glück des geehrten Wilhelm von Venloo, des heiligen Abts von Limburg, meines liebevollen Nachbars. Möge seine Brüderschaft nie einen schlechterer» Führer haben, und möge das Leben und die Zufriedenheit aller, die dem Orden angehören, von so langer Dauer sehn, wie die Mauern der Abtei." Emich leerte den Humpen mit einem einzigen Zuge. Um dem infulirten Mönche Ehre zu erweisen, hatte man ihm ein reich mit Juwelen verziertes Achat-Gefäß, ein Erbstück deS Hauses Leiningen, an die Seite gestellt. Während der Graf also sprach, ließ Bonifa- cius unter den grauen, überhängenden Brauen weg, welche den oberen Theil seines Gesichtes wie ein Gehäge beschatteten, das gepflanzt wurde, um spähende Augen von einem verborgenen Plätzchen auszuschließen— seine Blicke nach dem Wirthe Hingleiten, um sorgfältig dessen GestchtsauSdruck zu mustern. Nachdem die Gesundheit auS- gebracht war, schwieg der Gast eine Weile und erhob sich sodann, um das Compliment gleichfalls mit einem Becher zu erwiedern. „Ich trinke diesen reinen und heilsamen Saft," begann er, „auf das Wohl des edlen Emich von Leiningen und seiner alten, erlauchten Familie — aus die Erfüllung ihrer zeitlichen Hoffnungen und auf ihre künftige Seligkeit. Möge diese starke Veste nebst dem Glück ihres Gebieters so lange Bestand haben, als die Mauern von Limburg, von denen der Graf gesprochen und die, wenn es nach seinen liebevollen Wünschen ginge, ohne Zweifel ewig stehen würden." „Bei dem Leben deS Kaisers, geehrter BonifaciuS !" ries Emich, mit der Faust gewaltig auf den Tisch schlagend, „Du übertriffst einen so beschränkten Mann wie ich bin, eben so sehr im Wünschen, als in der Gottseligkeit und in anderen Vorzügen. Ich möchte jedoch meiner Geneigtheit gegen Dich keine Schranken setzen und wälze daher die Schuld meiner unvollkommenen Rede auf eine Jugend, 97 die mehr mit dem Schwerdte, als mit dem Brevier zu thun hatte. Und nun laß uns auf ernstere Angelegenheiten übergehen. Mein Vetter von Viederbach und dieser Kirchendiener, welcher die Har- tenburg mit seiner Anwesenheit beehrt, wissen vielleicht nvch nicht, daß zwischen dem Kloster Limburg und meinem unwürdigen Hause ein freundschaftlicher Streit stattfindet, gewisse Weinabgaben betreffend, welche der eine Theil als eine pflichtschuldige Leistung, der andere aber nur als ein frommes Geschenk, das der Kirche freiwillig gespendet wurde, betrachtet—" „Nicht doch, edler Emich," unterbrach ihn der Abt, „wir haben die Sache nie, in was immer für einer Weise, als bestreitbar angesehen. Die fraglichen Güter find uns lehenspflichtig, und wir haben längst die darauf hastenden Frohnen in den Ertrag namhaft zu machender Weinberge umgewandclt." „Ich bitte um Verzeihung — wenn sich'S hier überhaupt von pflichtschuldigen Leistungen handelt, so können diese in nichts Anderem, als in Ritterdienst bestehen, denn keiner meines Namens oder meiner Familie hat je einen Sterblichen in etwas Geringerem bezahlt." „Lassen wir das beruhen," antwortete BonifaciuS milder. „Die Frage handelt von dem Weinbetrage, nicht aber von dem Ursprung der Verbindlichkeit." „Du hast Recht, Weiser Abt, und ich muß meine Zuhörer um Vergebung bitten. Setze Du die Sache auseinander, hochwürdiger BonifaciuS, damit unsere Freunde die Bedeutung einer Sache kennen lernen, auf die wir so toll erpicht find." Es gelang dem Grafen von Hartenburg, den aufsteigenden Zorn niederzukämpfen, und er schloß seine Bemerkung mit einer höflichen Geberde gegen den Abt. Dieser stand abermals auf, und zwar noch immer mit der Ruhe, welche seinem Berufe ziemte, obschon das Uebermaß des Genusses nicht versäumt hatte, in seinem Innern körperliche Verheerungen anzurichten. „Wie unser wackerer und geschätzter Freund eben berichtet hat," Die Heidenunrucr. , 7 98 fuhr der Abt fort, „findet wirklich zwischen ihm und »nS Dienern Gottes eine offene Streitfrage statt, die übrigens von so geringfügiger Natur ist, daß zwischen ein paar so liebevollen Nachbarn gar nicht die Rede davon sehn sollte. Die Grafen von Leiningen haben sich seit langer Zeit ein Vergnügen daraus gemacht, der Kirche ihre Geneigtheit zu erweisen, und in diesem pflichtmäßigen und löblichen Geiste wurde nun schon seit fünfzig Jahren am Schluffe jeder Weinlese ohne Rücksicht auf Witterung oder Erndte (denn die wackeren Grafen änderten ihre Gewohnheiten nicht mit dem Wetter) an unser Kloster eine Abgabe entrichtet—" „Ein Geschenk gemacht, Priester!" „Wenn Du so willst, edler Emich, ein Geschenk gemacht — fünfzig Fässer des edlen Saftes betragend, der eben jetzt unsere Herzen mit gegenseitiger brüderlicher und lobenSwerthcr Zuneigung erfüllt. Um nun für die Zukunft alle Zwistigkeiten zu vermeiden und entweder unsere Keller noch reichlicher zu bedenken oder das HauS Hartenburg für künftighin ganz und gar zu entbinden, sind wir mit einander einig geworden, daß diese Nacht entschieden werden solle, ob der Tribut hinfort aus hundert Fässern oder ans nichts bestehen solle." „Bei unserer lieben Frau, eine höchst wichtige Verhandlung, wenn man so mit einemmale reich oder arm werden kann," rief der Ritter von RhoduS. „Dies ist auch unsere Ansicht," fuhr der Abt fort; „wir haben deshalb die Entbindungsurkunden mit allen gebührenden Förmlichkeiten und Siegeln durch einen gelehrten Heidelberger Juristen auS- sertigcn lassen. Dieser gehörig ausgefertigte Entlastungsbrief," fuhr er fort, indem er die fraglichen Dokumente hervorzog, „überträgt an den Grafen Emich alle Rechte der Abtei an die strittigen Weinberge— und dieses Instrument bedarf nur seiner edlen Unterschrift und seines SigillS, um die gegenwärtige Abgabe zu verdoppeln." „Halt!" rief der Ritter des Kreuzes, dessen geistige Fähigkeiten .-o? — Und noch obendrein aus dem Munde eines näselnden Benedic- tinerS, der hier im Herzen der Pfalz seine Tage hinter sicheren Steinmauern verbringt und Nachts in seiner warmen Decke nicht einmal das Rauschen des Windes vernimmt, wenn er nicht etwa gerade dem frommen Weibe eines Gläubigen einen mitternächtlichen Liebesdienst zu erweisen hat!" „Junger Mensch, erfrechst Du Dich, die Kirche zu lästern und ihren Zorn herauSzufordern?" fragte BonifaciuS mit einer Donnerstimme. „Hochwürdiger Abt," antwortete Albrecht, ein Kreuz schlagend — denn Klugheit und Angewöhnung hielten auch ihn im Banne der herrschenden Autorität des Jahrhunderts, „das Wenige, was ich mir zu sagen erlaubte, ist mehr auf den Mann als auf sein Kleid gemünzt." „Mag er immerhin sprechen, was ihm gut dünkt —" »ahm der verschmitzte Siegfried das Wort. „Ist ein Johanniter nicht ein jungfräuliches Wesen, und sollten wir ihm das Recht der Rede verweigern?" „Am Hofe des ritterlichen ValoiS," bemerkte der Abbe, welcher zu Erhaltung des Friedens eine Vermittelung für nöthig erachtete, „ist man der Ansicht, bei der Vertheidigung von Rhodus sei große Tapferkeit entwickelt worden, und nur wenige überlebten sie, denen von christlichen Händen nicht hohe Ehren zu Theil wurden. Mir haben in den angesehensten Häusern von Paris, wie auch in dem heiteren Schloß I^ontaino-bleau eine große Anzahl dieser tapfern Ritter unter uns gesehen, und Du darfst mir glauben, daß nicht Die Heidcmnamr. 8 11L leicht Jemand mehr Auszeichnung zu Theil wurde. Sogar die Narben, welche bei Marignano und Pavia geholt wurden, werden weniger hoch angeschlagen, als diejenigen, welche von den Waffen der Ungläubigen herrühren." „Du thust wohl, mein gelehrter und entsagender Bruder," antwortete Siegfried mit einem höhnischen Lächeln, „uns an die Schlacht von Pavia und an Deines großen Herrn gegenwärtigen Aufenthalt zu erinnern. Sind in letzter Zeit Nachrichten von Castilien angelangt, oder ist es vielleicht Deinem Fürsten nicht einmal gestattet, Couriere nach seiner eigenen Hauptstadt zu schicken?" „Deine Anspielungen sind sehr unzart, hochwürdiger Mönch, und Du vergißest, daß wir beide nicht weniger Diener der Kirche sind, als Du." „Dich zählen wir nicht mit, und den andern eben so wenig. Heiliger Märtyrer Petrus, was würde aus Deinen Schlüsseln werden, wenn man die Behütung derselben solchen Händen anvertrauen wollte! — Geh und thne Deinen eitel» Prunk von Dir — lege dieses Sammetkleid ab, wenn Du als zur Herde gehörig betrachtet werden willst." „Herr Latouche," rief Emich, der zwar vor Unmuth kochte, aber noch immer seine Fassung bewahrte, um die Becher kreisen zu lassen und Sorge dafür tragen zu können, daß jeder im Kampfe seine Schuldigkeit thue — „erzähle ihm von seinem Bruder in Wittenberg und von dem sonstigen Gähren im Bienenstöcke. Stoße ihm diesen Dorn in die Rippen und Du wirst ihn zurückprallen sehen wie eine abgehetzte und gedrückte Mähre unter dem Stachel des Sporns.— Wer bist Du, und warum störst Du unser Vergnügen?" Diese plötzliche Unterbrechung der eigenen Rede galt einem sauber, aber anspruchlos gekleideten Jünglinge, welcher eben erst in den Bankeitsaal getreten war, an dem Diener, der auf den Wink seines Gebieters die Gläser füllte, vorbeiging und mit fester, achtungsvoller Miene an der Seite des Grafen stehen blieb. 115 M „Es ist Berchthold, der Förster Eurer Gnaden. Ich wurde auf- gesordert, Eurem Befehle gemäß vor Euch zu erscheinen, edler Graf." „Du bist eben in rechter Zeit gekommen, um Frieden zu stiften zwischen einem geschworenen Ritter von RhoduS und einem geschwätzigen Mönche von Limburg. Der hochwürdige Herr Abt hat de» Wunsch geäußert, Dich zu sehen, Junge." Berchthold verbeugte sich achtungsvoll und wandte sich an den Prälaten. „Du bist wohl die Waise unseres alten Lehensmannes, der Deinen Namen trug und unter den Bürgern Dürkheims in guter Achtung stand." „Ich bin der Sohn dessen, den Euer Hochwürden meint, muß übrigens in Abrede ziehen, daß er je der Lehensmann eines Limburgers war." „Brav geantwortet, Junge," rief Emich, mit seiner Faust aus den Tisch schlagend, daß Alles darauf in Trümmer zu gehen drohte — „ja, und wie eS einem Dienstmann Deines Herrn gebührt! — Hast Du genug, Vater Bonifacius, oder willst Du den Burschen noch schärfer aus dem Gewissen fragen?" „Der junge Mensch ist dazu erzogen, seine gegenwärtige gemächliche Lage zu schätzen," versetzte der Abt, indem er sich anstellte, als betrachte er die Schadenfreude des Grafen und den Mangel an Achtung von Seiten des Försters nur mit Gleichgültigkeit. „Wenn er das nächstemal in unseren Beichtstuhl kommt, wird sich Gelegenheit geben, ihn eines Anderen zu belehren." „Gott verhüte, daß diese Stunde je komme. Wir sind halb und halb Willens, in unseren Sünden fortzuleben und es in diesen unruhigen Zeiten mit dem Soldatengeschicke zu versuchen, welches stets dem Auge einen plötzlichen Tod vergegenwärtigt, ohne daß man dafür den Paß der Kirche einholen könnte. Wir haben uns schon so ziemlich darauf gefaßt gemacht — ist'S nicht so, wackerer Berchthold?" — Der Jüngling verbeugte sich achtungsvoll, ohne jedoch zu ant- 116 Worten, denn er entnahm aus den glühenden Gesichtern und den schwimmenden Augen sämmtlicher Zecher, daß in einem solchen Augenblicke jede Erklärung fruchtlos seyn würde. Wäre über die Natur der Scene überhaupt noch ein Zweifel möglich gewesen, so hätte er sich durch die Art ausklären müssen, wie auf das Geheiß des Schenken Glas um Glas auSgeleert wnrde. Soweit indeß Vater BonifaciuS in Gemeinschaft mit den anderen Gästen bereits in der Trunkenheit vorgeschritten war, so besaß er doch noch ein zureichend klares Fassungsvermögen, um zu bemerken, daß EmichS Worte einen gefährlich ketzerischen Sinn bargen. „Du bist also entschlossen, unseren Rath und unsere Warnungen zu verschmähen!" rief er, einen wilden Blick von dem Förster nach dem Grafen hingleitcn lassend. „So sage eS lieber unverhohlen heraus, daß Du es gerne sehen würdest, wenn die Mauern der Limburger Abtei zertrümmert im Thals lägen, statt auf der Höhe zu stehen." „Nicht doch, hochwürdiger und geehrter Priester, Du legst allzuviel in ein Paar übereilte Worte. Was kann es auch einem Grafen aus dem edeln Hause Leiningen verschlagen, wenn auf Kanonenschußweite von seinen Thürmen einige Mönche unter einem geweihten Dache Schutz für ihre Häupter und Ruhe für ihre Seelen finden? Fallen Deine Mauern nicht früher ein, als bis meine Hand sie einstürzen hilft, so mögen sie immerhin stehen bleiben, bis der gefallene Engel, der sie erbaute, sein eigen Machwerk wieder znsammenreißt. In der That, Vater BonifaciuS, die Mähr von dem Ursprünge Deines Heiligthums verleiht einer gottseligen Gemeinschaft nicht das beste Herkunftszeugniß." „Hört ihr'S?" sprudelte Albrecht von Viederbach, der jetzt nicht länger im Stande war deutlich zu sprechen, obschon seine Zunge bisher eine Art unregelmäßiger Begleitung zu den Reden seines Verwandten gebildet hatte — „hört ihr'S, ihr Pfropfreiser des heiligen Benedict? Der Teufel hat Euch auf die Beine geholfen, und der Teufel wird euch zu Falle bringen. IVIsIe 117 -iänm ist ein Heiliger gegen eure Heiligsten, und sein — gutes — Schwerdt —" Mit diesen Worten unterlag der Ritter von Rhodus, denn er verlor mitten in einer lebhaften Gcberde das Gleichgewicht und purzelte geradezu unter den Tisch. Ein spöttisches Lächeln überflog das Gesicht des Abts, als er einen seiner Gegner stürzen sah; Emich aber furchte verächtlich die Stirne über die unedle Schaustellung seines Vetters, der, weil er nicht mehr aufzustehen vermochte, sich darein ergab, auf dem Platze cinzuschlafen, wo er gefallen war. >,Schlucke Deinen Rheinwein, Mönch, und zähle nicht auf den geringen Vvrtheil, den Du in der Niederlage dieses plauderhaften Thoren gewonnen hast," sprach der Wirth, dessen Ton immer grämlicher wurde, je näher die CristS herankam. „Doch um auf einen passenderen Gegenstand zu kommen — Berchthold ist seines Herrn würdig und trotz seiner Jugend ein Bursche, der von einer Sache denkt, wie sie erscheint. Du weißt, wir können Deine Beichtstühle aus verschiedenen Gründen verlasse». Da ist z. B. der Mönch von Erfurt — ha, was hältst Du von seiner neuen Lehre und der Art, wie er die Gläubigen an den Altar kommen heißt? Ihr habt ihn zu Rom, zu Worms und in vielen euren Concilien gehabt, und doch steht der ehrliche Mann fest in der guten Meinung aller Vernünftigen. Du hast doch auch schon von Luther gehört, junger Berchthold?" „Wahrhaftig, mein Herr Graf, eS gibt nur Wenige in dem Jägerthal, welche nicht von diesem Namen schon vernommen hätten." „Dann stehen ste in Gefahr, der verdammungSwürdigstcn Ketzerei anheim zu fallen!" unterbrach ihn Bonifacius mit einer Donnerstimme. „Warum schwatzest Du mir von diesem Erfurter Faseler vor, Graf Emich, wenn nicht im Geheim Deine Gebete dahin gerichtet sind, daß seine rebellischen Wünsche auf Kosten der Kirche Fortgang haben möchten? Aber wir wollen Dich aus'S Kerbholz nehmen, pflichtvergessener Graf, damit wir Dir derartige kitzelnde 118 Vorstellungen durch schwere und nachdrückliche Bußübungen vertreiben mögen —" Der von Wein und Zorn glühende Abt hielt jetzt inne, denn im nämlichen Augenblicke stürzte der schweigsame Vater Cuno, gleich einem Soldaten, den in der Schlacht ein Schuß getroffen hat, von seinem Sitze herunter. Das einfache Mönchlein hatte sich der Kopfprobe mehr aus Liebhaberei für den edlen Saft, als mit Rücksichtnahme auf den Sieg angeschloffe», folglich auch dem Humpen so reichlich zugesprochen, daß er vor dem gemeinsamen Feinde als leichtes Opfer fiel. Der Abr blickte auf seinen ausgestreckten Untergebenen mit grimmiger Kälte nieder und bekundete durch den finsteren, zürnenden Blick seines Auges, daß er diesen Verlust in Beziehung auf das Endergebniß nicht sonderlich hoch anschlug. „Was liegt an der Ohnmacht eines Thoren!" murmelte er, indem er sich mit einer vollen Ladung von Galle wieder an seinen allein gefährlichen Hauptgegner wandte. — „Wir wissen wohl, daß es den Teufeln gestattet ist, sich eines augenblicklichen, scheinbaren Triumphes zu erfreuen, Freiherr von Hartenburg —" „Bei den Gebeinen meines Vaters, stolzer Priester, Du vergissest Dich seltsam. Bin ich nicht ein Fürst von Leiningen, und soll ein Kuttenträger nach Belieben mich geringer tituliren können?" „Ich hätte Sommerlandgraf sagen sollen!" antwortete Boni- saciuS höhnend, denn der lange gedämpfte Haß begann nun die schwachen Schranken zu durchbrechen, welche ihre unsteten Gcistcs- vermögen noch aufrecht zu halten versuchten. „Zch bitte Eure Hoheit um Verzeihung, aber kurzes Regiment hinterläßt kurze Erinnerungen. Selbst Deinen Unterthanen dürfte es nicht allzu hoch anzurechnen sehn, erlauchter Emich, wenn sie den Titel ihres Herrn nicht kennten; denn ein Krönlein, das man eben nur vom Juni bis zum September trägt, kann sich kaum dem Kopfe anpaffen." „Es wurde länger getragen, Abt, als je Dein Kopf durch 119 «ine Heiligen-Krone geschmückt seyn wird. Doch ich vergesse die Würde meines alten Hauses und die Nachsicht, die ich einem Gage schuldig bin, in meinem ehrlichen Zorne über einen hinterlistigen, boshaften Mönch." Bonisacius verbeugte sich mit scheinbarer Fassung, und während beide in einem unstäten Rückblick auf das wahre Sachverhalten des obschwebenden Streites ihre Mäßigung wieder zu gewinnen suchten, wurde das Gespräch zwischen dem Abbe und Pater Siegfried auf's Neue vernehmlich, da es bisher durch die Stentor-Lungen der Hauptkämpfer übertönt worden war. „Du hast Recht, hochwürdiger Pater," sagte der erstere, „aber wenn unsere schönen und lebenslustigen französischen Damen zu den fernen Heiligthümer», von welchen Du sprichst, wallfahrten wollten, so würden rauhe Behandlung unterwegs, schlechte Gesellschaft und vielleicht auch hinterlistige Beichtväter den Glanz ihrer Anmuth beflecken, so daß sie nicht mehr als die lieblichen Zierden unseres prunkvollen, ritterlichen Hofes auftreten könnten, die sie gegenwärtig sind. Nein, ich will nichts von gefährlichen Ansichten wissen, sondern mir lieber Mühe geben, durch sanften Zuspruch und artige Beweisführung ihre kostbaren Seelen dem Himmel näher zu führen, den sie so wohl verdienen, und dem sie, wie ich wohl ohne Frivolität sagen kann, zu einem so seltenen Schmuck gereichen werden." „Das mag meinetwegen bei der schwindelköpfigen Phantasie Deiner Franzosen angehen, aber unsere trägeren deutschen Ge- müthcr müssen anders behandelt werden. Bei der Messe, ich gebe wenig auf die Wirksamkeit eines Beichtvater-, der nur mit sanftem, geschmeidigem Zuspruch kommen will. Wir brauchen da und dort «inen kräftigen Wink über die ewige Verdammniß, der in deutlicher, kernhafter Sprache hingeworfen werben muß." „Ich verwerfe keinen Gebrauch, der sich begründen läßt, Pater Benediktiner, aber in Wahrheit, eine so unmittelbare Hinweisung 120 auf die Verdammniß würde unserer gebildeteren Zuhörerschaft sehr unanständig erscheinen. Außerdem wirst Du mir zugeben, daß wir bis jetzt weit weniger von Ketzerei angesteckt sind, als Deine nordischen Höfe." Hier übertönte die tiefe Stimme des Grafen, welcher seine Fassung wieder ein wenig gewonnen hatte, das Zwischenspiel der untergeordneten Personen. „Wir sind keine Kinder, hochwürbiger BonifacinS," nahm er wieder auf, „um uns mit Namen in Harnisch zu jagen. Daß man mir die Ehren und Rechte meiner Geburt und Familie verweigert hat, weil meine Abstammung nicht in gerader Linie stattgefunden, ist freilich wahr, aber wir wollen dies vergessen. Du bist willkommen an meiner Tafel, und es gibt keinen Würdenträger der Kirche oder Deines Ordens, den ich auf scharfe Rittweite von diesen Thürmen mehr schätzte, als Dich und die Deinigen. So laß uns denn Freunde sehn, heiliger Abt, und auf unsere nachbarliche Liebe das Glas leeren." „Graf Emich, ich thue Dir Bescheid und bete für Dich, wie Du es verdienst. Wenn zwischen unsrem Kloster und Deinem Hause Mißverständnisse vorsielen, so kommen sie auf Rechnung eines zwietrachtsäenden Teufels. Wir sind eine friedliche Gemeinschaft und geben uns mehr mit Gebet und den Pflichten der Gastfreundschaft ab, als mit dem gierigen Wunsche, unsere Truhen zu bereichern." „Bei diesen Punkten wollen wir nicht weiter verweilen, Vater, denn es wird dem Ritter wie dem Abte, dem Laien wie dem Priester nicht leicht, zu allen Zeiten mit gleichen Augen zu sehen. Wenn nur einmal die Frage über die Oberherrlichkeit in Dürkheim ausgeglichen wäre, daß wir doch im Thal stets gute Nachbarschaft halten könnten! Unsere Berge schließen keinen so weiten Raum ein, wie die am Rheine — warum sollten wir daher das Bischen ebenes Land in ein Schlachtfeld verwandeln? Bei der Messe, sehr heiliger Abt, Du würdest gut thun, die Truppen des Chursürsten zu entlassen 121 und die Sache einem gütlichen, freundlichen Vergleich zwischen uns anheim zu geben." „Und wäre es das letzte Gebet, das ich spräche, eh' ich zum Genuß eines selbstverlengnenden und heiligen Lebens eingienge, fürstlicher Emich, so sollte cs Deinem Wunsche nicht an Unterstützung fehlen. Haben wir uns nicht oft bereit gezeigt, die Frage dem heiligen Vater oder einer sonstigen hohen Kirchenbehörde, die füglicherweise von einem so schwierigen Punkte Kenntniß nehmen kann, vorzulegen? Ein weniger hochstehendes Schiedsgericht würde kaum unserer apostolischen Sendung ziemen." „Bei Gottes Wahrheit, mein Herr Wilhelm, Du bist doch zu gierig für Diejenigen, welche ihr Fleisch kasteien sollten! Ist e« auch am Orte, frage ich, daß ein hübsches Häuflein mannhafter und fleißiger Bürger am Tage der Schlacht, in Freud und Leid, in Schlecht und Recht von Glatzköpfen angeführt werden sollen wie eben so viele armselige Weiber, die nach einem Leben voll Müßiggang, Eitelkeit, Klatschsucht und Verleumdung nichts Besseres hoffen können, als die Sünden ihres Geschlechts durch eine Mönchskutte gedeckt zu sehen? Verzichte daher immerhin auf Deine Ansprüche an Dürkheim auf gewisse andere Rechte, die Du vielleicht auf dem Papiere hast, und sogar die Heiligen im Paradies sollen in keiner schöneren Harmonie Zusammenleben, als wir in dem Jägerthal." „In der That, Graf Emich, sind die Mittel, uns für den von Dir genannten himmlischen Zustand zuznstutzen, nicht vergessen geblieben, sintemal Du seit so vielen Jahren das Thal zu einem Fegfeuer gemacht hast —" „Bei der Messe, Priester, Du überschreitest in Deinen Bemerkungen schon wieder die Grenzen der Bescheidenheit. Was Hab' ich denn irgend gethan, um das Lästern der ganzen Umgegend zu verdienen, als daß ich auf mein eigenes Interesse Bedacht nahm? Hast Du nicht die Thore Deiner Abtei unchristlichen Bewaffneten 122 geöffnet — werden nicht Deine Ohren stündlich durch rohe Flüche und Deine Augen durch Scenen verletzt, die sich gar übel für eine heilige Stätte ziemen? Ja, damit Du nicht glaubest, ich sey über Deine geheimen Absichten so ganz im Jrrthum — liegen nicht die bewaffneten Banden des Churfürsten diesen Augenblick in Deinem Kloster auf der Lauer?" „Wir sind nur behutsam in Betreff unserer Rechte und oer Ehre der Kirche," antwortete BonifaciuS, der sich keine Mühe gab, das verächtliche Lächeln zu verbergen, das durch diese Frage hervorgerufen wurde. „Glaube mir, Abt von Limburg, weit entfernt, ein Feind unsrer heiligen Religion zu seyn, bin ich vielmehr ihr geschworner Freund. Wenn dies nicht der Fall wäre, hätte ich mich längst den Proselyten jenes Bruders Luther angeschloffen und offen meine Leute gegen Dich anrücken lassen," „Das würde immerhin besser seyn, als bei Tag an unfern Altären zu beten, und Nachts über den Umsturz derselben Anschläge zu schmieden." „Ich schwöre es bei dem Leben des Kaisers, daß Du mich zu weit treibst, stolzer Priester." Der Lärm, welchen jetzt der Abbe und Pater Siegfried erhoben, veranlaßte die beiden Hauptsprecher, ihre Aufmerksamkeit für einen Augenblick den untergeordneten Streitern zuzuwenden. Nach einer ursprünglich höflichen Verhandlung war der Gegenstand der Debatte nachgerade so verwirrt und hitzig geworden, daß die Disputanten ihre Stimmen nach Kräften erhoben, beiderseits vergeblich bemüht, den Gegner zu überschreien, Monsieur Latouche übrigens, der während der Schlemmerei nur durch Betrug seinen Platz so lange hatte behaupten können, konnte einem so rohen Angriffe nicht lange Stand halten; mit wirbelnden Sinnen wankte er nach einem Polstersitz, wo er unter wilden Gestikulationen bald seiner ganzen Länge nach niedersank, ohne den Kopf wieder ausrichten zu können. Pater 123 Siegfried feierte den Rückzug seines quecksilberne» Feindes mit einem jubelnden Grinsen und erhob dann ein wildes Freudengeschrei, das, weil es aus denselben Lungen kam, welche noch am nämlichen Tags zur Ehre Gottes gesungen hatten — den jungen Berchlhold entsetzt zusammenschaudern ließ. Jndeß zeugte der gläserne Blick und das erdfahle Gesicht des Mönchs dafür, daß er nicht im Stande war, weiter zu leisten. Er stierte mit dem unsteten, blödsinnigen Ausdrucke eines Trunkenen um sich her, drückte sich in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen zu einem tiefen Schlafe, wie ihn die Natur nur ungerne denjenigen zu Theil werden läßt, welche ihre Gaben mißbrauchen. Der Abt und der Graf sahen in finsterem Schweigen mit an, wie ihre beiderseitigen Sekundanten in dieser Weise koi-s öe combat gesetzt wurden. Ihre steigende Wörme und der Groll, der durch die Erwähnung ihrer verschiedenen Beschwerdegründe geweckt worden war, hatten unmerklich Beider Aufmerksamkeit von dem Fortgange des Wettstreites abgelenkt; aber jetzt wurde ihnen die Natur desselben, nebst den daran fich knüpfenden Folgen, wieder einigermaßen klar. Dieser Rückblick diente dazu, beide wieder etwas gelassener zu machen, denn sie waren in derartigen Scenen zu gut bewandert, um nicht zu begreifen, wie werthvoll Geistesgegenwart ist, wenn eS gilt, seine Sinne beisammen zu halten. „Unser Bruder Siegfrid ist der Schwäche der Natur erlegen, edler Emich," nahm BonifaciuS mit einem so geschmeidigen Lächeln wieder auf, als sein rolhes Gesicht und die erhitzten Augen cS gestatten wollten. „Das Fleisch eines Priesters kann nicht mehr auS- halten, als das eines Laien, sonst würde er alle deine Flaschen bis auf den letzten Tropfen geleert haben; denn eine bessere Absicht hat nie ein dankbares Herz erfüllt, wenn sich'S darum handelte, den Gaben der Vorsehung Ehre anzuthnn." „Ha, du rechtfertigst Deine Schlemmereien mit einer Spitzfindigkeit, Herr Abt, während wir Männer vom Schwerdt 124 heute Nacht sündigen und morgen um Vergebung bitten, ohne daß mir dazu einen andern Vorwand nehmen, als unser Belieben. Aber die Mönchskapuze ist eine Maske, und wer sie trägt, glaubt Maskenrecht zu haben. Ich möchte nur, bis auf Einen Schnürleib hinaus, die Zahl der Bürgcrweiber kennen, die Du seit dem Frohnleichnam im Beichtstuhl gehabt hast." „Scherze nicht mit den Geheimnissen des Sakraments, Graf Emich, denn der Gegenstand ist zu heilig für »»geweihte Zungen. Ich kenne Größere als Du, ,die dafür zu schwerer Bußübung ver- nrtheilt wurden." „Verkenne mich nicht, heiliger Abt," entgcgnete der Graf unter einer hastige» Bekreuzung; „aber es gibt dreiste Schwätzer, welche behaupten, daß die Dürkheimer in Betreff dieses Punktes gar nicht zufrieden sehe», und ich halte es für Freundespflicht, Dir die Beschuldigungen Deiner Feinde mitzutheilen. Unsere deutschen Mönche stehen zur Zeit in nicht geringer Gefahr, denn in Wahrheit, Dein Erfurter Bruder ist in seinem Geschrei gegen Rom kein Faseler." Das Auge des Abtes schoß Blitze, denn Niemand ist so bereit, Angriffen auf vermeintliche Rechte zu begegnen, oder so ungestüm in Erwiederung derselben, als Diejenigen, welche sich lange eines Alleinbesitzes erfreuen durften, wie gebrechlich und ungerecht auch ihre Ansprüche sehn mochten. „In Deinem Herzen hältst Du es doch mit dieser Ketzerei, hoher Emich!" sagte er. „Sieh Dich vor, ehe Du das Gewicht Deines Beispiels und Deines Namens gegen die Gebote Gottes und das Ansehen der Kirche in die Wagschaale legst. Was diesen Luther betrifft, so ist er ein abtrünniger Elender, den unruhiger Ehrgeiz und unkeusche Glut für eine eingekleidete, aber irregeführte Nonne zum Aufruhr getrieben haben. Die Teufel freuen sich seines schändlichen Treibens, und die Kobolde der Finsterniß stehen bereit, über seinen baldigen, unabwendbaren Fall zu jubiliren." „Bei der Messe, Vater, einem einfachen Kriegsmann scheint eS 125 besser, die Schwester ehrlich als Weib helmzuführen, als in Dürkheim all dies Aergernrß zu geben und anderweitig in den schönen Ebenen der Pfalz den Hausfrieden so mannigfaltig zu stören. Wenn Bruder Luther nicht mehr gethan hat, als Du da sagst, so hat er den Teufel säuberlich hinter'S Licht geführt, gerade so wie vor Zeiten Dein Orden, als er den bösen Geist düng, an dem Bau der Kapelle mitzuhelfen, und ihn dann ohne sonderliche Rücksicht auf die Verpflichtungen eines Schuldners ohne einen Heller von hinnen schickte." „Wie, Emich, wenn man die Sache untersucht, so stellt sich am Ende heraus, daß Du an dieses einfältige Mährlein glaubst?" „Wenn ihr den Teufel nicht überlistet habt, Priester, so geschah es nur, weil er klug genug war, sich nicht in einen Handel mit Leuten einlaffen zu wollen, deren überlegene List er kannte. Bei der Ruthe Aarons, es gehört ein kühner Geist dazu, Witz gegen Witz mit den Mönchen von Limburg handgemein zu werden." Der Abt schwieg aus Geringschätzung, denn er war über den gemeinen Volkswahn zu sehr erhaben, als daß er eine derartige Beschuldigung nur hätte empfindlich nehmen sollen. Der Graf übrigens — bemerkte jetzt, daß er nachgerade seinen Boden zu verlieren begann, und das allmählige Schwinden seiner Besinnung belehrte ihn, daß er in größter Gefahr stand, den wichtigen Einsatz zu verwirken, der nun ganz und gar von der Ausdauer seiner Kräfte abhing. Der Abt stand in dem wohlverdienten Ruf, unter allen Kirchendienern der Pfalz den stärksten Kopf zu besitzen, und Graf Emich, dein es gleichfalls nicht an einer derartigen physischen Auszeichnung gebrach, fing an, jene Art von Schwäche zu fühlen, die gemeiniglich der Vorläufer, oft aber auch die Ursache der Niederlage ist. In dem rücksichtslosen Verlangen, seinen Gegner zu überwältigen, goß er Humpen um Humpen hinunter, ohne an die Angriffe zu denken, die dadurch gegen seine eigenen geistigen Fähigkeiten geübt wurden. Boni- facius, der seine Ueberlegenheit sah und fühlte, gab bereitwillig dem sieberischen Drange seines Gegners, den Kampf zu einem baldigen 126 Ende zu bringen, nach, und so wurden mehrere Gläser in einer Art finsteren Trotzes geleert, ohne daß beiderseits nur eine Sylbe verlautete. Ju dieser Klemme wandte der Graf seine schwimmenden Augen nach seinem Diener um, der unbestimmten Hoffnung Raum gebend, diejenigen, welche bei gewöhnlichen Anlässen so treu an ihm hingen, könnten ihm auch in dem gegenwärtigen verzweifelten Nothstande beispringcn. Der junge Berchthold Hintermayer stand in der Nähe seines Gebieters und harrte achtungsvoll seiner Befehle, denn die Gewohnheit hatte ihn gehindert, fich ohne Weisung zu entfernen. Die Zecher hatten genug über ihren seltsamen Wettstreit fallen lassen, um den Jüngling in das Geheimniß seines Zweckes einzuweihen. Er verstand augenscheinlich die stumme Berufung seines Herrn und trat heran, um das Amt des Schenken zu übernehmen, der allerdings wohl eines Stellvertreters bedurfte, weil er fich zu eifrig das Beispiel derer am Tische zum Muster genommen hatte, um länger im Stande zu seyn, fich seiner Obliegenheiten mit Anstand zu entledigen. „W>nn sich der hochwürdige Herr Abt die Kurzweil nehmen wollte," begann Berchthold, als er den Wein eingoß, „jene Ketzerei ein wenig näher zu beleuchten, so könnte er das Werkzeug werden, eine zweifelnde Seele zu retten. Ich bekenne unverhohlen, daß ich nicht nur einen, sondern viele Gründe sehe, in den Glauben meiner Bäter Mißtrauen zu setzen." Dies war ein Angriff auf die schwächste, wo nicht die einzige verwundbare Seite des Abts. „Das sollst Du mir büßen, kecker Bursche!" rief er, indem er mit der geballten Faust auf den Tisch schlug. „Du birgst Ketzerei in Deinem Innern, Du unreifer, jämmerlicher Bekrittler einer apostolischen Sendung! Schon gut — schon gut — Dein unverschämtes Zugeständniß soll nicht in Vergessenheit kommen." Emich drückte seinen Dank durch eine Geberde aus, denn der 127 Priester hatte in seiner Wuth, ohne zu bedenken was er that, einen schweren Humpen hinuntergestürzt. „Ich hoffe, der hochwürdige Herr Abt wird einem Menschen, der von derartigen Dingen so wenig versteht, eine unkluge Rede wohl vergeben. Handelte flch'S darum, ein Wildschwein zu erlegen, einen Rehbock zu stellen, oder auch den Feinden meines Gebieters auf den Leib zu gehen, so dürfte diese Hand einigermaßen in Betracht kommen; aber kann man eS uns verargen, wenn auch unser einfacher Verstand ein wenig verwirrt wird, da die Gelehrtesten in Deutschland nicht einmal wissen, was ffe glauben sollen? Ich habe sagen hören, dieser Meister Luther gebe recht mannhafte Antworten in den weisen Versammlungen, vor denen er in letzter Zeit aufgetreten ist." „Er spricht mit der Zunge LuciferS!" brüllte der Abt, fast schäumend in dem Ungestüm einer Wuth, die jetzt alle Bande sprengte. „Woher kömmt diese neue, erst kürzlich aufgefundene Religion? Wo ist ihr Stamm und ihre Wurzel? Warum ist sie so lange verborgen geblieben, und wo finden wir ihre frühere Geschichte? Steigt sie bis zu Peter und Paul hinauf, oder ist sie nicht vielmehr eine Erfindung frechen Dünkels und neumodischer Anmaßung?" „Ei, Vater, das Nämliche könnte man ja von Rom selbst auch fragen, da es eine Zeit gab, in welcher es keinen Apostel kannte. Der Baum bleibt Baum, auch wenn man ihm die morschen Zweige genommen hat — nimmt sich im Gegentheil nur noch schöner aus." Vater Bonifacius war wohl ein scharfsinniger und gelehrter Mann, der unter gewöhnlichen Umständen sogar dem Mönche von Wittenberg zu schaffen gemacht haben würde; aber in seinem der- maligen Zustande konnte ihn auch die sophistischste Bemerkung, wenn sie nur einen Anschein von Begründung trug, in Flammen setzen. So angegriffen, bot er daher ein abschreckendes Bild von der Wildheit menschlicher Leidenschaften, wenn sie durch Trunkenheit unter die des Viehs herabsinken. Seine Augen quollen aus ihren Höhlen, seine Lippen zitterten und die Zunge versagte ihm den Dienst. 128 Er befand sich jetzt ganz in der Lage, in weicher sich der Graf noch kurz zuvor befunden, und obgleich er die Folgen voraussah, so suchte er doch mit der Verzweiflung eines Trunkenen Erneuerung seiner Kräfte in demselben Mittel, das sie untergraben hatte. Graf Emich war seinerseits längst über ein verständliches Sprechen hinaus; da übrigens Beredsamkeit nicht zu seinen stärksten Waffen gehörte, so behauptete er mit knapper Noth seine physischen Kräfte noch so weit, um den Kampf fortsetzen zu können. Er schwenkte herausfordernd die Hand und murmelte Worte, welche Haß und Verachtung zu athmen schienen. In dieser Weise saßen ein edler Abkömmling eines erlauchten Fürstenhauses und ei» infulirter Kirchensürst einander gegenüber, ohne der besseren Fähigkeiten ihres Wesens sich weiter bewußt zu sehn, als eben für die Erreichung des gemeinsamen feilen Zweckes, welcher sie zu dieser tollen Wette getrieben hatte, erforderlich war. „Den Fluch der Kirche über euch Alle!" vermochte endlich der Abt hervorzustottern. Dann sank er in seinen wohlgepolsterten Armstuhl zurück, besinnungslos sich dem häßlichen Einflüsse des genossenen Weines hingebend. Bei dem Falle des letzten Gegners blitzte ein Strahl trium- phirenden BewußtsehnS unter den zottigen Brauen des Grafen hervor. Mit verzweifelter Anstrengung richtete er sich aus, streckte seinen Arm aus und bemächtigte sich der Urkunde, kraft welcher das Kloster Limburg seine Ansprüche auf den Ertrag der bestrittenen Weinberge förmlich ausgab. Dann winkte er mit der Miene eines Mannes, der selbst in der Trunkenheit zu befehlen gewohnt ist, seinen Förster heran, stützte sich auf dessen kräftigen Arm und wankte aus dem Gemache, die Banketthalle gleich einem aufgegebcnen Schlachtfeld« als ein empörendes Bild menschlicher Schwäche in ihrer größten Herabwürdigung zurücklaffend. Als der Graf, ohne seine Kleider abzulegen, schwerfällig auf sein Lager sank, schüttelte er raffelnd das Pergament gegen seinen 129 jungen Begleiter und schloß dann die Augen; aber sein tiefes, röchelndes Athmen verkündigte bald, daß der Sieger in dieser tollen Schiemmerei, gleich dem Besiegten, entmannt, fieberisch und ohne Besinnung dalag. So schloß das wohlbekannte Gelag auf der Hartenburg — ein Heldenstück physischer Ausdauer von Seiten des mannhaften Grafen, der den Sieg davon getragen. Auch gewann er dadurch unter den lustigen Zechern der Pfalz einen fast eben so hohen Ruf, als hätte er auf dem Schlachtfeld einen Sieg errungen, während andererseits, so sonderbar es auch in unseren Tagen klingen mag, den Kigenschaften der Besiegten nur geringer Abtrag durch die garstige Wette geschah. Achtes Kapitel. »Und Psalmgesänge drangen durch das Gitter Der Gallerte, höchst heilig, engelgleich. Die Verse wechselnd in andächl'gem Chore.» Roger». Der folgende Tag war ein Sonntag, und der Morgen wurde dem Landvolke im Jägerthal durch den gewöhnlichen Ruf zur Andacht angekündigt. Die Aveglocke erscholl von dem Thurme der Abteikirche, noch ehe das Licht den Grund des tiefen Thales erreichte, und wo die Töne an die Ohren der frommen Gläubigen schlugen, knieten sie nieder.in gemeinsamen Lob - und Dankgebeten. Doch mit dem Vorrücken des Morgens wurde in dem Hochamte eine erhebendere Schaustellung des römischen CultuS vorbereitet — eine Ceremonie, die eben so sehr auf das Gefühl, als auf die Sinne berechnet ist. Die Sonne hatte sich über die Berge erhoben, und die Jahreszeit war verführerisch mild. Das Zugvieh, welches an diesem Tage seiner Wocheumühe entbunden war, sonnte sich an den Bergabhängen, Die Heidenmauer. 9 130 in zufriedenem Wiederkäuen des Futters sich der ruhigen Behaglichkeit seines Instinktes hingebend. Kinder spielten vor den Thüren der Bauernhütten; der Landmann schlenderte in der Tracht, welche schon seit vielen Generationen in den Hardt-Gegenden üblich war, auf dem Felde umher, um den Wuchs seiner Erndten zu betrachten, und die Bäuerinnen eilten in der Aufregung ihrer einfachen, häuslichen Freude geschäftig von einem Platze zum andern. Der Monat war der lieblichste unter den zwölfen und reich an frohen Hoffnungen. Das Gras hatte seine Höhe erreicht und breitete sich üppig aus, die Aehren füllten sich und die Rebstöcke entwickelten ihre Blüthentrauben. Mitten in dieser Scene ländlicher Ruhe rief vom Kloster aus tiefes Glockengetön die gläubige Heerde nach der gewohnten Hürde. Lange Ucbung hatte die Mönche von Limburg wohl eingeweiht in alle die Obliegenheiten, welche für die irdische Verwaltung ihres Amts erforderlich waren. Selbst das Geläute war gut und regelmäßig gestimmt. Melancholisch folgten sich die Akkorde, und auf Stunden hin war nirgends ein stilles Thal zu finden, in das nicht der feierliche Ruf gedrungen wäre. Auch von Dürkheim her und von der weiten, jenseits gelegenen Ebene ließ sich der Ton der Glocken vernehmen; aber keine von den metallenen Stimmen hob sich voller in die Luft, oder schlug so süß und wehmüthig ans Ohr, als diejenigen, welche von den Thürmen der Abtei herunter sprachen. Dem Aufgebote gehorsam strömten sämmtliche Thalbewohner dem Kloster zu. Ein Häuflein tauchte auch in der Richtung der Schlucht auf, denn Aberglaube, Andacht oder Neugierde versäumten bei solchen Gelegenheiten nie, große Massen anzulocken, welche in der berühmten Klosterkapellc der Messe anwohnen wollten. Man fand darunter den Zweifler, wie den Gläubigen, den Jüngling, wie den Greis, das Mädchen wie die Matrone, die ihr alterndes Gesicht mit dem Schleier zu beschatten für räthlich gehalten hatte, den Müßiggänger, den halbbekehrten Jünger Luthers und den Musikfreund. Gewöhnlich pflegte nach Abhaltung des Hochamts 131 einer der Mönche zu predigen, und Limburg besaß viele Redner, die sich gut auf die Spitzfindigkeiten jener Periode verstanden und theilweise auch im verdienten Rufe der Beredsamkeit standen. Mit einer Gewandtheit und Koketterie, die sich in die meisten, auf unser Gefühl berechneten menschlichen Anschläge mischen, namentlich wenn man es nicht für räthlich hält, sich allzusehr der nackten Vernunft zu vertrauen, wurde das Glockengeläuts sehr lange fortgesetzt, um desto größere Wirkung zu üben. Gruppe um Gruppe langte an und der Hof der Abtei füllte sich langsam, bis eine hinreichend zahlreiche Gemeinde versammelt war, um sogar in unseren Tagen die Eigenliebe eines Kirchengestirns zu befriedigen. Unter den verschiedenen Würdenträgern, welche sich eingefunden hatten, fanden viele ernste Begrüßungen Statt, denn von allen, welche mit Höflichkeit ihre Mütze abnehmen, ist vielleicht der Deutsche der pünktlichste und achtungsvollste. Da auch die Frommen und Neugierigen der Nachbarstadt in dieser Versammlung zureichend vertreten waren, so fehlte es nicht an einer belehrenden Schaustellung der Ehrenbezeugungen, welche man dem Rang und der Würde schuldig ist. Wäre ein Herold zugegen gewesen, um die verschiedenen Huldigungsabstufungen zu beobachten, welche man den löblichen Obrigkeiten, vom Bürgermeister bis zum Büttel herunter, zollte, so hätte er aus der sich vor ihm entfaltenden Scene manche nützlichen Winke entnehmen können. Unter den verschiedenen müßigen und übel verdauten Bemerkungen, welche man an das amerikanische Volk und seine Institutionen verschwendet, ergeht man sich namentlich gerne in dem Scherz, über den Werth, den wir auf amtliche Würden legten, zu spotten; wer sich aber in seiner Heimath sowohl, als in der Fremde mit beobachtendem Geiste umgesehen hat, wird wohl unzähligem«! zu bemerken Gelegenheit gehabt haben, daß die meisten sogenannten Charakterschilderungen der Art ihren Ursprung bloS aus seichte Anschuldigungen gründen und die Frucht einer engherzigen Beurlheilung find. Der Beamte, 132 der im buchstäblichen Sinne nur ein Diener des BolkS ist, kann sich doch nie, wie auch sein Charakter beschaffen sepn mag, über seine Gebieter erheben, und obschon man das Verlangen nach Auszeichnung als einen ehrenhaften und löblichen Ehrgeiz bezeichnen muß, so brauchen wir doch blos einen Blick auf die Institutionen selbst zu werfen, um uns zu überzeugen, daß hierin, wie in den meisten anderweitigen Verhältnissen keine sonderliche Ähnlichkeit zwischen uns und den europäischen Nationen stattfindet. Die Bemerkung entsprang wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, daß man unter uns Achtung vor obrigkeitlichem Ansehen fand und nicht auf die Anarchie traf, die man erwartete oder möglicher Weise auch wünschte. Bei dem Hochamte zu Limburg bot man mehr Umstände auf, um dem Vorstand des nächsten Dorfs seinen Platz in der Kirche anzuweisen, als bei uns, wenn das Haupt der amerikanischen Republik in sein Amt eingesetzt wird; auch trug ein Angehöriger des Klosters gebührend Sorge dafür, daß sich Niemand dem Altäre des Herrn der Welt näherte, ohne daß demselben die Achtung bezeugt wurde, die er kraft seines zeitlichen Ranges anzusprechen hatte. Hier, wo alle in dem Tempel erscheinen, wie sie es einst in den Gräbern müssen — gleich abhängig von dem göttlichen Beistände, wie gleich an Gebrechlichkeit, läßt sich am wenigsten die kühne Sophistik begreifen, welche Reue und Demuth mit der Zunge lehrt, in der Wirklichkeit aber dem Stolze und der Anmaßung Vorschub leistet — eine Sophistik, die, wenn man ihr Gründe für ein solches Benehmen abfordert, die Beschuldigung der Inkonsequenz mit dem Gegenvorwurfe des Neides erwiedert! Schon bei dem Erscheinen einiger Dürkheimer Rathsherrn fand eine gebührende Schaustellung von Förmlichkeiten Statt; die auSzeichnendsten Achtungsbeweise blieben jedoch einem Bürger Vorbehalten, der nicht eher durch das Portal einlrat, als bis sich das Volk bereits im Innern der Kirche gesammelt hatte. Dieser, ein 133 Mann, dessen Haare zu ergrauen begannen, und dessen kräftige Gestalt auf gute Gesundheit und ein gemächliches Leben hindeuteten, war zu Pferde angelangt, denn zu der Zeit, von welcher wir schreiben, führte ein Zügelpfad bis an das Portal von Limburg. Seine Begleitung bestand aus einer Frauensperson, die seine Gattin zu seyn schien und auf einem zierlichen Zelter ritt. Auf der Kruppe des letzteren saß eine Alte, die sich mit der nachlässigen Vertraulichkeit eines Lieblingsdienstboten, aber doch wie eine Person, die an einen derartigen Sitz nicht gewöhnt ist, an ihrer Gebieterin festhielt, während ein blondhaariges rosiges Mädchen das Sattelkiffen des Vaters einnahm und ein Diener in einer Art amtlicher Livree die Cavalkade schloß. Mehrere von den wohlhabenderen Bürgern Dürkheims eilten herzu, um die kleine Gesellschaft zu empfangen, denn die Personen, die sich so unerwartet bei dem Hochamt in Limburg eingestellt hatten, waren der Bürgermeister Heinrich Frei, seine Tochter Meta, ihre Mutter und die alte Ilse. Der vornehme Bürger wurde nach jenem Theile der Kirche oder Kapelle geführt, wo besondere Stühle für die gelegentlichen Besuche benachbarter Würdenträger oder Adeliger, welche der Zufall oder ihre Andacht nach den Altären der Abtei führen mochte — angebracht waren. Heinrich Frei war ein stämmiger, gesunder, starrköpsiger, derber Bürger, in welchem das Wohlwollen durch den Reichthum ein wenig abgekühlt worden war, obschon er, wenn er den Verlockungen seines Amtes und dem steten Rückblick auf seine glänzende Laufbahn hätte entgehen können, wahrscheinlich als ein bescheidener, menschenfreundlicher Mann durch'S Leben gewandelt wäre. Mit einem Worte, er war in verjüngtem Maßstabe eines von den Pröbchen des Ueber- tritteS aus den Reihen der Menschheit zu dem auserlesenen Corps der Glücklichen, dergleichen wir so häufig unter der Klaffe der Begüterten treffen. Als Jüngling war er nicht ohne Mitgefühl für die Leiden und Bedrängnisse der Unglücklichen gewesen; aber- d 134 die Vcrheirathung mit einer kleinen Erbin und sein spätere« Aufkommen im Leben hatten allmählig eine Gesinnung in ihm erzeugt, die mehr im Einklänge mit seinem persönlichen Interesse, als mit einer philosophischen oder christlichen Weltanschauung stand. Er glaubte steif und fest an den Grundsatz, daß nur der Reiche zureichenden Antheil an dem Wohl der Gesellschaft nehme, um mit der Leitung derselben betraut werden zu können, obschon ihm sein eigenes Gefühl die Sophisiik dieses Satzes hätte enthüllen können, sintemal er selbst täglich zwischen den entgegengesetztesten Principien hin und her schwankte, je nachdem sie gerade seine eigenen Angelegenheiten berührten oder nicht. Heinrich Frei war gegen den Bettler eben so freigebig, wie gegen den Fleißigen; wenn sich'S aber darum handelte, in dem Loose des einen oder des andern eine ernstliche Verbesserung einzusühren, so schüttelte er in der geheimnißvollen Weise eines gründlichen Politikers den Kopf und ließ wohlweise Bemerkungen über die Grundlagen der Gesellschaft, die nur im System der Erhaltung des Bestehenden zu finden sehen, laut werden. Kurz, er lebte in einer Periode, in welcher Deutschland, überhaupt die ganze Christenheit zu sehr durch eine Frage in Anspruch genommen wurde, die nicht nur eine bedeutende Umwandlung in den bisherigen Religionsformen, sondern auch den Umsturz verschiedener anderer hergebrachter Interessen in Aussicht stellte, und man konnte ihn, so weit sein Wirkungskreis reichte, das Haupt der konservativen Partei nennen. Diese Eigenschaften, in Vereinigung mit seinem bekannten Reichthum, der Ruf hoher Rechtschaffenheit, welcher sich auf den Glauben gründete, daß er im Stande sey, ein allenfallsigcS pekuniäres Unrecht wieder gut zu machen, ein starrsinniges Festhalten an seinen Ansichten, welches von der großen Masse als die Beharrlichkeit eines biedern Charakters betrachtet wurde, und eine entschiedene Furchtlosigkeit in seinen Entscheidungen allen denen gegenüber, welche nicht die Mittel besaßen, seine Beschlüsse anzufechten — hatten ihn zu dem Ehrenposten eines ersten Bürgermeisters von Dürkheim erhoben. 135 Wäre das Gesicht ein sicherer Spiegel der geistigen Eigenschaften, so hätte der Physiognom wohl in Verlegenheit kommen können, sich die Beweggründe zu enträihseln, welche Ulrica Hailtzinger — nicht bloS das schönste, sondern auch das reichste Mädchen der Stadt veranlassen mochten, sich mit dem eben geschilderten Mann ehelich zu verbinden. Ein sanftes, melancholisches, blaues Auge, welches, trotz des zurückgelegten vierzigsten Lebensjahres seinen Glanz behauptete, ein edleres Profil, als in ihrer Heimaih gewöhnlich zu finden war, und ein Ebenmaß des Armes und des Oberleibes, das andrerseits bei den eingeborenen Deutschen häufig genug vorkömmt — alles dies legte noch zureichendes Zeugniß ab von der Schönheit, durch welche sie sich in ihrem früheren Leben ausgezeichnet haben mußte. Zu diesen augenfälligen und gewöhnlicheren Anziehungspunkten kam noch ein Ausdruck weiblichen Zartgefühls und Verstandes, einer edlen Sinnesart und sogar eines mysteriöse» inneren Lebens, wodurch Heinrich Freis Ehegemahl für den aufmerksamen Naturbeobachter zu einer lieblichen Studie wurde, mit der man sich nur beschäftigen konnte, um den Gegenstand selbst zu lieben. Was das Aeußere betraf, so war Meta ein treues Ebenbild ihrer Mutter, obschon auch die kräftigere Gesundheit und der weniger in sich gekehrte Sinn ihres Vaters auf sie übergegangen waren. Ihr Charakter wird sich im Laufe unserer Erzählung noch weiter enthüllen. Die alte Ilse müssen wir übrigens der Einbildungskraft des Lesers anheim geben, der sich wahrscheinlich den Schlag von Dienstboten, den sie repräsentirt, leicht wird vergegenwärtigen können. Als Herr Heinrich Frei von seinem gewohnten Platze in der Nähe des Hochaltars Besitz nahm, lies es nicht ohne einige, bei dem Erscheinen von Leuten seines Standes übliche Aufregung unter den einfachen Bewohnern des Jägerthals und den anwesenden müßigen Dürkheimern ab. Aber sogar die Stadtwichtigkeit kann nicht immer in dem Hause GotteS die Oberhand behaupten, und als das Geräusch sich all- mählig legte, trat die Erwartung an die Stelle des bürgerlichen 136 Respektes. Die Abtei Limburg nahm unter den Klöstern am Rhein sowohl um ihrer inneren Ausstattung willen, als wegen ihres ReichthumS und ihrer Gastlichkeit einen hohen Rang ein. Die Kapelle wurde mit Recht als ein seltenes Muster mönchischen Geschmacks betrachtet und ermangelte nicht jenes Zierraths, welcher die schöneren katholischen Kirchen so eindrucksvoll für die Sinne und so angenehm für die Bewunderer eines feierlichen Effekts macht. Das Gebäude war groß und hatte den düstern Charakter, der zu jener Zeit und in jener Gegend so allgemein beliebt wurde. Im Innern befanden sich viele, reich mit Marmor und Gemälden dekorirte Altäre, deren jeder durch die ganze Pfalz wegen der gnadenbringenden Fürbitte des besonderen Heiligen, welchem er geweiht war, im Rufe stand und eine Menge von Votiv-Tafeln, die von den Hülfesuchenden oder den dankbaren Erhörten hier aufgehangen wurden, zur Schau trug. Die Wände und die Kuppel waren nl kresoo gemalt — allerdings nicht von Raphaels oder BuonarottiS Pinsel, aber doch recht ordentlich und in einer Weise, daß die Schönheit des Platzes dadurch erhöht wurde. Der Chor bestand aus baut reliek-Schnitzwerk, in dem Charakter ausgeführt, der in den mittleren Staaten Europa'S sowohl, als in Italien sehr beliebt war und die kunstreichste Pflege fand; auch sah man auf ihren Fittigen ganze Schaaren von Cherubim an der Orgel, den Altären, und den Grabmälern ruhen. Letztere waren besonders zahlreich und bekundeten durch ihre Pracht, daß eben die Leichen derer, welche im Glücke der Welt geschwelgt hatten, jetzt innerhalb der heiligen Mauern schlummerten. Endlich ging eine Thüre, die mit den Krcuzgängen in Verbindung stand, auf und die Mönche kamen in Prozession herein. An ihrer Spitze befand sich der Abt, der die Insul trug und mit den prachtvollen Gewändern seines kirchlichen Amtes geschmückt war. Zwei Priester im Meßornate folgten ihm, und dann kamen paarweise die Conventualen und Fratres. Die ganze Prozession bewegte sich in feierlichem Schweigen durch die Gänge und trat, nachdem sie fast die ganze Kirche durchwandelt und an mehreren der gefeiertsten Altären Gebete dargebracht hatte, in den Chor. Vater Boni- faciuS nahm auf seinem Thronseffcl Platz, und die übrigen Mönche ließen sich in den glänzenden Stühlen nieder, welche für derartige Gelegenheiten bestimmt waren. Während deS Umgangs der Ordensmänner spielte die Orgel eine sanfte Begleitung, deren letzte Akkorde an dem gewölbten Dache verhallten, sobald die Procession zu Ende war. In diesem Augenblicke ließ sich der Hufschlag von Pferden vernehmen — ein Getöse, welches die erschrockenen und unruhigen Priester bewog, ihren gottesdienstlichen Verrichtungen Einhalt zu thnn. Zunächst folgte Stahl-Geklirr und dann der schwere Tritt bewaffneter Fersen, die auf das Pflaster der Kirche stampften. Emich von Hartenburg kam mit der festen Stirne eines Mannes, der auf seine Macht vertraut und Ehrfurcht zu fordern berechtigt ist, den Hauptgang herauf. Er war von seinen Gästen, dem Rho- diser Ritter und Monsieur Latouche begleitet, während sich der junge Berchthold Hintermayer gleich einem Manne, der an nahen Dienst gewöhnt ist, an seine Seite hielt. Ein kleines Häuflein unbewaffneter Reisiger bildete den Nachtrab. Im Chore selbst und in der Nähe des Hochaltars befand sich ein Ehrenstuhl zum Gebrauche von Fürsten und Adeligen hohen Rangs. Der Graf ging durch das Gedränge, welches sich vor dem Chorgitter gesammelt hatte, bog nach einem der Seitengänge und befand sich bald Angesicht in Angesicht dem Abte gegenüber. Dieser erhob sich und machte eine leichte Verbeugung gegen seinen Gast, während die übrige Brüderschaft das Beispiel ihres Oberhaupts, obschon mit größerer Achtung nachahmte; denn wie bereits bemerkt wurde, war es üblich, sogar im Tempel weltlichem Range Huldigung zu zollen. Emich setzte sich mit finsterer Miene nieder, und seine beiden adeligen Begleiter fanden in der Nähe Ehrenplätze, während Berchthold in kurzer Entfernung von seinem Herrn stehen blieb. Auch der geübteste Blick hätte in Wilhelm von VenlovS Aeußerem keine Spur der kürzlich erlittenen Niederlage entdecken können. Seine Muskeln halten bereits wieder den gewohnten Ton angenommen, und sein ganzes Gesicht verrieth nur die ernste Würde des Kirchenfürsten, eine Eigenschaft, die sich deutlicher an ihm aussprach, als die Merkmale eines entsagenden, beschaulichen Lebens. Er warf dem Sieger einen Blick zu und benahm sich sodann durch ein geheimes Zeichen mit einem Laienbruder. In diesem Augenblicke begann die Messe. Von alle» Nationen der Christenheit steht die der amerikanischen Union, sofern die Anzahl in Frage kömmt, mit der römischen Kirche am allerwenigsten in Verbindung. Der eigenlhümlich religiöse Ursprung des Volkes, der Umstand, daß es an Prüfung und an geistige Unabhängigkeit gewöhnt ist, desgleichen seine Vorurtheile (denn der Protestant ist von diesen Gebrechen ebenso wenig frei als der Katholik) werden es auch wahrscheinlich noch lange fern von jeder kirchlichen oder staatliche» Politik halten, welche Glauben ohne Forschung, oder Gehorsam ohne das Recht der Gegenrede fordert. Die Ansicht ist zwar auf der andern Hemisphäre emsig auSgestreut worden, als werde in dieser Beziehung von thätigen Agenten auf eine rasche Umwandlung hingearbeitet, und eine mächtige Partei verspricht sich große kirchliche und politische Umwandelungen aus der Rückkehr der amerikanischen Nation zu den Ansichten ihrer Vorfahren im Mittelalter. Wäre dies übrigens auch der Fall, so würden wir uns darum wenig Sorge machen, weil wir das Heil nicht für das ausschließliche Eigenthum irgend einer Sekte halten, und wenn wir Befürchtungen über die Folgen einer derartigen Umwandlung hegten, so entsprängen sie gewiß nicht auö der zufälligen Anhäufung von Einwanderern in größeren Städten oder bei den öffentlichen Arbeiten, mit denen Amerika so lhatkrästtg beschäftigt ist. Jedenfalls aber glauben wir mit Zuversichtlichkeit behaupten zu dürfen, daß auf einen einzigen geborenen Protestanten, der in Amerika katholisch wird, zehn katholische Einwanderer kommen, welche ruhig in die Reihen 139 der vorherrschenden Sekten treten. Ohne uns indeß mit der Frage aufzuhalten, wer bei einem solchen Wechsel gewinnen oder verlieren dürste, wollen wir einfach in unserer Schilderung der Meßceremonicn fortfahren, da vielleicht neun und neunzig unter Hunderten unserer amerikanische» Leser nie Gelegenheit gehabt haben und auch nie haben werden, einer derartigen Feierlichkeit anzuwohnen. Wohl noch über keine zu dem Gefühl des Menschen sprechende Erscheinung sind sich die Ansichten so entschieden gegenüber getreten, als bei der Beurtheilung des katholischen Rituals. Der einen Klaffe von Christen kömmt der Ceremoniendienst als eitle Mummerei vor, die nur blenden soll und auf nicht zu rechtfertigende Zwecke hinarbeitet, während er in den Augen Anderer das Erha- bendste und Ansprechendste, was die menschliche Gottesverehrung bieten kann, umfaßt. Wie eS gewöhnlich in den meisten Fällen vollkommener Meinungsverschiedenheit zu gehen pflegt, so dürfte die Wahrheit Wohl auch hier in der Mitte liegen. Der eifrige Katholik ist im Jrrthum befangen, wenn er sämmtliche Diener des Altars für untrüglich erklärt, oder die nachlässige, unehrerbietige Weise übersieht, in welcher so oft die heiligsten Verrichtungen geübt werden, während dagegen der Protestant, welcher einen Tempel des katholischen CultuS verläßt, ohne die tiefe und erhebende Andacht des Ritus zu bemerken, nothwendig seine Gefühle gegen Alles gestählt haben muß, was zu Gunsten einer Kirche spricht, die er gerne ächten möchte. Wir gehören weder zu der einen, noch zu der andern dieser beiden Klaffen, und wollen daher versuchen, die Dinge zu schildern, wie wir sie gesehen haben, ohne auch nur eine einzige Regung darum zu bemänteln oder zu erkünsteln, weil unsere Väter zufälligerweise nach dieser westlichen Welt ihre Zuflucht genommen haben, um Altäre von einer andern Glaubensschattirung zu errichten. Das Innere der Abteikirche von Limburg war, wie bereits angegeben wurde, um seiner Pracht willen durch ganz Deutschland berühmt. Das gewölbte Dach wurde von vielen Säulen getragen 140 und war von den besten Malern des Landes mit Darstellungen biblischer Scenen decorirt worden. Der Hochaltar bestand aus reich mit Achat auSgelegtcnr Marmor und hatte als Gemälde ein schönes Bild der gebenedeiten Jungfrau und ihres göttlichen Kindes. Ein reich vergoldetes und kunstreich gearbeitetes Gitter schloß den klnge- weihten von dieser heiligen Stätte ab, die, außer ihrem gewöhnlichen Zugehör, jetzt mit Gefäffen von Gold und kostbaren Steinen für die beginnende Feier der Messe verziert war. Die Opferpriester trugen steife Gewänder mit Goldbrokat, während die untergeordneteren Gehülfen wie gewöhnlich weiß gekleidet waren und purpurne Schärpen Überhängen hatten. Während dieser Scene des ausgesuchtesten und prachtvollsten Glanzes, in welchem die edle Architektur sich mit den kleineren Vorbereitungen zum Gottesdienste verband, um den Geist zu heiligender Betrachtung zu erheben, sprachen die Accorde der Orgel und der Gesang der Mönche tief und ergreifend an die Seele. Durch die Uebung eines ganzen Lebens hatten es die Ordensleute zu so hoher Virtuosität gebracht, daß kaum eine Note unter den Gewölben laut wurde, welche nicht die gewünschte Wirkung übte. Posaunen, Fagotte und Violinen halfen mit, uni die feierliche Melodie der kräftigen Männerstimmen zu heben, welche sich so innig mit den Orgeltöncn mengten, daß sie nur wie eine tiefe, großartige, feierliche Lobhymne klangen. Graf Emich drehte sich auf seinem Sitze und umfaßte mit der Hand den Griff seines SchwerdteS, als klänge der Schall der kriegerischen Trompete in seinen Ohren; dann begegnete sein unruhiger Blick dem des Abtes, und er ließ das Kinn auf die Hand nicdersinken. Im Verlaufe des Gottesdienstes schien sich der Eifer der Mönche zu erhöhen, und man sprach noch lange davon, daß keine Messe in Limburg je einen so gewaltigen und aufregenden Einfluß geübt habe, als die bei der genannten Gelegenheit, obschon die Musik deS Klosters stets in gutem Rufe stand. Eine Stimme übertönte die andere in einer Weise, die man 141 mitanhörcn mußte, um sie zu verstehen, und es gab Augenblicke, in welchen die volle, vereinigte Musik der Instrumente in dem Zusammenwirken von hundert menschlichen Kehlen erstickt zu werden schien. Einer der tiefsten dieser feierlichen Accorde ging mit einem- male in eine Weise über, bei deren erstem Tone alle übrige Musik verstummte. Es war eine einzelne Stimme von einer Verschmelzung männlicher und weiblicher Töne, die fast übernatürlich zu seyu schien — ein Contra-Alt von großem Umfang und der lieblichsten Rundung. Graf Emich war betroffen, denn die Himmclsklänge, welche so plötzlich an sein Ohr schlugen, schienen in dem Gewölbe über dem Chor zu schwimmen — eine Täuschung, der er sich während des ganzen Solos nicht entschlagen konnte, da der Sänger verborgen stand. Er ließ seinen Schwerdtgriff loS und blickte, zum erstenmal? diesen Morgen, mit einem Ausdrucke menschlichen Wohlwollens umher. Die Lippen des jungen BerchtholdS öffneten sich voll Bewunderung, und da er zu gleicher Zeit dem blauen Auge MetaS begegnete, tauschte das Pärchen gegenseitig in stillen, heimlichen Blicken die süßesten Gefühle des Innern aus. Mittlerweile nahm der Gesang seinen Fortgang. Die einzelne überirdische Stimme, welche die Gemüther der Zuhörer so sehr aufgeregt hatte, verstummte, und ein voller Männerchor schloß die Hymne. Der Graf von Leiningen athmete so tief auf, daß BonifaciuS es hörte. Die Züge des Letzter» milderten sich ein wenig, und wie bei jenem jugendlichen Paare, schien der Geist der Eintracht die Gemüther der beiden trotzigen Nebenbuhler zu sänstigen. Jetzt begann das Hochamt; die rasche Aussprache des Opferpriesters jedoch, Bewegungen, die durch ihre Unbestimmtheit an Bedeutung verloren, und Gebete in einer Sprache, die ihres Zweckes verfehlte, weil sie den Gedanken unverständlich machte, statt ihn edel und klar zu entwickeln — alles dieß vereinigte sich, um die Wirkung der Musik zu schwächen. Die Gottesverehrung verliert ihren erhebenden Charakier, wenn man sie zu einer Sache des Geschäfts macht, die 142 weder die Einbildungskraft anzieht, noch auf die Gefühle Einfluß übt, während sie zugleich die Vernunft nicht gehörig überzeugt; indem man daher alle die Mittel aufgab, welche auf das Gemüth einwirke» sollten, überließ man zuviel dem nackten Dogma eines abgegrenzteu Glaubens. Emich von Hartenburg nahm allmählig seine abstoßende Miene wieder an, und die Wirkung alles dessen, was er eben erst empfunden, verlor sich in kalter Gleichgültigkeit gegen das ihm unverständliche Latein. Sogar der junge Berchthold suchte Metas Auge weniger sehnsüchtig, und die beiden Begleiter des Grafen, der Johanniter und Monsieur Latouche blickten theilnahmloS nach dem Gedränge hinter dem Chorgitter. In dieser Weise begann unv endigte das Hochamt. Es wurde nun abermals ein Hymnus gesungen, aber die Musik übte nicht mehr den ergreifenden Eindruck einer ersten Neberraschung. An einer Säule, nahezu im Mittelpunkt der Kirche, war die Kanzel angebracht. Nach dem Schluffe der Messe erhob sich ein Mönch aus seinem Stuhle, ging durch das Gedränge und stieg die Kanzeltreppen hinan. Der Prediger war Pater Johann, ein Bruder, der wegen seines Glaubenseifers und seiner strengen Ansichten im Rufe stand. Die niedrige, zurücktretende Stirne, die ruhigen, gläsernen Augen und die Starrheit seiner untern GestchtSzüge würden einen Physiognomen schnell überzeugt haben, daß er hier einen beschränkten Schwärmer vor sich sehe. Die Sprache und die Ansichten des Predigers traten nicht in Widerspruch mit den Erwartungen, welche seine Außenseite weckte. Er schilderte in starker, unheilverkündender Rede die Gefahren des Sünders, schmälerte die Hürde der Begnadigten mit zweifelhaften metaphysischen Begrenzungen, und suchte häufig ans die Furcht oder andere, weniger edle Leidenschaften seiner Zuhörer einzuwirken. Während die größere Anzahl der Kirchenbesucher sich fern hielt und nur gleichgültig zuhörte, oder die Grab- mähler und die übrigen reichen Verzierungen betrachtete, schaarte sich ein Häuflein verwandter Geister um die Säule, welche der 143 Kanzel als Stützpunkt diente, und legte seine Theilnahme an den Schilderungen von Noch und Verlassenheit, die der Prediger vortrug , an den Tag. Die scharfe, zürnende und Verdamniniß ankündigende Rede des Pater Johann war bald zu Ende, und sobald er wieder in den Chor eingctreten war, stand der Abt auf, um sich in Begleitung der meisten Ordensmitglieder nach den Kreuzgängen zurückzuziehen. Aber weder der Gras von Hartenburg noch jemand aus seinem Gefolge schien die Kirche schon so bald verlassen zu wollen, und ein Ausdruck der Erwartung hielt auch die Meisten von denen, die sich im Kirchenschiffe befanden, zurück. Ein Mönch, auf den sich viele verlangende Augen hefteten, gab dem allgemeinen rührenden Aufruf Folge, verließ seinen Stuhl, der einen Ehrenposten bezeichncte, und nahm auf der Kanzel die Stelle des abgetretenen Pater Johann ein. Kaum war dies geschehen, als ein Gemurmel unter dem Volke den Namen des Pater Arnolph, des Priors oder des unmittelbaren geistlichen Vorstandes der Gemeinde, durch die Kirche trug. Emich stand auf und trat, von seinen Freunden begleitet, in die Nähe der Kanzel, während die dichte Masse erhobener aufmerksamer Gesichter, welche den mittleren Gang füllten, die gespannte Aufmerksamkeit der Versammlung bekundete. In dem Antlitze des Pater Arnolph lag ein Ausdruck, welcher diese einfache Aeußerung von Theilnahme wohl zu rechtfertigen im Stande war. Sein Auge strahlte Milde und Wohlwollen, seine Stirne war weit, ruhig und eben, und in seinem ganzen Gesichte spiegelte sich herzengewinnendc Menschenliebe. Der Eindruck, den diese ansprechende Erscheinung übte, wurde noch erhöht durch das unverkennbare Gepräge strenger Zucht, eines denkenden Geistes und demüthiger Hoffnung. Die geistliche Seite eines solchen Mannes konnte das Aeußere desselben nicht wohl Lügen strafen. Seine Lehre war wie die des göttlichen Wesens, welchem er diente, voll Erbarmen und Liebe. 1L4 Er sprach zwar auch von den Schrecken des Gerichts, aber nicht in drohender Weise, sondern vielmehr im Gefühle des Schmerzes, und wenn er von den überzeugenden und anziehenden Eigenschaften des Glaubens sprach, entwickelte sich seine Beredsamkeit am feurigsten. Abermals fühlte Emich seine geheimen Absichten erschüttert, und das Düster seiner Stirne ging in den milden Strahl des Wohlwollens und der Theilnahme über. Das Auge des Predigers begegnete dem des finstern Grafen, und nun fubr der Mönch, ohne in seinem Benehmen einen beunruhigenden Wechsel eintreten zu lasten, gleichsam wie in einem natürlichen Gange der Gedanken fort: — „So ist die Kirche in ihrer Reinheit, meine Zuhörer, wie ganz anders sie sich auch in Folge menschlicher Jrrlhümer, Leidenschaften oder böslicher Absichten dem oberflächlicheren Blicke dar- stcllen mag. Der Glaube, den ich euch lehre, geht von Gott aus und trägt die heiligen Eigenschaften seines göttlichen Wesens in sich. Wer die Sünden einer mißverstandenen Ausübung desselben etwas Anderem beimißt, als den irrenden Geschöpfen, verfolgt mit seinem Haffe das, was zu seinem eigenen Besten gestiftet wurde, und wer Gewalt üben will an den Altäre» des Höchsten, erhebt seine Hand gegen ein Werk der Allmacht!» Diese Worte klangen noch in den Ohren Emichs von Har- tenburg, als er sich abwandte und gedankenvoll durch die Kirche hinaufging. __ Neuntes Kapitel. »Japhet, ich kann Dir nichts erwiedcrn.» Byron. die Abtei Limburg verdankte ihre Gründung und ihre reichen Einkünfte hauptsächlich der Gunst eines deutschen Kaisers. Diesem mächtigen Besitzer war ein besonderer Altar geweiht und ein prachtvolles, kunstreich gearbeitetes Grabmal errichtet worden. Auch die 145 Grafen von Lciningen und manche andere edle Familien der Nachbarschaft hatten sich einer ähnlichen Auszeichnung zu erfreuen gehabt. Diese verschiedenen Altäre bestanden aus schwarzem Marmor mit eingelegten weißen Verzierungen, während auf den Grabsteinen die Wappen der betreffenden Familien angebracht waren. Letztere waren gesondert von denen in der Hauptkirche und befanden sich in einer Art von Gruft, oder in einer halb unterirdischen Kapelle, die unmittelbar unter dem Chor lag. Dahin lenkte Graf Emich seine Schritte, sobald er die Säule verlassen, an die er sich gelehnt hatte, um Pater ArnolphS Rede anzuhören. Die obere Kirche hatte jene sanfte melancholische Beleuchtung, dis einem gothischen Gebäude eine so eigenthümliche Zierde verleiht. Das Licht fiel durch hohe schmale Fenster von farbigem Glase ein und verlieh dem ganzen Inneren einen Ton, in welchem die Einbildungskraft sich eine geheimnißvolle^Beziehung zu dem heiligen Charakter des OrteS denken konnte. In der tiefer gelegenen, abgeschlossenen Gruft wurde dieses Licht noch düsterer und ergreifender. Graf Emich fühlte, als er unten anlangte, diesen Einstuß in hohem Grade; den» nur Wenige traten in dieses feierliche Gewölbe, ohne die heilige Scheu zu empfinden, welche die ganze Umgebung einzuflößen geeignet war. Als er an den Altar kam, der seiner eigenen Familie errichtet war, bekreuzte er sich und beugte ein Knie vor dem müden, lieblichen Fraucngestchtc, welches die Mutter Christi vorstellen sollte. Er hielt sich für allein und sprach ein Gebet: denn obgleich Emich von Leiningen ein Mann war, der, so lange er weltlichen Spüiterblicken ausgesetzt blieb, nur selten ernstlich sich mit seinem Gotte benahm, so trug er doch in seinem Herzen eine tiefe Ehrfurcht gegen die Macht des Allerhöchsten. Wie er sich wieder erhob, lenkte ein Geräusch in der Nähe seine Bliike bei Seite. „Ha — Du hier, Herr Prior!" rief er, seine Ueberraschung möglichst zu verbergen suchend. „Du bist schnell von Deinem Stuhle Die Hlidenmauer. 10 146 nach der Kanzel, aber noch schneller von der Kanzel nach der Kapelle gekommen." „Wir, die wir unser Leben einer abgeschiedenen Andacht geweiht haben, müssen oft aller Orten sehn. Du knietest vor rem Altäre Deines Geschlechtes, Emich?" „Bei dem heiligen Benedict, dem Patron Deines Orden-, Du hast mich in der That über einer solchen Handlung ertappt, frommer Baker. AIS icl> diesen düstern Ort betrat, wandelte mich eine Schwäche an, und ich wollte den Geistern derer, die mir vvran- gegangen sind, meine Ehrerbietung bezeugen." „Nennst Du den Drang zum Gebet eine Schwäche? Vor welchem Altäre könnte ein Mann Deines Namens paffender seinen Gott anbeten, als hier an diesem, den die Andacht Deines Geschlechts errichtet und geschmückt hat — oder in welcher Stimmung könntest Du besser Einkehr halten in Deinem Inner» und um den göttlichen Beistand flehen, als in der von Dir genannten?" „Herr Prior, Du verkennst den Grund meines Besuchs. Ich wollte in der Abtei die Messe hören, nicht aber beichten und Absolution holen." „Es ist lange her, seit Du zum letztenmal das heilige Sakrament empfingst, Emich." „Du hast Dich in Deiner Weise auf der Kanzel wacker gehalten, Vater, und ich zweifle nicht, daß die Bürger von Dürkheim und ihre Vettern und Basen Dir in ihren Privatunterhaltungcn das gebührende Lob zollen werden. Dein Nus als Prediger ist sogar jetzt nicht mehr gering zu nennen, und Deine heutige Anstrengung könnte Dir beinahe zu einem BiSthum verhelfen, wenn die Weiber unseres Thals im Stande wären, in Rom etwas zu erzielen. Wie geht es diesen Morgen unsrem hochheiligen Abt und den beiden Kirchensäulen, den Vätern Siegfried und Kuno?" „Du hast sie während des Amtes an ihren Plätzen gesehen." „Beim Himmel, sie sind würdige Kumpane! Glaubemir, Vater, 147 durch unsre ganze fröhliche Pfalz gibt es keine ehrlicheren, lustigeren Gesellen ober überhaupt Leute, die ich so sehr nach ihren Verdiensten liebte. Hast Du nichts von ihrem Besuche auf der Hartenburg und von ihren Thaten im Fleische gehört, hochwürdiger Prior?" „Die Stimmung Deines Geistes hat sich schnell umgewandelt, Graf, und ich bedaure dies von Herzen. Ich bin nicht hiehcr gekommen, um von den Ausschweifungen, die auf Deiner Veste begangen werden, oder von dem Selbstvergessen derjenigen zu hören, welche, obschon sie sich einer besseren Sache geweiht, dennoch gezeigt haben, daß sie bloS Menschen sind." „Ja, und zwar so mannhafte Leute, wie nur irgend welche im Reiche aufgefunden werden können. Mein guter Name ist mir so lieb, wie irgend einem Andern, sonst würde ich Dir die Zahl der Gesöffe nennen, die, wie mein Kellermeister schwört, nicht weniger schnell als eben so viele Reisige bei einem Sturme oder einem Rückzüge fielen." „Diese Liebe zum Wein ist der Fluch unsres Landes und unsrer Zeit. Es wäre mir lieb, wenn dieses hinterlistige Getränk nie wieder durch die Thors-von Limburg eingeführt würde." „Bei Gottes Gerechtigkeit, hochwürdiger Prior, Du wirst wahrhaftig künftighin einige Verminderung in dieser Einfuhr spüren," entgegnete Emich lachend, „denn die bestrittenen Weinberge haben endlich einen einzigen und zwar einen würdigen Herrn gefunden, obschon ich mir dieses Lob eher von Dir spenden lassen sollte, der Du so oft, kraft Deines Beichtigeramtes, in mein Inneres geschaut hast. Ich gebe Dir mein Ritterwort, keine Flasche des Getränkes, das Du so sehr verachtest, soll je wieder Deinem Gaumen Gewalt anthun." Der Graf warf einen triumphireuden Blick auf den Mönch, denn er erwartete — und hoffte auch wahrscheinlich — daß sich in dessen Zügen, dem ausgesprochenen MässigkeitSbekenntniffe zum Trotze, doch einige Merkmale von Aerger über die Ankündigung des 148 Verlustes, welchen das Kloster erlitten, kund geben möchten. Aber Vater Arnolph war, was er schien — ein Mann, treu ergeben seinem heiligen Amte, ohne daß er sich durch zeitliche Interessen bestimmen ließ. „Ich verstehe Dich, Emich," versetzte der Prior mit Milde. „ES bedurfte in einem solchen Augenblicke auch noch dieses Aergcr- niffeS, um üble Nachrede über die heilige Kirche zu bringen, gegen welche bereits der Widersacher rohen Angriff üben darf, aus Gründen, die mit zu den unerforschlichen Geheimnissen Dessen gehören, der sie gegründet hat." „Du hast allen Fug, so zu sprechen, Mönch, denn die Wahrheit zu sagen, jener Sachse mit seinem keineswegs schwachen Anhang beginnt auch in diesen Gegenden aller Orten Anlaß zu Bedenken und zu Ungehorsam zu geben. Du mußt wohl diesen Bruder Luther aus dem Grunde Deines Herzens Haffen, Vater?" Zum erstenmalc verlor jetzt das Gesicht des Priors den gleichförmigen Ausdruck des Wohlwollens, jedoch nur in so unmerklicher Weise, daß eS nicht einmal dem scharfen Blicke des Grafen ausfiel. Jndeß wußte ein Mann, der sich so sehr daran gewöhnt hatte, seine Leidenschaften zu bekämpfen, den zögernden Nest menschlicher Schwäche, welcher jenes bittere Gefühl in seinem Innern hervore rief, schnell zu unterdrücken. „Der Name des Schismatikers hat mich beunruhigt," ent- gcgnete der Prior, im Bewußtseyn der eigenen Schwäche wehmüthig lächelnd; „übrigens hoffe ich, daß dem Gefühle kein persönlicher Haß zu Grunde lag. Er steht an einem schrecklichen Abgrunde, und ich flehe aus der Tiefe meiner Seele zum Himmel, daß nicht nur er, sondern alle die Verblendeten, die seiner verderblichen Spur folgen, noch zeitig genug ihre Gefahr erkennen mögen, um ohne Schaden wieder umkehren zu können." „Vater, Du sprichst wie ein Mann, der dem Sachsen eher Gutes, als UebleS wünscht." 149 ,,3ch hoffe, behaupten zu können, baß meine Worte nicht in Widerstreit mit meinen Gedanken stehe»." „Aber Du vergißt die verdammlichen Ketzereien, die er uns bereitet, und überstehst seine Beweggründe. Sicherlich hat doch ein Mann, der um einer leichtfertigen Nonne willen also Leib und Seele verkaufen kann, wenig Anspruch an Deine Liebe." Eine leichte Gluth überflog jetzt Vater Arnolph« Schläfe. „Man hat ihm diese schnöde Leidenschaft zur Last gelegt," antwortete er, „und den Beweis zu führen gesucht, daß dieser Emvörung der niedrige Wunsch zu Grund liege, an den Freuden der Welt Theil zu nehmen; ich glaube übrigens nicht daran und will ihm nichts der Art Nachreden." „Bei Gott, Du bist Deines heiligen Amtes würdig, Herr Prior, und ich ehre Deine Mäßigung. Wenn eS unter uns mehrere Deines Gleichen gäbe, so hätten wir Wohl auch eine bessere Nachbarschaft und weniger Einmengung in die Angelegenheiten Anderer. Mit Dir sehe ich wahrhaftig nicht ein, warum er nöthig hatte, die Nonne offen zu werben, denn man kann sich ja eben so gut unter der Kapuze den Vergnügungen des Lebens hingeben, wenn man einmal von dem Geschicke berufen ist, eine zu tragen." Der Mönch gab keine Antwort, denn er bemerkte, daß er es mit einem Manne zu thun hatte, welcher unfähig war, seinen Charakter zu begreifen. „Wir wollen nicht mehr hievon sprechen," crwiederte er nach einer kurzen und peinlichen Pause, „sondern lieber Deine eigene Wohlfahrt ins Auge fassen. Dem Vernehmen nach brütest Du Arges gegen dieses Heiligthum, Graf Emich. Man sagt Dir nach, Ehrgeiz und Habgier hätten Dich verlockt, Dich zn dem Umstürze unserer Abtei zu verschwören, damit nichts mehr zwischen Deiner Gewalt und dem Throne des Churfürsten stehe." „Es scheint, Du bist geneigt, weit liebloser über Deinen nächsten Nachbar zu urtheilen, als über jenen Todfeind der Kirche, den 130 Luther. Was hast Du von mir gesehen, Herr Prior, daß ein Mann von Deiner christlichen Gesinnung sich »dreisten mag, eine solche Beschuldigung laut werden zu lassen?" „Ich spreche nur aus, was Alle in unsrem Kloster denken und fürchten. Hast Du diese kirchenschänderische Unternehmung auch wohl überlegt, Emich, und die möglichen Folgen derselben bedacht? > Weißt Du, für welchen Zweck diese heiligen Altäre errichtet wurden und welche Hand den Grundstein des Gebäudes gelegt hat, das Du so freventlich Umstürzen möchtest?" „Ach, mein guter Vater Arnolph, cS gibt zweierlei Gesichtspunkte, von denen aus sich die Errichtung Deines Klosters und namentlich dieser Kirche, in welcher wir stehen, betrachten läßt. Eine unserer Sagen behauptet, der Erzfeind selbst habe bei dem Bau seine Kelle im Spiel gehabt." „Du bist von zu hoher Abkunft, von zu edlem Blute und zu gereiftem Verstände, um einem solchen Mährlein Glauben zu schenken." „Es gibt Punkte, in die ich mich nicht allzutief einlaffen möchte. Zch habe nicht in Prag ober Wittenberg studirt, und Du ^ solltest mir deßhalb mit derartigen Fragen nicht zu Leibe gehen. Es wäre gut gewesen, wenn eure Brüderschaft selbst in Zeiten auf die Anschuldigung Bedacht genommen hätte, damit die Frage für oder wider, wie es die Gerechtigkeit forderte, in der allgemeinen Kirchenversammlung zu Kostnitz, wo sich die Gelehrte» und Großen unter unfern Vätern zusammenfandeu, hätte zur Entscheidung gebracht werden können." Vater Arnolph betrachtete seinen Gefährten mit ernstlicher Besorgniß. Er kannte zwar nur zu gut die beklager.Swerthe Unwissenheit und den daraus entspringenden Aberglauben, in den sogar die Großen jener Zeit verstrickt waren, um eine Aeußerung des » Erstaunens kund zu geben, wußte aber auch recht wohl, daß dem Grafen eine viel zu große Gewalt zu Gebot stand, als daß aus einer derartigen Vereinigung von Macht und Unwissenheit nicht das 151 Schlimmste hätte zu besorgen sehn müssen. Dennoch war es ihm vorderhand nicht darum zu thun, Ansichten zu bekämpfen, die sich nur durch Zeit und Belehrung wegräumen ließen, wenn anders Eindrücke, die im menschlichen Geiste tief Wurzel gefaßt haben, je ansgerottet werden können. Er verfolgte daher seinen unmittelbaren Plan und > vermied dadurch eine Debatte, welche in einem solchen Augenblicke vielleicht schlimmer als nutzlos war. „Daß die Hand des Erzfeindes sich mehr oder weniger in alle Dinge mischt, mit denen der Mensch zu thun hat, mag wahr sehn," fuhr er fort, indem er sorgfältig darauf Bedacht nahm, daß der Ausdruck seines Auges weder den Stolz noch den Starrsinn des Grafen wecken konnte — „aber wenn einmal irgendwo Altäre aufgerich- tet sind, und die Anbetung des allerhöchsten Gottes schon Jahrhunderte gedauert hat, so dürfen wir mit Grund hoffen, daß sein heiliger Geist in Majestät und Liebe unter den Heiligthümern weilt. So verhält sich'S nun mit Limburg, Graf Emich, und zweifle nicht daran, daß wir, die wir im Gespräche hier stehen, zugleich in der unmittel- » baren Gegenwart des gefürchteten Wesens unS befinden, das Himmel und Erde schuf, unser Leben leitet und uns im Tode richten wird." „Gott behüte uns, Herr Prior — Du hast heute bereits auf der Kanzel Dein Amt erfüllt, und ich sehe keinen Grund, warum Du Dir doppelte Mühe geben solltest, nachdem Du das erstemal so viel Beifall geerndtet. Die Art, wie Du mich gewissermaßen unangemeldet dem gefürchteten Wesen, wie Du eS nennst, vorführst, will mir nicht gefallen; denn wenn sich'S auch nur um den Churfürsten Friedrich handelte, so würde sich Emich von Leiningen einer solchen Vertraulichkeit nicht erdreisten, ohne zuvor wohl erwogen zu haben, ob es auch paßlich seh." » „In den Augen des Wesens, das wir meinen, sind Churfürsten und Kaiser gleich unbedeutende Geschöpfe. Gott liebt nur den Demüthigcn, den Barmherzigen und den Gerechte», während er diejenigen züchtigt, welche sein Ansehen verläugnen. Doch Du hast Deinen Lehensherrn genannt, und ich will Dich jetzt in einer Weise befragen, die zn Deinen Angewöhnungen paßt, Enrich van Leiningen, Du hast in Wahrheit einen edlen Namen in der Pfalz, und Deine Familie steht seit langer Zeit unter uns in großem Ansehen. Dennoch bist Du nur der zweite oder gar der dritte weltliche Gebieter in Deinem eigenen Lande. Der Churfürst und der Kaiser, beide haben Macht über Dich, und jeder ist kräftig genug. Dich in Deiner gerühmten Veste Hartenburg nach Willkühr zu vernichten." „Der Letztere mag allenfalls, wenn Du willst, die Mittel dazu besitzen, würdiger Prior" — unterbrach ihn der Graf — „aber was den Churfürstcn betrifft, so muß er sich zuerst die Feinde vom Hals schaffen, die ihn selbst bedrängen, ehe er an einen derartigen Sieg denken kann." Vater^Arnolph verstand wohl, was der Andere meinte, denn eS war kein Geheimniß, daß Friedrich um jene Zeit schlimm genug in der Klemme war, um selbst für seinen Thron Besorgnisse hegen zu müssen — ein Umstand, der bekanntermaßen den Grafen von Hartenburg in dem lang gehegten Plane ermuthigte, sich eine Gemeinschaft vom Halse zu schaffen, welche seine Entwürfe kreuzte und seinem Ansehen in der Gegend Abtrag that. „So wollen wir von dem Churfürstcn schweigen und nur von dem Kaiser reden," erwiederte der Prior. „Du glaubst, er sey fern von Deinen Landen in seinem Palaste, und zuverlässig besitzt er hier keine sichtbare Gewalt, um Deine rebellische Hand zu bezwingen. Nehmen wir an, eine Familie, die er beschütze und sogar liebe, stehe einem Deiner habgierigen Entwürfe im Wege; der Versucher habe Dir deßhalb in den Sinn gegeben, es würde gut seyn, sie zu entfernen oder mit gewaltiger Faust zu vernichten. Bist Du schwach genug, Graf Emich, um auf solche Einflüsterungen zu hören, wenn Du weißt, daß der Arm Karls lange genug ist, um von seinem entlegenen Madrid bis zum fernsten Winkel Deutsch- 153 landS zu reichen, und daß seine Rache eben so sicher als furchtbar sehn würde?" „Es wäre wahrhaftig ein kühner Feldzug, Herr Prior, wenn Emich von Leiningeu gegen Karl V. streiten wollte. Ueberließe man die Sache meinem eigenen Gutdünken, frommer Mönch, so würde ich mir lieber einen andern Gegner wählen." „Und doch sinnst Du auf Krieg gegen Einen, welcher mächtiger ist, als er. Du erhebst Deinen unmächtigen Arm und Deinen vermessenen Willen gegen Deinen Gott. Du verachtest seine Verheißungen, entweihst seine Altäre und möchtest nur gar zu gerne den Tabernakel Umstürzen, den Er errichtet hat. Glaubst Du, der Allmächtige werde unthätig einer solchen Sünde zusehen? Zählst Du darauf, die ewige allgütige Weisheit werde vergessen, sie zu strafen?" „Beim heiligen Paulus, Du legst die Sache ganz für Deine» eigenen Vortheil zurecht, Vater Nrnolph, denn es ist noch nicht bewiesen, daß die Abtei Limburg einen solchen Ursprung hat — und wenn es auch wäre, so kommt noch sehr in Frage, ob sie nicht in Ungnade gefallen ist durch die Ausschweifungen ihrer Bewohner. ES wäre nicht übel, wenn Du nach dem hochwürdigen Herrn Abt und nach jenen Säulen der Heiligkeit, den Vätern Kuno und Siegfried schicken wolltest, damit sie Dich mit ihrem Zeugniß unterstützen. Bei Gottes Weisheit, in der besagten Angelegenheit läßt sich mit diesen Ehrenmännern weit besser eine Verhandlung pflegen, als mit Dir." Emich lachte und der Widerhall schlug in der gewölbten Kapelle wie das Hohngelächter eines Teufels an die Ohren des Mönchs. Dennoch konnte sich Vater Arnolph in seiner natürlichen Billigkeit nicht verhehlen, daß sein Gefährte hinreichend Grund zu dem geäußerten Spotte hatte, denn ihm selbst war ja seit langer Zeit die Verderbtheit vieler seiner Ordensbrüder zum Gegenstand bitteren Leides geworden! „Ich bin nicht hier, um die Irrenden zu richten, sondern um die 154 Heiligthümer zu verthcidigen, vor denen ich Gott meine Anbetung bringe, und Dich vor einer verhängnißvollen Sünde zu warnen. Wenn Du je Deine Hand gegen diese Mauern erhebst, so erhebst Du sie gegen das, was Gott gesegnet hat und Gott rächen wird. Doch, Du bist nicht ohne menschliches Gefühl, Emich von Harten- burg, und obschon Du vielleicht an dem heiligen Charakter dessen, was Du gerne zerstören möchtest, zweifelst, so kannst Du Dich doch i» Betreff dieser Gräber nicht täuschen. In dieser heiligen Kapelle sind für die Seelen Deiner eigenen Familienangehörigen viele Gebete gesprochen und Messen gelesen worden." Der Graf von Leiningen sah den Mönch fest an, der zufällig in der Nähe der Oeffnung stand, welche die Verbindung zwischen der dunkeln Kapelle und der obern Kirche herstellte. Glänzende Lichtstrahlen schossen durch das östliche Fenster und trafen zu seinen Füßen das Pflaster, indem sie zugleich seine Gestalt in den sanften, feierlichen Glanz hüllten, der ihnen von dem farbigen Glase verliehen wurde. Der Morgengottesdienst hatte außerdem durch das ganze Gebäude die sänftigende Atmosphäre verbreitet, welche man gewöhnlich in den Kirchen des römischen Cultur bei feierlichen Handlungen antrifft. Der Wcihrauchduft war bis in die Kapelle gedrungen, und unbewußt fühlte der kriegerische Graf den Einfluß desselben in der Beruhigung seiner Nerven und in dem Einschlummern seiner Leidenschaften. Alle, welche die Haupt-Basilica des neueren Roms betreten haben, mußten die vereinte Wirkung moralischer und physischer Ursachen in einem ähnlichen Resultate empfinden, wie eS sich wohl in jedem katholischen Tempel ergibt, obschon in jenem Ungeheuern, herrlichen Dome, welcher in seiner cigenthümlichen Atmosphäre eine ganze Welt von Sinnbildern zeigt, die Wirkung besonders großartig ist. „Hier liege» meine Väter, Arnolph," antwortete der Graf mit gedämpfter Stimme, „und hier sind, wie Du sagst, Messen für ihre Seelen gelesen worden." 153 „Und Du verachtest ihre Gräber — willst sogar ihre Gebeine beschimpfen!" „Das wäre nicht die Handlung eines Christen." „Schau hieher, Graf. Dies ist das Denkmal des guten Gmich, Deines Vorfahren. Er ehrte seinen Gott und trug kein Bedenken, ihn an unfern Altären anzubeten." „Du weißt, frommer Prior, daß ich oft zu Deinen Knieen meine Seele aufgeschlossen habe." „Du hast gebeichtet und Lossprechung erhalten; damit Dir aber nicht sogar das Sacrament zu künftigem Leide gereiche —" „Sage lieber zu ewiger Verdammniß," unterbrach ihn eine Stimme, die so Plötzlich von der hintern Seite der Gruft hertönte, daß sie aus den Gräbern selbst hervorgekommen schien. „Du treibst «in Spiel mit unsrer heiligen Sendung, hochwürdiger Prior, wenn Du mit diesem argen Sünder so zart umgehst." Der Graf von Leiningen war bei den ersten Worten dieser Unterbrechung zusammengeschreckt und beinahe ganz außer Fassung gekommen; als er aber umschaute, erblickte er die zurückweichende Stirne, das eingesunkene Auge und die gebeugte Gestalt des Pater Johann. „Mönche, ich verlasse Euch," sagte Emich mit fester Stimme. „Für euch ist's wohl recht, daß ihr betet und diese düsteren Altäre besucht; aber ich, der ich ein KricgSmann bin, kann meine Zeit nicht länger in der Gruft meiner Väter vergeuden. Lebe wohl Prior — Du hast einen Hüter, der den Guten beschützen wird." Noch ehe der gleichfalls überraschte Prior seine Stimme wieder gewinnen konnte, schritt der Graf die Marmortreppen hinan und der Tritt seiner bewaffneten Ferse ließ sich bald klirrend von den Fliesen oben vernehmen. 156 Zehntes Kapitel. „Der Weg ist kurz nur — fort!- Armado. Obschon wir Alle uns der furchtbaren Gebrechen, mit denen die menschliche Natur behaftet ist, bewußt sepn müssen, so ist doch gleichwohl keiner so schlecht, um nicht zu wissen, daß sein Wesen die Keime jener göttlichen Wesenheit in sich trägt, welche ihn seinem himmlischen Schöpfer ähnlich machen. Der Tugend bleibt die Verehrung des Menschen gesichert, auf was immer für einer Stufe der Civilisation oder Geistesbildung er zufälligerweise stehen mag, und wer reine Sittlichkeit zur Richtschnur seines Lebens macht, darf stets auf die Achtung, wenn auch nicht immer auf den Schutz seiner Zeitgenossen zählen. Als der Graf von Leiningen durch das weite, reiche Schiff der Abteikirche hinabging, schwankten seine Gedanken zwischen dem Eindrücke, welchen die Worte des Priors auf ihn geübt hatten, und jene» geheimen Absichten, welche in seiner Seele noch immer das Uebergewicht behaupteten. Man hätte ihn mit einem Menschen vergleichen können, der auf die Rathschläge eines guten und eines bösen Geistes hört, von denen der erstere ihn zu Milde und Schonung ermahnt, letzterer aber durch die gewöhnlichen Hebel der Schmeichelei und Erweckung von Hoffnungen ihn zu schlimmer Gewaltthat verlocken möchte. In finsterem Brüten machte er sich Gedanken über die Forderungen des Klosters, die, weil sie auf einer gesetzlichen Neberlegenheit beruhten, nicht nur seine Macht beeiti- trächtigten, sondern auch seinen Stolz verletzten — ferner über die Art, wie dasselbe stets seine Absichten kreuzte, über den beharrlichen Widerspruch, der von Seite der Brüderschaft ohne Unterlaß gegen seine Oberherrlichkeit im Thale erhoben wurde, lauter Feindschafts-Motive, di- durch das ausschweifende und dreiste Benehmen vieler der Ordensmitglieder nicht ganz ungegründeterweise erhöht wurden. Aber diesem Einflüsse setzte sich in'S Geheim das Bild des Vater Arnolph entgegen, das sich der bewegten Seele des wilden Mannes stets in dem sanften, edlen Glanze christlicher Tugend vergegenwärtigte. Emich war, ganz im Widerspruch mit seiner Neigung, außer Stande, den Eindruck der de- muthigen Menschenfreundlichkeit und Selbstverläugnuug, den eine lange Bekanntschaft mit dem Mönche auf ihn gemacht und welchen das kürzlich- Gespräch nicht nur aufgefrischt, sondern noch tiefer in sein Inneres eingegraben hatte — aus seiner Seele zu verdrängen. Zndeß bereitete sich in dem Klosterhofe ein Schauspiel vor, welches viel dazu beitrug, den günstigen Einfluß des Priors zu schwächen, indem cs den Stolz des Grasen in einer Weise gegen dessen bessere Gefühle aufhetzte, wie es nur der bitterste Feind von Limburg wünschen konnte. Es ist bereits bemerkt worden, daß die äußere Mauer der Abtei den ganzen oberen Theil des Berges umgab, auf welchem das Kloster stand. Die Gebäude waren zwar geräumig und zahlreich; indeß bot doch der Umfang der kleinen Ebene auf dem Gipfel noch genügenden Raum für Bewegung in freier Lust. Außer den weiten Kreuzgängen, die natürlich den Charakter mönchischer Abgeschiedenheit zeigten, war hinter der Wohnung des AbtcS noch ein Garten und unmittelbar vor der Kirche ein beträchtlich großer Hof vorhanden. In letzterem, in welchem mehrere Gruppen von Kirchgängen zögerten, war in militärischer Ordnung ein Soldatentrupp aufgestellt, welcher die Farben und Abzeichen des Churfürsten Friedrich trug. Das geheime Signal, welches Pater Bo- uisacius bei dem Eintritte des Grafen in den Chor gegeben, hatte dem Nachbar diesen unwillkommenen Anblick vorbereitet. Während sich die Bewaffneten in ernster militärischer Haltung auf ihre Hackenbüchsen stützten, waren der Ritter von RhoduS und der Abbe beschäftigt, der schönen Gattin beS Bürgermeisters von Dürkheim und ihrer kaum schöneren Tochter den Hof zu machen. Der junge Berchthold stand in der Ferne und sah der Unterhaltung mit Gefühlen zu, in denen sich Neid mit Eifersucht mischte. „Ich wünsche Euch schönen guten Morgen und tröstliche Erbauung in der Messe, hochgeborner Emich!" rief der Gatte und Vater mit Herzlichkeit, indem er die Mühe abnahm, als der Graf sich der Stelle näherte, wo der Bürger stand und nur noch diese Begrüßung abwartete, ehe er seinen Fuß in den Bügel setzte. „Ich habe schon geglaubt, der Anblick Eures Familiengrabes könnte mich um diese Ehre betrügen und mich ohne ein Wort von Eurer freundlichen und hochgeschätzten Gnaden abziehen lassen." „Zwischen Dir und mir, Heinrich, kann eine solche Hintansetzung nicht vorfallen," antwortete der Graf, indem er die Hand des Bürgermeisters mit der Herzlichkeit und Kraft eines KriegS- manneS drückte. „Wie geht'S in dem guten Dürkheim, dieser Start meiner Neigung — um nicht zu sagen, meines Rechtes?" „Wie Ihr wünschen könnt, edler Grafp sie ist dem Hause Lei- ningcn wohl gewogen. In Allem, was sich auf die Liebe zu Eurem Namen und zu Eurem Geschlechts bezieht, lassen wir'S an Nichts fehlen." „Das ist schön, ehrlicher Heinrich, und kann noch besser kommen. Du wirst mir doch an diesem Sommermorgen die Ehre anthun?" „Die Ehre ist meinerseits; Eure Gnaden hat nur zu befehlen, um in einem Manne, wie ich bin, einen gehorsamen Diener zu finden." „Hast Du auch alle diese Spitzbuben des Churfürsten da betrachtet, Heinrich? Ha — sehen sie nicht ganz melancholisch und mißvergnügt aus, daß sie bei den Benediktinern eingestallt scyn sollen, während es rührige Zeiten in der Pfalz gibt und ihr Gebieter genug zu schaffen hat, ,»NI in Heidelberg seine Hofhaltung fortzuführen. Bemerkst Du nichts der Ar! ?" Emich hatte seine Stimme gedämpft, und der Bürgermeister war nicht der Mann dazu, um in einer Antwort mehr auSzudrücken, 139 als die Umstände erforderten. In den beredten Blicken jedoch^ welche er mit dem Grafen wechselte, verrietst sich das Einvernehmen, in welchem das Schloß und die Stadt zu einander standen. „Ihr gebietet über meine Pflicht, Herr Graf, und ich erlaube mir daher die Frage, in welcher Weise ich Euch dienstlich seyn kann." „Ich will Dir keine mühsame Buße auflegen, sondern bloS von Dir haben, daß Du den Kopf Deines Pferdes der Hartenburg zuwendest, um daselbst ein Stündchen oder zwei mit einem Gericht Gerngesehen vorlieb zu nehmen." „Mit Freuden, mein Herr Graf, wenn es möglich wäre," ent- gegnete Heinrich, indem er einen zweifelhaften Blick auf Meta und seine Gattin warf; „aber diese SonntägSmeffen sind Dinge, in welchen man die Weiber gewähren lassen muß: von dem ersten Ton der Morgenglocke an, bis Abends die Thore geschlossen werden, kann ich kaum einen Gedanken mein eigen nennen." „Bei der Jungfrau, eS müßte in der That schlimm hergehen, wenn die Hartenburg nicht ein Dach hätte, um alle Deine lieben Angehörigen zu beherbergen." „Ihr habt bereits adelichen Besuch und ich möchte nicht gerne —" „Sprich mir nicht davon. Der in dem Hellen Mamms mit dem weißen Kreuze ist nur ein obdachloser Rhodiser Ritter, welcher wie die Taube aus der Arche umherzicht und nicht weiß, wo er seinen Fuß hinsetzen soll; der Andere im schwarzen Kleid aber ein müßiger französischer Abbe, der fast nichts thun mag, als mit den Weibern plaudern. Laß Deine Frauenzimmer in ihren Händen, denn sie sind an Galanterie gewöhnt." „Zum Henker, hochgeborene Ercellenz, ich bezweifle nicht, daß sie in solch müßigen Künsten wohl erfahren sind; aber meine Frau hat wenig Geschmack an derartigen eitel» Aufmerksamkeiten, und offen gesprochen, Herr Graf, auch ich finde keinen sonderlichen Gefallen daran, wenn man mit Weibern so viele Umstände macht. Wäre 160 die hochgeborne Irmengard, Enre edle Hausfrau, im Schluß, so konnte sich'S mein Frauenvolk zur Ehre schätzen, ihr die Aufwartung zu machen, aber in der Abwesenheit Eurer Gattin zweifle ich, ob sie nicht eher lästig als angenehm werden dürften." „Sprich nicht so, mein ehrenfester Heinrich, sondern überlaß die Sache mir. Was jene Müßiggänger betrifft, so will ich, sind ^ wir einmal aus dem Sattel, schon Beschäftigung für sie finden; aber ich nehme auch von der Jüngsten deines Namens keine Ausrede an." Dem warmen, offenen Benehmen des Grafen war nicht zu widerstehen, obschon die Einladung dem Bürgermeister nicht sonderlich gelegen kam; in jener Periode trat jedoch die Gastlichkeit stets so unverhohlen auf, daß man ein Erbieten derselben nicht leicht ohne zureichende Entschuldigung ablehnte. Emich machte nun den Frauen sein Compliment. Nachdem er sich den Bart gestrichen, küßte er mit freimüthiger Wärme Frau Nlrica auf die Wangen und drückte dann, von dem Borrecht seiner Jahre und seines Ranges Gebrauch machend, einen Kuß auf MetaS rosige Lippen. Das Mädchen er- > röthete lachend und knirte in ihrer Verwirrung, als wolle sie sich für die hohe Gnade bedanken; der Bürgermeister aber sah nicht nur ohne Besorgniß, sondern sogar mit augenscheinlicher Zufriedenheit zu, obschon ihm die gefallsüchtigen Zierereien der beiden fremden Gäste so gar nicht zusagten. „Schöne» Dank für die Ehre, edler Emich, die Ihr meinem Frauenvolke erweist," sagte er, indem er abermals seine Mütze lüpfte. „Meta ist an dergleichen Complimente nicht gewöhnt: sie weiß kaum recht, wie sie die hohe Gnade anerkennen soll, denn es kömmt in der That nicht oft vor. daß ihre Wange das Kitzeln eines Bartes fühlt. Ich selbst bin kein Freund von Küssen, und in , Dürlheim ist Niemand, der sich deß unterfangen dürfte." „St. Denis behüte mich!" ries der Abbe, „welche schmähliche Vernachlässigung haben wir uns zu Schulden kommen lassen!" Und , 161 damit küßte er die milde Ulrica ohne Umstände, worauf er dieselbe Cere- monie so plötzlich bei der Tochter wiederholte, daß beide keine Zeit gewannen, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen. „Herr Ritter von Rhodus, man wird in dieser Angelegenheit unserer Erziehung nicht viel Zutrauen." „Halt da, Vetter von Viederbach," sagte Emich lachend, indem er seinem Verwandten die Hand vorhielt. „Wir vergessen ganz und gar, daß wir im Limburger Klosterhofe stehen und daß dergleichen Begrüßungen zu sehr nach der Erde schmecken, um bei den heiligen Benedictinern nicht schlimmen Anstoß zu erregen. Wir wollen aufsitzen und unsere Galanterien auf eine gelegenere Zeit »ersparen." Mittlerweile schickte sich die ganze Gesellschaft zum Abzüge an. Obgleich der Johanniter daran verhindert worden war, das schöne Mädchen zu küssen, welche sich die gleiche Freiheit so geduldig von seinem Vetter und dem Abbe hatten gefallen lassen, säumte er doch nicht, ihr auf den Hintersitz von ihres Vaters Sattel zu helfen. Einen gleichen Dienst erwies Emich der Frau Bürgermeisterin, worauf er sein schwer gestiefeltes Bein über daS große, starkglie- derige KriegSroß warf, welches auf dem Pflaster des Hofes stampfte. Die klebrigen folgten sammt den vielen berittenen Dienern seinem Beispiele, und nachdem sie dem großen Crucisire, das in der Nähe stand, ihre Ehrerbietung bezeugt hatten, trabte der ganze Zug aus dem Hofe hinaus. klm das äußere Thor hatten sich viele neugierige Zuschauer gesammelt, darunter auch ein Bettlerhaufen und mehrere Grundholden des Grafen, welche für den Fall aufgeboten worden waren, daß der Besuch ihres Herrn in dem Kloster irgend eine Gewaltthat zur Folge haben sollte. „Ein Almosen, großer Emich! — ein Almosen, würdiger und reicher Bürgermeister! Gottes Segen über euch beide und möge Die Heidenmauer. 1 l 162 der heilige Benedict euer Fürsprecher seyn! Wir frieren und sind hungrig — laßt uns daher ein Almosen zusammen." „Gib den Spitzbuben einen Silberpfennig," sagte der Graf zu seinem Seckelmcister, der in dem Zuge ritt, „denn sie haben wahrhaftig ein ganz verhungertes Aussehen. Die gottseligen Mönche haben in letzter Zeit so viel mit ihrer Garnison und mit ihren ^ Messen zu thun gehabt, daß sie darüber vergaßen, ihre Armen zu speisen. — Komm näher, Freund; bist Du aus dem Jägerthale?" „Nein, edler Graf; ich komme von einer Wallfahrt zu einem fernen Heiligthum, aber Mangel und Noth haben mich unterwegs befallen." „Hast Du die Mönche um ihre Mildthätigkeit angesprochen, oder fandest Du sie zu sehr in Andacht vertieft, als daß sie sich des menschlichen Elends hätten erinnern können?" „Großer Graf, sie sind freigebig; aber wo so Biele zu füttern sind, bedarf es vielen Goldes. Ich sage nichts gegen das fromme Kloster von Limburg, das eben so gottselig ist in seinen milden Spenden, wie in seinen Gebeten." „Gib dem Kerl einen Kreuzer," brummte Emich, indem er > sein Roß in einer Weise spornte, daß unter dessen Ausschlagen der KieS in die Luft flog. „He, Bursche," bemerkte Heinrich Frei, „hast Du für Deine Wallfahrt und für Deinen Bettel auf offener Landstraße etwas Amtliches vorzuweisen?" „Nichts, als dies, gestrenger Herr Bürgermeister," — Heinrich Frei trug nämlich seine Amtskette — „den Befehl meines Beichtvaters und diesen Paß von unseren Hauptleutcn." „Nennst Du dies nichts? Du sprichst von einem wichtigen amtlichen Dokument, als ob es nur ein Böglein Schelmenlieder wäre! Halt — Du sollst nicht durch allzu großen Mangel inBer- » suchung geführt werden. Meta, Dirne, hast Du einen Kreuzer?" „Da ist ein Silberpfennig — er dürfte dem Nothstande des Pilgers besser entsprechen, Vater." 163 „Gott steh' mir bei, Kind —hoffst Du selbst dem Nothstande zu entrinnen, wenn Du so verschwenderisch bist? Doch warte — es sind ihrer Viele, und sie können sich gut in dieses Stück theilen. Kommt heran, ihr Leute. Hier ist ein Zwanziger — theilt ihn ehrlich in zwanzig Theile und gebt dem Fremden zwei davon, denn ^ gegen ihn haben wir den göttlichen Geboten zufolge die größte Verpflichtung. Jeden von euch Thalbewohnern trifft dann ein Kreuzer, und vergeht mir dabei die arme, alte Frau dort nicht, die ihr zurückgedrängt habt. Als Entgeld fordre ich von euch, daß ihr für den Churfürsten, für die Stadt Dürkheim und für die Familie Frei betet." Mit diesen Worten ritt der Bürgermeister weiter und befand sich bald am Fuße des Limburger Berges. Der Trupp von Grundholden, welcher zurückgeblieben war, um Zeuge von Heinrich FreiS Mildthätigkeit zu seyn, und EmichS Gleichgültigkeit bei einem Mann, der durch die Vorsehung so weit über die gemeinen Bedürfnisse des Lebens erhoben worden war, nur für natürlich hielt—wollte > eben Nachfolgen, als ein Laienbruder des Klosters Einen aus dem Haustein am Arm berührte und ihm durch ein Zeichen bedeutete, er möchte wieder in den Hof zurückkommcn. „Man braucht Dich noch ein wenig, Freund," flüsterte der Laienbruder. „Unterhalte Dich mit den Kriegsleuten, bis sie ab- ziehen, und komm sodann in den Kreuzgang." Ein leichtes Nicken reichte zu, um dem Laienbruder zu bedeuten, daß er verstanden worden war, weshalb dieser auch alsbald wieder verschwand. Der Diener des Grafen Emich folgte dem an ihn ergangenen Geheiße und schlendert« in dem Hofe umher, bis der Zweck des Abts (er wollte nämlich seinem gefährlichen Nachbar » den Schutz des Churfürsten vor Augen führen) erfüllt war und die Arkebusiere in ihre Quartiere einrückten. Sobald der Weg frei geworden war, schickte sich der Dienstmann des Grasen an, seiner Weisung weiter nachzukommen. In jedem Klostergebäude der alten Hemisphäre befindet sich ' ein innerer Hof, der mit niedrigen, zur Beschaulichkeit geeigneten Arkaden umgeben ist und Kreuzgang heißt. Wenn dieser Theil des Gebäudes, wie man es oft findet, mit den kunstreichen Ornamenten des gothischen Styls verziert ist, so läßt sich nicht leicht eine Umgebung denken, die glücklicher darauf berechnet wäre, um Nach- ^ denken, Selbstprüsung und religiösen Frieden zu erwecken. Uns haben diese Kreuzgänge stets in hohem Grade die Poesie des MönchSlebcnS vergegenwärtigt, und obschon wir Protestanten sind, haben wir doch nie einen derartigen Platz betreten, ohne den Einfluß jener heiligen Allmacht zu fühlen, welcher in klösterlicher Abgeschiedenheit dem Herzen so nahe tritt. In Italien, diesem Lande des Gedankenschwungs und der herrlichen Wirklichkeit, sind die Pinsel der größten Meister ausgeboten worden, um diesen Kreuzgängen eine milde Anziehungskraft und jene inhaltsvolle Belehrung zu verleihen, welche mit ihrem Zwecke in so schönem Einklang stehen. Man findet an derartigen Orten einige der schönsten Gemälde Raphaels, DominichinoS und Andrea del Sarto'S; wenn daher der > Reisende die gefeiertsten Kunstüberrcste aussuchen will, so muß er die gewölbten Gallerieu betreten, welche der Münch so lange in gläubiger Hoffnung durchwandelte. Es wurde dem Unterthanen des Grafen Emich nicht schwer, sich nach dem fraglichen Platze zu finden, da wie gewöhnlich zwischen dem Kreuzgang und der Kirche eine unmittelbare Verbindung stattfand. Er trat in die letztere, begab sich nach einer Seitenthüre, welche nach der Sakristei führte und gelangte von hier aus nach den Arkaden, deren eindrucksvolle Abgeschiedenheit wir eben geschildert haben. An den Wänden befanden sich — zu Ehren der verschiedenen Brüder, welche sich durch Frömmigkeit und Keuntniffe aus- » gezeichnet hatten — Tafeln und lateinische Inschriften, und da .oder dort stand in Elfenbein oder Stein das in katholischen Landen nie fehlende Erinnerungszeichen, das Crucifir. 165 Der Fremde blieb stehen, denn ein einzelner Münch wandelte mit einer Miene, die nicht sonderlich einladen konnte, wenn man in Betreff der Aufnahme noch zweifelhaft war — unter den Arkaden hin. Wenigstens war der Unterthan des Grafen dieser Ansicht, und man konnte es ihm nicht verargen, wenn er den trüben AuS- » druck in Vater ArnolphS Gesichte, das eben jetzt von Sorgen um- wölkt war, für Strenge nahm. „Was willst Du?" fragte der Prior, als er sich bei einer Wendung Angesicht in Angesicht mit dem Eindringling sah. „Hochwürdiger Vater, Euern heiligen Segen." „Knie nieder und nimm ihn hin, mein Sohn. Du bist doppelt gesegnet, weil Du Trost bei der Kirche suchst und die verderblichen Ketzereien der Zeit meidest." Der Prior sprach, das Zeichen des Kreuzes über ihn machend, die Benediction und winkte ihm aufzustehen. „Hast Du noch einen andern Wunsch?" fragte er, als er bemerkte, daß der Bauer sich nicht entfernte, wie doch diejenigen zu * thuu pflegten, welche eine derartige Gunst empfangen hatten. „Nein — es müßte denn sehn, daß mir jener Bruder etwas mitzutheilen hätte." Das Gesicht Siegfrieds sah zu einer Thüre heraus, welche nach den Zellen führte. Die Züge des Priors wandelten sich um, wie die eines Mannes, der alles Vertrauen zu den Absichten seines Gefährten verloren hat, und er ging unter den Arkaden seines Weges weiter. Der Bauer glitt an ihm vorbei und verschwand durch die Thüre, nach welcher ihn ein heimlicher Wink eingeladen hatte. Es ist bereits bemerkt worden, daß die Benedictiner in hohem t» Grade gastfreundlich sind. Eines von den Hauptgebäuden auf dem Berge war vornehmlich der Bequemlichkeit des Abts und der Reisenden gewidmet, deren Bewirthung stets eine Pflicht, für den Vater BonifaciuS, aber meist eine sehr angenehme Pflicht war. Man sah 166 hier einige Merkmale von dem großen Neichthum des Klosters, obschon diese Schaustellung durch die Ordensregel sowohl als durch die öffentliche Meinung sehr in Schranken gehalten wurde; indeß fand man hier doch wenig mehr von der Selbstverläugnung und Entsagung, die man stets mit dem Gedanken an ein Kloster in Verbindung zu bringen pflegt. Die Gemächer waren mit dunkelm Eichenholze getäfelt; allenthalben wimmelte es von Sinnbildern des religiösen Glaubens, aus kostbaren Materialien gearbeitet, und auch an Sammt und anderen Stoffen von ungemeinem Werthe, obschon in bescheidenen Farben gehalten, war kein Mangel vorhanden. Pater Siegfried führte den Mann nach einem der wohnlichsten dieser Gemächer— nämlich nach dem Cabinete des Abtes, der die Amtskleidung, in welcher er kürzlich im Chore erschienen war, jetzt abgelegt und sich allen kirchlichen Pompes entschlagen hatte, um mit der Trägheit eines Studenten und einigermaßen mit der Nachlässigkeit eines Schlemmers der Ruhe zu Pflegen. ' „Hier ist der junge Mann, von dem ich Dir gesprochen habe, hochwürdiger Abt," begann Pater Siegfried, indem er seinem Begleiter vorzutreten winkte. Bonifacius legte ein erst kürzlich aus der Presse hervorgegan- gencs Buch, das in Pergament gebunden und mit kolorirten Initialen versehen war, auf den Tisch nieder, und rieb sich die Augen wie ein Mann, der Plötzlich aus einer träumerischen Zerstreutheit geweckt wird. „Wahrhaftig, Bruder Siegfried, diese Leipziger Spitzbuben leisten Wunder in ihrer Kunst. Da ist kein Wort am Unrechten Platze und kein Gedanke dunkel. Gott weiß, wohin dieses Ueber- maß von Wissen, welches so lange nur das Eigenthum des Gelehrten war, mit der Zeit führen wird. Das Amt eines Bücher- abschreibers wird nicht lange mehr hübschen Vortheil bringen oder überhaupt in Achtung stehen." „Haben wir nicht die Beweise solch übler Einwirkung in der Zunahme des Unglaubens und in dem Geist des Ungehorsams, der sich überall unverhohlen ausspricht?" „Die Menschen würden viel besser für ihr Seelenheil und für ihre zeitliche Rübe sorgen, wenn sie sich in dieser mühevollen Welt weniger mit Denken befaßten. Dein Name ist Johann, mein Sohn?" „Gottlob, hochwürdigster Abt, mit Eurer und der heiligen Kirche Erlaubniß." „Ein frommer Name; ich hoffe, Du vergissest nicht der Pflicht nachzukommen, an welche er Dich stündlich erinnern sollte." „Was dies betrifft, so kann ich wohl sagen, Vater, daß ich Gott für alle Wohlthaten lobe, die mir zu Theil werden; und wenn ihrer auch doppelt so viel wären, so sagt mir Etwas in meinem Innern, ich könnte in alle Ewigkeit fort für Gnadengaben danken." Gottlobs Antwort bewog den Abt, den Kopf umzuwenden. Nachdem er den gesetzten Ausdruck in dem Gesichte des jungen Menschen aufmerksam geprüft hatte, fuhr er fort: . „Schon gut. Du bist ein Jäger, im Dienste des Grafen Emich?" „Sein Kuhhirt, hochwürdiger Abt, und ein Jäger obendrein, denn eine unstetere, nachlässigere und bclästigendere Familie als die meinige ist in der ganzen Pfalz nicht wieder zu finden." „Richtig, ich erinnere mich — also ein Kuhhirt; Du hast Dich aber ziemlich dreist gegen den Herrn Pater da benommen, indem Du ihn glauben machtest, Du sehest von Dürkheim und nicht von dem Schlosse." „Um vor Eurer Hochwürden ohne Rückhalt zu sprechen — cS gab ein Bischen zwischen uns zu verhandeln. Ihr müßt nämlich wissen, heiliger Abt, daß ein Kuhhirt für alle Sprünge seiner Thiere herhalten soll, und so zog ich es vor, einfach für meine eigenen Verirrungen Buße zu thun, ohne obendrein die Gewissen aller Stücke Vieh, welche dem Grafen Emich gehören, weiß waschen zu wollen." 168 A, Der Abt wandte sich wieder um, und betrachtete den Kuhhirten noch länger und forschender, als zuvor. „Hast Du von Luther gehört?" ^ „Meint Euer Hochwürden den Trunkenbold, den Schuhflicker von Dürkheim?" „Ich meine den Mönch von Wittenberg, Schurke, obschon Du — beim heiligen Benedict! — den Rebellen nicht unpassend benamst hastp denn seine Versuche, die Einrichtung und Zucht in der heiligen Kirche zu verbessern, sind in der That nur armselige Flickarbeit. Ich frage Dich übrigens, hast Du nicht Deinen Verstand besudelt und Deinen Glauben geschwächt, indem Du jener verdammlichen Ketzerei, die gegenwärtig in unsrem Deutschland umgeht, Gehör schenktest?" „Der heilige Benedict und die hochgcbenedeitc Jungfrau Maria mögen Euer Hochwürden nach Euren Verdiensten im Andenken erhalten! Was hat ein armer Kuhhirte mit den Fragen zu thun, um Welche sich die Gelehrten streiten und die sogar den Friedliebenden zänkisch und händelsüchtig machen?" „Du bist über Deinen Stand unterrichtet. Stammst Du aus dem Jägerthal?" „Bin darin geboren und erzogen, hochwürdiger Abt. Mein Urgroßvater schon hat im Thale gewohnt, und wenige Familien stehen wegen ihrer Geschicklichkeit im Aufziehen des Rindviehs und in Behandlung einer Heerde so sehr im Ruf, wie Diejenige, welcher ich angehöre, so arm und gering ich auch Euer Hochwürden erscheinen mag." „Ich weiß nicht, ob in der bescheidenen Ansicht, die Du von Dir selbst hast, nicht mehr Schein als Wirklichkeit liegt. Doch Du hast Dich mit Bruder Siegfried benommen, und wir zählen auf Deine Dienstleistungen. Du kennst die Macht der Kirche, mein Sohn, und mußt wissen, wie geneigt sie ist, denen Barmherzigkeit zu erweisen, welche ihr Huldigung bringen, während sie es auch an Aeußerungen ihres Mißfallens nicht fehlen läßt, sobald ihr Anlaß zu gerechtem Zorne gegeben wird. Auch wollen wir uns denen ganz besonders gewogen erweisen, die in einem Augenblicke, wie der gegenwärtige, in welchem die Teufel lvS sind, um die Unwissenden und Schwachen zu zerstreuen, nicht von ihrer Hürde abgehen." „Trotz alle dem, was Ihr in Betreff des Wenigen gesagt habt, was mir auf dem Wege der Erziehung in den Wurf kam, hochwürdigster Abt, bin ich doch viel zu schlecht unterrichtet, um etwas Anderes, als eine einfache Rede zu verstehen. Wenn sich's um einen Vertrag handelt, so ist es gut, die Bedingungen klar namhaft zu machen, damit ein armer, aber wohlmeinender Mensch nicht in die Hölle komme, bloS weil er wenig vom Latein weist und nicht deutlich verstehen kann, was nicht deutlich gesagt worden ist." „Ich habe nichts Anderes gemeint, als daß Dein frommes Benehmen vor dem Altäre und dem Beichtstühle nicht vergessen bleiben wird; Du sollst auf Ablaß und sonstige milde Behandlung zu zählen haben." „Das ist ganz vortrefflich für Diejenigen, welche davon Nutzen ziehen können, hochwürdiger Abt; aber — der heilige Benedict steh' uns bei! — was könnte mir davon zu Gute komme», wenn Herr Emich seine Leute mit Kerker und Hieben bedrohte, im Falle sie sich unterstünden, die Altäre von Limburg zu besuchen oder in sonstiger Weise mit der hochwürdigen Brüderschaft zu Verkehren?" „Glaubst Du, unser Ansehen und unsre Gebete sehen nicht im Stande, durch die Mauern der Hartenburg zu dringen?" „Hievon will ich nichts sagen, höchst gewaltiger BonifaciuS, da ich von der Art, wie Jhr'S meint, noch niemals Nutzen gezogen habe. Der Kerker von Hartenburg ist mir nicht fremd, und soll ich meine tief innersten Gedanken aussprechen, so muß ich sagen, daß es der heilige Benedict selbst nicht leicht finden würde, die Thüren desselben zu öffnen oder das Pflaster weicher zu machen, so lange die zornige Stimmung des Grafen anhält. Der Tausend, heiliger Abt, Ihr habt gut von Mirakeln und Ablaß sprechen; aber es soll nur einmal 170 einer, wenn er meint, derartige Dinge könnten das feuchte, herz- tödtende Loch warm und angenehm machen — eine Novembernacht in seinen vier Wänden zubringen, so wird er schon auf andere Gedanken kommen. Mag er beim Eintreten ein noch so großes Vertrauen in die Klostergebete setzen, so müßte er nicht Fleisch und Blut, sondern ein brennender Ofen in der Gestalt eines sterblichen Leibes seyn, wenn er nicht mit der größten Furcht vor Herrn EmichS Zorne wieder herauskäme.* Vater Bonifacins sah, daß es vergeblich war, auf den Geist des Kuhhirten in der gewöhnlichen Weise Einfluß üben zu wollen, und mußte deshalb zu sichreren Mitteln greisen. Er winkte seinem Begleiter, ihm ein kleines Kästchen herüber zu geben, das äußerlich mit vielen sichtbaren Zeichen des christlichen Glaubens verziert war, und nahm einen großen, schweren Beutel heraus. Gottlobs Augen glänzten — hätten die Mönche nicht zuviel mit dem Zählen des Geldes zu schaffen gehabt, so dürfte ihnen wohl die Aeußerung seiner Freude ein wenig erkünstelt vorgekommen seyn — und er bezeugte große Lust, den Inhalt einer Börse kennen zu lernen, die » so werthvoll aussah. „Dieß wird Frieden und Vertrauen zwischen uns stiften," sagte der Abt, indem er Gottlob eine Geldmünze einhändigte. „Du hast hier etwas, was dem blödesten Verstände begreiflich ist, und ein Mensch mit deinem schnellfertigen Witze wird ohne Zweifel einsehen, was für ihn Gutes daraus erwachsen kann." „Euer Hochwürden schlagen meine Mittel nicht zu hoch an," antwortete der Kuhhirt, indem er ohne weitere Umstände das Gold in die Tasche steckte. „Wollte unsre gute Mutter, die Kirche, diese Methode in Anwendung bringen, um sich Freunde zu sichern, so könnte sie über alle Luther zwischen dem Constanzer See und dem Meere lachen, den von Wittenberg mit eingerechnet; in Folge eines seltsamen Versehens aber hat sie sich in letzter Zeit mehr damit befaßt, den Leuten ihr Gold zu nehmen, als ihnen zu geben. Er 171 freut mich, zu sinken, daß man diesen Jrrthum endlich entdeckt hat, und namentlich bin ich froh, daß ein so unwürdiger, armer Mensch wie ich bin, unter die Ersten gehört, welche die Kirche zu einem Werkzeuge ihrer neuen Absichten machen will." Der Abt wußte sich augenscheinlich in den Charakter seines ^ Agenten nicht recht zu finden; da er aber selbst ein Mann von weltlicher Gesinnung war, so rechnete er mit ziemlicher Zuversicht auf den Einfluß eines Vermittlers, dessen Macht stillschweigend von allen feilen Seelen anerkannt wird. Er nahm daher gleich einem Manne, der keine weitere Heimlichthuerei für nöthig hielt, seinen Sitz wieder ein und ging unverhohlen auf den wahren Zweck der gegenwärtigen Zusammenkunft über. „Du hast uns von dem Schlosse Hartenburg etwas mitzutheilen, guter Gottlob." „Wenn es Euer Hochwürden genehm ist, mich anzuhören." „Fahre fort — kannst Du uns etwas über die Streitmacht sagen, die Emich in der Veste versammelt hat?" ^ „Mein Herr Abt, es ist nicht leicht, einen Haufen Spitzbuben zu zählen, die von dem Augenblicke an, wann die Sonne die Thürme Eurer Abtei berührt, bis zu dem, da sie hinter dem Teufelsstein untergeht, umherstolpern." „Bist Du nicht verständig genug, sie in Abteilungen zu trennen und letztere dann gesondert zu zählen?" „Hochwürdiger Abt, dieser Versuch hat fehlgeschlagen. Ich theilte sie in Betrunkene und Nüchterne; aber so wahr ich lebe, sie wollten mir nicht beiderseits so lange in dem gleichen Zustande verharren, bis ich die in den Dachstübchen und den SoutterainS aufgejagt hatte. Während der Eine seinen Rausch ausschlief, goß der andere Becher ^ um Becher hinunter, so daß sich die Betrunkenen so schnell wieder rekrutirten als ihre Zahl sich minderte. Es wäre weit leichter, die Politik des Kaisers zu erforschen, als Graf EmichS Reisige zu zählen." „So sind'S ihrer also sehr viele?" 172 „Ja und nein, je nachdem man einen Soldatenhaufen abschätzen mag. Bei dem Anzavfen eines Fasses würde Churfürst Friedrich einen gewaltigen Haufen in ihnen finden, selbst wenn es einen Angriff gegen sein Heidelberger Faß gälte; indeß zweifle ich doch, ob er fie in dem Kriege, von dem er bedrängt wird, sonderlich in Rechnung nehmen könnte." „Fahre fort — Du bist für den Dienst, welchen Du übernommen hast, zu unbestimmt in Deinem Berichte. Oder gib das Gold wieder zurück, wenn Du nicht antworten magst." „Hochwürdiger Abt, vergeht doch nicht die Gefahr, der ich mich in diesem verzweifelten Unternehmen bereits unterzogen habe, und bedenkt, daß die Kleinigkeit, welche Ihr mir so freigebig be- scheertet, bereits mehr als verdient ist durch die Gefährdung meiner Ohren — des großen Berlusts an Reputation und der Gewissensbisse gar nicht zu gedenken." „Der Kerl hat Dich zum Besten gehabt, Vater Siegfried," bemerkte der Abt im Tone des Vorwurfs gegen den Mönch. „Er wagt es sogar, stch über unsre Person und unser Amt lustig zu machen." „Wir find im Besitze der Mittel, ihm Achtung einzustößen, und können ihm ebenso gut die eingegangene Verbindlichkeit wieder in'S Gedächtniß rufen." „Du hast Recht, wir wollen Gebrauch davon machen — doch halt!" Während dieser kurzen Zwiesprache zwischen den Benedictinern hatte Pater Siegfried eine Schnur berührt und ein Laienbruder von gewaltigem Körperbau zeigte sich in der Thüre. Auf ein Zeichen, das ihm der Mönch erlheilte, packte der Mann den nicht widerstehenden Gottlob am Arme und wollte ihn eben aus dem Zimmer führen, als ihm die letzten Worte des Abts und ein abermaliges Zeichen von Seiten des Pater Siegfried Halt geboten. BonifaciuS unterstützte seinen Kopf mit der Hand und dachte 173 lange über die Näthlichkeit des Schrittes nach, den er zu thun im Begriffe war. Die Beziehungen zwischen der Abtei und dem Schlosse hatten sich in einer Weise gestaltet, die es fast eben so gefährlich machte, zurückzutrelen, als fortzuschreiten. Die Einkerkerung eines gräflichen Vasallen konnte den offenen Bruch schnell herbeiführen, und doch beraubte sich das Kloster, wenn man Gottlob abziehen ließ, aller Mittel, um die wichtige Auskunft zu erhalten, um deren willen sich der Abt in einem Augenblicke, in welchem so wenig wahre Freundschaft unter den Zcchgenofsen herrschte, zu der bereits geschilderten Schlemmerei hatte verleiten lassen. Emichs Vorsicht hatte jedoch diesen wohl angelegten Plan vereitelt, und das Resultat des Versuches war zu kostspielig gewesen, um zu einer Wiederholung desselben zu reizen. Auch war es gewagt, Gottlob nach der Hartenburg zurückkehren zu lassen, denn die feindselige Gesinnung und die Erwartungen der Abtei waren vor dem Kuhhirten so unverhohlen enthüllt worden, daß man mit Sicherheit darauf zählen konnte, er werde das Vorgesallene berichten. Es war außerdem wünschcnS- » werth, einen Anschein von Vertraulichkeit beizubehalten, wie wenig man sic auch fühlen mochte, da der Mönch wohl wußte, nach der eigentlichen Freundschaft sey zunächst wenigstens die Maske derselben von großer Wichtigkeit, um den gewöhnlichen Auskunftsmitteln einer offenen Feindseligkeit vorzubeugen. In Heidelberg waren Agenten thätig, um den Churfürsten für einen Punkt zu gewinnen, der für das Wohl des Klosters hohe Bedeutung hatte, und man mußte Allem aufbieten, Emich von einem offenen Akte der Gewaltthat abzuhalten, bis das Ergebniß dieser Sendung bekannt war. Mit einem Worte, die beiden kleinen Mächte befanden sich genau in derselben Lage, in welche sich schon größere politische Gemeinschaften ^ verstrickt sahen: sie erfaßten instinktartig den wiverstreitenden Charakter ihrer beiderseitigen Interessen, und suchten dennoch die Lösung des Knotens hinauSzuschieben, weil^och keine Partie darauf vorbereitet war, sich voll über Alles ausznsprechen, was sie wünschte, beabsichtigte und zu erringen hoffte. Mittlerweile bargen die beiden gerüsteten Mächte, wenn nicht gelegentlich ein Ausbruch der natürlichen Gefühle stattfand, ihre Pläne unter der Maske jener Höflichkeit, welche in der Politik von der Welt Bonhommie genannt wird. Vielleicht aber besser die freimüthigere Bezeichnung ,Arglist^ verdiente. Der Abt war an dergleichen politische Betrachtungen gewöhnt, so daß die berührten Rücksichten in kürzerer Zeit an feinem Geiste vorüberzogen, als wir zu Aufzählung derselben gebraucht haben. Jndeß war die Pause dennoch ersprießlich gewesen, denn als er das Gespräch wieder aufnahm, redete er wie ein Mann, dessen Entscheidung die Frucht des Nachdenkens ist. „vni Deines Seelenheils willen wirst Du noch ein wenig bei uns verweilen. Gottlob," sagte er mit einer Geberde, welche von seinen Untergebenen wohl verstanden wurde. „Tausend Dank, menschenfreundlicher und gottseliger Abt. Nächst dem zeitlichen Wohle meines Leibes liegt mir nichts so sehr am Herzen, als der künftige Zustand meiner armen Seele, und Eure gnadenreichen Worte gereichen mir daher zu großem Tröste. Freilich ist's nur die Seele eines armen Tropfs, aber da ich nur diese eine habe, so muß ich gebührende Sorge für sie tragen." „Eine heilsame Zucht wird Dir wohl zu Statten kommen. Brüder, führt diesen Büßer nach der Zelle." Die auffallende Gleichgiltigkeit, mit welcher Gottlob sein Ur- theil anhörte, wäre wohl geeignet gewesen, dem Abt Anlaß zur Betrachtung zu geben, wenn ihn nicht andere Gedanken zu sehr in Anspruch genommen hätten. So aber folgte der Bauer dem Laienbruder, ohne Widerspruch zu erheben, da er im Gegentheil die Miene eines Mannes annahm, welcher sich durch die besondere Aufmerksamkeit geehrt fühlte, die ihm von Seiten des Klosters zu Thcil wurde. — Sein AeußereS erschien überhaupt, als sie die Richtung nach deiii düsteren Gange einschlugen, so natürlich und ruhig, daß Pater Siegfried zu glauben begann, er habe sich in Gottlob an einen Menschen gewendet, der zwar mitunter Augenblicke eigenthümlicher Verschmitztheit habe, in Wirklichkeit aber oft mehr als gewöhnlicher GeisteSarmuth unterworfen sey. Der Mönch führte den Kuhhirten in eine Zelle, deutete auf ein Crucifir, in welchem das einzige Mü- belwerk bestand, und entfernte sich, ohne daß er eS für nöthig hielt, auch nur die Thüre abzuschließen. Eilftrs Kapitel. -»Valeria ist hier, Dich zu besuchen." Coriolan. 'Rach kurzem Ritt hatte die Cavalkade des Grafen Emich das Thor der Hartenburg erreicht. Die Gesellschaft stieg ab, und die Gäste wurden nebst den regelmäßigeren Insassen des Schlosses nach der Halle geführt, wo der Herr der Veste Frau Ulrica und ihre ,» Tochter abermals küßte. Diese Freiheit war das Vorrecht seines Ranges und seines Charakters als Wirth; auch versäumte Heinrich Frei nicht, die Ausübung derselben abermals dankbar anzuerkennen. Die Frauen wurden sodann der Obhut Giselas übergeben, welcher in Abwesenheit ihrer edleren Gebieterin das Amt oblag, unter Frauenzimmern die Ehren des Hauses zu machen. „Du bist mir dreimal willkommen, mein fester und getreuer Heinrich!" rief der Graf mit Herzlichkeit, während er den Bürgermeister an der Hand nach einem der Ehrenzimmer führte. „Niemand kennt Deinen Werth und die Beständigkeit Deiner Freundschaft besser, als der Herr dieses armen Schlosses, welcher Dir dafür mit ^ der innigsten Liebe zugethan ist." „Schönen Dank, hochgeborener Emich, und allen gehorsamen Dienst, den ein Mann von so geringer Geburt und Erziehung einem vielgeehrten und hochgepriesenen adeligen Herrn erweise» kann. Ich verstehe mich nicht viel auf Höflichkeiten, sofern sie über gewöhnlichen Bürgerbrauch hinausgehen, und benehme mich vielleicht in meinen Ausdrücken nicht so achtungsvoll, als ich sollte, weßhalb ich eben bitten muß, Herr Graf, den guten Willen für die That anzunehmen." „Wenn Dü deS Kaisers Lieblingskämmcrling wärest, so könnte Dir Deine Sprache keine größere Ehre machen. Dürkheim ist zwar kein Madrid, aber dennoch eine achtbare, ehrenreiche Stadt und wer einmal darin gewohnt hat, braucht weder den Römer noch den Pariser zu beneiden. Hier ist mein Vetter von Viederbach, ein Ritter, welchen die Vorsehung seit dem Falle der Insel RhoduS ziemlich in der Welt herumgekugelt hat; er ist nah und weit gereist, betheuert aber täglich, daß Deine Stadt für ihren Umfang nicht ihres Gleichen habe." „Menu man ins Auge faßt, daß sie keine sonderlich große Bergstadt ist, meine Herrn, so haben wir keinen Grund, über den Anblick unserer alten Mauern zu erröthen." „Nein, gewiß nicht, und Du mußt bemerkt haben, daß ich mit Rücksicht aus ihren beziehungsweise» Umfang sprach. Monsieur La- touche ist ein Mann, der unmittelbar von der Hauptstadt des Königs Franz herkömmt, und er lobte erst diesen Morgen die Reinlichkeit, den Neichthum und andere beachtenSwerlhe Dinge, die auf Deinem gut regierten und wohlhabenden Gebiete auch dem Fremdlinge auffallen müßten." Der Bürgermeister erkannte dieses Compliment mit einer tiefen Verbeugung und einem vergnügten Blicke an, denn keine Schmeicheleiist so greifbar, daß sic nicht willkommene Aufnahme bei denen fände, welche sich um öffentliche Auszeichnung abmühen; auch wußte Emich wohl, daß die gute Polizei und die Ordnung, welche er in seiner Stadt handhabte, schwache Seiten in Heinrich FrellS Demuth waren. „Der Graf läßt mir kaum Gerechtigkeit widerfahren," ergriff der geschmeidige Abbe das Wort, „denn ich habe noch manchen andern Grund zur Bewunderung gefunden. Besonders lobenswertst 177 finde ich die Ehrerbietung, welche von Deiner Bürgerschaft dem Range gezollt wird, und die Art, wie man in Dürkheim den Vornehmen gegenüber die Schicklichkeit beobachtet." „Der Herr Abbö hat Recht, Graf Emich, denn ich glaube nicht, daß sich unter allen Städten Deutschlands leicht eine andere finden läßt, in welcher die Armen und Geringen so wohl angewiesen wären, die Vornehmen nicht mit ihrer Ausoringlichkeit zu behelligen, wie in unsrem Dürkheim. Zch denke, der Herr Graf muß bemerkt haben, wie strenge und umsichtig gerade in dieser Beziehung unsere Gesetze gehandhabt werden." „Niemand weiß das besser, oder hätte es mit mehr Vergnügen wahrgenommen. Ich kann mich nicht erinnern, Vetter Albrecht, daß innerhalb Dürkheims Thoren auch nur ein einzigeSmal meine Privilegien eine mißliebige Beeinträchtigung erlitten hätten. Doch ich halte euch von eurem Imbisse ab, würdige Freunde. Erlaubt uns ein wenig — wir werden euch wieder aussuchen, sobald es euch gelegen ist." Der Ritter und der Abbe nahmen diese unverhohlene Andeutung, daß der Graf mit dem Bürgermeister allein zu sein wünschte, durchaus nicht übel auf und entfernten sich ohne Säumen. Sobald die Beiden allein waren, nahm Emich seinen Gast wieder bei der Hand und führte ihn nach einem Thcile des Schlosses, wohin es Niemand wagen durfte, ohne ausdrückliche Berufung sich zu drängen. Hier betraten sie eines jener kleinen Gemächer, welche geheimen Diensten geweiht waren und mit Fug den Namen Closet führten, da sie in Wahrheit nur wenig größer und kaum besser erhellt waren, als die engen Räume, welche heutzutage diese Bezeichung führen. Nachdem sie sich also gegen Beobachtung gesichert und aus dem Bereiche aller Lauscher und Spione gezogen hatten, warf der Graf seinen Mantel ab, schnallte sein Wehrgehäng los und machte sich's gemächlich. Aus Rücksicht für den Rang seines Gefährten nahm der Bürgermeister auf einem Schemel Platz, während letzterer Die Heidemnimer. 12 ! scheinbar achtlos an seiner Seite sich auf den einzigen Sessel setzte, der sich in dem Closet vorfand. Wer schon viel mit Asiaten öder mit den Muselmännern auf der Südküste des mittelländischen Meeres verkehrt hat, muß oft bemerkt haben, mit welch' stummer Bedeutsamkeit sie einander anschen, wenn sie geneigt sind, gegenseitig Vertrauen auszutauschen. Das Auge wird allmählig leuchtender, und die Muskeln des Mundes gewinnen einen milderen Ausdruck, bis sich das gemeinsame Gefühl voll in einem Lächeln'verräth. Wo der Mensch unter einer despotischen, gefährlichen Regierung lebt und die geselligen Verhältnisse durch Gewalt und Verrath getrübt werden, gehört ein derartiges Benehmen unter die Mittel, um sich gegenseitig im. Geheim treue und bereitwillige Unterstützung zu sichern. Eine Art ähnlicher Freimauerei findet sich in allen Lebensverhält- niffen, in welchen nicht gerechte, freisinnige Institutionen ihren Mantel eben so gut über den Schwachen wie über den Mächtigen breiten, und durch die Majestät des Gesetzes- derartige geheime Berufungen an das Ehrgefühl oder die Theilnahme des Vertrauten unnüthig machen. Solcher Art war auch einigermaßen die Miltheilung, durch welche Emich von Hartenburg jetzt das Privatgespräch mit Heinrich Frei begann. Der Graf legte zuerst seine breite, knöcherne Hand auf das Knie des Bürgermeisters und drückte es dermaßen, daß sich seine eisernen Finger fast in der Fleischmaffe begruben. Jeder wandte sodann den Kopf seinem Gefährten zu und blickte ihn von der Seite an, als begriffen sie wechselseitig wohl den Sinn dessen, was durch dieses stumme Mieneuspiel angedeutet werden sollte. Aber ungeachtet der augenscheinlichen Gedankengleichheit und des zwischen ihnen obwaltenden Vertrauens war doch bei jedem, nach Maßgabe des persönlichen Charakters und der gesellschaftlichen Stellung, der Ausdruck des Gesichtes verschieden. Der Blick des Grafen war bestimmter und offener, während das Lächeln des Bürgermeisters eher ein matter Wiederstrahl von der einladenden Miene des ersteren, als die Wirkung eines inneren Antriebes zu seyn schien. 179 „Hast Du nichts von dem Erfolge der letzten Nacht gehört?" fragte der Graf plötzlich. „Ich habe nicht das Vergnügen gehabt, Herr Graf; aber mein Herz sehnt sich darnach, Alles zu erfahren, falls es auf die Interessen Eurer Gnaden Beziehung hat." „Die messenstngenden Spitzbuben sind um ihren Weintribut gekommen. Diesen wenigstens habe ich ihnen ehrlich und gesetzlich abgejagt. Du weißt, wie wir uns längst vorgenommen hatten, gegenseitig die Stärke unserer Köpfe zu erproben : ich hatte im Sinne, mir Deine Sekundantschaft zu erbitten, aber die Anwesenheit >jener Faullenzer legte meiner Gastlichkeit einigen Zwang aus. Du würdest Dich in einem solchen Kampfe als eine mannhafte Stütze erwiesen haben, Heinrich." „Ich danke schönstens, Herr Graf, und nehme die Gnade für empfangen an. Bei Tafel laß ich mich nicht schlechter finden, als irgend ein Anderer, und kann mich rühmen, daß ich mein Weinlein hübsch ordentlich zu führen vermag; aber der Ernst der Zeiten mahnt uns bürgerliche Obrigkeiten zur Klugheit. Unter dem Volke regt sich der Wunsch nach gewissen unvernünftigen und belangreichen Privilegien — z. B. nach dem Recht, zu unpassenden Stunden, welche die Bequemlichkeit der Bürgermeister sehr beeinträchtigen würden, Maaren auf dem Markt zu verkaufen. Auch spucken »och andere ähnliche Neuerungen in den Köpfen, und wir müssen kräftig dagegen auftreten, damit nicht zuletzt gar unser Ansehen Noth leide und als Folge davon eine unnatürliche Erschütterung Platz greife. Wenn wir solchen übertriebenen Forderungen nachgeben wollten, Herr Graf, so würde das städtische Wesen bald in die größte Verwirrung gerathen, und das wohlgeordnete, achtbare Dürkheim verdiente dann mit den Hütten jener Länder verglichen zu werden — wie heißen sie doch? — in dem fernen Amerika, das in letzter Zeit so vielen Anlaß znm Schreiben und Sprechen gegeben hat. Wir müssen dcßhalb ein gutes Beispiel geben, denn 180 wir haben geschäftige Freunde, welche von dem kleinsten Ueber- sehen gewaltig viel Aufhebens machen würden. Zu andern Zeiten aber würde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Euer Gnaden zu Ehren sogar das Heidelberger Faß trocken zu legen." „Die Gefahr einer Beobachtung wäre hier nicht zu besorgen gewesen, und bei den heiligen drei Königen von Cöln, der Schuft, der cs etwa wagte, sein naseweises Gesicht in diesen Mauern blicken zu lassen, sollte mir übel genug wegkommcn! Deine Klugheit ist übrigens löblich, Heinrich, denn ich bin mit Dir der Ansicht, daß die Zeiten gar bedenklich sind für alle Freunde der guten Ordnung und des Friedens unter den Menschen. Was wollen denn,die Schurken, daß sie die Obrigkeit also behelligen? Haben sie nicht ihr Essen und ihre Kleider — sind sie nicht bereits jetzt schon im Besitze zahlloser Privilegien? Wenn man das gierige Pack gewähren ließe, so dürften ihre Vorgesetzten bald keinen guten Bissen mehr nach dem Munde führen, noch ihre Lippen mit edlem Rheinweine netzen, ohne daß darüber gemäckelt würde!" „Ich fürchte, hochgeborner Emich, daß dieser gierige Sinn in ihrer schlimmen Natur begründet ist. Man darf nur ihren Bitten einmal ein klein wenig nachgeben, wie z. B. mit Verspäterung der Polizeistunde oder mit diesem Marktplatzwunsche da, so kann man richtig darauf zählen, daß die Nachsicht nur ein Verlangen nach mehr zur Folge hat. Nein, wer ruhig und gemächlich regieren will, muß durchweg regieren, oder wir werden zu lauter ungebildeten Wilden, die weit besser für die Wälder hinten in Amerika paffen, als für unsere gegenwärtige vernünftig-humane Civilisation." „Wackrere Worte sind nie auf Deinem Rathhause gesprochen worden, und ich kenne den Kopf, dem sie entsprungen sind! Wenn ich nur Anlaß hätte finden können, Dich zu dem Bankette einzuladen, so hätte die Ausrede zureichen müssen, obwohl der hohe Preis der Weinberge auf dem Spiele stund. Doch sage mir, Freund 181 Heinrich, was denkst Du von dem heutigen Treiben der Mönche und von ihrem Kriegsvolke?" „Es ist augenfällig, daß ihnen der Churfürst noch immer die Stange hält; und um offen mit Euch zu sprechen, Herr Graf, die Reisigen sehen mir nicht darnach aus, als ob sie den Berg ohne mannhaften Streit aufgeben würden." „Meinst Du, Bürgermeister? Na, es wäre jammerschade, wenn Männer von erprobtem Muthe sich gegenseitig schädigen sollten — bloS zum Nutzen und Vergnügen eines Haufens geschorener Mönche! Was läßt sich zu Gunsten der dreisten Ansprüche sagen, die sie festhalten, und die sowohl für mich, der ich zum Reichsadel gehöre, als für jeden «ermöglichen und angesehenen Dürkheimer Bürger so beleidigend sind?" „Herr Graf, sie legen großen Nachdruck auf die Kraft des Herkommens und auf den heiligen Ursprung ihrer Sendung." „Alle Achtung vor Rechten, welche durch die Zeit besiegelt werden, denn diese ist ein Stempel, welcher auch meinen eigenen gerechten Ansprüchen Gewicht verleiht; und viele Deiner Stadt- Privilegien verdanken gleichfalls dem Herkommen ihre Kraft. Zwischen uns aber handelt sich'S um eine Sache, die nicht aus dem Brauch, sondern aus dem Mißbrauch entstanden ist, und Schande dem Manne, der Unrecht leidet, wenn er sich selbst Recht verschaffen kann. Setzen die Mönche Eurer Stadt noch immer wegen der Abgaben zu?" „Mit anstößiger Dringlichkeit. Wenn der Sache nicht bald Einhalt gethan wird, so muß eS zu einem offenen und ungebührlichen Streite kommen." „Ich gäbe die Jagdlust eines ganzen Winters drum, wenn der Churfürst noch ein .bischen schärfer in der Klemme wäre!" rief der Graf, indem er seine Hand abermals auf das Kniee des Bürgermeisters legte und dessen Gesicht mit einer Angelegentlichkcit musterte, welche an seinem Gefährten nicht verloren ging. „Ich 182 meine dieß nur, damit ihn die Noth lehrte, seine treuen und anhänglichen Freunde von den falschen zu unterscheiden." Heinrich Frei blieb stumm. „Der Churfürst ist ein milder, liebevoller Fürst, dem aber Rom schwer auf dem Halse liegt. Ich fürchte, wir werden, ungeachtet unserer langen Geduld, nie eine ruhige Nachbarschaft halten können, wenn die Kirche nicht dahin zu bringen ist, daß sie ihr Ansehen bloS auf ihre gottesdienstlichen Verrichtungen beschränkt." Die Augenlider des Bürgermeisters senkten sich wie in Nachdenken. „Und hauptsächlich macht mir'S Sorge, Heinrich, meine Eliten und anhänglichen Dürkheimer könnten diese Gelegenheit, sich selbst Recht zu verschaffen, verlieren," fuhr der Graf fort, indem er das Knie, welches er noch immer umfaßt hielt, abermals drückte, bis sogar der feste Bürger schmerzlich das Gesicht verzog. „Was spricht man auf Eurem Rathhause von der Sache?" Dem Bürgermeister war nun jeder annehmbare Borwand zu weiterem Schweigen benommen; indcß waren die schweren Muskeln seines Gesichtes bei der Antwort in einer Weise thätig, als koste es ihn Mühe, sich seiner Ansichten zu entledigen. „Hochgeborener Graf, unsere Nathsherrn modeln ihre Ansichten ganz nach dem KriegSglückc des Churfürsten. Erfahren wir von der andern Seite des Stromes her gute Neuigkeiten, so kömmt in unfern Gesprächen das Kloster übel weg; siegen aber Friedrichs Kriegsknechts, so halten wir es für klug, daran zu denken, daß die Herren Benedietiner auch ihre Freunde haben." „Bei Gott, es ist hohe Zeit, Herr Heinrich, daß ihr zu einer bestimmten Entscheidung kommt, sonst müssen wir uns bis an daS Ende unserer Tage von diesen scharfreitenden Pfaffen satteln lassen! Bist Du ihrer habsüchtigen Erpressungen.noch nicht satt, daß Du noch immer geduldig aus mehr wartest?" „Was dies anbelangt, so genügt schon eine Kleinigkeit, um uns in üble Stimmung zu bringen; denn es gibt keine Stadt 183 zwischen Constanz und Leyden» die das Zahlen schneller satt hätte, als nnser Dürkheim. Doch wir sind Gatten und Väter, Herr Graf, und Leute, welche die schwere Bürde amtlicher Gewalt tragen; wir müssen daher behutsam seyn, damit sich nicht, wenn ein Theil der Last bei Seite geworfen wird, auf unfern Schultern Raum finde, um eine schwerere darauf zu legen. Auch gibt es, wenn ich von Eurer großen Zuneigung für die Stadt sprechen will, mißtrauische Zungen, welche mich in beißender Weise nach den Früchten derselben und nach den ehrenhaften Absichten fragen, die Ihr mit uns habt." . „Auf alles dies kann es Dir doch nicht an Erwiederungen fehlen, denn Hab' ich Dich nicht oft mit meinen liebevollen Wünschen für Deine Bürger unterhalten?" „Wenn Wünsche für uns auch unseren Interessen dienen könnten, so dürften wohl die Städtler, Kraft ihres eigenen Rechts, Anspruch auf hohe Vergünstigungen mache». Was die Sehnsucht nach einem glücklichen Fortgang unserer städtischen Angelegenheiten betrifft, so wird es uns nicht einmal Antwerpen darin zuvorthun." „Nicht doch, Du deutest den Sinn meiner Rede nicht freundlich. Wenn Emich von Hartenburg seinen Freunden etwas wünscht, so findet er auch die Mittel, eS auszuführen. UebrigenS wollen wir, da uns ein Imbiß bevorkeht, unsere Verdauung nicht mit dergleichen verdrießlichen Einzelnheiten schwächen —" „Ich bitte, Herr Gras, zweifelt nicht an meinen Mitteln. Ich mache mir wenig Sorge, wenn-" „Du mußt mir den Willen thun. Wie, ist der Graf von Leiningen nicht Herr in seinem eigenen Schlosse? Ich will kein Wort mehr hören, bis Du meiner armen Gastfreundschaft Ehre angetha» hast. Ist Dir, wie ich gestern befahl, der fette Bock, den ich eigenhändig erlegt hatte, überbracht worden, Heinrich?" „Tausend Dank, Herr Graf, eS ist geschehen, und das Thier hat mir große Freude gemacht. Ich gab den Burschen einen Sil- 184 berpfennig Trinkgeld und ließ sie den Staub des Jägerthals iir schweren Zügen unseres Weins aus der Ebene hinunterspülcu." „Recht so, zwischen Freunden darf, wo sich'S um Höflichkeiten handelt, keine knauserige Zurückhaltung stattfinden," entgegnete Emich, sich von seinem Sitze erhebend. „Hast Du Dich unter den Dürkheimer Jünglingen noch nicht um einen Schwiegersohn umgesehen, Bürgermeister, der Deinem Alter zur Stütze werden könnte? Meta steht bereits in den Jahren, in welchen die Mädchen gerne Weiber werden möchten." „Die Dirne weiß wohl, wie alt sie ist, und das Spähen nach einem paffenden Gatten hat mir schon manche väterliche Sorge gemacht. Ich maße mir zwar nicht an, über unsere Lagen und unsere frühere Lebenszeit in achtungswidriger Weise Vergleichungen anstellen zu wollen, Herr Graf; aber in allem, was auch der Große mit dem Kleine» gemein hat, scheint mir heutigen Tags die Jugend nicht mehr zu seyn, was sie in unseren Zwanzigen war." „Die -Pfaffen sind daran Schuld, Bürgermeister; es steckt zuviel von Rom in unser» Gesetzen und Gewohnheiten. Gott behüte mich! als ich zum erstenmal im Hof drunten ein Roß bestieg, hätte ich über dis Klosterthürme wegspringen können, wenn sich ein Benediktiner unterstanden hätte, das Kunststück untersagen zu wollen." „Das wäre ein Mirakel gewesen, welches dem der Entstehung ihrer Klostermauern wenig nachgegeben hätte," antwortete Heinrich mit einem Gelächter über den hohen Flug seines Gefährten, indem er zugleich achtungsvoll aufstand, weil es dem Grafen zuvor beliebt hatte »"dieselbe Haltung einzunehmen. „Diese Bcnedictiner sind sehr gleichgültig gegen ihren Bortheil, denn sonst würden sie den That- bestand jenes Wunders noch eben so steif und fest behaupten, wie in unfern jungen Tagen." „Und was spricht man jetzt in Dürkheim von der Sache?" „Je nun, man behandelt sie eben wie die übrigen bestrittenen Gegenstände. Seit der Mönch Luther so viel Lärm gemacht hat. sind Viele aufgetreten, welche nicht nur diese, sondern auch verschiedene andere Großthaten des KlosicrvolkeS in Frage ziehen." Der Graf bekreuzte sich unwillkührlich und schien in düsterer Stimmung über den Gegenstand mit sich selbst zn Ralhe zu gehen. Dann blickte er nach seinem Gefährten hin und bemerkte, daß er stand. „Ich bitte um Verzeihung, würdiger Bürgermeister, daß meine Unachtsamkeit Dir diese Mühe machte. Mein Bein ist letzter Zeit so viel im Bügel gewesen, daß es wohl ein Bischen Streckens brauchen kann, aber es wäre nicht recht, wenn ich Dich darunter leiden lasten sollte. Nimm wieder Platz, Heinrich." „Das würde in Eurer Gegenwart einem Manne von meiner Stellung übel ziemen, edler, hochgeborener Emich, und ich wüßte es nicht vor der Hochachtung und Liebe, die ich gegen Euch hege, zu verantworten." „Sprich nicht so, Meister Heinrich, sondern nimm ohne Zögerung Deinen Sitz wieder ein; es gewänne ja sonst den Anschein, als wüßte ich Deine Verdienste nicht zu würdigen." „Herr Graf, ich bitte, thut Euch nicht selbst dieses Unrecht an. Nun ja, wenn es denn durchaus Eurer Gnaden Wille ist — aber ich erröthe über meine Dreistigkeit — wenn ich doch einmal nachgeben muß, so rufe ich Euch zum Zeugen auf, daß mich nur die hohe Achtung vor Euren Wünschen dazu veranlaßte." In diesem Wettstreite der Höflichkeit gelang cs dem Grafen, unter Anwendung sanfter Gewalt, den Bürgermeister zu bewegen, daß er wieder Platz nahm. Heinrich hatte mit einer Art mädchenhafter Sprödigkeit nachgegeben; als er aber fand, daß er, statt wie früher den bescheidenen Schemel einzunehmen, unwillkührlich in den Armstuhl des Grafen gezwängt worden war, sprang er von dem Polster wieder auf, als berge das Leder hinreichend elektrischen Stoff, um den nicht leitenden Eigenschaften der weiten Wollenbekleidung, in welche seine untere Person gehüllt war, Trotz zu bieten. 186 „Gott bewahre!" rief der Bürgermeister. „Das ganze Reich würde ein Geschrei erheben über dieses Acrgerniß, wenn es bekannt würde! Ich bin es meine,» Rufe schuldig, daß ich eine so wenig verdiente Ehre ablehne." „Mich aber fordert mein Ansehen auf, meinen Willen durchzusetzen. Laß mich daher immerhin Deine Verdienste ehren." Jetzt begann auf's Neue von Seiten des Grafen die Anwendung freundlicher Gewalt, von Seiten des Bürgermeisters aber die höfliche Koketterie, bis Letzterer, der durch längeren Widerstand Anfloß zu geben fürchtete, sich zum Nachgeben genöthigt sah; er verwahrte sich jedoch bis auf's Letzte gegen die augenscheinliche Anmaßung von seiner Seite und das große Unrecht, das der Graf durch ein solches Ansinnen an seiner eigenen Person begehe. Ein ausgezeichneter fremder Redner erklärte einmal die Ehrentitel und die gesellschaftlichen Auszeichnungen, welche die europäischen Regierungen verleihen, als die „wohlfeilste Wehr der Nationen." Diese Ansicht scheint uns übrigens bloS eine von der endlosen Zahl kecker Trugschlüsse zu sepn, die zu Unterstützung bestehender Interesse» auf die Bahn gebracht wurden, ohne daß man es dabei mit ihrer Wahrheit oder ihren eigentlichen Wirkungen genau nahm. Diese „wohlfeile Wehr" ist gleich dem unsterblichen Falstaff, der nicht nur selbst witzig war, sondern auch Andern zum Witze Anlaß gab, eine Quelle von vielen sehr kostspieligen Gewohnheiten, so daß derjenige, welcher die Last trägt, nur wenig Grund hat, über eine solche Erfindung zu jubeln. Wir empfehlen allen einäugigen StaatSwirthschaflSlchrern, welche noch immer in obgedachten wohl- bekannten Satz des englischen Redners Vertrauen setzen, den Brief im Spektator zu lesen, in welchem ein Stadtjüngling erzählt, wie er gezwungen gewesen, seine Zurückhaltung gegen ein hübsches Paar LandbäSchen zu rechtfertigen, welche ihm eine unzarte Nichtachtung seiner Festtags-Privilegien zum Borwurf machen wollten; in dieser Absicht erinnert er sie an die Berechnungen des Mannes, der keine 187 Käsekuchen essen wollte, well sie so vielen anderen unnöthigen Aufwand mit sich führten. Mögen übrigens Ehrenbezeugungen, wie die erwähnten, in das System der Staats-Oekonomie zu zählen seyn, oder nicht, so kann doch kaum in Frage gestellt werden, daß eine Schmeichelei, wie sic Emich dem Bürgermeister gegenüber in Anwendung brachte, zu den feinen und gewaltigen Hebeln gehört, durch welche die Großen ihre geheimen Zwecke erreichen. Es gibt nur Wenige — ach, und wie Wenige! — die klar genug sehen und von einem so wahrhaft edlen Ehrgeize beseelt sind, um über die engen, gemeinen Schranken menschlicher Selbstsucht wegzublicken und die Wahrheit zu betrachten, wie sie von Gott kam, ohne auf Personen und Dinge anders Rücksicht zu nehmen, als sofern sie Werkzeuge Seines Willens sind. So viel ist gewiß, daß Heinrich Frei wenig Anspruch darauf machen konnte, unter die edlere Klaffe der Prüfenden gezählt zu werden; denn als er, wie er leibte und lebte, in dem Sessel des Grafen von Hartcnburg saß und der Graf selbst vor ihm stand, erging es ihm just wie einem Philosophen der alten Welt, der die Erlaub- uiß erhalten hat, ein Band in seinem Knopfloche zu tragen — oder auch einem GewerbSmann der neuen, welcher in den Rath seiner Vaterstadt gewählt worden ist. Sein bitterstes Leidwesen bestand bloS darin, daß Niemand zugegen war, um ihm diese Auszeichnung neiden zu können; denn schon nach dem ersten wonnige» Taumel seiner Eigenliebe flüsterte ihm jener unruhige Geist, der uns bis auf den letzten Augenblick umspuckt, die schönsten Bilder enistellt und in jeden Glücksentwurf seine falschen Beimengungen schleudert, in die Ohren, daß sein Triumph ohne Zeugen doch nur unvollkommen sey. Gerade, als diese rebellischen Gefühle recht lästig wurden, erschien an der Thüre des ClosetS das Wesen, welches der Bürgermeister vor allen anderen ausgewählt haben würde, damit es ihn im Genüsse so hoher Ehren schaue. Ein sanfleS Pochen verkündigte die Nähe eines Eindringlings, und nachdem die gebieterische 188 Stimme deS Grafen herein gerufen hatte, zeigte sich die mild« Ulrica auf der Schwelle. In den Zügen der schönen Frau Bürgermeisterin drückte sich die lebhafteste Ueberraschung aus. Ihr Gatte hatte gemächlich die Beine gekreuzt und schwelgte eben in einer Art vornehmer Gleichgültigkeit über die ungewohnte Lage, in der er sich befand, als dieser außerordentliche Anblick den Augen seiner erstaunten Ehehälfte entgegentrat. Die Regeln der Etikette wurden in Deutschland so unbedingt und beharrlich gehandhabt, daß sogar ein Wesen, welches so wenig vom Ehrgeize geplagt war, als die bescheidene Ulrica, kaum ihren Sinnen trauen konnte, wie sie Heinrich Frei in der Gegenwart eines Grafen von Leiningen zu einem solchen Ehrensitze erhoben sah. „Nur ohne Scheu eingetreten, meine gute Ulrica," redete sie Emich huldreich an. „Dein würdiger Gatte und ich ergehen uns nur in wechselseitiger Freundschaft, während meine Dienerschaft ein kleines Bankett zurüstet. Fürchte nicht, unsereUnterhaltung zu stören." „Ich trage nur deßhalb Bedenken, edler Emich, weil ich Heinrich Frei auf jenem Sitze sehe, während der Herr von Hartcnburg gleich einem Manne von geringer Geburt an seiner Seite steht!" „Berühre die Sache nicht, Frau," sagte der Bürgermeister herablassend. „Du bist ein treues Eheweib und im Kreise Deines Geschlechts gut genug, wenn sich'S um Fragen handelt, wie sie für Deine Erziehung paffen; aber in einer Angelegenheit, wie diejenige ist, welche zwischen dem Herrn Grafen und mir obschwebt, kannst Du statt zu verbessern nur verschlimmern." „Ha, beim Leben deS Kaisers, Meister Heinrichs Du läßt Ulrica'S Verstände nur schlechte Gerechtigkeit widerfahren! Wäre meine Irmengard unter uns, so solltest Du sehen, daß wir Deine liebevolle Frau nicht viel weniger hochschätzen, als Dich. Doch, e- ist vielleicht besser, wir fragen Ulrica um den Grund ihres Besuchs, als daß wir sie über ihr Benehmen schulmeistern." 189 Obgleich Emich in vielen Punkten, die man heutzutage selbst bei einem nicht hohen Grade der Civilisation für unerläßlich hält» nur rauh und ungebildet war, so wußte er sich doch rasch in einen Charakter zu finden; auch besaß er immerhin so viel von der Feinheit, welche eine höhere Lebensstellung bezeichnet, als der Stand des Zeitalters und die Verhältnisse seines eigenen Landes gestatteten. Man kann keinen größeren Jrrthum begehen, als wenn man sich vorstellt, der bloße NamenSrang sey eine Bürgschaft für einen entsprechenden Grad von Bildung, sintemal Alles in dieser Welt nur beziehungsweise Geltung hat, und wo der Fuß einer Säule rauh und kunstlos ist, würde ja ein Kapital von ganz anderem Slyl gegen alle architektonische Ordnung verstoßen. Daher kömmt es auch, daß wir da, wo keine andern gesellige Ordnungen herrschen, als die der Convention, so viele grellen Widersprüche zumal unter Völkern finden, dessen Patrizier, obschon sie sich alle Mühe gegeben haben, eine ansprechende künstliche Bildung zn gewinnen, dennoch in den großen Wesentlichkeiten der Dcrnunft und Humanität aus dem einfachen Grunde mangelhaft erscheinen, weil die Wurzeln der Gesellschaft, deren üppigere Zweige sie sind, in dem Boden der Unwissenheit und Herabwürdigung treiben. Der Graf von Hartenburg halte oft genug Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, wie weit die geistigen Fähigkeiten der Frau Bürgermeisterin denen ihres Gatten überlegen waren; auch besaß er hinreichend Unterscheidungsgabe und Erfahrung, um einzusehen, wie wichtig ihm eine solche Verbündete in Förderung seiner eigenen Plane werden mußte. In solcher Absicht also hatte er es mit der plumpen Rüge, die sich Heinrich in seinem Hochmuth erlaubte, ausgenommen und der Gattin ein Compliment gemacht, letzteres wahrscheinlich aus dem Grunde, weil er sich überzeugt fühlte, daß die meisten Männer nicht »»gerne diejenigen loben hören, die so vollkommen unter ihrer Gewalt stehen, als ihre Weiber. „Sintemalen es Eurer Gnaden also beliebt, Herr Graf, so mag die Frau in Gottes Namen hereinkommen," antwortete Hein- 190 rich, ohne übrigens eine Haltung zu verändern, die seiner Eigen- j liebe so wohl that. „Sieht sie mich dann in der Gegenwart eines j ^ Mannes sitzen, vor dem ich weit eher knieen sollte, so mag sie u ' daraus entnehmen, daß Gott ihr einen Gatten gegeben hat, dem ^ es nicht ganz an der Achtung der Welt mangelt, wie wenig er sie auch vielleicht verdient. Tritt deshalb wohlgemuth ein, gute Ulrica, > da es doch der Herr Gras so haben will; aber sündige nicht auf ! seine Herablassung gegen mich, die eher ein Beweis seiner großen Liebe für unsere Stadt, als eine Sache ist, die mit unsrem häuslichen Leben in Verbindung steht." „In allem, worin der hochgeborene Graf einem von uns Ehre erwiesen hat, mag sie uns als Dürkheimern oder als seinen un- 's j, würdigen Nachbarn gelten — wünsche ich, mich mit aller Achtung dankbar zu erzeigen," erwiederte die Frau, die sich inzwischen von ihrem Erstaunen erholt hatte und nun mit der bescheidenen Ruhe ihres Wesens in dem engen Gemache weiter vortrat. „Wenn ich nicht etwa ungelegen komme, so erbitte ich mir von euch beiden in einer Angelegenheit, die das Herz einer Mutter nahe berührt, Gehör. Da ich nämlich von Heinrich Frei'S Kind sprechen möchte, so hoffe ich, daß sich der Herr Graf gleichfalls dafür interessiren wird." „Und wäre von meinem eigenen Kunigundchen die Rede, so sollte mir der Gegenstand nicht willkommener seyn," versetzte der -Graf. „Sprich Dich unverhohlen aus, meine gute Ulrica, und benimm Dich ganz so, als wärest Du mit Deinem Gatten allein." „Du hörst, Frau, der Herr Graf nimmt an allen unseren Freuden und Trübsalen Theil, nicht anders, als ob er ein Bruder wäre. So drücke also nicht lange und geh' frei heraus mit der ! Rede, obschon ich damit nicht sagen will, Du sollest Dich in Deinen i Worten der Vertraulichkeit eines Familiengesprächs bedienen." „Da sich'S um einen so nahen Gegenstand handelt, so bitte ich um die Erlaubniß, die Thüre schließen zu dürfe», ehe ich weiter spreche." 191 Ulrica'S Worte wurden durch eine hastige ZustimmungSgeberde von Seiten ihres Gatten und des Grafen selbst abgcschnitten, welcher als Mann von Bildung den gewünschten Dienst eigenhändig vollzog und so die Frau gewissermaßen in ihren geheimen Nath aufnahm. Zwölftes Kapitel. „Du hättest dann Penelope zum Vorgang. Doch h-ißl'S, daß alles Garn, daS Ite gesponnen. So lang Ulysses fern blieb, Jlhaka Mit Motte» nur gefüllt.' Coriolan. Sobald Ulrica sich mit dem Grafen und ihrem Gatten eingeschlossen sah und ruhig auf dem Schemel, den ihr crsterer, trotz der Einrede des Bürgermeisters, aufgedrungen, Platz genommen hatte, ließ sie ihre Augen mit jenem rührend-bittenden Ausdrucke umherglciten, den man wohl an einer Frau zu finden pflegt, wenn sie sich berufen fühlt, als die Rathgeberin, wo nicht als die Hüterin dessen zu handeln, welchen die Natur bestimmt hat und das Gesetz sowohl für fähig als für geneigt dazu hält, beide gedachten Obliegenheiten an ihr zu üben. Obschon Heinrich in seinem Hauswesen ein starrköpfiger Polterer war, so hatten sich doch im Laufe seines Ehestandes häufige Gelegenheiten ergeben, welche in Beiden die geheime Ueber- zeugung hervorriefen, daß in Betreff des gesunden Urtheils und der moralischen Autorität die Ordnung der Dinge ein wenig umgekehrt sey, indem der eine Theil große Neigung vcrrieth, sich aufzulehnen, wo er als Stütze dienen sollte, ohne übrigens sonderlich dankbar für die an ihm geübte Nachsicht zu seyn, der andere aber sich zuweilen versucht fühlte, über die Obliegenheiten seines Geschlechtes hinaus zu treten, wenn gleich dies stets unter instinktartiger Beobachtung dessen, was für eine Frau schicklich und gebührend war, geschah. »Ich danke Euch für Eure Herablassung, Herr Graf, und auch Dir, Heinrich," begann die nachdenksame Frau, „denn eS ist für 192 ein Weib nicht immer räthlich, sich unaufgefordert auch dem eigenen Gatten als Gesellschaft aufzudrängen." Ein bedeutsamer Ausruf, der fast eine derbere Bezeichnung verdienen dürfte, war das Einzige, wodurch der Bürgermeister während der kurzen Pause, die auf Ulrica'S Entschuldigung folgte, seine Zustimmung ausdrückte. Der höflichere Wirth verbeugte sich mit Anstand; aber auch aus seinem Benehmen ging hervor, daß er ungeduldig war, den eigentlichen Beweggrund der stattgehabtcn Unterbrechung kennen zu lernen. „Wir sind zu sehr erfreut, Dich bei uns zu sehen, als daß wir uns an die Gebräuche und Rechte der Männer erinnern möchten," entgegnete der Graf leutselig, denn die gewinnenden Eigenschaften der Angeredeten übten, ohne daß er eS merkte, einen zwingenden Eindruck auf ihn und milderten einigermaßen auch den hochfahrenden Ton seiner Sprache. „Fahre fort in Deinem Anliegen, denn Niemand kann bereitwilliger scpn, Dich anzuhören." „Du bemerkst, gute Ulrica, der Herr Graf ist geneigt, sich zu erinnern, daß Du die Frau des Bürgermeisters bist, und wie er vorhin zu sagen beliebte, wir sind in Wahrheit ungeduldig, zu erfahren, was Deinen plötzlichen Besuch veranlaßt hat." Die gedankenvolle Ulrica nahm diese Ermulhigung wie ein Wesen auf, welches daran gewöhnt ist, in Beziehung auf Einfluß und Fassungsvermögen ihrem Gatten gegenüber als untergeordnet behandelt zu werden, obschon sich in ihrem Antlitze ein Schatten kund gab, wie er sich wohl bei unverdienter Demüthigung auSzu- drückcn pflegt. Mit einem Lächeln — und nur Wenige, sogar in früher, anziehender Jugend, sahen so hold und anmuthig aus, wie sie, wenn ihr Gesicht in Freude oder in Trauer glühte — mit einem Lächeln, in welchem sich zum Theil weibliche Zartheit, zum Theil Wehmuth aussprach, ging sie auf den Anlaß ihres Besuchs über, obschon sie sich nur mit großer Zurückhaltung und mit der 193 Vorsicht einer Frau, die eher an einen stillen als an einen herrschsüchtigen Einfluß gewöhnt ist, ihrem eigentlichen Zwecke näherte. „Niemand ist dankbarer für die große Güte und Herablassung des Herrn Grafen gegen meinen Gatten und alle seine Angehörigen, als ich,» sagte sie. „Wenn es daher den Anschein gewinnt, als wolle ich ihn mit den Angelegenheiten einer Familie behelligen, die er bereits so reichlich mit seiner Gunst bedacht hat-» „Und mit seiner Freundschaft, gute Ulrica.» „Und mit seiner Freundschaft, da Ihr mir einmal gestattet, dieses Wort zu gebrauchen, edler Graf — ich sage, wenn es jetzt den Anschein gewinnt, daß ich die Schranken einer guten Erziehung überschreite, indem ich Euch mit einer Angelegenheit lästig falle, die so gar nichts mit Euren Interessen zu thun hat, so hoffe ich, Ihr werdet der Zärtlichkeit einer Mutter etwas zu gut halten und dabei der hochgeborenen Irmengard gedenken, deren Besorgniß für ihr eigenes Kind diejenige entschuldigen mag, die ich für das mei- nige fühle." „Ist der blühenden Meta etwa- zugestoßen?" „Gott behüte mich!» rief der Bürgermeister, in dem plötzlichen Schrecken eines Vaters von seinem hochgepriesenen Sitze aufspringend. „Ist der Dirne vielleicht ein überfetter Rhein-Aal schlecht bekommen oder haben die verwünschten Mönche sie mit ihrer Messe zu todt gesungen?" „Unser Kind ist körperlich wohl und — die gebenedeite Jungfrau sei dafür gepriesen — auch dem Geiste nach rein und unschuldig," erwiederte Ulrica. „In dieser beiderseitigen Hinsicht haben wir nur Ursache, dem Himmel zu danken; aber sie ist in einem Alter, in welchem die mädchenhafte Phantasie unstet wird und der schmiegsame weibliche Geist Eindrücke von Anderen sucht, als von denen, welchen von der Natur bas Hütcramt übertragen wurde.» „Das ist wieder eine von deinen gewöhnlichen Unbegreiflichkeiten. gute Frau, und eine Sprache die nicht leicht Jemand außer Tie Heidenmauer. 13 194 Dir verstehen kann. Der edle Graf hat keine Zeit, neue Ideen aufzujagen, um ein so spitzfindiges Gespräch forizuführen. Hätte das Mädchen etwa zu viel von dem trefflichen Gerichte gekostet, das mir der ehrenfeste Bürgermeister von Mannheim so freundlich übermachte, wie ich anfangs befürchtet hatte, so dürften sich ohne Zweifel in der Hartenburg die geeigneten Heilmittel vorgefunden haben; aber Du verlangst zu viel, Weib, wenn Du willst, daß außer Deinem Mann auch noch andere Leute auf die Grübeleien eingehen sollen, die bisweilen Deinem Gehirn zusetzen." „Nicht doch, Meister Heinrich — eS könnte stch hier um einen dringlicheren Fall handeln, als Du glaubst. Deine Gattin ist keine Frau, deren Anfichten so obenhin behandelt werden dürfen. Willst Du in Deiner Rede fortfahren, gute Ulrica?" „Unser Kind befindet sich in einer Lebensperiode," fuhr die Mutter fort, die zu sehr an die Weise ihres Mannes gewöhnt war, um durch seine Gegenreden ihre Gedanken von dem Hauptziele ablenken zu lassen — „in welcher alle jungen Leutchen an die Zukunft zu denken beginnen. DaS ist ihnen von Gott eingepflanzt, Herr Graf, und muß daher gut sein. Uns aber, die wir die Jugend unseres Kindes mit so viel sorglicher Ausficht bewacht und so oft für den Mittag ihres Lebens gezittert haben, kommt es früher oder später zu, unser Jawort zu geben zu Lösung der süßen Bande, welche uns an unser zweites Ich knüpfen, damit die großen Zwecke der Schöpfung erfüllt werden." „Hum!" rief Heinrich. „Meine wackere Ulrica," cntgegnete der Graf, „die mütterliche Liebe hat diesem Bilde stärkere Farben verliehen, als vielleicht nöthig ist. Wahrhaftig wenn einmal die Zeit zum Heirathen kömmt, so braucht Deine und des ehrlichen Heinrich Frei'S Tochter das Jung- sernhäubchen keinen Tag länger zu tragen, als die gebührende Ehrfurcht gegen die Kirche verlangt. Ich habe hier Jünglinge ohne Zahl, die sich der Gnade des Hauses Leinstigen erfreuen, und jeder 195 unter ihnen würde sich glücklich schätzen, das Mädchen zu heirathen, das ich ihm nahmhaft machte. Da ist der junge Friedrich Zantzinger, die Waise meines letzten Schaffners in den Dörfern der Ebene; er ist ein Bursche, der sich mit Freuden einem härteren Dienst unterzöge, um meine Liebe zu gewinnen." „Als der alte Friedrich zu seinen Vätern ging, ließ er den Jungen ohne einen Heller zurück," versetzte der Bürgermeister trocken. „Das ist ein Fehler, der sich verbessern läßt; aber ich habe noch Andere, die sich nennen lassen. Was hältst Du von dem ältesten Sohn meines Heidelberger Advokaten, deS würdigen Konrad Walther?" „Zum Henker mit dem Spitzbuben — ich kann ihn aus dem Gründe meiner Seele nicht leiden!" „Du geräthst gegen einen Mann in Eifer, Meister Heinrich, der sowohl in meinem Vertrauen, als in meiner Gunst steht." „Ich bitte um Verzeihung, Herr Graf, aber ein plötzlicher Aufwallen der Galle, als Ihr den Namen dieses Menschen erwähntet, hat mich die pflichtschuldige Ehrerbietung vergessen lassen," antwortete der Bürgermeister mit mehr Mäßigung. Da er jedoch aus EmichS finsterer Miene die Nothwendigkeit einer näheren Begründung seines Ausrufs erkannte, so fuhr er mit größerer Offenheit, als ihm vielleicht unter weniger dringlichen Umständen erforderlich geschienen hätte, fort: „der hochgeborne Graf kennt vermuthlich nicht den Thatbestand unseres letzten Streites?" „Nein; ich maße mir nicht an, ein Urtheil über meine Freunde zu fällen —" „So erweist mir die Gnade, mich anzuhören; Ihr mögt dann der Schiedsrichter zwischen un» seyn. Es ist Euch wohl bekannt, Herr Gras, daß für die Bauern, welche im vorigen Jahr durch die plötzliche Ueberschwemmung des Rheins gelitten haben, milde Beiträge gesammelt wurden. Unter Anderen hat man auch den guten Christen unserer Stadt sehr zugesetzt, und wir schenkten freigebig je nach unfern Mitteln, denn Niemand wird in Abrede ziehen, daß 196 es eine traurige Heimsuchung der Vorsehung war. Um einer unpassenden Verwendung des Geldes vorzubeugen, wurde in allen Fällen einer namhafteren Schenkung die versiegelte Anweisung deS Gebers, aus einen nahen Termin ausgestellt, dem Silber vorgezogen, und die meinige lautete auf die hübsche Summe von zwölf Kronen als eine Armengabe, wie sie meinen Ansichten und meiner Stellung angemessen war. Die Sache ging nun so, Herr Graf, daß die mit der Vertheilung Beauftragten das Geld brauchen konnten, ehe die Anweisungen fällig wären; sie schickten deshalb Agenten zu unS, um nach Erfund der Sache Verhandlungen anzuknüpfen. Geld war im Augenblicke selten, und weil ich, als mir meine Verschreibung wieder zu Händen kam, auf meine eigenen Interessen Bedacht nahm, so wollte mich der abscheuliche Konrad wie einen Dieb vor die Heidelberger Behörden transportiren lassen, damit sie die Strafe des Wuchers über mich verhängten. Mit Eurer gnädigsten Erlaubniß, hochgeborner Graf von Leiningen — ein Sohn dieses Mannes soll mich nie Vater nennen!" „Dieß ist allerdings ein kleines Hinderniß; aber wenn Ihr von dem jungen Konrad nichts wissen wollt, so habe ich noch Andere im Hinterhalt, die wohl als würdig einer solchen Ehre erscheinen dürften. Behellige deshalb Dein Muttcrhcrz nicht mit unnöthigen Schmerzen, gute Ulrica, und überlaß die Versorgung des Mädchens meiner thätigen Freundschaft." Die Frau Bürgermeisterin hatte während der kurzen, aber charakteristischen Abschweifung ihres Gatten geduldig zugehört. In den Ansichten der Zeit erzogen, fühlte sie vielleicht nicht Alles, was heutzutage eine Mutter und Gattin von gleich zartem Sinne bei einer so augenscheinlichen Erniedrigung ihres Geschlechtes empfinden würde; aber da die Gesetze der Natur stets dieselben bleiben, so mußte sie'S doch schmerzlich berühren, als man so unverhohlen vor ihr die AuskunftSmittel besprach, um über die Zukunft eines Wesens zu verfügen, das ihr selbst zum größten Erdenglücke gereichte. Das 197 hektische Roth, welches gewöhnlich einem Auge, das von Natur aus eher melancholisch, als lebhaft war, einen besonder» Glanz verlieh — minderte sich, und sie fuhr mit bewegterer Stimme fort: „Ich danke dem Herrn Grafen wiederholt für alle seine Sorgfalt um mich und die Meinigen; aber es giebt eine Gewalt, welche mächtiger auf die Jugend wirkt, als der Rath der Erfahrung oder auch als die Wünsche der Verwandten. AIS ich mich so ungebeten in diese geheime Unterredung eindrängte, hatte ich die Absicht, zu sagen, daß Meta mehr auf die Stimme ihres Herzens als auf die Gebräuche ihres Standes gehört und für sich selbst eine Wahl getroffen hat." Der Graf, wie Heinrich Frei machten große Augen und sahen die Sprecherin in stummer Ueberraschung an, denn keiner von beiden hatte völlig begriffen, was sie sagen wollte, während Nlrica ihrerseits, nachdem sie ihren Zweck erreicht und die lang gefürchtete Erklärung in Gegenwart eines Mannes abgegeben hatte, der den Zorn ihres Gatten zn unterdrücken vermochte— stumm sitzen blieb und in ihrem Innern vor den Folgen zitterte. „Willst Du mir nicht deutlicher auseinander setzen, was Dein würdiges Ehgcmahl meint, Heinrich?" fragte der Graf abgebrochen. „Zum Henker, Ihr muthet mir da etwas zu, Herr Graf, was sich besser für eine» Benediktiner oder einen Schreiber eignete. Wenn Ulrica, die sonst eine vortreffliche und treugehorsame Ehefrau ist, einmal die Stelzen ihrer Einbildungskraft besteigt, so getraue ich mir nicht, meine Gedanken nur bis zu der Höhe ihrer Schuh- schnallsn zu erheben. Geh' wieder fort, Frau; Du hast zwar gut gesprochen, aber es wird doch besser seyn, wenn Du jetzt unser Kind aufsuchst, damit nicht jener Herr von Nhodus ihre Ohren mit der Salbe seiner Schmeicheleien einöle." „Nein, bei den Ehren meines Hauses, ich muß tiefer sehen in dieser Sache, wenn eS anders Dein schönes und tugendsameS Ge« 198 mahl zufrieden ist, Meister Heinrich. Willst Du die Güte haben. Dich deutlicher zN erklären, Frau?" Mag es nun eine Folge des Instinkts, der Schwäche und des Zartgefühls oder nur eine Frucht beständig eingeprägter Vorschriften seyn — ein tugendhaftes weibliches Wesen gesteht selten die Einkehr der Liebe in dem eigenen oder in einem andern theuren Herzen zu, ohne dabei verschämt zu erröthen, vielleicht weil ihr dabei eine geheime Stimme zuruft, daß sie dadurch etwas von dem vortheil- haften Grunde aufgibt, welchen sie den Vorrechten ihres Geschlechts verdankt. Auch bei Frau Ulrica war ein derartiges Gefühl nicht zu verkennen, denn ihre Wange glühte und sie suchte ungeachtet der ruhigen Fassung ihrer Jahre den Blicken Emichs anSzuweichen. „Ich wollte bloS sagen, Herr Graf," entgegnete sie, „daß Meta gleich allen jungen, unschuldigen Mädchen sich ein Ideal ge- . bildet, und das Original dazu in einem Jünglinge des JägerthaleS gefunden hat. So lange sie auf dieser Gesinnung beharrt, kann sie als ehrsame Jungfrau nur die Braut des Einen werden, den sie liebt." „Die Sache wird jetzt klarer," erwiederte der Graf mit einem Lächeln, welches anzudeuten schien, als habe die Angelegenheit kein sonderliches Interesse für ihn, „und ist jetzt so deutlich auseinandergesetzt, wie ein Herz es nur wünschen kann — wenigstens das Herz des in Frage stehenden Jünglings. Was hältst Du davon, Herr Bürgermeister?" Heinrich Frei'S Fassungskraft konnte doch eine so deutliche Erklärung nicht völlig mißverstehen; er saß von dem Momente an, als seine Gattin zu sprechen aufgehört hatte, mit offenen Augen und Lippen da, und blickte wie ein Mann, der eben erst Kunde von einer unerwarteten, wichtigen Neuigkeit erhalten hat, der milden Ulrica in das bekümmerte Antlitz. „Herr Teufel!" rief Heinrich auf die letzten Worte des Grafen, 199 ohne daran zu denken, welche RespektSwibrigkcit er beging. „Sprichst Du von unsrem ehelciblichen Kinde?" „Von niemand anders, denn gegen wen sonst konnte ich diese mütterliche Zärtlichkeit fühlen? Meinst Du, ich trüge für irgend «ine andere Person so angelegentliche Sorge?" „Willst Du damit sagen, daß Meta — meine Tochter, Meta Frei — außer der natürlichen Liebe und Ehrfurcht, die sie gegen ihren Vater hegt, eine Zuneigung zu dem Sohne eines WeibeS trage? — Daß sich die Dirne mit müßigen, ungebundenen Grillen abgebe?" »3ch sage nichts, war zu einer solchen Meinung über Meta — meine Tochter Meta — Anlaß geben könnte," entgegnete Ulric» mit frauenhafter Würde. „Unser Kind hat sonst nichts gethan, als daß es auf die geheimen Einflüsterungen der Natur hörte, und wenn sic ihre Zuneigung einem Jüngling schenkte, den sie oft gesehen hat und von lange her kennt, so folgte sie darin nur dem Beispiele der Tugendhaftesten, welche dem Verdienste vor Allem gerne Huldigung zollen." „Geh, Ulrica! Du bist zwar ganz gut in Deinem Hauswesen und eine Frau, vor der ich alle Achtung habe; aber die Träumereien, mit denen Du so oft geplagt bist, lassen Dich bisweilen in einem Lichte erscheinen, daß man meinen könnte, Du seyest viel weniger verständig, als Du doch in Wirklichkeit bist. Entschuldigt sie, Herr Graf, denn obschon ich, als ihr Gatte, vielleicht ein Bischen zu nachsichtig gegen ihre Schwächen bin, so muß ich ihr doch nachrühmen, daß eine tüchtigere Hauswirthin, ein treueres Eheweib und eine liebevollere Mutter in der ganzen Pfalz nicht zu finden ist." „Gegen mich bedarf es nicht erst dieser Versicherung, denn Niemand weiß Ulrica'S Werth besser zu schätzen, und ich kann wohl beifügen, daß nicht leicht Jemand eine größere Achtung vor ihr haben kann. Es dürfte gut seyn, sie in dieser Sache fortfahren zu lassen, Heinrich, den» offen gesprochen, eS liegt vielleicht in der 200 Einleitung Deiner vortrefflichen Frau mehr, als man anfangs glauben konnte. Unsere Meta hat die Eigenschaften eines würdigen Jünglings früher aufgefnnden, als der scharfe Blick ihres Vaters — wolltest Du nicht so sagen, Frau?" „Ich wollte sagen, das Herz meines Kindes sey so fest an das eines Andern gefesselt, daß ihr nicht mehr viel Glück in Aussicht steht, wenn die ehelichen Pflichten ihr gebieten sollten, sein zu vergessen." „Du glaubst also, gute Frau, daß die jugendlichen Träumereien eines Mädchens durch die Pflichten der Gattin und der Mutter nicht beseitigt werden können —- daß eine Laune der Einbildungskraft stärker sey, als das am Altar abgelegte Gelübde?" Obschon sowohl der Graf, als der Bürgermeister ihre Augen auf Ulricas schönes, sprechendes Antlitz geheftet hielten, war doch für sie Beide dieses inhaltsvolle Buch, welches so offen vor ihren Blicken dalag, wenig besser, als ein leeres Blatt. Starke und dramatische Gefühlsäußerungen sind sogar der blödesten Fassungskraft ziemlich verständlich; aber es gibt in der That nicht Viele, welche im Stande sind, das geheime Schaffen eines reinen Geistes in der Zurückhaltung eines tugendhaften, aber unglücklich verheiratheten Weibes zu begreifen. Vielleicht gibt eS in der ganzen menschlichen Natur keinen Anblick, der gewöhnlicher oder leichter faßlich wäre, als derjenige, welcher sich mit jeder Stunde an einer weltlich gesinnten, launenhaften Schönen darbietet. Sie schweift auf ihrer kleinen Bahn scheinbar so regellos dahin, wie ein Komet, obschon in Wahrheit ihr Lauf stets nach den untrüglichen Grundsätzen der Eitelkeit und Selbstsucht berechnet werden kann; aber kein Geheimniß ist so sicher vor ungebührlicher, gemeiner Neugierde bewahrt, als die edlen und kräftigenden Gefühle einer still duldenden Frau, die von den hohen Eigenschaften ihres Geschlechtes getragen wird. Die Herrschaft des Mannes ist für uns kein Gegenstand des Spottes, denn wir sind überzeugt, man verkennt kläglich die erha- bene Ordnung der Natur, welche das Schlußglied der Schöpfung in zwei große Klaffen theilie, damit sie sich wechselseitig trösten und beglücken sollten — wenn man das Wesen, welches zur Trösterin und Gefährtin des Mannes, zu seiner Führerin in moralischer Finsterniß und zur Theilnehmerin an seinen Freuden und Leiden geschaffen ist, zu einem weltlichen Mitbewerber machen will und seine Liebe und sein Vertrauen in Zwist und Eifersucht umwandrlt. Hätte sich die Frau des Bürgermeisters erhoben und in gewählten Ausdrücken sich an das Mitgefühl der Männer gewendet, für Erreichung ihres Zweckes die Kraft ihrer Rede mit dem Nachdruck der Gebcrde unterstützend, so hätte man sie begriffen, wie etwa der AlltagSlescr alle derartigen Bilder des weiblichen Charakters versteht; aber sie saß da, stumm, leidend und sanftmüthig, so daß sie für das Fassungsvermögen ihrer Gefährten ein völliges Räthsel war. Ihr Auge leuchtete nicht, denn ein langer, geduldiger Gehorsam hatte sie gelehrt, sich den Mißdeutungen ihres Galten zu unterwerfen; auch erhöhte sich kaum das matte Roth ihrer Wange, denn die Last, welche ihr Herz bedrückte, kämpfte an gegen die natürlichen Gefühle des Stolzes und der Empfindlichkeit. „Ich glaube, Herr Graf," sagte sie, „wenn ein unschuldiges Mädchenherz sich einer Gewalt hingibt, die von Natur aus vielleicht unwiderstehlich ist, so verdient sie wenigstens schonsame Behandlung. Meta birgt wenig von den Launen, deren Ihr Erwähnung thnt, und Ihre Neigung ist nur die natürliche Folge häufigen Umgangs und eines hohen WerthcS auf Seiten des jungen Mannes, obschon ihr ohne Zweifel dieses Gefühl in einem Colorit erscheint, in welchem die Jugend, die noch so gar nichts von den Wahrheiten des Lebens erfahren hat, sich gerne ergeht." „ES wird immer deutlicher, Herr Graf," bemerkte Heinrich Frei mit Nachdruck, „und man muß Einsicht von der Sache nehmen. Willst Du so gut seyn, Ulrica, mir den Jüngling, den Du meinst, namhaft zu machen?" 2or „Berchthold Hintermayer." „Berchthold Teufelsstein !" rief der Bürgermeister lachend, ob« schon sogar in der Art, wie er seiner Heiterkeit Luft machte, da- geheime Bewnßtseyn einer Gefahr zu liegen schien. „Ein bettelarmer Kerl ist in der That ein paffender Ehemann für das Kind des Bürgermeisters von Dürkheim." Ulricas ruhiges, blaues Auge haftete auf ihrem Galten; aber sie wandte cs mit empfindlicher Hast ab, damit es nicht verrathe, was in ihrem Innern vorging. Sie gedachte nämlich der Zeit, in welcher Ihr eigener Vater die Zustimmung zu ihrer Heirath mit einem fast ebenso armen Menschen gegeben hatte, aus dem einfachen Grunde, weil der Scharfsinn des Alten in dem jungen Mitbürger jene Eigenschaften von Klugheit und Gcwerbfleiß entdeckt hatte, welche sich im späteren Leben so fruchtbar entwickelten. „Er ist nicht reich, Heinrich," lautete ihre Antwort, „aber ein würdiger junger Mensch, und warum sollten wir MetaS Herz quälen, indem wir für sie Dinge verlangen, die sie bereits in reichlicher Menge besitzt?" „Hört Ihr dieß, Herr Gras? Meine Frau lüpft vor Eurer Gnaden Blicken den Vorhang des PrivatgeheimniffeS mit einer Freiheit, für die ich gerne um Verzeihung bitten möchte." „Berchthold ist ein Jüngling, den ich liebe," bemerkte der Graf mit Ernst. „In diesem Falle will ich nichts Achtungswidriges gegen ihn sagen, denn er ist ein wackerer Förster und paßt vortrefflich für seinen Posten in der Familie Haitenburg. Aber dennoch ist er nur ein Förster und obendrein ein blutarmer Förster. Ich hatte zwar nicht im Sinne, so bald über das Mädchen zu verfügen, denn ein Bischen warten bringt den Jungfern keinen Schaden, Herr Graf; da sie aber ihren Kopf auf diesen Berchthold gesetzt hat, so wird cS gut seyn, sie unter die Haube zu bringen, und zwar 203 in einer Weise, die sie auf Gedanken bringt, welche besser für ihre Aussichten paffen." „Das Heilmittel konnte bedenklich werden, Heinrich!" bemerkte Ulrica mild, indem sie das thränenfeuchte Auge zu dem Angesicht de« starrköpfigen Bürgermeisters erhob. „Warum nicht gar — ich muß doch die Constitution der Familie kennen. Was bei der Mutter so gut gelungen ist, kann dem Kinde nicht schaden." Die Frau gab keine Antwort; aber Emich von Hartenburg hatte tiefen Anthcil an ihrer sanften, gewinnenden Weise genommen. Da er fast kein Auge von ihr verwandte, so war ihm nicht entgangen, welche Anstrengung es sie kostete, den Anschein der Ruhe zu bewahren, weshalb er jetzt mit freundlichem Lächeln seine Hand auf die Schulter des Bürgermeisters legte und gegen ihn bemerkte: „Herr Heinrich, Du hast eine schöne und sanfte Ehefrau; in- deß glaube ich, daß Du auch in mich kaum weniger Vertrauen setzest, als in Deine Gattin. Laß uns allein — ich möchte gerne diese Angelegenheit mit Nlrica verständig und ohne Beihülfe Deine« EinfluffeS besprechen." „Tausend Dank für diese Ehre gegen mich und die Meinigen, hochgeborener Graf! Was das Vertrauen betrifft, so wollte ich meine Frau ein ganzes Jahr unter den Mönchen von Limburg lassen, ohne dabei an etwas Anderes zu denken, als ob sie'S auch gemächlich habe; denn Niemand kennt Ulricas Werth besser, obschon sie so schwer zu begreifen ist, wenn ihre Phantasie sich mausig macht. Gib mir einen Kuß, Frau, und sieh Dich vor, daß Du mir in Deiner Berathung mit dem Herrn Grafen keine Nnehre machst." Nach diesen Worten drückte Heinrich Frei einen schallenden Kuß auf die zarte Wange, welche Nlrica gehorsam darbot, und ließ seine Gattin mit dem Grafen allein, ohne an etwas Anderes, als an die hohe Auszeichnung zu denken, welche dabei seinem Namen 204 widerfuhr. Die Art, wie er die Aufmerksamkeit des Grasen schätzte, ließ sich hinreichend aus der Redseligkeit erkennen, mit welcher er Allen, die darauf hören mochten, den Umstand mittheilte, daß sich Emich und seine Frau miteinander eingeschloffen hätten, um eine Angelegenheit zu besprechen, welche mit den Interessen der Familie Frei in engem Zusammenhänge stünden. Dreizehntes Kapitel. Ach, was ich immer jemals auch gelesen Und je gehört aus Sage und Geschichte — ES lief nie glatt der treuen Liede Bahn! Shakspeare. Sobald sich die Thüre hinter dem Bürgermeister geschloffen hatte, wandte sich der Graf an dessen Gattin und fuhr folgendermaßen fort: „Der junge Berchthold Hintcrmayer ist mir wcrlh, gute Nlrica, und ich würde mit Freuden in einer Angelegenheit Beihülfe leisten, die, wie ich deutlich sehe, Dir so sehr am Herzen liegt." „Nur eine unnatürliche Mutter ist nicht ängstlich bekümmert um das Glück ihres Kindes. In der Jugend, Herr Graf, blicken wir vorwärts, füllen die neblichte Leiter mit Scenen, die unseren Wünschen entquollen, und bevölkern die Welt mit jenen Wesen, die, wie wir glauben, für unsere Hoffnungen unerläßlich sind; aber erst wenn wir die höchste Sprosse erreicht haben, von der aus sich der Anfang und das Ende des Lebens deutlich überblicken läßt, finden wir die Wahrheit. Ich bin so wenig als irgend Jemand geneigt, einer Verbindung, die für ihre Früchte keine bessere Sicherheit bietet, als eine blinde, sieberische Leidenschaft, welche sich im eigenen Ungestüm verzehren muß — übereilt das Wort zu reden; andererseits aber, wenn man das Leben so kennen gelernt 205 hat, wie ich, kann man unmöglich Lust haben, jene Aehnlichkeit in Geschmack und Ansichten — die edlen Züge in Charakter und Neigungen, welche sür den Fortbestand der ehelichen Liebe so förderlich sind, gering anzuschlagen," „Man hält Dich für glücklich in der Wahl Deines eigenen Gatten, Frau!" „Gott hat mich mit vielen Gnadengaben gesegnet — aber die Frage handelt von Meta, Herr Graf." Ulrica hatte unwillkührlich die Farbe gewechselt; unterstützt durch die frauenhafte Zurückhaltung, welche sie augenblicklich annahm, erschien übrigens diese kleine Aufregung im Auge des Grasen nur als eine Aeußerung weiblicher Würde, welche darauf berechnet war, eine unbefugte Neugierde zurückzuweisen. „Allerdings ist von Meta die Rede," antwortete er, „und beim heiligen Benedict, dem jungen Menschen soll es nicht an freundlicher und nachdrücklicher Unterstützung fehlen. Aber ein Dienst ist des andern Werth. Wenn ich in Betreff dieser Heirath Deiner Tochter Deine Wünsche unterstütze, gute Ulrica, so erwarte ich dafür von Dir eine Gegenleistung, aus die ich kaum geringern Werth lege." Die Bürgermeisterin erhob voll Verwunderung ihre Augen zu dem Gesichte ihres Gefährten. Eins Frau, die es mit ihrer Selbstachtung nicht stets so streng genommen, hätte wohl den Sinn des Gehörten beargwöhnen können; aber Ulrica'S Blick trug bloS den Ausdruck der Neugierde und Unschuld. „Ihr werdet weit mehr verdienen, als ich erfüllen kann, Herr Graf, wenn Ihr dazu beitragen wollt, Meta's Glück zu sichern." „Schöne Frau," fuhr Emich fort, indem er sich niedcrsetzte und mit einer Freimüthigkeit, welche in dem hohen Range de- Sprechers und in den Gebräuchen des Landes eine Rechtfertigung fand, ihre Hand faßte, „Du weißt, wie lange schon diese Benediktiner unser Thal bedrängen, und da Du so tief in dem Vertrauen des wackeren Heinrich stehst, so mußt Du wohl schon auf die Der- muthung gekommen seyn, Laß wir, ihrer Unverschämtheit und ihrer Erpressungen müde, uns ernstlich über die Mittel bedacht haben, ihnen die Bescheidenheit beizubringen, die ihrem frommen Berufe ziemt und ihre Ansprüche besser rechtfertigen dürste." Emich hielt inne und betrachtete angelegentlich das Gesicht seiner ruhigen Zuhörerin. Ohne cS zu wissen, hatte er gerade den Gegenstand berührt, welcher die Bürgermeisterin vorzugsweise bewogen hatte, sich in die geheime Verhandlung der Verschwörer einzu- drängcn. Die Absichten der Männer waren ihr längst verdächtig gewesen, und obschon sie um Meta'S künftiges Geschick zu angelegentliche Sorge trug, um nicht mit Freuden jede günstige Gelegenheit zu benützen, durch welche einer Sache, die doch früher oder später ans Licht treten mußte, Bahn gebrochen werden konnte, so war doch ihre Hauptabsicht gewesen, Heinrich vor den wahrscheinlichen Folgen des Complotts zu warnen. Sie hörte daher die Worte des Grafen mit geheimem Vergnügen an und bereitete sich zu einer Antwort vor, über die sic längst mit sich zu Rathe gegangen war. „Was Ihr da sagt, Herr Graf," antwortete sie, „ist mir schon mehr als einmal ausgefallen, und ich habe mich tief darüber gegrämt, daß diejenigen, welche ich so sehr liebe und ehre, Anschläge schmieden mögen zum Umsturz der Altäre Gottes, und über verzweifelte Plane sinnen, um das Lob des Höchsten zu unterbrechen." „Wie, meinst Du, das Geheul dieser Schurken diene zu etwas Anderem als zum Lob ihrer eigenen Heuchelei?" unterbrach sie Emich. „Verleitet uns nicht vornämlich ihr Beispiel zu unseren meisten Sünden — und sind sie nicht die Urheber eines jeden Zwistes, der die Gegend beunruhigt? Bedenke doch, gute Ulrica, daß der Himmel kein Stall ist, in welchen die Seelen blindlings getrieben werden, sondern daß wir, die Heerde, nach Maßgabe unserer Mittel, das Recht haben, wenigstens ein Urtheil darüber abzugeben, ob die Hirten für ihr Amt paffen oder nicht." 207 „Und wenn sie auch ihren Obliegenheiten nicht gewachsen oder derselben unwürdig wären, wo finden wir eine Autorität, die uns berechtigte. ihnen Schaden zuznfügen?" „Gott behüte mich, gute Frau, gelten denn unsere Schwerdter für nichts? Zieht ein edler Name, eine alte, hohe Herkunft, der . lange bestehende Anspruch auf Gewalt und ein mannhaftes Herz nicht in der Wagschaale?" „Dem Allmächtigen gegenüber sind sie wie die Blätter Eures Waldes, wenn sie der Wind bewegt, und weniger als die Schneeflocken, die Winters gegen die Zinnen Eurer Veste fliegen. Limburg ist zu Gottes Ehre errichtet, und wer seine Hand gegen die heiligen Mauern erhebt, wird Gelegenheit finden, seine Uebereilung in bitterem Weh zu bereuen. Wenn an den Altären einige unwürdige Menschen den Gottesdienst vollbringen, so sind doch auch würdige vorhanden; und selbst im entgegengesetzten Fall ist ihr heiliges Amt zu hoch, um durch die Gebrechlichkeit derjenigen befleckt werden zu können, die das in sic gesetzte Vertrauen mißbrauchen." » Der Graf war verwirrt, denn Nlrica sprach ernst und mit süß überzeugender Stimme. Er stützte das Kinn auf seine Hand und schien über die Gefahren seines Planes angelegentlich nachzudcnken. „Was hältst Du von jenem Bruder in Wittenberg, Ulrica?" fragte er endlich. „Könnten wir nur der Wahrheit gemäß Herauskriegen, daß er ehrlich und weise ist, so dürste es, um den Stolz der Limburger zu dämpfen, an kirchlichem Ansehen nicht fehlen." „Ich gehöre selbst auch zu denen, welche den Bruder Luther für ehrlich halten, obschon ich zugleich der Ansicht lebe, daß er im Jrrthum befangen ist, aber auch ihm fällt es nicht ein, gewaltsame Handlungen anzurathen." » „Beim heiligen Benedict, Weib, Du hast über diese Frage mit dem Pater Arnolph Rücksprache genommen, denn kein Echo wiederholt die Töne des Rufers treuer, als Du die Ansichten des Priors." 203 „ES darf uns nicht befremden, wenn diejenigen, welche Gott lieben, in einer Sache, die Seiner Ehre gilt, gleich denken und sprechen. Ich habe weder Pater Arnolph noch irgend einem andern Pater der Abtei etwas von euren Planen mitgetheilt, denn Ulrica Frei wird nicht leicht vergessen, daß sie Gattin und Mutter ist. Zndeß habe ich oft zu dem Herrn gebetet, Er möchte die Herzen derjenigen, welche über so gefährlicher Kirchenschändung brüten, erweichen und sie um ihres eigenen Besten willen das Verbrecherische ihres ComplottcS einsehen lassen. Glaubt mir, Graf, das gefürchtete Wesen, das man in Limburg verehrt, wird nicht vergessen, sich an denen zu rächen, welche seine Macht verachten." „Du weißt wohl, Ulrica, daß Deine Ansichten Gewicht bei mir haben, denn ich habe von Jugend aus Deine Weisheit gekannt und geachtet. Ja, wenn Du nicht der Ansprüche ermangeltest, welche nur durch Geburt verliehen werden können, so säßest Du jetzt in dieser Veste nicht als Gast, sondern als Herrin. Die Selbst- verläugnung, welche ich mir auserlegen mußte, um die Wünsche meines Vaters zu erfüllen, hat mich manches Schmerzensjahr gekostet, und ich errang meine Freiheit erst wieder ganz, als die Geburt meines ältesten Sohnes meine Hoffnungen der Zukunst zuwandte." Selten hört ein Weib das Zugeständniß ihres EinsiuffcS auf das stärkere Geschlecht ohne geheimes Vergnügen. Da in der Zuneigung , auf welche der Gras anspicltc, nichts gelegen hatte, was Ulricas Grundsätze bedrohte, oder ihr Zartgefühl verletzte, so hörte sie diese Hindeutung auf die Empfindungen und Vorfälle ihrer jüngeren Tage mit einem Lächeln an, das auf ihre edlen Zügen eine Wirkung übte, ähnlich jenem melancholischen Licht, welches die Kapelle des in Frage stehenden Klosters erhellte; ihr Antlitz war mild, ruhig und strahlte (wenn man uns einen so unbestimmten Ausdruck gestatten will) in den Tinten der Vergangenheit. „Wir sind nicht mehr jung, Enrich," antwortete sie, indem 209 sie unter dem instinktartigen Gefühle der Schicklichkeit ihre Hand zurückzog, „und das, wovon Ihr sprecht, gehört einer früher» Zeit an. Doch wenn Ihr in Wahrheit eine so gute Meinung von meinem Verstände unterhaltet, so kann ich Euch dagegen versichern, daß ich Euch gleichfalls stets nur Ehrenhaftes nachsagtc. Es waren außerdem neben dem Willen des hochseligen Grasen noch andere Gründe vorhanden, die mich hinderten, auf Eure Bewerbung zu hören, und sie sind Euch damals mitgethcilt worden; denn kein Mensch ist Herr über jene Gesinnungen, die so sehr von Geschmack oder vom Zufalle abhängen. „Bei den eilftansend Jungfrauen zu Cöln! Heinrich Frei war doch kaum ein Bursche, um dem Erben meines Stamms und meines Namens diese Schmach anzuthun!" „Heinrich Frei erhielt mein Mort, wie die edle Irmengarde das Eurige, Graf von Hartenburg," antwortete Ulrika mit einer Ruhe, welche bekundete, daß ihre Gefühle bei der erwähnten Zurückweisung nie ins Spiel kamen, und mit der Würde einer Frau, welcher die Ehre ihres Gatten theuer ist. „Durch die Gnade des Himmels fühlen wir beide uns glücklicher, als wenn wir uns über oder unter unseren Aussichten verheirathet hätten. Aber wenn Ihr auf dieses Kleinod — denn dafür hieltet Ihr in Eurer jugendlichen Schwärmerei meine Hand — dem irdischen Vater zu Gefallen verzichten konntet, wollt Ihr dem himmlischen Trotz bieten, um ein Verlangen zu befriedigen, das noch weit weniger zu rechtfertigen ist?" „Geh, Ulrika, Du bedrängst mich ohne Grund. Weiß ich doch selbst nicht einmal gewiß, ob ich überhaupt über den Planen brüte, die Du meinst." „Oder mit anderen Worten, Ihr seyd noch nicht fchlüßig, ob Ihr die Kirchenschändung wirklich begehen wollt. Ehe Ihr aber die Hand zu dem unwiederbringlichen Schlage erhebt, Herr Graf, hört auf ein Geschöpf, das Ihr in Eurer Jugend zu lieben vor- Dlc Heiden maucr. gabt, und baZ noch immer mit dankbarem Herzen auf diese Auszeichnung zurückblickt." „Du bist als Frau nachsichtiger, denn als Mädchen! Ich vernehme jetzt aus Deinem Munde das erste Wort des Mitleids mit dem vielen Leide, das Du meiner Jugend bereitet hast." „Mitleid ist ein Ausdruck, der Nlrika Hailtzinger dem Grafen von Leiningen gegenüber übel ziemen würde. Ich sprach von Dankbarkeit, Herr Emich, denn das Weib, welches sich an stellt, als berge es keine derartige Gesinnung gegen den ehrenhaften Jüngling, der sie allen andern ihres Geschlechtes vorgezogen hat, macht ihrem eigenen Herzen ein schlechtes Compliment. Ich habe nie in Abrede gezogen, daß mir Eure Bewerbung zugleich Freude und Schmerz bereitete — Freude darüber, daß ein Mann von Euren Aussichten genug in mir finden konnte, um mich zum Gegenstände seiner Wahl zu machen, Schmerz, weil Ihr Euch mit Hoffnungen trugt, die nie in Erfüllung gehen konnten." „Und wäre unsre Herkunft gleicher gewesen, meine sanfte Ulrika — hättest Du Dich gleich mir edler Ahnen zu rühmen gehabt, oder wäre ich wie Du aus einer niedrigeren Familie entsprungen, hättest Du wirklich in Deinem Herzen Anlaß zu einer andern Antwort gefunden?" „Wir sind hier, um andere Dinge zu besprechen, Graf von Hartenburg, als die Rückerinnerungen au kindische Gefühle." „Gott behüte mich! Nennst Du den Schmerz einer getäuschten Neigung einen kindischen Gram? Du warst stets von ruhiger Ge- müthSart und nur zu sehr geneigt, bei jedem Aufwallen des Herzens, über die kalten Pflichten der Familien-Rücksichten hinaus, gleich- giltig zu bleiben." „Dieß ist vielleicht ein Fehler an mir, wenn Ihr so wollt, Graf Emich, obschon ich cS für einen Bortheil halte, da am stärksten zu fühlen, wo die Neigungen am meisten unter der Leitung der Pflicht stehen." 211 „Ich erinnere mich Deiner letzten Antwort, die Du mir durch Deine Freundin, die Mutter des jungen Berchihold, zugehen ließest — wollte ich Gerechtigkeit walten lassen, so wäre ich dem Jungen dafür nicht zu Dank verpflichtet — aber Du antwortetest, die Tochter eines Bürgermeisters sei eine unpassende Gattin für einen Grafen, und baist mich zugleich, gegen meinen Vater pflichtschuldigen Gehorsam zu üben, damit sein Segen mir den Schmerz der getäuschten Hoffnung erleichtere. Na, wenn am Ende die Wahrheit bekannt würde, dürfte sich Herausstellen, daß Dich diese Erwiederung nicht mehr kostete, als sich sonst eine tändelnde Dirne einen einfachen Korb zu Herzen nimmt." „Wäre die Wahrheit bekannt, Emich, so könnte sich die Sache ganz anders Herausstellen. Ihr wäret damals jung — zwar ein ungestümer Hitzkopf, aber nicht ohne viele männliche Tugenden — und Ihr überschätzt die Stärke einer nachdenksamen Jungfrau sehr, wenn Ihr glaubt, daß es ihr Freude machen konnte, da Schmerz zu bereiten, wo sie nichts als Achtung genossen hat." „Und wäre ich der Sohn Deines Nachbars — oder wärest Du die Tochter eines StandeSgenoffcn aus dem Reiche gewesen?" „Auch in diesem Falle, Herr Graf, wäre die Antwort die gleiche gewesen," entgegnete die Frau mit Festigkeit, obschon sich augenscheinlich die ruhige Klarheit ihres Antlitzes in einer vorübergehenden Wolke verlor.. „Das Herz von Ulrika Hailtzinger sprach in dieser Erwiederung eben so sehr, als ihre Klugheit." „So wahr Gott lebt, Du bist schneidend aufrichtig!" rief der Graf, plötzlich aufstehend, und sein Gesicht verlor den sanften Ausdruck, welchen die Erinnerung an die bessern Tage und an die schönen Gefühle der Jugend hervorgerufen hatte, um der gewöhnlichen Härte wieder Platz zu machen. „Du vergißst, Frau Frei, daß ich ein armer Graf von Leiningen bin." „Wenn ich es an Achtung mangeln ließ," entgegnete die milde Ulrika, „so bin ich jetzt nn mein Versehen erinnert, und eS soll keine Wiederholung stattfinden." „Nein, ich wollte nichts Unfreundliches sagen — aber Du hast mein Gemülh mit einer herben Antwort verletzt. Wir sprachen — doch wir haben auch von den verwünschten Mönchen gesprochen und mein Blut geräth stets in Wallung, so oft ich ste nur nennen höre. Du glaubst also, meine vortreffliche Nachbarin, daß wir als Christen gehalten seien, uns allen den Erpressungen dieser scheinheiligen Schurken zu unterwerfen, und daß wir dem Ansehen des Himmels Trotz bieten, wenn wir uns unterfangen, uns selbst Recht zu schaffen?" „Ihr leiht der Sache die Farbe Eurer Stimmung, Graf, denn ich sprach nichts von knechtischem Erdulden oder unnölhiger Unterwerfung. Wenn die Limburger Mönche ihren Gelübden nicht Nachkommen, so betrifft die Frage ihr eigenes ewiges Heil; was aber uns betrifft, so haben wir bloS darauf zu sehen, daß wir selbst nichts an steh Unrechtes begehen, noch etwas thun, was als achtungswidrig gelten könnte gegen Den, den wir anbeten —" „Ich bitte Dich, gute Ulrika," unterbrach ste Emich, indem er in der vertraulichen Weise, die er bei dem Beginne des Gesprächs an den Tag gelegt hatte, seinen Sitz wieder einnahm, „laß uns unverholen von der Neigung Deines Kindes reden. Ich liebe den jungen Berchthold und möchte ihm gerne einen Dienst leisten, wenn sich die Mittel dazu böten; indeß fürchte ich sehr, daß wir es schwer finden werden, Heinrich zur Einwilligung zu bewegen." „Dieselbe Besorgniß hat mir schon viele Unruhe gemacht, Graf von Hartenburg," erwiederte die zärtliche Mutter, „denn der Bürgermeister ist nicht der Mann, der so leicht seine Anfichten wechselt. Namentlich ist cS bisweilen der Fall, daß das allzueifrige Zureden von Freunden seine Selbstzuverficht nur erhöht, statt ihn von jenen Entschließungen abzubringen, die oft auch der Weiseste voreilig und unüberlegt fassen kann." „Diese Eigenschaft Deines vortrefflichen Eheherrn ist mir nicht entgangen. Jndeß hat doch Heinrich Frei selbst einen so glücklichen Ehebund geschlossen, ohne seiner SeitS Vermögen besessen zu haben, daß er billigermaßen nicht so entschieden gegen einen Züngling auf- treten sollte, welcher ohne das harte Geschick, das seine Eltern befiel, wohl bessere Tage gesehen haben würde. Wer selbst arm war, sollte die Armuth auch an Andern achten." „Ich fürchte, daß dies nicht in der menschlichen Natur liegt," antwortete die Frau gedankenvoll und fast ohne zu wissen, was ste sprach. „Die tägliche Erfahrung lehrt, daß Diejenigen, welche sich aus dem Staub erhoben haben, am wenigsten Duldung üben gegen die, welche hinter ihnen zurückgeblieben sind; und da die Gaben des Ranges und des Einflusses dort besonders geschätzt werden, wo sie etwas Neues sind, so dürfen wir nicht erwarten, daß der Mann, der sein Glück gemacht hat, das in der Armuth empfundene Sehnen so bald vergesse oder die Eitelkeit der ihm ungewohnten Ehrenstetten erkenne." „Aber Heinrich ist nicht so jung im Range, oder so sehr Neuling unter den Vermöglichen, daß er in diese Elaste cingereiht werden könnte." „Heinrich?" rief die Frau, und ihre reine Stirne überflog von einer Scharlachröthe, welche an das Glühen der schneeigen Alpenspitzen erinnerte. „Von Heinrich Frei ist hier nicht die Rede." Der Graf lächelte, daß der Schnurrbart sich auf seinen braunen Wangen kräuselte. „Du hast recht," antwortete er höflich, „denn wir haben'S im Augenblicke vorzugsweise mit Bcrchthold und Meta zu thun. Ich glaube die Mittel zu sehen, um Alles, was wir für ste wünschen, herbeizuführen — noch obendrein Mittel, die sich so unverhohlen darbieten, daß cs den Anschein gewinnt, als sehen sie recht eigentlich eine Gabe der Vorsehung." „Wenn dies der Fall ist, so können sie uns nur um so willkommener sehn." „Du weißt, Ulrika, daß ich gleich Allen meine» Range» schweren Aufwand machen muß. Irmengard besitzt die meisten Eigenschaften ihre» Stande», darunter namentlich eine Prachtliebe, die sehr kostspielig für mich wird, und außerdem hat die Ausstattung meine» Erstgeborenen, der mit dem Kaiser reist, in letzter Zeit meine Mittel sehr verkümmert, sonst würde ich au» reiner Liebe zu Dir »md den Deinigen da» Nöthige anbieten, was die Verbindung Deinem Heinrich annehmbar machen könnte. Zn meiner dermaligen Klemme aber, wie auch in Folge de» Krieges, der auf uns Allen schwer lastet, und der großen Kosten für Unterhaltung der vielen Reisigen in der Hartenburg sehe ich vorderhand keine andern Mittel, als die eben erwähnten." „Oder vielmehr die nicht erwähnten, denn es war Euch zu angelegentlich um den Beweis zu thun, daß Ihr dem Jungen keinen Dienst leisten könnt, um ein Wörtchen über die günstige Aussicht zu verlieren, welche Eurer Ansicht nach die Vorsehung an die Hand gibt." „Ich bitte um Verzeihung — Du hast mich ganz richtig beur- thcilt, Ulrika, denn ich fühle es wie einen Vorwurf, daß ich außer Stand bin, für einen Menschen, den ich so sehr schätze, etwas zu thun." „Unterstellt meinen Worten keinen Sinn, den ich nicht in sie legen wollte," unterbrach ihn die Matrone mit einem Lächeln, als wünsche sie ihren Gefährten wieder zutraulicher zu machen. „ES ist mir nie eingefallen, daß die Grafen von Leiningen die Verpflichtung haben könnten, Alle, welche in ihren Diensten stehen, nach ihren verschiedenen Hoffnungen auSz»statten. Die schwerste Börse in der Pfalz könnte wohl leicht werden, Herr Eniich, wenn ihr ein Heirathgut aufgebürdet würde, entsprechend dem, welches Meta Frei zu Theil werden dürfte." „Niemand weiß dies besser, als ich. Heinrich und ich haben die Angelegenheit oft besprochen und ich wünschte nur, daß keine Ungleichheit des Ranges stattfände — doch das ist müßiges Gerede, denn wir wollen ja bloS von Berchthold und seinen Hoffnungen sprechen. Du weißt, Ulrika, daß zwischen mir und dem Kloster schwere Mißhelligkeiten obwalten wegen gewisser Abgaben nicht nur im Thale, sondern auch auf der Ebene, und wenn der Zwist zu meinem Bortheile ausgeht, steht meinen Einkünften eine wesentliche Bergrößerung bevor. Käme nun dieser unselige Streit zu einer für mich wünschenswerthen Entscheidung, so wäre ich nicht nur im Stande, sondern auch bereit, meinen treuesten Dienern, und darunter namentlich Berchthold so viel Gnaden zugehen zu lassen, daß sie eine günstige Meinung von meiner Freigebigkeit gewännen. Sobald also die Sache ihre rechte Erledigung gefunden hat) sind wir im Besitz der Mittel, Heinrich für unsere Wünsche zu gewinnen." „Wenn es aus eine ehrenhafte Weise geschehen kann, so will ich den segnen, der eS erwirkt hat." „ES freut mich. Dich so sprechen zu hören, meine gute Ulrika; aber vor allen Andern kannst Du Dich in der Sache besonders nützlich machen; Heinrich und ich, wir beide sind beinahe darüber einig geworden, daß es paffend sey, daS Sündenncst der Mönche ein wenig aufzustören — —" „Diese Worte sind stark, wenn sie auf die Mitglieder eines frommen Ordens Anwendung finden sollen." „Bei den heiligen drei Königen, sie sind mehr als verdient. War ich nicht erst gestern mit eigenen Augen Zeuge, wie sich der Abt Bonifacins unter dem Dache der Hartenburg im Weine wälzte, gleich dem nächsten besten Vorstadtschreier! Ja, Frau Ulrika, den Vater Bonifarius, den hochwürdigen Abt von Limburg habe ich innerhalb der Mauern meines eigenen guten Schlosses in einem so kläglichen Zustande gesehen." „Und die Gesellschaft Deines eigenen guten Schlosses mit, Herr Emich?" „Wie, machst Du keinen Unterschied zwischen eiuem Ritter und 216 einem Mönch? Habe ich das Gelübde der Frömmigkeit abgelegt — trage ich eine geschorene Platte, oder sehe ich wie einer aus, der für besser gelten will, als seine Nebenmenschen? Daß ich ein Edelmann bin, ist ein Glücksfall, und als solcher benütze ich diesen Vortheil, obschon ich in Wahrheit sagen kann, daß es stets in dem gebührenden Maße geschieht; aber Niemand kann Emich von Leiningen nachsagen, er brüste sich mit den Tugenden, um derenwillen die Mönche angesehen sehn wollen. Wer sich bescheidet, kann für seine Gebrechlichkeit Nachsicht ansprechen; aber schwer muß die Gerechtigkeit denjenigen heimsuchen, der unter dem Mantel der Heiligkeit sündigt." „Ich sehe nicht ein, welchen Nutzen Euch am Ende Eure Ausnahme bringen kann. Doch Ihr wolltet etwas zu Berchthold Hin- termayerS Vortheil sagen? —" „Ja, das wollte ich, und zwar aus dem Grunde meines Herzens. Könnte man Heinrich zu einem festen Entschlüsse bringen, so daß ich auf die Unterstützung der Städter zählen dürfte, so wollte ich mit den Kuttenwichten bald fertig werden. Dadurch würden nolhwendigerweise meine Einkünfte bedeutend vermehrt, und wenn ich dann Berchthold als Schaffner über die gewonnenen Güter und Dörfer setzte, könnte er sich bald so weit in der Achtung der Leute heben, um die Abgeneigtheit des hartherzigsten Bürgermeisters in ganz Deutschland zu überwinden." „Und in welcher Weise sollte ich zu Erreichung dieses Zweckes beitragen können?" „Eine Frau von Deinem Verstände braucht kaum eine solche Frage zu stellen. Du bist schon lange verheirathet und in der Ueber- redungskunst Deines Geschlechtes erfahren, Ulrika. Zwar weiß ich nicht, wie Du'S mit Heinrich hältst, aber wenn Irmengard etwas nach ihrem Sinne haben will, so bedient sie sich verschiedener Mittel und Wege, um ihre Wünsche auch gegen die Neigung ihres Galten durchzusetzen. Heute lächelt sie, morgen ist sie stumm; das eine Mal benimmt sie sich zärtlich, das andere Mal schmollend; besondere Gewandtheit zeigt sie übrigens in Benützung der Augenblicke müßigen Vertrauens, um meinen unvorbereiteten Sinn durch Küsse und Liebkosungen zu überwältigen." „Es wäre nutzlos, Euch sagen zu wollen, baß ich Euch nicht verstehe, Graf von Hartenburg, und so wie ich nicht wünschen kann, den Vorhang Eures häuslichen Lebens zu lüpfen, so muß auch mir daran gelegen seyn, meine eigenen ehelichen Verhältnisse den Blicken der Anmaßung nicht btoS zu stellen. Heinrich und ich, wir beide gehen unsere verschiedenen Wege, je nachdem sie uns recht dünken, ohne daß dadurch — wenigstens hoff- ich eS — die Harmonie des Ehe- bnndeg gestört würde; ich weiß daher nicht viel von dem Einflüsse, den Ihr meint, zu sagen. So theuer übrigens Meta dem Herzen ihrer Mutter ist — und in der That, kein Kind hat je zu süßeren Hoffnungen Anlaß gegeben oder die Liebe einer zärtlichen Mutter mehr verdient"—Ulrika faltete ihre Hände und schlug ihre sanften, blauen Augen zum Himmel auf — „so sehr ich den jungen Berchthold, der ein Sohn meiner theuersten Jugendfreundin ist, schätze, so gerne ich ihre jungen Herzen für immer verbunden sehen möchte durch dar Band der Familien-Eintracht und der ehelichen Liebe, so glücklich cs mich machen würde, wenn ihre lachenden Kinder sich um meine Kniee herdrängten und so dem Abend meines Lebens Ersatz böten für die erkältenden Schauer seines Mittags — ehe ich Euch in einem so unheiligen Entwürfe Beistand leiste und mich auch nur in einem rebellischen Gedanken gegen die Altäre meines Gottes versündige — ja, ehe ich mich durch die Selbstsucht oder durch einen meiner Lieblingswünsche verleiten lasse, zum Kampfe gegen die gefürchtete Macht des Herrn meine Hand zu bieten oder der Kirchen- schändung auch nur ein entschuldigendes Wort zu leihen, wollte ich lieber mit thränenlosem Auge dem Sarge des Mädchens zu Grabe folgen und mein eigenes Haupt an ihrer Seite niederlegen, ohne mich nach jenem ruhigen Heimgang zu sehnen, welchen der Himmel nach des Lebens müder Pilgerfahrt den Redlichen verleiht." 218 Der Graf von Leiningen war betroffen über den Nachdruck, mit welchem seine Gefährtin sprach, denn Niemand besitzt größere Gewalt, als der Sanfte, wenn er sich zum Widerstande erhebt, oder der Gute, wenn er in die Lage kömmt, die Schönheit seiner Grundsätze zeigen zu muffen. Er hatte stchin seiner Erwartung getäuscht; aber obgleich ihm eine innere Stimme sagte, daß er keine weitere Hoffnung hegen durfte, lllrika's Beistand zu gewinnen, sah er sich doch, fast ohne es zu wissen, genöthigt, die edle Frau mehr als je zu achten. Er ergriff die Hand, die sie ihm in Freundschaft darbot, sobald sich ihre Aufregung ein wenig gelegt hatte, und war eben im Begriffe zu antworten, als ein Fußtritt im anstoßenden Zimmer und ein schüchternes Pochen an der Thüre ihn unterbrach. „Herein," rief der Graf, welcher eines der Schloßmädchen draußen vermuthete und froh war, auf diese Weise erlöst zu werden. „Millionenmal Dank für die Ehre," erwiederte Ilse, sich bis auf den Boden verneigend, während sie von der crtheilten Erlaubniß Gebrauch machte. „Es ist das erstemal, daß mir in der Harten- burg so große Gnade zu Theil wird, obschon ich als ein rothbäcki- ges Mädchen, wie unsere Meta, einmal zu Heidelberg in ein Closet gelassen wurde. Da war ich und der selige Bürgermeister, Nlrika'S Vater, und die gute Frau, ihre Mutter — wir waren damals noch jung, und es handelte sich um eine Schmauserei, und wir wollten die Merkwürdigkeiten in dem Palaste des Churfürsten sammt dem großen Fasse ansehen-" „Bist Du beauftragt, mich zu suchen?" unterbrach sie ihre Gebieterin. „Bedarf Meta ihrer Mutter?" „Das läßt sich immer mit Sicherheit behaupten, denn Mädchen von solchem Alter sind wie die Jungen im Neste, Herr Graf, die stets in Gefahr stehen, sich den Hals zu brechen, wenn sie einen unvorsichtigen Flug versuchen, ohne daß ihnen das Beispiel der Alten eben so gut Klugheit als Muth verleiht. Wohl zwanzigmal täglich — ja, vielleicht gar fünfzigmal sage ich zu unserer Meta: 219 ,thue was Du willst, Kind; nur steh zu, baß Du nichts Unrechtes thust.' Ich halte es für unpassend, jungen Gemüthern, so lange ste unschuldig sind, den Kappzaum anzulegen, und daher sage ich, daß Güte ein weit besseres Zuchtmittel ist, als der Zorn, und in dieser verweisenden und vorstellenden Manier, Herr Graf, habe ich sowohl Meta, als ihre Mutter erzogen. Na, da seyd ja ihr Beide in frcundschaflichem Gespräch, als ob ihr Kinder wäret aus der nämlichen Wiege — und Heinrich Frei ist dort draußen und läßt sich den Rheinwein schmecken mit den beiden geistlichen Herrn, die das Schloß infiziren-" „Du wolltest wahrscheinlich frcquentiren sagen, gute Ilse." „Was liegt an einem Worte, Kind? Infiziren oder frequen- tiren sind wohl das Nämliche, wenn man von schmucken, vornehmen Leuten spricht. Ich erinnere mich noch, wie ihr beide jung und schön wart — ein Paar, von dem ganz Dürkheim sagte, daß man es nicht trennen sollte; denn wenn das Eine vornehm war, so war das Andere gut, und war das Eine stark und tapfer, jo war das Andere schön und tugendhaft. Aber die Weise der Welt hat euch auf verschiedene Pfade geführt, und der Himmel verhüte, daß ich etwas gegen Wege sagen sollte, auf denen so Viele dahin wandeln!" „Und Du hast Meta bei denen gelassen, welche das Schloß infiziren, um hieher zu kommen und uns dieß zu sagen?" „Nichts dergleichen. Freilich ließ ich das Mädchen auf einige ihrer müßigen Worte hören, denn ohne Erfahrung kann eine Jungfrau nicht wissen, wann sie eine ungebührliche Freiheit zurückzuweisen hat; aber daß irgend eine Leichtfertigkeit meinem Auge entwischte, wäre eben so unmöglich, als daß der Herr Graf den Limburger Altären nicht die gebührende Achtung erwiese. Nein, ich beklage mich nicht über die vornehmen Fremden, denn während der Herr von Nhodus unserer Meta allerlei höfliche Aufmerksamkeiten erzeigte, unterhielt mich der würdige Abbe mit einer Rede über die lutherische Ketzerei, und ich stehe dafür, obschon er ein 220 Geistlicher ist, so ist er doch nicht schlechter gefahren, weil ich ihm meine Ansicht über den Abtrünnigen mitiheilte! Ah, wir haben gar schön mit einander gesprochen über die Gefahren und Drangsale der Zeit und hätten Wohl viel Belehrung erholen können, wenn nicht der junge Berchthold gewesen wäre, der nach der Art, wie er unter dem Waffenzeug in der Halle herum rumorte, Wohl glauben mochte, er ziehe durch seinen Wald. Alle Anwesenden wurden gestört durch seinen eitlen Vorwand, daß er für des Grafen Morgenbelustigung eine Armbrust suchen müsse — als ob der Herr Graf mit weniger Vergnügen gejagt haben würde, weil in seiner Halle weise Worte gesprochen wurden! Die Hintermaher sind mir lieb und Werth, aber diesem jungen Menschen scheint eS an Respekt vor dem Alter zu fehlen." „Und wo ist mein Kind geblieben?" „Du hast ihr ja die Weisung ertheilt, sie solle dem unglücklichen Lvttchen Grüße bringen, und als ich glaubte, der vielgereiste Ritter habe sein Sprüchlein angebracht, winkte ich ihr, auf daß sie in dem Dorfe ihren Auftrag ausrichte. Das Gespräch mit den ungebundenen Herrn wird ihr nicht geschadet haben, denn nichts reinigt die ächte Tugend mehr, als eine kleine Befleckung durch das Laster — es geht dabei gerade wie mit dem schlechten Metall, das man dem Golde zusetzt, um es hart und für den Umlauf in vielen Händen tauglich zu machen." „Du hast doch nicht Meta ohne Geleite gehen lassen?" „Hast Du je erlebt, daß ich eS an meiner Pflicht fehlen ließ? Dein mütterlich Herz wird so leicht unruhig, wie der Vogel, der ob jedem raffelnden Laube aufflattert. Mir ergeht eS wahrhaftig, nicht so. Ich schickte nach der eitel» Gisela, daß sie ihr Gesellschaft leiste, und flüsterte, ehe sie sich entfernten, unserer Meta angelegentlich zu, sic solle nicht versäumen, aus den leichtfertigen Reden ihrer Begleiterin Belehrung zu ziehen; denn ich stehe dafür, sie spricht auf dem ganzen Wege von nichts Anderem, als von den 221 Galanterien dieser Fremdlinge. Oh, überlaßt es nur der alten Ilse, aus jedem Umstande, der sich zufälligerweise ergibt, den Nutzen der Erbauung zu ziehen; denn noch nie entging mir die Anbringung einer guten Lehre, weil ich die Gelegenheit entwischen ließ, und hier steht Ulrika zum Beweise alles dessen, was ich gethan habe. Ich muß Euch um Verzeihung bitten, Herr Graf, daß ich Euren Förster wcgschickte; aber der junge Mensch ärgerte mich mit seinem Geklapper unter den Schilden und Hakenbüchsen. Damit ihm nun eine heilsame Lehre im Schweigen ertheilt werde, trug ich ihm auf, Meta wohlbehalten nach der Wohnung seiner Mutter zu bringen, indem ich dabei zum Vorwand nahm, daß ein männlicher Arm erforderlich scyn dürfte, um die bellenden Hunde des DörfleinS abzutreiben." „Weiß Heinrich dies?" „Wahrhaftig nein, denn er ist so hoch entzückt von der Ehre, welche Dir der Herr Graf erwies, indem er sich mit Dir einschloß, daß er fast ohne Unterlaß davon spricht und dabei zugleich zum Becher langt. Wenn ein Kind durch eine Person, die eS zuerst in ihren Armen hielt und der noch obendrein die Erfahrung von vierundsieb- zig Jahren zu Gebot steht, so gut besorgt ist, so sehe ich nicht ein, warum man den Vater viel nach seinem Wunsch und Willen befragen sollte." Der Graf hatte mittlerweile so sehr in Gedanken vertieft dagestanden , daß er nur wenig auf die Rede der alten Ilse achtete. Ulrika lächelte über die Worte ihrer Dienerin, wandte sich gegen Emich und bot ihm ihre Hand, worauf alle Drei das Closet verließen. 222 Vierzehntes Kapitel. »Ein sanftes Noth färbt ihre Wangen Und überfliegt dcS Halses Schnee.' RogerS. Die Hütte Lottchens, der Mutter Berchtholds, zeichnete sich vor den anderen Wohnungen des Dörfchens nur durch ihre größere Reinlichkeit und jene bequeme Einrichtung aus, die hauptsächlich von Geschmack und Angewöhnung abhängig ist und selbst durch die Armuth denen nicht verkümmert werden kann, welche unter bessern Verhältnissen erzogen wurden. Sie stand ein wenig seitwärts von der Hauptgruppe der ärmlichen Häuser und besaß neben anderen ausgezeichneten Merkmalen noch den Vortheil einer kleinen Umzäunung, durch welche sie theilweise dem Gaffenlärm entzogen wurde, welcher den meisten Dörfern Europas ihren ländlichen Charakter benimmt. Wir haben schon öfters die Schwierigkeit berührt, durch Ausdrücke, welche zwar den beiden Hemisphären eigen, aber in ihrer Bedeutung so vielen Modifikationen unterworfen sind, genaue Vorstellungen von positiven Dingen oder selbst von moralischen und politischen Wahrheiten zu geben. Was in dem einen Lande als große Bequemlichkeit erscheint, kann man in einem andern für unbehaglich halten, und selbst die beiden höheren Vergleichungsgrade müssen stets unter richtiger Würdigung ihrer positiven Eigenschaften aufgefaßt werden. So hat z. B. der Ausdruck ,iehr schön' keinen klaren Sinn, wenn man nicht über den Begriff des Schönen einig ist, während die Worte Reinlichkeit, Eleganz nnd sogar Größe in ihren eigen- thümlichen Bedeutungen bloß durch die Gewohnheits-Anschauung erklärt werden können. Wenn wir dis Hütte von Lottchen Hintermayer auch nur entfernt einer jener Weißen, reinlichen Wohnungen mit venetianischen Blenden, einem Portikus, vorn einem Grasplatze und hinten einem in der Pracht goldncr Früchte prangenden Garten, während Weiden und Akazien das niedrige Dach beschatte» und das Gesträuch Düfte anshaucht, die nur von einer wohlwollenderen Sonne hervorgelockt werden können — an die Seite setzen wollten, so würden wir unsrem Leser ein Bild geben, das in Europa nirgends eristirt — nirgends: denn in Gegenden, über welche die Natur die Fülle ihres Segens auSgegoffen hat, liegt der Mensch in geistiger Haft, und wo er hinreichend fortgeschritten und frei genug ist, um das Bedürfniß der erwähnten Genüsse zu fühlen, sind sie ihm durch die Kargheit der Natur versagt. In Amerika, aber auch bloß in Amerika, besitzen sogar diejenigen, welchen das Glück nicht freundlich zugelächelt hat, jene Bereinigung von Behaglichkeit, Raum, Abgeschiedenheit und Luxus, welche von den genannten Ursachen abhängen; denn nur bei uns findet man die Gewohnheiten, die zu ihrer Hervorbringung nothwendig sind, in Verbindung mit dem erforderlichen Klima und einer Wahlfreiheit von Material und Land, welche die obgedachte wohnliche Einrichtung auch in den Bereich des Armen stellen. Der Leser wolle sich daher stets diesen Unterschied in der Bedeutung der Ausdrücke vergegenwärtigen, da wir ohne diese Voraussetzung besorgen müßten, von unseren Landsleuten nur wenig verstanden zu werden. Wir haben diese Erörterung für nöthig gehalten, damit sich nicht etwa irgend Jemand geneigt fühle, zwischen dem Dörfchen Hartenburg und einer der älteren Niederlassungen in der Union eine Aehnlichkeit zu suchen, deren Annahme vielleicht die ferne Periode einigermaßen begründen.könnte, obschon sie, wenn die Erzählung in unseren Tagen spielte, kaum die mindeste Haltbarkeit böte. Wie bei allen nördlicheren Nationen richtet sich unter den Deutschen die Reinlichkeit nach ihrem Bildungsgrade, und die Menge kleiner Hauptstädte, die überall hingesät sind und von ihren Fürsten mehr oder weniger verschönert wurden, verleihen diesem Lande im Verhältnisse zur Bevölkerung eine weit größere Anzahl geräumiger. 22L hübscher Plätze, als die meisten anderen europäischen Staaten darbieten; aber wie über den ganzen alten Cvntincnt ist auch hier der Arme wirklich arm. Die kleine Hänsergruppc unter den vorspringenden Basteien HartcnburgS trug den Charakter von Arinuth und Niedrigkeit, welcher säst allen derartigen Dörfchen eigenthümlich ist. Die Wohnungen bestanden aus Gebälk und Lehm, waren mit Stroh gedeckt und hatten Fensteröffnungen, für die in jener Zeit noch kein Glas in Anwendung kam. Wenn wir also von Lottchens wohnlicher Hütte sprechen, so wollen wir damit nicht weiter sagen, als daß sie ver- hältnißmäßig besser war, als die übrigen, und das zugäbliche Verdienst einer makellosen Reinlichkeit besaß. Das Möbelwerk deutete übrigens noch entschiedener auf die frühere Lage der Bewohnerin, denn sie hatte aus dem Schiffbruche, welchen die GlückSverhältniffe ihres Gatten erlitten, noch Manches gerettet, was ihren Augen die früheren glücklicheren Tage vergegenwärtigen konnte — eine jener wehmüthigen Tröstungen im Unglück, welche man gewöhnlich unter Personen findet, deren Sturz durch einige mildernde Umstände gebrochen wurde und die das Zartgefühl und die innige Theilnahme des Beobachters so rührend ansprechen. Aber BerchtholdS Mutter hatte auch noch in anderer Beziehung ein Recht an die Achtung derjenigen, welche über ihre bescheidene Schwelle traten. Wie bereits bemerkt wurde, war sie in früherer Zeit UlrikaS Herzens- sreundin gewesen und blieb durch ihre Erziehung sowohl, als durch ihren Charakter stets der vertrauten Verhältnisses würdig, welches die Bürgermeisterin mit ihr unterhielt. Ihr Sohn hatte außer dem kleinen Gehalt an Geld, den er bezog, das Recht der freien Pürsch für seine Bedürfnisse, und da deutsche Sparsamkeit sie zur Besitzerin einer Garderobe von mehreren Generationen gemacht hatte, so war die achtbare Frau nicht nur keinem eigentlichen Mangel ausgesetzt, sondern auch stets in der Lage, in einer Weise aufzutreten, die mehr mit ihren früheren, als mit ihren gegenwärtigen Mitteln im 225 Winklang stand. Dazu kam noch, daß Mika nie das Jägerthal besuchte, ohne der Bedürftigkeit ihrer Freundin eingedenk zu scyn, lind wenn sie sich durch die Jahreszeit oder sonstige Abhaltungen -gehindert sah, in Person die Pflicht theilnehinendcr Freundschaft zu üben, so wurde oft und vielmal die alte Ilse nach dem Dörfchen entsandt, um die Stelle ihrer rücksichtsvollen Gebieterin zu vertreten. Die Calvalkade von der Abtei aus halte an Lottchens Thüre vorbeiziehen müssen, weßhalb sie sich wohl denken konnte, daß ihr rin Besuch bevorstand. Als daher die blühende, frohsinnige Meta, von der Tochter des Burgwärtels und Berchthold begleitet, in ihr HauS trat, drückte sie keinerlei lleberraschung aus, obschon sie sich im Geheim über das, was sie sah, von Herzen freute. „Deine Mutter?" lautete die erste Frage von den Lippen der Wittwe, nachdem sie die glühende Wange des Mädchens geküßt hatte. „Mein Vater sagt, sie sey mit Herrn Emich eingcschloffen; wenn dies nicht der Fall wäre, würde sie zuverlässig bereits hier seyn. Sie schickt mich, um Dir dies auszurichten." „Und Dein Bater?" fügte Lottchcn mit Nachdruck bei, indem ihr Blick unruhig von Meta nach ihrem Sohne hinüberglitt. „Er läßt sich mit den Zechbrüdern im Schlosse den Rheinwein belieben. Wahrhaftig, Mutter Lottchen, Du mußt das Dörflein sehr unruhig finden, so lange diese schlimmen Gesellen in der Veste sind. Unsere Limburger Mönche sind kaum so durstig, und was ihr albernes Gerede betrifft, so trifft man nicht dergleichen in Dürkheim, obschon es die gute Ilse eine Stadt der Eitelkeit und der Thorheit zu nennen pflegt." Lottchen lächelte, denn sie entnahm aus dem heiteren Blicke ihres jungen Gastes, daß nichts Unangenehmes vorgefallen war. Nachdem sie auch Gisela willkommen geheißen hatte, ging sie in die Hütte voran. „Weiß Heinrich von diesem Besuche?" fragte die Wittwe mit Die Heidcumaucr. 15 peinlich gespannter Erwartung, sobald ihre jungen Gäste Platz genommen hatten. „Ich habe Dir ja gesagt, Lottchen, daß er mit den Fremden über dem Becher sitzt. Hier ist Dein Sohn Berchihold — der ruhelose, ungeduldige Berchihold — er kann Dir am besten mittheilen, Mutter, in welch köstliche Gesellschaft der Bürgermeister von Dürkheim gerathen ist." Meta lachte bei diesen Worten, obschon sie in Wahrheit selbst kaum wußte, warum. Die erfahrenere Wittwe sah in der Heiterkeit ihres jungen Gastes nicht viel mehr, als die übersprudelnde Lebhaftigkeit der Jugend, welche ohne zureichende Gründe ebenso leicht zum Frohsinn, als zum Grame führt; indeß beobachtete sie doch mit Angelegentlichkeit die Züge ihres Sohnes, um daraus zu entnehmen, in wie weit er mit Meta'S Heiterkeit sympathisire. „Da Du Dich auf mich berufst," begann Berchihold, seinen innersten Gedanken Worte leihend, „so muß ich mich dahin aussprechen, daß sich Heinrich Frei im gegenwärtigen Augenblick mit zwei so hoffnungslosen Müßiggängern umtreibt, als nur je welche die Thüren der Hartenburg verdunkelt haben. Wahrhaftig, Bruder Luther hat wohl nöthig, sich für die Kirche zu rühren, wenn derartiges Volk das Gewand derselben trägt." „Von dem plauderhaften, halb geschorenen Abbe magst Du sagen was Du willst, Berchihold," rief Gisela, „aber habe Respekt vor dem Rhodiser, als vor einem unglücklichen Krieger, der eben so artig, als ritterlich ist." „Die Ritterlichkeit will ich Dir nicht anfechten," entgegnete Meta mit Wärme; „aber Du mußt Dich sehr an die rohe Gesellschaft solcher Kumpane gewöhnt haben, wenn Du seine Reden artig nennen kannst." Lottchen hatte die Gesichter der Anwesenden aufmerksam beobachtet, und ihr eigenes Antlitz erheiterte sich bei der Freimüthigkeit und Wärme der letzten Sprecherin. Sie wollte eben dem richtigen Urtheile derselben ein vorsichtiges Lob spenden, als sich draußen ein. 227 leichter Tritt vernehmen ließ und unmittelbar darauf Ulrika selbst eintrat. Die jungen Leute waren zwar viel früher von dem Schlöffe aufgebrochen, hatten aber ungeachtet der nur kurzen Strecke zwischen der Veste un» dem Dörfchen unterwegs so viel.Zeit auf müßiges Lachen oder Pflücken von Blumen am Bergabhange verwendet, daß die alte Ilse recht wohl ihren Erguß über die Art und Weise, wie sie über ihren Pflegling verfügt, hatte erschöpfen können, und die Frau deS Bürgermeisters langte daher in der Hütte an, noch ehe das Gespräch weiter gediehen war. Die Begegnung der beiden Freundinnen war in der gewohnten Weise warm und herzlich. Nach den herkömmlichen Fragen und einigen nichtssagenden Bemerkungen von Seite der Mädchen wurde der jüngere Theil der Gesellschaft unter dem Vorwände fortgeschafft, daß Meta mit ansehen müsse, wie Berchthold die Nester für einige Tauben eingerichtet habe, die seine Mutter von dem Mädchen zum Geschenk erhalten. Gisela ging mit und die beiden Mütter sahen die Entfernung ihrer Kinder nicht ungern, da sie sich ohne Zeugen zu besprechen wünschten; auch wußten sie wohl, wie sehr Zugend und Neigung geeignet sehn würden, vermittelst jener tausend kleinen Abhaltungsgründe, welche die arglose und unschuldige Koketterie der Liebe bilden, ihre Rückkehr zu verzögern. Sobald Nlrika und Lottchen allein waren, blieben sie eine Zeit lang mit verschlungenen Händen sitzen und sahen sich gegenseitig bedeutungsvoll an. „Du hast die schlimme Zeit des Frühlings gut durchgemacht, liebes Lottchen," begann die Erster? mit Innigkeit. „Ich fürchte nicht länger, daß Deine Gesundheit an diesem feuchten Wohnplatze Noth leiden könnte." „Und Du siehst noch so jugendlich und schön aus, wie zu der Zeit, als wir in dem Alter Deiner Meta lachend und gedankenlos auf der Haide der Heidenmauer umherschweiften. Von Allen, die ich je gekannt habe, Ulrike, bist Du sowohl an Gestalt, als Deinem Herzen nach, am wenigsten durch die Zeit verändert worden." 228 Ein sanfter Druck der Hände, die sich sodann losließen, war die stumme Versicherung ihrer wechselseitigen Liebe. „Du findest Meta blühend und glücklich?" „Wie sie es verdient — und Berchthold — ich m«ne, er arte an Gestalt und Kraft seinem Vater nach?" „Er ist ganz, wie ich ihn nur wünschen kann — eine einzige Eigenschaft ausgenommen, meine Freundin, und Du weißt wohl, daß mir diese nur lieb wäre, um Heinrichs Bedenken durch sie beschwichtigen zu können." „Auf die Eigenschaft, die Du meinst, hat mein armes Kind freilich nicht zu rechnen, denn Berchthold besitzt eine viel zu edle Gleichgiltigkeit gegen das Gold, um eS je anzuhäufeu, selbst wenn er könnte. Aber welche Mittel hiezu stünden überhaupt einem geringen Förster zu Gebot, dessen Geschäft einzig darin besteht, sein Jagdgebiet zu durchstreifen, bei festlichen Anlässen in dem Gefolge seines Herrn aufzuziehen, oder dessen Kriege mitzukämpfen?" „Herr Emich schätzt Deinen Sohn und möchte sich ihm, wie ich glaube, gerne huldvoll erweisen. Wenn er Heinrich ernstliche Vorstellungen machte, so wäre wohl noch nicht alle Hoffnung verloren." Lottchen ließ ihren Blick aus die Arbeit sinken, mit welcher ihre Nadel beschäftigt war, denn die Noth ist eine systematische Mahnerin zum Fleiße — und eS folgte eine lange Pause des Nachdenkens. Während übrigens Ulrika die Aussicht erwog, ob es ihr je gelingen dürste, über die Geldliebe und die weltlichen Plane ihres Gatten den Sieg davon zu tragen, vergegenwärtigte sich dem Geiste ihrer Freundin ein ganz anderes Bild. Die Augenlider der letzter» zitterten, und eine heiße Thräne fiel auf die Leinwand in ihrem Schooße nieder. »Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, Ulrika," ergriff sie endlich das Wort — „ob eS wohl recht ist. Dein Glück mit der Last unseres Mißgeschicks zu beschweren. Berchthold ist jung und thätig; eS scheint daher eben so unnöthig, als unbillig, Dich und Meta in unsere Niedrigkeit herabzuziehen. Ich habe längst 229 angelegentlich gewünscht, mich über das Zweckmäßige unserer Handlungsweise mit einer Freundin berathen zu können, die dabei weniger interessirt ist, als Du; aber es ist schwer, über einen so zarten Gegenstand zu reden, ohne Deiner Tochter zu nahe zu treten." „Wenn Dir'S um den uneigennützigsten und weisesten Math zu thun ist, Lottchcn, so benimm Dich mit Deinem eigenen Herzen." „Dieses sagt mir, ich müsse gegen Dich und Meta gerecht seyn." „Ist Dir vielleicht an BerchtholdS Benehmen oder Gesinnung etwas bekannt, was der Aufmerksamkeit einer besorgten Mutter entgangen wäre, die ihr Kind nur mit einem würdigen Manne verbunden zu sehen wünscht?" Lottchen lächelte durch ihre Thränen und sah mit einem Blicke achtungsvoller Liebe zu Ulrika's milden Zügen auf. „Wenn Du UebleS von dem Jungen zu hören wünschest, so mußt Du nicht zu der Mutter kommen, deren einzige Hoffnung er ist. Der verwaiste Knabe ist der einzige Schatz meines Mittwen- standeS, und Du könntest vielleicht von einer Person getäuscht werden, welche ihren Reichthum mit so bestochenem Herzen umfaßt." „Und bildest Du Dir ein, Lottchen, Dein Sohn könne Dir in Deiner Armuth theurer sey», als Meta ihrer Mutter ist, vbschon die Vorsehung unS Reichthum und Auszeichnung verliehen hat? — Du bist in der That durch das Unglück sehr verändert worden und nicht länger das Lottchen meiner jünger» Tage." „Ich will nicht weiter sagen, Ulrike,," antwortete die Wittwe mit gedämpfter Stimme, als werde ihr dieser Vorwurf schmerzlich, „sondern überlaffe Alles dem Himmel und Dir. Du weißt, selbst der Umstand, wenn Berchthold Graf von Lciningen wäre, könnte nichts in meinem und seinem sehnlichen Wunsche ändern, Meta an seiner Seite in bräullichem Schmucke vor dem Altäre zu sehen." Gin fast unmerkliches Lächeln umspielte Ulrika's schönen Mund, denn sie dachte an ihr kürzlichcS Gespräch mit Emich, obschon sich dem flüchtigen Gedanken weder Argwohn noch Unzufriedenheit beimischte. Sie war zu weift, »m die menschliche Natur auf eine allzu schwere Probe zu setzen, und viel zu sanftmüihig, um zu glauben, daß nur das Vollkommene ihre Achtung verdiene. „Wir wollen uns die Dinge überlegen, wie sie sind," antwortete sie, „und »nS nicht mit dem Unmöglichen behelligen. Wärst Du Ulrika und ich Lottchen, so kann Niemand inniger der Ucberzeugung leben, daß unsere Ansichten keinen Wechsel erlitten, als ich. Auf Meta kannst Du bauen, meine Freundin, aber dennoch darf ich Dir nicht bergen, daß ich fürchte, Heinrich werde nie einwilligcn. Sein Sinn ist zu sehr von der sogenannten Gleichheit der Interessen in Anspruch genommen, und es wird in der That schwer sehn, ihn so weit zu bringen, daß er gegen Gold gute Eigenschaften in die Wagschaalc legt." „Und hat er darin so Unrecht? Welche Vorzüge sind an Bercht- hold zu finden, die nicht durch Meta'S gute Eigenschaften mindestens ausgewogen würden?" „Das Glück ist kein Gegenstand des MäckelnS, wie etwa der Werth von Häusern und Ländereien. Er hat Unrecht und ich möchte weinen—o, wie bitterlich habe ich schon beweint! — baß Heinrich Frei sich'« in den Kopf setzen kann, die Wohlfahrt des unschuldigen, arglosen Kindes an die rohen Zufälligkeiten einer engherzigen Berechnung wegzuwerfen. Aber dennoch wollen wir hoffen," fügte Ulrika bei, indem sie ihre Augen trocknete, „und unsere Gedanken einer erfreulicheren Seite zuwenden." „Du sprachst von der Gunst, in welcher mein Sohn bei dem Grafen stehe, und von dessen Wunsch, uns etwas zu Gefallen zu thun?" „Ich kenne kein anderes Mittel, um Heinrichs Starrsinn zu brechen. Er ist zwar in allen Dingen, die seiner Meinung nach in meinen Kreis gehören, freundlich und nachsichtig gegen mich, glaubt aber doch, daß eine Frau die weltlichen Interessen nicht zu beurtheilen vermöge; auch fürchte ich, er kennt seine Gattin zu sehr, um nicht meine Befähigung, gerade in dieser Angelegenheit 231 «in maßgebendes Wort mitzusprechen, besonders niedrig anzuschlagen. ES steht deshalb durchaus nicht zu erwarten, daß ein Zuspruch von meiner Seite eine Aenderung in seiner Gesinnung Hervorrufen werde. Graf Emich jedoch steht hoch in seiner guten Meinung, denn wer die Gunst der Welt werth hält, Lottchen, zollt stets Denjenigen Ehrfurcht, welche sie zufälligerweise in hohem Grade besitzen." Die Wittwe schlug ihre Augen nieder, denn ungeachtet ihres häufigen freundschaftlichen Verkehrs geschah es doch nur selten, daß Ulrika auf die Schwächen ihres Gatten anspielte. „Und Herr Emich?" fragte sie, um dem Gespräche eine andere Wendung z» geben. „Wie ich bereits sagte, ist der Graf nicht abgeneigt, uns Beihülfe zu leisten; ich habe ihm diesen Morgen unsere Wünsche mit- gelheilt und ihn dringend gebeten, uns diesen Liebesdienst zu leisten." „Es ist sonst nicht Deine Sache, vor dem Herrn von Harten- burg als Bittstellerin zu erscheinen, Ulrika," cntgegnete Lottchen, indem sie ihre Augen abermals zu dem Antlitz ihrer Freundin erhob, über deren Wange ein so leichtes Ndolh flog, daß es sich nur wie der Wiederschein irgend einer Hellen Farbe ihres Anzuges ausnahm, während ein noch weniger augenfälliges Lächeln einzig in einem leichten Grübchen erkennbar wurde. Die gewechselten Blicke sprachen zumal von heiteren und wehmüthigen Erinnerungen: die beiden Frauen schienen für einen Moment in dem inhaltschwercn Buche der Vergangenheit zu lesen. „Es war meine erste Bitte," nahm Ulrika wieder auf; „auch kann ich nicht sagen, daß mir die Gunst unbedingt verweigert wurde — aber die Ertheilung derselben ist an eine Bedingung geknüpft worden, die ich unmöglich erfüllen kann." „Sie muß in der That schwer gewesen sehn, wenn sie zuviel war für Deine Freundschaft!" Lottchen sprach dies unter dem plötzlichen Einflüsse eines Gefühls bitter getäuschter Erwartung — ein Eindruck, der bisweile» 232 Such Menschen von festen Grundsätzen für einen Augenblick die Gerechtigkeit vergessen läßt — und Ulrika begriff vollkommen den Sinn ihrer Worte. Der Unterschied in den GlückSverhältniffen, die Hoffnungslosigkeit der armen Wittwe und die ganze Bitterkeit unverdienter Schmach und Armuth, die das herbe Nrtheil einer gedankenlosen Welt über das Unglück auSgießt, traten in einem Srurme schmerzlicher Erinnerungen, rasch auf einander folgend, vor LottchenS Seele. „Ich will das Urtheil Dir selbst anheim geben, Lottchen," lautete die ruhige Erwiederung, „und wenn Du mich angehört hast, so verlange ich von Dir eine unverhohlene Antwort; ja ich beschwöre Dich sogar bei unserer langen, treuen Freundschaft, die noch nie durch eine Wolke getrübt wurde, mir Deine Seele offen zu enthüllen, nicht einen einzigen Gedanken zu bemänteln und selbst den verborgensten Deiner Wünsche mir ohne Schminke mitzuthcilen." „Du brauchst nur zu sprechen." „Hast Du nie Argwohn geschöpft, daß die kriegerischen Vorbereitungen in der Veste und die Anwesenheit gewaffneten Volks in Limburg auf etwas Schlimmes abzielen?" „Beides deutet auf Krieg; aber der Churfürst ist schwer bedrängt, und eS ist schon lange her, daß sich Deutschland eines völligen Friedens erfreuen darf." „Ganz recht; aber Deine Muthmaßungen müssen sich doch über diese allgemeine Ansicht hinaus erstreckt haben." Die Miene der Ueberraschung in LottchenS Antlitze überzeugte Ulrika, daß sie im Jrrthum befangen gewesen sey. „Und Berchthold? Hat er nichts von den Absichten seines Gebieters gesagt?" fuhr die Letztere fort. „Er spricht, wie die Meisten in seinen Jahren, von Schlachten und Belagerungen; auch legt er oft den Harnisch seines Großvaters an, der in jenem Gemache rostet. Wir sind zwar nicht ritterlichen Ranges, aber Du weißt, daß wir in unserer Familie Krieger hatten." „Ist er nicht gegen Limburg erbittert?" „Ja und nein. Ich bedaure, sagen zu müssen, daß das ganze Jägerthal nicht am besten auf die Mönche zu sprechen ist, und daß der Kuhhirte Gottlob, Berchtholds Milchbruder, die Flamme auch in meinem Sohne anzufachen sich müht." „Diese Flamme hat nicht in dem Hirten, sondern in dessen Gebieter ihren Ursprung. Alles, was Gottlob sagt, ist nicht bloS eine flüchtige Andeutung des Grafen." „Aber doch hat erst gestern Nacht zwischen dem Abt und dem Grafen in der Veste droben ein Zechgelag stattgefunden." „Dein tugendhafter Sinn ist zu blind gegen das, was vor Deinen Augen vorgeht, theures Lottchen. Der Graf von Harten- inrg schmiedet Anschläge zum Umsturz der Abtei-Altäre und hat mir erst heute betheucrt, wenn ich meine» Gatten für seine Wünsche gewinnen wolle, so werde er allem seinem Einflüsse aufbieten, um Berchthold und Meta glücklich zu machen." Lottchen vernahm diese Eröffnung mit dem stummen Erstaunen der arglosen Sanftmuth, wenn sie zum erstcnmale von den kühnen Anschlägen wagehalsigen Ehrgeizes Kunde erhält. „Das wäre ja Kirchenschändung!" rief sic mit Nachdruck. «Und wir müßten die Altäre Gottes entweihen, um unsere Wünsche zu fördern." Es trat eine Pause ein. Lottchen erhob sich jetzt mit einer Leichtigkeit von ihrem Stuhle, daß es ihrer aufgeregten Freundin vorkam, als sey ihre Gestalt durch übernatürliche Mittel gewachsen, erhob ihre Arme und ergoß sich in folgende Worte: „Ulrika, Du kennst mein Herz — Du, wenn auch nicht dem Blute, so doch der Liebe nach meine Schwester — Du, vor der ich keinen kindischen Gedanken verbarg, kein mädchenhaftes Gefühl geheim hielt — Du, gegen die mein Geist nur ein Spiegel Deines eigenen war, in dem sich alle Deine Wünsche und Empfindungen zurückwarfen — Du weißt auch recht gut, wie theucr mir Berchthold ist, und kannst mir da« Zeugniß geben, daß, als der 234 Himmel seinen Vater zu sich rief, allein die Liebe einer Mutter mich im Leben zurück hielt. Um seinetwillen habe ich alle Trübsal mit Ruhe ertragen; ich lächelte, wenn er lächelte, freute mich in dem Frohsinn seines JugcndmutheS und will für ihn sterben, wie ich für ihn gelebt habe. Du weißt, Nlrika, daß mich meine eigene jungfräuliche Neigung nicht mit größerem Entzücken und Vertrauen erfüllte, als die Entwickelung von Berchtholds Liebe zu Meta; aber dennoch erkläre ich Dir hier im Angesichte Gottes und Seiner Werke, daß ich lieber jedes Erdenleid willkommen heißen und vor keiner Demüthigung zurückbeben will, che ein rebellischer Wunsch meines Innern Graf Emich in einer derartigen Handlung unterstützen soll!" Bleich, zitternd und erschöpft von der ungewöhnlichen Anstrengung sank das fromme Lottchen wieder auf ihren Sitz zurück. Sie hatte zwar nie die seltenen Reize ihrer Freundin besessen, und was noch von der Zeit verschont geblieben war, trug die grausamen Spuren des GramS und der Sorge; aber wie Berchtholds verwittwete Mutter jetzt so dasaß, das Antlitz leuchtend von begeisterter Ehrfurcht gegen die Gottheit und das Herz bis zun, Zerspringen überladen, glaubte Nlrika nie ein schöneres Wesen gesehen zu haben. Ihre eigenen Augen strahlten vor Entzücken, denn in jenem Momente geistiger Erhebung war auch ihr jeder Gedanke an weltliche Interessen entschwunden, und sie wünschte aus dem Grunde ihrer Seele, der Graf von Hartenburg möchte Zeuge sepn können von dem Triumphe, welchen hier edle Gesinnung über die Selbstsucht feierte. Ihre eigene Weigerung war zwar — eine natürliche Frucht des schönen Einklangs der Gemülher—der Gefühlsäußerung ihrer Freundin in Worten und Geberdung sehr ähnlich gewesen: sie schien ihr aber doch jetzt allen Verdienstes baar zu sepn; denn was war die einfache Ablehnung einer reichen Frau in Vergleichung mit der edlen Bereitwilligkeit einer armen Wittwe, in einer Schmach zu beharren, die sie bereits so bitter empfunden hatte! „Ich habe von Dir nicht weniger erwartet, Lottchen," sagte 235 Ulrika, sobald ihr die Aufregung zu sprechen gestaltete. „Eine geringere Neußerung Deines Gefühls wäre Deiner unwürdig, eine stärkere aber kaum möglich gewesen. Wir wollen nun von andern Dingen sprechen und der Macht des hehren Wesensvertrauen, dessen Majestät bedroht ist. Hast Du die Heldenmauer noch nicht besucht?" Trotz des aufgeregten Zustandes ihrer Gefühle, die jedoch bald wieder zu der gewohnten Ruhe zurüekkehrten, entging doch Lottchen die Veränderung in dem Benehmen ihrer Freundin und das leichte Beben der Stimme nicht, womit Ulrika die letzteren Worte sprach. „Das Wohlwollen des Klausners gegen Berchthvld und der Ruf seiner Heiligkeit führten mich dahin. Ich fand in ihm einen Mann von sanfter Rede und großer Weisheit." „Hast Du ihn genau in'S Auge gefaßt, Lottchen?" „Nicht anders, als wie eine Büßerin ihren Tröster betrachtet." „Ich wollte. Du wärest achtsamer gewesen." Die Wittwe blickte ihre Freundin überrascht an, senkte aber alsbald ihre noch immer mit Thräncn gefüllten Augen wieder zu ihrer Arbeit. ES folgte eine kurze peinliche Pause, denn jede von den beiden Freundinnen fühlte, daß nicht das gewöhnliche volle Vertrauen zwischen ihnen herrschte. „Scheint er Dir verdächtig, Ulrika?" „Er, ein Reuiger oder Büßender? — gewiß nicht!" „Mißbilligst Du die Ehrfurcht, welche ihm von der ganzen Umgegend erwiesen wird?" „Du magst Dir daraus ein Urtheil bilden, Lottchen, wenn ich Dir sage, daß ich Meta erlaube, sich bei ihm Raths zu erholen." Lottchen zeigte noch größeres Erstaunen, und es trat eine längere, beengendere Pause ein. „Du hast schon lange nicht mehr eines Namens gegen mich erwähnt, gutes Lottchen, der sich so vft und so warm in unsre Gespräche mischte, als wir noch Mädchen waren." 236 -YMN'-M,'.' Die Zuhörerin ließ in höchster Ueberraschung ihre Arbeit sinken und schlug ihre Hände zusammen. „Du glaubst also, daß—?" rief sie plötzlich aus. Ulrika neigte das Haupt, als wolle sie die Leinwand betrachten, obschon sie in Wahrheit dieser Geberde sich kaum bewußt war, und ihre ausgestreckte Hand zitterte heftig. „Ich habe mir'S bisweilen gedacht," antwortete sie in leisem Flüstertöne. Ein heiteres Lachen, wie eS gerne dem Frohsinn der Jugend entquillt, ließ sich jetzt an der Thüre vernehmen und Meta trat, von Berchthold und der Tochter des BurgwärtclS begleitet, in das Gemach. Bei dieser Unterbrechung erhoben sich die Freundinnen und zogen sich in ein inneres Zimmer zurück. Fünfzehntes Kapitel. »Ich bitte, theureS Weib und edle Tochter, Macht meiner rauhen Sache ebne Bahn." König Hcindich IV. Ungefähr eine Stunde, nachdem Ulrika und Lottchen auf die im letzten Kapitel erwähnte Weise verschwunden waren, sah man Heinrich Frci'S Gesellschaft auf dem Wege nach der Stadt durch das Jägerthal und unter dem Limburger Berge hinrcitc». Vier leicht bewaffnete Knechte des Grafen schloffen sich dem Zuge an und bildeten dem Anscheine nach eine Ehrengarde des Bürgermeisters, obgleich im Grunde ihre Begleitung bloS eine Schutzmaßregel war, im Falle der gedachte Würdenträger einigen Streifzüglern von der Klostermannschaft begegnete, die sich beleidigende Handlungen erlauben konnten. Wenn sich der Leser noch erinnert, daß der Pfad auf Rufweite an den Klostergebäuden vorbeisührte, so wird er begreifen, daß diese Vorsorge nicht ganz unpassend war. 237 Während die Thiere unter den gewaltigen Thürmen und weiten Dächern, die man sogar von der tiefen Schlucht auS sehen konnte, vorbei trabten, wurde Heinrichs Gesicht, das schon beim Einreiten durch das Hartenburger Thor ungewöhnlich gedankenvoll gewesen war, noch ernster, und Meta, die wie gewöhnlich auf seinem Hintersattel ritt, hörte ihn etlichemal schwer aufathmen — ein untrügliches Zeichen, daß der geistige Theil ihres würdigen Erzeugers in chanz außerordentlicher Thätigkeit begriffen war. Ein derartiger Schatten war jedoch nicht allein auf dem Gesichte des Bürgermeisters bemerklich, denn ein tiefer, gedankenvolles Düster umwülkte auch das schöne Antlitz seiner GaHin, während die Züge der blühenden Meta jene Art ernster Ruhe verrieth, welche so gerne auf hohe Aufregung folgt — ein Moment, in welchem der Geist augenscheinlich in Prüfung der Vergangenheit begriffen ist, als wolle er den Werth oder Nnwerth des kürzlich genossenen Vergnügens zergliedern. Von allen Heimkehrenden war nur die alte Ilse noch in der Stimmung, in welcher sie auSgezogen war — selbstzufrieden, unbewegt und schwatzhaft. „Graf Emich muß Dir'S nicht zu Gefallen gemacht haben, Vater," sagte Meta rasch, als ihr ein Athemzug, den man bei einer weniger fleischlichen Natur Seufzer genannt haben würde, Grund zum Glauben gab, das Innere des Bürgermeisters kämpfe mit irgend einem bitteren Aerger — „denn sonst müßtest Du heiterer und mehr aufgelegt seyn, mir Deinen väterlichen Rath zu ertheilen: ist es doch sonst so Deine Gewohnheit, wenn wir miteinander auf dem Sattel sitzen." „Die Gelegenheit soll nicht versäumt werden, Mädchen, und jene Nbteimauern zeigen sich gerade in rechter Zeit, um mein väterliches Gedächtniß zu spornen. Du bist übrigens im Jrrthum, wenn Du meinst, die Seele des Herrn Grafen und die meinige seyen minder fest an einander geknüpft, als die von David und Jonathan. Lch kenne keinen Menschen, den ich mehr liebte, und unter dem Adel 238 achte ich ihn am meisten — natürlich den Kaiser und den Churfürsten ausgenommen, welchen pflichtmäßig der Vorrang gebührt." »Das ist mir lieb, denn ich mache gerne einen solchen luftigen Ritt unter die Berge, namentlich, wenn es einen Besuch in Lottchens Wohnung gilt." Heinrich pustete hörbar und setzte, nachdem er eine Weile stumm fortgeritten war, das Gespräch fort. „Meta," sagte er, „Du trittst nun in das Alter der Jungfrau, und es ist an der Zeit, Deinen jugendlichen Sinn in einer Weise zu befestigen, daß er es mit der Hinterlist und Bosheit der Welt aufnehmen kann^ DaS Leben ist ein sehr unsicheres Gut, namentlich für den Tapfern und Unternehmenden, und wir leben in gefährlichen Zeiten. Wer heute in vollem Glanze, geehrt und angesehen auftritt, ist vielleicht morgen oder — um die Anspielung uns noch näher zu rücken — schon heute Abend niedergesäbelt. Ja, Dein eigener Vater ist so sterblich, wie das nächste beste kriechende Gewürm oder gar wie der werthloseste Lumpenkerl in der Pfalz, der sein Vermögen, vielleicht den sauer erworbenen Sparpfenning eines betriebsamen Vaters — in üppiger Schwelgerei verthut." „Das ist wahr, Vater," entgegnete das Mädchen, welches, obschon sonst an die spießbürgerliche Moral ihres Erzeugers gewöhnt, den Herrn Bürgermeister nie mit so geringer Achtung von sich selbst hatte sprechen hören; sie redete darum nur in gedämpftem Tone, als ob das Nachdenken über diese plötzliche Demuth einen niederschlagenden Eindruck auf ihr eigenes Würdegefühl geübt habe. „Wir sind nicht besser, als der ärmste Dürkheimer, und kaum so gut, als das arme Lottchen und Berchthold." Ein noch stärkeres Gebläse bekundete Heinrichs Mißvergnügen. „Bleib mir mit diesen ehrlichen Leuten vom Halse," antwortete er; „da jedermann für seine eigene Person in den Himmel oder in die Hölle kommen muß, so überlaß es Lottchen und ihrem Sohne, das ihnen von der Vorsehung zugetheilte Schicksal hinzunehmen. 239 Wir unsrerseits haben es jetzt mit sehr wichtigen und bedeutungsvollen Familien-Angelegenheiten zu thun, und da ich Dir ernste Vorstellungen zu machen Willens bin, Kind, so fordre ich Dich auf, mir die angelegentlichste Aufmerksamkeit zu schenken. Zugegeben ist, daß ich sterblich bin — Du darfst überzeugt seyn, Meta, daß ich dies nicht so leichthin und ohne Noth einräume — und als nothwendige Folge ergibt sich daraus, daß Du als Waise Zurückbleiben wirst, wenn ich Dir früher oder später entrissen werde. Dieses große Unglück aber kann uns beide weit eher befallen, als Du Dir denkst, denn ich muß Dir wiederholt bemerken, daß wir in gefährlichen Zeiten leben, und hitzköpfige Tapferkeit kann Jeden stündlich mit einem frühzeitigen Ende bedrohen." Meta'S runder Arm klammerte sich nachdrücklicher an den Leib des Bürgermeisters an, der diesen sanften Druck als einen Beweis der Angst nahm, welche die Tochter wegen seines mnthmaßlichen Endes fühlte. „Warum sprichst Du so, Vater," rief fie, „da Du doch weißt, daß es nur uns beide unglücklich machen kann! Ich bin zwar noch jung, aber doch ist mir vielleicht von dem Schicksal beschieden, zuerst zu sterben." „Wohl möglich, aber nicht wahrscheinlich," erwiederte Heinrich mit melancholischer Miene. „Wenn'S nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur geht, so wird an mich sogar noch vor Deiner Mutter die Reihe kommen, da ich zehn gute Jahre älter bin, und was Dich angeht, so fürchte ich sehr, daß Dich eines TagS das Unglück trifft, als Waise Zurückbleiben zu müssen. Nur Gott ist bekannt, wohin die Zwiste, die uns jetzt bedrängen, noch führen werden, und ich halte es deshalb für weise, die geeigneten Vorbereitungen zu treffen. Wann immer die Scheidestunde kommen mag, Meta, so wird Dir nur ein kläglicher Begleiter für eine Person von so zartem Alter und so geringer Erfahrung Zurückbleiben." „Vater!" '> ' 240 „Ich meine das Geld, Kind, das je nach Umständen ein Segen oder ein Fluch ist. Würde ich plötzlich abgcrufen, so dürftest Du darauf zählen, viele müßige und liederliche Werber um Dich zu habe», die bei ihren Bärten schwüren. Du sehest ihnen theurer, als die Luft, die sie athmen, während in Wahrheit ihr einziger Wunsch darauf hinausgienge, einen Blick in die Verlassenschaft des seligen Bürgermeisters zu thun. Für eine Person von Deiner Mittelstellung ist eS schwer, eine glückliche Heirath zu machen, denn während Dir Mangel an Geburt die Thüren der Schlösser und der Paläste verschließt, geben Dir Deine Mittel ein Recht, weit über den bloßen Bürgersmann hinauszusehen. Es wäre mir gar lieb, einen jungen Menschen von schönen Aussichten, der kein Verschwender ist, zum Schwiegersohn zu haben." „Der wird sich nicht so leicht finden lassen, guter Vater," ent- gegnete Meta lachend, denn nur wenige Mädchen von ihren Jahren hören ohne eine nervöse Gereiztheit, welche leicht den Anschein von Frohsinn gewinnt, auf Entwürfe und Pläne, die ihre künftige Versorgung betreffen; „denn mir scheint die Welt nur aus Personen zu bestehen, welche erwerben, und andere, welche vergeuden." „Aus Weisen also und aus Narren. Aber bei asten Verheirathungen von Mädchen in Deiner Stellung kommen gemeiniglich drei Hauhterforderniffe in Betracht, ohne welche nicht leicht auf Glück oder auch nur auf Alltagsrespekt zu hoffen ist. Erstlich gehören hieher die Mittel zu einem ordentlichen Auskommen, zweitens die Zustimmung und der Segen der Aeltern, drittens die Gleichheit des Standes." „Ich meine, Vater, Du hättest auch etwas von Geschmack und Neigung sagen sollen." „Das sind Einbildungen, Kind, die jede Grille ändern kann. Betrachte jenen Bauern, der die Weinberge der Abtei versorgt — meinst Du, er seh bei seinem Glase säuern Weines weniger glücklich, als wenn er den besten Rheinwein aus dem Klosterkeller hinuntergießen 241 dürfte? Und dvch unterliegt cS keinem Zweifel, der Kerl würbe wenn man ihm die Wahl ließe, bereitwillig schwören, daß kein anderer Tropfen als achter Hochheimer über seine Lippen kommeil solle! Mit lauter Phantasieen kann sich der Mensch elend machen, wenn er seinen Sinn auf eine andere Lebensweise setzt; aber betrachtet man die Stellung dieses Weingärtners von dem Standpunkte eines nüchternen GewerbfleißeS, so kann es keinen zufriedeneren Menschen geben, als ihn. Ach, wie oft habe ich nicht, wenn Aerger und Verluste meinen Geist schwer bedrückten, diese Schlingel um ihr Glück beneidet!" „Du möchtest also Deine Stellung gegen die eines Weingärtners vertauschen, Vater?" „Was fällt Dir ein, Dirne — meinst Du, es gebe keine Ordnung und Schicklichkeit auf der Welt? — Doch eben dies führt mich auf die Hauptsache. ES ist heute von einem einfältigen — um nicht zu sagen anmaßenden Vorschlag die Rede gewesen: der junge Berchthold Hintermaper wünsche nämlich seine Armuth mit Deinen Mittel» zu paaren." Meta senkte verschämt das Haupt, und der Arm, welcher den Leib ihres Vaters umfaßt hielt, zitterte merklich. „Ich zweifle, ob Berchthold je daran gedacht hat," antwortete fie mit einer Stimme, die kaum lauter klang, als ihre sehr vernehmlichen Athemzüge. „Desto besser für ihn, denn ein derartiger Wunsch wäre eben so unvernünftig, als wenn Du auf eine Verbindung mit Graf Emichs Erben rechnen wolltest." „Nsin, dieser thörichte Gedanke ist mir nie in den Sinn gekommen," rief Meta freimüthig. „Nur um so besser, Mädchen, denn der Graf von Harteuburg hat den jungen Menschen schon seit Jahren verlobt. Na, da wir einander so gut verstehen, so überlaß mich meinen Gedanken; denn gar wichtige Dinge liegen mir gegenwärtig auf dem Herzen." Die Heidemnaucr. 46 242 Nach diesen Worten nahm Heinrich eine Haltung des Nachdenkens an, denn er war völlig zufrieden mit der väterlichen Lehre, die er eben seiner Tochter ertheilt hatte. In den wenigen unbestimmten Aeußerungcn übrigens, welche Heinrich Frei hatte fallen lassen, fand Meta für den Nest ihres Rittes hinreichenden Stoff zu unerfreulichen Bermuthungen. Während des Gesprächs zwischen Heinrich Frei und Meta fand gleichfalls eine Unterhaltung zwischen Ulrika und der alten Magd auf ihrem Hintersattel statt. Ilses Redseligkeit und die oft erprobte Nachsicht ihrer Gebieterin gaben der Erster-» Anlaß, das Schweigen zu unterbrechen, sobald sie das Dörfchen im Rücken hatten und die übrige Gesellschaft weit genug voraus war, um ihrer Zunge keinen Zügel mehr anzulegen. „Ja, das muß ich sagen, heute ist doch in Wahrheit ein Tag gewesen," rief die Magd. „Zuerst hatten wir die Frühmesse in Dürkheim, dann die scharfe Predigt des Pater Johann nebst dem Amt in der Abtei, und endlich das herablassende Benehmen des Grafen Emich! Ich glaube nicht, gute Frau, daß Du je zuvor den Bürgermeister so hoch hast anSzeichncn sehen." „Du weißt wohl, Ilse, daß er bei dem Herrn von Hartenburg stets sehr in Gnaden stand," entgegncte Ulrika in einer Weise, als sehen ihre Gedanken mit ganz andern Dingen beschäftigt. „Wollte Gott, sie wären im gegenwärtigen Augenblicke weniger freundlich gegen einander." „Ei, Du läßt damit Deinem Gatten schlechte Gerechtigkeit widerfahren. Es ist ehrenvoll, von denen geehrt zu werden, welche die Welt wiederum ehrt, und Du solltest wünschen, daß sich der Bürgermeister der Gnade aller solcher Personen zu erfreuen hätte, und wenn der Kaiser selbst darunter wäre. Doch Du bist schon als Kind immer so besonder gewesen, und ich sollte eine Gemüths- art nicht zu hart beurtheilen, die auch ihren guten Grund hat, da sie so zu sagen von der Natur kömmt. Ach, der Himmel ist stets 243 gütig gegen die Rechtschaffenen! Wie glücklich ist nicht Dein Leben, Ulrika. Du kannst hier vor Allen, die ehedem Deines Gleichen waren, als die Frau eines Bürgermeisters anfziehen, und ich mochte eS keinem Lnmpenkcrl ralhen, zwischen dem Thor von Dürkheim — oder vielmehr zwischen Deiner eigenen Thüre und der Veste von Härtend,irg mit bedecktem Haupte dazustehen, während Dein Nößlein vorbeitrabt. Das nenne ich mir ein Glück! Außerdem haben wir auch den wackeren Heinrich zum Herrn, der besser als irgend Einer in der Stadt die Leute in gehörigem Respekt zu erhalten vermag, und dann unsre Meta, welche unstreitig die Schönste und Klügste unter allen ihren AlterSgenosstnuen ist. Was endlich Dich selbst betrifft, so bist Du kaum weniger blühend, als vor Alters, und erfreuest Dich einer Gesundheit und eines zufriedenen Sinnes, wie ste selbst dem Wittwenstande ihre Bitterkeit benehmen könnten. Ach, welch' ein Leben ist Dir zu Theil geworden!" Ulrika schien sich, während die alle Ilse also ihre Ehren und ihr Glück pries, aus einer tiefen Träumerei aufzuraffen, und ein langer, zitternder Seufzer entquoll unwillkürlich ihrer Brust. „Ich beklage mich nicht über mein Geschick, gute Ilse." „Wenn Du das thätest, so ließe ich das Thier Halt machen, um hurtig absteigen zu können, denn aus einem Ritte mit einer so gotteslästerlichen Person dürste man sich nicht viel Gutes versprechen. Nein, Dankbarkeit geht nach der Demulh allen anderen Tugenden voran, denn durch Demuth gewinnt man Gnaden, die ihrerseits wieder die rechtmäßigen Eltern der Dankbarkeit sind. Ich wollte, Du haltest meiner letzten Beichte anwohnen können, Ulrika; Du würdest dann gehört haben, wie ganz besonders verfängliche Fragen aufs Schärfste erörtert wurden. Pater Johann war zufälligerweise im Beichtstuhl, und nachdem ich das Bischen, was ich zu bekennen wußte — denn obgleich, wie alle Menschen, eine große Sünderin, so kann ich mich doch in meinem dreiundstebenzigsten Lebensjahre nicht mehr viel gegen den Himmel verfehlen — vorgebracht 24L hatte, kamen wir auf die Kirchenlehre zu sprechen. Der Herr Pater behauptete, auch die Besten von uns könnten in einer Weise fallen, daß sie die Verdammniß verdienten, während ich doch darauf hätte schwören wollen — wenn anders das Schwören an einem solchen Plahe schicklich wäre — der selige Prior (und einen besseren hat nie Limburg besessen) habe stets die tröstliche Versicherung gegeben, das Heil sey sicher, wenn man sich nur redlich darum abgemüht habe. ES wundert mich nicht, daß man allenthalben von nichts als von Ketzereien hört, wenn die Geistlichkeit alte und schwache Personen in dieser Weise entmnthigt." „Du verweilst nur gar zu gerne bei Spitzfindigkeiten, gute Ilse; ein demüthigerer Glaube würde Deiner Stellung weit besser anstehen." „Und was «erstehst Du unter dieser Stellung, die mich hiezn unpassend machen sollte? Bin ich nicht alt — und kann Jemand besser sagen, was Sünde ist oder nicht? Hast Du selbst auch gewußt, Kind, was man unter Unrecht versteht, ehe ich Dich'S lehrte? Bin ich nicht sterblich und deshalb schwach? Bin ich nicht ein Weib und deshalb forschbcgierig — bin ich nicht alt und deshalb erfahren? Nein, komm nur zu mir, wenn Du erfahren willst, worin eine rechte Sünde besteht — ich meine eine Sünde, die ganz besonders der Gnade bedürftig ist!" „Nun, wir wollen das bewenden lassen. Ich möchte Dich übrigens an längst vergangene Tage erinnern, Ilse, und in einer Sache, die mich nahe angeht, bei Deiner Erfahrung Nath suchen." „Dann wird sich's wohl um Meta handeln, denn nichts Andres kann eine Mutter näher berühren!" „Du hast theilweise Recht, denn ich will von Meta — überhaupt von uns Allen sprechen. Du bist schon mehr als ein Mal mit unsrem Mädchen auf der Heidenmauer gewesen, um den frommen Einsiedler zu besuchen?" „Du darfst wohl sagen, mehr als einmal, da ich de» mühsamen 243 Weg zweimal gemacht habe, und nur Wenige von meinen Jahren würden bei der Anstrengung so leicht weggekommen sein." „Und was spricht man in der Gegend von dem heiligen Manne — ich meine von seinem Herkommen und seiner Geschichte?" „Man erzählt sich allerlei und darunter viel Gutes und Erbauliches. Man meint, ein Segen von ihm sey so gut, als zwei aus der Abtei; denn über ihn weiß man nichts Schlimmes, während über die Limburger gar Manches im Umlauf ist, was besser nicht wahr wäre. Ich für meine Person, Nlrika — und ich behandle dergleichen Dinge nicht bloS obenhin — ginge mit einer größeren inneren Tröstung von hinnen, wenn mich der fromme Klausner nur ein einziges Mal mit der Hand berührte, als wenn ich von allen Limburger Mönchen mit Schlägen beehrt würde. Nur den Pater Arnolph will ich davon ausnehmen, der, wenn er auch kein Klausner ist, doch um seiner Tugenden willen einer zu seyn verdient. O! das ist ein Mann! Man kann ihm mit Recht nachsagen, daß er nie ein anderes Getränk genieße, als Wasser aus der Quelle, und nie andere Nahrung zu sich nehme, als steinhartes Brod." „Hast Du den Mann auf der Heidenmauer auch gesehen?" „Für mich ist es zureichend gewesen, seine Hütte im Gesicht zu behalten, denn ich gehöre nicht unter Diejenigen, welche das Gute, das sie besitzen, gleich aufbrauchen. Ich habe den heiligen Mann nie mit Augen gesehen, weil ich mir diese Wohlthat für eines der schlimmen Nebel, welche uns im Alter zuzusetzen pflegen, Vorbehalten möchte. Wenn aber eine von den Herbstkrankheiten über mich kommt, sollst Du sehen, wie ich ihn aufsuchen will." „Ilse, Du erinnerst Dich vielleicht noch der Tage meiner Kindheit und kennst die meisten Ereignisse, welche sich seit so vielen. Vielen Jahren in Dürkheim zugetragen?" „Ich weiß nicht, was Du Kindheit nennst; aber wenn Du damit den ersten Schrei Deiner schwachen Stimme oder den ersten 2-16 Blick Deines blinzelnden Auges meinst, so erinnere ich mich daran noch so gut, wie an die gestrige Vesper." „Und Du hast die Jünglinge und Mädchen nicht vergessen, die damals an unser» Belustigungen Theil nahmen und zu ihrer Zeit so frohsinnig waren, wie wlr'S noch heutzutage an der Jugend sehen?" „Nennst Du das Frohsinn? Ei, die jungen Leute sind heutzutage nichts als gedungene Leidträger, wenn man sie mit denen in meiner Jugend vergleicht. Wer in den letzten fünfzig Jahren geboren ist, weiß nur wenig von Frohsinn und Heiterkeit. Wenn Du erfahren willst-" „Hievon können wir zu einer passenderen Zeit sprechen. Aber wenn Dein Gedächiniß so klar ist, so mußt Du Dich »och des jungen Herrn von Ritlerstein erinnern, der vordem in dem Hause meines Vaters so wohl gelitten war." Ulrika sprach nur leise; aber die ruhige Bewegung des ThiereS, das sie ritten, ließ jedes Wort an das Ohr ihrer Begleiterin gelangen. „Ob ich mich OdoS von Ritterstein erinnere?" rief Ilse. „Bin ich denn eine Heidin, daß ich ihn oder sein Verbrechen vergessen haben sollte?" „Der arme Odo! Wie ich höre, hat er jenes Vergehen in der Verbannung bitterlich bereut, und so wollen wir hoffen, daß er Vergebung gefunden habe." „Von wem — vom Himmel? In Deinem Leben nie, Ulrika, kann ein solches Verbrechen Gnade finden. Wie Alle im Jägerthal wohl wissen, wird es gerade heute Nacht zwanzig Jahre, daß er die That verübte, und um seinetwillen wurden in der Abteikapelle zahllose Messen und Exorzismen gesprochen. Für was hältst Du denn den Himmel, daß Du glauben magst, er könne eine derartige Uebertre- tung vergessen?" „Es war eine schwere Sünde!" antwortete Ulrika schaudernd, denn obgleich sie den Wunsch verricth, dem muthmaßlichen Büßer 247 das Wort zu reden, so behauptete doch der Abscheu über sein Vergehen in ihrer Seele die Oberhand. „ES war eine Lästerung gegen Gott und ein Schimpf für die ganze Menschheit. Er mag zusehen, sag' ich, denn seine Seele schwebt in grausamer Gefahr!" Die Frau des Bürgermeisters antwortete nur mit einem schweren Seufzer. „Ich kannte den jungen Odo von Niltcrstein gut," fuhr Ilse fort; „aber vbschon er dem Aeußcren nach nicht übel begabt und für Alle, die gerne auf eine Honigzunge hörten, von sehr verführerischer Rede war, so kann ich mich doch rühmen, beim allerersten Anblick sein innerstes Wesen durchschaut zu haben." „Dir war ein schreckliches Geheinmiß bekannt!" sagte Ulrika in halbem Flüstertöne. „Für eine Person von meinen Jahren und von meiner Erfahrung war cS kein Geheimnist. Was sind ein hübsches Gesicht, eine adelige Geburt, eine freie Miene und ein dreistes Auge für ein Weib, die ihre Gelegenheiten gehabt und lange gelebt hat? Nein, nein — ich konnte in der Seele des jungen Odo lesen, wie der Priester sein Meßbuch liest — das heißt, mit halbem Blicke." „ES ist überraschend, daß eine Person von Deiner Stellung ihn so schnell und so gut durchschaute, während doch die Meisten sich ihn nicht erklären konnten. Du weißt, er stand lange in Gunst bei meinen Eltern?" „Ja, und bei Dir, Ulrika, und dies beweist nur, wie verschieden das Urthcil der Menschen ist. WaS mich betrifft, so habe ich mich keinen Tag — ja nicht eine Stunde in seinem Charakter getäuscht. Was kümmerte mich sein Name? Die Leute sagten zwar, er habe Kreuzfahrer unter seinen Ahnen gehabt, und Edle seines Geschlechtes trügen unter einer heißen Sonne und in einem fernen Lande das Zeichen des Kreuzes zu Gottes Ehre; aber ich mochte 248 nichts davon hören. Ich sah den Mann mit meinen eigenen Augen und richtete über ihn mit meinem eigenen Urtheil." „Du sahst in ihm einen Mann, Ilse, dessen Aeußeres kein Mißfallen cinflößen konnte?" „So erschien er dem jugendlichen Leichtsinn. Ich will ihm zwar sein Aussehen nicht absprechen, denn es war, wie er eS vom Himmel hatte — und ebenso wenig sage ich etwas gegen seine Gewandtheit in körperlichen Uebungen oder allen andern gepriesenen ritterlichen Eigenschaften, denn ich gehöre nicht unter die Leute, die einem gefallenen Feind hinter seinem Rücken Uebles Nachreden; aber er hatte eine Weise an sich! Wenn ich nur daran denke, wie er zum erstenmale Deinen Vater besuchte! Ist er nicht vor den ehrenfesten Bürgermeister hingctrete», als sey er der Churfürst und nicht ein bloßer Ritter! Und obgleich ich dastand, um ihm meinen Knir zu machen, wie es seinem Range unv meiner Erziehung gebührte — ja, wie ich ihm sogar mein Compliment mache und cs oft wiederhole, kriege ich für alle meine Mühe nicht einmal einen gnädigen Blick, kein Wort des Dankes, kein Lächeln der Herablassung. Er hatte natürlich keine^Augen für die alte Wärterin, da sie auf dem Gesichte der jungen Schönheit und anderen leichtfertigen Dingen haften mußten. — O, ich habe es im Augenblick weggehabt, was er war!" „Er besaß widersprechende Eigenschaften." „Schlimmer als dies — hundertmal schlimmer. Ich kann Dir alle seine Tugenden in kurzer Rede aufführen. — Erstlich war er ein Bruder Liederlich, der keine Gelegenheit verabsäumte, die Schlemmereien derselben Mönche mitzumachen, die er beschimpfte. —" „Nein, davon habe ich nie gehört!" „Ist eS vernünftig, nach dem, was wir mit Gewißheit wissen, etwas Anderes anzunehmen? Nenne mir von einem Menschen nur «in einziges kühnes Laster, und ich will Dir hurtig die ganze Sün- denkameradschaft aufzählen." 249 „Und Ist dies wahr? Sollten wir nicht lieber denken, daß die meisten Menschen an ihren schwächsten Seiten am ehesten nachgeben, während sie in ihren stärksten beharrlichen Widerstand leisten? — ES mag wahr sehn, daß es Mängel gibt, welche, während sie die Verdammung der Welt auf sich laden, Gleichgültigkeit gegen die Ansichten derselben erzeugen; aber dennoch hoffe ich, nur Wenige sind so schlimm, daß sie nicht einen Theil ihrer guten Eigenschaften beibehielten." „Hättest Du je eine Belagerung mit angesehen, gute Frau, so würdest Du nicht so sprechen. Draußen vor dem Graben ist der Feind, und schreit und krakeelt und thut sein Schlimmstes, um die Besatzung zu beunruhigen. — Ich sage nur, was ich schon zu dreien Malen hier in unserem eigenen Dürkheim erlebt habe — aber so lange noch keine Bresche da ist, oder keine Sturmleitern angelegt find, geht Jedermann in den Straßen ruhig und unbeschädigt seines Weges. Laß aber den Feind einmal hereinkommen — und wär'S durch ein Fenster oder zum Schornstein herab — so stiegen die Thore auf und herein kommen zu Haus Reiter und Fußvolk, so daß kein Haus der Plünderung entgeht und kein Heiligthum ungeschändct bleibt. Nun war jene Gotteslästerung des Herrn Odo ebenso viel, als ob der Borhang einer Mauer mit einemmale einstürzte, um ganze Bataillone und Schwadronen von Lastern anrücken zu lassen." „Daß die Handlung schrecklich war, ist eben so gewiß, als daß ste schwere Strafe fand; aber dennoch ist es möglich, daß sie ihren Grund nur in einem augenblicklichen Irrsinne oder in gereizter Rachsucht hatte." „ES war Gotteslästerung und ist als solche bestraft worden — wozu bedarf es weiterer Entschuldigung? Doch wir haben eben Meta in der Nähe, und es dürfte wohl nicht sehr paffend seyn, wenn sie mit anhörte, wie ihre Mutter die Sünde rechtfertigt. 250 Bergiß nichi, baß Du eine Mutter bist, und erfülle Deine Aufgabe mit Klugheit." Da sie in die Nähe des Pferdes gekommen Ware», auf welchem der Bürgermeister und seine Tochter ritten, so hörte Nlrika mit der geduldigen Nachsicht, welche stets ihren Verkehr mit der alten Dienerin bezeichnet-, zu sprechen ans. Aus dem Reste des Weges wurde nichts von Belang weiter verhandelt; aber sobald der Bürgermeister vor seinem Hause angelangt war, eilte er fort, um mit dem Magistrate der Stadt eine geheime Berathung zu halten. Der übrige Tag entschwand, wie es damals in den Städten üblich war. Die Bogenschützen übten sich außerhalb der Stadtmauer im Schießen, und die besser geschulten Arkebustre manövrirten mit ihrer schwerfälligen, aber beziehungsweise gefährlichen Waffe; die jungen Leute beiderlei Geschlechtes tanzten, während die Weinhäuser mit Handwerksleuten überfüllt waren, die nach saurer Wochenarbeit den wohlfeilen und gesunden Pfälzerwein mit schwerfälligem, thierischem Behagen hiiiuntergvffen. Da und dort zeigte sich ein Mönch der benachbarten Abtei in den Straßen, obschon seine Miene nicht mehr so gebieterisch und zuversichtlich war, wie vor der offenen Verkündigung der Ansichten Luthers, die so viele von den Lehren und Gebräuchen der herrschenden Kirche in Frage stellten. Sechszehntes Kapitel. »Der Welt entsag' ich und den Erdendingen.' Roger». Alan wird sich erinnern, daß die Zeit unsrer Erzählung in den schonen Monat Juni fällt. Die Sonne sank nieder im Westen der weiten und fruchtbaren Ebene, durch welche der Rhein sich hin- windct — ein schneller, edler Strom, der, ein kühner Sohn de» Gebirgs, aus den Pässen der Schweiz niedersteigt, um auf seinem 23t Wege von jedem Thale Zoll zu erheben. Die Luft Wehle mit der lieblichen Wärme der Jahreszeit, aber dennoch war keine Rede von einer so ruhigen, mondhellen Nacht, wie sie reizenderen Himmelsstrichen zu Thcil werden. In der Stille des Abends herrschte eine düstere Trägheit, welche beständig an die Stunde mahnte, und der Moment schien mehr für die Ruhe, als für den Genuß geeignet zu sehn. Man pflegte in Dürkheim mit dem Glockenschlage acht die Thore zu schließen, und die Bauern dcS Jägerthals suchten ihre Betten sogar noch früher. ES ging bereits auf zehn, als eine besondere Thüre in Heinrich Frei'S Wohnung sich aufthat, und drei durch dichte Verhüllung unkenntlich gemachte Personen in die Straße traten. Der Führer, ein Mann, hielt inne, um zu sehen, ob der Weg frei sey, und winkte dann seiner Begleitung, die dem weiblichen Geschlechts angehörte, ihm zu folgen, worauf sie in dem Schatten der Häuser weiter gingen. Bald hatten sie das Stadtthor erreicht, das nach dem Berge hinführte, auf welchem die Heidcnmauer stand. Die Schaarwache war stärker bemannt, als es gewöhnlich in Dürkheim der Fall war, obschon die Stadt namentlich zu einer Zeit, in welcher bewaffnete Banden die Pfalz verwüsteten, nie ohne eine geeignete Hut blieb. Einige bewaffnete Männer gingen in der Straße, wo sie sich an die Stadtwehren anschloß, hin und her, und auf der oberen Mauer war eine Schildwache sichtbar. „Wer da?" fragte ein Hellebardier. Der verhüllte Mann näherte sich und redete den Führer der Wache in leiser Stimme an. Der Letztere mußte wohl befriedigende Auskunft erhalten haben, denn kaum hatte der Verhüllte sein kurzes Sprüchlein angebracht, als ein Gewühl unter den Bürgern ankündigte, wie bereit sie sehen, seinem Wunsche zu entsprechen. Die Schlüffe! wurden hcrvorgeholt und das Thor geöffnet: aber der Mann ging nicht weiter, sondern kehrte, nachdem er seinen beiden Begleiterinnen Auslaß verschafft hatte, wieder in die Stadt zurück, 252 wo er sich noch eine Weile mit den Schaarwächtcrn unterhielt, ehe er verschwand. Vor dem Thore angelangt, begannen die Frauenzimmer den Berg hinanzusteigen. Der Weg war beschwerlich, denn ein schmaler, gewundener Fußpfad führte durch terrassenförmig angelegte Weinberge, und den Gliedern derjenigen, welche ihn jetzt begehe» mußten, schien das Steigen sehr mühsam zu werden. Sie machten oft Halt, um sich zu verschnauben und auszuruhen, bis sie endlich an den Trümmern der alten Lagermauer anlangten. Hier setzten sie sich in tiefem Schweigen nieder, um wieder zu Kraft und zu Athen, zu sommen. Ihr Pfad hatte sie nach dem äußersten Punkte deS Gebirges geführt, der gegen das Thal, von welchem unsere Erzählung spricht, vorsprang. Der Himmel war mit Lämmerwölkchen bedeckt, welche das Licht des Mondes so sehr dämpften, daß die Gegenstände unten nur in unbestimmten Umrissen erschienen, obschon hin und wieder die silberne Scheibe, wenn sie gelegentlich in ein kleines Feld von Blau hin- einsegclte, ihr volles Licht niedergoß. Diese vorübergehende Beleuchtung war jedoch von zu kurzer Dauer, als daß das Auge sich an den Wechsel hätte gewöhnen können, und ehe man etwas deutlich zu erfassen vermochte, fing der treibende Dunst schon wieder die Strahlen des Gestirnes auf. Der melancholische Charakter der Stunde wurde noch durch den ächzenden Ton deS Nachtwindes erhöht, der vernehmlich durch die Cedern raschelte. Ein schweres Aufathmen der einen Person, aus deren Haltung und Anzug der höhere Stand zu entnehmen war, wurde von der andern als eine Erlaubniß zum Sprechen gedeutet. „Dreimal in meine,» Leben habe ich jetzt diesen Berg bei Nacht erstiegen," begann sie, „und nur Wenige von meinen Jahren könnten bei Hellem Sonnenscheine dieses Werk ausführen —" „Bst, Ilse! hörst Du nichts Ungewöhnliches?" 253 „Nichts als meine eigene Stimme, die für eine so stumme Person in Wahrheit beinahe ungewohnt lautet—" „Nein, eS war ein anderer Ton! Komm mit nach der Ruine; ich fürchte, wir sind in einem gefährlichen Augenblick hier oben." Beide standen auf und nach einer Minute waren fie so verborgen, baß wohl ein sehr neugieriges Auge dazu gehörte, wenn es ihre Nähe bemerken sollte. Deutlich ließen sich jetzt viele Fußtritte vernehmen, die sich fast in der Richtung der beiden Nachtwandlerinnen näherten. Ilse zitterte; aber ihre besonnenere und verständigere Begleiterin fühlte sich ebenso sehr durch Neugierde, als durch Besorgniß aufgeregt. Die verfallene Hütte, in welcher sie standen, lag im Schatten der Cedern, durch die sich nur ein trübes Licht Bahn brach; aber auch in dieser dürftigen Beleuchtung konnten sie sehen, daß ein Männerhaufen sich quer über das Lager bewegte. Sie gingen paarweise und mit schnellen, fast lautlosen Tritten; auch ließ sich aus dem Blinken einer Pickelhaube, als sie unter einer Oeffnung zwischen den Bäumen vorbeikamen, aus den geschulterten Arkebusen und aus ihrer Ordnung entnehmen, daß sie Soldaten waren. Die Reihe war lang und mochte Wohl einige hundert Mann betragen. Sie kamen aus der Richtung des Jägerthals und zogen schnell und stumm unter den melancholischen Cedern weiter, der Rheinebene zu. Erst als der letzte dieser langen gespenstischen Reihe verschwunden war, schien Ilse wieder aufzuleben. „Wahrhaftig, es scheinen doch Menschen zu sehn," sagte sie. „Kommen sie wohl, um den frommen Klausner zu besuchen?" „Glaube dies nicht. Sie ziehen sich hinter Dürkheim hinunter und werden bald aus dem Bereiche unserer Wünsche oder unserer Besorgniß sehn." „Heilige Mutter Gottes! woher kommen sie und was wollen sie?" Dieser Ausruf der alten Ilse verrieth hinlänglich die Natur ihrer Zweifel, obschon die Festigkeit in dem Benehmen ihrer Begleiterin bewies, daß sie nach dem Abzüge der Bewaffneten keine Furcht mehr fühlte. „Vielleicht ist's ein glückliches Vorzeichen, vielleicht auch nicht," entgegnete sie gedankenvoll. „Es war eine stattliche Schaar — auch sahen die Kriegsleute gut aus." „Dreimal schon habe ich dieses Lager zur Nachtzeit besucht, und nie zuvor war es mir Vorbehalten, seine Bewohner zu Gesicht zu kriegen! Glaubst Du, daß eS die Römer waren — oder sind eS vielleicht Hunnen?" „Es waren lebendige Menschen; doch wir dürfen unfern Zweck nicht vergessen." Damit alles weitere Gespräch abschneidend, machte sich die Vornehmere von Beiden nach der Hütte des Einsiedlers auf den Weg. Anfangs war ihr Tritt scheu und unsicher, denn so sehr auch Unterricht und eigene Ueberlegung ihren Geist gekräftigt hatte, war doch das plötzliche, gespensterartige Vorüberziehen eines Kriegerhaufens in dem verlassenen Lager eine Erscheinung, welche sogar eine kühnere Person einschüchtern konnte. „Laß Deine alten Glieder auf diesen Mauerresten auSruhen, gute Ilse," sagte die eingehüllte Frau. „Du kannst mich hier erwarten, bis ich wieder hcrauskomme." „Geh' in's Himmels Namen und sprich offen mit dem heiligen Klausner. Nimm, was Du kannst, an Trost und Frieden für Deine eigene Seele, und solltest Du einen Segen oder eine Reliquie mehr erhalten, als Du brauchst, so gedenke derer, die Dich in Deiner Kindheit gehätschelt und — ich darf eS mit Stolz sagen — zu dem tugendhaften und verdienstvollen Weibe gemacht hat, das Du bist." „Gott sey mit Dir — und mit mir!" murmelte die Frau, während sie sich langsam weiter bewegte. An der Thüre der Hütte zögerte sie, bis ihr endlich Töne von Innen und das starke Licht, welches durch die Wandritzen drang, die Verstcherung gaben, daß der heilige Mann noch auf war. Sie faßte Mulh und pochte. „Herein in Gottes Namen!" ließ sich eine Stimme von Innen vernehmen. Die Thüre ging auf, und die Frau stand dem Einsiedler gegenüber. Der übergeschlagene Mantelkragen fiel ihr in Folge eines unwillkürlichen NiedersinlcnS ihrer Hände vom Kopfe, und beide sahen sich gegenseitig eine geraume Weile einst und vielleicht zweifelnd an. Di- Frau, welche auf die Begegnung mehr vorbereitet war, ergriff zuerst das Wort. „Oeo!" sagte sie mit wehmüthigem Nachdruck. „Ulrika!" Die Blicke trafen sich foischend und mit jenem gespannten peinliche» Ausdruck, mit welchem das Gedächtniß den Wechseln nach- spürt, welche Zeit und Leidenschaften in dem menschlichen Antlitze hervorbringen. 2n Ulrika's Gesichte sprach sich jedoch nicht viel mehr aus, als die reifere Entwickelung des Weibes zugleich mit jenen Schalten, welche tieferes Nachdenken und verminderte Hoffnungen zu zeichnen im Stande sind. Wäre sie übrigens nicht der Person dessen, welchen sie suchte, versichert gewesen, und hätte ihr Gedächtniß nicht die Eindrücke der Vergangenheit so lebhaft bewahrt, so würde die Gattin Heinrich Frei'S in dem eingesunkenen, aber noch immer glühenden Auge, in dem gräulichten Bart und in den abgezehrten, obschon kühnen Umrissen des Einsiedlers wohl kaum die Züge des lebhaftesten und schönsten CavalierS der Pfalz wieder erkannt haben. „Du, Odo — und ein Büßer!" fügte Ulrika bei. „Ein Mann mit zerknirschtem Herzen. Du siehst mich der Kasteiung und der Buße durch ein heiliges Gelübde hingegebcn." „Die Reue kommt nie zu spät. Du stützest Dich aus einen Fels und Deine Seele wird aufrecht erhalten werden." Der Einsiedler machte eine unbestimmte Geberde, welche seine 256 Gefährtin für das gewöhnliche Zeichen des Kreuzes hielt; denn sie ahmte das Symbol nach, beugte ihr Haupt und sprach ein Ave. Bei allen großen Veränderungen, mögen sie nun politischer oder religiöser Natur seyn, legt der Partheigeist unwesentlichen Dingen ein großes Gewicht bei, denn Gewohnheit sowohl, als Nebercinkunft läßt darin die Träger der Ansichten erkennen. So kömmt es denn bei plötzlichen und gewaltsamen Umwälzungen, daß Viele ihre Symbole für das Wesen nehmen und die Menschen wegen eines leeren Namens, einer besonderen Farbenstellung in einer Fahne oder um einer nutzlosen Bezeichnung von Ausdrücken willen, die nie recht erklärt wurden — selbst dann noch ihr Leben an die Zufälligkeiten einer Schlacht setzen, nachdem der Gegenstand des Streites durch die Gier und Falschheit derer, welchen das öffentliche Wohl anvertraut war, seine Bedeutung längst verloren hat. So kömmt es ferner, daß bei uns in Amerika, wo alle Wechsel allmählig und sicher vor sich gingen, die Vernachlässigung von dergleichen Kleinigkeiten dem Lande den Vorwurf der Inkonsequenz zuzog, weil es, vorzugsweise das Wesen seines Werks in's Auge fassend, so viele jener äußeren Zeichen übersah, welche in anderen Gegenden als Werkzeuge der Aufregung gebraucht werden und dadurch einen Werth erhalten, der unter uns keinerlei Einfluß übt. Die Reformation that bald rohe Eingriffe in die Formeln der römischen Kirche. Des Kreuzes Zeichen hörte auf, bei den Protestanten in Gunst zu stehen, und erst jetzt, nach drei Jahrhunderten, fängt man wieder an, einzuräumen, daß dieses heilige Symbol eine weit passendere Verzierung bilde für „jene stummen, gen Himmel deutenden Finger," die unsere Kirchen schmücken, als das Abbild eines dem Scheunenhofe entnommenen Vogels. Wäre Nlrika in derartigen Unterscheidungen geübter oder ihr Geist weniger mit ihren eigenen wehmüthigen Gedanken beschäftigt gewesen, so müßte ihr wohl ausgefallen seyn, daß die Hand des Eremiten, als er das erwähnte Zeichen machte, jene Unschlüssigkeit und Befangenheit an den Tag legte, welche sichere Kennzeichen dafür sind, daß die betreffende Person in dergleichen Uebungen entweder ein Neuling ist, oder eine lang hergebrachte Gewohnheit aufzugeben im Begriffe steht. So aber fiel ihr nichts Außerordentliches auf, sondern fie nahm schweigend den Sitz ein, auf welchen der Einfiedler hindeutete, während er selbst auf einem anderen sich niederließ. Abermals tauschten sie ernste, halb wehmüthige Blicke aus. Sie saßen weit von einander, und die Fackel warf ihr volles Licht auf beide. „Der Gram hat schwer auf dir gelastet, Odo," sagte Ulrika. „Du bist sehr verändert." „Und Dich haben Unschuld und Glück zärtlich behandelt! Aber du hast diese Gunst wohl verdient, Ulrika." „Führst Du schon lange diese Lebensweise — oder berühre ich mit meiner Frage einen Gegenstand, der Dir unangenehm ist?" „Ich wüßte nicht, warum ich mich weigern sollte, mein Leben der Welt als Lehre vorzuhalten — weshalb sollte ich also wünschen, gegen Dich gcheimnißvoll zu sehn?" „Es sollte mich freuen, Dir Trost geben zu können, und jedenfalls liegt viel Beruhigung in der Theilnahme." „Dein Mitleid ist mit der Liebe der Engel verwandt — aber warum sprichst Du hievon? Du bist in der Hütte eines Einsiedlers, den sein eigenes Gewissen zu Reue und Entbehrung verur- theilt hat. Geh' hin in Deine glückliche Heimath und überlaß mich der feierlichen Pflicht, welche heute Nacht erfüllt werden muß." Während er so sprach, schlug er den Kragen eines rauhen Tuchmantels über den Kopf, denn er war augenscheinlich gerüstet, über Land zu gehen. „Nein, Odo, ich kann Dich nicht in dieser Stimmung verlassen. Mein Anblick hat Deinen Kummer erhöht, und eS wäre unfreundlich — ja sogar lieblos, so von Dir zu scheiden." „Was willst Du, Ulrika?" „Deine Seele entlasten. Dieses abgeschiedene Leben hat eine Die Heidcnmauer. 258 MWMA Bürde auf dich gehäuft, die zu schwer ist für Deine Seele. Wo Haft Du die Jahre Deines ManneSaltcrS verbracht, Odo — was führte Dich in diesen Zustand des GramS?" „Hast Du noch so viel weibliches Erbarmen, daß Du Antheil nimmst an dem Geschicke eines AuSgestoßenen?" Die Bläffe auf Nlrika'S Wangen wich einer sanften Glut — sie war nicht das Zeichen eines stürmischen Gefühls, sondern ein zarter Beweis, daß ein Herz, wie das ihrige, nie die Empfindungen «erläugnen konnte, die ihr einst so iheuer gewesen waren. „Kann ich die Vergangenheit vergessen?" lautete die Antwort. „Warst Du nicht der Freund meiner Jugend — ja, standest Du meinem Herzen nicht als Verlobter nahe?" „Du erkennst also noch immer diese lang gehegten Bande an? O lllrika, wie thöricht und wahnsinnig war ich nicht, als ich ein unschätzbares Kleinod wegwarf! Aber höre mich an, und Du sollst erfahren, wie Gott sich und Dich gerächt hat." Die Gattin des Bürgermeisters blieb, obschon im Innern sehr aufgeregt, geduldig sitzen, während der Einsiedler seinen Geist auf die Enthüllungen vorbereitete, die er zu machen im Begriffe war. „Ich brauche Dir nichts von meiner Jugend zu erzählen," begann er endlich; „denn Du weißt wohl, daß ich von edler Geburt bin und, von Kindheit an verwaist, mit nicht geringen Glücksgütern in ein Leben eintrat, das der gedankenlosen Jugend so viele Gefahren bietet. Ich besaß die meisten edeln Triebe eines Menschen, den keine Sorge bedrückt, und ein Herz, das sich nicht un- uöthigerweise gegen das Mitgefühl für den Unglücklichen verschloß; ja ich glaube, sagen zu dürfen, daß es dem Mitleid nicht ganz unzugänglich war —" „Du läßt Dir nicht Gerechtigkeit widerfahren, Odo! Sage, Deine Hand war stets offen und Dein Herz voll edler Empfindungen." So gedemüthigt auch der Einsiedler durch Neue und Entsagung war, so konnte er doch diese Worte, die über so zarte und Wahrheit- 259 liebende Lippen flößen, nicht ohne einen Wechsel in seinen Zügen mitanhören. Sein Auge leuchieie und er blickte für einen Moment mit einem Anfluge der früheren jugendlichen Glut auf Ulrika, die aber von dem edlen Drange, den Einsiedler gegen sich selbst zu rechtfertigen, unwillkührlich so sehr in Anspruch genommen wurde, daß sie nicht auf diese Veränderung achtete. „Vielleicht war es so," nahm der Eremit nach kurzem Nachdenken mit Rübe wieder auf; „aber wenn die Jugend nicht bewacht und weise geleitet wird, können sich die besten Eigenschaften zu Werkzeugen unsres Falles umwandeln. Bor Allem wühlten ungestüme Leidenschaften in meiner Brust — wie ungestüm, das ist noch aus den bejammernswürdigen Spuren zu ersehen, welche sich meinem Gesichte, diesem untrüglichen Register menschlicher Verirrungen, abgedrnckt haben." Ulrika wußte auf diese Bemerkung nichts zu antworten, denn sie hatte gefühlt, wie leicht sich der kräftige Charakter dem milden anschmiegt und wie häufig es vorkommt, daß das menschliche Herz einen Werth auf Eigenschaften setzt, die dazu dienen, das eigene Selbst in ein vortheilhaftes Licht zu stellen. „Als ich Dich kennen lernte, Ulrika, blieb eS dem Einflüsse Deines edlen Herzens, der Theilnahme, welche Du, wie Du mir Grund zu glauben gabst, meinem Wohle schenktest, und der Hochachtung, welche der Jüngling so gerne weiblicher Unschuld, Schönheit und Treue zollt, Vorbehalten, den Löwen meiner wilden Ge- müthsart zu zähmen und mich für eine Weile Deiner Anmuth unterwürfig zu machen." Seine Begleiterin erkannte dieses Lob mit dankbarem Blicke an, blieb aber stumm. „Das Band zwischen jungen schuldlosen Seelen ist eines der heiligste» Geheimnisse der Natur. Ich liebte Dich rein und treu, Ulrika; ja, ich kann sagen, die Verehrung, die ich hier in meiner büßenden Einsamkeit diesen heiligen Zeichen weihe, ist nicht tiefer. 260 weniger mit menschlicher Leidenschaftlichkeit gefärbt oder glühender, als die Hochachtung, die ich gegen Deine jungfräuliche Unschuld empfand." Ulrika bebte, aber nur wie das Blatt, das im Lufthauche zittert. „Ich traute Dir dies zu, Odo," flüsterte sie mit sichtlicher Scheu vor dem Lautwerden ihrer Stimme. „Du ließest mir Gerechtigkeit widerfahren. Als Deine Eltern ihre Zustimmung zu unserer Verbindung gaben, blickte ich voll der glücklichsten Hoffnungen der Vollziehung des heiligen Bundes entgegen; denn trotz meiner Jugend kannte ich mich doch gut genug, um vorauSzuschen, daß ein Geist, so überredend, so gut und fest, wie der Deinige, nöthig sei, um mich zu zähmen. Das Weib schlingt sich durch ihre Zärtlichkeit, ja sogar durch ihre abhängige Lage so um das Herz deS Mannes, daß sie Alles zu erreichen im Stande ist, was sein Stolz einer augenfälligeren Macht verweigern würde." „Und konntest Du Alles dieß fühlen?" „Ulrika, ich fühlte mehr, war von weit mehr überzeugt und fürchtete mehr, als ich je einzugestehen wagte. Doch alle Gefühle des Stolzes sind jetzt dahin, und was soll ich weiter sagen? Du weißt, in welcher Weise kühne Geister die Geheimnisse und die Lehrsätze der ehrwürdigen Kirche, die so lange über die Christenheit herrschte, anzugreifen begannen, und daß Einige sogar sich erdrei- steten, dem Urtheile und den Reformen klügerer Köpfe durch übereilte Handlungen vorzugreifen. So geht es immer, wenn junge Hitzköpfe Mißbräuche abstellen wollen; sie haben nur das Unrecht im Auge, vergessen darüber die Ursachen, welche es erzeugten, und übersehen die Momente, welche das Uebel mildern, wenn auch nicht rechtfertigen." „Und dieß war unglücklicherweise auch Deine Gesinnung?" „Ich ziehe es nicht in Abrede. Jung und unbekannt mit den verschiedenen Ursachen, welche jede Theorie verkümmern, wenn sie ins Leben eingesührt werden soll, sah ich ungeduldig nur dem AuSgang entgegen." Obgleich Ulrika darnach verlangte, dem Reuigen eine Entschuldigung seiner Verirrungen zu entlocken, blieb sie doch still. Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens ging das Gespräch folgendermaßen fort: „Es gab aber doch unter Deinen Freunden einige, Odo, welche glaubten, Dein Vergehen sei nicht so groß, als es von dem Kloster dargestellt wurde." „Sie bauten zuviel auf ihre Wünsche," versetzte der Einsiedler mit gedämpfter Stimme. „ES ist vollkommen wahr, daß, ich von Wein erhitzt und von Zorn wüthend gemacht, Angesichts meines bewaffneten Gefolges Gewaltthat übte an den geheiligten Elementen, welche die Katholiken so hoch verehren. In einem Augenblick trunkener Wuth schlug ich den heischeren Beifall berauschter Schmarotzer und die Verwirrung eines Priesters höher an, als den gerechten Zorn Gottes. Vermessen trat ich die Hostie mit Füßen und schwer hat seitdem Gott meinen Geist niedergetreten!" „Armer Odo! — diese gottlose Handlung gab unserem beiderseitigen Lebenslauf eine andere Richtung! Und betest Du jetzt das Wesen an, an dem Du so großen Schimpf übtest — ist Dein Geist zurückgekehrt zu dem Glauben Deiner Jugend?" „Dies ist nicht nöthig, um mich die Last meiner Schuld fühlen zu lassen," rief der Einsiedler, dessen Auge den menschlichen Ausdruck zu verlieren begann, welcher es in dem Verkehre mit dem edlen weiblichen Wesen erhellt hatte; sein Blick zeigte allmählig die verglimmende Glut der GewiffenSgual, die so lange durch eine krankhafte Selbstopferung genährt worden war. — „Ist nicht der Herr des Weltalls mein Gott? Die Beschimpfung galt ihm, und wenn auch in diese oder jene Form der Andacht Jrrthümcr sich eingeschlichen haben, so war ich doch in seinem Tempel, an dem Fuße seines Altars und in der Gegenwart seines Geistes. Dort 262 verhöhnte ich seine Macht, trotzte seiner Gewalt — und Alles dies einzig, um einen thörichten Triumph über einen erschreckten Mönch zu feiern." „Armer, herzzerknirschtcr Odo! Und wo suchtest Du Zuflucht nach diesem Akte des Wahnsinnes?" Der Einsiedler betrachtete seine Gefährtin angelegentlich, als ob ein Strom schmerzlicher und ergreifender Bilder sich seinem Ge- dächtniß aufdringc. „Mein erster Gedanke galt Dir," fuhr er fort; „aber der übereilte Streich meines SchwerdteS war kaum geführt, als sich plötzlich ein Abgrund zwischen uns aufzuthun schien. Ich kannte Deinen edlen, frommen Sinn, und sogar die Aufregung der Wuth war nicht im Stande, mich über Deinen Entschluß zu täuschen. Sobald ich mich in Sicherheit gebracht hatte, schrieb ich den Brief, auf welchen Du eine Antwort folgen ließest, in der sich die bewundernswürdigste Vereinigung von heiliger Scheu und weiblichem Gefühl aussprach. Du verzichtetest auf mich, und ich wurde un- stät auf Erden; von jener Stunde an bis zum Augenblicke meiner Rückkehr nach diesem Orte bin ich ein Flüchtling gewesen. Der Einfluß meiner Verwandten und schwere Büßungen haben zwar meine Habe gerettet, die sich sehr vermehrte, weil ich als Pilgrim und Soldat keinen Gebrauch davon zu machen wußte; aber erst in diesem Sommer konnte ich mich so weit ermuthigen, um den Schauplatz meiner Jugendjahre wieder zu besuchen." „Und wo bist Du umhergeirrt, Odo?" „Ich suchte Erleichterung in Allem, womit ein Mann sich abgeben kann — in der Lust und der Zerstreuung der Hauptstädte — in Einsiedeleien — denn dieß ist bereits die vierte, welche ich bewohne — im Wasfenwerk — und in den rauhen Gefahren der See. Zuletzt nahm ich noch Theil an der Vertheidigung von Rho- duS, diesem unglücklichen, gefallenen Bollwerke der Christenheit. Aber wo immer ich auch weilen, oder in welcher Beschäftigung ich 263 Trost suchen mochte, — überall hin verfolgte mich die Erinnerung an mein Verbrechen und die Strafe desselben. Ulrika, ich bi» ein unglücklicher Mensch!" „Nein, theurer Odo, es gibt ja Gnade für Sünder, die sich noch schwerer vergangen haben, als Du. Du wirst nach Deinem lange verödeten Schlosse zurückkehren und Frieden finden." „Und Du, Ulrika — hat Dir mein Verbrechen gleichfalls Leid bereitet? Du wenigstens bist glücklich?" Diese Frage bereitete der Gattin Heinrich Frey'S einige Unruhe, denn sic hatte Odo von Ritterstein leidcnschafilich geliebt, und ihre Gefühle für ihn trugen noch immer das Colorit der Phantasie, während ihre Anhänglichkeit an den Bürgermeister in dem ebeneren Kanal der Pflicht und der Gewohnheit dahinfloß. Jndeß hielt die Zeit, ihr zartes Gefühl für ihre Obliegenheiten und das Band, das sie in Meta an ihren Gatten knüpfte, ihre Empfindungen in jener gedämpften Haltung, welche am besten für ihre gegenwärtige Lage paßte. Wäre es nach ihr gegangen, so würde diese Frage völlig unberührt geblieben seyn; da sie aber einmal zur Sprache gekommen war, so fühlte sie, wie nöthig es war, ihr mit Ruhe zu begegnen. „Ich bin glücklich in dem Besitze eines ehrenwerthen Gatten und eines theuren Kindes," versetzte sic. „Beruhige Dich deßhalb — wir paßten nicht für einander, Odo; denn schon Deine Geburt bot Hindernisse dar, die wir nicht gut hätten überwinden können." Der Einsiedler beugte sein Haupt und schien ihre Zurückhaltung zu achten. DaS nun folgende Schweigen war nicht frei von Befangenheit und wurde endlich durch die Töne einer Glocke unterbrochen, die von dem Limburger Berge herüberschalltc. Der Einsiedler erhob sich, und jede andere Empfindung schien sich plötzlich in jenes krankhafte Reuegefühl zu verlieren, das ihn schon so lang verfolgte und in Wahrheit mehr als einmal nahe daran geweseu war, seine Vernunft zu zerrütten. 264 „Dieses Zeichen gilt mir, Ulrika." „Du willst in dieser Stunde nach Limburg hinüber?" „Als ein gedemüthigter Büßer. Von den Benediktinern hat mir Gold den Frieden erkauft, und ich ringe nun danach, auch mit Gott meinen Frieden zu schließen. Heute ist der Jahrestag meines Verbrechens, und im Kloster werden um Mitternacht zur Sühnung desselben Messen gelesen." Die Gattin Heinrich Frey'S hörte diesen Entschluß ohne lieber- raschung, obschon sie die plötzliche Unterbrechung dieser Zusammenkunft bedauerte. „Odo, Deinen Segen," sagte Ulrika niedcrknieend. „Wie, mir diesen Hohn!" rief der Einsiedler wild. — „Geh', Ulrika! — überlaß mich meinen Sünden." Er schien einen Augenblick unschlüssig zu seyn, und stürzte dann gleich einem Wahnsinnigen aus der Hütte, in welcher die Gattin Heinrich Frey'S auf ihren Knieen liegen blieb. SiebenzchntcS Kapitel. Mona, Dkine Druldenfeier erweckt die Tobten! Rogers. Ulrika war an einen häufigen, innigen Verkehr mit Gott gewöhnt und betete jetzt! während sie so daknieete, aus den Tiefen ihres Herzens. Endlich wurde ihre Aufmerksamkeit durch ein heftiges Rütteln an ihrer Schulter wieder der Erde zugewcndet. „Ulrika — Kind — Frau Frey!" rief die geschäftige Ille. — „Hat Dich Zauberei an den Boden gebannt? Warum bist Du hier, und wohin ist der heilige Mann enteilt?" „Hast Du Ooo von Ritterstein gesehen?" „Men? Bist Du toll, Frau? Ich sah Niemand, als den heiligen Klausner, der an mir vorbeiglitt, als trüge ihn ein Engels- sittig fort; und obgleich ich niedcrknieete und ihn nur um einen einzigen Gnadenblick anflehte, war doch seine Seele viel zu sehr mit seiner Sendung beschäftigt, als daß er aus eine Sünderin hätte achten können. Wäre ich so schlimm gewesen, wie Manche, die ich nennen könnte, so würde ich mich wohl über diese Vernachlässigung beunruhigen; so aber schreibe ich die Sache eher auf Rechnung eines Verdienstes, als auf die meiner Bedürftigkeit. Nein, ich habe nur den Klausner gesehen." „Dann sahst Du den unglücklichen Herrn von Nitterstein." Ilse stand entsetzt da. „So haben wir also einen Wolf in Schaafsklcidern beherbergt!" rief sie endlich, als ihr Sprachvermögen wieder zurückkehrle. „Die ganze Pfalz kniete nieder, weinte und betete zu den Füßen eines Menschen, der ei» Sünder ist wie Unsereiner — ja sogar noch viel schlimmer als wir! Man ließ für rechte Münze gelten, was nur schlechtes Metall war — unsere Salbung war Heuchelei — unsere Hoffnung gottlose Verblendung — unser heiliger Stolz Eitelkeit." „Es war Oro von Ritterstein, Ille," entgegnete Ulrike, sich erhebend; „aber Du hast einen frommen Mann gesehen." Sie gab der Dienerin ihren Arm, da dieselbe des Beistandes am meisten bedurfte, und trat sodann den Rückweg von der Hütte an. Während sie zwischen dem verfallenen Gemäuer des Lagers dahin gingen, versuchte Ulrika ihre Begleiterin zu vermögen, daß sie den Charakter und die früheren Vergehungen des Einsiedlers mit mehr Milde beurtheile — eine nicht leichte Aufgabe, denn Ilse hatte sich daran gewöhnt, den unsiäten Ovo als einen Menschen zu betrachten, der von Gott ganz aufgegeben war, und Annchlen, welche zwanzig Jahre lang beharrlich festgchalle» wurden, lassen sich nicht in einem Augenblicke austilgen. Dennoch gibt es ein Verfahren, durch welches der menschliche Geist veranlaßt werden kann, mehr als Gerechtigkeit zu üben, indem man ncmlich das Voruriheil völlig auSrottet. In Folge dieser Art von Gegenwirkung sehen 266 wir dieselben Personen heute als Ungeheuer verschrieen und morgen als Helden bewundert, denn der gewöhnliche Sinn übt selten strenge Gerechtigkeit und kennt in seinem Beifalle eben so wenig eine Grenze als in seiner Verdammung. Wir wollen übrigens damit nicht sagen, daß Ilses Gesinnung gegen den Einsiedler eine so schnelle Umwälzung vom Abscheu zur Verehrung dnrchmachle, denn Alles, was Ulrika für ihn gewinnen konnte, war ein Zugcständniß, daß er ein Sünder sei, für den alle fromme Christen ohne augenfällige Ungebühr gelegentlich ein Ave sprechen könnten. Jndeß begünstigte sogar diese kleine Einräumung von Seiten der Dienerin die Wünsche Ulrika'S, die sich vorgenommen hatte, dem Eremiten nach der Abteikirche zu folgen, an den Altären derselben zu knieen und an dem Jahrestage des Verbrechens ihr Gebet um Vergebung und Frieden mit dem des Reuigen zu vereinigen. Wir vermessen ung nicht, Nachweisen zu wollen, durch welche Saite menschlicher Schwäche die Gattin Heinrich Frey'S sich bewegen ließ, einem so verfänglichen Mitleid für einen Mann Raum zu geben, dem früher ihre Hand zugesagt gewesen war; denn eS ist hier nicht unsere Aufgabe, darüber zu richten, was einem Weibe ziemt, sintemal wir einfach die Regungen des menschlichen Herzens enlhüllen wollen, mögen sie nun gut oder schlimm sehn. Für unfern Zweck wird eS zureichen, wenn das Endergebniß des ganzen Bildes eine der Tugend und Wahrheit günstige Lehre ist. Sobald Ulrika fand, daß sie ihre Begleiterin für ihre Wünsche gewinnen konnte, ohne Gefahr zu laufen, eine mit übersprudelnder Geschwätzigkeit vorgetragene schale Moral anhören zu müssen, schlug sie den Pfad unmittelbar nach dem Kloster ein. Da der Leser unsere Einleitung wahrscheinlich nicht übergangen hat, so brauchen wir ihm nicht erst zu sagen, daß Ulrika mit ihrer Begleiterin den nämlichen Weg einschlug, den wir selbst bei unserm Gange von einem Berge zum ander» genommen haben, vbschon Ilse weit langsamer vorwärts kam, als wir, da wir unter Christian KinzelS 267 Führung die Heidenmauer erstiegen. Für eine Person von ihren Jahren und ihrer Gebrechlichkeit ging das Bergabfteigen nur langsam, während das Berganstcigen eine noch beschwerlichere und mühsamere Aufgabe war. Bei dem letzteren war es übrigens auch lllrika lieb, öfters Halt machen und Athen, holen zu können, obgleich sie sich für ihren Gang des NoßpsadeS bedienten, den sie am Morgen geritten waren. Der Charakter der Nacht hatte nicht gewechselt. Der Mond schien wie früher unter flockigten Wolken dahin zu schwimmen, und das Licht war zu gedämpkt, um den Weg in bestimmten Umrissen unterscheiden zu lassen. Die Masse der Klostergebäude mit ihren dunkeln, gothischen Mauern und Thürmen ragte »m diese Stunde gen Himmel gleich einem Riesenwerke, in welchem diejenigen, die den Bau vollendet hatten, von ihrer Arbeit auSruhten. Ulrika war daran gewöhnt, hier ihre Andacht zu verrichten, und näherte sich daher ohne ein Gefühl von Bewunderung dem Thore. Sie erhob ihre Blicke nach dem geschlossenen Portale, nach den langen Reihen düster dahinlaukender Mauern und traf allenthalben auf die Merkmale einer mitternächtlichen Ruhe. An der Seite des schmalen hohen ThurmeS, der neben dem Portal stand und die Glocken enthielt, blinkte ein mattes Licht, das von einer Lampe herrührte, welche im Hofe vor dem Bilbniß der heiligen Jungfrau brannte; aber dieß war immer noch kein Zeichen, daß auch nur der Pförtner wach sei. Sie trat daher an das Pförichcn und zog die Nachtglocke an. Das Knarren der Riegel verkündigte schnell, daß Jemand innen war. „Wer kömmt zu dieser Stunde nach Limburg?" fragte der Pförtner, ohne die Kette zu entfernen, als fürchte er Verraih. „Eine Büßerin, die beten will." Die Töne der Stimme beruhigten den Pförtner, welchem außerdem auch die Mittel zustanden, die Fremden mit seinem Auge 268 zn mustern; er öffnete jetzt das Pförtchen so weit, daß sich Ulrika'S Gestalt deutlich unterscheiden ließ. „ES ist nicht gewöhnlich, Personen Deines Geschlechts in diese heiligen Mauern einzulaffen, nachdem die Frühmesse vorbei ist und die Beichtstühle leer sind." „ES gibt Anlässe, welche eine Ausnahme von dieser Regel bedingen, und die feierliche Handlung dieser Nacht gehört dazu." „Ich weiß das nicht. — Unser hochwürdiger Abt ist gar streng in Beobachtung des Anstandes —" „Ich stehe in naher Beziehung zu dem Manne, für den der Gottesdienst verrichtet wird," versetzte Ulrika hastig. „Um Gottes willen, weist mich nicht zurück." „Bist Du mit ihm verwandt?" „Nicht durch die Bande des Blutes." antwortete sie in der beklommenen Weise einer Person, die ihre eigene Uebcreilung fühlt, „wohl aber an sein Geschick gekettet durch die innigen Interessen der Theilnahme und des Mitgefühls." Sie hielt inne, denn in diesem Augenblick trat die Gestalt des Einsiedlers an die Seite des Pförtners. Er hatte vor einem nahen Crucisir gekniet und war in seinem Gebete durch die sanfte Ansprache gestört worden, welche Ulrika'S Interesse für ihn bekundete und jeden Ton ihm tief ins Herz gehen ließ. „Sie gehört zu den Meinigen," sagte er gebieterisch — „sie und ihre Dienerin. — Laßt sie eiutreten." Ulrika zögerte, kaum wissend, warum, so daß Ilse, die vom Gehen ermüdet war und sich nach ihrer Ruhe sehnte, sie vorwärts drängen mußte. Der Einsiedler wandte sich um und verschwand, als erinnere er sich plötzlich der Pflicht, die ihn nach dem Kloster geführt hatte, während andererseits der Pförtner, der in Betreff des Mannes, für den die Messe gelesen werden sollte, seine Weisungen erhallen hatte — keine weiteren Einwendungen erhob, sondern Ilse erlaubte, ihre Gebieterin hereinzuführen. Die Weiber waren 269 kaum in dem Hofe angelangt, als das Pförtchen wieder geschloffen und verriegelt wurde. Ulrika säumte nicht länger, obgleich sie an allen Gliedern zitterte. Mit Mühe schleppte sie die zögernde Ilse nach und schlug dann geraden WegS die Richtung nach der Thüre der Kapelle ein. Mit Ausnahme des Pförtners im Thorffübchen und der Lampe vor dem Bilde der Jungfrau schien innerhalb der Klostcrmauern Alles so düster und still zu sepn, wie es draußen gewesen war. Nicht einmal eine Schildwache von Chnrfürst Friedrichs Lanzkncchten war sichtbar ; aber dieß erregte keine Verwunderung, da bekanntlich die Soldaten von dem eigentlichen Klosterbau möglichst fern gehalten wurden. Wahrscheinlich bewohnten sie die geräumigen Gebäude hinter der Wohnung des Abts, in denen wohl ihre doppelte Anzahl untcrgebracht werden konnte. Was die Mönche betraf, so ließ sich ihre Abwesenheit wohl aus der späten Stunde und aus der Art des bevorstehenden Gottesdienstes erklären. Die Thüre der Abteikirche war stets offen — eine Sitte, welche fast alle katholischen Gotteshäuser in Städten von einigem Umfang mit einander gemein haben und die einen ergreifenden Aufruf an den Wanderer in sich schließt, des Wesens eingedenk zu sehn, zu dessen Ehren der Tempel errichtet wurde. Dieser Gebrauch kömmt im Allgemeinen der Andacht, wie der Neugier, dem Kunstfreund wie dem Verehrer Gottes zu Statte», und eS ist nur zu bedauern, daß die erstere Claffe, namentlich wenn sie einer andern Confessio» angehört, sich nicht öfter erinnert, daß ihr Geschmack allen Werth verliert, wenn sie ihm auf Kosten jener Ehrfurcht Raum gibt, welche stets das Benehmen des Menschen in der unmittelbaren Gegenwart seines Schöpfers bezeichne» sollte. Bei dem erwähnten Anlasse war jedoch Niemand anwesend, der den Altar oder seinen Dienst mit Leichtsinn hätte behandeln mögen. Als Ulrika und Ilse in die Kapelle traten, wurden die Kerzen des Hochaltars angezündet und die Lampen des Chors warfen ein trübes Licht aus die düstere 270 Architektur. DaS mit erhabener Arbeit versehene und gemalte Gewölbe, die aus Eichenholz geschnitzten Stühle, die Altarbilder und die ernste» , knieenden Nittergestalten, welche die Grabsteine verzierten, bildeten einen lebhaften Gegensatz zu ihren eigenen tiefen Schatten. Wenn eS wünschenSwerth ist, die Andacht durch äußerliche Hülfsmittel zu unterstützen, so war gewiß Alles hier vereinigt, was den Geist zu tiefer, beschaulicher Ehrfurcht stimmen konnte. Die Diener des Altars schwebten in ihren AmlSgewändern durch das prachtvolle heilige Gebäude; ernste Mönche standen erwartungsvoll in ihren Stühlen, und der Abt selbst saß, mit der Mitra und de» gestickten Gewändern bekleidet, auf seinem Thronseffel. Möglich, daß ein spähender, übelwollender Blick in einigen schlaffen Gesichtern oder schweren Augenlidern eine Sehnsucht nach dem Bette und nur wenig Theilnahme an der gottesdienstlichen Handlung hätte entdecken können; indeß waren auch Andere vorhanden, die ihr Amt mit Eifer und lleberzeugung versahen. Unter die letzteren gehört Pater Arnolph, der bleichen Antlitzes und gedankenvollen Blicks in seinem Stuhle saß und die Vorbereitungen mit der ruhigen Geduld eines Mannes beobachtete, der sich in Erfüllung der Pflichte» seines Gelübdes glücklich fühlt. Einen lebhaften Gegensatz zu dieser Gestalt bildeten die unruhigen und mehr strengen als demüthigen Gesichtszüge des Pater Johann, der seine Blicke hastig von dem Altäre und seinen reichen Verzierungen nach der Stelle Hingleiten ließ, wo der Einsiedler kniete, als wollte er berechnen, bis zu welchem Grad von Zerknirschung der gebeugte Geist des Reuigen möglicherweise heruntergestimmt werden könnte. Odo von Ritterstein — denn cs ist kein Grund mehr vorhanden, dem Klausner die ihm gebührende Bezeichnung nicht zu geben — lag in der Nähe des Geländers unten im Chor auf seinen Knieen und ließ seine Angen fortwährend auf dem goldenen Gefässe haften, welches die geweihte Hostie enthielt, die er früher so ver- 271 messen beschimpft hatte — ein Vergehen, das er jetzt nach Kräften zu sühnen bemüht war. Seine Gestalt war nur matt erhellt, aber dies diente dazu, jede Furche, die Grain und Leidenschaft auf sein Gesicht gezeichnet hatten, nur um so mehr hervorzuheben. Nlrika studirte seine Züge, die sich ihr in so wenig schmeichelnder Beleuchtung darstellten: sic knicete zitternd neben Ilse auf der andern Seite des kleinen Gilter-PförtchenS, welches das Kirchenschiff mit dem Chor in Verbindung brachte. Aber kaum hatte sie diese Stellung angenommen, als sich Gottlob hinter den Säulen hervorschlich und in der Ferne auf die Fliesensteine des Mittlern Ganges niederkniecte. Er war zu der Messe gekommen, weil dieser Gottesdienst Niemand verweigert wurde. Die Beleuchtung um den Altar war so lebhaft und das Kirchenschiff unten stand so tief im Schatte», daß sich BonifactuS nur mit Mühe überzeugen konnte, ob die Person zugegen war, für die der Gottesdienst abgehalten wurde. Er mußte seine Stirne falten, um so vermittelst seiner dichten Brauen sich eine Art Schirm zu bilden und Odos Gestalt unterscheiden zu können; sobald er sich übrigens von der Anwesenheit des Büßenden überzeugt hatte, deutete er durch einen Wink an, daß die heilige Handlung beginnen könne. ES ist kaum nöthig, hier die Einzelnheiten einer Cercmonie zu wiederholen, die wir bereits in diesen Blättern zu schikern hatten; wir beschränken uns daher auf die Bemerkung, daß die Musik und der übrige Gottesdienst mitten in der ruhigen Stille der Nacht eine doppelt ergreifende und feierliche Wirkung übte. Man vernahm dieselbe kräftige Solostimme, wie am Morgen oder vielmehr wie am Vorhergehenden Tag (denn Mitternacht war bereits vorüber) und eine gleich erschütternde Wirkung derselben ließ sich auch an denjenigen bemerken, welche an die ergreifende übermenschliche Melodie gewöhnt waren. Im Verlauf der Messe wurde das Stöhnen des Einsiedlers so hörbar, daß diese Aeußerungen des Leids bisweilen die Feierlichkeit zu unterbrechen drohte. UlrikaS Herz antwortete auf 272 jeden Seufzer, der sich Odos Brust entrang, und noch vor Beendigung der Einleitungsgebete hatte ihr Antlitz in Thronen gebadet. Die Prüfung der verschiedenen Münchsgesichter während dieser Scene würde einem Manne, der sich'S zur Aufgabe gemacht hätte, die Verschiedenheiten des menschlichen Charakters zu erforschen oder die wechselnden Schatten zu beobachten, welche dieselben Ursachen bei verschiedenen Gemüihern Hervorrufen — eine würdige Studie geboten haben. Jeder Seufzer des Einsiedlers blitzte in den glühenden Zügen des Pater Johann mit einer Art heiligen Entzückens auf, als triumphire der Mönch über die Gewalt des Gottesdienstes, und mit jeder Minute wandte sich sein Blick fragend in die Richtung des Chorgitters, während sein Ohr gespannt auf den geringsten Ton lauschte, der mit seinen Wünschen im Einklang stand. Andererseits sprach sich in dem Antlitz des Priors der Ausdruck des Schmerzes und der Theilnahmc aus. Jeder Seufzer, der sein Ohr erreichte, weckte in ihm ein Gefühl des Mitleids, allerdings mit heiliger Freude gemischt, aber dennoch eines Mitleids, das eben so tief und bestimmt, als rein menschlich war. BonifaciuS hörte zu, wie ein Mann, der in seinem Amt ist — kalt und mit wenig Rücksicht ans das, was vorging, die gebührende Beobachtung des Rituals ausgenommen. Don Zeit zu Zeit stutzte er das Haupt auf seine Hand, und man konnte deutlich sehen, daß er über Dinge nachdachte, die nur in entfernter Beziehung zu der Handlung vor ihm standen. Unter den übrigen Mönchen sprach sich je nach ihren verschiedenen Charakteren mehr oder weniger Andacht aus, und einige hatten die Gelegenheit benützt, sich, soweit eS die Beobachtung des Ritus gestattete, ein paar Augenblicke des Schlummers wegzustehlen. In dieser Weise verbrachte die Brüderschaft von Limburg die ersten Stunden des Tages oder vielmehr des Morgens nach dem Sonntage, mit dessen Vorabend wir unsere Erzählung eröffnet haben. Denen, welche in Beobachtung ihrer Gelübde besonders eifrig waren, konnte eine derartige Verwendung ihrer Zeit später zum Tröste werden, denn schon bereiteten sich Ereignisse vor, die einen bleibenden Einfluß nicht nur auf ihr eigenes Geschick, sondern auch ans das der ganzen Gegend, in welcher sie wohnten, üben sollten. Die Akkorde der letzten Hymne erhoben sich zu dem Gewölbe über dem Chor, und inmitten der Ruhe, welche eine schöne Stimme hervorzurnfen nie versäumt, ließ sich ein gedämpftes Rauschen vernehmen, das man für das Gemurmel des Windes, oder auch für das unterdrückte Summen von hundert Stimmen halten konnte. Als dieses Geräusch zum ersten Mal laut wurde und unter den gerippten Bogen der Kapelle verhallte, erhob sich der Kuhhirte von seinen Knieen und verschwand in dem Schatten der Kirche. Die Mönche drehten sich, wie in Folge eines, gemeinsamen Antriebs, um zu lauschen, kehrten aber schnell wieder zu ernster Aufmerksamkeit auf die gottesdienstliche Handlung zurück. Allerdings schien Boni- facius einige Unruhe zu empfinden, übrigens in einer Weise, von der er sich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte. Seine grauen Augen schweiften über das Düster, das unter den fernen Säulen der Kirche herrschte, und kehrten dann zerstreut zu den prächtigen Altar-Geräihschaften zurück. Die Hymne wurde fortgesetzt und ihre beschwichtigende Gewalt schien alle Gemüther zu beruhigen, bis endlich das Geräusch an dem großen Thore und an der äußeren Mauer zu deutlich und bestimmt wurde, um einen weitern Zweifel zuzulaffen. Die ganze Brüderschaft erhob sich wie Ein Mann und die Stimme des Sängers verstummte. Ulrika rang schmerzlich ihre Hände, während ob der Rohheit der Unterbrechung sogar Odo von Nitterstein seinen Kummer vergaß. Die Heidemnaucr, 18 274 Achtzehntes Kapitel. „Mein theurcs Gift, so nenne deinen Grund!* DreiköiikgSiiacht. Es ist kaum nöthig, zu erklären, daß der Mann, welcher Ulrika und Ilse nach dem Thore von Dürkheim begleitet hatte, Heinrich Frey gewesen war. Kaum hatte er seine Gattin aus dem Gesichte verloren und die kurze Besprechung mit der Wachmannschaft abgethan, als er nach jenem Stadttheile eilte, welcher dem Eingang in'S Jägerthal am nächsten lag. Hier fand er eine Rotte von hundert Mann versammelt, die wegen ihres Muthes und ihrer körperlichen Stärke aus der Bürgerschaft ausgelesen worden waren. Ihre Ausrüstung bestand nach der Sitte der Zeit aus Angriffswaffen, wie sie der Gewohnheit und Erfahrung der Einzelnen zusagten, und wir können noch beifügen, daß jeder gute Ehemann, bevor er bei dem gegenwärtigen Anlässe auszog, für paffend gehalten hatte, sein Herzgespann zn Rath zu ziehen, weßhalb denn auch außergewöhnlich viele Sturmhauben, Brustharnische und Rückenstücke sichtbar waren. Nachdem sich der Bürgermeister, dem es keineswegs an Muth gebrach, von der Bereitwilligkeit und Stärke seines Gefolges überzeugt hatte, erthcilte er Befehl, das AuSfallthötchen zu öffnen und trat, selbst der Erste, ins Feld hinaus. Die Städtler folgten unter tiefem Schweigen in der ihnen zugewicsenen Ordnung. Statt aber die Richtung unmittelbar nach dem Thale einzuschlagen, überschritt Heinrich Frey vermittelst einer kleinen Brücke den Bach und ging auf einem Fußpfade weiter, der ihn an die Steige des am weitsten auf dieser Seite des ThaleS vorspringenden Berges führte. Der Leser begreift wohl, daß diese Bewegung die Rotte an den Berg brachte, welcher demjenigen, auf welchem die Heidenmauer stand, gegenüber lag. Zu der Zeit, von welcher unsre Erzählung spricht, wuchsen 273 auf den beiden Anhöhen Zedern, und die Städter gewannen dadurch natürlich den Vortheil, gegen jede Beobachtung gedeckt zu seyn. Um dieses Manöver mit gehöriger Behutsamkeit und in aller Stille auszuführen, war etwa eine halbe Stunde erforderlich; sobald sie aber diese Stellung gewonnen hatten, glaubte augenscheinlich die ganze Rotte gegen jede Gefahr einer Entdeckung gesichert zu seyn. Die Bewaffneten setzten ihren Marsch ordnungsloscr und geräuschvoller fort, während sogar ihre Führer sich in Gespräche einzulassen begannen. Die Unterhaltung blieb jedoch immerhin behutsam, als seyen sie sich bewußt, baß sie sich mit einem gefahrvollen Unternehmen trügen. „Man sagt, Nachbar Dietrich," begann der Bürgermeister gegen einem stämmigen Schmied, der bei gegenwärtigem Anlässe als Lieutenant des Oberbefehlshabers mitzog, eine Ehre, die er hauptsächlich der Kraft seines Armes verdankte und die ihm zugleich die Dreistigkeit einflößte, ganz nahe an Heinrich Freys Seite zu rücken — „man sagt, Nachbar Dietrich, diese Binedictiner seyen wie die Bienen, welche nur zur Zeit des UeberfluffeS auSziehen und selten ohne reiche Ausbeute nach ihrem Stocke zurückkehren. Du bist ein denkender und ehrsamer Bürger, der sich nicht durch die oberflächlichen Meinungen müßiger Leute anfechten läßt, — ein Mann, der seine Rechte oder — was das Gleiche ist — seine Interessen kennt und daher wohl einsieht, wie nothwenbig es ist, alle unsre ehrwürdigen Gesetze und Bräuche zu erhalten — wenigstens wenn flch'S um Dinge handelt, welche auf die bleibende Wohlfahrt derer Bezug haben, die ein Recht daran haben, daß es ihnen wohl ergehe. Ich meine hier nicht jene Halunken, die so zu sagen weder dem Himmel noch der Erde angehören, weil sie von Beiden zu dem Elend obdachloser und nichtsnutziger Spitzbuben verdammt sind, sondern wohlhabende Männer, die, gleich Dir und Deinem Gewerke, Alles bei Heller und Pfennig bezahlen, Bett und Tisch haben und sich auch anderweitig durch ihre Brauchbarkeit und ihre natürlichen 276 Berechtigungen auszeichnen. — Und dies bringt mich eben zu einem Punkte: ich will nämlich nicht mehr und nicht weniger sagen, als daß Gott alle Menschen gleich geschaffen hat und wir daher eben so sehr berechtigt als verpflichtet sind, dafür zu sorgen, daß unserer guten Stadt kein Unrecht geschieht, namentlich nicht in jenen Theilen ihrer Interessen, die vorzugsweise auf die wohlhabenden Einwohner Bezug haben. Habe ich da ein vernünftiges Wort gesprochen oder täusche ich mich und Dich, Freund Schmied?" Heinrich Frey stand, namentlich unter seiner eigenen Parthei um seiner Beredtsamkeit und guten Logik willen im besten Geruch, und seine Berufung erging in dem gegenwärtigen Falle an einen Mann, der nicht gemeint war, ihm irgend eine Ehre zu verweigern. Dietrich war einer jener materiellen Philosophen, die vorzugsweise von der Natur ausgestattet zu sehn scheinen, um einem Parlamentsredner Vorschub zu leisten, denn er besaß ein sehr kräftiges Organ und nicht sonderlich viel Einstcht, um etwa die Thätigkeit desselben in Verwirrung zu bringen. Sein Kopf besaß genau jene Hohlheit, welche erforderlich ist, um ein gutes politisches oder moralisches Echo hervorzubringen, besonders wenn stch's um einen unwahren Satz handelt; denn die geringste Erweiterung seiner Fähigkeiten hätte auf seine Antworten dieselbe Wirkung üben müssen, die bekanntlich das Schallbrett hervorbringt, indem es die Wiederholungen der Stimme unmöglich macht. „Beim heiligen Benedict, Meister Heinrich," entgegnete er — „denn es ist wohl erlaubt, den Heiligen anzurufen, obschon wir nicht viel auf seine Mönche halten — es wäre gut, wenn Churfürst Friedrich weniger Wein in seinen Fässern zu Heidelberg und mehr von Eurer Weisheit in seinem Nathe hätte! Was Ihr eben ausgesprochen habt, ist nichts Anderes, als was ich schon seit vielen Jahren immer selbst gedacht habe, obschon ich nie im Stande bin, einen Gedanken zu einer so polirten und schneidenden Rede zu hämmern, wie die von Euer Gestrengen! Sie sollen mir's abläug- neu, was ich sage, und zu ihrer Wehr greifen, — ich will mich dann auf meinen Schmiedehammer berufen, als auf ein Beweisstück, dem nichts entgegenzusetzen ist. Wie Ihr sagt, wir müssen dafür sorgen, daß gemeiner Stadt Recht widerfährt, und mehr ist nicht Vonnöthen, sintemal zwischen allen Menschen diese Gleichheit statt- sindet, wie Ihr eben so richtig bemerkt habt." „Ja, siehst Du, guter Dietrich, dieses Stück von der Gleichheit wird zwar viel besprochen, aber nur wenig verstanden; leihe mir daher für einige Minuten Dein Ohr, und Du sollst Einsicht kriegen in das, was hier Rechtens ist. Wir in den kleinen Städten sind mit all den Eigenthümlichkeiten und Bedürfnissen derer geboren, die in Hauptstädten wohnen, und sollen wir nicht unsre Privilegien brauchen? Sind wir nicht Menschen, denen die Luft zum Athmen unentbehrlich ist? Ich glaube, Du kannst diesen Wahrheiten nichts entgegenhalten." „Mer dieß thun wollte, müßte nur wenig besser als ein Esel seyn." „Die Sache steht also fest, und es bleibt nichts übrig, als die daraus entspringenden Folgerungen aufzuzeigen. Uns, die wir dieselben Rechte haben, wie die grüßten Städte im Reich, muß auch gestattet sehn, von denselben Gebrauch zu machen, denn sonst ist die Sprache wenig besser, als ein Hohn, und ein städtisches Vorrecht nicht mehr werlh, als der Eid eines Leibeigenen." „Dieß ist so einleuchtend, daß ich mich wunderte, wenn cS einer in Abrede ziehe» wollte. Und wie steht'S mit den Dorfschaften, Herr Bürgermeister? Glaubt Ihr, sie werden uns in dieser heiligen Sache Beistand leisten?" „Ich will nichts von den Dorfschaften wissen, guter Schmied, denn sie haben weder Bürgermeister, noch Bürger, und von welchem Belang ist auch ein Widerstand, wo so wenig vorhanden ist, um sich einer Sache anzuuehmen? Ich habe hauptsächlich uns selbst und die bemittelten Städte im Auge, und der Fall ist so 278 klar, daß es handgreifliche Dummheit wäre, ihn mit einem andern zu verwechseln. Wer das Recht auf seiner Seite hat, wäre ein Narr, wenn er einen Bund einginge mit Genossenschaften, deren Freibriefe von bedenklicher Natur sind. Freilich haben Alle ihre natürlichen heiligen Rechte, aber doch sind diejenigen die besten, die durch den Besitz von Reichthum und Macht am klarsten in die Augen springen." „Wenn Zhr mich auch nur so viel liebt, wie ein Haar, gestrenger Heinrich, so thut mir den Gefallen, mir eine einzige Gunst zu erweisen." „Sprich Deinen Wunsch aus, Schmied." „Erlaubt mir, hievon mit den Bürgern zu reden — eine solche Weisheit und so einleuchtende Schlüsse sollten nicht im Wind verfliegen." „Du weißt, daß es mir nicht um eiteln Beifall zu thun ist —" „Bei den Gebeinen meines Vaters, ich will dabei mit aller Rücksicht zu Werk gehen, hochedler Bürgermeister, und die Sache nicht wie eine eitle Rede traktiren. Euer Gestrengen weiß ja, welcher Unterschied statlfindet zwischen einem bloßen Straßenplauderer und einem ordentlichen GewerbSmann." „Halte es, wie Du willst; aber bemerken muß ich Dir, daß ich mir das Verdienst der Originalität nicht anmaße. ES gibt viele gute bemittelte Bürger und auch einige Staatsmänner, die in derselben Meise denken." „ES ist ein Glück, daß Gott nicht Einen begabt hat wie den Andern, sonst hätten wir eine gar weit greifende, unvernünftige Gleichheit, und Mancher würde zu Ehrenstellen gelangen, die er nicht zu tragen im Stande ist. Aber da Euer Gestrengen die so gar vortrefflichen Beweggründe so klar auseinandergesetzt hat, so werdet Ihr Euch vielleicht herablassen, den Marsch durch Anwendung ihrer Wahrheit aus dis Unternehmung, zu der wir auSziehen, zu erleichtern?" 279 „Von Herzen gerne, denn kein Thurm in der Pfalz fällt mehr in die Augen. Hier ist Limburg und dort Dürkheim — zwei Gemeinschaften, die in Interessen und Hoffnungen so zu sagen Nebenbuhler sind und deßhalb nothwendigcrmaßen kein Verlangen tragen, sich gegenseitig einen Gefallen zu erweisen. Die Natur, diese große Lehrmeisterin in allen Fragen des Rechtes und des Unrechtes sagt, Dürkheim solle Limburg nicht schädigen, und Limburg solle Dürkheim nichts zu Leide thun. — Ist Dir dies klar?" „Himmel! so klar wie die Funken einer Esse, hochedler Bürgermeister." „Da nun fcststeht, Keines solle sich in die Angelegenheiten des Andern mengen, so folgen wir der Nothwendigkeit und ziehen bewaffnet aus, um Limburg zu hindern, daß es sich nicht gegen einen Grundsatz vergehe, den alle billig denkenden Menschen für unverletzlich anerkennen müssen. Du bemerkst die Feinheit des Punktes: wir geben zu, das, was wir thun, sei schwach in seiner Begründung, aber um so stärker muß es in der Ausführung sehn. Wir sind keine Narren, um wegen Erreichung unsrer Zwecke einen Grundsatz umzustoßen; indeß müssen doch Alle auf ihre Interessen Acht haben, und wir führen unser Handeln mit stetem Vorbehalt der Lehre aus." „Dieß nimmt mir einen Berg von der Seele!" rief der Schmied, welcher mit der Angelegentlichkeit einer ehrlichen Absicht zugehört hatte. „Nichts kann gerechter sehn, und wehe dem, der widerspricht, so lange mein Rücken einen Panzer trägt!" So erleichterten sich Heinrich und sein Lieutenant den Weg mit spitzfindigen Reden und Beweisführungen, die uns, wir wissen es wohl, den Vorwurf eines Plagiats zuzieheu könnten, wenn wir nicht im Stande wären, ihre Aechtheit mit der Autorität des so oft genannten Christian Kinzel zu verbürgen. Der hohen und uneigennützigen Einsicht, welche sich in Ordnung weltlicher Interessen thäiig erweist, ist schon so oft an an- 280 deren Orten und bei verschiedenen Anlässen Erwähnung gethan worden, daß es völlig nutzlos seyn dürfte, sich hier weiter darüber zu verbreiten. Wir haben bereits gesagt, daß Heinrich Frey ein standhafter Freund des konservativen Princips war, das, wenn eS zur praktischen Anwendung kommt, nicht viel mehr auSdrücken will, als — »Wer Macht hat, der gewinne — Behalte, wer da kann.» Die Gerechtigkeit hat, wie die Freisinnigkeit, ihre großen Vorbehalte, und vielleicht gibt es bei der gegenwärtigen Ausbildung der menschlichen SpecieS nur wenige Länder, in denen nicht täglich irgend ein Stückchen von Heinrichs verwickelter Philosophie in derselben nachdrücklichen, klaren und unwiderstehlichen Begründung zur Verwirklichung käme. Die Richtung, in welcher sich die Dürkheimer Rotte fortbewegte, führte — zwar auf gewundenem Wege, aber doch sicher — nach der Seite des Thals, auf welcher das Schloß Hartenburg stand. Heinrich ließ jedoch sein Gefolge Halt machen, lange ehe sie den Umweg zurückgclegt hatten, der sie nach Graf EmichS Veste geführt haben würde. Der Platz, den er zur Musterung seiner Leute wählte, lag ungefähr halbwegs zwischen Dürkheim und dem Schlosse auf einer Linie, die sich den Einbuchtungen und Abwechslungen des Gebirges anschmiegte. Die Mannschaft war durch die Schatten der Bäume eines hier sich öffnenden Wäldchens wirksam verborgen. Sie nahmen hier Erfrischungen ein, denn die guten Städter waren Uebungen von so tröstlicher Natur in hohem Grade zugethan, und der Anlaß hätte doppelt so dringlich seyn müssen, um ihnen den Appetit zu benehmen. „Siehst Du nichts von unseren Verbündeten, ehrlicher Schmied?" fragte Heinrich Frey seinen Lieutenant, der eine kurze Strecke vorausgeschickt worden war, um an dem Abhange des Bergs zu re- cognosciren. „Es wäre ungebührlich von Leuten, die so gut ein- erercirt sind, wie unsre Freunde, wenn sic ini Folie der Nolh nicht zur Hand wären." „Zweifelt nicht an ihnen, Meister Heinrich. Ich kenne die Spitzbuben wohl; sie zögern nur, um ihre Tornister in derselben Weise, wie wir, zu erleichtern. Seht Ihr, wie ruhig die Bene- dictiner thun, gestrenger Bürgermeister?" „Das gehört zu ihrer gewöhnlichen geistlichen Heuchelei, wackerer Dietrich, aber wir wollen ihnen schon die Wämser auSziehen. Aus unserer Unternehmung kann nur Gutes hervorgehen, denn Wahrlich, bei einem solchen Geiste auf unserer Seite, der für ewige Zeiten beweisen soll, wie nothwendig es ist, sich nicht in die Angelegenheiten eines Nachbars einzumengcn — werden alle Ungewißheiten zwischen uns ins Gleiche kommen. Bei den heiligen drei Königen von Köln, sollen wir'S uns gefallen lassen, daß diese Kutteuträger einem ehrsamen Bürgervolk bis zum Tage des Gerichts die Augen verkleben? — Ist dort nicht Licht in der Abteikirche?" „Die hochwürdigen Väter ziehen mit Gebet gegen ihre Feinde zu Feld. Glaubt Ihr, gestrenger Herr Bürgermeister, die Geschichte von der Art, wie jene schweren Steine den Limburger Berg heraufgeschleppt worden, habe durch'S oftmalige Erzählen nicht kleine Zusätze erlitten?" „Kann wohl seyn, Dietrich; denn nichts, eS müßte denn feuchter Schnee seyn, nimmt durch wiederholtes Rollen mehr zu, als eine derartige Geschichte." „Und das Gold," entgegnele der Schmied in einer Weise kichernd, welche seinem Oberen nicht mißfallen konnte, denn seine Bemerkung zielte augenfällig ans Pie gute Meinung ab, die er von dem Erfolge des Bürgermeisters in Anhäufung von Geld unterhielt — ein Bild, stets gar angenehm sür diejenigen, welche in einem derartigen Auskommen den Hauptzweck des Lebens sehen. — „Gold, das man gut «mherrollen läßt, vermehrt sich wunderbar! Ich bin ganz Eurer Meinung, Meister Heinrich, denn offen gesprochen, es scheint mir zweifelhaft, ob der böse Geist sich mit einer so leichten Sache befaßt haben würde, wie das Hinaustragen des kleineren Materials zu Fuße gewesen wäre. Was die schweren Säule», die behauenen Ecksteine und andere schwere Lasten betrifft, so kann man hier an eine Wahrscheinlichkeit glauben, weil es nicht so gar unter seiner Würde gewesen wäre. Diesem Theil der Sage habe ich nie widersprochen, weil ihr doch die Möglichkeit zur Seite steht, aber-ah! da kommt der SuccurS." Die Annäherung eines SoldatenhaufsnS, der aus der Richtung der Hartenburg kam und sich stets in dem Schatten des GebirgS hielt, nahm nun alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Dieser zweite Trupp war dreimal so stark, als die Städter, in gleicher Weise bewaffnet und zeigte, wie die letzteren, alle Merkmale kriegerischer Vorbereitungen. Er machte in einiger Entfernung von Heinrichs Rotte Halt, als erscheine es nicht räthlich, die beiden Haufen zu einem einzigen zu vereinigen, und dann näherte sich ein KriegSmann der Stelle, wo der Bürgermeister seinen Posten genommen hatte. Der Ankömmling war nur leicht bewaffnet; er trug eine Pickelhaube, einen Harnisch und sein Schwerdt in der Scheide. „Wer führt die Dürkheimer?" fragte er, als er nahe genug war, um seiner Stimme vertrauen zu können. „Ihr armer Bürgermeister in Person; ich wünschte, daß ein Besserer an seiner Stelle stände." „Willkommen, gestrenger Herr," versetzte der Andere, sich mit mehr als gewöhnlicher Achtung verbeugend. „Ich meinerseits stehe an der Spitze von Graf EmichS Leuten." „Wie ist Dein Name, wackerer Hauptmann?" „Er ist nur wenig würdig, mit dem Einigen in eine Classe gesetzt zu werden, Herr Frey; aber wie er einmal steht, mag ich ihn nicht verläugnen. Ich bin Berchthold Hintermayer." 283 „Hum — ein junger Anführer in einer so wichtigen Unternehmung ! — Ich hatte gehofft, Dein Gebieter werde mir die Ehre seiner Gesellschaft erweisen." „Ich bi» beauftragt, Euer Gestrengen die Sache auseinanderzusetzen." Berchthold ging sodann mit dem Bürgermeister bei Seite, während Dietrich vorschritt, um die verbündete Streitmacht näher zu mustern. Den meisten unserer Leser ist wohl bekannt, daß zu der Zeit, von weicher wir schreiben, jeder Ritter von Bedeutung mehr oder weniger Untergebene hatte, welche, da sie aus die näher verpflichteten Lehensleute früherer Jahrhunderte folgten, eine Art Mittelstellung zwischen Dienern und Soldaten einnahinen. Eine Tagreise von Paris steht am Rande eines königlichen Forsts, der in einigen seiner Züge einem amerikanischen Wald weit ähnlicher ist, als irgend etwas, was ich auf der anderen Hemisphäre gesehen habe — die edle Ruine Pierrefont, bekannt als der frühere Sitz eines jener kriegerischen Edlen, welche sogar in einer viel späteren Periode, als die unserer Geschichte ist, den Basailen des Königs vielen und namhaften Schaden zufügte». Mit einem Wort, die europäische Gesellschaft war eben damals in einem Zustande des Uebergangs begriffen, indem sie die Bande des Feudalismus abzuschütteln oder doch wenigstens den Kamps zu eröffnen begann, um ihnen eine neue und weniger lästige Gestalt zu geben. Die Grafen von Leiningen waren übrigens durch ihre politische Bedeutsamkeit in vollem Maaße berechtigt, ein Gefolge zu führen, das weniger angesehene Ritter eben aufzugeben begannen, und die Folge davon war, daß alle ihre Schlösser viel von dem losen Anhänge zählten, der inzwischen durch die regelmäßigen, gut erercirten Truppen unserer Zeit verdrängt worden ist. Der Schmied fand in dem Haufen, den Berchthold herbeigeführt hatte, viel zu loben und auch manches zu tadel». So weit 284 rücksichtslose Verwegenheit und Mißachtung aller moralische» Schranken i» Frage kam, konnte man sich nicht wohl ein besseres Kriegsvolk wünschen: denn mehr als die Hälfte des Haufens lebte non Vergehungen gegen die Gesellschaft und behauptete auf der Stufenleiter der Gesittung genau dieselbe Stelle, welche die Schwämme tm Pflanzenreich oder die Finnen in der physischen Organisation des Menschen einnehmen. Was jedoch Muskel- und Schnellkraft betraf — ein besonders wichtiger Punkt, nach welchem der Schmied den Werth eines jeden Kriegs,nannes anschlug — so standen die Gräflichen im Allgemeinen den Städtern weit nach, da bei letzteren eine geordnete Lebensweise und einträglicher, regelmäßiger Gewerbs- fieiß die Materie zur vollen Entwickelung gebracht hatte. Allerdings befand sich unter den Hartenburger Reisigen auch ein Häuflein Bauern aus dem Gebirg, oder Einwohner des DörfleinS unter dem Schlosse, und von diesen, obgleich ihre Haltung weniger drohend und ihre Rede nicht so dreist war, hegte Dietrich die Ansicht, daß ihnen nur die Dürkheimer Kriegszucht abgehe, um sie zu eigentlichen Helden zu bilden. Als Heinrich und Berchthvld nach ihrem Privatgespräche zu ihren Rotten zurückkehrten, war jede Spur von Unzufriedenheit aus der Stirne des Ersteren entschwunden, und beide schickten sich an, die nöthigen Verfügungen zu Sicherung des Erfolges ihrer gemeinschaftlichen Unternehmung zu treffen. Das Gehölz, in welchem sie Halt gemacht hatten, lag dem inneren Ausläufer des Ab- teibergeS, von dem sie nur durch eine breite, vollkommen ebene Wiese getrennt waren, gerade gegenüber, und obgleich die Entfernung nur gering war, so erschien es doch als möglich, daß die Annäherung der gewappneten Haufen von den Schildwachen entdeckt werden könnte, die ohne Zweifel das Kriegsvolk, welches den Mönchen von dem Churfürsten geborgt worden war, schon um seiner eigenen Sicherheit willen ausgestellt hatte. Limburg war kein befestigter Platz und verdankte seine Unangefochtenhcit nur der mo- 285 ralischen Gewalt, welche die Kirche, der es angehörte, noch immer übte, obschon sie in diesem Theile Deutschlands bereits sehr Noth gelitten hatte; aber die Mauern waren hoch und stark, die Thürme zahlreich, die Gebäude massiv und Alles so eingerichtet, daß ein Soldatenhaufen, der im Innern zu tapferem Widerstand entschlossen war, recht wohl eine Streitmacht bestehen konnte, wie die war, welche jetzt heranzog. Alles dies entging Heinrich Frey nicht, denn er hatte bereits den Mittag des Lebens überschritten und sich in den Stürmen und Zwistigkeiten seines wild bewegten Zeitalters, in denen er sich stets als Mann von Muth zeigte — reichliche Erfahrungen über die zweckmäßige Vertheidigung eines Platzes gewonnen. Er ließ daher seine Blicke mit größerer Angelegcntlichkeit umherschweifsn, um sich zu überzeugen, auf wen er bauen könne, und die edle, ruhige Haltung Berchthold Hintermayers gab ihm jene Art von Befriedigung, welche der Tapfere stets fühlt, wenn er im Augenblicke der Gefahr verwandte Geister in seiner Nähe weiß. Sobalv die nöthigen Verfügungen getroffen waren, rückten die Streiter in bedächtiger Ordnung vor, denn sie wußten wohl, daß es Athem kosten werde, die steile Höhe hinanzusteigcn. Vielleicht ist der Scharfsinn des Menschen nie thätigcr, als in Augenblicken, in welchem ihm sein Gewissen ein schweres Unrecht vorwirft und er sich deßhalb mit dem fieberischen Verlangen trägt, seine Worte oder Handlungen sowohl vor sich selbst, als vor Andern zu rechtfertigen. Eine tiefe Ueberzeugung von der Wahrheit -und das unverfängliche Bewußtseyn, im Rechte zu stehen, umgibt den Geist mit einer hohen moralischen Würde, die eS verschmäht, sich zu einer Rechtfertigung herabzulaffen, während derjenige, welcher von einem Streite, in dem ihn sein Inneres gegen die eigenen Beweisgründe mißtrauisch macht, zu übereilten und allgemeinen Betheurungen übergeht — eher Gewissensbisse, als Muth an den Tag legt und ebendadurch der Sache Abtrag thut, die er stützen möchte. 286 Eine dünkelhafte Anmaßung von Kenntnissen, besonders in Dinge», die uns Gewohnheit und Erziehung eher nicht zu begreifen, als zu begreifen lehrten, kann nur zu Widerspruch und Entlarvung führen, und obgleich Umstände dazu helfen mögen, einen Jrrthum für den Augenblick zu unterstützen, so bleibt doch der Sieg der Wahrheit ebenso wenig ans, als die nothwendtg darauf folgende, bittere Zurechtweisung. Zum Glücke leben wir in einem Zeitalter, in welchem keine Sophistik lange unenthüllt, keine Sünde an der natürlichen Gerechtigkeit unbestraft bleiben kann. Es liegt wenig daran, wo das Unrecht gegen die Wahrheit begangen worden sehn mag — auf dem Throne oder im Kabinet, im Senat oder vermittelst der Presse — jedenfalls wird die Gesellschaft Rache nehmen für die Bethörung, der man sie unterworfen hat, und ihr Endurtheil stützt sich dann auf die öffentliche Meinung, welche nachhaltig bleibt, wenn die scheinbaren Triumphe des Truges längst vergessen sind. ES wäre gut, wenn Alle diejenigen, welche unter rücksichtsloser Mißachtung der Folgen ihre Stellung mißbrauchen, um einen augenblicklichen Zweck zu erreichen, sich öfters dieser Thatsache erinnerten, denn sie würden sich dadurch manche Kränkung und in einigen Fällen di- Schande ersparen, welche unabweislich den treffen muß, der im Ringen nach einem Ziele von dem Rechte abgeht. Heinrich Frey setzte ein großes Mißtrauen in die Gesetzlichkeit der Unternehmung, bei welcher er sich betheiligt hatte, denn die Verantwortlichkeit des Rathes sowohl als der Ausführung traf ihn, nicht seine Begleiter. Er haschte daher in seinem Innern nach Gründen zur Rechtfertigung dessen, was er that, und während er mit Berchthold und dem Schmied langsam über die Wiesen hinging, ließ er seine Gedanken folgendermaßen laut werden: „Es kan» keinerlei Zweifel unterworfen seyn, Meister Hintermayer, daß wir in unserm dermaligen Schritte gegen Limburg nur nach Recht und Nothwendigkeit handeln," sagte er: denn in allen zweifelhaften Fällen steigert sich die äußere Zuversichtlichkeit genau in dem 287 Verhältnisse des Mißtrauens, das man in die Rechtmäßigkeit einer Sache setzt — „warum wären wir sonst hier? Soll Limburg immer und ewig das Thal und die Ebene mit seinen verwünschten, habgierigen Erpressungen belästigen — sind wir Sklaven, die sich von glatzköpfigen Mönchen mit Füßen treten lassen müssen?» „ES gibt in der That genügende Gründe für Das, was wir thun, Herr Bürgermeister,» antwortete Berchihold, dessen Geist sich stark dem neuen Wechsel in den religiösen Meinungen zuneigte, welcher in jener Zeit mehr und mehr um sich griff. „Wo so gute Motive vorhanden find, brauchen wir uns nicht nach weiteren umzusehen.» „Nicht doch, junger Mann; ich bin überzeugt, der ehrliche Schmied hier wird sagen, kein Nagel, den er in einen Huf schlägt, könne allzu gut vernietet seyn." „Dieß unterliegt gar keiner Frage, Meister Berchihold," ließ sich Dietrich vernehmen; „folglich muß Seine Gestrengen in der ganzen Begründung Recht haben." „Meinetwegen ; ich werde gewiß nicht widersprechen, wenn von der Nothwendigkeit die Rede ist, ein Nest Volk Drohnen aufzuhebcn.» „Ich nenne sie nicht Drohnen, junger Berchihold, und komme auch nicht, um sie aufzuheben; denn meine Absicht geht einfach dahin, der Welt zu zeigen, daß Deijenige, welcher sich in Dürkheims Angelegenheiten mischen will, einen Merks nöthig hat, der ihn lehre, seinen Fuß von den Gründen eines Nachbars fern zu halten." „Dieß ist heilsam und wird unsere Stadt sehr zu Ehren bringen!» entgegnete der Schmied. „Nur Schade, daß wir nicht die gleiche Sache auch dem Churfürsten zu kosten geben können, der in letzter Zeit neue Ansprüche an den gewerbsamen Bürger erhoben hat.» „Mit dem Churfürsten ist nicht viel anzufangen, denn sein Eingreifen ist zu gewaltig, als daß unsere Mannhaftigkeit ausreichen könnte, um das Recht der Nichteinmengung zu behaupten. Der- 288 gleichen kitzliche Rechtsfragen lassen sich nicht an der Esse erfassen und bedürfen eines gar feinen Verstandes, um klar gemacht zu werden; aber klar sind sie — für Alle, welche das Vermögen haben, sie zu begreifen. Freilich ist es mehr als wahrscheinlich, Dietrich, daß sie Dir nicht so ganz einleuchten; aber säßest Du einmal im Magistrat, so würdest Du die Sache bald mit ganz andern Augen ansehen." »Ich setze keinen Zweifel darein, Herr Bürgermeister, nicht den geringsten Zweifel. Ah! wenn einmal eine solche Ehre auf einen Mann meines Namens und meiner Erziehung herniederstiege — Himmel! der wohlweise Magistrat sollte in mir einen Mann finden, der vollkommen bereit wäre, an jede derartige Spitzfindigkeit — überhaupt an Spitzfindigkeiten aller Art zu glauben." „Ha — ich sehe Licht an jenem Spalte dort!" rief Berchthold, „eine gute Vorbedeutung." „Hast Du einen Freund im Kloster?" „Bst, Herr Bürgermeister — es handelt sich dabei um Exkommunikation. Jedenfalls bin ich sehr froh, das Licht an jenem Spalt zu sehen." „Alles soll sich mäuschenstille verhalten," flüsterte Heinrich seinen Hintermännern zu, die den Befehl weiter gehen ließen. „Wir kommen näher." Der Trupp war nun am Fuße des Klosterbergs angelangt, und nirgends ließ sich ein Zeichen blicken, daß ihre Annäherung bemerkt worden wäre, wenn man nicht etwa eine einzelne Kerze, die vor einem Kerkerloch brannte, dafür nehmen wollte. Im Ge- gentheil herrschte durch das ganze Kloster dieselbe Stille, welche wir bereits bei UlrikaS Ankunft geschildert haben. Aber weder dem Bürgermeister noch seinem Gefährten wollte dieses unheimliche Schweigen gefallen, da eS, wenn es zur Sache kam, auf eine weit ernstlichere Gegenwehr hindeuten konnte. Ein offener Widerstand wäre ihnen weit lieber gewesen, und nichts würde die Gemüther der 289 beiden Führer mehr erleichtert haben, als wenn sie unter einer scharfen Salve van Seiten der churfürstlichen Arkebusiere hätten zum Sturm kvmmandiren können. Dieser Trost blieb ihnen übrigens versagt und der ganze Haufen gelangte nach einem Punkte des Berges unter einem vorspringenden Thurme, wo jedes weitere Wersteckthalten aufgegeben und eine rasche Schwenkung nach dem Wege hin gemacht werden mußte. Das Geräusch dieses Manövers hatte zu der ersten Störung in der Kapelle Anlaß gegeben; die zweite Unterbrechung aber rührte von den rauheren Tönen des Angriffs selbst her, welcher unmittelbar nachher gegen das äußere Thor geübt wurde. Neunzehntes Kapitel. »Nie werd' ich Ein solcher Gänsrich scyn, um dem Instinkt Zu folgen; nein, ich werde steh'n, als sch Des Mannes eigenes Geschöpf der Mann Und kenne keine andere Abkunst.' Coriola». Vie wir bereits gesehen haben, standen die Angreifenden unter der Führung des Bürgermeisters und seiner zwei Lieutenante, Berchtholv Hintermayers und des Schmieds. Letzterem dicht an der Ferse folgten drei seiner Gesellen, jeder, wie sein Meister, mit einem tüchtigen Schmiedehammer bewaffnet. Kaum war der Trupp an dem Thore angelangt, als diese Handwerker hurtig und mit großer Gewandtheit den Dienst der Pioniere begannen. Mit dem dritten Schlage von Dietrichs muSkeligem Arme stog das Thor auf und die Vorder» stürzten in den Hof. „Wer bist Du?" rief Berchthold, einen Mann ergreifend, der, »litten in seinem Wege, auf der Brust eines Andern kniete. „Sprich, denn dieß ist kein Augenblick zum Spielen." Die Heideninauer. 13 290 „Meister Förster, sei nicht so hitzig und vergiß Deine Freunde nicht. Du könntest doch sehen, daß es Gottlob ist, der den Kloster- Pförtner festhält, damit er nicht von dem Querbalken Gebrauch machen kann. Es sind Fremde drinnen, und um seiner Gemächlichkeit zu pflegen, hat der unzuverlässige Halunke die Riegel nicht gehörig befestigt; andernfalls hättest Du hämmern können, bis die Chnrsürstlichen über Dich gekommen wären." „Recht so, Milchbruder! Dein Signal wurde bemerkt, und wir zählten auch darauf; aber da Du die Wege so gut kennst, so führe uns ohne Weiteres zu dem Kriegsvolk." „Himmel, die Spitzbuben haben stachlichte Bärte, in die der Krieg sein Grau gemischt hat, und eS wird ihnen wahrscheinlich nicht gefallen, wenn ihr Schlaf so Plötzlich unterbrochen wird; aber der Dienst muß geschehen. Wähle die Frömmsten aus Deinem Gefolge, hochedler Bürgermeister, damit sie gegen die Mönche ziehen, die im Chor verschanzt und mit Gebeten wohl bewaffnet sind, während ich die fleischlicher Gesinnten zu einem kleinen Tanze mit den Churfürstlichen führe." Während dieses kurze Gespräch stattgefunden hatte, war die ganze Masse der Angreifer durch das Thor hereingeströmt, und ihre Offiziere gaben sich Mühe, unter dem schlecht erercirten Haufen eine Art von Ordnung zu erhalten. Alles fühlte die gebieterische Noth- wendigkeit, zuerst mit den Truppen ins Reine zu kommen, denn von den Mönchen war für den Augenblick gewiß nichts zu besorgen. Einige blieben daher zur Bewachung des ThoreS zurück, während Heinrich unter der Leitung des Kuhhirten sein bewaffnetes Volk nach den Gebäuden führte, wo bekanntlich die Churfürstlichen ihr Quartier hatten. Wenn wir sagen wollten, die Angreifer seien sorglos vorgerückt, so würden wir ihre Tapferkeit überschätzen und dem Ruf der chur- sürstlichen Soldaten Unrecht thun. Nach den herrschenden Ansichten der Zeit galt der Einfall in ein Kloster für Kirchenschändung, den 291 obschon der Protestantismus bereits große Fortschritte gemacht hatte, wurde es doch sogar den Anhängern der Reform nicht leicht, die Bande der Gewohnheit und lange bestandener Vorurtheile zu zerreißen. Zu diesem unheimlichen Gefühle kam noch die unerklärliche Stille, welche noch immer unter den Kriegsleuten herrschte, die, wie Gottlob gesagt hatte, als treffliche Soldaten, wo es galt, bekannt waren. Sie lagen hinter der Wohnung des Abts und waren zureichend hinter Mauern und unter Gärten verschanzt, um einen tüchtigen Widerstand leisten zu können. Aber alle diese Rücksichten bildeten keinen Gegenstand reifer Erwägung, sondern zuckten nur vorübergehend im Geiste der Führer auf; denn im Augenblick eines Angriffs pflegt sich nur wenig Zeit zum Nachdenken zu finden, namentlich wenn die Angelegenheiten schon so weit gediehen sind, wie in dem gegenwärtigen Falle. Die KriegSlcute stürzten daher gegen den Angriffspunkt los, ohne eine klare Vorstellung von der Gefahr zu haben, obschon sie sich einigen BangenS vor derselben nicht erwehren konnten. Gottlob hatte augenscheinlich seinen Aufenthalt in der Abtei aus'S Beste benützt, um die verwickelten Windungen der verschiedenen Gänge kennen zu lernen; er stand bald vor der Thüre der Abts-Wohnung, die durch einen einzigen Schlag von Dietrichs Schmiedehammer niedergeschmettert wurde, und unmittelbar darauf strömte eine Fluth wilder und, wir dürfen wohl beifügen — gesetzloser Soldaten durch die leeren Gemächer. Einen Augenblick später befand sich die Gesammtmasse der Angreifenden in den Gärten, welche hinter diesem Theile der Wohngebäude lagen. Wie nichts das Ungestüm mit mehr Erfolg zurückzuwcisen vermag, als eine ruhige Festigkeit, so gibt es ebenfalls nichts, was einen Angriff nachdrücklicher zurückzuschrecken im Stande wäre, als eine Ruhe, die ihm Trotz zu bieten scheint. In einem solchen Augenblicke wirkt die Einbildungskraft weit furchtbarer, als alle feindliche Gegenwehr, da sie sich mit Schreckbiidern von Gefahren trägt, die, wären sie sichtbar und nach dem gewöhnlichen Gange des Kriegslebens, leicht nach ihrem Werthe geschätzt werden könnten. Es ist männiglich bekannt, daß der Augenblick, welcher dem Losbrechen einer Schlacht vorangeht, auf die Festigkeit des Mannes den erschütterndsten Eindruck übt; das Zurückhalten mit den WiderstandSmittcln aber verlängert diesen Moment und erhöht demgemäß die Kraft seines Einflusses. Der ganze feindliche Haufen — wir wollen selbst die Führer nicht ausnehmen — fühlte die Einwirkung dieser geheimnißvollen Ruhe unter den Truppen des Churfürsten, die in der That so peinlich wurde, daß Alle in einer einzigen Gruppe — in einer Stellung also Halt machten, die sie am allerehesten einer Niederlage aussetzen konnte; denn durch die ganze Schaar lief ein dumpfes Gemurmel von Minen und Hinterhalten. Berchthold bemerkte, daß der Augenblick entscheidend war und die Gefahr einer plötzlichen Niederlage zu besorgen stand. „Folgt mir!" rief er, indem er sein Schwerdt schwenkte und auf das steinerne Gebäude zusprang, in welchem bekanntlich die churfürßlichen Soldaten ihr Quartier hatten. Ihm folgte muthig der Bürgermeister und der Schmied, worauf der ganze übrige Haufen sich ermannte und stürmisch gegen die Thüren und Fenster anrückte. Dem dröhnenden Schlage der Schmiedehämmer folgte ein Knacken der Niegel und Bolzen und unmittelbar darauf drangen die Angreifer in's Innere; aber ihr Geschrei hallte nur von leeren Gewölben wieder. Die Streu, Ueber- reste von Lebensmitteln, die schnöden Ausdünstungen begangener Schlemmereien und alle die gewöhnliche» ekelhaften Merkmale einer schlechtgeordneten Kaserne — denn damals stieg Reinlichkeit und Ordnung nicht weit unter den Stand der Wohlhabenden herunter — waren zwar noch vorhanden; aber kein Laut beantwortete das Geschrei, und kein Schwerdt, keine Arkebuse wurde erhoben, um dem Schlage des Eindringlings zu begegnen. Der erste Ein- 293 druck, den diese wichtige Thatsache übte, war ein Gefühl der Betäubung; dann aber erlhcüteu Heinrich Frei und Berchthold Befehl, den gefangenen Pförtner, der sich im Centrum der Angreifcnden befand, herbeizubringen. „WaS soll dieß heißen?" rief der Bürgermeister gebieterisch. „Sprich, was ist aus den Churfürstlichen geworden?" „Sie zogen mit Einbruch der Nacht ab, hochedler Herr," lautete die Antwort, „um Limburg der Obhut seines Schutzheiligen zu überlassen." „Wie, also fort? Wohin und in welcher Weise — wenn Du mich hintergehst, Schurke, so soll Dein heiliger Benedict selbst nicht im Stande sehn, Dir das Fell über den Ohren zu erhalten!" „Ereifert Euch nicht, gestrenger Herr Bürgermeister, denn ich rede nichts als die Wahrheit. Mit Sonnenuntergang lief von Seiten des Churfürsten ein Befehl ein, welcher sie sammt und sonders bis auf den letzten Mann zurückrief. Man sagt, Friedrich sey schwer in der Klemme und deßhalb eines SuccurseS dringend bedürftig." Diese Aufklärung hatte eine stumme Pause, dann aber ein Jubelgeschrei zur Folge, und Einzelne fingen an, sich hastig von der Hauptmasse fortzustehlen, um sich nach Beute umzusehen. „Welchen Weg haben die Leute des Churfürsten eingeschlagen?" „Gestrenger Herr Bürgermeister, sie zogen in aller Stille und großer Ordnung den Pferdepfad hinunter und nach dem Berge dort drüben, damit sie nicht nöthig hatten, zu so später Stunde die Dürkheimer mit Oesfnung ihrer Thore zu bemühen. Sie gedachten, durch das Cederngehölz der Heidenmauer zu gehen, auf der andern Seite des Lagers hinabzusteigen und so die Ebene hinter Dürkheim zu gewinnen." ES unterlag also nicht länger einem Zweifel, daß die Eroberung gewonnen war, und der ganze Haufen löste sich in Gruppen aus, theils um Befehle auszuführen, theils aber, um gleich den 294 Andern, welche sich vorläufig bei Seite gemacht hatten, für den eigenen Vortheil zu sorgen. Bis auf diesen Augenblick hatte -sich auch nicht ein Einziger der Kapelle genähert. Da es nicht in dem Wunsche derer lag, welche den Plan zum Angriff entworfen hatten, den Mönchen persönliches Leid zuzufügen, so war Befehl ertheilt worden, diesen Theil der Abtei eine Weile unbesucht zu lassen, weil man hoffte, die Brüder würden diese Bersäumniß benützen, um durch einige der vielen Pförtchen, welche mit den Kreuzgängen in Verbindung standen, zu entkommen; nun aber nicht länger ein bewaffneter Feind zu bändigen war, wurde es nöthig, an die eigentlichen Herren des Klosters zu denken. Der Proceß, ihre Zellen kahl zu machen, war bereits weit fortgeschritten, und das Jubelgeschrei, welches von den Gebäuden her erscholl, verkündete, daß die reiche und gemächlich eingerichtete Wohnung des Abts eben einem ähnlichen summarischen Verfahren unterlag. „Himmel!" murmelte Gottlob, der von dem Augenblicke seiner Befreiung an seinen Milchbruder nicht verlassen hatte — „unsere Schloßspitzbuben gucken tief in die Bücher des hochwürdigen Boni- faciuS, Meister Berchthold. Es wäre gut, wenn man sic wenigstens auf die lateinischen aufmerksam machte, damit sie ihre Schultern nicht mit einer Gelehrsamkeit belasten, die ihnen doch nichts nütze ist." „Mögen die Kerle immer d'rauf losplündern," entgegnete der Bürgermeister mürrisch. „Aus diesem Büchervorrath ist eben so viel Uebles als Gutes erwachsen, und Dürkheim wird nur um so besser fahren, wenn die verwünschte Munition der Benedictiner ein wenig zusammengeht. In den Ebenen meinen sogar Einige, daß in manchem Bande, der den Namen eines Heiligen auf dem Rücken trägt, schlimmes Zaubcrwerk enthalten sey." Berchthold würde vielleicht Widerspruch eingelegt haben, wenn ihm nicht eine innere Stimme gesagt hätte, daß jede Vorstellung über einen derartigen Gegenstand im Augenblicke des Tumults und der Verwirrung sich schlimmer als nutzlos erweisen dürfte, und die Folge davon war, daß viele schätzenswerthe Werke und zahlreiche Manuskripte, welche eine gelehrte Muße im Laufe von Jahrhunderten gesammelt hatte, der Laune von Leuten überlassen blieben» die unfähig waren, ihren Werth zu würdigen oder ihren Inhalt zu begreifen. „Wir wollen jetzt zu den Mönchen," sagte Heinrich, indem er — zum erstenmale, seit sie das Gehölz verlassen hatten — seine schwere Klinge in die Scheide steckte. „Freund Schmied, Du wirst Deinen Obliegenheiten hier Nachkommen und Sorge tragen, daß Alles, was geschieht, auch recht geschehe. Vergiß nicht, daß Dein Eisen glüht und schon auf dem Amboß liegt, um sich bearbeiten zu lassen; eS muß flach geschlagen werden, damit es nicht eines Tages zu einer Waffe umgeformt werde, die uns schädigen kann. Geh' an'S Werk, Dietrich; Du weißt, was wir aus der Stadt haben wollen und was wir von Deiner Geschicklichkeit erwarten." Damit nahm der Bürgermeister Berchthold am Arme, und ging nach jenem weit berühmten Gebäude, der Klosterkirche; auf die beiden Führer aber folgte ein Häuflein von etlich und zwanzig auserlesenen Handwerkern, welche sich während jener ganzen ereig- nißvollen Nacht gleich Männern, die ausdrücklich zu diesem Dienste erkiesen worden waren, dicht an die beiden Befehlshaber gehalten hatten. Um die Kapelle herrschte dasselbe düstere Schweigen, welches das Vorrücken gegen die Quartiere der Soldaten so unheimlich gemacht hatte: nur galt es hier einem ganz anderen Feinde. Für die meisten hatte damals die geheimnißvolle Gewalt der Kirche noch immer ein tiefes und ehrfurchtgebietendes Interesse; denn obschon einige kühne Sprecher aufgetreten waren und der Strom der öffentlichen Meinung sich in dieser ganzen Gegend stark gegen die römische Kirche gerichtet hatte, so war es doch nicht leicht, durch die bloßen Hebel der Vernunft die tiefgehenden Wurzeln auSzu- 296 roden, welche auf dem Boden der Gewohnheit und des GemüthS erstarkt waren. Bis auf diese Stunde noch sehen wir, wie fast die ganze civilistrte Welt grobe, augenfällige Handlungen des Unrechts begeht und sie mit Borwänden bemäntelt, die für den kritischen Blick keine bessere Unterlage aufweisen können, als einen krankhaften Geschmack, welcher eben aus Gewohnheiten erwuchs, die sich selbst nicht ans irgend eine annehmbare Weise begründen lassen. Sogar die nachtheiligen Folgen des nächsten besten Systems werden als Beweismittel zu Gunsten seines Fortbestandes gedeutet, weil man den Wechsel — vielleicht auch oft mit Recht — für ein größeres Uebel hält, als das bestehenve Unrecht, und auf Millionen lastet der Fluch, bloß deshalb ein herabgewürdigtes, unwissendes Thierleben fortschleppen zu müssen, weil ein verderbter Sinn sein Mitgefühl allen denen versagt, welchen das hoffnungslose Schicksal zu Theil geworden ist, durch zufällige Momente des Lebens in den Bann der Gesellschaft zu g-rathen. So erzeugt Jrrthum den Jrrthum, bis sogar die Philosophie und die Gerechtigkeit sich für befugt halten, mit unzureichenden Palliativ-Mitteln gegen eine Krankheit zu Felde zu ziehen, die nur in einer kühneren und besseren Behandlung gründliche Abhülfe finden könnte. Niemand wird sich daher wundern, wenn wir sagen, daß sowohl Heinrich als Berchthold nicht ohne große Beklommenheit gegen die Kirche heranzogen, da sie doch nicht völlig überzeugt waren, ob sie wirklich ein verdienstliches Werk übten. Vielleicht ist nie ein Mann seinem Zeitalter weit vorangeschritten, ohne zuweilen Mißtrauen in seine eigenen Grundsätze zu setzen, und es ist gewiß, daß Luther selbst oft mit peinlichen Zweifeln kämpfen mußte. Berchthold ließ sich übrigens die Sache weniger anfechten, als seine Begleiter, denn er handelte nach den Befehlen eines Vorgesetzten und war nicht allein jünger, sondern auch besser unterrichtet, als der Bürgermeister. Die erster? dieser That- sachen war allein schon hinreichend, ihn aller Verantwortlichkeit zu entbinden, während die letztere» Momente nicht nur den Einfluß früherer Meinungen schwächten, sondern auch den der neu angenommenen bekräftigten. Mit einem Worte, es bestand zwischen Heinrich Frei und Berchthold eine Verschiedenheit, wie wir ste Alle in unsrem fortgeschrittenen Zeitalter an Dem bemerkt haben müssen, der feine Ansichten entschwundenen Generationen verdankt, im Gegensätze zu einem Andern, der ste von seinen Zeitgenossen anfnimmt. Der junge Förster war mit dem ersten Rufe des Reformators, der durch ganz Deutschland wiederhallte, in das Alter der reiferen Erwägung getreten, und da er zufälligerweise unter Personen lebte, welche den neuen Lehren Gehör schenkten, so hatte er die meisten ihrer Widerspruchs-Motive eingesogen, ohne je viel von dem gegenwirkenden Einstuß einer andern Ueberzeugung befahren zu müssen. In dieser allmähligen Weise werden fast alle heilsamen moralischen Wechsel bewirkt, denn diejenigen, welche die ersten Impulse dazu in sich tragen, können unter ihren Zeitgenossen selten mehr thun, als dem Weiterumstchgreifen nachtheiliger Angewöhnungen steuern, während es einem späteren Geschlechts belassen bleibt, den Strom rückwärts zu lenken und ihm eine neue Richtung zu geben. Wenn die Urheber des geschilderten Sturmes auf das Kloster glaubten, Wilhelm von Venloo werde der Erste seyn, der in diesem Augenblick der Gewalt und des Tumultes von seinem Posten weiche, so thaten ste ihm Unrecht; denn so wenig er auch Lust haben mochte, sich Gefahren auszusetzen oder nach der Märtyrerkrone zu ringen, so fühlte sich doch der männliche Sinn des Abts hoch über den Einfluß jeder niedrigen Gesinnung erhaben, und obschon er nicht Selbstbeherrschung genug besaß, um seine Liebhabereien zu zügeln, so war ihm doch eine gewisse geistige Würde nicht abzusprechen, die selten den Mann in schwierigen Lagen verläßt. Als daher Heinrich Frei und Berchthold in die Kirche traten, fanden ste die ganze Brüderschaft im Chor versammelt und gleich römischen Senatoren gewärtig, den Schlag mit der ganzen Würde ihres amtlichen Charakters entgegen zu nehmen. Es lag vielleicht 298 eben so viel List als Hochherzigkeit in dem Entschlüsse, welcher den Abt zu einem derartigen Verhalten bewog, denn diejenigen, welche von einem Schauplatz roher Gewaltthat her in das Gotteshaus ssürmten, mußten nothwendig durch die feierliche Ruhe betroffen werden, die ihnen hier entgegentrat. Die Kerzen brannten noch immer vor dem Altäre und die Lampen warfen ihr flimmerndes Licht auf die malerische Architektur und die prachtvollen Ornamente der Kapelle, während die bleichen Gesichter unter den geschorenen Kopsen wie heilige Wächter erschienen, die aufgestellt waren, um den Tabernackel vor Befleckung zu schützen. Sämmtliche Mönche befanden sich in ihren Ständen, den Prior und den Pater Johann ausgenommen, welche an den Stufen des Altares knieten — ersterer als der Priester, welcher eben erst das heilige Meßopfer begangen hatte, letzterer aber unter dem überwältigenden Antriebe einer natürlichen Ueberspanntheit, welche ihn veranlaßte, seine Person als einen Schild vor das Gefäß zu werfen, das die Hostie enthielt. Der Abt saß regungslos, stolz und unbeugsam auf seinem Thronseffel, obschon seine Züge die tiefe, verhaltene Leidenschaft seines Innern bekundeten. Der Bürgermeister und Berchthold traten mit einander in den Chor, während ihr Gefolge auf einen Wink des ersteren in dem Kirchenschiffe zurückblieb. Beide waren baarhäuptig, und während sie langsam den Chor hinaufgingen, rührte sich kaum ein einziger Kopf; denn jedes Auge schien, wie in Folge eines gemeinsamen Zaubers, auf dem mit kostbaren Edelsteinen besetzten Elfenbein-Crucifir zu hasten, da« auf dem Altäre stand. Ob dieser feierlichen Ruhe rieselte dem Bürgermeister das Blut mit unheimlicher Kälte durch die Adern, und mit bedeutend geschwächter Entschlossenheit erreichte er endlich die Stufen, wo er dem Abt und dem Prior Angesichts gegenüber stand; denn in den Zügen des ersteren sprach sich eben so sehr Haß, wie Furcht aus, während in der Miene des 299 Priors der Ausdruck ungeheuchelter LiebeSfüllc und ehrfurchtsvoller Gottergebenheit nicht zu verkennen war. „Wer bist Du?" fragte BonifaciuS in einem Tone, der mit bewundernswürdiger Klugheit ans die Unschlüssigkeit und den scheuen Blick des Angeredcten berechnet zu scyn schien. „Beim heiligen Benedict, mein Gesicht ist nicht so fremd in Limburg, daß Du zu einer derartigen Frage Anlaß nehmen könntest, hochwürdiger Abt," antwortete Heinrich, indem er, um die Fassung des Anderen nachzuahmen, eine Kraftanstrengung aufbot, deren er sich selbst nur zu gut bewußt war, obschon er sie vor Anderen lieber verborgen hätte. „Obgleich ich nicht geschoren und geweiht bin, wie ein Mönch, so kennen mich doch die meisten, die in Dürkheim oder in dessen Nähe wohnen, gut genug." „Ich hätte lieber fragen sollen: „was bist Du?— Dein Name und Dein Amt, beides ist mir wohl bekannt, Heinrich Frei; aber in welcher Eigenschaft erdreistest Du Dich jetzt, die Kirche von Limburg zu betreten und unfern Altären einen solchen Mangel an Achtung zu beweisen?" „Ehrlich gesprochen, hochwürdiger BonifaciuS, ich erscheine in der Eigenschaft des Oberhauptes unserer viel gekränkten und lange mißbrauchten guten Stadt, welche den Stolz und die Erpressungen der Mönche satt hat und sich deßhalb endlich die Freiheit nimmt, sich selbst Recht zu verschaffen. Wir sind heute Nacht nicht als friedliche Bürger, denen es um Gebet und Psalmsingen zu thun ist, sondern wie Du siehst, bewaffnet und in der mannhaften Absicht hier, für immer ein Aergerniß aus unserer Gegend zu verbannen." „Deine Worte sind so wenig freundlich, als Dein Anzug, und was Du hier sagst, harmonirt nur zu gut mit dem, was Dein rohes Gefolge außerhalb der Mauern dieses heiligen Ortes verübt. Hast Du den dreisten Schritt Deiner Stadt auch wohl erwogen, Herr Heinrich?" „Wenn eine oftmalige Erwägung eine gute Erwägung ist, so 300 ist dieß im Laufe dieses Jahres bei unterschiedlichen Anlässen und verschiedenen Versammlungen geschehen, BonifaciuS." „Und Du fürchtest Dich nicht vor Rom?" „Dieß ist eine Autorität, welche in unserer Gegend mit sedcm Tag mehr und mehr in Abnahme kommt, heiliger Benedictiner, und ich will Dir offen gestehen, daß uns der Zorn des Churfürsten weit mehr Bedenken gemacht hat, als der Unwille Seiner Heiligkeit; indeß ist diese Furcht sehr gemindert worden durch die Ueber- zeugung, daß er in gegenwärtiger Zeit selbst zu viel Werg an der Kunkel hat, um seine Gedanken den Angelegenheiten Anderer zuwenden zu können. Wir wußten allerdings nicht, daß er seine Soldaten abgerufen hat, sondern rechneten auf eine scharfe Verhandlung mit diesem hartnäckigen Kriegsvolk; Du wirst übrigens leicht begreifen, daß seine Entfernung unserem Vertrauen zu der eigenen guten Sache keinen Abtrag thut." „Der Churfürst kann seine Gewalt wieder gewinnen und dann wird der Tag der Rechenschaft kommen für diejenigen, welche sich vermessen haben, von seinem augenblicklichen Mißgeschicke Vortheil zu ziehen." „Wir sind Handels- und Gewerbsleute, guter BonifaciuS, und haben unsere Schätzung nicht ohne einigen Vorbedacht gemacht. Wenn die Abtei bezahlt werden muß, — ein Fall, der noch keineswegs gewiß ist — so wird der Handel noch immer einträglich bleiben, so lange sie nicht wieder gebaut werden kann. Wir sind der Meinung, Bruder Luther lege nunmehr einen Eckstein, der dem Teufel jeden Versuch verleiden wird, das wieder aufzurichten, was wir jetzt niederzureißen gedenken." „Ist dieß Deine letzte Antwort, Bürgermeister?" „Nein, dieß will ich eben nicht sagen, Abt. Schicke morgen Deine Bedingungen an den Magistrat, und wenn wir damit einverstanden sehn können, so dürfte fich'S wohl finden, daß eine der- malige Ausgleichung allen künftigen Ansprüchen ein Ziel setzt. Aber 301 was hier so glücklich begonnen wurde, muß eben so glücklich zu Ende gebracht werden." „So höre mich an, ehe ich diese heiligen Mauern verlasse — vernimm meinen Fluch," erwiederte BonifaciuS, indem er sich mit der gewohnten priesterlichen Würde erhob — „meinen Fluch über Dich und über Deine Stadt — über Alle, die in Dir ihre Obrigkeit sehen — über Väter, Mütter-" „Halt ein mit Deinen schrecklichen Worten!" rief eine schrille Frauenstimme hinter den Säulen des Chors hervor. „Hochwürdiger, heiliger Abt, habe Erbarmen!" fügte Nlrika blaß, zitternd und vom Schrecken auf's Tiefste erschüttert bei, obgleich ihr Auge von der wilden Glut eines Irrsinns leuchtete, wie wenn sie durch eine mehr als menschliche Gewalt gehoben würde. „Heiliger Priester, laß Nachsicht walten, denn er weiß nicht, was er thut. Wahnsinn hat ihn ergriffen— sie sind nur das Werkzeug in den Hände» eines Mannes, der mächtiger ist, als sie." Bei Ulrika's Erscheinen nahm der Abt seinen Sitz wieder ein, als wolle er die Wirkung ihres Aufrufs abwarten. „Du hier?" sagte der Bürgermeister, seine Gattin mit einem Blicke der Ueberraschung ansehend, in den sich jedoch weder Zorn noch Argwohn mischte. „Ja, zum Glücke, um dieses schreckliche Verbrechen von Dir und von Deinem Hause abzuwenden." „Ich meinte, Du betest mit dem armen Herrn von Ritterstein in seiner trostlosen Einsiedelei auf der Heidenmauer!" „Und kannst Du der That gedenken, welche den Herrn Odo zu solcher Buße und zu solchem Leiden führte, während Du als ein verzweifelter Bewaffneter hier stehst? Du siehst, daß Jahre nicht zureichen, um einem Herzen Erleichterung zu verschaffen, auf welchem die Last der Kirchenschändung ruht. Oh, wärest Du bei mir gewesen, um ein Zeuge des herben Schmerzes zu seyn, der den armen Obo durchwühlte, als er auf jener Stufe kniete und der 302 Messe anwohnte, welche in dieser Nacht für ihn gelesen wurde — gewiß, D» würdest besser erkennen, wie tief in die Seele eine Wunde bohrt, die Gott in seinem Zorne geschlagen hat." „Das ist höchst seltsam," versetzte der erstaunte Bürgermeister. „Gerade diejenigen, die ich so gut und in einer Art beseitigt zu haben glaubte, daß ich mich keines Argwohns oder irgend einer Störung meines Unternehmens von ihnen versah, müssen mir in einem Augenblicke entgegentreten, in welchem Alles der Vollendung bereits so nahe ist. Sapperment, junger Berchthold, Du stehst, welch ein Hemmblock der Ehestand auch für den Mannhaftesten ist, trotz des SchwerdteS, das ihn umgürtet." „Und Du, Berchthold Hintermayer, Sohn meiner theuersten Freundin — Kind meiner süßesten Hoffnung — auch Du kommst in so unheiliger Absicht, wie ein mitternächtlicher Räuber, der verstohlen unbewaffnete Priester überfällt!" „Niemand liebt oder verehrt Euch mehr, als ich, Frau Ulrika," antwortete der Jüngling, sich mit aufrichtiger Hochachtung verbeugend; „aber wenn Ihr Eure Anrede an Herrn Heinrich richtet, so trifft sie unmittelbar Den, welcher unsere Bewegungen leitet." „Dann wird Dich, o Bürgermeister, der Du in dieser Frevel- that den Anführer machst, der Groll des Himmels am schwersten treffen. Was liegt daran, daß die Benediktiner habgierig, dünkelhaft, hochmüthig, oder in Beziehung auf ihre Gelübde pflichtvergessen sind? Ist nicht dieser Tempel Gott geweiht und stehen nicht hier Seine Altäre, vor denen Du mit feindseligem Herzen und böslicher Gesinnung zu erscheinen wagst?" „Geh, gute Ulrika," entgegnete Heinrich, indem er die kalte, aber noch immer schöne Wange seiner Gattin küßte, welche ihr Haupt auf seine Schulter legte, um sich zu sammeln, während sie zugleich seine Hand fest mit ihrer eignen umschlossen hielt, als wolle sie seinen Handlungen Einhalt thun. „Geh, Du bist ein vortreffliches Weib in Deiner Art, aber was versteht Dein Ge- 303 schlecht von Politik? Diese Sache ist schon in vielen Rathsversammlungen verhandelt worden, und bei meinem Barte, die Zunge eines Weibes soll die Beschlüsse von Dürkheim nicht erschüttern. Entferne Dich mit Deiner Dienerin und laß uns nach unserem Gutbesinden handeln." „Kannst Du es für gut finden, Heinrich, dem Herrn Trotz zu bieten? Weißt Du nicht, daß die Sünden der Väter heimgesucht werden am Kinde, — daß das heute begangene Unrecht, wie sehr wir auch in augenblicklichem Erfolge triumphiren mögen, uns zuverlässig durch die Schreckgestalt der Strafe ereilen wird? Und gäbe es auch keine andere Macht, als die des Gewissens, so hoffte man doch vergebens auf Straflosigkeit, so lange hienieden diese furchtbare Geißel waltet. Hast Du denn keine andern Verpflichtungen, als diejenigen gegen den Dürkheimer Magistrat und seine eigennützige Politik? Gedenkst Du nicht mehr der Stunde, in welcher Dir meine frommen Eltern meine Hand gaben, und der Art und Weise, in welcher Du damals gelobtest, mich und die Meinigen zu beschützen, mir meine Verwandten zu ersetzen, und für die, welche Du an Deinen Busen nahmst, Vater, Mutter und Gatte zu seyn? Gilt Dir Meta, die Frucht unserer wechselseitigen Liebe, für nichts, daß Du mit ihrem Frieden und mit ihren Hoffnungen Dein Spiel treibst? So steh' denn ab von Deinem übereilten Vornehmen und denke an Dein eigenes Heimwcsen. Nimm Rückficht auf diejenigen, welche durch Natur und Gesetz veruriheilt find, für Deine Vergehungen zu büßen — denn haben nicht beide weit eher ein Recht darauf, sich Deiner Milde und Deines erbarmenden Sinnes zn erfreuen?" „Hat es je ein Weib mehr darauf angelegt, den edlen Pflichten des Mannes in den Weg zu treten!" cntgegnete der Bürgermeister, aus den trotz seines DagegenkämpfenS dieses umfassende Bild seiner häuslichen Pflichten einem so ergreifenden Eindruck geübt hatte, daß er nicht wußte, wie er sich aus seiner Lage heraus« 304 winden sollte. — „Du bist in Deinem Kämmerlein weit besser an Deinem Platze, gute Ulrika, denn Meta könnte von dem Unternehmen dieser Nacht Kunde erhalten und in Angst gcrathen. So geh denn und beschwichtige das Kind; Du sollst ein Geleite haben, wie es meinem Stande und Deinen Verdiensten gebührt." „Berchthold, ich berufe mich zum letztenniale aus Dich. Dieser grausame Vater, dieser gleichgiltige Gatte ist zu wahnsinnig auf die Beschlüsse seines Magistrats und auf die aberwitzige Politik der Stadt erpicht, um Gottes eingedenk sehn zu können; aber Du trägst Dich noch mit den Hoffnungen der Jugend und birgst Gesinnungen, wie sie für Deine Jahre und für ein biederes Herz paffen. Glaubst Du, unbesonnener Jüngling, ein Wesen wie Meta werde es wagen, ihr ganzes Erdenglück dem Helfershelfer an diesem Verbrechen zu vertrauen, wenn das Erbe der Schuld von ihrem eigenen Vater auf sie übergehen muß?" Ein Geräusch unter den Mönchen, die bisher mit einer Aufmerksamkeit zugehört hatten, welche zwischen Hoffnung und Furcht mitten inne schwebte, kam einer weitern Antwort von Seiten des zaudernden Bürgermeisters und seines jungen Gefährten zuvor. Die Bewegung hatte ihren Grund in dem Vortreten einer Gruppe, welche bis jetzt fern in der Dunkelheit des Hauptganges gestanden hatte, aber nun den Moment des Zauderns benützte, um inmitten des Chores zu erscheinen. Sie theilte sich, und ein dicht verhüllter Mann trat hervor, welcher alsbald den Mantel zurückwarf, so daß man in seiner Person Emichs von Leiningcn bewaffnete Gestalt erkennen konnte. Sobald Ulrika den finsteren Blick des Grafen bemerkte, verbarg sie das Antlitz mit ihren Händen und verließ die Kirche. Sie that dies übrigens nicht unbegleitet, denn sowohl ihr Gatte, als Berchthold folgte ihr voll Besorgtheit, und keiner von Beiden kehrte zu dem nächtlichen Werke zurück, bis die trostlose Gattin und Mutter dem Schutze eines auserlesenen Bürgerhäufleins übergeben war. 305 Zwanzigstes Kapitel. »Wer führen will des Himmels Schwcrdt, Muß heilig sehn und streng zugleich." Maaß für Maast. Dlie ersten Blicke, welche zwischen Emich und Bonifacius gewechselt wurden, erglüheten von allen jenen Leidenschaften, die sie gegenseitig so lang verhehlt hatten und die der Leser in einzelnen unbewachten Momenten bei Gelegenheit der kürzlichen Schlemmerei durchblitzen sah. In den Augen des Grafen mischte sich der Ausdruck der Siegesfreude mit dem des Hasses, während die Züge der Abts noch immer eine leichte Maske von Schlauheit und Vorsicht beibehielten, weil es ihm doch nicht räthlich erschien, erstere jetzt schon ganz abzuwerfen. „Wir haben also Dir diesen Besuch zu danken, Herr Emich," begann der letztere, indem er sich Mühe gab, ruhig zu erscheinen. „Und Deinen eigenen Verdiensten, hochwürdiger Bonifacius." „Was ist Dein Begehr, vermessener Ritter?" „Frieden für dieses oft beschädigte Thal — Demuih von Seiten der Schorküpfe — Religion ohne Heuchelei — und mein gutes Recht." „Verwegener Mensch, ich will mit Dir nicht vom Himmel reden, denn in solcher Gegenwart wäre jedes Wort eine Gotteslästerung; dennoch, glaube ich, wirst Du die weltliche Politik noch nicht so ganz aus den Augen verloren haben, um die Strafe des Reichs übersehen zu können. Hast Du Dein Gold wohl gezählt, und bist Du überzeugt, daß Deine Truhen hinreichend versehen sind, um das heilige Gebäude wieder aufzurichten, das Deine Hand so gerne zerstören möchte — oder meinst Du, Deine Schätze können AsteS wieder ersetzen, was fromme Fürsten im Laufe von Die Heidenmauer. 28 306 Jahrhunderten, während welcher die Kirche die ihr gebührende Ehrfurcht genoß, hieher vergabt haben?" „Deine Gesäße und Edelsteine, hochwürdiger Abt, will ich aufbewahren, bis eine derartige Aufforderung an mich ergeht, obgleich ich zweifle, daß dies je geschehen wird, und was die Kosten einer Wiedererbanung der Abtei betrifft, — je nun so wird derselbe ehrenwerthe Werkmeister, der fie zum erstenmal aufrichten half, mir wohl auch einen Dienst leisten, wenn ich diejenigen züchtige, die ihn überlisteten und ohne das versprochene Honorar an Seelen abfertigten. Jndeß bin ich doch, bei Gott, der Ansicht, wenn man die Thatsache ehrlich untersuchen wollte, so dürfte sichs zuletzt Herausstellen, daß Limburg weit mehr Kunden nach des Satans Glutöfen geschickt hat, als alle Kneipen und Zuchthäuser der ganzen Pfalz." Dieser Ausfall von Seite des gnädigen Herrn verursachte unter dem Gefolge ein allgemeines höhnendes Gelächter. Die Soldaten begannen jetzt von den andern Theilen der Abtei her in die Kirche zu strömen, weil sie auch im Heiligthumr auf eine reiche Beute rechneten. Um diese Zeit wurde auch der Jenerbrand unter die Streu des Soldatenquartiers geworfen, und das grelle Licht, das durch die farbigen Fenster hcreinzuckte, bedeutete den Mönchen aufs Nachdrücklichste, daß jede weitere Gegenvorstellung nutzlos sep. Trotz seiner bekannten Zügellosigkeit hatte doch der Abt vermöge jene« geheimen Prozesses, welcher auch den Verdienstlosesten gewissermaßen dem Einflüsse seines Berufs unterwirft, aus den heiligen Beschäftigungen seiner Amtes einen Anflug von Würde und vielleicht auch Aufrichtigkeit gewonnen, der ihn nicht selten zu der ganzen Höhe seiner feierlichsten Obliegenheiten erhob; denn selbst an dem Wüstling findet man oft eine seltsame Beimischung von tief wurzelndem Glauben, obschon sich derselbe nirgends in seinen Handlungen ausspricht. Ein so kräftiger und männlicher Charakter, wie der seinige, konnte nicht gereizt werden, ohne einige verborgene Kräfte, 307 mochten sie nun auf das Gute oder auf das Schlimme abzielcn, zur Entfaltung zu bringen; und Emich zweifelte schon an allem Erfolge, als er Zeuge sehn mußte, wie cS seinem Feinde gelang, de« inneren Groll zu bändigen und ihn zu dem Ausdrucke priesterlicher Würde und amtlicher Gelassenheit umzuwandeln, der in seinen Zügen herrschte. Der Abt stand auf, gleich einem Kirchenfürsten in der ungestörten Ausübung seiner Amtspflichten, erhob seine S timme, so daß jedes seiner Worte bis in die fernsten Winkel der Kirche drang, und sprach in der Weise seines kirchlichen Ritus: „Gott hat es in seiner unerforschlichen Weisheit zugelaffen, daß die Bosheit einen augenblicklichen Triumph feiere — und wir wollen jetzt nicht in die Gründe dieser geheimnißvollen Führung einzudringen suchen, da die Wahrheit seiner Zeit zuverlässig ans Licht kommen wird, aber als Dienern des Altars —- als Hütern dieses Heiligthums — und als Männern, die ihre Dienste dem Himmel geweiht haben, bleibt uns nur noch Eine feierliche und gebieterische Pflicht zu erfüllen." „Sieh Dich vor, BonifaciuS," fiel ihm der Graf von Leiningen ins Wort, „Du hast jetzt keine Bürgermeister, keine heulenden Weiber vor Dir." „Um der Sache jenes Gottes willen, dem zu Ehren dieser Tabernakel errichtet wurde" — fuhr der Abt fort, ohne sich irren zu lassen — „um Seiner und seines heiligen Namens willen —" „Aus Deine Gefahr hin, Priester!" rief Emich erbebend — theilweise aus Zorn, theillveise in einem Schrecken, den er sich kaum erklären konnte. „Als ein unwürdiger, aber doch nothwendiger Diener — als ein geweihter Priester, dem vom Oberhaupt der Kirche Macht gegeben ist und der sich jetzt aufgefordert sieht, sie zu üben, spreche ich den —" „Wo scyd ihr, ihr Männer von Hartenburg? Nieder mit den einfältigen Flüchen dieses wahnwitzigen Mönchs: erinnert euch. 308 daß ihr keine zitternden Weiber scyd, die den Segen eines Benediktiners nölhig haben!" Die Stimme des Grafen sowohl, als die des Abtes wurde jetzt durch das Getöse erstickt, das durch die Kapelle erscholl. Die erste Unterbrechung kam von einem langen, dunklen Instrumente, das aus dem Gange hinter dem abtlichen Thronseffel und nur einige Fuß von dem Kopfe des Prälaten vorgestreckt wurde — eine Störung, welche das ganze Gebäude mit den wilden kläglichen Tönen des GebirgS erfüllte. Diesem Signale aus Gottlobs Kirschbaumhorne — denn der Kuhhirte ging nur selten ohne dieses Abzeichen seines Amtes au» — folgte augenblicklich ein wildes Geschrei von Seiten der Anhänger des Grafen, untermengt mit unterschiedlichen Tönen, die allerlei Instrumenten entquollen, welche bisher stumm gewesen waren. Die Wirkung dieser ohrzerreißenden Laute, welche von dem gewölbten Dache wiederhallten, des grellen Lichtes, welches immer lebhafter und lebhafter die Kirche erhellte, endlich der scheinbaren Ruhe des Abts, der trotz des Getümmels seinen Fluch zu Ende sprach, müssen wir der Einbildungskraft des Lesers überlassen. Nachdem der Abt seinen unbeachteten Bannstrahl geschleudert hatte, blickte er düster umher. Sein ruhiger und wohlunterrichteter Geist, der viel zu sehr an die Erdendinge gewöhnt war, um stch an Hoffnungen von bloS geistiger Natur anzuklammern, sah wohl ein, daß die Gewaltthat bereits zu weit gediehen war, um nicht für den Feind einen Rückzug noch weit gefährlicher zu machen, als das Fortschreiten; er winkte daher seiner Brüderschaft, stieg langsam und mit Würde von seinem Sessel herab und ging auf dem Wege durch den Chor voran. Die Mönche gehorchten bereitwillig und verließen den außerordentlichen Schauplatz ln ihrer gewohnten stummen Ordnung. Emich folgte dem düstern Zuge mit unstetem Blicke, denn selbst der Sieger betrachtet einen gelassenen Abzug seiner Feinde mit Beklommenheit, und einen Augenblick durchzuckte ihn ein peinliches Mißtrauen gegen sein Unternehmen, als das letzte flatternde Gewand durch eine Thüre verschwand, welche nach einem geheimen Pförtchcn führte. Vermittelst des letzteren verließen die Benedictiner einen Berg, wo sie so lange in der Ruhe und, wir können Wohl beifügen, in der Gemächlichkeit einer reichen und wohlbeschützten Abgeschiedenheit gelebt halten. Die Eindringlinge nahmen dieses offene Abziehen der ursprünglichen Besitzer für ein unzweideutiges Zugeständniß ihres Sieges. Kein Moment ist so sehr geeignet, Ausschweifungen her- vorzurusen, als derjenige, welcher die Ungewißheit des Kampfs in die Sicherheit des Triumphes umwandelt; die Gemüther scheinen sich denn für alle früheren Zweifel rächen zu wollen, und der Mensch schreibt nur allzu gerne die glücklichen Erfolge, welche er erzielt, den ihm inwohnenden guten Eigenschaften zu, die ihm ein scheinbares Recht geben, alle Vortheile zu mißbrauchen, die möglicherweise aus jenen entspringen könnten. Die Gräflichen und die Städter, von denen viele bis auf den letzten Augenblick die Mönche gemieden hatten, weil ihnen der Volksglaube die Macht von Wunderwirkungen zuschrieb, sahen sich kaum, wie sie glaubten, im unbestrittenen Besitz des Berges, als die Gegenwirkung des eben berührten Gefühls sie ihren Ungestüm zu erhöhen antrieb und die für den Augenblick unterdrückten Anstrengungen zu verdoppeln. Ein zeternder Siegesjubel galt als das allgemeine Signal zur Erneuerung des Angriffs, und unmittelbar darauf folgte Klirren der Fenster, Umstürzen alles dessen, was nicht massig genug war, den ersten, übel geleiteten Anstrengungen zu widerstehen, und eine durchgängige Verstümmelung der Monumente und Bildhauerarbeiten. Von allen Seiten fielen die Marmor-Cherubim? nieder, Flügel und Gliedmaßen trennten sich von den Engelskörpern, und die ernsten bärtigen Gesichter vieler geehrten Heiligen wurden zur Beschimpfung und Zertrümmerung verurtheilt. Sogar die unteren 310 Altäre wurden nicht mehr geachtet und sammt ihren Verzierungen schonungslos zerschmettert, als ob die Sieger ihren Haß von denen, welche hier daS Opfer begingen, auf das gefürchtete Wesen übertragen hätten, in dessen Namen die Feierlichkeiten begangen wurden. Der Leser wird sich die Verwirrung und das Getümmel einer derartigen Scene denken können. Während des wildesten TobenS verhüllte Emich sein Gesicht mit dem Mantel und schritt in dem Chor auf und ab, welchen seine Anwesenheit und vielleicht auch ein zurückgebliebener Funke von Hochachtung für den heiligen Platz noch immer gegen Gewaltthat schützte. Nur der Bürgermeister und Bcrchthold hatten sich ihm angeschloffen; alle klebrigen vereinigten sich mit denen, welche die Kapellen und Kirchenverzierungen zerstörten. Heinrich nahm in einem der leeren Stühle Platz, denn der kürzliche Auftritt und die darauf folgende Entfernung seiner Gattin hatten feine Entschlossenheit sehr erschüttert, während dagegen der junge Förster sich achtungsvoll seinem Gebieter näherte. »Fühlt Ihr Unruhe, Herr Graf?" fragte der Letztere nach einer kurzen ehrerbietigen Pause. Emich ließ den Mantel finken und betrachtete, die eine Hand vertraulich auf die Schulter seines jungen Dienstmannes stützend, die reiche Pracht und die gewählte Arbeit des Hochaltars — ein Anblick, der in dem gewaltigen Lichte, welches jetzt das ganze Innere des Gebäudes erhellte, einen doppelt tiefen Eindruck machte; denn nie zuvor hatte sich das Schiff der Kirche schöner ausgenommen, als eben jetzt in seinen tiefen Schatten und in seinen kräftigen Lichtpunkten. „Bcrchthold, eS gibt einen Gott!" sagte er, tief ergriffen. „Nur ein Thor könnte dies bezweifeln, Herr Graf." „Und er hat seine Diener auf Erden — Diener, die er beauftragt hat, seinen Willen zu thun und ihm Weihrauch anzuzünden." „Wir haben eine hohe Gewährleistung für diesen Glauben, edler Graf." „Ja, wohl ist's eine hohe Gewährleistung, die so weit ins Alterthum zurückragt — die dem Drange unseres Innern so ganz entspricht — die von den Vätern auf uns übertragen wurde." „Und die durch so viele Beweise aus der heiligen — und aus der Profan-Geschichte unterstützt wird." „Du hast eine gute Schule genossen, lieber Berchtbold," versetzte der Graf, indem er seinem Begleiter angelegentlich ins Gesteht sah. „Als mir der Himmel meinen Vater entriß, ließ er mir eine fromme, zärtliche Mutter." Emich fuhr fort, sich auf Berchtholds Schulter zu stützen, während sein Auge, in welchem finstere Entschlossenheit sonderbar mit dem Schwanken des Zweifels gemischt war, sich nie von der Betrachtung des Altars abwandte. Ueber dem mit vergoldetem Schnitzwerk gezierten Tabernakel, welcher die Hostie enthielt, befand sich ein kleines Bild der Mutter Christi, in dem milden und anziehenden Colorit gehalten, in welchem der Pinsel Josephs jungfräuliche Gattin darzustellen pflegt. Ihr Auge schien mit Trauer aus EmichS Antlitz zu haften, und man konnte leicht den sanften Ausdruck ihrer Züge als einen Vorwurf wegen der Kirchenschändung deuten. „Diese Benedictiner sind uun endlich obdachlos," fuhr er fort, indem er vergeblich versuchte, seinen Blick von dem milden aber ausdrucksvollen Gemälde abzuwenden. „Sie haben viel zu lange Leute mit Füßen getreten, die besser waren als sie." Berchthold verbeugte sich. „Fällt Dir nichts auf an jenem Bilde der Maria, Jüngling?" „Es ist ein kunstreich ausgeführtes Gemälde und ein Gesicht, gar lieblich anzuschauen, Herr Graf." „Mich dünkt, sie sehe mit zürnendem Blicke aus diese Ge- waltthat nieder." „Das Bild ist nur die Arbeit eines geschickten Künstlers, gnädiger Herr, und kann nicht anders blicken, als es immer geblickt hat." „Meinst Du, Berchthold? Es gibt aber doch Viele, welche behaupten, daß Bilder und Gemälde schon gesprochen hätten, wenn cs der Himmel so wollte." „Man erzählt sich freilich solche Sagen, gnädiger Herr; indeß sind dies Dinge, die Einen nicht sonderlich anzurühren Psiegcn, wenn man nicht dazu geneigt ist, sie zu sehen." „Und doch glaubten meine Väter daran — meine Bäter, in deren Glauben ich erzogen wurde." Berchthold schwieg, denn seine eigene Erziehung stand mehr im Einklänge mit den um sich greifenden Ansichten der Zeit. „Wir können wenigstens glauben," fuhr Emich fort, „daß Gott im Stande ist, den gewöhnlichen Gang der Natur, sofern er einen Zweck damit verbindet, abzuändern." „Glauben kann man dies wohl, Herr Graf; aber ist es auch nöthig? Gewiß kann sich der Schöpfer der Natur ihrer auch nach Gefallen bedienen." „Ha, so hältst Du also nichts auf Wunder, Knabe?" „Ich selbst bin ein Wunder, dag mich jeden Augenblick auf das Vorhandensetzn einer höheren Macht hinweist, deren Führung ich mich bereitwillig unterwerfe. Indeß bin ich noch nie so glücklich gewesen, ein Bild sprechen zu hören oder willkürliche Handlangen vornehmen zu sehen." „Bei den Gebeinen meiner Väter, Du bist dem pfiffigsten Spitzbuben, der nur je eine Kaputze getragen hat, gewachsen! He da, mein tapferes Gefolge!" — er wandte sich dabei an seine Leute, „laßt keine Spur zurück von den Bübereien und Gräueln, die so lange in diesen besteckten Mauern geübt wurden." „Herr Graf!" rief Berchthold hastig, indem er sich zugleich erdreistete, Emichs Mantel zu berühren, „hier sind die Benediktiner!" 313 Dieses Wort bewog den kühnen Grafen, der zu einem schnellen Entschlüsse gekommen war, plötzlich umzuwenden und die Hand an seinen Schwerdlknauf zu legen. Er lieh jedoch schnell wieder los und zeigte bei dem Anblicke, der sich ihm jetzt darbot, aufs Neue wieder in seinen Zügen den Ausdruck der Beklommenheit und des Zweifels. Mittlerweile waren die verschiedenen Gebäude, aus welchen die Abtei Limburg bestand, mit Ausnahme der Kirche und ihrer nächsten Umgebung, in Brand gesteckt worden. Die Folge davon war eine solche Lichtsteigerung, daß die Helle bis in die dunkelsten Winkel der gothischen Säulengänge drang. Namentlich stand der Chor in der grellsten Beleuchtung da, und es kam dem jungen Berchthold vor, als ob die Ornamente sich nie so schön ausgenommen hätten, als in dem furchtbaren Augenblicke, der ihrer Zerstörung voranging. Die Kerzen und Lampen des Hochaltars begannen zu erblinden und allenthalben erblickte man den herrlichen, blutrothen Wiederschein, der eine große Feuersbrunst zu begleiten Pflegt. In dem Augenblicke, als Emich sich an seine Leute wandte, kamen zwei Mönche, der Prior und Pater Johann, aus der Sacristei und knieten an den Stufen des Altares nieder. Der erstere trug ein kleines Elfenbeincrucifir, das er von Zeit zu Zeit küßte, letzterer aber rückte vor seine Füße hin eine massenhafte, seltsam geschnitzte Truhe von so großem Umfang und Gewicht, daß die Beihülfe eines Laienbruders nüthig gewesen war, um sie von ihrem Gestelle herunterzuschaffen. Das Antlitz des Priors war mild, überredend und voll heiliger Bekümmerniß, während das seines Gefährten von fieberischer Aufregung und in dem Feuer einer Begeisterung glühte, welche eben so sehr aus seinem Temperamente, als aus der Ueberzcugung entsprang. Emich blickte unruhig nach den Bcnedictineru hin und näherte sich ihnen, stets von seinem Förster begleitet, so weit, daß er sie mit seinem Arm erreichen konnte. 314 „Bei Gott, Ihr seyd sehr säumig, Väter," begann er, indem er versuchte, eine Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, die seinen Gefühlen fremd war. „Der fromme BonifaciuS ist schon seit geraumer Zeit aufgebrochen und hat Wohl ohne Zweifel aus Liebe zu seinem theuren Ich seine Tritte dermaßen beschleunigt, daß er bereits den Fuß des Berges erreicht haben muß." „So hast Du endlich den Einflüsterungen des Teufels nachgegeben, Graf von Leiningen," entgegnete der Prior, „und bist entschlossen, Deine Seele mit diesem dauerndem Brandmal zu belasten." „Wir sind nicht im Beichtstuhl, heiliger Vater, sondern eben damit beschäftigt, uns ritterlich zu unfern Rechten zu helfen. Wenn Du noch etwas hier hast, was Dir theuer ist, so nimm eS in Gottes Namen und geh Deines Weges. Du sollst sicheres Geleit haben, und wäre es bis vor die Thore von Rom; denn von Deiner ganzen Brüderschaft bist Du der Einzige, gegen den ich Bedauern oder sogar Liebe fühle in diesem meinem gerechten Unterfangen." „Ich kenne eine solche Auszeichnung nicht, sofern dabei der Fortbestand unserer Altäre, oder die Pflicht, die uns an ihren Dienst fesselt, in Frage kömmt. Ueberhaupt, Graf Emich, handelt sich« hier nicht um eine Frage zwischen Dir und mir, sondern zwischen Dir und Gott!" „Nimm dies, wie Du willst, Herr Prior, sofern Du nur im Frieden abzichst." „Ich bin nicht blöde genug, Widerstand leisten zu wollen, wo jede Gegenwehr vergeblich ist," antwortete der Mönch mit Milde; „aber ebenso wenig werde ich meinen Posten verlassen, so lange noch Hoffnung in Aussicht steht. Du hast diese That nicht wohl erwogen, Emich, und weder auf Deine Nachkommenschaft, noch auf Deine Liebe zu der edlen Irmengard Rücksicht genommen." „Hältst Du mich für einen verliebten Spießbürger, hochwürdiger Arnolph, daß Du einem Ritter Einhalt thun zu können 315 wähnst in seinen Unternehmungen, wenn Du ihm von feiner Frau und seinen Kindern vorsprichst?" entgegncte Emich mit Lachen. „Du hast mich nicht recht verstanden, wenn Du glaubst, ich spiele damit auf den Tod in der Schlacht, oder auf den Gram der Ueberlebcnden an; denn leider sind solche Gedanken nur zu gewöhnlich bei denen, die Macht haben aus Erden, um noch Unruhe zu erzeugen. Nein, ich will von der langen Zukunft und ihrer Pein mit Dir reden. Weißt Du nicht, pflichtvergessener Ritter, daß der Gott Israels, welcher mein Gott ist und der Deinige — daß der Gott Israels gesagt hat, er wolle die Sünden der Väter an den Nachkommen heimsuchen von Geschlecht zu Geschlecht? Und doch scheinst Du, geblendet durch Deinen vermeintlichen Sieg, um seinen Zorn zu buhlen." „Ich weiß nicht, in wie weit Du Recht hast, denn ihr Klosterleute habt eine gar zu spitzfindige Weise an euch, wenn es gilt, für eure Wünsche Gründe aufzubringen. Mir übrigens scheint eS besser zu seyn, daß jeder für seine eigenen Sünden büße, und ich bin der Meinung, daß ein derartiges Geschick jetzt über die Brüderschaft von Limburg ergehe —" „Daß wir viel gesündigt und das Gute sehr vernachläßigt haben, ist leider nur zu wahr." „Bei den heiligen drei Königen von Cöln, Du willst Dich auf unsere Seite schlagen, hochwürdiger Arnolph." „Denn dieß ist das gemeinsame LooS der Menschen," fuhr der Prior fort, ohne sich irren zu lassen. „So viel aber hat seine Nichtigkeit, daß Du nicht berufen bist, über uns Gericht zu halten. Es unterliegt keiner Abrede, daß Jeder für seine eigenen Handlungen zu büßen hat, aber die furchtbaren Folgen des Verbrechens beschränken sich nicht auf den, der es beging. Dieß lehrt uns nicht nur die eigene Vernunft, sondern wir finden eine Bekräftigung dafür auch in den noch gewisseren Worten, die der Mund Gottes verkündet hat. Erwäge daher, so lange Du noch kannst, die Last 316 des Jammers, die Du auf Deine Nachkommen häufst, und bedenke, daß Du jetzt bloß deßhalb als ein von Leidenschaften gegeißeltes, elendes Wesen hier stehst, weil Du in Deiner Person den Preis der Sünde zahlst, die einer Deiner Vorfahren begangen hat. Was unser gemeinschaftlicher Stammvater that, wird noch immer an uns, seinen Kindern, gerächt." „Herr Prior, Du erstreckst meinen Stammbaum weit über seine Ansprüche hinaus. Ich bin zwar von fürstlichem Adel, wenn Du willst, mag aber doch meine Berechtigungen nicht bis in die dunkeln Zeitalter verfolgen. Wer größer» Ehrgeiz besitzt, als ich, mag in der von Dir gemeinten Weise zahlen; was mich betrifft, so begnüge ich mich mit neueren Ehren." Emich sprach zwar in scheinbarem Scherze, aber dem aufmerksamen Mönche entging die Unruhe seines Innern nicht. „Wenn Du keine Gedanken für Deine Nachkommen, für Dich selbst und für Deinen Gott hast, Emich," nahm der letztere wieder auf, „so erinnere Dich derer, die Dir vorangegangen sind. Hast Du Deinen Besuch bei den Gräbern Deiner Familie bereits vergessen?" „Willst Du mich damit fassen, Arnolph? Nur jene geheiligte Gruft war es, die seit vielen Monaten Dein Kloster schirmte!" „Und jetzt willst Du ihrer ganz und gar vergessen?" „Frage jene ehrlichen Leute dort, und sie werden Dir sagen, Prior, daß sie keinen Befehl haben, auch nur den geringsten Deiner Marmor-Cherube zu schonen, selbst wenn sie über den Grabmälern meines eigenen Hauses schwebten." „Dann verzweifle ich in der That daran, Dein Herz rühren zu können," antwortete Pater Arnolph, dem die Folgen eben so schmerzlich nahe gingen, als das Verbrechen selbst. „Ich sehe. Du bist in der That von einem erbarmungslosen Wahnwitz ergriffen, und sinnst in gleicher Weise auf unfern wie auf Deinen eigenen Untergang, da Du das Mitleid gegen das Kind nicht minder verschmähst als die Liebe zu den Eltern. Emich von Leiningen, ich 317 fluche Dir nicht, denn diese Waffe ist zu furchtbar, als daß fle eine menschliche Hand leichtfertig führen sollte. — Aber auch segnen kann ich Dich nicht, da mir die Pflicht gegen Gott eine so heilige Handlung verbietet." „Halt, hochwürdiger Arnolph, laß uns nicht im Grolle scheiden — in der That, ich sehne mich nach einer tröstlichen Berührung von Deiner Hand. Wenn — ja — wenn in dieser Kirche eine Kapelle ist, für die Du mehr als gewöhnliche Ehrfurcht hegst, so nenne sie, und ich schwöre Dir bei meinem Ritterwort, sie soll, falls nicht etwa das Werk schon gethan ist, unter den Trümmern unverletzt stehen bleiben, zum Zeugniß meiner Liebe für Dich. Oder wenn etwas hier ist, das Du schätzest — habe es nun mönchischen oder weltlichen Werth — so zeige mir's, damit ich Dir'S aufbewahren kann für eine bessere Zeit. Dagegen verlange ich nur den Abschiedsgruß des Friedens." „Er ist Denen versagt, die Krieg führen gegen Gott," erwie- derte der tief bekümmerte Prior, indem er sein Gewand dem hastigen Griffe des Grafen entriß. — „Ich kann und will für Dich beten, Emich; aber Dich zu segnen, wäre ein Berrath am Himmel." Mit diesen Worten zog der fromme Arnolph seine Kapuze über das Gesicht, um die Entweihung, die rund um ihn vorging, nicht mit ansehen zu müssen, und entfernte sich langsam aus dem Chor. 318 Einnndzwanzigstes Kapitel. Hinweg, Du eingefleischter Teufel! Heilig ist Die Erde hier, denn eines MärivrerS Gebein bedeckt den Grund und stempelt ihn Zum Tabernakel. — Byron. Während der im vorigen Kapitel beschriebenen Scene wartete der Benedicliner, welchen der Leser bereits als Pater Johann kennen gelernt hat, mit einer Ait erhabener Geduld auf den Stufen des Altares den AuSgang ab. In einem so überspannten Charakter war jedoch nur wenig rein Natürliches übrig geblieben, und sogar die Selbstbeherrschung des Mönches trug das Gepräge der glühenden, überspannten Eigenschaften seines Geistes, denen er einen augenblicklichen Zwang anthat. Die klösterliche Zucht, eine tiefe unwillkürliche Hochachtung vor dem Prior und selbst seine Verachtung aller sanften Mittel, um einen Sünder zur Hürde zurückzuführen, erhielten ihn leidlich ruhig während des Gespräches, das zwischen Emich und seinem geistlichen Oberen stattfand; in seinem Auge aber leuchtete die Glut eines wilden Entzückens, als er zuletzt fand, daß von der ganzen, mächtigen, viel gerühmten Brüderschaft er allein zurückgeblieben war, um die Altäre zu vertheidigen. Trotz der Scene des Getümmels, das in der Kirche eher zunahm als sich minderte, konnten in einer solchen Brust die Gefühle des Augenblicks nur die des Triumphes seyn. Er frohlockte über seine Beharrlichkeit und schwelgte bereits im Vorgenufse der Früchte, die aus seinem Muthc entspringen mußten, mit der Zufriedenheit eines kitzelnden Selbstvertrauens und mit der tiefgewurzelten Uebcrzeugung eines Schwärmers. Emich hatte während der ersten Augenblicke, die der Entfernung des Priors folgten, nur wenig auf ihn geachtet. Die Wahrheit, sowie jede gesunde Ansicht — tragen eine Majestät, eine ruhige Kraft in sich, die zum Glück auf unverwüstliche Stützen gebaut sind; denn ohne diese weise Anordnung der Vorsehung wäre die Welt hoffnungslos den Umtrieben Derer preisgegeben, welche alle Mittel für gesetzlich halten, die zu Erreichung ihrer Zwecke diene». Alles, was in der Nähe der Abtei Limburg wohnte, hatte den Einfluß dieser hohen Eigenschaften in Pater Arnolph empfunden, und es ist mehr als wahrscheinlich, daß das Kloster nicht gefallen wäre, wenn cS gleich der Kanaitischen Stadt unter seinen geistlichen Vätern nur vier solcher Gerechten enthalten hätte. Namentlich hatte der Graf, der — gleich Allen, welche sich erst vom Banne geistiger Knechtschaft loSreißen — oft von schweren Zweifeln heimgesucht wurde, längst eine tiefe Achtung gegen diesen Mönch unterhalten, und eS ist nicht unwahrscheinlich, daß der fromme Arnolph, hätte er seine eigene Macht vollkommen verstanden, durch frühere und wachsamere Anwendung der ihm zu Gebote stehenden Mittel einen Ausweg gefunden haben würde, um den Schlag abzuwenden, der jetzt auf das Kloster hernieder gefallen war. Doch sprachen sich Demuth und Bescheidenheit eben so sehr in dem Charakter des Priors aus, als seine thätigeren Tugenden, und die Politik von Limburg war nicht von der Art, daß sie ihre Sicherheit auf eine oder die andere dieser Eigenschaften hätte bauen können. „ES liegt etwas Gutes in diesem Bruder," sagte Emich zu Berchthold, als sich sein gedankenvoller Blick wieder zu dem Gesichte des jungen Försters erhob. „Hätte er statt BonifaciuS die Insul getragen, so wären wir wohl noch nicht zu unfern Rechten gekommen." „Wenige sind so sehr geliebt worden, wie Pater Arnolph, Herr Graf, und Niemand hat es in so hohem Grade verdient." „Wie, auch Du bist dieser Meinung? Ei, Meister Heinrich, hat Dir Dein Stuhl eine mönchische Betrachtung eingeflößt, oder verdauest Du mit mehr Gemächlichkeit die Lection der frommen Ulrika auf einem Sitze, wo die gottseligen Benediktiner so viel 320 fleischliche Nahrung verarbeitet haben? Tritt vor wie ein mannhafter Soldat, und gib uns in dieser Klemme ein duftiges Pröbchen Deiner guten Weisheit." „Mich denkt, unsere Arbeit ist beinahe zu Ende, Herr Emich," bemerkte Heinrich, indem er der Aufforderung entsprach. „Meine getreuen Bürger sind in den Kapellen und unter den Gräbern nicht müßig; auch geht der Hammer jenes Schmiedes mit den Engeln um, als wären sie nichts Anderes, als Stangen geglühten Eisens. Jeder Streich hinterläßt eine Spur, die kein Meißel mehr auszumerzen vermag." „Mögen die Bursche immerhin ihr Müthlein kühlen, denn jeder Schlag erhält durch die Erinnerung an irgend eine Härte Buße Nachdruck. Du siehst, daß sie die Beichtstühle in einen Haufen zusammengetragen haben, um die Brandfackel daran zu legen! Dieß nenne ich den Feind in seiner Citadelle angreifen. Aber Heinrich, ist die vortreffliche Ulrika daran gewöhnt, mit Dir auSzuziehen, wenn Du einen Strauß gegen die Kirche eröffnest? Beim Gerichte Gottes! hätte Irmengarde die gleiche Gesinnung, so dürfte niemand in unseremjjSchloffe nicht Erlösung hoffen." „Ihr thut meiner Frau Unrecht, Herr Graf; Ulrika war hier um zu beten, nicht aber, um den Streit zu crmuthigen." „Diese Erklärung hättest Du Dir ersparen können, denn in der That, der Soldat bedarf nie einer derartigen Ermuthigung. Warst Du unterrichtet von dem Besuche — he — hast Du darum gewußt, würdiger Bürgermeister?" „Offen gesprochen, Herr Emich, ich dachte, die Frau sey anderwärts beschäftigt." „Bei den heiligen drei Königen! — in ihrem Bette?" „Nein, im Gebete, aber an einem andern Platze. Doch wir erweisen ihr zu viele Ehre, edler Graf, wenn wir in einem so rührigen Augenblicke unsere Gedanken durch das Treiben einer blosen Hausfrau irren lassen." 321 „Nichts, was Dich berührt, kann für Deine Freunde unbedeutend seyn, guter Bürgermeister," antwortete der Graf, der sich sogar in diesem Augenblicke des Getümmels mit unwillkührlicher Unruhe Gedanken über den Besuch machte, den Ulrika zu so ungewöhnlicher Stunde in dem Kloster abgestattet hatte. „Dn bist glücklich vermählt, Herr Heinrich, und Alle, die Deine Frau kennen, erweisen ihr Ehre!" Der Bürgermeister war zu sehr von seinen eigenen hohen Verdiensteneingenommen, um in seinem Innern der Eifersucht Raum zu geben. Möglich, daß eben diese Eitelkeit seiner Sicherheit zu Grunde lag; indeß wäre es auch einem Manne, der von Natur aus weit mehr Sinn für diese quälende Leidenschaft gehabt hätte, kaum möglich gewesen, so lange in vollkommener Eintracht mit einer so reinen Seele, wie die Ulrikas war, zu leben, ohne ihren Charakter und ihre Tugenden ehren zu lernen. Der Gras dachte anders, denn obschon er in seinem Innern gleichfalls von der edlen Gemüthsart der Frau überzeugt war, auf die er anspielte, so konnte er sich doch des Argwohns eines Mannes von losen Gewohnheiten oder der Unruhe eines zurückgewiesenen Bewerbers nicht ganz erwehren. Die Antwort des Gatten diente übrigens dazu, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, denn der Bürgermeister nahm dabei Anlaß, sich selbst in ein recht vortheilhafteS Licht zu setzen. „Tausend Dank, erlauchter Herr," sagte er, indem er seine Mütze lüpfte, „die Frau ist nicht übel, obgleich sie in Betreff der Altäre und Bußübungcn mancherlei Schwächen hat. Wenn wir mit Limburg fertig sind, wird auch unter unfern Weibern und Töchtern ein anderes Regiment beginnen, und wir können auf ruhigere Sabbathe rechnen. Was aber die gnädige Andeutung in Eurer Rede betrifft, Herr Graf, so nehme ich sie, wie sie ohne Zweifel gemeint war, als eine neue Versicherung unserer dauernden Freundschaft und unseres engen Bundes." „Du hast ihren Sinn gut erfaßt," entgegnete Emich rasch. Die Heidenmauer. 21 322 denn bas flüchtige Gefühl des Mißtrauens verlor sich schnell in der Erinnerung an die Aufgabe vor ihm. „Kein Wort der Freundschaft geht an einem treuen und eifrigen Verbündeten verloren. Wie stchi'S, Heinrich, ist unsere Angelegenheit bald beendigt?" „Sapperment, Herr Graf, wenn auch noch nicht ganz, so doch auf dem besten Wege zu einer schnellen schließlichen Bereinigung." „Dort ist noch ein Benedictiner!" sagte Berchthold, die Aufmerksamkeit der Beiden auf den Mönch lenkend, der noch immer seinen Posten an den Stufen des Altars behauptete. „Den Bienen will es nicht gefallen, ihren Stock zu verlassen, so lange noch etwas zurück ist, was sie mühsam eingetragen haben," entgegnete der Gras lachend. „Was ist Dein Begehren, Pater Johann? Wenn Dein bekümmerter Sinn sich noch mit Gedanken an diese kostbaren Gefäffe trägt, so triss Deine Wahl und ziehe ab!" Der Benedictiner erwiederte das Lachen des Grafen mit einem Lächeln tiefer, aber ruhiger Wonne. „Versammle immerhin Deine Gefolge, roher Ritter," sagte er; „rufe Alles, was unter Deinen Befehlen steht, nach diesem geheiligte» Orte, denn eine Gewalt ist hier zurückgeblieben, an deren Ueberwindung Du noch nicht gedacht hast. In demselben Augenblicke, in welchem Du Dich am sichersten glaubst, stehst Du am Rande der Schmach und des Verderbens." Da der aufgeregte Mönch seinen Worten durch Ton und Geberde den entsprechenden Nachdruck verlieh, so wich Emich um einen Schritt zurück, als fürchte er sich vor einer gelegten Mine. Vater Johanns verzweifelte Begeisterung war männiglich bekannt, und keiner von den drei Zuhörern blieb frei von der Besorgniß, die Brüderschaft könnte, nachdem sie sich überfallen sah, einen tiefen Racheplan angezettelt und die Ausführung desselben dem überspannten Bruder vertraut haben. „He — ihr da draußen!" rief der Graf. „Es soll hurtig eine Abtheilung nach der Gruft hinuntcrsteigen und nach den Bübereien dieser angeblichen Heiligen sehen. Veiler von Viederbach," fügte er bei, in der Hast des Augenblicks die Anwesenheit dieses geschworenen Kreuzritters enthüllend, „sorge Du für unsere Sicherheit, denn der Rhodische Krieg hat Dich mit solchen Tücken vertraut gemacht." Der Ruf des Grafen, der wie ein Schlachtgeschrei erdröhnte, that dem Werk der Zerstörer Einhalt. Einige beeilten sich, dem Befehle Gehorsam zu leisten, während die meisten klebrigen sich hastig in dem Chor versammelten. Es ist gewiß, daß die Anwesenheit von Leidensgenoffen die Macht der Furcht mindert, selbst wenn in Wirklichkeit die Gefahr dadurch erhöht würde: denn er gehört zu den Eigenthümlichkeiten des menschlichen Geistes, daß er in Leid und Freud sich gleich bereitwillig dem Einflüsse der Sympathie hingibt. Sobald Emich so viele seiner Leute um sich her sah, dachte er wenig mehr an die gefürchtete Mine und antwortete, wie er seiner Stellung ziemte, dem Mönch mit größerer Ruhe. „Du wolltest das Gefolge von Hartenburg hier haben, Vater," sagte er mit Hohn, „und siehst nun, wie bereitwillig sie herankommen." „Wollte Gott, es stünden jetzt Alle vor mir, welche den Ketzereien Gehör geschenkt haben, der heiligen Kirche die gebührende Ehrfurcht versagen, die Macht Noms abläugnen und sich hier auf Erden dem Walten des Himmels entzogen wähnen!" versetzte der Benedictiner, indem er die Gruppe von Köpfen, die sich in den Stühlen drängten, mit dem leuchtenden aber ruhigen Auge eines Mannes musterte, der sich seiner Macht bewußt ist. „Du bist hier mit Hunderten, Graf von Leiningen — wollte Gott, es wären so viele Millionen!" „Wir sind hinreichend stark für unfern Zweck, Mönch." „Das wird sich zeigen. Wohlan, so hört nunmehr auf eine Stimme von Oben! — Ich rede zu euch, ihr unheiligen und bereitwillige» Diener dieses ehrgeizigen Ritters — zu euch, ihr irregeleiteten und unwissenden Werkzeuge eines Planes, den die 324 Hölle angezettelt hat und der seinen Ursprung fand in dem fruchtbaren Gehirn des nie ruhenden Vaters der Sünde. Ihr seyd Eurem Herrn aus der Ferse gefolgt und ergeht Euch in eitler Freude über eine sichtbare aber ohnmächtige Gewalt, indem Ihr, Eures Gottes vergessend, freventlich nach dem Gewinn Eures unheiligen Unternehmens lechzet." „Bei der Messe, Priester," unterbrach ihn Emich, „Du hast uns heute schon einmal eine Predigt zum Besten gegeben, und die Zeit drängt. Wenn Du einen Feind im Rückhalte hast — hervor mit ihm; aber Deines kirchlichen Amtes sind wir satt." „Einen Augenblick, verlorner Emich, ist Deineni vermessenen Willen Raum gegeben worden, aber jetzt kommt das Gericht. Siehst Du diesen Schrein voll köstlicher Reliquien? Hast Du vergessen, daß Limburg reich ist an solchen heiligen Ueberresten, und daß ihre Kräfte noch nicht erprobt sind? Wehe dem, der über ihre Heiligkeit spottet und ihre Gewalt verachtet!" „Halt ein, Johann!" rief der Graf hastig, als er sah, daß der Mönch im Begriff war, einige jener wohlbekannten Ueberreste von Sterblichkeit zu enthüllen, welchen die römische Kirche damals, wie es auch heutzutage noch geschieht, eine wunderbare Kraft zuschreibt; „es ist jetzt kein Augenblick für dergleichen Narrenthei- dungen." „Nennst Du ein heiliges Amt mit einem so unheiligen Namen? Harre des Ausgangs, schnöder Lästerer unseres ehrwürdigen Ansehens, und triumphire, wenn Du kannst." Der Graf blickte verstört nach dem Mönche hin, denn sein Verstand vermochte ihn jetzt weit weniger zu unterstützen, als sein Ehrgeiz. Die hinten Stehenden begannen gleichfalls zu wanken, denn die Ansichten der Zeit hatten »och nicht tief genug gewurzelt, um den großen Haufen gegen eine derartige Schaustellung kirchlicher Gewalt gleichgültig zu machen. Welcher Unterschied auch in unseren Tagen zwischen den vielerlei christlichen Sekten in Betreff 325 der Annahme von Wundern ssaltfinden mag, so werden doch Alle zugeben, daß der Geist, welcher zu dem Glauben an ihre fortgehende Möglichkeit erzogen wurde, Welt weniger vorbereitet ist, diesem Einfluß zu widerstehen, als wenn er durch irgend ein andere» Werkzeug angegriffen würde, weil in jenem Falle die menschliche llnmacht in unmittelbaren und augenfälligen Gegensatz zu der göttlichen Allgewalt tritt. Gegen eine solche Kraftentfaltung bietet die Natur keine Widerstandsmittel, und das nnfichtbare, gc- heimnißvolle Walten, das einem Wunder zu Grunde liegt, wirkt eben so sehr aus die Einbildungskraft, als auf die angeborene Furcht vor dem Allmächtigen, die allen Sterblichen inne wohnt. „ES wäre gut, wenn die Sache nicht weiter ginge," sagte Emich in unruhigem Flüstern zu seinen Hauptleuten. „Nicht doch, Herr Graf," versetzte Berchthold gelassen; „ich halte es für gut, wenn man in dieser Sache das Wahre erfährt. Haben wir den Himmel nicht auf unserer Seite, so mag es uns zu unsrem Besten kund werden; find aber die Benediktiner bloße Augenverblender, so wird sich unser Gewissen nur um so leichter fühlen." „Du bist dreist, Knabe — Niemand kann wissen, auf was e» hinaus laufen mag! — Herr Heinrich, Du bist ja ganz verstummt." „Was verlangt Ihr von einem armen Bürgermeister, edler Emich? Ich gestehe, daß ich der Ansicht bin, es sey für Dürkheim weit vortheilhafter, wenn die Sache jetzt abgebrochen würde." „Du hörst es, Benediktiner!" rief der Graf, indem er die Spitze seines in der Scheide steckenden SchwerdteS auf den reich verzierten und viel verehrten Schrein setzte, dessen Klampen der Mönch bereits geöffnet hatte. „Nicht weiter mehr!" „Nimm Deine Waffe hinweg, Emich von Lciningen," sagte Pater Johann mit Würde. Der Graf gehorchte, obschon er sich den Grund selbst kaum anzugeben wußte. 326 „Dies ist freilich ein schrecklicher Augenblick für den Ungläubigen," fuhr der Mönch fort. „Der Moment ist nahe, der unfern Altären Rache bringen soll. Nein, weiche nicht zurück, dreister Graf — harret aus bis zum Ende, ihr zügellosen und verlornen Anhänger des Lasterhaften; denn vergebens hofft ihr dem Gericht zu entrinnen." In der Miene und in dem Glauben des Pater Johann lag so viel ruhige Begeisterung, daß Neugierde sowohl als religiöse Scheu Jeden, trotz des allgemeinen Wunsches ferne von den Reliquien zu bleiben — an die Stelle gebannt hielt; und die Herzen schlugen schneller, als der Münch fortfuhr, mit der Miene tiefster Ehrfurcht die heiligen Knochen, die Kleiderüberrestc, die berühmten Nägel des wahren Kreuzes, Splitter vom Holze desselben und ähnliche Erinnerungszeichen an heilige Ereignisse oder Märtyrer zur Schau zu stellen. Nicht Einer war im Stande, vom Platze zu Weichen. Nachdem Pater Johann unter feierlichem Schweigen Alles auf dem von dem Brande glutroth erhellten Schreine auSgelegt hatte, bekreuzte er sich und wandte dann sein Antlitz wieder der Menge zu. „Was in dieser Noth der Wille des Himmels seyn mag, weiß ich nicht," sagte er; „aber die Hand soll erlahmen und für immer die Seele dessen verflucht seyn, der sich erdreistet, diesen heiligen Denkmalen des christlichen Glaubens Gewalt anzuthun." Nachdem der Benediktiner diese bedeutungsvollen Worte ausgesprochen hatte, wandte er sich nach dem Crucifir um und knieete in stummem Gebete nieder. Die nun folgende Minute war furchtbar inhaltsschwer für die Sache der Eindringlinge. Die Blicke suchten sich zweifelnd; der Eine sah nach den Verzierungen des Gewölbes auf und ein Anderer blickte scheu nach dem sprechenden Bilde der Jungfrau, als fürchteten sic insgesammt irgend eine mirakelhafte Kundgebung des göttlichen Zorns. Wer weiß, wie die Sache überhaupt ausgefallen seyn würde, wenn nicht das Küh- horn des Hirten abermals in einem gelegenen Augenblicke dem 327 Grafen zu Hülfe gekommen wäre. Der verschmitzte Kerl blieS unter den Bogen der Kapelle eine wohlbekannte populäre Nachahmung des Gebrülls seiner Heerde, und verwischte den Nachdruck des eben Geschehenen durch einen Nebergang aus eine gemeine Vorstellung. Der Einstuß des Lächerlichen in Augenblicken, wo die Leidenschaften sich verwirren oder der Verstand schwankt, ist zu bekannt, um einer weiteren Beleuchtung zu bedürfen, und wir sehen darin abermals eine jener Launen des menschlichen Wesens, welche, indem sie alle Theorie geradezu vereiteln, den Beweis liefern, wie viel uns dazu fehlt ausschließlich die vernünftigen Geschöpfe zu seyn, zu denen wir unser Geschlecht so gern stempeln möchten. Das Abhülfmittcl des mit seinem Witze^stetS fertigen Gottlob übte seine volle Wirkung, denn selbst die Unwissendsten aus dem Gefolge des Grafen — sogar diejenigen, deren blöder Sinn hart an die Grenze des wegwerfendsten Aberglaubens hinstreifte, crmuthigten sich bei dieser Herausforderung des Kuhhirten. Ja, dieser Theil des Haufens wurde im Gegentheil jetzt am lautesten und hallte die Unterbrechung aus fünfzig heiseren Kehlen wieder, wie man überhaupt die größten Schreier für irgend eine Sache in der Regel stets da findet, wo fie am wenigsten verstanden wird. Emich fühlte sich neu belebt, denn unter dem doppelten Einflüsse seines eigenen Mißtrauens und des Wankens seiner Anhänger hatte er einen Augenblick schon geglaubt, sein lange erwogener Plan zu Zerstörung des Klosters Limburg laufe Gefahr, vereitelt zu werden. Durch dies wechselseitige Geschrei ermuthigt kehrten die Eindringlinge, über ihre Furcht lachend, wieder zu dem Werke der Vernichtung zurück. Die Sitze und Beichtstühle waren bereits in dem großen Gange aufgehäust, und jetzt wurde die Brandfackel darunter geworfen. Dann legte man Feuer an diejenigen Theile der Kirche, wo das verzehrende Element irgend Nahrung fand, und einige Dürkheimer Handwerker, die besser unterrichtet waren, als ihre zügelloseren Kameraden, fanden Mittel, das Dach und den höheren 328 Theil des Gebäudes in Brand zu stecken, um so die gänzliche Zerstörung des Tempels zu bewerkstelligen. Inzwischen loderten alle Außengcbäude zusammen lind der ganze Berg bot dem Anblicke der Thalbewohner nichts als rothe Flammensäulen und schwarze Rauchwolken. Während dieß vorging, schritt Emich im Chore hin und her, zum Theil über seinen Erfolg frohlockend, zum Theil aber zweifelnd, welche Früchte er ihm tragen möchte. Die zeitlichen Folgen hatte er wohl erwogen, aber die regungslose Haltung des Pater Johann, die Anwesenheit der so lange verehrten Reliquien und die Bannstrahlen der Kirche hatten noch immer ihre Schreckbilder für einen Mann, dessen Geist nur in wenigen wohlbegründeteren HülfS- quellen eine Stütze suchen konnte. Aus diesem Zustand von Unruhe wurde er durch das Getöse der Schmiedehämmer geweckt, die in der Gruft thättg waren. Er eilte, von Heinrich und Berchthold begleitet, nach dem Platze hinunter, wo sich, wie der Leser bereits gehört hat, die Kapelle und die Grabmäler seines Geschlechtes befanden. Aber auch hier herrschte, wie oben, Verwirrung und der grelle Wiederschein des Feuers. Die meisten Grabmäler der verstorbenen Fürsten und Edlen waren bereits verstümmelt, denn keine der Kapellen war verschont geblieben. Vor denen der Hartenbnr- ger aber stand Albrecht von Viederbach mit verschlungenen Armen und gedankenvollen Blicken. Der Mantel, mit dem er sich beim Beginne des Angriffs verhüllt hatte, hing jetzt nachlässig darnieder, und er schien in seiner tiefen Betrachtung ganz zu vergessen, daß eS für ihn räthlicher gewesen wäre, bei einem solchen Unterfangen unbekannt zu bleiben. „Endlich sind wir an die Denkmäler unserer Väter gekommen, Vetter," sagte der Graf, an seine Seite tretend. „Bis zu ihren Gebeinen sogar, edler Emich!" „Die ehrcnwerthen Ritter haben lange in schlechter Gesellschaft geschlummert; sie sollen fürderhin Ruhe finden in der Kapelle von Hartenburg." „Gebe Gott, Herr Graf, daß dieses Abenteuer nicht als unrechtmäßige Gewaltthat erfunden werde." „Wie, zweifelst Du jetzt erst daran, nachdem das Werk nahezu vollendet ist?" „Bei der heiligen Messe! Ein Krieger von Rhodus eignet sich besser dazu, gegen die Turbanköpfe der Ungläubigen zu Felde zu ziehen, als die Edeln seines eigenen Hauses so ohne Umstände aus ihrem langen Schlafe zu wecken." „Du kannst Dich nach meiner Veste zurückziehen, Herr Albrecht, wenn Dein Arm schon müde ist," versetzte Emich mit Kälte. „Dort kann Dich kein Bannstrahl erreichen." „Das wäre ein armseliges Entgelt für Deine sreimüthige Gastfreundschaft, Vetter, denn ein fahrender Ritter hält'S mit dem letzten Freunde, wenn auch allgemeine Pflichten darunter etwas Noch leiden. Wir Jnselritter wissen gar wohl, daß ein Rückzug, wenn er ehrenvoll seyn soll, auch ordnungsmäßig und nicht zur Unzeit zu geschehen hat. Ich weiche nicht.von Dir in dieser Stunde, Emich; sprich also nicht weiter davon. Dieß war das Bild des guten Bischofs, der unserer Familie angehörte?" „Er verwaltete, glaube ich, ein derartiges ehrwürdiges Amt; aber sprich von ihm wie Du willst. Niemand kann ihm nachsagen, daß er ein Benedictiner war." „Da diese Kirche einmal zerstört werden sollte, Vetter, so wäre cS besser gewesen, unsere Vorfahren hätten einen andern geweihten Boden für ihren Staub gesunden. In der That, wir geschworenen Krieger führen ein gar ungleiches Leben! Es sind jetzt etwa zwölf Monate, daß ich als pflichtgctreuer Rhodiser bis an die Kniee im Wasser stand und einen guten Graben gegen diejenigen aufwarf, die in ihrem Glauben an die Huris nichts von Christus wissen wollen; und jetzt stehe ich leibhaftig hier, um zuzusehen (denn ehr- 330 licherweise kann man mir keine andere Absicht zur Last legen), wie ein christlicher Altar umgeflürzt und ein Haufen geschorener Mönche in die Welt hinaus geschickt wird, als wären sie weiter nichts, als eine Bande entlassener Söldlinge!" „Bei den heiligen drei Königen, Vetter, Deine Vergleichung ist nicht übel angebracht; denn gleich entlassenen Söldnern sind sie abgezogen, um in einer neuen Gestalt die Gesellschaft auSzubeu- te». — Schone den Engel meines Großvaters, guter Schmied," rief Emich sich selbst unterbrechend; „wenn das Bild irgend eine Tugend hat, so dient sie dem Besten unseres Hauses." Dietrich that dem aufgehobenen Arme Einhalt und lenkte den beabsichtigten Schlag nach einem anderen Gegenstände. Der Marmor splitterte in großen Stücken bei jedem Ausfallen des Hammers umher, und die Anführer fanden es bald nöthig, sich zu entfernen, um dem wilden Treiben der entflammten Menge auszuweichen. Das Schicksal der weit berühmten und so lange gestandenen Klostergebäude war nun nicht länger zweifelhaft. Ein Grabmal fiel nach dem andern; die Monumente wurden verstümmelt, die Altäre umgestürzt, die Kapellen geschleift, und AAeS, was möglicherweise der verheerenden Einwirkung des Feuers nur im mindesten widerstehen konnte, erlitt so unauslöschliche Beschädigungen, daß eine Wiederherstellung schwer, wo nicht unmöglich war. Während dieses wilden Treibens griff der Brand immer weiter um sich: denn man weiß ja, daß das wilde Element, welches die Verwüster zu Hülfe gerufen hatten, stets rasche Arbeit macht. Die meisten Schlafgemächer, Küchen und Außengcbäude waren, so weit es das Material zuließ, unwiederbringlich verzehrt, und man sah wohl, daß die große Kirche sammt ihren Anbauten nun bald kein Obdach mehr geben konnte. Emich und seine Begleiter befanden sich noch in der Gruft, als ein Schrei an ihre Ohren schlug, welcher Alles in Hörweite zum Rückzuge ermahnte, damit die Flammen nicht auch unter den Lebendigen ihre Opfer fänden. Berchthold und der Schmied drängten die Leute aus der Gruft, und männiglich suchte nun die äußere Thüre zu gewinnen. Sobald das Innere der Kirche geräumt war, machte der Graf mit seinem Gefolge im Hofe Halt, um voll Zufriedenheit über das geschehene Werk und neugierigen Blickes die Scene zu betrachten. Aber kaum hatte sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem Platze zugewendet, dem sie eben entronnen waren, als die Menge in einen einhelligen Schrei der Verwunderung und des Entsetzens ausbrach. Die Thüren standen weit offen und jede Ritze war von dem grellen Lichte der Flammen erhellt, die in dem Dache wütheten, weßhalb man von außen den Chor so deutlich sah, wie im Lichte des Hellen Mittags. Pater Johann knieete noch immer vor dem Altäre. Emich's Befehle gehorsam war der geweihte Schrein aller seiner kostbaren Zierrathen entkleidet worden, obschon sich Niemand erdreistet hatte, eine der Reliquien zu berühren. Auf dieses lange verehrte Denkmal hielt der Benedictiner seinen Blick geheftet, fest überzeugt, daß die Macht Gottes früher oder später sich entfalten müsse, um den geschändeten Tempel zu vertheidigen. .Der Mönch! der Mönch!" riefen fünfzig eifrige Stimmen. „Ich möchte den Fanatiker gerne gerettet sehen!" sagte Emich besorgt und mit edelmüthiger Theilnahme. „Vielleicht hört er auf einen Mann, der dieses heilige Zeichen trägt," rief der Rhodiser, indem er sein Kreuz von dem Wamse losmachte, in welchem er es bisher verborgen hatte. „Will mich Jemand begleiten, um diesen wahnsinnigen Benedictiner zu retten?" In dem Erbieten AlbrechtS von Viederbach lag eben so viel Menschlichkeit, als versöhnende Reue, während der Antrieb, welcher den jungen Berchthold vortreten hieß, rein edelmüthiger Natur war. Ungeachtet der großen Gefahr, mit welcher das Wagniß bedroht war, stürzten sie mit einander nach dem Gebäude und eilten nach dem Chore hinauf. Die Hitze war schon sehr drückend geworden, ob- 332 schon sie unter dem hohen Dache noch immer erträglich blieb. Die Beiden näherten sich dem Altar und machten den Mönch durch ihren Zuruf auf die Gefahr aufmerksam. „Kommt ihr, um Zeugen zu scyn von der Macht des Himmels ?" fragte Pater Johann mit dem ruhigen Lächeln eines gereisten Schwärmers, „oder kommt Ihr in zerknirschter Reue über die begangene Unthat?" „Hinweg von hier, guter Vater!" entgegnete Berchthold hastig. „Der Himmel ist heute Nacht gegen Dein Kloster und in der nächsten Minute wird das brennende Dach einstürzen." „Hörst Du den Lästerer, großer Gott? Ist es Dein heiliger Wille, daß-" „Höre auf einen geschworenen Krieger des Kreuzes," unterbrach ihn Albrecht, indem er auf das Sinnbild seines Ordens deutete. „Wir gehören demselben Glauben an und wollen nun gemeinschaftlich eine andere Laufbahn beginnen." „Hinweg, ungetreuer Knecht — hinweg mit Dir. Du aufgegebener Knabe! — Seht Ihr jene heiligen Reliquien?" Auf einen Wink des Ritters faßte Berchthold den Mönch auf der einen Seite, während Albrecht das Gleiche auf der andern that. Pater Johann svrach noch immer, während sie ihn den Chor hinabtrugen; aber die Beiden mußten mit einem Manne kämpfen, dem eine lang gehegte krankhafte Lebensansicht die Sinne verwirrt hatte. Noch ehe sie den großen Gang erreichten, hatte sich der Schwärmer losgerungen und war wieder zu den Füßen deS AltarS zurückgeeilt, während der Ritter und der Jüngling noch immer nach Athen: keuchten. Statt aber niederzuknieen, ergriff Pater Johann jetzt die Reliquie, die er am meisten verehrte, hielt sie in die Höhe und flehte laut den Himmel an, sich mit Kundgebung seiner Majestät zu beeilen. „Sein Geschick ist besiegelt!" rief Albrecht von Viederbach, indem er aus der Kirche eilte. 333 Und in demselben Augenblicke, in welchem der Rhodiser Ritter - durch das große Portal stürzte, fiel ein Theil des brennenden Daches auf das Pflaster nieder und streute seine Kohlen gleich funkelnden Sternen umher. „Berchthold! Berchthold!" erscholl der Ruf aus hundert Kehlen. „Komm zurück, voreiliger Knabe!" rief Emich mit einer Stimme, in welcher die Todesangst mit dem Getöse des Brandes kämpfte. Berchthold schien wie festgebannt zu sehn. Er blickte erschüttert auf den Mönch und eilte dann wieder nach dem Altar zurück. Ein schauerliches Geächze, ähnlich dem LoSreißen eines Schneeberges, der in einer Lawine niederstürzen will, schlug an das Ohr. Dieselben Männer, welche kurz zuvor heraufgekommen waren, fest entschlossen zu einem blutigen Werke, stießen nun entsetzte Seufzer aus bei dem Anblicke der Gefahr ihrer Mitmenschen; denn was auch in Augenblicken der Aufregung geschehen mag — immerhin liegt in der Menschennatur ein Mitgefühl verborgen, das zwar durch Umstände erstickt werden, aber doch nur mit dem Tode völlig erlöschen kann. „Komm heraus, junger Berchthold! Komm heraus, mein wackerer Förster," übertönte die Stimme des Grafen das Geschrei der Menge, als wolle er sein Gefolge mit einem Schlachtrufe sammeln. „Er geht zu Grunde mit diesem elenden Mönch — der Junge ist toll!" Man sah Berchthold mit dem Benedictiner ringen, obschon Niemand wußte, was zwischen ihnen vorging. Ein abermaliges Krachen folgte, und das ganze Pflaster begann von gefallenen Bränden zu erglühen. Dann stürzten Querbalken und das sich zerstreuende Feuer deutete auf ein Ende. Das Innere der Kirche glich dem Feuerregen, der gewöhnlich eine römische vlranäol» schließt und die Erde erbebte von dem Einsturze des massiven Gebäudes. ES gibt Schreckensscenen, bei denen nur wenige mensch- liche Augen verweilen können. ES war ein Augenblick, in welchem fast jede Hand ein Gesicht verhüllte, und jedes Haupt blieb abgewendet. Die Aufregung dauerte jedoch nur einen Moment, und als die Männer wieder nach dem Innern der Kirche hinsahcn, erschien sie wie ein Fcuermeer. Der Altar stand noch immer, und Johann behauptete, wie durch ein Wunder, seinen Posten auf den Sinsen, Berchthold aber war verschwunden. Die Geberden des Benedicti- nerS waren wilder als je und sein Gesicht trug den Ausdruck eines Menschen, den die Vernunft für immer verlassen hat. Er hielt sich nur noch einen Augenblick auf den Beinen und brach dann zusammen. Man sah darauf seinen Leib wie eine grüne Ruthe sich winden, die von den Flammen verzehrt wird. Zweiundzwanzigstes Kapitel. »Ihr Herren, geht nun mit euch selbst zu Rathe." Sommernachtstraum. Die beharrliche moralische Schildwache, die von Gott in jede Menschenbrust gesetzt ist, obschon sie unter verschiedenen Umständen so verschieden handelt, versäumt vielleicht in keiner Lage der Herabwürdigung und Unwissenheit ihr Amt ganz und gar, und hat zuverlässig nach dem Fehl die Reue zur Folge. Vergeblich sagt man, dieses inwohnende Gefühl der Wahrheit, das wir Gewissen nennen, sei das blose Ergebniß der Meinungen und der Gewohnheit, denn es spricht sich sogar augenfälliger in dem unschuldigen, unerzogenen Kinde aus, als in dem erfahrensten Manne, und die Natur hat so deutlich allem seinem Wirken ihren Stempel aufgcdrückt, daß man seine Identität mit dem geheimnißvollen Wesen, welches den unkörperlichen Theil unseres DasehnS bildet, unmöglich verkennen kann. Wie alles andere Gute mag es sich schwächen, verderben oder in sonstiger Weise mißbrauchen lassen; aber gleich Allem, das aus derselben hohen Quelle fließt, bewahrt es dennoch, selbst inmitten derartiger feindlicher Einwirkungen, die Spuren seines göttlichen Urhebers. Wir betrachten diesen unermüdlichen Mahner als einen Ueberrest der hohen Stellung, aus welcher unser Geschlecht gefallen ist, und finden es unzweifelhaft, dass der Mensch genau in demselben Verhältnisse, in welchem er seinen Einfluß fühlt und zuläßt, sich dem ursprünglichen Stande der Unschuld wieder nähert oder von demselben zurückweicht. Auf die Zerstörung der Abtei folgten die meisten jener Anzeichen, welche in Abstufungen, die den vorausgehenden Gewohnheiten entsprechen, jeder Akt der Gewaltthat unausbleiblich nach sich zieht. Sogar diejenigen, welche sich bei Führung des langerwogenen Schlages am thätigsten erwiesen hatten, begannen nunmehr vor den Folgen zu zittern, und nur Wenige in der Pfalz hörten von der That, ohne den Athen» an sich zu halten, als erwarteten sie, der Himmel werde für die Kirchenschändung furchtbare Rache nehmen. Um jedoch den Faden unserer Erzählung nicht zu unterbrechen, müssen »vir den Lauf der Ereignisse in der geeigneten Ordnung wieder aufnehmen, und lassen deßhalb die Zeit nach dem Brande nur um einige Tage vorrücken. Der Leser muß sich nunmehr von dem Jägerthalc ein anderes Bild machen. Es war zwar noch immer dieselbe lächelnde Sonne, die nämliche wohlwollende Jahreszeit; die Forsten prangten in dein gleichen wallenden Grün, die Wiesen in ihrem sanften, dunkeln Gewände — die Bergseiten standen noch unter demselben lieblichen Spiele von Licht und Schatten, und der murmelnde Bach rieselte so klar und schnell dahin, wie zur Zeit, als er aus diesen Blättern zuin erstenmale sich dem geistigen Blicke vergegenwärtigte. Weder in den Dörfern noch an den Wegen war eine Hütte oder ein Haus anders geworden, und die Veste Hartenburg blickte noch immer in stolzer Lehensgewalt und ritterlichem Prunke düster und massenhaft auf den wohlbekannten Bergpfad herunter. Aber der Hügel von Limburg bot eines von jenen traurigen, wehmüthigen Beispielen verübter Gewaltthätigkeit, welche noch immer über den Boden der alten Welt hingestreut sind gleich eben so vielen Mahnzeichen an die Auftritte, durch welche die Völker zu ihrem gegenwärtigen Zustand von beziehungsweiser Sicherheit gelangt sind — Zeichen, die eine eben so nützliche Lehre für die Zukunft geben, als sie reich sind an Bildern der Vergangenheit. Die äußere Mauer stand noch unbeschädigt da, das einzige Hauptportal ausgenommen, welches die unauslöschlichen Merkmale der Schmiedehämmer an sich trug; aber hinter dieser Schranke entfaltete sich das Werk der Verwüstung in Zügen, die sich nicht «erkennen ließen. Jedes Dach — und es mochten ihrer wohl fünfzig gewesen seyn — war eingestürzt; die Wände der Gebäude standen schwarz und wankend da — nicht ein einziger Thurm ragte mehr gen Himmel, ohne Merkmale von der Weise an sich zu tragen, wie die Flammen an seinem schlanken Schaft hinaufgeleckt halten. Da und dort kräuselte sich ein dünner Faden weißen Rauches in die Höhe und verlor sich in der Luftströmung, ähnlich den Erscheinungen, die man an einem Vulkane bemerkt, wenn er nach dem Ausbruche seine Gewalt erschöpft hat. Ein kleines Crucifir, welches die Volkssage für hölzern erklärte, vbschon es in Wahrheit aus einem angestrichenen Steine bestand, behauptete noch immer seinen Platz auf einem Giebel der verwüsteten Kirche, und mancher Bauer richtete sein stummes Gebet danach hin, im festen Glauben, Gott habe dieses Bild des geopferten Menschensohnes während der Schrecken jener unvergeßlichen Nacht in seine besondere Obhut genommen. In dem Schlosse und dessen Umgebung ließen sich die gewöhnlichen Merkmale mißtrauischer Wachsamkeit blicken, wie man sie etwa bei Solchen findet, welche fühlen, daß sie durch ihre Handlungen der bestehenden Gewalt verfallen sind. Die Thore waren geschloffen, die Schildwachen auf den Mauern und Basteien 337 verdoppelt, und von Zeit zu Zeit wurden Signale mit den Spähern ausgetauscht, die man auf den Bergen aufgestellt hatte, damit sie die Straßen, welche jenseits des ThaleS nach dem Nheine führten, beobachten könnten. In Dürkheim sah es anders aus, obgleich auch hier manche Aehnlichkeit mit dem Zustand in der Veste nicht zu verkennen war. Es zeigte stch die nämliche Besorgniß vor einer Gefahr von Außen, die gleiche Wachsamkeit auf den Mauern und Thürmen und dieselbe ungewöhnliche Schaustellung einer bewaffneten Macht; indeß war es doch in einer derartigen Stadt nicht leicht, die düstere Zurückhaltung ritterlichen Prunks nachzuahmen. Die Bürger traten in den Straßen zusammen, die Weiber klatschten, wie in allen Fällen einer plötzlichen lebhaften Aufregung, und sogar die Kinder schienen die Unruhe und Unentschlossenheit ihrer Eltern wiederzuspiegeln; denn da die Hand der obrigkeitlichen Gewalt die Zügel schlaffer hielt, so zogen die meisten Männer träge und müßig in den Straßen umher, um da und dort aus hingeworfene Ausdrücke zu lausche», die ihnen mehr Aufklärung über den Stand der Dinge geben konnten. Die Läden standen zwar wie gewöhnlich offen, aber meist machte man nur an den Thüren Halt, um zu plaudern, während nur Wenige eintraten; und die meisten Handwerker vergeudeten ihre Zeit in Kannegießereien über die Folgen, welche der kühne Schritt ihrer Obrigkeit nach sich ziehen konnte. Mittlerweile wurde in dem Rathhause eine Sitzung gehalten, bei der sich Alle versammelten, die in Dürkheim auf bürgerliche Bedeutsamkeit Anspruch machen konnten — darunter auch Einige, welche sich um der Dienste willen, die sie bei dem letzten Angriffe aus die Mönche geleistet, eingefunden hatten. Etliche besorgliche BürgerSwciber hatten sich in den Wartezimmern des RathhauseS versammelt, denn es war kein Geheimniß, daß unter der einfachen, ihren Ehefrauen sehr ergebenen Bürgerschaft, häuslicher Einfluß Die Heidcnmaucr. 22 338 keine unbedeuienbe Rolle spielte. Wir nehmen unsre Erzählung iir den Mauern des gedachten öffentlichen Gebäudes wieder auf. Der Bürgermeister und die übrigen Häupter der Stadt konnten eine unbestimmteFurchtin FolgeihreS gewagten Versuches nicht bergen. Einige traten zwar keck auf in der Kühnheit ihres Sieges, und andere zweifelten nur an dem Erfolge, weil die Auflösung des Klosters ein zu großes Gut sey, als daß sich nicht auch etwas Schlimmes daran heften sollte, während wieder Andere ihre Ansichten zu- rückhiclten und der Ereignisse harrten, welche ihren Prophezeihungen Werth geben sollten. Eine vierte Klaff- schüttelte den Kopf in einer Weise, als wollte sie dadurch andeutcn, daß sie sich, was die Folgen betraf, im Besitz eines geheimen Wissens befinde, welches gewöhnlichen Fähigkeiten nicht zugänglich sey. Letztere zeichneten sich mehr durch die Anmaßung ausschließlicher Erkenntniß, als durch Zahl aus, und würden sich wohl in gleicher Weise bereit gezeigt haben, die Bortheile der neulichen Maaßregel zu übertreiben, wenn nur der öffentliche PnlS eben in der Zunahme begriffen gewesen wäre. Dieser aber neigte sich im Allgemeinen mehr zur Abnahme, und während man, wie bereits bemerkt wurde, recht wohl alle die Vortheile erkannte, die sich aus der Vertreibung der Mönche hoffen ließen, setzte andrerseits die Ungewißheit die meisten Gemüther dermaßen in Thätig keit, daß sie sich die unangenehmsten Bilder der Zukunft herausbeschworen. Sogar Heinrich Frei, dem es weder an moralischer noch an physischer Entschlossenheit fehlte, fühlte Unruhe über seinen Sieg, obgleich er auf Befragen kaum einen Grund dafür hätte angeben können. Diese Beklommenheit wurde noch durch die Thalsachs gesteigert, daß ihn die meisten seiner Kollegen als den Mann betrachteten, auf welchen vorzugsweise die Kirche und der Churfürst ihren Groll abladen mußten, obgleich es mehr als wahrscheinlich war, daß man ihn weit weniger hoch angeschlagen haben würde, wenn sich'S bei der ganzen Frage nur um angenehme Resultate gehandelt hätte. Diese Art von Auszeichnung — wir meinen die Vereinzelung in schlimmen und die bereitwillige Theilnahme Aller in günstigen Fällen — ist eine Art Rache, welche die Gesellschaft gar gerne an Denen übt, welche klüger und besser sehn wollen, als sie, indem sie sich anmaßen, in bedenklichen Angelegenheiten den Weg zu zeigen oder da, wo es Kraft und Entschlossenheit gilt, voran zu gehen. Der allein ist eines »«beneideten Rufes sicher, welcher, wenn er auch in dem Gange der Ereignisse dem großen Haufen vorautritt, doch keinen sehr merklichen Raum zwischen sich und seinen Genossen läßt, denn nur dann kann er unangefochten zu entkommen hoffen, wenn er sich nahe genug an die Masse hält, um sich mit derselben vermischen zu können, während ein auffallendes Sichhervorthun stets Unglimpf und Rüge zur Folge hat. Heinrich Frei fühlte in vollem Maaße das Drückende seiner Lage und würde im gegenwärtigen Falle gerne viel von dem Ruhm hingegeben haben, welchen er seiner dreisten Führung des Angriffverdankte, wenn er sich dadurch einigermaßen seiner Angst hätte entledigen können. Eine Art kriegerischen Instinkts bewog ihn jedoch, zur schlimmen Sache das beste Gesicht zu machen, und ater seine College« anredete, that er dieß mit einem Tone von Freudigkeit, von welcher freilich sein Herz nur wenig fühlte. „Wohlan, meine Brüder," sprach er, indem er sich in der Gruppe von wohlbekannten Gesichtern umsah, die ihn mit magistratlichem Ernste umgaben, „diese wichtige Angelegenheit ist endlich glücklich, und da es ohne Blutvergießen ablief, kann ich wohl auch sagen — friedlich vorübergegangen. Die Benedictiner haben sich entfernt, und obgleich der hochwürdige Abt in einem benachbarten Kloster Posten gefaßt hat, von wo aus er tapfere Worte herüberschickt, um diejenigen einzuschüchtern, welche nicht an gefährlichere Waffen gewöhnt sind, so wird es doch lange anstehen, bis wir wieder eine Limburger Glocke im Jägerthale läuten hören." „Darauf kann ich schwören," bemerkte der Schmied aus dem Bürgerhaufen heraus, welcher sich in eine Ecke des RathhauSsaaleS 340 gedrängt hatte, um aus Achtung vor den Häuptern der Stadt so wenig als möglich Platz eiuzunehmen. „Mein Hammer hat mit- geholsen, dem wohltönenden Instrumente seinen Klang zu benehmen!" „Wir haben uns hier versammelt, um die weiteren Vorschläge der Mönche anzuhören. Da übrigens die Stunde, in der wir ihren Geschäftsträger zu erwarten haben, noch nicht geschlagen hat, so können wir uns die Augenblicke mit einer Unterredung kürzen, wie sie die Umstände zu erfordern scheinen. Hast Du etwas vorzubringen, was die Gemüther der Furchtsamen beruhigen kann, Bruder Wolfgang? Wenn dies der Fall ist, so sprich in Gottes Namen, damit wir das Schlimmste sogleich erfahren." Die Verwandtschaft zwischen Wolfgang und Heinrich erstreckte sich nur auf ihre bürgerlichen Beziehungen. Ersterer sehnte sich zwar gleichfalls nach den Vortheilen, welche sich die Bürgerschaft von Limburgs Falle versprach, hatte aber doch von Natur aus große Ehrfurcht vor aller überlegenen Gewalt und vermochte sich des Sieges nicht zu erfreuen, ohne den bittersten Zweifeln in Betreff des Grolls Raum zu geben, den der Churfürst und Nom über die Stadt ausgießen konnten. Außerdem stand er schon hoch in Jahren — ein Umstand, welcher dazu diente, das Zittern seiner krächzenden Stimme zu erhöhen. „ES ist weislich gcthan, in dringenden Nöthen bei den Erfahrenen und Weisen Rath zu suchen," entgegnete der alte Bürger, „denn die Jahre lehren, wie thöricht alle Erdendinge sind, und machen uns geneigt, die Welt mit Mäßigung und mit geringerer Rücksicht für die eigenen Interessen zu betrachten." „Bruder Wolfgang, Du bist noch nicht so weit auf der Neige, als Du uns glauben machen möchtest," unterbrach ihn Heinrich, dem alle entmuthigenden Blicke auf die Zukunft besonders zuwider waren. „Du stehst noch in den besten Jahren — der Unterschied zwischen uns kann kaum fünf und zwanzig betragen." 341 „Das nicht, das nicht — ich zähle erst drei und siebenzig und Du magst ehrlich Deine fünf und fünfzig auf dem Rücken haben." „Du häufst Ehren auf mich, die ich wenig verdiene, Freund Wolfgang. Ich will nicht die Tage zählen, welche Du seit so vielen Monaien genannt hast, und die Zeit geht schnell voran, auch ohne daß wir ihr durch Nasenstüber weiter helfen. Wenn ich mehr als vier und fünfzig Jahre gesehen habe, so mögen sich meine Väter aus ihren Gräbern erheben, um das Wenige, was sie mir zurückließen, als sie von der Erde Abschied nahmen, wieder an sich zu ziehen." „Worte können uns nicht jünger machen, aber ich möchte wünschen, daß wir Mittel gefunden hätten, Limburgs unruhigen Geist zu erlösen, ohne selbst so viele Gewaltthat zu begehen und uns einer Gefahr auszusetzen. Ich bin alt und nehme wenig Antheil mehr am Leben; aber doch wünsche ich diejenigen, welche nach mir kommen, glücklich und im Frieden zu sehen. Du weißt, daß ich kinderlos bin, Nachbar Heinrich, und das Herz eines solchen Mannes kann nur für das Allgemeine schlagen. Es wäre auch in der That thüricht von mir, mich viel mit Gedanken an andere Dinge als an die große Zukunft zu tragen, die vor uns liegt." „Sapperment!" rief der Schmied, der gute Lust zeigte, sich ein wenig auf den Muth zu steifen, den er in dem letzten Angriff entwickelt hatte. — „Gestrenger Herr Bürgermeister, wollte Herr Wolfgang mit seinen Vorrälhen ein Bischen freigebig gegen die Benevictiner Herausrücken, so könnte sich die ganze Angelegenheit in aller Ruhe friedlich bereinigen lassen und Dürkheim in aller Ruhe den Vortheil ziehen. Ich stehe dafür, Bonifacius würde sich bereitwillig und ohne weitere Beanstandung wegen Kost und Wohnung in Limburg, die er im besten Falle nur auf Lebensdauer genießen konnte, mit einer schönen runden Summe Geldes absinderr lassen. Mir wenigstens erginge es so, wenn eS dem Himmel ge- 342 fallen hätte, mich zu einem Benediktiner und den Abt zu einem Schmiede zu machen." „Und wo sollte sich dieses Geld finden, kecker Handwerksmann?" fragte der betagte Bürger in strengem Tone- „Wo anders, als in Deinen gut verschlossenen Truhen, hoch- tverthester Wolfgang," entgegnete der derbe Schmied. „Du bist alt, Dater, und wie Du in Wahrheit sagst, ohne Nachkommenschaft. Dein LebenSbaud wird immer loser, und wenn ich aufrichtig sprechen soll, so sehe ich nicht ein, in welcher Weise sich das Nebel leichter Von unserer Stadt abwälzen ließe." „Stille, unverständiger Plauderer! Meinst Du, Deine Vorgesetzten haben nichts Anderes zu thun, als ihr Gut in die Winde zu streuen, wie die Funken unter dem Streiche Deines Hammers dahinfliegen? Das Wenige, was ich besitze, habe ich in saurem Schweiße meines Angesichts und unter viel Entbehrung errungen, und es kann noch dazu dienen müssen, Armuth und Mangel von meiner Thüre abzuhalien. 3a, ja, in der Jugend meinen wir, man könne den Straßenkoth in Geld umwandeln. Heißes Blut und volle Gliedmaßen bringen uns auf den Glauben, der Mensch sey jeder Anstrengung gewachsen und könne sogar ohne Essen und Trinken leben; aber wenn Drangsale und Erfahrung uns zur Er- kenntniß der Wahrheit gebracht haben, so lernen wir den Werth des Hellers schätzen, meine guten Nachbarn. Gott helfe uns, ich stamme aus einer langlebenden Zucht, und es ist weit größere Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ich noch der Stadt zur Last falle, als daß ich nur den zehnten Theil von dem thue, was dieser unverständige Schmied da angedeutet hat." „Beim heiligen Benedict, Meister, ich habe nichts angedeutet. Was ich sagte, sprach ich in dürren Worten aus, und ich bin noch immer der Meinung, daß ein so ehrwürdiger alter Mann mit seinen reichen Mitteln in unserer Klemme ein Wohlthäter der 343 Stadt werden könnte. Eine derartige Handlung müßte Dir auch die paar Tage versüßen, die Dir noch zugcmeffen sind." „Hinweg mit Dir, Mensch — Du sprichst vom Sterben, als ob es nur ein Spaß wäre. Sinkt der Jüngling nicht eben so gut ins Grab, als der Greis, und gibt es nicht lausend Beispiele, daß Leute ihre Mittel aufgebraucht haben? Nein, ich fürchte sehr, diese Sache wird sich nicht beschwichtigen lassen, ohne daß man schwere Abgaben auf die Gewerbsleute legt. Zum Glück sind die meisten, welche den Zünften angchören, junge Leute und können wohl zahlen." Der Antwort des Schmiedes, der in einem Streite hitzig zu werden begann, in welchem er das Recht aus seiner Seite glaubte, that einer Bewegung unter dem Volke Einhalt, welches sich an der äußeren Thüre des NathhauseS drängte. In der Unruhe der Bürger sprach sich das Bewußtseyn einer nahen Crise aus, und ein Stadtdiener kündigte nun das Erscheinen eines Boten von der versprengten Limburger Brüderschaft an. Die Dürkheimer Rathsherrn hatten sich zwar ausdrücklich in der Erwartung eines derartigen Besuches versammelt, fühlten sich aber doch, wie überhaupt Menschen von wenig geregeltem Geiste, im Augenblicke der Anmeldung nicht wenig beklommen. Es waren keine Vorarbeiten geschehen, kein Operalionsplan vorgeschlagcn, und obschon Alles mehrere Nächte über denselben Gegenstand geträumt hatte, so war es doch Niemand eingefallen, reiflicher darüber nachzudenken. Jndeß war eS jetzt nöthig, zu handeln, und nach einigem geschäftigen Treiben, das keinen andern Zweck hatte, als sich dem Boten gegenüber durch eine eitle unverständige Schaustellung wichtig zu machen, wurde Befehl ertheilt, den letzteren einzuführen. Der Bevollmächtigte der Mönche war selbst ein Benedictiner. Er trat in den Rathhaussaal, nur von der Stadtwache begleitet, die ihn am Thore empfangen, und hatte seine Kapuze weit über das Gesicht hereingezogen, um dadurch seine Züge zu verhüllen. Eine Bewegung der Neugierde durchlief den Saal, und Einer stü- 344 sterte dem Anderen, seinem Urthcil, das er aus dem Aeußeren gefällt, Laut gebend, den Namen „Pater Siegfried" zu. „UmS Himmels willen enthülle Dich, Vater," sagte Heinrich, „und nimm so ohne Umstände in dem RathhauSsaale von Dürkheim Platz, als ob Du Dich gemächlich in dem alten Kreuzgange Limburgs befändest. Wir sind Löwen im Angriff, aber so harmlos, wie Deine Marmor-Cherube, wenn sich keine Gelegenheit bietet, ächt mannhafte Eigenschaften zu zeigen. So laß Dich denn in GolteS Namen nieder und sei guten MuthS, denn Niemand wird Dir etwas zu Leid thun." Bei dem Schluffe dieser Worte verlor die Stimme des Bürgermeisters ihre Zuversichtlichkeit; der Benediktiner dagegen schlug ruhig seine Kupuze zurück Md enthüllte mit dem niederfallenden Tuche Pater Arnolphs verehrte Züge. „Wer im Dienste Dessen kommt, den ich Herr und Meister nenne, bedarf keiner derartigen Versicherung," antwortete der Mönch. „Jndeß ist es mir doch lieb, Euch in dieser Stimmung zu finden und daraus die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Ihr Eure frühere Verirrung nicht durch weitere Gewaltthat fortzusctzen gedenkt. Es ist nie zu spät, begangene Fehler einzusehen oder sie wieder gut zu machen." „Ich bitte um Verzeihung, hochwürdiger Prior: wir haben Dich für ein ganz anderes Mitglied Deines Ordens gehalten, und Du bist nicht weniger willkommen, nun wir Dich in unserer Mitte sehen." Heinrich Frei erhob sich achtungsvoll und alle Anwesenden folgten seinem Beispiele. Der Prior schien erfreut zu seyn, und eine Glut, wie sie eine woblwollende Hoffnung zu erzeugen im Stande ist, überflog sein Antlitz. In ruhiger Einfachheit nahm er den dargebotenen Stuhl an als das am wenigsten auffallende Mittel, die Bürger wieder zum Niedersitzen zu bewegen, und die Handlung übte die beabsichtigte Wirkung. „Ich würde eine Gleichgültigkeit erkünsteln, die ich nicht fühle, Heinrich Frei, wenn ich sagen wollte, ich sei unter den Männern, unter denen ich so lange Jahre das Amt der Seelsorge übte, ohne den Wunsch erschienen, daß man meines amtlichen Wirkens eingedenk seyn möchte." „Wenn es in Dürkheim irgend einen Schurken gibt, dessen Herz nicht durch Deine guten Werke ergriffen worden wäre, Bater, so hat der Hund keine Eingeweide im Leib und verdient nicht unter ehrlichen Leuten zu leben." „Ganz richtig!" rief der Schmied in seinem lauten Nebenspiele. „Der Bürgermeister läßt uns Allen Gerechtigkeit widerfahren, denn ich hämmerte nie mit mehr Lust und Liebe mein Eisen, als ich dem hochwürdigen Prior Achtung erweise. Seine Gebete sind wie erprobter Stahl und stehen nächst denen des Mannes aus der Einsiedelei unter uns in größtem Respekt. Füllt mir di- Abtei mit solchen Männern, und ich nehme keinen Anstand, die Wohlfahrt von uns Allen ihrer Frömmigkeit zu vertrauen, ohne je für irgend eine Seele weiter besorgt zu seyn. Sapperment, könnte man eine solche Gemeinschaft zusammenfinden, es wäre ein großer Trost für die Laien und insbesondere für uns Handwerksleute, die dann alle ihre Gedanken ihrem Geschäft zuwenden könnten, weil sie überzeugt seyn dürften, von Männern bewacht zu werden, die im Stande sind, dem pfiffigsten Teufel Trotz zu bieten!" Arnolph hörte diesen Erguß geduldig an und bankte für die freundliche Höflichkeit seiner Aufnahme mit einer leichten Verbeugung des Kopfes. Er war zu sehr daran gewöhnt, dergleichen weltliche Nutzanwendungen der geistigen Interessen, denen er diente, zu hören, um durch etwas der Art überrascht zu werden, und besaß zu viele Demuth in Betreff seines eigenen Verdienstes, um irgend Jemand dcßhalb zu verachten, weil er einen geringeren Verstand besaß, als er selbst. Die christliche Religion scheint zwei große Claffen von Verehrern zu zählen — solche, welche ihre Tröstungen in einer unmittelbar weltlichen Form zu benützen geneigt sind. 346 und solche, deren Betrachtungsweise so sehr geistiger Natur ist, daß sie das Ganze wie eine metaphysische Theorie behandeln, deren Hauptwescnhcit sie in dem logischen Einklänge suchen. Was uns betrifft, so halten wir sie für eine Gabe Gottes an diejenigen seiner Geschöpfe, die aus einem bedenklichen Gemisch von Materie und Geist besteht — für eine Gabe, die, soweit sie mit unserer Prü- fungSzeit auf Erden in Verbindung steht, nie als ganz geschieden von einem oder dem anderen der großen Attribute unseres Wesens gedacht werden kann. Es ist augenscheinlich, daß der ehrliche Schmied die Sache nicht von diesem Standpunkte ausfaßte, und hätte man durchweg eine Sichtung vornehmen wollen, so würde sich wahrscheinlich herausgestellt haben, daß dieser Sprecher zu Dürkheim in vollem Maaße die Bolkspartei vertrat. „Du kömmst, Vater, wie die Taube nach der Arche, als Ueber- bringer des OelzweigeS," nahm Heinrich wieder auf, „obschon in unseren nördlichen Gegenden das Eichenlaub ein passenderes Sinnbild seyn würde, wenn nemlich einer unserer wohl besorsteten Berge der Ararat gewesen wäre." „Ich komme, um die Bedingungen unserer Brüderschaft zu überbrinzen und einen Versuch zu machen, ob es mir nicht gelingt, die Irregeleiteten in Dürkheim zu ihrer Annahme zu vermögen. Die frommen Aebte und die hochwürdigen Väter in Gott, die Bischöfe von Speicr und WormS, welche jetzt in letzterer Stadt versammelt sind, haben mir erlaubt, der Bote ihrer Vorschläge zu seyn — ein Amt, welches ich nachgesucht habe, damit nicht etwa ein Anderer in dem Wunsche, Drohungen geltend zu machen, vergesse, den Einstuß der Bitte zu versuchen." „Gott segne Dich dafür; Du hast daran, wie es bei Dir stets der Fall ist, sehr wohl gethan, vortrefflicher Arnolph. Drohungen sind bei uns Dürkheimern ungefähr ebenso am Orte, wie das Weihwasser in unserem Rheinweine, die beide recht wohl je zu ihren gesonderten Zwecken taugen; doch wer sich nicht treiben läßt, muß 347 geführt werden, und ein Saft, der an sich gut ist, braucht seine Blume nicht von der Kirche zu holen. Was das alte Mißverständ- niß zwischen Limburg einerseits, dem edlen Grafen von Hartenburg aber und unserer unwürdigen Stadt andererseits betrifft, so kann die Sache jetzt leicht bereinigt werden, da die letzten Ereignisse die größte Schwierigkeit aus dem Wege geräumt haben. Ich wünsche Dir daher aus dem Grunde meines Herzens Glück zu Deiner Sendung und freue mich darüber, daß die Stadt mit einem Manne zu verhandeln hat, der eben so gewandt, als verständig ist. Du wirst uns in geneigter Stimmung und bereit finden, Dir auf dem halben Wege entgegenzukommen, denn ich kenne Niemand in Dürkheim, der den Zwist auch nur einen Zoll weiter zu führen wünschte, oder der nicht von Herzen zufrieden wäre." „Nein, das wäre unvernünftig und lieblos," bemerkte der Schmied abermals aus dem Zuhorerhauscn heraus. „Wir sollten diesen Benediktinern ein Beispiel von Mäßigung geben, Mitbürger, und ich bin daher, obgleich nur ein armer Handwerksmann, der sein Trod durch Schläge auf den Ambos verdienen muß, mit dem gestrengen Herrn Bürgermeister vollkommen einverstanden. Mit ihm sage ich, laßt uns in Gottes Namen vernünftig in unfern Forderungen seyn und begnügen wir uns in der Ausgleichung unseres Streites mit so wenig als möglich." Der Prior hörte, wie gewöhnlich, geduldig zu, aber eine leichte Gluth überflog seine Wangen, um eben so schnell wieder zu verschwinden, und da« wohlwollende blaue Auge leuchtete wieder hell durch Züge, welchen die klösterliche Einsamkeit längst jedes andere Roth geraubt hatte. „Ihr wißt, Bürger von Dürkheim," cntgegnete er, „daß ihr bei dem Angriff auf die Altäre von Limburg einer doppelten Gewalt Trotz geboten habt — der göttlichen sowohl, als der der Kirche, wie sie auf Erden gegründet und beschirmt ist. Mein Auftrag handelt im gegenwärtigen Augenblicke nur von der letzteren. 348 Der Bischof von WormS ist sehr aufgebracht und hat nicht ermangelt, stch ohne Zögerung unmittelbar an unfern heiligen Vater in Rom zu wenden. Außer dieser Berufung an das höchste kirchliche Oberhaupt sind sowohl an den Chursürsten als an den Kaiser, desgleichen an die verschiedenen Kirchenfürstcn, die an den Ufern des Rheins ihr geistliches Regiment führen, Boten abgegangen. Dieß ist eine Macht, furchtbar für einen GebirgSritter und eine Stadt, die der Fuß in so kurzer Frist zu durchschreiten im Stande ist. Den hauptsächlichsten Nachdruck möchte ich übrigens auf die üblen Folgen legen, die aus dem Mißfallen des kirchlichen Oberhaupts entspringen dürften." „Und wenn dieses unsere letzte That mit Strenge betrachten sollte, hochwürdiger Prior, welchen Folgen hätten wir wohl ent- gegenzusehen?" „Einer Ausschließung aus der Gemeinde, damit ihr überlasten bleiben möget dem Verderbniß und der Thorheit eurer eigenen Herzen. Mit einem Worte, dem Banne der Kirche." „Hum — dies dürfte das kürzeste Mittel seyn, den Anhang des Bruder Luther zu vergrößern. Du weißt, frommer Vater, daß man sich mit jedem Tage die bestrittenen Punkte genauer betrachtet." „Ich wünschte, man betrachtete sic mit mehr Demuth und Einsicht. Wenn ihr den Bann und die Segnungen dessen, dem da Gewalt gegeben ist zu segnen und zu strichen, so gering anschlagt, so sind meine Worte außer Stande, die Wirkung zu erhöhen. Aber diejenigen unter euch, die noch nicht darauf gefaßt sind, so weit zu gehen als euer Bürgermeister eben angedeütet hat, mögen zuvor recht wohl mit sich zu Rathe gehen, ehe sic die schwere Gefahr auf sich laden, unter einem solchen Druck himmlischen Mißfallens zu leben." Die Bürger sahen einander bedenklich an, denn nur wenige unter ihnen waren wirklich darauf gefaßt gewesen, den Widerstand so weit zu treiben. Einige zitterten innerlich, denn die Gewohnheit wie der hergebrachte Glaube kämpfte noch allzustark gegen die neuen Ansichten; andere erwogen schlauer Weise mehr die zeitlichen als die geistlichen Folgen, und wieder andere machten sich Gedanken, ob es nicht möglich sey, den Bannfluch in so guter Gesellschaft zu ertragen. ES gibt Tausende, die in großen Massen bereitwillig jeder Gefahr entgegengehen, während sie davor zurückschreckcn, sie allein zu bestehen ; und vielleicht wird der Soldat, der zum Angriff zieht, eben so sehr durch das Mitwirken seiner Kameraden, als durch die Furcht vor Schande oder durch das Verlangen nach Ruhm gespornt'. Die Dürkheiiner NathSherrn befanden sich ganz in der gleichen Lage, und jeder fühlte Zuversichtlichkeit oder Zweifel, je nachdem er einem oder dem andern dieser Affekte in den Blicken seines Nachbars begegnete. »Habt Ihr keinen andern, weniger gottseligen Vorschlag zu machen?" fragte der Bürgermeister, als er bemerkte, daß der moralische Theil seiner bürgerlichen Stützen zu wanken begann. „Ich spräche lieber von Punkten, auf die wir uns besser verstehen, als auf solche, welche aus die Spitzfindigkeiten Eurer Kirchenlehre Bezug haben." „Ich bin beauftragt, euch zu erklären, daß die Brüderschaft von Limburg, wie cs ihrem göttlichen Amte ziemt, geneigt ist, so weit es die Pflicht irgend gestattet, auf Bedingungen hin, welche noch namhaft gemacht werden sollen, den Dürkheimern ihre kürzliche Handlung zu vergeben und zu vergessen." ' „Nun, das ist christlich und soll, so viel an uns liegt, eine bereitwillige Erwiederung finden. Auch wir, hochwürdiger Prior, wünschen das Vergangene zu vergessen, um einer ruhigen, freundlichen Zukunft entgegensehen zu können. Habe ich die Gesinnung der Stadt gut ausgedrückt, meine Mitbürger?" „Buchstäblich — kein Schreiber hätte es besser thun können." — „Ja, wir sind Alle der gleichen Ansicht. Es ist weise, im 350 Frieden zu leben, zu vergeben und zu vergessen." So lauteten die Antworten auf diese Berufung. „Du hörst eS, Vater! Kann wohl ein Geistlicher oder ein Bevollmächtigter eine bessere Erwiederung wünschen? Beim Himmel, wir Alle sind in diesem Punkte gleichen Sinnes, und ich weiß nicht, ob es für Einen, der von etwas Anderem als von Frieden sprechen wollte, gerathen wäre, in Dürkheim zu bleiben." „Es ist sehr zu bedauern, daß ihr nicht stets dieser Ansicht gewesen seyd. Ich komme übrigens nicht, um Vorwürfe zu machen, sondern um zu versöhnen — nicht um zu trotzen, sondern um zu überreden — nicht um einzuschüchtern, sondern um zu überzeugen. Hier sind die schriftlichen Bedingungen der hochwürdigen Männer, die mich mit diesem Mittleramte betraut haben, und ich übergebe sie euch, damit ihr euch eine Weile darüber berathen möget. Sobald ihr dieses billige Anerbieten wohl erwogen habt, werde ich wieder im Frieden und in Freundschaft unter euch treten." Das Aktenstück wurde in Empfang genommen und die ganze Versammlung erhob sich, um dem abtretenden Prior ihre Ehrerbietung zu bezeugen. Ehe letzterer den Saal verließ, erbat er sich von mehreren Bürgern, unter denen sich auch Heinrich Frei befand, die Erlaubniß, ihre Familien im Geiste christlicher Seelsorge besuchen zu dürfen. Die nachgcsuchte Einwilligung wurde allerseits ohne Zögern oder Beanstandung ertheilt; denn was man auch von den Verirrungen der öffentlichen Meinung sagen oder denken mag, so schlägt sie doch gewöhnlich eine geeignete Richtung ein, wenn man nur die Mittel besitzt, sie ihr anzudeuten. Die hohe Achtung, dte Pater Arnolph der bloßen Macht des Volksglaubens verdankte, zeigte sich nie deutlicher, als bei dem gegenwärtigen Anlässe; denn selbst diejenigen, welche erst kürzlich noch gegen das Kloster in Waffen gestanden hatten, öffneten jetzt einem Angehörigen desselben ihre Hausthüren ohne Rückhalt, obgleich wohl bekannt war, daß die Politik, welche di« Stadt in letzter Zeit befolgt hatte, manchen geheimen Feind und bitteren Tadler unter dem Geschlechts gefunden hatte, welches bisweilen ebenso schwer daran kommt, zu Gewalt und Widerstand zu reizen, als eS in anderen Fällen gedankenlos und vorschnell ist. Dreiimdzwanzigstes Kapitel. Welch' wohl bestallter Führer naht uns hier? König Heinrich IV. Mas Sendschreiben der Mönche war in lateinischer Sprache abgcfaßt. In jener Periode konnten außer den Gelehrten nur Wenige schreiben, und jeder Edelmann oder jede Stabt sah sich genöthigt, einen Studirten zu halten, der verrichten mußte, was heutzutage zu den gewöhnlichen Borkommnissen des Verkehrs gehört. Der Stadtschreiber von Dürkheim war für die Kirche erzogen worden und hatte es sogar bis zur Tonsur gebracht; aber einige Unregel, Mäßigkeiten im Leben, die, wie es schien, nicht in den Schranken der kirchlichen Vorrechte blieben oder um ihrer Oeffentlichkeit willen Schande über den geistlichen Stand brachten, hatten ihn genöthigt, seinem Lebenslaufe eine neue Richtung zu geben. Wie eS bei den meisten Menschen zu ergehen pflegt, die viele Zeit und Mühe aufgewendet haben, um sich für einen bestimmten Beruf zu befähigen und unerwarteter Weise davon abgehen müssen, so war eS auch dieser Person, welche Ludwig hieß und im gewöhnlichen geselligen Verkehr oft den Spottnamen Pater Ludwig erhielt, nie gelungen, den Übeln Eindruck, welchen sein erster Fehltritt gemacht hatte, völlig wieder zu verwischen. Seine Kenntnisse verschafften ihm zwar einen gewissen Grad von Ansehen; aber da man seine etwas freie Lebensweise kannte und noch außerdem wußte, daß er, als die Kirchenspaltung in Deutschland um sich griff, namentlich gegen die Hauptunterscheidungslehren der katholischen Kirche als ein kühner Zweifler auftrat, so blieb an seinem Rufe stets, etwas von jenem Makel kleben, der immer unbewußt an allen Renegaten haftet, mögen nun ihre Beweggründe mehr oder weniger verwerflich sehn. Da er übrigens als ein gut unterrichteter Mann bekannt war, so legte die Menge auf seinen Abfall mehr Gewicht, als wenn fünzig einfältige Gläubige ihrer bisherigen Kirche den Rücken gekehrt hätten; denn die Meisten glaubten, es gebe Mittel der Benrtheilung, die nur den Eingeweihten, nicht aber denen zugänglich sehen, welchen das Loos gefallen war, in den Vorhäfen anzubeten. Wir sehen täglich Beweise davon, daß diese Schwäche auch in die zeitlichen Interessen des Lebens ycreinrcicht und daß man Ansichten oft nur in dem Verhältnisse werthschätzt, in welchem man geheime Mittel der Belehrung voraussetzt, obgleich die Menschen selten etwas ver- h.hlen , von dem sie wissen, daß es offenbar werden könnte, und in der That nur wenige Lust haben, „ihr Licht unter den Scheffel zu stellen." Ludwig versäumte nicht, die Hebungsmittel der Betonung und der Emphase in Anwendung zu bringen, indem er die unverständlichen Sätze des mönchischen Sendschreibens vortrug, und seine Zuhörer lauschten nur um so eifriger, weil sie keine Silbe von dem, was er sagte, verstanden; wie denn überhaupt die Aufmerksamkeit gewöhnlich im umgekehrten Verhältnisse zu dem Fassungsvermögen zu stehen scheint. Vielleicht schmeichelten sich einige der Hähern Würdenträger, durch ihre achtsame Miene die Untergebenen zu dem Glauben an ihre bessere Kenntniß bethören zu können — ein Umstand, der zu Erhöhung ihres Einflusses dienen mußte; gibt es doch keine» besseren Beweis von dem angeborenen Streben unseres geistigen Wesens, als die allgemeine Achtung, welche dem Wissen gezollt wird. Wir haben es gewagt, diese Muthmaßung auch auf die bürgerlichen Obrigkeiten Dürkheims anzuwenden, weil wir glauben, daß die Thatsache auf einem allgemeinen Principe des menschlichen Ehrgeizes beruhe und weil wir uns aus eigener Erfahrung eines Falls erinnern, in welchem wir eine plattdeutsche Rede, die länger 353 als eine Stunde bauerte, in einer feuchten holländischen Kirche eifrig mitanhörten, obschon wir vom Tert an bis zum Segen keine Silbe verstanden. „Recht gelehrt und ohne Frage auch mit gebührender Artigkeit abgefaßt!" rief Heinrich Frei, als das Schreiben zu Ende gelesen war und der Beamte eben seine Brille wischte, um das Dokument durch eine Ucbersetzung zum allgemeineren Verständniß bringen zu könne». „Gewiß ist es ein schöner Kampf, Nachbarn, wo zwischen den streitenden Parteien eine solche Sprache geführt ist) denn sie beweist, daß die christliche Liebe stärker ist, als der Groll und daß man die Vernunft nicht aus dem Gesichte verlor, weil Schläge gefallen sind." „Selten habe ich wackrere Worte gehört," bemerkte ein anderer Ralhsherr. „Der Aufsatz ist meisterhaft." „Potz Tausend," murmelte der Schmied, „es ist ja fast Sünde, Leute aus ihrem Eigenthum gejagt zu haben, die so schreiben können." Ein Gemurmel des Beifalls lief durch die Menge, und mit Ausnahme eines einzigen gaffenden Tölpels, der sich in den Saal gestohlen hatte, war auch nicht ein Mensch vorhanden, der nicht dergleichen gelhan hätte, als mache ihm die Mittheilung mehr oder weniger Freude. Aber auch der vorerwähnte Maulaffe fing seinen Antheil am Vergnügen ab, denn durch die bloße Macht der Sympathie tauchten auch in ihm die Entzückensblicke auf, die hier so nachdrücklich und allgemein zu leuchten schienen. Ludwig begann nun das Schreiben in das rauhe, kräftige Deutsch, wie es am Rheine gesprochen wurde, zu übertragen. Die wunderbare Schmiegsamkeit der Sprache befähigte ihn, die Allgemeinheiten und die inhaltsvollen Ausdrücke des Lateins mit einer Schärfe zu übersetzen, welche auch nicht einen Schatten von der wahren Bedeutung verloren gehen ließ. Was die Mönche gemeint hatten und vielleicht sogar noch Die Heldcnmauer. 23 mehr, wurde mit Eifer und boshafter Schadenfreude wiedergegeben, so daß jeder Ausdruck sein volles Gewicht erhielt. ES liegt nicht in unserer Absicht, an den harten Bedingungen das Amt eines NebersetzerS zu versuchen: wir begnügen uns mit einer kurzen Anführung ihres Inhalts. Das Aktenstück begann mit einem Gruße, nicht unähnlich denen, mit welchen in den ersten Zeiten des ChiistenthumS die Apostel ihre Sendschreiben an die Kirchen des Morgenlands zu bevorwortcn pflegten. Dann kam eine kurze, aber nachdrücklich gehaltene Erzählung der kürzlichen Ereignisse, in einer Weise gewürzt, die sich der Leser wohl denken kann. Dieser Darstellung folgte eine Aufzählung der geistlichen und weltlichen Machthaber, welche der Brüderschaft Zusagen ihrer Unterstützung gegeben hatten, und der Schluß forderte unter Androhung aller irdischen und himmlischen Strafen eine ungeheure Summe in Gold, als Geldentschädigung für den zugefügten Schaden — eine vollständige und unbedingte Unterwerfung der Stadt unter die Gerichtsbarkeit des Klosters, in einem Hähern Grade sogar, als es je zuvor verlangt wurde — eine öffentliche und allgemeine reuige Anerkennung des geübten Bergehens nebst unterschiedlichen Bußübungen und Wallfahrten, welche von namhaft gemachten Würdeträgern vollbracht werden sollten — und endlich die Auslieferung des Bürgermeisters Heinrich Frei nebst eilf andern Rathsherrn, die als Geiseln in den Händen des Abts verbleiben sollten, knalle Anforderungen und Bedingungen vollständig und befriedigend erfüllt wären. „Hu — u — u — u — i!" pfiff Heinrich, als Ludwig nach einer empörenden Weitschweifigkeit, welche die Geduld des Bürgermeisters völlig erschöpft hatte, mit seinem Vortrage zu Ende gekommen war. „Himmel! das ist ein Sieg, der uns Allem nach unser Vermögen, unser Amt, unsere Freiheiten, unser Gewissen und unsere Gemächlichkeiten kosten kann! Sind die Mönche toll, Meister Ludwig, 335 oder treibst Du mit unserer Leichtgläubigkeit Dein Spiel? Sprechen sie wirklich von Geiseln und von Gold?" „Zuverläßig, gestrenger Herr, und wie es scheint, in vollem, baareni Ernste." „Willst Du mir nicht den Theil, der von den Geiseln handelt, noch einmal im Lateinischen «orlesen? Du könntest unbedachter Weise eine Conjunktion oder ein Pronomen übersehen haben, — denn so nennt man, glaube ich, diese wichtigen Redefiguren." „Ja es wäre gut, das Schreiben aus dem Lateinischen zu be« urtheilen," ließ sich das Echo des Schmieds vernehmen. „Man lernt nie die Eigenschaft seines Metalls mit dem ersten Hammerschlage kennen." Ludwig las zum zweitenmal Auszüge aus dem Original vor; namentlich gab er die Ausdrücke der Begrüßung, die, wie gewöhnlich, mit mönchische» Segensphrasen verschönert waren, und jenen Theil, der unumwunden die Auslieferung des Bürgermeisters und seiner Sippschaft in die Hände der Benediktiner forderte, mit merkwürdigem Nachdruck und mit einer Art von Schalkhaftigkeit, welche er oft als eine geheime tröstliche Rache für die Unbilden brauchte, die ihm häufig von Seiten der Unwissenden widerfuhren, — eine Weise, die er oft in heiteren Kreisen annahm, wenn er in gelegentlichen Gesprächen mit Anderen seiner Klaffe seinem verhaltenem Unmuthe Luft machen wollte. „Gott behüte!" rief der Bürgermeister, der sich jedesmal auf ein anderes Bein stellte, so oft der Stadtschreiber über seine Brille nach ihm hinsah. „Ich habe andere Dinge zu thun, als in einer Zelle zu fitze», und der guten Stadt würde eS übel ergehen, wenn sie so viele Kenntnisse und Erfahrung entbehren müßte. Ich bitte, Meister Ludwig, laß uns die freundlichere Sprache dieser Benediktiner vernehmen, denn mich dünkt, es lassen fich einige Worte des Friedens in den Segenssprüchen finden, die fie uns ertheilen." Der verschmitzte Schreiber las nun im Urterte die stärksten 356 Anklagen und jenen Theil des Briefs Vor, welcher so entschieden die Stellung von Geiseln forderte. „Was ist dies, Schurke?" rief der Bürgermeister hastig. „Du hast vorhin nicht getreu vorgelescn. Hört ihr's, Nachbarn? Ich bin in ihren Segnungen mit Namen aufgeführt, denn ihr müßt wissen, meine würdigen Mitbürger, daß Henrieus auf Deutsch Heinrich heißt, und Frei, gut ausgesprochen, durch alle Sprachen gleich lautet. Ich weiß dieß aus langer Erfahrung, denn ich bin kein Fremdling in derartigen geschraubten Instrumenten. Ich danke den ehrwürdigen Benedictinern für ihre guten Wünsche, in denen sie mich so ausdrücklich namhaft gemacht haben, obgleich die Art, wie sie die Geiseln einsühren, sehr unziemlich ist." „Ich dachte mir's wohl," murmelte der Schmied, „daß, wenn eS zum Schlimmsten komme, Meister Heinrich mit besonderer Gunst bedacht werden würde. Da sieht man, was es heißt, Brüder Handwerker, wenn man in seiner Stadt geehrt ist und einen Namen hat." „Da tönt eine Trompete!" rief mit einemmale der Bürger Meister. „Wie, sollten sich diese hinterlistigen Mönche unterstanden haben, mit uns ihr Spiel zu treiben, indem sie den Würdigsten aus ihrer Sippschaft herschickten, um uns im Gespräch zu erhalten, damit sie uns indeß heimlich mit Bewaffneten umgeben können?" Diese Vorstellung war augenscheinlich den meisten aus dem Rathe nicht angenehm, am allerwenigsten aber dem alten Wolfgang, dem seine Jahre mehr Mißtrauen in die persönliche Sicherheit einzu- fiößen schienen, als den klebrigen. Biele verließen den Saal, während die Zurückbleibenden mehr durch ihre Angst, als durch ihre Standhaftigkeit festgehalten wurden. Heinrich Frei, ein von Natur aus beharrlicher Mann, blieb am ruhigsten von allen, obgleich auch er von Fenster zu Fenster ging, als sei es ihm gar nicht wohl zu Muth bei der Sache. „Wenn die geistlichen Spitzbuben einen solchen Verrath ge- 357 übt haben, so mögen sie sich vorsehen. Wir sind keine Knechte, die sich von einer Kapuze die Augen verkleben lassen." „Vielleicht schicken sie den Trompeter, gestrenger und hoch- weiser Herr Bürgermeister," sagte der schlaue Ludwig, „um die Geiseln in Empfang zu nehmen." „Möge der Fluch der heiligen drei Könige sie und ihren unverschämten, langathmigen Musikanten treffen! — He da, Bursche, — wer macht dieses tra — ta — rah — rah — an unserem Thore?" „Der edle Graf von Hartenburg steht mit einem starken Reiter- Haufen auf der Thalseite unserer Stadt, gestrenger Herr Bürgermeister," meldete der athemlose Bote, welcher diese Nachricht zu überbringen gekommen war. „Er ist wild über die Zögerung; aber da so strenger Befehl ertheilt wurde, die Thore geschloffen zu halten, so wagt cS der Wachthauptmann nicht, ohne zuvor eingeholte Erlaubniß die Riegel zurückzuschieben." „So bedeute in'S Himmels Namen dem wackeren und getreuen Bürger, er solle öffnen — und zwar hurtig. Meine ehrenwerthen College», wir hätten auf die Möglichkeit dieses Besuchs Bedacht nehmen und Sorge tragen sollen, daß unsrem fürstlichen Freunde kein derartiger Anlaß zur Beschwerde gegeben werde. Jndeß dürfen wir uns doch freuen, daß unsere Leute so zuverlässig sind und ihr Amt auch gegen Solche üben, die uns so gut bekannt sind und hoch in Ehren stehen. Ich bürge dafür, Nachbarn, daß es dem Kaiser Karl selbst nicht besser ergehen würde, wenn er —" Während Heinrich noch im Begriffe war, ruhmredig seine gute Polizei zu erheben, wurde er durch das Getrappel von Pferden auf dem Pflaster unter den Fenstern unterbrochen, und als er hinausschaute, bemerkte er, wie Emich und sein ganzes Gefolge eben kaltblütig von den Rossen stiegen. „Hum!" stieß der Bürgermeister aus — „geht hinunter und erweist dem Herrn Grafen eure Ehrerbietung." Der Rath erwartete in tiefem Schweigen das Erscheinen des 358 Besuchs. Emich trat mit dem zuversichtlichen Tritte eines Oberen und mit umwölkter Stirne in den Saal. Nachdem er den RathS- herrn für ihre Begrüßungen durch eine Verbeugung gedankt hatte, Winkte er seinem bewaffneten Gefolge, an der Thüre zu warte», und ging nach dem Sitze hinauf, den Heinrich eine Weile vorher verlassen hatte und der tm eigentlichen Sinne der Thron von Dürkheim war. Seine schwere Gestalt mit der Miene eines Mannes, der an dergleichen Auszeichnungen gewöhnt ist, in dem Sessel nie- derlaffend, verbeugte er sich abermals und machte eine Geberde mit der Hand, welche die Bürger als eine Einladung deuteten, daß sie gleichfalls Platz nehmen sollten. Mit zweifelhaften Mienen fügten sich die eingcschüchterten Rathshcrrn darein und nahmen die Erlaubnis!, die sie kürzlich selbst noch als eine Artigkeit zu erweisen bereit gewesen waren, als eine Gunst. In den Zügen des Bürgermeisters drückte sich lleberraschung aus; da er jedoch daran gewöhnt war, seinem edlen Freunde hohe Achtung zu erweisen, so erwiederte er die Verbeugung und das Lächeln — denn letzteres galt vorzugsweise ihm — und nahm den zweiten Sitz ein. „ES war nicht wohlgethan, meine ehrenwerthen Bürger, so grob die Thorc vor mir zu schließen," begann der Graf. „Es gibt Rechte und Ehren, die zu allen Stunden und Tageszeiten respektirt werden sollten, und ich wundere mich, daß die Dürkheimer sich dies durch einen Grafen von Leiningen sagen lasse» müssen. Man ließ mich und mein Gefolge draußen warten, als wären wir ein Haufen wandernder Zigeuner oder eine von den freien Banden, die ihre Lanzen und Arkebusen an den Meistbietenden verkaufen." „Es hat vielleicht eine kleine Zögerung stattgefunden, Herr Graf," entgegnete Heinrich Frei. „Eine kleine Zögerung, Bürgermeister? Nennst Du es eine kleine Zögerung, wenn ein Edler von Leiningen, unter Staub und Hitze keuchend, mitten in einem Troß »lässiger Gaffer da stehen soll? Du kennst das Feuer unserer Rosse nicht, Herr Frei, wenn Du 359 Dir einbildcst, sie ließen sich ein so plötzliches Zügeln gefallen. Wir sind von hohem Blute, Roß und Reiter, und müssen freien Zug haben, wenn einmal die Sporen eingelegt sind!" „GS war unser eifriger Wunsch, hochgebvrner Emich, Euch Ehre zu erweisen und die Thore so schnell öffnen zu lassen, als eS nur geschehen konnte. Zu diesem Ende waren wir eben im Begriff die nöthigen Befehle zu ertheilen, als wir so plötzlich mit Eurer gnädigen und herablassenden Gesellschaft beglückt wurden. Wir zweifeln nicht, daß der.Wachhauptmann bedachtsam zu Werke ging und in guter Absicht und auf eigene Verantwortung hin that, was ihm schleunigst durch unsere Befehle geboten worden wäre." „Bei Gott, die Sache verhält sich anders," antwortete Emich lachend. „Unsere Ungeduld war stärker, als eure Riegel, und damit nicht dasselbe Versehen ein andermal die Unbequemlichkeit erneuere, fanden wir Mittel, ohne Umstände einzureiten." Die Bürger verriethen im Allgemeinen große Verwirrung und Heinrich Frei blickte überrascht auf. Der Graf bemerkte, daß er für den Augenblick genug gesagt hatte, weßhalb er eine gnädigere Miene annahm und in einem anderen Tone fortfuhr: „Wohlan, meine lieben Bürger," sagte er, „wir haben eine glückliche Woche, da nun alle unsere Wünsche erfüllt sind. Die Benedictiner sind vertrieben, das Jägerthal lebt im Frieden und unter dem Scepter seines rechtmäßigen Herrn, und doch geht die Sonne nach wie vor auf und unter; der Himmel lächelt uns, der Regen ist eben so erfrischend, und alle unsere Hoffnungen sind so wohlbegründet, wie vorher. Es wird kein Wunder zu ihren Gunsten statthaben, Herr Frei, und wir können uns ruhig zum Schlafen niederlegen." „Dieß dürfte mehr von Andern, als von uns abhängen. ES sind Gerüchte in Umlauf, die nicht erfreulich klingen, und unsere ehrlichen Mitbürger sind in Sorge, ob sie, nachdem sie ihren Vor- gesetzten einen guten Dienst geleistet haben — nicht gezwungen werden, alle Kosten des Sieges zu tragen." „Beruhige immerhin ihre Gemüther, würdiger Bürgermeister, denn ich habe meine Hand nicht in die kirchliche Flamme gesteckt, ohne darauf Bedacht genommen zu haben, sie vor dem Versengen zu bewahren. Du weißt, ich habe Freunde und es wird nicht leicht sehn, einen Grafen von Leiningen zu bannen." „Wir zweifeln nicht sonderlich an Eurer und Eures Hauses Sicherheit, erlauchter Graf; unsere Bcsorgniß trifft nur uns selbst." „Du brauchst Dich nur an mich anzulehnen, Meister Frei. Ist nur erst das Band zwischen uns dem Kaiser und dem Reichstag deutlicher erklärt, und begreift man die liebevollen Wünsche, die wir gegen einander hegen, besser, so wird alle Welt wohl ein- sehen, daß ein Schlag, der auf Dürkheim geführt wird, mir selber gilt. Aber woher diese plötzliche Furcht? Was ich zuletzt über Eure Stimmung hörte, brachte mich auf den Glauben, die Stadt sei beharrlich und eher geneigt, sich Luther anzuschließcn, als zum Kreuze zu kriechen." „Sapperment, man kann nicht immer aus dem Gesichte beur- theilen, wie cS im Innern aussieht. Da ist zum Beispiel der Schmied, der nur selten gewaschen auftritt; aber wer sagen wollte, sein Herz sei so schwarz wie sein Gesicht, der würde dem Mann großes Unrecht thun." Ein Gewühl und ein Gemurmel an der Thüre verrieth, mit welcher Bewunderung die daselbst Versammelten diese Redefigur ihres Bürgermeisters aufnahmen. „Hast Du etwa Grund zu diesem plötzlichen Kleinmuth?" entgegnete der Graf, indem er einen gleichgültigen Blick nach den Handwerkslcuten hinwarf. „Je nun, aufrichtig gesprochen, Herr Graf, BönifaciuS hat in sehr schönem Latein ein gar gelehrtes Sendschreiben an unS erlassen, das uns Mann für Mann mit jedem christlichen Wunsche 361 bedroht, von den sieben Plagen an abwärts bis zur unheilbaren Verdammniß." „Und Du läßst Dich durch ein Gekritzel unverständlicher Worte beunruhigen, Heinrich?" „Ich weiß nicht, ob es unverständlich genannt werden kann, Herr Graf, wenn sichs um das Ansinnen handelt, den Bürgermeister Heinrich Frei nebst eilf anderen unserer achtbarsten Bürger als Geiseln auszuliefern, um sie wahrscheinlich bei schlechter Kost und schweren Bußübungen Manchen trübseligen Monat in Klosterzellen aufzubewahren und von ihrem Hauswesen fern zu halten. Dazu verlangen sie noch viel Gold, Wallfahrten, Bußübungen und andere gottseligen Ergötzlichkeiten." „Wer hat Euch solche Forderungen überbracht?" „Der hochwürdige Prior, ein Mann, der so viel Herz im Leibe hat, daß ich mich wundere, wie er sich zum Besteller eines so unwillkommenen und lieblosen Auftrags hergeben mochte. Aber auch die Besten unter uns haben ihre schwachen Augenblicke, und nicht Alle handeln immer mit Neberlegung oder nach Gerechtigkeit." „Ha, Arnolph hat sich damit befaßt? — Ist er schon abgereist?" „Er zögert noch, gnädiger Herr; denn schaut, wir find noch zu keinem Entschlüsse gekommen, wie wir unsere Antwort einrichten sollen." „Hoffentlich konntest Du Dir nicht einfallen lassen, eine Antwort zu geben, ohne Dich zuvor mit mir berathen zu haben, Herr Frei?" entgegnete Emich mit Schärfe und in einer Weise, wie etwa ein Vater sein Kind zurechtweist. „Ich bin zu glücklicher Stunde angelangt, und wir wollen nun einen Blick in die Sache thun. Habt ihr euch schon über die geeigneten Bedingungen bedacht?" „Ohne Zweifel haben wir Alle hin und her überlegt, obgleich bis jetzt noch Niemand die Ansicht seines Herzens laut werden ließ. Ich für meine Person erhebe meine Stimme gegen alle und jede Stellung von Geiseln, obgleich Niemand bereitwilliger sein würde, sich zu Nutz und Frommen der Stadt einer solchen Gefahr 362 zu unterziehen als ich. Man räumte dadurch zu augenscheinlich seinen Fehler ein und gäbe zugleich stillschweigend die Erklärung, daß man sich auf unser Wort nicht verlassen könne." Diese Phrase, welche lange in Heinrichs Innern gekämpft hatte, fand ein vernehmliches Echo unter allen denen, welche durch ihre Stellung und ihre Jahre möglicherweise Ansprüche auf die Auszeichnung hatten, unter die Eilf gezählt zu werden. Jeder derselben brachte jetzt ein paffendes Sprüchlein über den Werth der Ehre und über die Nothwendigkeit an, si^h nicht so sehr herabzuwürdigen, damit nicht etwa die Reputation der Stadt Noth leide. Emich hörte kaltblütig zu, denn ihm konnte es gleichgiltig seyn, wie sehr auch die Bürger in Angst geriethen, da ihre Furcht höchstens dazu diente, sie zu veranlassen, nur um so eifriger bei seinem Einfluß und seiner Macht eine Stütze zu suchen. „Du hast also die Bedingungen zurückgcwicsen?" „Wir haben noch nichts gethan, Herr Graf, wohl aber, wie bereits gesagt, vieler und angelegentlicher Erwägung gepflogen. Ich bin der Meinung, das Gold und die Geiseln werden nur schlechten Beifall unter uns finden. Wir sind übrigens friedliebende Bürger, denen es um Ruhe und ehrlichen Erwerb zu thun ist, und ehe wir die Pfalz in diesem verstörten und unsicher» Zustande belassen, wollen wir lieber in unserer Antwort nicht so gar kurz sein, wenn sich anders die Sache durch einige Wallfahrten und Büßungen bereinigen läßt. In vielen Dingen theile ich zwar zur Hälfte die Ansichten des Bruders Luther; aber es wäre doch gut, sogar die bloße Möglichkeit einer Verdammniß zu umgehen, um so mehr, da sich die Sache vielleicht durch einige wunde Füße und etliche Striemen auf den Leib abthun läßt, die, wenn man's geschickt einleitet, der Bürgerschaft nicht sonderlich Weh thun." „Bei dem Stammbaume meines Hauses, vortrefflicher Heinrich, Du bist ganz das Echo meiner Gedanken. Der Prior ist ein Mann von Herz, und die Sache soll schleunigst bereinigt werden, UebrigenS 363 müssen wir uns über die Einzelnheiten bedenken, denn diese Mönche sind gar genaue Rechner und haben, der Sage nach, den Teufel selbst zu ihrer Zeit übertölpelt. Zuvörderst also wollen wir ein Opfer in Gold bringen." „Ach, gnädiger Herr Graf, bedenkt nur auch die Mittel unserer Stadt!" — „Stille, ehrlicher Heinrich," flüsterte Emich, indem er sich nach dem Platze hinüberbeugte, wo der Bürgermeister und zwei oder drei der ersten Rathsmitglieder saßen — „wir haben Bericht von den Kölner Juden, welche sagen, die Limburger Schätze könnten in dieser Weise recht wohl angewendet werden, um ein wenig Frieden zu erkaufen. Wir wollen freigebig sehn, wie es unserem Namen ziemt," fuhr er jetzt gegen die Gesammtheit fort, „und die Mönchlein nicht nackt in die Welt hinausschicken, die mit jedem Tage weniger Lust zeigt, sie zu bekleiden. Damit sie nicht Hunger sterben, müssen wir wohl in unsere Truhen greifen — dies ist eine Sache, die ich als ausgemacht betrachte. — Was die Bußgängcr und Wallfahrer betrifft, so soll Schloß und Stadt je einen gleichen Antheil liefern. Ich kann den Lieutenant meiner Kriegsknechte schicken, der einen hurtigen Fuß hat — den Kuhhirten Gottlob, dem wegen unterschiedlicher Dinge eine Züchtigung wohl zu Statten kommt — und ohne Zweifel lassen sich auch noch Andere finden. Was kann Dürkheim in dieser Hinsicht liefern?" „Wir sind nur geringe Leute, hochgeborener Graf, und wenn wir weniger Tugenden haben, als vornehmere Personen, so find wir auch nicht so viel mit Lastern begabt. Wie cs dem Mittelstände ziemt, sind wir zufrieden, uns nicht durch großes Nebermaß weder in der einen noch in der andern augenfälligeren Eigenschaft auszuzeichnen; aber dennoch bezweifle ich nicht, meine Mitbürger, daß es im Falle der Noth Leute unter uns gibt, die um einer heilsamen Zucht und geeigneter Büßungen willen nicht schlechter fahren werden." Heinrich blickte fragend umher, während jeder Bürger den forschen- 36L den Blick auf seinen Nachbar weiter gehen ließ, wie eS gewöhnlich zu geschehen pflegt, wenn man eine derartige Nutzanwendung nicht auf sich selbst beziehen mag. Das Häuflein an der Thüre zog sich um einen Schritt zurück, drehte neugierig die Köpfe und ließ seine Blicke eben so ausdrucksvoll umhergleiten, als dies gerade vorher durch seine Oberen geschehen war. „Wir haben Delinquenten, junge, gedankenlose Galgenstricke, welche mit ihrem Lärmen und Schwänkemachen die Stadt dermaßen ärgern, daß es wohl am Ort wäre, sic die Ruthe der Kirche fühlen zu lasten —" deutete die zitternde Stimme des alten Wolfgang an. „Mit solchem Volk wird sich der heilige Benedict nicht zufrieden geben," fuhr der Bürgermeister derb heraus. „Er muß seßhafte Männer haben, die in einiger Achtung stehen, oder die Sache wird einem glücklichen Schluffe so fern als nur je liegen. Was meinst Du, ehrlicher, patriotischer Dieterich?— Du hast eine Constitution, die etwas ertragen kann, und ein Herz von Eisen." „Tausend Sechsundzwanziger!" entgegnete der Schmied, „ihr kennt meine Gebresten nur wenig, wohlweise Herren, wenn ihr nur Halbweg glaubt, daß ich etwas der Art durchmachen könne. Ich leide an schwerem Alhem, der mich nur in Ruhe läßt,' wenn ich an der Hitze meines EffenfeuerS stehe, und auf einer Wanderung wird mir das Herz so mürb wie eine Feder. Auch habe ich Weib und junges Volk, die über meine Abwesenheit wehklagen würden, und außerdem bin ich nicht gut genug geschult, um ein Gebet mehr als sechs bis zehnmal des Tags wiederholen zu können." Diese Ausflucht schien einen wohlweisen Raih durchaus nicht zu befriedigen, da er nach demselben Principe, welches man unter allen Böllern und in allen Gemeinschaften findet, den Rückblick auf die früheren Dienstleistungen des Handwerkers für eine Art von Berechtigung nahm, ihm noch mehr aufzulegen. „Für einen Mann, der unserer guten Stadt stets so sehr zu Willen war, ist dies ein sehr unpassender Vorwand," entgegnete 363 Heinrich — eine Ansicht, die sich vernehmlich in einem allgemeinen Ausrufe der Unzufriedenheit von Seiten der übrigen Rathsherrn wiederholte.— „Wir haben eine andere Antwort von Dir erwartet." „Nun, wenn ein Wohlweiser Rath so meint — aber wer sorgt mir für Weib und Kinder?" „Dieser Anstand wäre zu beseitigen. — Wenn ich mich recht entsinne, so besteht Dein Haushalt aus Sechsen?" „Aus Zehn, gestrenger Herr Bürgermeister — kein Mund weniger, und Alle in einem Alter, um viel und kräftiger Nahrung zu bedürfen." „Mit einem Worte, so fehlen uns nur noch zwei zu unserm Dutzend, Herr Graf," fügte der Bürgermeister rasch bei, „und die Vorhandenen haben die schristmäßige Eigenschaft, denn es heißt ja, die Gebete und Opfer der Jungen und Unmündigen sehen Gott angenehm. Dank, ehrlicher Schmied und mehr als Dank; Du sollst Merkmale von ganz anderer Auszeichnung erhalten, als die sind, welche die Geißel zurückläßt. Ohne Zweifel lassen sich nun die Andern aus den nutzlosen Müßiggängern beischaffen." „Unsere Angelegenheiten scheinen also bereinigt zu sehn, meine lieben Bürger," ergriff jetzt der Graf das Wort. „Ueberlaßt es mir, die Frage der Schadloshaltung in'S Gleiche zu bringen, während ihr für Beischaffung der Bußgänger und für eine paffende Sühne Sorge tragt. Ihr dort an der Thüre, entfernt euch!" — Dem Befehle wurde augenblicklicher Gehorsam geleistet und die Thüre geschloffen. — „Was unsere Vertretung zu Heidelberg und Madrid betrifft," fuhr der Graf fort, „so ist dafür Sorge getragen worden, und sollte von Nom aus der Beschwerde ungebührliches Gewicht gegeben werden, so haben wir immer noch den Bruder Luther zum Verbündeten. Bonifacius hat wahrlich Verstand genug, und ich kenne ihn als einen Mann, der geneigt sehn wird, einem Nebel Einhalt zu thun, ehe es zu einem unheilbaren Schaden wird, sobald er einmal einen tieferen Blick in die Natur unsrer Vertheidi- 366 gungSmittel und in die Stimmung der Zeit gethan hat. Diese Glatzköpfe befinden fich nicht in der Lage von Familienvätern, Meister Heinrich, die fich um ihre Nachlommenschaft zu kümmern haben; denn sie lassen weder Namen nach Blut zurück, und so lange wir ihr augenblickliches Verlangen befriedigen können, läßt fich der Vertrag mehr als zur Hälfte für abgeschlossen betrachten. Nm diesem Klo- fiervolke seine Schätze abzunehmen, bedarf eS nur eines kühnen Geistes, einer bestechenden Abfindung und einer kräftigen Hand." Der gesammte Rath murmelte dieser Begründung seinen Beifall zu, und die Verhandlung ging nunmehr in'S Einzelne. Emich benahm fich sehr huldvoll und die Bürger wurden kühner. Einige lachten sogar unverhohlen über ihre früheren Besorgnisse, und fast Alle waren der Anficht, man sehe jetzt einer schließli- chen Ausgleichung dieser lang bestrittenen ernsten Frage entgegen. Der Prior, welcher die Zeit seiner Anwesenheit zu seelsorgerlichen Besuchen in der Stadt benützt hatte, wurde bald herbeibcschieden, und der Graf übernahm das Amt, ihm die gemeinschaftliche Antwort mitzutheilen. Das Zusammentreffen EmichS mit dem Pater Arnolph war bezeichnend. ES fand in dem RathhauSsaale und in Gegenwart einiger der ersten Magistratspersonen statt. Emich zeigte fich anfangs geneigt, hochinüthig. gebieterisch und sogar abstoßend aufzutreten; der Mönch dagegen blieb bescheiden, ernst und ruhig. Die Wirkung dieses Benehmens wurde bald augenfällig in einem höflicheren Verkehre, denn der Graf besaß großentheils die feinere Bildung seiner StandeSgenoffen, die er nur dann vernachlässigte, wenn er unter dem Einflüsse der Aufregung oder jener Habgier stand, welche einen schweren Makel seines Zeitalters bildete. Andrerseits verlor Arnolph nie seine Pflichten aus dem Auge, unter denen seiner Neber- zeugung nach die der christlichen Liebe obenan stund. „Du bist der Neberbringer des OelzweigS, heiliger Prior," sagte der Graf, als sie nach einigen vorläufigen Gesprächen ihre 367 Sitze eiliiiahmeii, „und eS ist Schade, daß nicht Aste, welche die Kulte tragen, diese erfreulichste Eigenschaft ihres heiligen Amtes gleich gut begreifen. Es würde dann weit weniger Streit in der Welt geben, und wir, die wir in den Vorhäfen des Tempels an- beten, dürsten uns weniger mit Zweifeln quälen über diejenigen, welche den Vorhang lüften." „Als mich mein Oberer mit dem gegenwärtigen Aufträge nach Dürkheim schickte, Hostie ich nicht, mit Dir über priestcrliche Pflichten verhandeln zu müssen, Herr Graf," lautete die milee Antwort des Mönchs, der sich wenig an die schlauen Complimente des Andern kehrte. „So habe ich also das Schloß und den Rath als Einheit zu betrachten?" „Dem Herzen, der Gestnnung und den Interessen nach — ich könnte auch die Rechte und die Souverainetät beifügen, denn nun die ganze Frage in Betreff der Abtei bereinigt ist, hat das alte, weltliche Regiment wieder Platz gegriffen.— Drücke ich darin eure Ansichten aus, meine lieben Bürger?" „Hum!" brummte Heinrich Frei vor sich hin. Die klebrigen neigten die Häupter, obschon es mit sehr bedenklicher Miene und in einer Weise geschah, wie eS wohl bei Leuten der Fall ist, die durch Neberraschung verwirrt sind. Emich schien jedoch vollkommen zufrieden zu s,yn. „Es ist von keinem großen Belang, wer hier herrscht, sintemal das Unrecht, das gegen Gott und unsre Brüderschaft verübt wurde, von denen wieder gut gemacht werden muß, die es begangen haben. Hast Du das Sendschreiben der Abtei geprüft, Herr Bürgermeister, und bist Du mit Deiner Antwort fertig?" „Es ist gebührend geschehen, hochwürdiger Arnolph, und hier ist unsere Erwiederung. Was Euer Schreiben betrifft, so ist unsere Wohl erwogene Ansicht, daß es schön und in sehr gelehrtem Latein abgefaßt ist, wie eS einer so weil berühmten Brüderschaft gebührt. Wir müssen dies um so mehr anerkennen, da sie in letzter 368 Zeit schweren Verlust an Büchern erlitten hat und der Concipist der gewohnten Beihülfe von Materialien entbehren mußte, mit denen er durch den vielen Gebrauch vertraut war. Für die Grüße und Segnungen, die in dem Schreiben ausgedrückt sind, hochwürdi- ger Prior, bezeugen wir unfern Dank, absonderlich für jenen Theil, der auf Deine Rechnung kömmt, und der uns besonders salbungsvoll erschien. Namentlich möchte ich für meine Person allen insgesammt meine Anerkennung für die Weise auSdrücken, in welcher sie meinen Namen mit ihren guten Wünschen in Verbindung gebracht haben, obschon ich beifügen muß, daß es bester gewesen wäre, der Schreiber hätte für gut gefunden, hier inne zu halten, sintemal die häufige Einführung von Privatpersonen in Dinge, die das allgemeine Wohl angehen, nur Neid und andere üble Leidenschaften wecken kann. Was obendrein die mir in Person zngedachten besonderen Wallfahrten und andern Büßungen betrifft, so sehe ich mich dazu nicht bemüßigt, wie es ohne Zweifel, wenn die Noth an den Mann ginge, der Fall seyn würde, denn es ist zu bemerken, daß die Meisten sich durch ihr eigenes Gewissen zu diesen Kasteiungen gedrungen fühlen." „Die Sühnung wird weder als ein Akt, welcher eine Privat- Tröstung zum Zwecke hat, noch als ein Balsam auf die Wunden des Klosters, sondern als eine demüthige und nothwendige Buße vor Gott verlangt. In dieser Absicht haben wir eS für zweckmäßig gehalten, diejenigen auszuwählen, welche sich unter ihren Nebenmenschen besonderer Achtung erfreuen, denn die Sühne muß vor den Augen des ganzen Menschengeschlechts gebracht werden. Aehnliche Vorschläge habe ich auch nach dem Schlosse zu bringen, und eine hohe kirchliche Behörde hat mir den Auftrag ertheilt, von dem hochgeborenen Besitzer desselben ein persönliches reumüthiges Bekenntniß zu verlangen. Das Opfer der Hochstehenden und Unschuldigen ist Gott weit angenehmer, als das der Geringen und der Boshaften." „Potz Tausend," murmelte Heinrich, „wozu nützt Euch ein 369 unbescholtener Wandel, wenn man solche Grundsätze mit sich herumträgt!" Emtch aber horte den Vorschlag ohne Zürnen an; denn trotz seines Stolzes und seiner Kühnheit war er doch ebenso verschmitzt, als abergläubisch. Seit Jahren war sein roher Sinn von widerstreitenden Leidenschaften — denen der Habsucht und der religiösen Furcht gequält worden, und nun die erstere befriedigt war, begann er ernstlich darüber nachzudenken, wie er auch seine geheimen Besorgnisse in irgend einer wirksamen Weise beschwichtigen mochte. Plane zu verschiedenen Sühnecrbietungcn hatten bereits seinen Sinn gekreuzt, weßhalb er denn auch jetzt die Erklärung des Bcnedictiners nicht nur ohne Verdruß anhörte, sondern die Idee sogar mit Wohlgefallen aufnahm. Sie schien ihm ein leichtes und wohlfeiles Mittel zu bieten, um alle seine Bedenken zum Schweigen zu bringen, denn er wußte wohl, daß bei der gegenwärtigen Stimmung Deutschlands die Bedingung einer Wiederherstellung des Klosters auf dem Limburger Berge nicht in Frage kommen konnte. In diesem Sinne also gab er seine Antwort ab. Die Besprechung nahm natürlich einen gütlichen Verlauf und wurde noch mehrere Stunden fortgeführt. Da übrigens ihre Resultate im Gange unserer Erzählung zur regelmäßigen Entwicklung kommen, so Westen wir den Ereignissen nicht vorgreifen. Vierundzwanzigstes Kapitel» Dergleichen Dinge, wie gemein sie seyen, Gehn in der Fremde zu dem Herzen, und Zum Kopf vom Herzen, Vorurtbeile bannend. Die in der Hcimalh sproßten, und statr ihrer Den guten Willen pflanzend überall. Rogers. Es wird nunmehr nöthig, einige Wochen vorwärts zu schreiten, «in Sprung, der uns in die Mitte des warmen und gesegneten Mo- Die Heieenmauer. 24 370 »ats Juli führt. Die Stunde fällt gegen den Schluß des Tages und der Schauplatz war von der Art, wie wir ihn jetzt zu beschreibe» die Aufgabe haben. Denke sich der Leser eine hoch gelegene nackte Sandffäche, die nur durch leichte Unebenheiten unterbrochen ward. Auf dem ganzen kahlen Striche zeigte sich kaum ein Baum, obschon einige verkümmerte Sträucher andeuteten, daß die Erde bemüht war, wenigstens einige magere Begetation hervorzubringen. Die Luft war rein, dünn und flüchtig, gemeinschaftlich mit dem sanften Blau des Himmelsgewölbes eine bedeutende Erhebung über die Dünste und Unreinigkeiten bekundend, welche auf Gegenden ruhen, die in gleicher Höhe mit dem Meere liegen. Aber ungeachtet dieser niefehlenden Zeichen eines Hochlandes ließen sich auch da und dort ferne Bergspitzen entdecken, die in dem klaren Lichte von ewigem Schnee erglänzten. Längs der einen Seite dieser kahlen Fläche fiel das Land plötzlich gegen einen langen, schmalen Wafserstreifen ab, der Wohl tausend Fuß tiefer lag. Die Ufer dieses Sees waren mit zahllosen weiß getünchten Wohnungen besäet und mit Dörfern und Weinbergen geschmückt, während hin und wieder eine ummauerte Stadt mit ihren Thürmen und Zinnen das Gestade verdunkelte. Dies waren übrigens Gegenstände, die von der Stelle aus, nach welcher wir den L^ser im Geiste versetzen möchten, kaum gesehen werden konnten. In der Ferne, stets in der gleichen Richtung fort, hätte man von einem günstigen Standpunkte aus einen weiten Strich wellenförmigen Landes erblicken können, der sich von Norden nach Osten erstreckte und die gewöhnlichen eigcnthümlichen Merkmale einer Gegend an sich trug, in welcher das Alpengebirg all- mählig mir der Ebene verschmilzt. Diese Landschaft wurde durch mehrere Flecken von tiefem Blau verschönert, welche die dunkeln Tinten des Himmels wiederspiegelten und aus eben so vielen Flächen klaren, ruhigen Wassers bestanden. Gegen Süden und Westen wurde die Sandstrecke durch eine natürliche Mauer von rohem grauem Fels begrenzt, der sich fast in seinem ganzen Umrisse zu 371 einem Berg erhob und in der Mitte zu zwei gespitzten Kegeln von schwindelnder Höhe anstieg — eine Gestaltung, welcher sie im Vereine mit andern Umständen, die bald erklärt werden sollen, den Namen der „Jnfuln" verdankte. In der Nähe dieser GebirgSschranke und fast unmittelbar unter diesen natürlichen Jnfuln befand sich ein kleines Dorf, dessen au« Holz gebaute Häuser die breiten Dächer, die zahlreichen Fenster und die eigenthüinliche Harzfarbe zu Schau trugen, durch welche sich die Schweizerwohnungen auszeichnen. Der Ort war klein, und das meiste ihn umgebende Land lag öde, gleich der übrigen Gegend, so weit sie auf Stunden im Umkreise sichtbar war. Aus einem sich hebenden Grunde in der Nähe de» Dorfes, von dem es nur durch einen breiten Rasenplatz getrennt war, stand eines jener Labyrinthe von Dächern, Schornsteinen und Thürmen, die, wie heutzutage, so auch damals schon ein Kloster anzeigten. Die Gebäude waren groß, von gemischter Architektur und ohne viel künstlerischen Geist und Geschmack aufgeführt, indem das Ganze einzig auf rohen, überquellenden Reichthum hindeutete. In der Mitte stand eine Kirche oder Kapelle, augenscheinlich von hohem Alter und einfachem Ursprung, obschon ihre wunderlichen Umrisse nach der Silte der Zeit ausgesucht verziert und mit allerlei Zugaben geschmückt waren, so daß man wohl sehen konnte, wie er nicht an Mitteln gefehlt hätte, das Ganze großartiger zu machen, indem der Fehler des Baues eher in der ersten Idee ihren Grund hatten, als in einem späteren Mangel an Fähigkeit oder Neigung, eine Verbesserung eintreten zu lassen. Das Dorf und die Sandebene lag in dem berühmten Kanton Schwyz, einem kleinen Distrikt, der dem heldenmüthigen Bunde, welcher so viel von dem Lande der westlichen Alpen inne hat, seinen Namen geben mußte. Das Kloster, Mariä Einsiedeln genannt, gehörte dem Orden der Benedictiner, und die Kirche enthielt eines der Heiliglhümer, welches schon damals nach dem von 372 Loretto im größten Rufe stand. Die Zeit und politische Umwälzungen haben vielleicht dis Kirche Unserer lieben Frau von Einstedeln zu dem berühmtesten Wallfahrtsorte der Katholiken erhoben, denn wir sahen erst noch kürzlich Tausende um ihre Altäre sich drängen, während wir die 8anta Lass hauptsächlich der Obhut ihrer Mönche überlassen oder der gelegentlichen Besichtigung neugieriger Ketzer ausgesetzt fanden. Nachdem wir so den Schauplatz geschildert haben, auf dem unsere Geschichte jetzt spielt, ist es paffend, auf die handelnden Personen selbst übcrzugehcn. An einer Stelle, nicht ganz eine Stunde von dem Dorfe entfernt und an der Seite des eben erwähnten Sandstriches, welche dem jähen Absturze nach dem Zürcher-Sec in der Richtung nach dem Rheine zunächst lag, zeigte sich eine Gruppe von Wanderern beiderlei Geschlechts und verschiedenen Alters von der kräftigen Zugend an bis zur Neige der ManneSjahre. Sie waren zu Fuß und trugen das Gewand sowohl, als die Abzeichen von Pilgrimen. Die Ermüdung hatte ihre Zeile verlängert, in der sie paarweise einhergingen, die Kräftigsten vornean, die Schwächeren und Erschöpfteren aber hintendrein. Der Zug wurde von zwei Männern angeführt, deren einer die Tracht der Benedictiner trug, obschon er nach dem Beispiele der Nebligen mit dem Stabe und dem Pilgerränzchcn auS- gestattet war. Sein Begleiter war in den gewöhnlichen, mit Kammmuscheln verzierten Mantel gehüllt und trug gleichfalls Stab und Pilgertasche. Die Uebrigen waren in den nämlichen Anzug gekleidet, mit den gewöhnlichen Ausnahmen, welche durch das Geschlecht bedingt wurden. Sie bestanden aus zwei Männern von mittlerem Alter, welche den Vorgängern folgten, zwei von jedem Geschlecht in Paaren, die noch jung und rüstig waren, zwei weibliche Gestalten in der Blülhe ihres Lebens, obschon sie erschöpft und traurig aussahen, und einem Mädchen, welches ihre Glieder 373 mit einer Mühsamkeit nachschleppte, die nicht im Einklänge mit ihren Jahren stand. Der letzteren zur Seite befand sich eine alte Frauensperson, die um ihrer Jahre und ihrer Gebrechlichkeit willen die Erlaubniß erhalten hatte, sich eines Esels zu bedienen, auf welchem sie in verhältnißmäßiger Gemächlichkeit saß, obschon die Nachsicht des Mönches ihren Sattel mit den Taschen der meisten weiblichen Bußgängerinncn hatte beladen lassen. Hintendrein kamen zwei Männer, welche die Nachhut der ganzen Partie zu bilden schienen. Die Gruppe bestand aus dem Prior und Emich, welche den Zug anführten — aus Heinrich Frei und dem Schmiede Dietrich — aus Gisela und Gottlob nebst einem Jüngling und einer Jungfrau aus Dürkheim — aus lllrika, Lottchen, Meta und Ilse — ferner aus Monsieur Latouche und dem Ritter von RhoduS. Dies waren die Büßenden, welche die Wahl getroffen hatte, das kürzliche Bergehen gegen die Majestät Gottes durch Gebete und Kasteiungen vor dem Heiligthume zu Einsiedel» zu sühnen. Die zeitliche Frage war lheilweise zur Ruhe gewiesen worden durch die Ränke und den Einfluß des Grafen, der es zu gleicher Zeit an paffenden Goldspcnde» nicht fehlen ließ; auch halte hiezu das Umsichgreifen der Ketzerei mitgewirkt, welche durch ganz Deutschland das Ruschen der Kirche nachdrücklich erschütterte und den schlauen BonifaciuS nebst seinen Oberen einsehen ließ, daß es zweckmäßig sey, sich in ihren Forderungen einer größeren Mäßigung zu befleiße». „Möge uns der heilige Benedict mit Dank erfüllen, hochwürdiger Vater," begann der Graf, als sein erfreutes Auge zum erstenmal die lang ersehnten Dächer des Klosters erblickte. — „Wir haben einen mühsamen Weg zurückgelegt, und dieser Schneckengang, den wir aus Rücksicht für die Schwächeren einhalten müssen, paßt nur wenig zu der Ungeduld eines Kriegers, der an Roß und Sporen gewöhnt ist. Hast Du dieses Heiligthum schon öfters besucht, frommer Arnolph?" Der Münch hatte Halt gemacht und blickte mit thränenfeuch- 374 tem Auge und in heiliger Verehrung nach dem fernen Gotteshause hin. Dann kniete er auf dem Grase nieder und betet«, während die Andern, die an derartige plötzliche Andachtsäußerungen schon gewöhnt waren, die kurze Frist gerne zum AuSruhen benützten. „Nie zuvor hat mein Auge jenen heiligen Tempel begrüßt," antwortete der Prior, als sie langsam ihre Wallfahrt wieder auf- nahmen, „obschon sich meine Seele oft in nächtlichen Träumen nach diesem Glücke sehnte." „Mich dünkt, Vater, Du hast wenig Grund zu Büßungen oder Wallfahrten — Du, dessen Leben in Werken christlicher Liebe dahin geschwunden ist." „Jeder Tag bringt sein Schlimmes, und jeder Tag sollte auch seine Sühne haben." „Aber nur nicht in Wanderungen über steinigte GebirgSpfade bestehend, wie der ist, den wir jetzt gehen. Einfiedeln muß mit besonder« Kräften begabt seyn, daß eS die Menschen von so weit her zur Verehrung zieht. Ist Dir die Geschichte des Heiligthums bekannt, hochwürdiger Prior?" „Alle Christen sollten sie kennen, hauptsächlich aber die Pilger. Ich hätte Dich in so wichtigen Dingen für unterrichteter gehalten." „Bei den heiligen drei Königen, offen gesprochen, Vater Ar- nolph, bas Bischen Freundschaft, das zwischen Limburg und meinem Hause bestanden, hat mir einen Wirerwillen gegen alle Benedic- tiner-Mirakel eingeflößt, welcher Art sie auch seyn mögen; aber nun uns wahrscheinlich eine liebevolle Vereinigung bevorsteht, möchte ich gerne die Geschichte anhören, da sic wenigstens dazu dienen wird, unfern Gedanken einen weniger gemeinen Gegenstand zu bieten, als unsere Füße sind. Ehrlich gestanden, die meinigen machen höchst ungelegene Mahnungen an die Ruhe." „Unsere Wallfahrt nähert sich ihrem Ende; aber da Dein Gesuch vernünftig ist, so soll Deinem Wunsche entsprochen werden. So höre denn, Emich, und ziehe daraus eine Lehre für Deine Seele. Unter der Regierung des erlauchten und kriegerischen Carolus Magnus» der über Gallien, einen großen Theil von Deutschland und das Land der Franken herrschte, lebte ein Jüngling aus der alten Familie Hohenzollern, deren Zweige noch immer Fürstenthümer und Markgrafenschaften im Reiche besitzen. Der Name dieses gelehrten und frommen Jünglings war Menrad. Frühe der Eitelkeiten des Lebens überdrüssig, wählte er sich eine Einsiedelei, näher als diese dort an den Ufern des SeeS gelegen, über den wir erst kürzlich bei Napperschwyl setzten. Die Zahl der Neugierigen und Frommen, welche seine Zelle-besuchten, belästigten übrigens den heiligen Mann bald so sehr, daß er sich nach sieben Jahren de- GebetS an eine klare Quelle zurückzog, die noch in der Nähe jener Kirche fließen muß, und hier wurde auf ausdrückliches Geheiß HildegardenS, einer Dame aus königlichem Geschlecht, welche Aebtissin eines Klosters in der Stadt Zürich war, für ihn eine Klause und eine Kapelle erbaut. Da lebte nun Menrad und starb, von Gnade erfüllt und reichlich durch gottselige Uebungen gesegnet." „Vater, nahm er in dieser wilden Gegend ein ruhiges und glückliches Ende?" „Geistig gesprochen hätte es nicht wünschenswertster seyn können, vbschon eS, vom weltlichen Standpunkte aus betrachtet, so schlimm als möglich war. Er starb durch die Hand schändlicher Meuchelmörder, denen er Gastfreundschaft erwiesen hatte. Die Un- that wurde durch zwei Raben enthüllt, welche den Mördern nach Zürich folgten, wo sie ergriffen und hingerichtet wurden — so sagt wenigstens die Uebcrliekerung. In späterer Zeit wurde der fromme Menrad durch Benedict VIII. heilig gesprochen, und fast ein halbes Jahrhundert blieb seine Zelle, obgleich sie viele fromme Seelen zum Gebet herbeizog, ohne Bewohner. Zu Ende dieser Periode aber ließ Bruno, ein Chorherr aus dem Hause Burgund, welche» damals den größten Theil des Landes nah und fern beherrschte. 376 Klause und Bethaus wiederherstellcn, brachte das Bild der gebene- deiten Jungfrau wieder an seinen Ort und weihte sein eigenes Leben der Einsamkeit. Die benachbarten Herren und Edeln trugen dazu bei, den Ort zu begaben, und mehrere fromme Männer vereinigten sich zum Dienste des Altars — von diesem Umstands erhielt das Heiligthum den Namen ,Unsere liebe Frau von den Einsiedlern/ der noch heutigen Tages die wahre Bezeichnung ist. Du würdest cS überdrüssig werden, wenn ich Dir alle die Wunder erzählen wollte, die durch die Krast ihrer Gebete schon in jener frühen Zeit, als das Kloster noch arm war, gewirkt wurden; aber sein Ruf verbreitete sich bald so weit, daß viele aus der Ferne herkamen, um zu sehen und zu glauben. Im Laufe der Zeit erweiterte sich der Gnadenort zu einer regelmäßigen Gemeinschaft, und die Kirche, die Du dort siehst, birgt in ihrem Schiffe die ursprüngliche Klause, die Kapelle und das Bildniß des heiligen Meurad. Aus der Brüderschaft wurde der heilige Eberhard zum Abt gewählt." »Ich hätte gedacht, der Ort besitze höhere Verdienste," bemerkte Emich; er war augenscheinlich einigermaßen in seinen Erwartungen getäuscht, denn ein schwerer Sünder ist mit einer einfachen Buße ebenso wenig zufrieden, als ein Trinker mit kleinen Zügen. „Du sollst hören. „Als die Gebäude standen und cs nothwendig wurde, den Platz nach den Formen und Gebräuchen der Kirche einzuweihen, wurde der Bischof Conrad von Konstanz eingeladen, das heilige Amt zu verrichten. Jetzt zeigte sich erst die wunderbare Huld des Himmels! Als Konrad von Konstanz in der Mitternacht vor dem für die Feierlichkeit anberaumten Tage mit andern frommen Männern zum Gebete aufstand, hörten sie plötzlich eine himmlische Musik mit dem lieblichsten EngelSgesang. Trotz ihres tiefen Erstaunens blieben sie übrigens doch hinreichend ihrer Vernunft mächtig, um zu entdecken, daß die unsichtbaren Wesen die vorgeschriebene Eidesformel sangen, — ein Amt, das sie selbst einige Stunden 377 später verrichten sollten. Zufrieden mit dieser ausdrücklichen und wunderbaren Kundgebung wollte Konrad einen Dienst nicht wiederholen, der bereits in solcher Weise verrichtet worden war, so daß er nur durch das dringende Geschrei der Unwissenden dazu bewogen werden konnte. Als er jedoch nach einem Zögern von mehreren Stunden im Begriffe war, ihrer Ungeduld nachzugebcn, warnte ihn dreimal eine deutliche Stimme, sich einer solchen Lästerung zu enthalten, indem sie ihm zurief: .Halt inne, Bruder, Deine Kapelle ist durch Gott selbst eingeweiht Von diesem Augenblicke an steht der Ort in so hoher Achtung, und jede gottesdienstliche Handlung wird dort in einem Heiligthume begangen, das ebenso gesucht ist, als sich an ihm eine besondere Gnadenwirkung ausgesprochen hat." Emich bekreuzte sich andächtig, denn er hatte in vollkommenem Glauben und mit tiefer Theilnahme zugehört: in jenem Augenblicke waren die früheren Eindrücke stärker, als die neueren Zweifel. „Hier ist gut seyn, Vater," entgegnete er ehrfurchtsvoll. „Ich wünschte, Irmengarde und mein ganzes Haus wären mir zur Seite. Doch kommen nicht auch denen, welche in einer geeigneten Gemüths- stimmung aus weiter Ferne herbeiwallen, Gnadcnerweisungen in zeitlichen Gaben oder politischer Auszeichnung zu Gute? Denn wenn ich einmal vor einem so wichtigen Heiligthum erscheine, möchte ich gerne aus der Mühe und den Entbehrungen, durch die ich so glücklich geworden bin, es zu schauen, auch Vortheil ziehen." Der Prior schien schmerzlich berührt, denn obgleich er der Legende, welche er eben erzählt hatte, den vollen Glauben schenkte, welchen die Ansichten des Zeitalters forderten, so war er doch zu gut unterrichtet in den wahren Lehren seiner Kirche, um nicht die falsche Richtung in dem Gemüthe seines Begleiters zu bemerken. Die Verlegenheit hatte eine Pause zur Folge, und der Leser mag sich vorstellen, wie die Pilgrime weiter ziehen und andern Personen unserer Erzählung Platz machen. Ehe wir uns übrigens zu einer andern Gruppe wenden, müssen 378 wir ausdrücklich bemerken, daß wir, indem wir die wunderbare Art, wie die Kapelle ,Unserer lieben Frau von den Einsiedlern* eingeweiht wurde, berichteten, — unserem Leser bloS die Legende zu geben wünschten, ohne uns für oder gegen die Wirklichkeit der Thatsache Aeußerungen zu erlauben. ES ist bekannt, daß der Glaube an dergleichen übernatürliche Kundgebungen einer göttlichen Gewalt, selbst in der Kirche, die am meisten damit begünstigt sehn soll, nicht zu den nothwendigen Dogmen gehört, und man sollte stets eingedenk seyn, daß diejenigen Sekte», welche solche sichtbare und physische Zeichen der Allmacht anfechten, selbst auch Ansichten, freilich von geistigerer Natur unterhalten, die kaum weniger von dem gewöhnlichen Gange der Dinge abweichen. In Fällen, wo nur ein so feiner Unterschied stattfindet und die Wahrheit so schwer ermittelt werden kann, ist es unsere Pflicht, uns auf die vom Bolle angenommenen Thatsachen zu beschränken, und in diesem Sinne haben wir auch die Geschichte von Einsiedeln, seiner Abtei und seinem Gnadenbilde gegeben. Die Ansicht des Pater Arnolph wird an Ort und Stelle auch heute noch getheilt und findet sich namentlich unter den Tausenden, welche jährlich dieses Heiligthum besuchen. Das Paar, welches unmittelbar auf den Grafen und den Prior folgte, bestand aus Heinrich Frei und dem Schmied, die wir natürlich zunächst über die Bühne gehen lassen müssen. „ES unterliegt keinem großen Zweifel, oder ich möchte überhaupt beifügen, wie Ihr sagt, gestrenger Herr Bürgermeister-" „Bruder Pilger" — unterbrach ihn Heinrich mit einer Jam- mermicne. „Ich hätte sagen sollen, gestrenger Bruder Pilger, obgleich der Himmel weiß, daß mir die Vertraulichkeit fast im Halse stecken bleibt! — Aber eS ist ganz so wie Ihr sagt: mögen wir uns an Rom halten oder zuletzt in aller Ruhe zu der neuen Lehre des Bruder Luther übergehen, diese Wallfahrt muß uns billigermaßen als verdienstvolles Werk auf Rechnung geschrieben werden; denn seht Ihr, gestrenger Herr Bruder, sie geschieht auf Kosten christlichen Fleisches und Blutes, und sollte daher Gott wohlgefällig seyn ohne viel Rücksicht auf bloße äußere Umstände. Offen gesprochen, ich glaube nicht, daß ein zwölfmonatliches Schwingen des Hammers meinen Füßen so beschwerlich geworden wäre." „Habe Erbarmen mit Dir selbst und mit mir, guter Schmied, und denke weniger an dergleichen kleine Leiden. Was der Himmel haben will, muß geschehen, sonst würde sich gewiß ein Mann von Deinen Verdiensten in der Welt schon höher hinauf geschwungen haben." „Danke, gestrenger Herr Bruder Pilger und Bürgermeister; ich will mich bemühen, den Gang in Ergebung hinzunehmen, obschon diese spannenden Schmerzen einem Mann von guter Muskulatur und großem Muthe nie zusage» können. Ein ^Schlag vor den Kopf oder die Kugel einer Arkebuse sind weit weniger unbehaglich , als kleinere Leiden, die kein Ende nehmen wollen. Wenn'S mit rechten Dingen zuginge, so müßten Bußübungen, Wallfahrten und andere Sühnmittel der Kirche hauptsächlich den Weibern überlaffen bleiben." „Wir werden später sehen, wie Luther dies eingerichtet hat; aber da wir einmal zum Besten unserer guten Vaterstadt, unserer eigenen Seelen gar nicht zu gedenken, die Reise unternahmen, so ziemt uns, mannhaft auszuhalten — eine Pflicht, die sich um so leichter erfüllen läßt, da wir jetzt ihr Ende absehen können. Offen gesprochen, Dietrich, ich kann mich nicht erinnern, daß mir ein Bene- dictinerkloster je so viele Freude gemacht hätte, als das, welche« wir am Fuße jenes Berges erblicken!" „Seyd wohlgemuth, hochedler und vortrefflicher gestrenger Herr Bruder Pilger; die Zeit der Prüfung naht ihrem Ende, und wenn wir so weit her kommen, um unserer eigenen Gemeinschaft 380 diese Ehre zu erweisen — je nun, so ist es nur der Preis dafür, daß wir uns eine andere vom Hals geschafft haben." „Du kannst in Wahrheit sagen, ,seyd Wohlgen,uth<, Bruder Schmied, denn es handelt sich nur um ein bischen Knieen und ein paar Striemen, die jeder seinem eigenen Rücken versetzt; der Rückweg ist dann natürlich angenehmer, als das Herkommen." So sich gegenseitig ermuthigend, humpelte das edle Pilgerpaar weiter, und ihre massenhaften Körper schwankten mit jedem Tritt wie die von Überfelten Ochsen, welche nur mit schlechten Hufen versehen sind. Nachdem sie vorübergegangen waren, traten an ihre Stelle die Vier, von denen Gisela und Gottlob einen Theil bildeten. Die Unterhaltung der letzteren war leicht und tändelnd, denn die körperliche Ermüdung hatte nur geringen Einfluß auf die lebensfrohe Schwungkraft solcher Gemüther üben können, namentlich in einem Augenblicke, der ihnen das baldige Ende ihrer Mühe in Aussicht stellte. Nicht so verhielt sich'S mit dem nächsten Paare — Ulrika und ihrer Freundin, welche ihres Weges zogen wie Leute, deren Seelen mit schwerem Gram beladen sind. „Gott ist unter diesen Bergen der Gleiche, wie auf unser» Ebenen, Lottchen!" sagte die erstere in Fortsetzung eines begonnenen Gespräches. „Jener Tempel ist sein Heiligthum, wie es der von Limburg war, und es wäre eben so eitel, wenn der Mensch sei» hier auf Erden vergessen wollte, als wenn er versuchte, z» ihm in jenen Himmel einzudringen, der sein Thron ist! Was er thut, ist weise, und wir wollen uns Mühe geben, uns mit Geduld in seine Schickungen zu fügen." UlrikaS Ergebung drückte sich vielleicht mehr in ihren Worten, als in ihrer Miene aus; denn letztere war gedrückt und sorgenvoll, während ihre Stimme fast in Thränen bebte. Aber obgleich ihre Wehmuth tief und augenfällig war, so ließ sich darin doch erkennen, daß der Bußgängerin die Hoffnung noch nicht ganz erstorben war. Die Züge, der Blick und das ganze Benehmen ihrer 331 Freundin dagegen trugen den trüben, verhängnißvollen Stempel eines unheilbaren Grames. „Gott ist unter diesen Bergen!" wiederholte Lottchen, obschon sie kaum die Worte zu hören schien. „Gott ist unter diesen Bergen!" „Wir nahen uns jetzt einem viel geschätzten Heiligthum, theureS Lottchen. Das hehre Wese», in dessen Namen es errichtet wurde, wird uns nicht ohne Trost von hinnen ziehen lassen." „Wir werden Trost finden, Ulrika!" „Du hängst hoffnungslos an Deinem Verluste, Lottchen! Wollte Gott, Du dächtest weniger an die Vergangenheit und mehr an die Zukunft!" Das Lächeln, mit welchem jetzt die Wittwe ihre Freundin anblickte, trug die Spuren tiefen Schmerzes. „Für mich gibt es keine Zukunft, Ulrika, als das Grab!" „TheureS Lottchen, wir wollen von jenem Heiligthum reden." Die innere Aufregung erstickte ihre Stimme. „Sprich, von was Du willst, meine Freundin," antwortete die kinderlose Wittwe mit fürchterlicher Ruhe. „Ich sehe keinen Unterschied in den Dingen." „Lottchen, auch nicht, wenn wir vom Himmel reden?" Die Wittwe senkte den ausdruckslosen Blick zur Erde, und sie gingen weiter. In ihre Fußstapfen traten das Thier, welches Ilse ritt, und MetaS wankende Schritte. „Ja — dort ist das Heiligihum unserer lieben Frau von den Einsiedlern!" sagte die Elftere — „ein Gotteshaus voll der unendlichsten Gnadenwirkungen! Nun, der Himmel ist nicht in den Kirchen und Kapellen, und die von Limburg kann man entbehren, um so mehr, weil ihre Mönche nichts weniger als den besten Wandel führten. Sey wohlgemuth, Meta, und denke nicht an Deine müden Füße, denn eS gibt in diesem Jammerthale keinen Schmerz, der sich nicht seiner Zeit in Freude oder in eine andere köstliche Gabe umwandelte. Dieß ist die Gerechtigkeit des Himmels, die zuverläßig 382 gleiche Vergeltung üben wirb für das Gute wie für das Böse. Gott siy Dank, diese Gewißheit tröstet den Frommen und gibt dem Wankenden Mulh." Sie redete jedoch zu tauben Ohren. In MetaS Antlitz war, wie in LottchenS Zügen, Hoffnungslosigkeit ausgedrückt, obgleich sich bei der Ersteren die Spuren weniger bestimmt und augenfällig zu erkennen gaben. Ihr Auge war unstät, die Wange blaß, der Schritt matt, der Mund preßte sich zuweilen krampfhaft zusammen, und das ganze Wesen deS jungen, unschuldigen Geschöpfs schien unter einem frühen, unnatürlichen Grame hinzuwelken. Sie blickte gleichgültig nach dem Kloster hin, obschon sie dort Ruhe für ihre körperliche Erschöpfung hoffen durfte. Das Gebirge stieg in der Nähe dunkel und zackig in die Höhe oder glänzte in der Ferne wie Alabaster, ohne der Pilgerin auch nur einen einzigen Ausruf jenes Entzückens zu entlocken, welches derartige Scenen in einer jugendlichen Brust zu Wecken so sehr geeignet sind. Auch das reine Himmelsgewölbe oben war für sie bedeutungslos, obschon cs zu einem ruhigeren Daseyn eüizuladen schien. „Ach du mein Himmel!" fuhr Ilse fort, deren Beobachtung sich selten über ihre eigenen Gefühle hinaus erstreckte, und deren Zunge nicht zu ermüden war. — „Ach du mein Himmel, Meta, es muß eine gottlose Welt sepn, daß sie aller dieser Wallfahrten und dieses Brennens bedarf. — Doch sie sind nur die Bilder der Vergangenheit und der Zukunft, Kind — die Bilder von dem, was gewesen ist und was kommen wird. Erstlich ist das ganze Leben nur eine Wallfahrt und ein Büßgang, obschon nur Wenige von unS während ihrer Pilgerfahrt durch das Erdenthal so denken; aber dennoch ist eS dies für Alle, namentlich für die vom Glück wenig Begünstigten — und ein Büßgang ist'S obend'rein von wegen un-, serer Leiden und Gebrechen, namentlich im Alter. Und deshalb trage ich'S auch wohlgemuth, sintemal man sich einer Buße unterwerfen muß; und das Brennen der Klöster und Dörfer ist nur ein 383 Abbild von dem Brande der Gottlosigkeit. Du antwortest mir nicht, Kind?" „Glaubst Du, Ilse, baß diejenigen, welche durch das Feuer sterben, selig werden?" „Von was sprichst Du, Meta? Der arme Berchihold Hinter- niayer ist, wie Du weißt, in den Flammen von Limburg umgekomnien, und ebenso erging es dem Pater Johann und noch einem Anderen, der weit schlimmer war, als sie Beide — oh, ich konnte Geheimnisse enthüllen, wenn ich nicht eine so kluge Zun ge hätte! Aber die Weisheit liegt in der Klugheit und ich sage nichts; darum sey still, Meta." „Ich werde Dir Folge leisten, Ilse." Die Töne des Mädchens zitterten, und das Lächeln, mit welchem sie sich bereitwillig in die Aufforderung der alten Dienerin fügte, war etwa von der Art, wie man es an einem hinilerbendcn Kranken bei dem Aufblicke zu einer liebevollen Wärterin findet. „Du bist gehorsam und das ist ein Verdienst. Nie habe ich Dich so geschmeidig und so wenig aufgelegt zu mädchenhafter Ausgelassenheit gesehen, als eben auf dieser unserer Wallfahrt — ein sicheres Merkzeichen, daß Dein Geist in einer glücklichen Stimmung ist und ganz für die heilige Handlung taugt. Ei da! — der fromme Pater Arnolph hat Halt gemacht, und nun werden wir wahrhaftig die Frucht unserer Mühe bald erndten können. Oh, welchen Führer hättest Du nicht an mir gehabt, wenn ich ein Mönch geworden wäre!" Ilse peitschte die Seiten des gednldigen ThiereS, das sie ritt, und Meta schleppte sich so gut nach, als es ihre zitternden Glieder gestatteten. Zuletzt kam der Ritter und der Abbe. „Du hast wohl schon oft derartige fromme Büßgänge gemacht, hochwürdiger Abbe?" bemerkte der Elftere, als sie den Hügel erreicht halten, von dem aus sie das Kloster überblicken konnten. „Noch keinen außer diesem; und hätte mich nicht der Zufall zu 384 einem unschuldigen Theilnehmer an der Zerstörung von Limburg gemacht, so wäre mir auch diese Schmach erspart geblieben." „Wie? Nennst Du eine Wallfahrt und das Gebet vor, einem Heiligthum eine Schmach, — Du, ein Diener der Kirche?" „Tapferer Ritter, ich spreche mit Dir als mit einem Kameraden, der Einsicht besitzt und mit dem ich von vielen Tagen her, welche uns zum Theil in mühsamer Wallfahrt entschwunden sind, bekannt bin. Du keimst die Beschaffenheit der Welt und die verschiedenen Be- standthcilc, aus denen die bürgerliche Gesellschaft zusammengesetzt ist. Wir haben Lehren für alle, aber die Anwendung muß eine Milderung erleiden, gleich den Arzneien für einen Kranken. Die Wallfahrten sind gut genug für den Bauern, den Bürger oder meinetwegen auch noch für den Landedclmann; aber in den großen Städten wird ihr Werth sehr in Zweifel gezogen — es müßte sich denn irgend eine Hoffnung für die Zukunft darein mischen. Bußen für Handlungen übrigens, die bereits vollbracht find, halten wir für «ine Sache, in der mehr geleistet wird, als nöthig ist." „Bei meinem Degen, derartige Ansichten waren in Rhodus nicht üblich; denn alle Vorschriften der Kirche wurden dort sehr geachtet und fanden keinen Widerspruch." „Dergleichen religiöse Uebungen waren also bei euch an der Tagesordnung, Herr Ritter?" „Ich will nicht gerade sagen, daß wir ihnen Folge gaben, aber doch wurde ihre Zweckmäßigkeit nie angefochten. Du kennst den Unterschied zwischen der Reinheit einer Lehre und der Art, wie sie sich in der PrariS zu gestalten pflegt, Herr Abbe?" „Ohne Zweifel. Wollten wir den Edeln eine Beobachtung aller Vorschriften und Anforderungen einer strengen Theorie aufbürden, so müßten zahllose Unbequemlichkeiten daraus entspringen. Wäre eS möglich gewesen, unter dem üblen Gerüche meines unglücklichen, aber ganz zufälligen Besuchs bei unserem Wirlhe, dem Grafen, meinen geistlichen Charakter ohne Unbequemlichkeit beizubehalteu, so hätte ich mir für meine Person den letzten Akt deS Schauspieler ersparen können." „Man raunt sich in die Ohren, Herr Latouche, mein Vetter habe sich'S in den Kopf gesetzt, die Anwesenheit eines Dieners der Kirche könnte einen Deckmantel für seine Pläne abgeben; wir hatten also das Vergnügen, Deine angenehme Gesellschaft einer Politik zu danken, die weit tiefer liegt, als ein blos zufälliger Umstand." Albrecht von Viederbach lachte, als er auf EmichS List hindeutete, und sein Begleiter, welcher längst bemerkt hatte, wie ganz und gar er der Spielball seines WtrtheS gewesen war — denn er hatte in Wahrheit von dem beabsichtigten Angriff zuvor nichts gewußt, — suchte seiner Lage den besten Gesichtspunkt abzugewinnen. Er lachte gleichfalls in der Weise eines Menschen von leichtfertigen Grundsätzen, der sich über einen Unfall, die Folge eines allzufreien Wandels, lustig macht, und so gingen denn die Zwei, sich gegenseitig mit den verschiedenen Rollen neckend, die sie in den letzten Ereignissen gespielt hatten, gemächlich auf die Stelle zu, wo der Prior und Emich, als die Führer des Zugs, jetzt Halt gemacht hatten. Wir wollen diese Gelegenheit zu einigen nothwendigen Erklärungen benützen. In unsrem protestantischem Lande find wir zu sehr an den Glauben gewöhnt, die Frömmigkeit derer, welche zu der römischen Kirche halten, bestehe vorzugsweise in Aeußerlichkeiten. Wenn man das große Alterthum dieser Kirche und überhaupt die allgemeine Neigung früherer Jahrhunderte, die Formen und Gewohnheiten der nächsten Vorfahren nachzuahmen, in Anschlag bringt, so kann es Niemand wundern, wenn manche Bräuche beibehalten wurden, die weder mit dem apostolischen Vorgang, noch mit den Anforderungen der Vernunft in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die Verbreitung einer abstrakten Wahrheit saßt nicht nothwendig ein Abweichen von Gewohnheiten in sich, die durch das Herkommen Bedeutung gewannen, selbst wenn sie nicht gerade wesentlich zu Erreichung des großen Zweckes selbst beitragen. Wir haben Manches von Die Heidcnmauer. 25 der Tracht und den Ceremonien der heidnischen Priester geerbt und behalten es noch in den protestantischen Kirchen bei, da kein hinreichender Grund für deren Verbannung vorhanden ist, so lange sie die Würde des Gottesdienstes unterstützen, ohne seine wahre Absicht zu schwächen. Die Heiden selbst leiteten viele solcher Bräuche von Leuten ab, die man uns als Männer bezeichnet, welche in unmittelbarem Verkehr mit Gott standen und daher der Annahme zufolge am besten wissen mußten, in welcher Meise menschliche Anbetung dem Lenker des Weltalls am angenehmsten war. In den Vereinigten Staaten ist der KatholiciSmuS in seiner beschränkten und populären Bedeutung nicht mehr katholisch, sofern er in einer so geringen Minderzahl steht, daß er keinen merklichen Einfluß auf die Ansichten und Gebräuche des Landes üben kann. Die äußeren Symbole, die Processionen und alle die eigenthümlichen Ceremonien der römischen Kirche beschränke» sich auf die Gotteshäuser, und das Auge trifft selten oder nie außer den Mauern derselben auf ein Merkzeichen ihres VorhandenseynS. In Europa jedoch ist der Fall ganz anders, besonders in den Ländern, in welchen der geistliche Scepter des Kirchenoberhauptes noch nicht durch zufällige Wechsel, die aus politischen Umwälzungen entstanden, oder durch andere gewaltig wirkende Ursachen unterbrochen wurde. Das Cru- cifir, die Lanze, der Schwamm, der Hahn und die Nägel sind an den Krcuzstraßcn aufgerichtet, und an mancher Quelle, oder auf dem Gipfel irgend eines ermüdenden Berges sieht man Kapellen, die der heiligen Jungfrau geweiht find, während man die gewöhnlichen Symbole der Erlösung an den Landstraßen zerstreut findet, wo sie etwa die Stelle eines plötzlichen Todesfalles oder den Schauplatz eines Mordes bezeichnen. In keinem Theil der andern Hemisphäre sind diese Merkzeichen eines gläubigen Eifers gewöhnlicher, als in den katholischen Kantonen der Schweiz. Man findet daselbst unter den zackigen Felsen des Landes noch häufig Einsiedeleien, in deren Nähe man gewöhn- 387 lich eine Art kleiner Kapellen fleht, welche gemeinhin „Stationen" genannt werden. Dies sind an den Wegen aufgerichtete Tabernakel, und jeder enthält die bildliche Darstellung eines der zwölf Leiden Christi. Aehnliches bemerkt man an der Seite des Vesuvs, wo ste das herrliche Meer und die Ufer dieses unvergleichlichen Landes überschauen auf den kahlen Einöden des Apennins oder in prachtvollen Hainen versteckt, wie ihnen der Zufall eben eine Stelle anweisen mochte. In einigen Thälern der Schweiz punktiren diese kleinen Kapellen die Bergabhänge auf große Strecken hin und zeigen durch Zickzacklinien und weiße Mauern den Pfad an, der von einem unten liegenden Dorfe zu irgend einem Heiligthume führt, welches vielleicht auf dem Gipfel eines nackten Felsens oder auf einem Ausläufer der nächsten Gebirgskette steht. Einstedeln besaß die gewöhnliche Anzahl derartiger Stationen, welche an dem Wege gebaut waren, der nach dem Zürcher See führte. Die Bilder waren in der gewöhnlichen Weise gehalten und stellten je einen der großen Leidensmomente bar, welche der Kreuzigung vorangingen; auch hatten ste inSgesammt Stellen aus den Evangelien, welche die Andacht des frommen Wallfahrers zu heben geeignet waren, zu Inschriften. Hier begannen die Pilger in der Regel die dem Gnadenorte eigenthümliche Gottesverehrung, und eine dieser Stellen war eS auch, wo der Prior seine Begleiter erwartete. 388 Fünfundzwanzigstes Kapitel. Gott Prüfet Herz und Nieren; Vor seinem Angesicht Ist selbst der Menschen Bester Frei von Gebrechen nicht. Der einzig Sündenreine, Der Andrer Schuld nur büßt. Der ist der Sohn des Menschen, Der Heiland Jesu« Christ. Nach Ehatterto». Sobald Alle angelaugt waren, theilten sich die Pilger längs des Pfades, indem der eine vor dieser, der andere vor jener Kapelle niederkniete. Mrika und Lottchen, denen sich die blaffe Meta anschloß, beteten der Reihe nach lauge vor jedem Stationshäuschen, und die übrigen Frauenspersonen ahmten ihr Beispiel nach, obschon an ihnen bei weitem nicht derselbe Eifer und Ernst zu bemerken war. Der Ritter von Nhodus und Monsieur Latouche beschränkten ihre Andacht auf einige Kniebeugungen und häufiges rasches Bekreuzen, da sie zu glauben schienen, ihr halb geistlicher Stand berge schon vornweg eine Kraft in sich, welche sie der Nothwendigkeit aller weiteren Frömmigkeitsäußerungen überhebe. Heinrich und der Schmied nahmen es genauer mit Bezeugung ihrer Achtung vor den vorgeschriebenen Formen, denn Letzterer, welcher für den Bußakt im Geheimen von seinen Mitbürgern bezahlt war, hielt sich schon Ehrenhalber für verpflichtet, für das bezogene Geld etwas zu leisten, während der Bürgermeister, abgesehen von den großen zeitlichen Vortheilen, die er sich von der ganzen Sache versprach, mit Väterlicher Rücksicht auf sein Dürkheim Bedacht nahm. Ilse benahm sich am allerpünktlichsten und sorgte dafür, daß ihr Eifer gehörig in die Augen fiel. „Hast Du auch daran gedacht, Dietrich, ein Ertrawörtlein für's allgemeine Beste mit cinflicßcn zu lasten?" fragte Heinrich, während er vor der letzten Station geduldig die Entfernung der Andern erwartete, um den Platz selbst einzunchmen. „Nein, gestrenger Herr Bürgermeister —« „Bruder Pilger, mein guter Schmied." „Nein, gestrenger Herr Bruder und guter Pilger, in der Übereinkunft war von einem derartigen Dienste nicht die Rede." „Himmel, bist Du ein solcher Hund, Dietrich, daß man Dich bestechen muß, wenn Du für Dein eigenes Interesse beten sollst? Thue, was Du als Bußübung und um der Mönche willen versprochen hast, und dann denke als ein ehrbarer Handwerksmann auch an die Stadt, deren Bürger Du bist. Ich erhebe mich nie von meinen Knieen, ohne für unser Dürkheim und zu Nutz und Frommen der Familie Frei ein paar Paternoster-Perlen abzuzählen." „Ich bitte um Verzeihung, hochedler Bürgermeister und vortrefflicher Bruder Pilger; der Wunsch ist vernünftig und soll erfüllt werden." Der Schmied zählte sodann seinen Rosenkranz ab und machte, sobald er damit fertig war, dem Bürgermeister Platz. Mittlerweile hatte auch der Prior vor jeder Station mit großer Andacht und aufrichtiger Demuth gebetet. Die Pilger stellten sich nun in zwei Reihen — eine Art, sich dem Kloster von Einsiedeln zu nähern, wie sie jährlich noch immer von Tausenden beobachtet wird. Die Männer reihten sich rechts auf dem Wege in einer einzelnen Zeile hinter einander auf und die Weiber befolgten links dieselbe Ordnung. Dann begann laut und in wechselnden Absätzen das Gebet deS Rosenkranzes. Wer immer in diesem merkwürdigen, wild romantischen Lande häufig gereist ist, muß oft Pilgerhäuflein bemerkt haben, die in der vorbeschriebenen Weise einherzogen, ihre Gebete in die reine Luft ergießend, während sie zum Altar „Unserer lieben Frau vom Schnee" auf dem Rigi Hinanstiegen, von demselben zurückkamen, oder auf Schwindel erregenden Felspfaden irgend ein anderes Heiligthum aufsuchten. Wir kennen keine Art menschlicher GvttcSverehrung, die ergreifender oder nachdrücklicher wäre, als diese. Der Tempel ist der herrlichste, den die Erde bieten kann und die Luft so rein, wie sie durch die Bergstrome und eine hohe Lage nur werden kann, während die Stimmen in der klarsten und bestimmtesten Betonung ans Ohr schlagen, vielleicht noch gehoben durch das Echö der fast unergründlichen Abstürze oder der überhängenden Felsmassen, die dem Himmel als Stütze zu dienen scheinen. Lange, ehe man die Procession steht, kündigt sie sich schon dem Ohre durch die Musik des Gebetes an — denn Musik muß man e< an einem solchen Platze nennen, da die Tone regelmäßig wechseln zwischen dem tiefen Baß der männlichen und der silbernen Weichheit der weiblichen Stimmen. Eine ähnliche Wirkung übte nun auch das Vorwärtsschreiten unseres PilgcrzugS aus der Pfalz. Pater Arnolph gab den Ton an, und die gewaltigen Lungen des Bürgermeisters und des Schmiedes stießen die Worte, obschon sehr gedämpft, in tiefen, lauten, nachdrücklichen Tönen aus. Das Respondiren der Frauen war weich, sanft und tremulirend. So gingen sie etwa eine Viertelstunde weit, bis sie in die Straße des Dorfes gelangten. Ein Eilbote hatte der Brüderschaft von Einsiedeln die Annäherung der deutschen Büßer gemeldet; denn in Folge einer seltsamen Verdrehung der DemuthSlehren, welche der Stifter unserer Religion verkündigt hat, wurde den Büßungen und Opfern der Fürsten und hochgestellten Adeligen weit mehr Wichtigkeit beigclegt, als wenn diese frommen Uebungen aus Quellen kamen, die man für geringer erachtete. Schon aus diesem Grunde hatten sich alle Dorfbewohner und die meisten übrigen Personen, welche unter der Seelsorge des Klosters standen, herauSgcmacht, um die erwartete Procession mitanzu- sehen. Der Name Emich lief flüsternd von Ohr zu Ohr, und viele neugierige Augen suchten unter der Pilgertracht, welche dem ganzen Häuflein gemeinsam war, die Gestalt des mächtigen Grafen heraus- 39t zufinden. Nach vielem Hin - und Herreden entschied sich die allgemeine Anficht in Betreff dieser Frage für die Persvn des Schmiedes — eine Auszeichnung, welche Dietrich der Kraft seiner Lungen, seiner rüstigen Statur und namentlich dem Eifer verdankte, den er als Miethling in seinem Wesen zur Schau tragen zu muffen ver- , meinte. Unter die übrigen Legenden, welche dazu dienen, das Heiligthum Unserer lieben Frau von Einfiedeln unter dem Volke berühmt zu machen, gehört die Behauptung, daß bei irgend einer Gelegenheit, deren Anführung hier unnöthig ist, der Sohn Gottes diesen Gnadenort in Menschengestalt besucht habe. Der Sage nach löschte er seinen Durst an der Quelle, die mit schweizerischer Klarheit und Fülle vor der Thüre des Gebäudes sprudelt, und da man das reine Element durch verschiedene Metallrühren rinnen läßt, so pflegen die Pilger bei ihrer Ankunft aus jeder derselben einen hastigen Zug zu thun, um sich die Kraft eines so gefeierten Vorganges zu eigen zu machen. Es war auch eine silberne Platte put Eindrücken vorhanden, welche die Finger Christi zurückgelaffen haben sollen, und es wurde Sitte, auf diese Merkmale die Hand zu legen Der erstere Brauch ist noch jetzt allgemein üblich, während dagegen in neuerer Zeit der Tempel durch die Habsucht des werthvollen MetalleS beraubt wurde, welches die Abzeichen eines so hohen Besuches an sich trug. Arnolph machte an der Fontaine Halt und ging langsam um dieselbe herum, indem er zugleich aus jeder Röhre trank. Die Mitwaller folgten seinem Beispiele. An der Silberplatte ging er jedoch vorbei und näherte sich unter lautem Gebete dem Gebäude selbst, bis sein Fuß auf der Schwelle stand. Ohne Halt zu machen, trat er sodann vor und knieete auf die kalten Steine vor dem Heiligthum, seine Blicke auf das geschnitzte Marienbild heftend. Die Uebrigen nahmen sich seinen Vorgang zum Muster, und in einigen 392 Minuten knieeten Alle vor der weit berühmten Kapelle der göttlichen Einweihung. Die alte Kirche von Einsiedeln (denn an ihre Stelle ist seitdem eine andere umfangreichere von viel größerer Pracht gekommen), warum den Platz her aufgeführt worden, wo ursprünglich die Zelle des heiligen Menra stand. Die Kapelle, die durch die Engel eingeweiht worden sehn soll, befand sich in dieser verehrten Zelle, und das Ganze stand im Mittelpunkte der neueren Gebäude. In Vergleichung mit der Masse, welche die äußere Hülle bildete, war sie nur klein, aber doch groß genug, um einem Priester das Opfer möglich zu machen und viele reiche Spenden der Andacht zu bergen. Das Ganze war mit Marmor eingeschloffen, der aber in Folge des Alters und der Lampenausdünstungen eine schwarze Farbe angenommen hatte, während die Fronte und ein Theil der Seiten durch Oeffnungen, die durch wunderliche, aber schön gearbeitete Gitterwerke geschützt waren, einen Blick ins Innere gestatteten. An dem Hintere» dunkeln Ende dieser Kapelle befanden sich die Bildnisse der heiligen Mutter und des Kindes. Ihre Kleider waren, wie es gewöhnlich bei allen viel verehrten Heiligthümern der Fall ist, mit kostbaren Steinen und Goldflittern überladen. Die Gesichter hatten eine dunkle Broncefarbe, ähnlich der des fernen Ostens; wahrscheinlich ein Gedanke, welcher mit der Hindeutung auf einen übermenschlischen Ursprung und Zweck in Verbindung steht. Vergoldete Silberlampen verbreiteten ein lebhaftes Licht und übten auf das gläubige Gemüth einen seltsam geheimnißvollen Eindruck. So war das Heiligthum Unserer lieben Frau von Einsiedeln zu der Zeit unserer Erzählung, und so besteht es noch bis auf den heutigen Tag, nur mit einigen unwesentlichen Zugaben und Veränderungen, die mehr da« Ergebniß der Zeit, als die eines Wechsels der Ansichten sind. Wir haben diesen Zufluchtsort katholischer Andacht in seiner hohen frostigen Bcrggegend besucht — lind in abendlicher Stunde 393 unter seinen zahlreichen, schön verzierten Kapellen umhcrgewandelt — sahen den Bauern des Schwarzwalds mit seinen bloßen Knieen, den bräunlichen Ungar, den Piemonteser mit dem funkelnden Auge, den blondhaarigen Deutschen, den Tyroler und den Schweizer, wie sie müde und mit wunden Füßen in ganzen Gruppen anlangten — beobachteten sie, wie sie mit heiliger Wonne aus den verschiedene» Röhren tranken — folgten ihnen vor den Altar, und wunderten uns über die statuenartige Unbeweglichkeit, mit welcher Alle auf ihren Knieen liegen blieben, ohne ihre Blicke von dem überirdisch aussehenden Bilde abzuwenden, das ihnen die ganze Seele zu erfüllen schien. Zwar führte uns nur die Neugierde nach diesem Platze; aber aus keiner Zeit unseres Wanderlebens in fremden Ländern, das sich nun auf Jahre erstreckt hat, erinnern wir uns, je eine so völlige Lostrennung von Allem, was wir gewöhnt waren, empfunden zu haben, wie in jener Stunde. Die Proccssionen langten zu Dutzenden an, und eilten, ohne sich auch nur mit einer Begrüßung, mit einem Gedanken an Wohnung oder Ruhe anfzuhalten, nach dem Heiligthume, wo sie sich mit dem Steinpflaster zu verkörpern schienen, auf dem sie, starren Blickes und Zerknirschung in ihren Mienen, die ersten Gebete der Sühne vor dem Bildniß der heiligen Jungfrau murmelten. Kehren wir übrigens zu unserer Erzählung zurück. Die erste Stunde nach der Ankunft der erwarteten Pilgrime von Dürkheim gab sich im Kloster nirgends ein Zeichen von Erkennung oder Begrüßung kund. Die Diener der Kirche gingen und kamen, als ob nur gewöhnliche Leute ihre Büßungen vornähmen, und das unbewegte Auge in dem schwärzlichen Gesicht des Bildnisses schien jeden stetigen Blick mit übernatürlicher Ruhe zu erwiedern. Endlich erhob sich Arnolph, und in demselben Augenblicke erklang, als ob seine Bewegung beobachtet worden wäre, in einem abgelegenen Gang eine Glocke. Eine Seitenthüre, welche die Verbindung mit den Klostergebäuden vermittelte, that sich auf und die ganze Brüderschaft trat durch sie in das Kirchenschiff. Arnolph knieete äugen- 394 blicklich wieder nieder und bedeutete durch ein Zeichen seinen Begleitern, ihre Plätze beizubehalten. Die Männer gehorchten, obschon sie von dieser Stellung sehr ermüdet waren, während die Frauen ihrerseits sich noch nicht gerührt hatten. Die Benedictiner von Einsiedeln traten in derselben Ordnung, welche wir bereits bei Gelegenheit der Limburger Processionen beschrieben haben, in die Kirche. Die jüngeren Mönche gingen voran, und die Würdenträger kamen zuletzt. In jener Periode war der Abt gemeiniglich aus einem alladeligen, zuweilen sogar aus fürstlichem Hause; denn in Aufrechthaltung ihres Einflusses hat die Kirche selten versäumt, den Ansichten und Vorurtheilen, die allgemein unter den Menschen bestehen, Rechnung zu tragen. In jedem Falle aber besaß der Abt, welcher in diesem weit berühmten Kloster obenan stand, krast seines Amtes die letzterwähnte weltliche Auszeichnung, indem er am Tage seiner Einweihung infulirter Abt ward und unter die ReichSfürstcn eintrat. Während die lange Reihe von Mönchen langsam vorwärts kam und sich dem Heiligthnm näherte, ließ sich von der Emporkirche her Gesang vernehmen, und die tiefen Orgeltöne begleiteten die Worte in leisen Accordc». Sogar Albrecht und der Abbe fühlten sich ergriffen, während Emich im eigentlichsten Sinne zitterte, gleich einem Manne, der sich, ohne c« zu wissen, den Händen seiner Feinde überantwortet hat. Die Vorderglieder der Procession bogen jetzt um die kleine Kapelle und kamen mit abgemessenen Schritten vor den Wallfahrern vorbei. Der Prior und die Frauen beteten nur um so brünstiger, während dagegen der Graf und der Bürgermeister ihre unsteten Blicke nicht von den Bewegungen des Zuges abznwenden vermochten. Dietrich, der in seinen Obliegenheiten nur schlecht unterrichtet war, stand sogar auf und machte der vorüberziehenden Brüderschaft ohne Unterlaß ehrerbietige Verbeugungen. Als die Pro- cesston sich ihrem Ende näherte, suchte Emich die Blicke des AbteS auf, in der Hoffnung, einige jener geheimen Zeichen von Höflichkeit austauschen zu können, mit welchen die Eingeweihten in jeder Lebensklaffe einander ihre Theilnahme auszudrücken wissen; aber mit Verwirrung und nicht ohne Unruhe mußte er an der Seite des Würdenträgers, welcher die Brüderschaft von Einfledeln anführte, die wohlbekannten Züge des Abtes von Limburg erkennen. Man kann sich denken, mit welchen Blicken sich diese alten und, allem Anschein nach, unversöhnlichen Nebenbuhler begrüßten. In den Zügen des AbteS Bonifacius drückte sich kirchlicher Stolz und eine Nachgier aus, die wenigstens eine augenblickliche Befriedigung gefunden hatte, obschon darin auch der peinliche Rückblick auf die erlittene Niederlage nicht zn verkennen war, während das Gesicht des Grafen Trotz, Kränkung und Unruhe, Alles zumal, wiederspiegelte. Der Zug ging jedoch weiter, und bald darauf verkündigte die Musik, daß die Pcocession in den Chor eingetreten war. Dann stand Arnolph wieder auf und ging, von den Wallfahrern begleitet näher, um die Vesper anzuhören. Nach den Gebeten wurde die gewöhnliche Hymne gesungen. „Himmel, Herr Bruder Pilgrim," flüsterte der Schmied dem Bürgermeister zu, „ist dies nicht eine Stimme, die alle Dürkheimer kennen?" „Hum," — räusperte sich Heinrich, der das Auge des Grafen aufsuchte. „Die Benediktiner singen so ziemlich in gleichem Tone, Herr Emich, sey es in Limburg oder hier in der Kirche unserer lieben Frau von Einsiedeln." „Bei meinen Vätern, Du hast Recht, Bürgermeister. Offen gesprochen, dieser vertraute Verkehr zwischen den Aebten will mir nicht gefallen, am wenigsten aber, daß sich der entthronte hochwürdige BonifaciuS hier in diesem fernen Lande fast ebenso benimmt, wie er es in unserem Thale gewohnt war. Zch fürchte, Bürgermeister, wir haben uns ohne gehörigen Vorbedacht zu diesem Bußgange verlocken lassen." 396 „Wenn Ihr so sprechen könnt, hochgeborner Emich, was muß wohl ein Mann sagen, der bei der Sache außer seiner eigenen Person auch Weib und Kind auf'S Spiel gesetzt hat? Wir hätten Wohl klüger gethan, uns mit den Vortheilen, die wir hatten, zu begnügen und weniger vom Himmel zu begehren, da der geringste Antheil an ihm natürlich besser seyn muß, als das Beste, dessen wir auf Erden gewöhnt sind. Bemerkt Ihr, edler Graf, in welch' freundlicher Weise BonifaciuS uns von Zeit zu Zeit betrachtet?" „Seine Gunflbezeugungen entgehen mir nicht, Heinrich — doch gib Dich zufrieden; wir werden mehr erfahren, wenn die Vesper zu Ende ist." Zetzt übte wieder jene merkwürdige Stimme ihre besänftigende Gewalt. Der Sänger war von BonifaciuS, dem er jetzt nutzlos war, dem Kloster Einstedein als eine Gabe zum Geschenk gemacht worden, die ihm große persönliche Gunst sichern sollte—ein Zweck, der damit auch erreicht ward; denn unter all den Brüderschaften, welche ihr Leben dem Dienst der Kirche weihten, traten gar oft die verschiedenen Grade der Bortrefflichkeit solcher Ausführungen oder die Schaustellung größeren äußeren Reichthums in Verzierung ihrer Heiligthümer an die Stelle eines edleren Weiteifers in Frömmigkeit und Selbstver- läugnung. Sobald die Feierlichkeit vorüber war, näherte sich ein Bruder dem Pater Arnolph und flüsterte ihm einige Worte zu, worauf Letzterer, von den Wallfahrern begleitet, sich nach der Sakristei begab; denn eS war Allen — sogar der zitternden Meta — untersagt, Erfrischung oder Ruhe zu suchen, ehe sie eine andere wichtige Pflicht erfüllt hatten. Die Sakristei war leer, und sie warteten geduldig, während die Musik der Orgel den Rückzug der Procession ankündigte. Nach einigem Zögern that sich eine Thüre auf, und der Abt von Einfiedeln trat mit BonifaciuS ein. Sie hatten nur noch den Schatzmeister der Abtei bei sich, und da unmittelbar nach ihrem Erscheinen 397 die Sakristei geschloffen wurde, so blieb die Scene, die nun folgte, nicht länger dem Auge der Unberufenen preisgegeben. „Du bist Emich, Graf von Hartenburg-Leiningen," sagte der Prälat, der den Adeligen trotz seines geringen Anzugs auf den ersten Blick eines Auges, das daran gewöhnt war, seines Gleichen zu erkennen, aufzufinden wußte — „und erscheinst vor unserem Heiligthum als Reuiger wegen des Unrechts, mit welchem Du die Kirche und Gott beschimpft hast?" „Ich bin Emich von Leiningen, hochwürdiger Abt." „Wie, Du erkennst die Abficht Deines HicrseynS nicht an?" „Und ein Reuiger —" mit Bitterkeit fügte er jedoch in geistigem Vorbehalt die Worte bei — „darüber, daß ich hier bin." Der Abt betrachtete ihn strenge, da ihm die widerspenstige Zunge des Büßers durchaus nicht gefallen wollte. Dann nahm er BonifaciuS bei Seite, berieth sich einige Minuten mit ihm und kehrte endlich wieder zu den Pilgern zurück, in seiner Anrede fortfahrend: „Du bist jetzt in einem Lande, das noch nicht auf die Stimme der Ketzerei gehört hat, Herr von Hartenburg, und würdest gut thun, Dich Deines Gelübdes und Deines Zweckes zu erinnern. Hast Du etwas zu sagen?" Emich öffnete langsam seine Pilgertasche und suchte unter deren spärlichem Inhalt die Opfergabe. „Dieses Crucifir erhielt ein Edler meines Hauses, als er an einem Kreuzzuge Theil nahm. Du siehst, hochwürdigster Abt, er ist von Jaspis und ermangelt auch nicht anderer werthvoller Zugaben." Der Abt verbeugte sich in der Weise eines Mannes, der gleichgültig ist gegen den Werth eines Geschenkes, und winkte den» Schatzmeister, es in Empfang zu nehmen. Dann trat eine kurze Pause ein. „Dieses Rauchfaß war die Gabe eines viel ärmeren Edelmanns 398 als Du bist," bemerkte der Schatzmeister mit einem Nachdrucke, der nicht leicht mißverstanden werden konnte. „Dein Eifer ^ist schneller, als die Gliedmaßen eines müden Mannes, Bruder. — Hier ist ein Diamant, der seit einem Jahrhundert ein Erbstück meiner Familie war und aus den Händen eines Kaisers kömmt." „Er ist bei unserer lieben Frau von Einstedeln wohl am Ort, obschon sie sich von Namen, die weit weniger bekannt sind, als der Dcinige, viel reicherer Opfcrgabcn berühmen kann." Emich zögerte jetzt, aber nur einen Augenblick, worauf er ein anderes Geschenk niederlegte. „Dieses Gesäß paßt für eure kirchlichen Verrichtungen," sagte er, «da es für den Dienst des Altars gearbeitet wurde." „Lege den Kelch bei Seite," unterbrach ihn BonifaciuS mit finsterer Strenge; „er kömmt von Limburg." Emich errüthete, ^übrigens mehr aus Zorn als vor Schaam, denn in jenem Zeitalter war Plünderung eines der schnellsten und gewöhnlichsten Mittel, sich Schätze zu erwerben. Er warf dem unbarmherzigen Abt einen trotzigen Blick zu, ohne ihn einer Erwiederung zu würdigen. „Weiter habe ich nichts," sagte er. „Die Kriege, — der Aufwand meines Hauses und das Gold, das ich den vertriebenen Mönchen zahlte, haben mich arm gemacht." Der Schatzmeister wandte sich nun mit beredtem GesichtSauS- drucke an Heinrich. „Ihr werdet darauf Bedacht nehmen, Herr Schatzmeister, daß sich'S jetzt nicht mehr um einen mächtigen Edlen handelt," begann der Bürgermeister, „und daß das Wenige, welches ich zu geben habe, von einer armen, schwer belasteten Stadt kömmt. Zuerst opfern wir unsere Wünsche und unsere Gebete auf — zweitens bringen wir in aller Demuth und in der Hoffnung, die Gabe möchte angenehm seyn, diese Löffel, welche bei manchen von euren Feier- 399 lichkeiten Dienste leisten können — drittens diesen Leuchter, der zwar klein, aber von den Frankfurter Goldschmieden als reines Gold verbürgt ist — und letztens diesen Strick, mit welchem sich sieben unserer ersten Mitbürger grausamlich kasteit haben wegen des Unrechts, das euren Brüdern angethan wurde." Alle diese Opfer fanden gnädige Ausnahme, und der Mönch wandte sich sodann an die klebrigen. Es ist unnöthig, die Gaben aufzuzählen, welche von den untergeordneteren Personen des Schlosses und der Stadt gebracht wurden. Die des Kuhhirien bestanden angeblich aus dem vermessenen Horne, das so unehrerbietig in der Nähe des Limburger Altars getönt hatte, und einem Goldstück. Letzteres war dasselbe, welches er vor dem Gespräche, das seiner Einsperrung voranging, von BonifaciuS erhalten hatte, das andere aber ein zersprungenes Instrument, welche» der schelmische Gottlob unter seinen heimathlichen Bergen oft ohne den mindesten Erfolg probirt hatte. Zn seinem späteren Leben, als der religiöse Partheigeist kühner wurde, rühmte er sich oft des Possen», welchen er den Benedictinern gespielt habe, indem er ihnen ein so unnützes Werkzeug opferte. Ulrika brachte ihre Gabe mit aufrichtigem und demüthigem Sinn. Sie bestand aus einem Kleid für die Jungfrau Maria, das hauptsächlich ihre eigenen schönen Hände gearbeitet hatten, während die vereinten Beiträge ihrer Mitbürgerinnen die Verzierungen, hauptsächlich in Edelsteinen von untergeordnetem Werthe bestehend, lieferten. Das Opfer fand gnädige Aufnahme, denn die Mönche wußten die Charactere der verschiedenen Bußgänger wohl zu unterscheiden. „Hast auch Du etwa» zu Ehren der Jungfrau gebracht?" fragte der Schatzmeister Lottchcn. Die kinderlose Wittwe versuchte zu sprechen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst. Sie legte jedoch ein schön gebundenes und gemaltes Meßbuch, eine Mütze, die außer der Troddel von Gold 400 und Grün keinen besonderen Werth zu haben schien, und ein Jagdhorn auf den Tisch: alles dies nebst vielen anderen der namhaft gemachten Artikel hatte einen Theil der Eselsladung ausgemacht. „Dies sind sehr nutzlose Gaben für unser Heiligthum," murmelte der Mönch. „Hochwürdiger Benedictiner," unterbrach ihn Ulrika beinahe athemloS, in dem edelmüthigen Verlangen ihrer Freundin einen Schmerz zu ersparen, — „sie sind der Geberin abgerungen, gleich Tropfen ihres Herzblutes. Dieß ist Lottchen Hintermayer, von der Ihr ohne Zweifel schon gehört habt." Der Name dieser Frau hatte nie das Ohr des Schatzmeisters erreicht, aber die süße, überredende Weise UlrikaS trug den Sieg davon. Der Mönch machte eine Verbeugung und schien sich zufrieden zu geben. Dann trat Meta vor. Die Benedictiner waren inSge- sammt betroffen ob der Bläffe ihrer Wangen und dem stieren, hoffnungslosen Ausdrucke eines Auges, das kürzlich noch so frohsinnig geleuchtet hatte. „Die Wallfahrt hat unserer Tochter schwer zugesetzt," sagte der gefürstete Abt mit milder Theilnahme. „Sie ist jung, hochwürdiger Vater," antwortete Ulrika; „aber Gott sanftigt den Wind für das geschorene Lamm." In den Zügen des AbteS drückte sich Ueberraschung aus, denn die Töne der Mutter wirkten eben so ergreifend auf sein Ohr, als das bleiche, bekümmerte Antlitz des Mädchens auf das Auge. „Ist sie Dein Kind, gute Pilgerin?" „Ja, Vater — der Himmel erfülle mich mit Dank, denn sie ist eine gesegnete Gabe." Ein abermaliger Blick des Staunens von Seiten des Priesters, der sofort dem Schatzmeister Platz machte, welcher vortrat, um die Opfergabe in Empfang zu nehmen. Meta zitterte heftig und legte die Hand an ihr Herz; dann zog sie ein Papier hervor und legte es vor den Mönch hin, der es verwundert ansah. „Was soll dies?" fragte er. „Es ist bas Bild eines jungen Mannes in rohen Umriffen." „ES bedeutet, Vater," entgegnete Ulrika mit halbem Flüstern» „daß das Herz, welches ihn liebte, jetzt Gott gehört!" Der Abt verbeugte sich und winkte hastig seinen Untergebenen, die Gabe in Empfang zu nehmen; dann trat er bei Seite, um eine Thräne zu verbergen, die ihm in'S Auge gedrungen war. Meta sank im gleichen Augenblicke an die Brust ihrer Mutter und wurde stumm aus der Sakristei fortgetragen. Die Männer folgten nach, mit Ausnahme der zwei Aebte und des Schatzmeisters, welche zurückblieben. „Bringst Du gleichfalls ein Opfer, gute Frau," fragte Letzterer die Weibsperson, welche sich den Weggehenden nicht angeschlossen hatte. „Ob ich ein Opfer bringe, Vater? Meint Ihr, ich werde so weit Herkommen mit teeren Händen? Ich bin Ilse, Frau Frei'S Dienerin, und Dürkheim hat mich auf diese Wallfahrt geschickt, die an sich selbst ein Opfer ist; denn so kann ich's wohl nennen bei meinen gebrechlichen Knochen und einem Alter von mehr als sechzig. Wir sind nur armes Stadtvolk aus der Pfalz, wissen aber doch, was im Nothfalle recht ist. Es sind viele Gründe vorhanden, warum ich kommen mußte, wie Ihr sogleich hören sollt. Erstlich war ich in der Limburger Kirche, als die That be-" „Wie, konnte eine Person von Deinen Jahren auch an einem solchen Zuge Theil nehmen?" „Ja, und an vielen anderen Zügen. Erstlich begleitete ich den alten Bürgermeister, Frau Nlrikas Vater, als er Hülfstruppen nach Mannheim brachte; zweitens war ich von unseren Bergen aus Zeuge des Kampfes zwischen den Churfürstlichen und den Anhängern des-" „Dienst Du der Mutter jenes weinenden Mädchens?" fragte der Abt, die Geschichte von Ilsens Feldzügen kurz abschneidend. Die Heidenmauer. 28 402 „Und dem weinenden Mädchen selbst, hochwürdiger, heiliger und fürstlicher Abt — wenn Ihr so wollt, auch dem Bürgermeister, denn zeitenweise diene ich in der That der ganzen Familie." „Kannst Du uns die Geschichte ihres Grames miltheilen?" „Nichts ist leichter, gnädiger Herr Abt. Erstlich ist sie jung und dies ist ein Alter, in welchem wir uns grämen oder freuen, ohne viel Grund für das eine oder für das andere zu haben; dann ist sie ein einziges Kind, und dieser Umstand ist wohl geeignet, den Geist durch Verzärtelung zu schwächen; ferner ist sie schön, und dies verlockt oft das Herz zu unterschiedlichen Eitelkeiten, darunter ohne Zweifel auch znm Kummer; außerdem hat sie wunde Füße — an sich schon ein bitterer Schmerz; und zuletzt bereut sie sehr jene arge Sünde, von der wir noch nicht gereinigt sind, und die, wenn sie nicht vergeben wird, vielleicht unter anderen Vermächtnissen ihres Vaters sich auch auf sie vererbt." „Schon gut, lege Deine Gabe nieder und beuge Dein Knie, damit ich Dich segne." Ilse that, wie ihr geheißen wurde, und entfernte sich sodann unter vielen Reverenzen. Nachdem sich hinter der Alten die Thüre geschloffen hatte, verließ BonifaciuS mit seinem gefürsteten College» die Sakristei, dem Mönche die Obliegenheit anheim gebend / die reichen Gaben aufzubewahren, die den Schatz von Einsiereln so freigebig vergrößert hatten. Sechsundzwanzigstes Kapitel. — »O Israel, sind diese Männer Die mächt'geii Herzen, deren Du erwähntest?' Byron. Der Character der beiden Prälaten hatte außer den Eigenschaften, welche die nothwendige Folge ihres gemeinsamen Amtes 403 waren, nur wenig Aehnlichkeit. Wenn BonifaciuS gelehrter und geisteskräftiger war, so besaß dagegen der gefürstete Abt von Einstedclu mehr von jenen sanften gewinnenden Begabungen, welche einem christlichen Leben zur schönsten Zierde gereichen. Vielleicht war bei keinem von Beiden tiefe, demüthige Frömmigkeit zu finden, da eine solche Stimmung nicht leicht Wurzel fassen konnte bei Männern, die von so vielen Lockungen umgeben waren, welche angeborenen Schwächen schmeichelten; aber Beide achteten aus Gewohnheit die äußeren Gebräuche ihrer Kirche und glaubten im Verhältniß der Schärfe und des Umfangs ihrer Erkenntnis an die Kraft ihres geistlichen Amtes. Nachdem sie die Sakristei verlassen hatten, begaben sie sich durch den Kreuzgang nach der Wohnung des Abtes, wo sie sich einschloßen, um ihre weiteren Schritte zu berathen. „Dein Sitz war also in der Nachbarschaft dieses kühnen Edlen, Bruder BonifaciuS?" begann der Vorstand des Klosters unserer lieben Frau von Einsiedeln. „Du kannst Dir dies nach den letzten Ereignissen vorstellen. Sein Schloß und unsere unglücklichen Mauern lagen nur einige Pfeilschüffe von einander." „Seyd ihr früher gut mit einander ausgekommen, oder ist der kürzliche Vorgang eine Folge lange bestandener Zwistigkeiten?" „Du kannst von Glück sagen, frommer Rüdiger, daß Du unter Eis und Bergen eingeschloffen und so ganz außerdem Bereiche adeliger Hände sowohl, als adeligen Ehrgeizes bist. Limburg und die habgierigen Grafen haben seit der Gründung unserer Abtei kaum je den Frieden gekannt. Die unruhigen Ritter spielen unseren religiösen Gemeinschaften gegenüber dieselbe Rolle, welche der unruhige Geist des Vaters der Sünde in der sittlichen Welt vertritt." „Und doch ist es mir zweifelhaft, ob nicht der schwerste Schlag, der uns bevorstcht, von einem aus unserer Mitte herrühren wird. Wenn Alles, was wir durch das Gerücht und aus den Hirtenbriefen 404 der Bischöfe entnehmen können, wahr ist, so stellt diese lutherische Spaltung einen bleibenden Nachtheil in Aussicht." Bonifactus, dessen Geist weit tiefer in die Zukunft «indrang, als derber meisten seiner College», hörte diese Bemerkung mit düsterer Miene an und brütete über den Bildern, die ihm seine lebhafte Einbildungskraft vergegenwärtigte, während der Abt von Einsiedeln das Spiel seiner derben Züge mit spähender Thetlnahme beobachtete. „Du hast Recht, durchlauchtiger Abt," entgegnete endlich der Elftere. „Die Zukunft sowohl, als die Bergangenheit bieten uns ernstliche Lehren, wenn eS nur möglich wäre, sie in augenblicklichen Vortheil umzuwandeln. Alles, was wir auf Erden sehen, zeigt uns, daß jedes Geschöpf in seine Urstoffe zerfällt, wenn der Zweck seines Daseyns erfüllt ist. Der Baum hilft die Erde vermehren, die einst seiner Wurzel Nahrung bot; der Fels wird wieder zu dem Sande, aus dem er entstand, und selbst der Mensch kehrt zum Staube zurück, welcher beseelt wurde, damit er lebe. Können wir daher erwarten, daß unsere Abteien oder die Kirche selbst in ihren dermaligen zeitlichen Organisationen für immer bestehen werden?" „Du hast wohl gethan, Deinen Worten durch den Zusatz „zeitlich" die geeignete Bedeutung zu geben, guter BonifaciuS, denn wenn auch der Körper zerfällt, so bleibt doch die Seele übrig, und das Wesen unseres Kirchenverbands besteht in seinem geistigen Charakter." „Höre mich an, hochwürdiger und durchlauchtiger Rüdiger. Geh' hin und befrage Luther über die Spitzfindigkeiten seines Glaubensbekenntnisses in Betreff dieses Punktes, so wird er Dir sagen, daß er an die Wanderung der Seelen glaube — daß er diesen geistigen Charakter nur in einem neuen Gewände festhalte — und daß der unvergängliche Theil des Menschen sich nur einer Last entäußere, die ihm zu schwer geworden setz, wenn der alte Leib dem Grabe überantwortet werde." „Aber dies ist freche Empörung gegen alles kirchliche Ansehen, und dreiste Vcrläugnung der Lehre." „Das Erster? kann allerdings nicht in Frage gestellt werden; aber doch scheint man in unserm Deutschland Lust zu haben, cS darauf ankommen lassen zu wollen. Was indeß die Lehre betrifft, gelehrter Rüdiger, so bringst Du hier einen Satz zur Sprache, der Ähnlichkeit hat mit de» Glocken eurer Klosterihürme — es giebt darin endlose Abwechslungen vom einfachen Metienglöcklein an bis zu de» vollen Akkorden des ganzen Geläutes." „Ei, hochwürdiger Bonifacius, Du behandelst einen ernsten Gegenstand mit sehr unehrerbietiger Leichtigkeit. Wenn wir derartige Neuerungen dulden sollten, so wäre es bald mit aller Zucht zu Ende, und es wundert mich, daß ein hochgestellter Priester sie also beurtheilen kann." . „Du thust mir Unrecht, Bruder, denn was ich sagen will, ist in vollem Ernste gesprochen. Der Geist des Menschen ist so fein und sein Zweifel, wenn er einmal begonnen hat, so rastlos, daß ich mir keinen Schluß denken kann, für den ein gewitzter Kopf nicht Gründe aufzufinden im Stande wäre, sobald einmal die Schranke kirchlicher Zucht fällt. Ist es Dir nie ausgefallen, hochwürdiger Rüdiger, daß man von Anbeginn einen großen Jrrthum beging, als man alle unsere Verordnungen zu Leitung der menschlichen Gesellschaft gründete, mochten sie nun auf religiöse oder bloS zeitliche Dinge Bezug haben?" „Du stellst diese Frage an einen Mann, der daran gewöhnt ist, an seine Oberen mit Achtung zu denken." „Ich spreche nicht von unseren Oberen oder ihren persönlichen Eigenschaften, sondern will nur sagen, daß unsere Thcorieen sich zu oft mangelhaft erweisen, indem man sie früheren Gebräuchen anpaßte, während meiner Ansicht nach in einer wohlgeordneten Welt die Theorie vorangehen und die Praxis sich nach ihr gestalten sollte." „Dies hätte für den angehen können, welcher den Garten Eden 406 inne hatte, es ist aber für diejenigen unmöglich, welche nachher kamen und die Dinge nehmen mußten, wie sie waren, indem eS ihnen nur belassen blieb, sie so vortheilhaft als möglich zu benützen." „Bruder und fürstlicher Abt, Du hast Dich in dem Dilemma selbst gefangen. Könnten wir in den Besitz dieses schönen Erbes gesetzt werden, um ungebunden von früheren thcuren Interessen sogleich nur die Wahrheit zu sehen, so wäre nichts leichter, als die Praxis mit der Theorie i» Einklang zu bringen; da wir aber aus Priestern und Adel, Heiligen und Sündern, Philosophen und Weltleuten bestehen, so siehst Du wohl, daß die Theorie gezwungen ist, sich dem Zwange der Praxis anzupaffen. Das Dogma kann also im besten Falle nur eine wandelbare Autorität bilden. Als Benedictiner und Anhänger Roms möchte ich wünschen, Luther hätte sich mit bloßen Veränderungen in den Gebräuchen begnügt, denn diese lassen sich nach Himmelsstrichen und Vorurtheilen einrichten; aber wenn die Schleusen der Erörterung einmal aufgethan find, kann Niemand sagen, in welcher Ausdehnung oder nach welcher Richtung der Strom sich ergießen wird." „Du setzest, wie es scheint, wenig Vertrauen in die Kraft der Vernunft." Bonifacius betrachtete seinen Gefährten einen Augenblick mit übel verhehltem Spotte. „In der That, heiliger Rüdiger," entgegnete er mit Ernst, „Du hast wohl Deine Leute nicht gar lange geleitet, um mir diese Frage vorlegen zu können, denn wenn Du statt der Vernunft die Leidenschaft genannt hättest, so könnten wir am schnellsten zu einem Einvernehmen kommen. Die Folgesätze — soweit unsere thicrische Natur in Frage kommt — fließen vernunftgemäß genug aus dem Vordersätze; aber wenn wir von den sichtbaren Scheidelinien unseres Wesens abgehen, um uns dem Meere der Spekulation hinzugeben, so überlassen wir uns, gleich dem Seemann, der seinem Magnet vertraut, einer unbekannten Ursache. Der Hungrige will essen, und wer Schmerz empfindet. 407 schreit. Wer Gelb nöthig hat, raubt in einer oder der andern Gestalt, und der Freund der Gemächlichkeit zieht Ruhe dem Getümmel vor. Alles dies nebst vielen anderen Folgerungen läßt sich berechnen; aber wenn Du mir sagen kannst, welche Richtung der Lämmergeier cinschlagen wird, wenn er seine» Flug über dein Alpengebirg hinaus nimmt, so will ich auch Dir den Weg namhaft machen, den der menschliche Geist verfolgen dürste, sobald er einmal auf dem Occan der Spekulation und der Beweisjagd schwimmt." »Desto noihwendiger ist eS, ihn in den heilsamen Schranken der Zucht und des Dogma'S zu erhalten." „Wäre die Zucht gleich unfern Klostermauern, so würde Wohl Alles recht sehn; so aber werden die Menschen eben das, Waste sind." „Wie — hältst Du den Glauben für nichts? Wie ich höre, hat Limburg sehr fromme Brüder besessen. Pater Johann, der in Verlheidigung Deiner Altäre umkam, kann noch heilig gesprochen werden — des vortrefflichen Priors gar nicht zu gedenken, der mit den Wallfahrern hier angelangt ist." „Ich lege dem Glauben hohen Werth bei, vortrefflicher Bruder, und glücklich ist derjenige, welcher seine unruhigen Zweifel durch ein so angenehmes Auskunftsmittel zu bannen , vermag. Ich bin selbst auch der Ansicht, Bruder Johann wird canonistrt werden, wenn es unser heiliger Vater in Rom seiner Zeit für paffend hält, und das gefallene Limburg hat Ursache, auf sein Mitglied stolz zu sehn. Dennoch begreife ich nicht, wie der unglückliche Johann einen Beweis gegen die wahre Natur des Dogmas liefern soll; denn wäre er mit weniger Hartnäckigkeit auf gewissen Ansichten beharrt, so hätte er dem Schicksal, das ihn betraf, entgehen können." „Ist die Märthrerkrone ein Geschick, das einem Christen mißfallen kann? denke an die Väter und an ihr Ende!" „Hätte sich Johann ihres Geschicks besser erinnert, so dürste da» 408 seinige anders ausgefallen sein. Hochwürdiger Abt, Johann hat längst aufgehört, mir ein Räthsel zu seyn, obschon ich nicht in Abrede ziehen will, daß er unter den Bauern und Eiferern nützlich war. Dagegen habe ich den, welchen Du zuletzt nanntest, —" Boni- faciuS lehnte jetzt die Wange auf eine Hand und sprach wie ein Mann, der nicht mit sich ins Reine zu kommen im Stande ist, — „den aufrichtigen, weisen und einfachen Arnolph in Wahrheit nie begreifen können. Er ist augenscheinlich eben so gerne in seiner Zelle, wie in seinem Kirchenstuhle, geehrt in seinem Amte, wie auf dieser mühsamen Wallfahrt, und mag er sich im Glück oder im Unglück befinden, so lebt er stets in Frieden mit sich und mit Andern. Er ist in der That ein Mann, den ich durch meinen Verstand nicht zu ergründen vermag, und er hat bewiesen, wie wenig Ehrgeiz ihm inne wohnt, weil er schon dreimal die Insul ausschlug. Er trägt sich nicht mit wirren Gesichten oder trüglichen Fantasieen, wie jener unglückliche Johann, und obschon er nicht gleichgültig ist gegen die strengeren Ucbungen seines Berufs, so begeht er sie doch stets mit Ruhe und Zufriedenheit. Trotz seiner Gelehrsamkeit hält er sich doch gerne fern von wissenschaftlichen Streiten; er ist de- müthig, aber zugleich so fest, daß er sich vor dem Marterpfahle nicht scheuen würde, und übt so viel Nachsicht gegen Andere, daß man ihn für gleichgiltig halten könnte, wenn er nicht zugleich eine Beharrlichkeit zeigte, die durch keinen Einfluß der Witterung, der Ereignisse oder der Hoffnungen gestört werden kann. In der That an diesem Manne wird alle meine Menschenkenntniß zu Schanden!" Trotz seiner Gelehrsamkeit, seines männlichen Verstandes und seiner Menschenkenntniß, merkte BonifaciuS doch nicht, wie viel er gegen sich selbst einräumte, indem er zugestand, wie unfähig er war, die Beweggründe des Priors zu erfassen. Auch seinem Gefährten schien das Räthsel nicht vollkommen begreiflich zu sehn, denn er hörte der Schilderung, welche der Abt von Limburg von dem Prior gab, aufmerksam und in einer Weise zu, wie wir etwa einem 409 Berichte über unerklärliche oder übernatürliche Ereignisse unser Ohr leihen. „Ich habe viel von Arnolvh gehört," bemerkte der Letztere, „aber noch nie so gar seltsame Dinge. Dennoch scheinen die Meisten ihn zu lieben." „Darin eben liegt seine Macht. Obgleich er mir oft sehr entgegentrat, kann ich doch nicht sagen, daß ich gleichgiltig gegen den Mann bin — ja bei unserem Schutzheiligen, ich möchte bisweilen sogar glauben, daß ich ihn liebe. Er war unter den Letzten, die unsere Altäre verließen, als wir von dem habsüchtigen Grafen und seinen leichtgläubigen, einfältigen Bürgern vertrieben wurden; und doch sprach er zuerst das Wort der Versühnung, nachdem die Unbill begangen war. Ohne ihn und seinen hohen Einfluß bei den Bischöfen hätten leicht die Schläge mit Schlägen vergolten werden können, obschon diese Spaltung in Deutschland uns gar viele Unterstützung entzogen hat." „Da Du eben von der Kirchenspaltung sprichst, in welcher Weise erklärst Du eine so kecke Neuerung in einem Lande, das gewöhnlich für so vernünftig gilt; das kirchliche Ansehen muß wohl untergraben worden seyn, denn nichts ist so geeignet, Ketzereien oder Jrr- thümer in der Lehre zu verhindern, als eine gut geordnete Kirche, welcher eine gebührende Autorität zur Seite steht." BonifaciuS lächelte: denn schon in jener frühen Periode erkannte sein durchdringender Geist den Trugschluß wohl, welcher den Andern verblendete. „Dies ist ganz wahr, wenn sich'S um das Rechte handelt; aber wenn Jrrthnm waltet, Bruder, so dient dieses feste Ansehen nur dazu, auch ihm eine Stütze zu geben. Die Vorsorge, welche hier in Deiner gemächlichen Wohnung getroffen ist, die Kälte auszuschließen, ist in gleicher Weise geeignet, einer verdorbenen Luft den Abzug zu wehren." „Wo man so raijonnirt, kann die Wahrheit keinen Bestand 410 haben. Du fürchtest wohl die Kirchenlchre und willst nichts von ihrer Zucht wissen." „Nicht doch, Du verkennst mich sehr, frommer Rüdiger, wenn Du dies glaubst; die Kirchenzucht sollte so viel wie möglich erhalten bleiben, obschon ich in Abrede ziehe, daß sie eine Bürgschaft der Wahrheit ist. Wir beruhigen uns so gerne mit dem Gedanken, daß eine gut geordnete Kirche von festem Bestand eine Schutzmauer der Wahrheit sey, während doch die Erfahrung deutlich lehrt, daß sie derselben mehr Abtrag thut, als sie ihr je dienen kann — und dies aus dem einfachen Grunde, weil cs nur Eine Wahrheit, dagegen aber viele Arten von Disciplin gibt. Viele Einrichtungen dienen daher vielen Jrrthümern zur Stütze, wenn anders die Wahrheit im Einklänge mit sich selbst steht." „Du setzest mich in Erstaunen! Was immer aus diesen Ketzereien folgen mag, so kenne ich bis jetzt doch nur einen einzigen Angriff auf unsere Oberherrlichkeit, und dieser kömmt aus dem Jrr- thume, wie wir aus der Wahrheit stammen." „Das ist wohl auf das Christenthum anwendbar, aber welchen Werth hat es für den Moslem — für den Feueranbeter — für den Hindu — für die Heiden und alle klebrigen, die inSgesammt so bereit sind, durch eine äußere Ordnung den vermeintlichen Jrrthum fern zu halten, wie wir Anhänger der römischen Kirche? Bis jetzt ist allerdings unter den Christen dieses Uebel nicht oft vorgekommen, obschon cs nie ohne Zwistigkeiten ablief; aber wenn wir auf die Fortschritte der Buchdruckerkunst und die verschiedenen Ansichten, die daraus hervorgehen, blicken, so läßt sich voraussehen, daß sich viele widersprechende HülfSmittel geltend machen werden, die gleich gut erwogen und verdaut werden müssen, wenn man die Wahrheit festhalten und den Jrrthum ausschließen will. Die Anmaßung einer hohen Autorität und nachdrücklicher Forderungen zu Aufrechthaltung der Lehre und dessen, was wir für Wahrheit halten, sind wohl gut guoack I»oo, wie die Juristen zu sagen pflegen; aber was die allgemeine Frage betrifft, so sehe ich ihren Werth nicht ein. Die Menschen führen diese geistigen Kämpfe mit Leidenschaft, und es stehen uns daher unterschiedliche Formen der Kirche in Aussicht, die inSgesammt mehr oder weniger von menschlichen HülfSmitteln verschanzt sein werden, welche die sogenannte Wahrheit schützen sollen; wenn übrigens einmal die Zeit kommt, in welcher Länder und Gemeinschaften sich über dergleichen Spitzfindigkeiten entzweien, so. seht Ihr wohl ein, mein vortrefflicher Rüdiger, werden unsere Gesetze und Verordnungen eben so viel Jrr- thümer einschließen, als eigentlich fern gehalten werden sollten. Ich fürchte, der Himmel ist ein Ziel, das durch eine allgemeine Vermittelung erlangt werden muß, während es einem Jeden belassen bliebe, den untergeordneten Punkten der Lehre je nach seinen Gewohnheiten uud Befähigungen Glauben zu schenken." „Dies schmeckt mehr nach dem obdachlosen Abte, als nach dem, unter dessen Stabe kürzlich noch eine wohlhabende und gehorsame Brüderschaft stand," entgegnete Rüdiger etwas beißend. Bonifacius ließ sich durch diesen Stich nicht anfechten, sondern betrachtete nur seinen Gefährten ruhig, und in der Weise einer Mannes, der seine eigene Ueberlegenheit zu gut kennt, um sich leicht ausbringen zu lassen. Seine Antwort würde übrigens wahrscheinlich trotz dieser anscheinenden Mäßigung scharf genug ausgefallen seyn, wäre nicht in demselben Augenblicke die Thüre aufgegangen und Arnolph ruhig in das Zimmer getreten. Die Aufnahme, welche dem Prior von den beiden infulirten Prälaten zu Theil wurde, bekundete die tiefe Achtung, welche er sich so allgemein durch seine Selbstverläugnung gewonnen hatte. In dem großen Kampfe des Egoismus, welcher meist den Handlungen dieses unruhigen Erdenlebens zu Grunde liegt, darf Niemand so sicher auf allgemeine Achtung zählen, als derjenige, welcher bereitwillig die Bürde des Lebens zu tragen scheint und sich mit so wenig als möglich von seinen sichtbaren Vortheilen begnügt, indem 412 er sich von dem Schauplätze des Streites gänzlich zurückzieht. In der großen Masse erzeugt vielleicht ein gelegentliches Abtrcten von der Bühne, weil eS an den Mitteln zum Erfolge fehlte, nur wenig Theilnahme; wer aber, obschon er unläugbare Ansprüche besitzt, dennoch eine derartige Enthaltsamkeit an den Tag legt, darf mit Zuversicht daraus rechnen, daß er für alle seine guten Eigenschaften vielleicht mehr als gebührende Anerkennung findet, obschott sie ihm mit aller Wuth des Parteigeistes abgesprochen worden wären, hätte er seinen Nebenbuhlern gegenüber eine andere Stellung angenommen. So war gewissermaßen auch die Lage des Pater Arnolph, und selbst BonifaciuS kämpfte nie gegen die natürlichen Gefühle an, die ihm der fromme Mönch einflößte, weil er die geheime Ueberzeugung in sich trug, daß dessen Tugenden, wie sehr sie auch von der Oeffent- lichkeit gewürdigt wurden, wahrscheinlichecweise mit seinen eigenen Interessen niemals in Widerstreit kommen konnten. „Du bist wohl sehr müde, frommer Prior," sagte der Abt von Einsiedeln, indem er mit zuvorkommender, schmeichelnder Aufmerksamkeit seinem Gaste einen Sitz anbot. „Dies kömmt bei mir nicht in Anschlag, durchlauchtiger Rüdiger, denn ich habe mir den Weg mit vielen guten Reden und manchen Gebeten erleichtert. Meine Pilger sind zwar erschöpft, aber doch glücklich angekommen, und haben sich jetzt der Gastfreundlichkeit des Klosters zu getrösten." „In Deinem Gefolge befand sich ein Edler, der sich in Deutschland einer hohen Achtung erfreut, hochwürdiger Arnolph?" „Er stammt aus einer alten Familie und steht bei der Welt in großem Ansehen," entgegnete der Prior mit Zurückhaltung. „Was meinst Du, Bruder BonifaciuS — allerdings dürfte eS nicht räthlich seyn, öffentlich einen Unterschied zwischen denen zu machen, welche unser Hciligthum besuchen; aber fordert nicht Gastfreundlichkeit und feinere Bildung eine Privatbegrüßung? Seid Ihr mit meiner Ansicht einverstanden, würdiger Arnolph?" 413 „Gott erkennt kein Ansehen der Person, durchlauchtiger Abt von Einsiedcln." „Kann dies Jemand besser wissen, als wir? — Aber wir machen keinen Anspruch ans Vollkommenheit und können über den beziehungsweisen Werth der Menschen nicht weiter urtheilen, als Ließ unserem Amte zukömmt. Unser Orden hat sich stets die Gastfreundschaft zur Pflicht gemacht, und wir haben das Vorrecht, uns Achtung zu erwerben; es scheint mir daher nicht nur gebührend, sondern auch klug, einem Edlen von so hohem Rufe, namentlich in einem Augenblicke, in welchem die Ketzerei wie toll um sich greift, zu zeigen, daß wir die Natur seiner Opfer nicht verkennen. Du sprichst nicht, Bruder Abt?" Der Abt von Limburg hörte mit geheimer Befriedigung zu, da seine eigenen Ansichten dem Vorschläge günstig waren. Er war eben im Begriffe, eine bereitwillige Zustimmung zu geben, als ihn Arnolph unterbrach. „Ich habe Edle unter meiner Begleitung, hochwürdiger Abt," sprach der Letztere mit Ernst; „aber auch solche, die mehr Rücksicht verdienen, als der Adel, wenn anders tiefe christliche Demuth auf Achtung Anspruch machen kann. Ich bin nicht gekommen, um von Emich von Hartenburg, sondern von Gemüthern zu sprechen, die schmerzlich gebeugt sind, erlaube mir daher, für sie die Wohlthat einer kirchlichen Tröstung zu erbitten." „Nenne Dein Begehr, Vater, und sei einer günstigen Aufnahme versichert. Doch es ist schon spät, und die kirchlichen Verrichtungen von morgen brauchen unserer wohlgemeinten Gastfreundlichkeit keinen Abbruch zu thun." „Diejenigen, für welche ich Fürsprache einlegte," sagte Arnolph, augenscheinlich verletzt, „sind bereits außen und können, wenn sie einlreten dürfen, ihre Wünsche am besten selbst Vorträgen." Der Abt deutete durch ein Zeichen seine Bereitwilligkeit an, die Gäste zu empfangen, und der Prior eilte hinaus, um sie ein- 414 zuführen, weil er sich von der Unterredung eine heilsame Wirkung auf die Gcmüther seiner Oberen versprach. Als er wieder erschien, brachte er Nlrika, Loltchen und Meta mit sich, welche ihm in der angedeuteten Ordnung folgten. Beide Aebte waren überrascht, denn eS überstieg ihr Selbstvertrauen, Gäste dieses Geschlechts zu einer so zweideutigen Stunde in den abgelegeneren Theilen der Klostergebäude zu empfangen, um so mehr, da sie wenig auf die Kühnheit der Unschuld zählten. „Dies ist gegen allen Brauch," rief der Abt von Einsiedeln. „Allerdings haben wir unsere Borrechte, frommer Arnolph, aber wir dürfen uns ihrer nur mit großer Vorsicht bedienen." „Fürchte nichts, heiliger Abt," antwortete Arnolph mit Ruhe. „Dieser Besuch ist jedenfalls eben so harmlos, als der von denen, welche Du eben vorhin genannt hast. Sprich, tugendsame Ulrika, und laß Deine Wünsche laut werden." Ulrika bekreuzte sich, und warf einen thränenvollen Blick auf die bleichen, gramvollen Gesichter ihrer Tochter und ihrer Freundin. „Hochfürstlicher und ehrwürdiger Abt," begann sie langsam und in der Weise einer Person, die sich vor den Wirkungen ihrer eigenen Worte fürchtet, „wir sind zu Eurem Hochbegnadigten Heiligthum gekommen als reuige Pilger und Bußgänger, um Sühne zu leisten für ein großes Unrecht, und die Verzeihung des Himmels anzuflehen. Die Erfüllung unserer Wünsche ist uns durch die Kirche und durch Einen versprochen worden, der größer als die Kirche ist, wenn wir ihm unsere zerknirschten Herzen zum Opfer bringen. Zn dieser Hinsicht also haben wir nur wenig anzubringen, da unser frommer Führer, der theure und gelehrte Arnolph, uns unterrichtete, so daß wir keinen der Gebräuche versäumten, wie er denn auch nicht unterließ, uns über die GemüthSstimmung zu be- lebren, die am besten für unser gegenwärtiges Unternehmen paßt. Ader hochwürdigster Abt-" 415 „Fahre fort, meine Tochter; Du wirst uns Alle hier bereit finden, Dich anzuhörcn," sagte Rüdiger wohlwollend, denn er bemerkte ihre Befangenheit, und daß fie fortfuhr, unruhige Blicke auf Lottchen und Meta zu Wersen. Mit gedämpfter Stimme, aber noch angelegentlicherem Tone nahm nun die Sprecherin ihre Rede wieder folgendermaßen auf: „Bon des Himmels Gnade geleitet will ich es thun, heiliger Benediktiner. In Allem, was unsre Wallfahrt und die damit verbundenen Obliegenheiten betrifft, vertrauten wir uns ganz dem fromme» Rathe des gelehrten und gottseligen Arnolph; er wird Euch sagen, daß von uns nichts Wesentliches verabsäumt wurde. Mit demüthiger Einfalt und zerknirschtem Herzen haben wir gebetet, gebeichtet, gefastet und die erforderlichen Sühnopfer gebracht. Wir kommen daher, um dieses Hochbegnadigte Kloster um einen Dienst zu bitten, der, wie wir hoffen, einem Christen nicht verweigert werden wird." Der Abt blickte überrascht auf, ließ aber der Sprecherin Zeit, fortzufahren. „Es hat dem Himmel gefallen, ohne vorherige Warnung einen Menschen abzurufen, der uns theuer war," nahm Ulrika mit einem abermaligen furchtsamen Blick auf ihre Begleiterinnen wieder auf, „und wir möchten die Gemeinschaft unserer lieben Frau von Einfiedeln um ihr kräftiges Gebet für seine Seele bitten." „Von welchem Alter war der Hingeschiedene?" „Gott hat ihn abgerufen in früher Jugend, hochwürdiger Abt." „In welcher Weise ist er zu seinem Ende gekommen?" „Durch eine plötzliche Kundgebung der Gewalt des Himmels." «Starb er im Frieden mit Gott und der Kirche?" „Vater, sein Ende war plötzlich und verhängnißvoll. Niemand kann wissen, in welcher Gemüthsstimmung er sich befand, als ihn der schreckliche Augenblick ereilte." „Aber lebte er nach den Vorschriften unsres Glaubens? Du 416 kommst aus einer Gegend, wo viel Ketzerei herrscht, und es ist eine Stunde, in welcher der Hirte seine Herde nicht verlassen kann." Ulrika hielt inne, denn der Athrm ihrer Freundin wurde schwer und laut. „Hochfürstlicher Abt, er war ein Christ, und ich habe ihn selbst über die Taufe gehalten. Diese demüthige Bußgängerin hier gab ihm das Leben, und von dem hochwürdigen Prior hat er oft das Sakrament der Beichte empfangen." Dem Abte wollten diese Antworten nicht sehr gefallen. Seine Brauen verdüsterten sich, und er ließ scheele Blicke von Arnolph nach den Frauen gleiten. „Kannst Du für Dein Beichtkind Bürgschaft leisten?" fragte er Plötzlich den Prior. „Seine Seele hat Messen nöthig." „War er von der Ketzerei der Zeiten angesteckt?" Arnolph schwieg und sein Inneres kämpfte einen schweren Kampf; denn obschon er BerchtholdS Ansichten nicht ganz traute, war ihm doch nichts bekannt, was ein gewissenhafter Beurtheiler als ein unzweideutiges Merkmal seines Abfalls von der Kirche deuten konnte. „Du antwortest nicht, Prior?" „Gott hat mir nicht die Gabe verliehen, im innersten Herzen zu lesen." „Ha, dies wird schon klarer. Hochwürdiger BonifaciuS, weißt Du vielleicht etwas darüber zu sagen?" Der vertriebene Abt von Limburg hatte dem Gespräche anfangs mit Gleichgiltigkeit zugehört, und bei dem Beginne von Ul- rika'S Rede hatte sogar ein spöttisches Lächeln über seine Lippen gezuckt; es verschwand übrigens, als Arnolph in'S Verhör genommen wurde, und gab dem Ausdrucke eines neugierigen Verlangens Raum, denn BonifaciuS war begierig zu erfahren, wie sich ein so gewissenhafter Mann aus der Klemme heraushelfen würde. Die unmittelbare 417 Frage übrigens nöthigte ihn, sich bei der Verhandlung zu beiheiligen. „Ich weiß Wahl, hochwürdiger und durchlauchtiger Rüdiger, daß in unsrer irre geleiteten Pfalz die Ketzerei frech um sich greift/' entgegnete er, „da sonst der Abt von Limburg kein obdachloser Gast in Einsiedeln sehn könnte." „Du hörst, meine Tochter — es ist Verdacht vorhanden, daß der junge Mensch als ein Feind der Kirche gestorben sey." „Wenn dies so wäre, so forderte der schwere Jrrthum nur um so mehr das Opfer des Gebetes für seine Seele." „Dadurch würden wir aber in Wahrheit nur dem Teufel in seinen Plänen, unsere Altäre umzustürzen, an die Hand gehen, und dies wäre eine Schwäche, der wir uns nicht hingeben dürfen. Es thut mir leid, gegen eine Person von Deinem anscheinend so frommen Eifer ein solches Bedenken erheben zu müssen, aber unsere Altäre dürfen nicht befleckt werden durch Opfer für diejenigen, welche sie verachtet haben. War der junge Mensch bei dem Falle von Limburg betheiligt?" „Vater, er starb unter dem Einsturze seiner Dächer," entgegnete Ulrika in fast unvernehmlichen Lauten, „und wir halten die Art seines Todes für einen weiteren Grund, warum für ihn außerordentliche Messen gelesen werden sollten." „Du forderst eine Unmöglichkeit. Wollten wir in Fällen so verzweifelter Ketzerei unser Mitleid walten lassen, so würden wir die Gläubigen entmuthigen und diejenigen noch dreister machen, die schon jetzt zu unabhängig auftreten." „Vater!" ließ sich eine gedämpfte, zitternde, aber hastige Stimme vernehme». „Was verlangst Du', Tochter?" fragte der Abt, sich an Loschen wendend. „Schenke dem Flehen einer Mutter Gehör. Der Knabe wurde im Schooß der Kirche geboren und erzogen, und aus Gründen, Die Heidemnauer. 27 418 über die ich nicht murren will, hat der Himmel schon früh seinen Vater und mich mit seinem Zorne heimgesucht. Wir waren reich und wurden arm; wir waren geschätzt unter den Menschen und mußten erfahren, wie weit besser es ist, auf Gott zu bauen. Wir unterwarfen uns in Geduld, und wenn wir diejenigen sahen, die vordem mit Achtung an uns hinaufgeblickt hatten und uns jetzt Geringschätzung erwiesen, küßten wir das Kind, waren dankbar und murrten nicht. Aber auch diese Heimsuchung war noch nicht genug — der Vater wurde seinen Leiden und seinem Jammer durch den Tod entrissen, während mein Sohn die Livree eines Adeligen anlegte. Ich will nicht sagen — kann nicht sagen, daß ich aus eigener Kraft alle dem gewachsen gewesen wäre. Ein Engel, in der Gestalt dieser treuen und vortrefflichen Frau, wurde mir zur Stütze gesendet. Wir hatten noch Stunden der Hoffnung und des Glücks, bis dieses Unrecht an Limburg geschah — aber dies vereitelte Alles. Mein Sohn ist gefallen unter dem gerechten Zorn Gottes, und ich bin noch vorhanden, um für ihn den Himmel anzuflehen. Wollt Ihr den Beistand der Kirche einer kinderlosen Mutter verweigern, die, wenn ihr diese Gunst willfahrt wird, bereit seyn wird, ihren Herrn zu segnen, und zu sterben?" „Du machst mich unruhig, Tochter, und ich muß Dich bitten, zu bedenken, daß mir ein hohes, ein heiliges Amt anvertraut ist." „Vater!" erscholl ein zweiter und noch ergreifenderer Nus. „Auch Du, Kind? Was begehrst Du von einem Manne, der nur zu bereitwillig wäre, euch den Willen zu thun, wenn es seine Pflicht nicht verböte?" Meta war niedergckniet, und da bei dieser Bewegung die Kapuze ihres Pilgermantcls zurückflel, enthüllte sich dem Abte ihr blutleeres Antlitz. Das Mädchen schien in herbem Kampfe mit sich selbst zu ringen und konnte erst fortfahren, als sie in dem Auge ihrer Mutter Ermuthigung las. „Ich weiß, heiliger und hochwürdiger Abt," begann sie äugen- 419 scheinlich mit der geregelten Satzbildung einer Person, welche über die Art, wie sie ihren Vortrag anbringen soll, unterrichtet wurde, „daß die Kirche der Zucht sehr benöthigt ist, weil sie sonst weder bestehen noch in Ordnung erhalten werden könnte. Dies hat mich meine Mutter gelehrt; wir beide erkennen es an und wissen diese Wahrheit zu schätzen. Aus diesem Grunde haben wir uns allen ihren Verordnungen unterworfen — haben nie versäumt im Beichtstuhl und beim Gottesdienst zu erscheinen oder die.Feier- und Festtage zu halten. Sogar der hochwürdige Abt BvnifaciuS hier wird keiner von uns beiden dieses Zeugniß versagen — — " Meta zögerte, als wolle sie den Abt auffordern, ihren Worten zu widersprechen, wenn er könne; aber Bonifacius blieb stumm. „Was den unglücklichen Todten betrifft," nahm Meta mit einer Stimme wieder auf, die wie eine wehmüthige Musik tönte, „so will ich die Wahrheit sagen. Er wurde als Christ geboren und hat in meiner Gegenwart nie etwas gegen die Kirche geredet. Ihr werdet doch nicht glauben, Vater, daß ein Jüngling, der sich um meine Gunst bewarb, durch Mittel danach trachten konnte, die kein christlich gesinntes Mädchen achten kann? Ich weiß, daß er sich oft in den Beichtstühlen der Abtei einfand und wenn Ihr diesen frommen Prior fragen wollt, so werdet Ihr hören, wie sehr er bei ihm in Gunst stand. Wenn er gegen Limburg zog, gehorchte er nur seinem Herrn, wie Andere so oft vor ihm gethan haben, und gewiß können nicht Alle, die in der Schlacht fallen, hoffnungslos verdammt scyn. Wenn es in Deutschland Ketzerei gibt, ist es nicht genug, schon im Leben einer so großen Gefahr ansgesetzt zu sehn — muß auch der Todte noch seinen vergangenen Hanvlungen überlassen bleiben ohne Beistand von der Kirche, oder ohne daß die Hinterbliebenen Freunde seiner gedenken? O Ihr werdet Euch eines Bessern bedenken, heiliger, aber grausamer Rüdiger — Ihr werdet Eure voreilige Entscheidung zurücknehmen. Gebt uns Messen für den armen Berchthold! Ich weiß nicht, was Bonifacius Euch 420 zum Boraus über den Jüngling mitgetheilt hat; aber im Angesicht der versammelten ganzen Erde müßte ich ihm das rühmliche Zeugniß geben: — einen pflichtmäßigeren Sohn, einen treueren Diener, einen Mann, tapferer in der Noth und sanfter im Umgang, ein edleres und liebevolleres Herz als das scinige gibt es in der ganzen Pfalz nichtwieder! Ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht in meinen Worten die Grenzen jungfräulicher Sittigkeit überschreite," fuhr das Mädchen mit Feuer fort, und durch ihre Thränen erglühete auf jeder ihrer Wangen ein rother Fleck; „aber die Todten sind stumm, und wenn diejenigen, welche sie liebten, kalt sind für ihre Bedürfnisse, wie sollte der Himmel ihre grausame Noth erfahren?" „Meine gute Tochter," unterbrach sie der Abt, der schmerzlich ergriffen zu werden begann, „wir wollen die Sache bedenken. Begib Dich zur Ruhe — und möge Gott Dich segnen!" „Nein, ich kann nicht schlafen, so lange ich Berchthold's Seele in dieser Gefahr weiß ! Vielleicht fordert die Kirche neue Büßungen für ihn. Meine Mutter, Lottchen, ist nicht mehr jung und kräftig wie früher; aber Ihr seht, Vater, was ich bin! Sprecht Eure Forderung aus — Wallfahrten, Fasten, Geißelungen, Gebete oder Nachtwachen — Alles ist mir recht. Nein, glaubt nicht, daß mir etwas zu schwer werden wird, und Ihr könnt mir kein größeres Glück bereiten, als wenn Ihr mir Büßungen für den armen Bercht- hold auferlegt. Oh, wen» Ihr ihn gekannt hättet, heiliger Abt — wenn Ihr wüßtet, wie liebevoll er war gegen die Schwachen, wie sanft gegen uns Jungfrauen und wie wahr in seinem Herzen — Ihr würdet — nein Ihr könntet Euch nicht weiter bitten lassen, ihm die Messen zu gewähren!" „Bonifacius, gibt es keinen Ausweg, um das Zugeständniß zu rechtfertigen?" „Ich möchte mit Dir darüber Rücksprache nehmen, Bruder," antwortete der Abt von Limburg, der mit gedankenvoller Miene den Prälaten ein wenig bei Seite nahm. 421 Die Besprechung der beiden Würdenträger war kurz, aber entscheidend. „Nimm das Kind fort," sagte der Abt Rüdiger zu Ulrika. „Man muß sich der Last des himmlischen Zorns unterwerfen." Der Prior seufzte schwer auf, winkte übrigens den Frauenzimmern, zu gehorchen, weil er einsah, daß weitere Bitten vergeblich waren. Er verließ das Gemach des Abts zuerst, und seine Begleiterinnen folgten in geduldiger Unterwerfung und ohne einen Laut der Klage. Erst als Ulrika und Lottchen in'S Freie gekommen waren, fanden sie, daß das aller Hoffnungen beraubte Mädchen, welches fie mit ihren Armen unterstützten, ohnmächtig geworden war. Derartige Anfälle waren jedoch in letzter Zeit so häufig gewesen, daß sich die Mutter nicht sehr darüber beunruhigte, und bald nachher suchten die Pilgrime auf ihren Pfühle» die Ruhe, deren sie so sehr bedurften. Siebenundzwanzigftes Kapitel. »Pfui, Onkel Beaufort — spricht nicht Deine Predigt, Der Haß sey eine große, schwere Sünde?' König Heinrich VI. Der Gastfreundschaft, welche in den Benedictinerklöstern herrschte, ist bereits in einem früheren Kapitel Erwähnung gethan worden, und Einsiedeln bildete, obschon eS ein sehr besuchter Wallfahrtsort war, von der allgemeinen Regel keine Ausnahme. Namentlich machte die Anzahl hochstehender Pilger, die sein Heiligthum besuchten, mehr als gewöhnlichen Aufwand nöthig, obschon die Befriedigung der Ansprüche stets in den Schranken blieb, die der Brüderschaft durch ihre Regel angewiesen war. Loretto hat sogar einen Palast zu Beherbergung derjenigen Fürsten, die von ihren Thronen herab- ! 422 steigen können, um in der Santa tlasa zu knieen; denn schon die Politik, edlerer Motive gar nicht zu erwähnen, fordert eine Ebnung des Pfades für diejenigen Andächtigen, welche nicht an die Bestehung von Schwierigkeiten gewöhnt sind. Trotz der abgeschiedenen und wilden Gegend also, die wir bereits beschrieben haben, hatte im Einklang mit der Ordensregel die Brüderschaft unsrer lieben Frau von Einsiedel» eine eigene Abtswohnung, Fremdenguartierc, und eben so gut volle Keller und Speisekammern, als Zellen und Gottesdienst. Ungefähr drei Stunden nach dem im letzten Kapitel beschriebenen Gespräche — eine Zeit, die uns dem Einbrüche der Nacht nähert — müssen wir den Faden unserer Erzählung wieder aus- nehmcn. Der Schauplatz ist ein Banketsaal, oder, um uns eines abgemesseneren Ausdrucks zu bedienen, ein Privat-Refektorium, in welchem der Fürstabt diejenigen zu bewirthen pflegte, denen er aus einem oder dem andern Grunde mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit und Gunst erweisen wollte. In den Verzierungen des Platzes war nicht eben viel Prunk zur Schau gestellt, denn eine nutzlose Entfaltung von Wohlstand gehörte nicht zu dem System einer Gemeinschaft, die ihren Bestand hauptsächlich frommer Freigebigkeit verdankte. Dennoch war der Saal so gut eingerichtet, als dies nur immer mit den derben Gewohnheiten der Zeit und der abgeschiedenen Gegend verträglich war — Gewohnheiten, die lieber aus den substanziellen Theil menschlicher Genüsse, als auf die ausgesuchten, verweichlichenden Erfindungen Rücksicht nahmen, welche in unseren Tagen fast unerläßlich geworden sind. Der Boden war mit nicht sehr glatten Dielen versehen, und die Wände hatten ein Getäfel von dunkeln, Eichenholz, während an der Decke ein roher Versuch, die Hochzeit von Canaa» und das Wunder der Weinverwandlung darzustellen, angebracht war. Obschon es hoch im Sommer war, flackerte doch ein Helles Feuer in einem Kamine von ungeheurem Umfang — ein Behelf, der durch die Größe des Zimmers 423 und die scharfe Bergluft nicht nur angenehm, sondern auch »oihwendig wurde. Die Tafel war geräumig und gut besetzt, indem sie namentlich in üppiger Fülle jenen gesunden, erwärmenden Saft bot, welcher den Rhein schon seit so langer Zeit bei allen Reisenden von Geschmack so hoch in Ehren bringt. An der Tafel saßen der Abt und sein obdachloser College Bonifacius, ein paar Begünstigte aus der Brüderschaft von Einsiedeln, Emich, der Ritter von Nhodus, der Abbe, Heinrich Frei und der Schmied. Elftere waren in ihre gewöhnliche Ordenstracht gekleidet, während letztere insgesammt ihre Pilgermäntel trugen also, was den Anzug betraf, nicht von einander zu unterscheiden waren. Dietrich verdankte seine dermalige Auszeichnung bloS dem glücklichen Umstande, daß er sich in so guter Gesellschaft befand, die sich vor der Hand der gewöhnlichen Merkmale ihres Ranges entschlagen hatte; und wenn je auch Bonifacius seine Stellung kannte, so enthielt er sich doch au« Gleichgiltigkeit oder Politik einer Bloßstellung. Wäre Jemand plötzlich in den Kreis dieser mitternächtlichen , Scene getreten, so würde er wohl schwerlich in der fröhlichen Zech- genofsenschaft der Stunde die müden Wallfahrer und die strengen Ordensmänner erkannt haben. Der Appetit war bereits mehr als befriedigt und schon manches Glas zu Ehren der Wirthe und der Gäste hinuntergefloffen, ehe wir die Handlung unserer Geschichte ihren Fortgang nehmen lassen. Der gefürstete Prälat nahm, wie cs seinem hohen Range gebührte, den Ehrenplatz ein, während Bonifacius rechts und der Graf von Hartenburg links neben ihm saß. Die große Rücksicht, welche der Elftere mit Recht ansprechen konnte, wie auch sein persönlicher Charakter und seine milden Manieren hatten dazu gedient, allen äußeren Schein von Freundschaft und höflichem Verkehr zwischen seinen Nachbarn aufrecht zu erhalten, so daß bis jetzt keiner von beiden auch nur die mindeste Hindeutung auf ihre frühere Be- 424 kanntschaft hatte fallen lassen. Diese feine Heuchelei, die, wie wir Grund zu glauben haben, schon sehr alten Ursprungs ist, und in welcher Albrccht von Viederbach sammt Monsieur Latouchc mit seltenem Glücke mitwirkten, trug dazu bei, auch die Gefühle der Geringern zu zügeln, da andernfalls diese, als weniger an die Gebührlichkeit solcher Täuschung gewöhnt, wahrscheinlich einigen ihrer körperlichen Leiden durch Anspielungen von aufregender und bedenklicher Beschaffenheit Luft gemacht haben würde». „Du findest unsere Weine schmackhaft?" bemerkte höflich der Abt — wie wir nun vorzugshalber stets den von Einstedeln bezeichnen wollen. „Den in dem silbernen Becher verdanken wir der Freigebigkeit Deines verstorbenen Churfürsten, der ihn ex voto wegen der Krankheit eines Gliedes seiner Familie als Opfergabe nach Einsiedeln schickte und dabei die Gnade hatte, das Schreiben an die Klosterschatzkammer mit diesem Zeichen seiner besondern Geneigtheit zu begleiten. Der aber, welcher Dir am besten zu munden scheint, ist ein nachbarliches Geschenk von unserem Bruder in St. Gallen — eines so edelmüthigen Dieners der Kirche, wie nie einer die Kutte getragen hat. Dir ist wohl bekannt, mein Sohn, daß jene blühende Brüderschaft längst der Veredelung des Weins ihre besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat?" „Du überschätzest meine geschichtlichen Kenntnisse, durchlauchtigster Abt," entgegnete Emich, indem er das Glas niedersetzte, aber in einer Weise, aus welcher sich ersehen ließ, daß er ein gutes Getränk wohl zu beurtheilen verstand. „Wir weiter unten verschwenden unsere Zeit nicht an dergleichen Studien und verlassen uns in Betreff der Wahrheit dessen, was wir hören, hauptsächlich auf die Angaben derjenigen, welche Universitäten besucht haben. Wenn der Abt von St. Gallen mit diesem edlen Safte freigebig ist, so wäre es nicht übel, unsere geistlichen Berather schickten uns gelegentlich auf Wallfahrten in diese Gegend, die nicht 425 weit von hier abgelegen seyn kann, wenn mich anders mein geographisches Wissen nicht ganz trügt." „Du hättest nicht besser rathen können, und wenn Du ein Doktor von Wittenberg oder von Rom selbst wärest. In Anbetracht unserer gebirgigen Psade, des Mangels an Brücken und anderer Bequemlichkeiten dürften etwa zwei Tage nöthig seyn, um ein Roß von unserem Klosterthore nach dem von St. Gallen zu bringen, obschon es uns in Nothfällen durch Vermittlung treuer Boten schon gelungen ist, innerhalb vierundzwanzig Stunden Nachricht zu erhalten. St. Gallen ist eine reiche, wohlbcgabte Abtei von großem Altcrthum und steht in hohem Rufe als Hafen der Wissenschaft während der dunkelsten Periode unserer neueren Zeiten, gelehrter Bonifacius, obschon die Vergrößerung der Stadt und die sich steigernden Unruhen auch sie mit den Gefahren bedrängen, denen jetzt Alle ausgesetzt stnd, welche es mit Rom halten." Dies war die erste Hindeutung auf die Ereignisse, welche in so seltsamer Weise die gegenwärtige Gesellschaft zusammengeführt hatten, und ohne die Gewandtheit und Fassung des obdachlosen Aktes hätte sie leicht zu einer nichts weniger als angenehmen Verhandlung führen können. „St. Gallen und seine Verdienste find Niemand unbekannt, der das Kleid des heiligen Benedict trägt," versetzte er mit bewundernswürdiger Ruhe. „Du hast Recht, wenn Du sagst, seine Mauern seien durch viele Jahrhunderte die einzigen Beschützer der Gelehrsamkeit in Europa gewesen; denn ohne den Fleiß und die Treue seiner Aebte und Conventualen wäre für uns und die Nachwelt unwiederbringlich verloren gegangen, was jetzt erhalten geblieben ist und hoch geschätzt wird." „Ich bezweifle nicht, hochwürdiger Benedictiner," bemerkte Emich, seine Rede höflich an den Abt sowohl, als an Bonifacius richtend, wie etwa ein Mann von Bildung bei Tafel sich mit Nachbarn zu unterhalten pflegt, die ihm sonst fremd sind — „daß die feine Wein- 426 zunge, von welcher eben die Rede war, eine Frucht der ausgezeichneten Kenntnisse ist, die Ihr so sehr erhebt." „Dies ist ein Punkt, den ich nicht vorschnell entscheiden möchte," entgegnete BonifaciuS lächelnd. „Möglich ist'S wohl; denn wir besitzen Berichte von bittere» Zwisten zwischen St. Gallen und Anderen, die sogar gleichfalls der Kirche angehören, über die guten Eigenschaften ihrer Weine." „Ja, und zwar treue Berichte," fügte der Abt bei. „Wir wissen von einem Streit zwischen dem Fürstbischof zu Basel und unser» Brüdern zu St. Gallen, der zu schlimmen Entzweiungen und schweren Verlusten führte." „Wie, wollte unser rheinischer Prälat auch Thcil daran haben und bewog ihn das Verlangen nach diesem Safte, auf eine so weite Strecke hin zu abenteuern?" „Du bist über die Beschaffenheit der Keller von St. Gallen im Jrrthume, Sohn Pilgrim. Wir haben zwar auch Weinberge, wie z. B. die am Ufer des Zürcher Sees und andere, die ich aufführen könnte, beweisen; aber unsere Landweine wärmen nur das Blut des Bauern. Wer schon Besseres gekostet hat, füllt seinen Becher selten mit einem Safte, der aus den Gegenden diesseits der Schwabengrenze kömmt — namentlich, wenn man die Weine des Rheingaus noch im Gedächtniß hat. Dagegen liegt das Gebiet von St. Gallen noch weiter von diesen gesegneten Gegenden ab, als wir." „Ich bedarf einer weiteren Aufklärung, durchlauchtigster Abt; denn es ist bekannt, daß der Basler zu uns kommt, wenn er guten Stoff haben will, während die von Euch namhaft gemachte Fehde ihn nur weiter vom Ziele abführen konnte." „Du bist wohl nicht hieher gekommen, mein Sohn, ohne auf den Lauf des Rheines geachtet zu haben, an dessen Ufern Du so lange reistest. Dieser große Strom ist zwar wild und gefährlich unter den Bergen, er dient aber doch dazu, unsere Vorräthe beizu- 427 schaffen. Vermittelst des Constanzer Sees und des NiederryeinS gelangen schwere Frachten bis zu dem Gebiet unserer Schwefler- abtei, und der Streit, van welchem wir gesprochen haben, rührte von dem Umstande her, daß der hochwürdige Bischos von Basel gerne von den Ankäufen der Abtei Zoll erhoben hätte. Du wirst Dich erinnern, Bruder," er blickte dabei nach Bonifacius hin, „daß der gute Bischof, nachdem beide der Schläge satt waren, die Frage stellen ließ, was die heilige Jungfrau gethan habe, daß die Mönche oben das Blut ihrer Leute vergäßen? — und die lustige Antwort darauf lautete: ,waS hat der heilige Gallus gethan, daß Du ihm seinen Wein vorcnthältst?<" Die Zuhörer lachten zimpferlich vor sich hin, als fänden sie diese charakteristische Erzählung belustigend; denn dergleichen Borfälle waren noch zu neu, um selbst unter den Dienern der Kirche viel anderes Nachdenken zu erregen, als eben auf die gemeinen, zeitlichen Interessen des Augenblicks Beziehung hatte. „Bei den heilige» drei Königen, hochwürdiger und durchlauchtiger Abt, Deine Erzählung gibt dem Safte eine zugäbliche Blume," versetzte Emich, dem der Streit zwischen den Kirchenfürsten viel Spaß machte; „auch dient sie außerdem dazu, die Gedanken an die schmerzenden Knochen und müden Füße zu vertreiben." „Deine Wallfahrt, mein Sohn, wird eben so sicher ihren Lohn mit sich führen, als sie beschwerlich war. Sollte sie ein Mittel werden, Dich vorderhand von den Ketzereien Deutschlands ferne zu halten, Dich und die Deinigen in ein freundlicheres Einvernehmen mit der Kirche zu versetzen, so wird die Mühe nicht verloren gewesen sehn." „Bon diesem Gesichtspunkte aus betrachte ich den Dienst," entgegnete Emich, sein Glas leerend, nachdem er den Inhalt einen Augenblick bei dem Lichte des Feuers betrachtet hatte. „St. Gallus hat Recht, und wer für eine solche Sache nicht zu den Waffen 428 greift, verdient nicht, fie zu tragen. He, Herr Frei, warum so stumm?" „Nicht mehr, hoffe ich, hochgeborner Emich, als einem Wallfahrer und einem Manne geziemt, der sich seiner Pflichten zu erinnern hat, damit seine Stadt nicht Anlaß finde, ihm Nachlässigkeit zum Vorwurf zu machen." „Bei Gott, Herr Bürgermeister, wenn Jemand Grund hat, an die Dürkheimer zu denken, so ist es der souveraine Herr dieser Stadt. Sei also wohlgemuth und laß uns die Last, die wir tragen, möglichst leicht machen — natürlich stets unter dem Wohlnehmen dieses gastfreundlichen und reich begabten Klosters, dem wir dafür dankbar sind." „Du bist ein Diener des Kreuzes?" fragte der Abt den Ritter von NhoduS, indem er ihn heranwinkte. „Nur ein unbedeutender, durchlauchtiger und hochwürdiger Rüdiger, und noch obendrein kann ich beifügen, einer, der den Verlockungen der Geselligkeit und der guten Kameradschaft erlegen ist — der Macht der Blutsverwandtschaft nicht zu gedenken. Wenn dies nicht der Fall wäre, würde mir wohl dieser Büßgang erspart geblieben seyn." „Nicht doch, ich frage nicht nach Deinem Berufe in der Absicht, Dir einen Vorwurf zu machen," unterbrach ihn der höfliche Prälat; „denn eine solche Freiheit würde sich mit der Gastfreundschaft nicht vertragen. Wir machen innerhalb dieser Mauern einen Unterschied zwischen dem Beichtstuhl und der Tafel." „Dies ist nicht mehr wie billig und verspricht, trotz aller ' Ketzereien, unsrem Glauben Dauer und fortwährende Achtung. Der Fels, an welchem dieser Bruder Luther und sein Anhang scheitern müssen, heiliger Abt — wenigstens erscheint dies meinem unstudirten Kopfe so — ist das Verlangen, den Menschen so zu verfeinern, daß er'S nicht mehr auShalten kann. Die Religion ist, wie das Nittcr- thum, in ihrer Weise gut; aber man kann weder dem Priester noch 429 dem Ritter zumuthen, daß sie zu allen Zeiten ihre Rüstung tragen. Dieser Ketzer will den Laien zu einem Münch umwandcln, während doch die Schönheit der Schöpfung in ihrer Ordnung liegt; und wer mit der Seelsorge beauftragt ist, hat genug zu thun, ohne daß er diese beständige Last auf die Schulter Solcher legt, die ohnedem schon mehr weltliche Sorgen haben, als sie tragen können." „Wären alle Uebrtgen mehr von Deiner Gesinnung, mein Sohn, so hätten wir weniger Mühe und eine bessere Zucht. Unsere Altäre sind nicht unnütz, und wenn diejenigen, welche sie besuchen, sich mit dem Gedanken begnügen könnten, daß sie völlig hinlänglich sind für ihr Bedürsniß, so würde der Welt viel Zwist undvielleicht auch manches Blutvergießen erspart bleiben. Aber, Herr Ritter und Pilgrim," fuhr der Abt fort, indem er seine Stimme zu einem vertraulicheren Tone dämpfte, „es wird mir wohl gestattet sehn, meine Ueber- raschung darüber auszudrücken, daß ich einen Mann von so gesunden und achtbaren Ansichten als Theilnehmer an dem Bußgange sehen muß, welcher wegen Gcwaltthat an einem Kloster auferlegt wurde." Albrecht von Viederbach zuckte die Achseln und entsandte einen vielsagenden Bllck nach seinem Vetter. „Was willst Du, durchlauchtiger und hochgeehrter Prälat — wir Alle sind nur Geschöpfe des Zufalls. Gastfreundlichkeit und Kameradschaft wollen ihre Rechte haben, der Ansprüche des Bluts und der Verwandtschaft gar nicht zu gedenken. Der schlimme Ausgang des Rhodischen Krieges, die Sehnsucht nach den deutschen Gefilden (denn das Vaterland zieht uns im Unglück besonders stark an) und die Gewohnheit einer unsteten Lebensweise führten mich nach dem Schlosse Hartenburg; und wenn man einmal irgendwo ist, so kann es Wohl Niemand wundernehmen, wenn der Gast keinen Anstand nimmt, dem Wirthe für einen kurzen Zug sein Schwerdt zu leihen. Du weißt wohl, durchlauchtiger Rüdiger, daß dergleichen Sprünge nicht so selten sind, um für ein Mirakel gehalten werden zu können." „Was Du sagst, ist wahr," entgegnete der Abt, der stets mit dem Ritter so zu sagen bei SeitS sprach und kein großes Erstaunen über dieses Zugeständniß von Grundsätzen an den Tag legte, die in jener Zeit gewöhnlich genug waren und, nur in anderer Form, sich auch bis auf die unsrige verpflanzt haben; denn wir sehen täglich, wie Männer in den wichtigsten Angelegenheiten der Völker lieber ihre Moralität zu Verfügung einer Partei stellen, als daß sie den Übeln Geruch auf sich lüden, es fehle ihnen an dieser Art kameradschaftlicher Zuverlässigkeit. „Was Du sagst, ist sehr wahr und kann Dir wohl bei dem Großmeister als Entschuldigung dienen. Auch Du wirst in vielem Betrachte diese Wallfahrt heilsam finden." „Ohne Zweifel, hochwürdigcr Abt. Wir hatten während der Belagerung wenig Zeit, gottesdienstlichen Verrichtungen die gebührende Aufmerksamkeit zu weihen, und die unstete Lebensweise, welche wir seit unserer Vertreibung von der Insel führen müssen, hat viele Rückstände aufwachsen lassen — eine Thatsache, deren ich mich jetzt zu erinnern bemüht bin." „Und Dein Kamerad der dort mit der sanften Miene; sieht er nicht gleichfalls in Beziehung zu der Kirche?" Albrecht antwortete flüsternd: „ES ist nur Einer, der ihr Kleid trägt, frommer Benediktiner — ein Jüngling, der sich von Graf Gmich bethören ließ; denn offen gesprochen, meinem Vetter fehlt es nicht an Politik, wie sie für seinen Stand und für die Praktiken einer weisen Regierung nöthig ist." Der Abt lächelte in einer Weise, als wolle er dadurch ein gutes Einvernehmen zwischen ihm und seinem Gefährten kundgeben. Dann unterhielten sie sich eine Weile angelegentlich bei Seite und winkten endlich Monsieur Latouche heran, nachdem sie zuvor unterschiedliche Blicke nach ihm hin entsandt hatten. Mittlerweile nahm das Gespräch unter den übrigen Gästen einen mehr allgemeinen Fortgang. „Es thut mir sehr leid, hören zu müsse», hochwürdiger Benediktiner," bemerkte der Graf gegen einen der Mönche von Einsiedeln, indem er absichtlich die Blicke des Limburger Abtes vermied, „daß Dein Kloster n»S Messen verweigert hat für die Seele eines Menschen, der in dem unglücklichen Hader fiel, welcher uns das Vergnügen verschafft hat, in so gute Gesellschaft zu gelangen. Ich liebte den Jüngling und würde gerne freigebig gegen diejenigen sehn, welche auf seinen gegenwärtigen Nothstand Bedacht nähmen." „Ist die Sache ordnungsmäßig denen vorgelegt worden, welchen das Recht der Entscheidung zusteht?" fragte der Mönch, durch die Richtung seines Blickes andeutend, daß er seinen Vorgesetzten meinte. „Wie ich höre, ist dies geschehen, und zwar in der rührendsten Weise — aber ohne Erfolg. Ich hoffe, cs hat in dieser Angelegenheit keine feindselige Einmengung stattgefunden; denn da stch'S um nicht weniger, als um eine Seele handelt, so sollte man doch mit Scheu zu Werke gehen." „Ich kenne nur eine feindselige Einmengung, und die geht von dem Vater des Nebels selbst aus, der ein Feind der Seelen ist," antwortete der Mönch in ehrlicher Ueberraschung. „Was uns betrifft, so macht es uns Freude, bei allen derartigen Anlässen nützlich zu werden, namentlich wenn das Gesuch von Freunden des Hingeschiedenen vorgebracht wird, die einer noch viel höheren Gunst würdig sind." „Hältst Du diejenigen der kirchlichen Gnade für würdig," sagte BonifaciuS finster und mit fester Stimme, „welche die Altäre Umstürzen, den Tempel mit bewaffneter Hand heimsuchen und der Kirche Trotz bieten?" „Hochwürdiger Abt! —" „Neig, er soll immerhin seinem Grosse Luft machen," fiel Emich mit Stolz ein. „Die kalte Luft und ein obdachloses Haupt sind wohl geeignet, die Gasse rege zu machen. Ich wäre gerne in Freundschaft mit Dir zusammengetroffen, Bonifacins, und nach un- 432 serem feierlichen Vertrage, wie auch nach den geleisteten Vergütungen hätte ich auch ein Recht gehabt, dies zu erwarten; aber es scheint, Deine Herrschsucht verläßt Dich nicht, selbst in der Verbannung." „Du bist im Jrrthum, wenn Du meinst, ich könne meiner selbst oder meines Amtes vergessen, roher Emich. Die Frage wurde an den Benedictiner gestellt, nicht an Dich." „So soll der Benedictiner antworten. Ich frage Dich, Vater, ist es gebührend oder gerecht, daß der Seele eines Jünglings von gutem Ruf, sittlichem Wandel und schönen irdische» Hoffnungen Hülfe verweigert werde, um des bloßen Neides einer alten Feindschaft willen, oder weil seinen Tod einige Züge begleiteten, die freilich besser unterblieben wären." „Die Kirche muß hierin für sich selbst urtheilen, edler Pilger, und die Entscheidung fällen nach den Regeln, die ihr vorgeschrieben sind." „Bei den heiligen eilftausend Jungfrauen, Du vergissest, daß alle Gebräuche beobachtet worden sind, und daß die Messen nicht wie ein Bettleralmosen begehrt wurden, sondern ehrlich in Gold bezahlt werden sollten, das man zum Besten des Jünglings ange- boten hat. Wenn in dieser Weise nicht genug geschehen ist, so schwöre ich Dir, Bonifacius — denn Dein Einfluß scheint hier stark zu sehn — daß nach meiner Rückkehr um seinetwillen weitere Opfer gebracht werden sollen. Berchthvld war mir sehr theuer, und ich möchte nicht, daß all sein Andenken unter der Asche von Limburg verloren gegangen wäre." Obschon beide in ihrer verschiedenen Weise reizbar, heftig und jedes Zügels ungewohnt waren, so fehlte cS doch weder Emich, noch Bonifacius an dem Grade von Selbstbeherrschung, welcher für Männer, die mit der Sorge für wichtige Interessen betraut sind, so nothwendig ist. Sie hatten früh gelernt, ihre Gefühle mehr oder weniger der Klugheit zu unterwerfen, und obgleich sie nicht völlig im Stande waren, eine kalte Gleichgiltigkeit über Gegenstände zur Schau zu stellen, die mit ihren Ansichten in so schroffem Widerstreit standen, so war doch ein gewisses Zusammentreffen von aufregenden Momenten nöthig, um einen oder den andern zu vermögen, daß er seine wahren Empfindungen unnöthigerweise kundgab. Ihr persönlicher Berkehr war in Folge dieser erkünstelten Mäßigung weniger ungestüm und streitsüchtig geworden, als wohl unter anderen Verhältnissen der Fall gewesen wäre, denn es kam nicht oft vor, daß beide sich genau in demselben Augenblicke bis zur Höhe des Losbrechens steigerten; wer dann noch am meisten Ruhe bewahrte, befand sich eben in der Lage, der Leidenschaftlichkeit dessen Einhalt zu thnn, der für den Augenblick den äußeren Anstand vergessen hatte. Ohne diesen Umstand aber hätte die unzeitige und übel gesetzte Frage des Grafen leicht einen augenblicklichen Bruch herbeiführen können — zum Nachtheil für die Interessen der Wallfahrer und zu nicht geringem Aergerniß der Brüderschaft von Einsiedeln. VonifaciuS hörte daher mit äußerer Höflichkeit zu und antwortete in der Weise eines Mannes, der sich mehr seines priesterlichen Amtes, als der Verunglimpfung, die er erlitten, erinnerte. „Wäre ich so glücklich gewesen, Herr Pilger," sagte er mit Ruhe, „in der Obhut der Altäre zu bleiben, die wahrlich in hinlänglicher Achtung standen, um für einen derartigen Zweck ausgesucht zu werden, so dürfte Deine Verwendung zu Gunsten des Jünglings geneigte Aufmerksamkeit gefunden haben; aber Du wendest Dich jetzt an einen Kirchenvorstand, der, gleich Dir, der Gastfreundschaft dieser hochwürdigen Brüderschaft für das Dach, das sein Haupt bedeckt, zu Dank verpflichtet ist." „Ich weiß wahrhaftig nicht," fügte der Graf bei, etwas verblüfft über diese plötzliche Demuih, „ob ich nicht, ehe ich die Seele des jungen Menschen — eines Dieners, den ich so sehr liebte — in einem solchen Nothstand aufgäbe, sogar jetzt noch eine Kapelle Die Heidenmauer. 28 434 Lauen würde, von einer Grüße und Ausstattung, wie sie seiner Stellung im Leben angemessen wäre." „Auf dem Limburger Berge, Herr Emich?" „Nicht doch, vortrefflicher BonifaciuS, Du vergißst unfern freundschaftlichen Vertrag, diese Wallfahrt, und andere Bedingungen, die redlich erfüllt wurden. Altäre dürfen sich nie wieder auf dem Limburger Berg erheben, denn wir brächen dadurch unsre Eide und Versprechungen, und das wäre eine himmelschreiende Sünde. Jndeß können Altäre und Kapellen auch anders wo bestehen. Gib uns jene Vergünstigung und erwarte von unsrem Dank und unsrer Gerechtigkeit die Belohnung." BonifaciuS lächelte, denn er fühlte seine Macht und freute sich derselben wie ein Mann, der sich bewußt war, kürzlich noch in den Händen desselben Machthabers gewesen zu seyn, der jetzt so dringlich um seine Gunst bat. Wer in unsren späteren Tagen erzogen wurde, wird den auffallenden Widerspruch wohl nicht leicht begreifen, welcher Emich von Hartenburg, den Zerstörer von Limburg, bewog, einen Mönch also anzusiehen; wer übrigens einen Charakter zu beurtheilen weiß, wird sich erinnern, wie nachtheilig die Eindrücke der Jugend sind, welche geheimnißvolle Furcht sich an die unbekannte Zukunft knüpft, und namentlich, zu welch grellem Widerstreit der Kampf zwischen Grundsätzen und Interessen — zwischen der Macht der Vernunft und den Triebfedern der Selbstsucht führt. „Du machst mir einen sehr ungerechten Vorwurf, frommer Pilger, wenn Du sagst, ich hätte unserer Eide oder unsres freundschaftlichen Vertrags vergessen," entgegnete der Benediktiner; „denn ich achte sie und erinnere mich ihrer wohl, wie Du zuletzt erkennen wirst. Bei Deinem Gesuche muß aber ein Punkt zur Sprache kommen, der augenscheinlich einem Mann von Deinem bekannten Rechtssinn und Deiner Unpartheilichkeit unwillkührlich außer Acht gekommen ist. Es ist eine wohlbekannte Thatsache, daß der Förster 435 sehr angesteckt war von den Ketzereien, die in Deutschland um sich greifen —" „Hier muß ein Jrrthum obwalten," unterbrach ihn der Graf. „Hast Du nicht unter den Theilnehmern an unserer Wallfahrt seine eigene Mutter gesehen, und glaubst Du, eine Anhängen» Luthers werde sich'S so sauer machen, um Nom zufrieden zu stellen?" „Wir sprechen von dem Kinde, nicht von der Mutter, Herr Pilger. Hätten alle, die in besseren Grundsätzen erzogen wurden, den Ansichten ihrer Väter Treue bewahrt, so wäre unsrem Zeitalter diese Ketzerei erspart geblieben. Die Abtrünnigkeit des jungen Menschen kann nur wenigem Zweifel unterliegen, sintemal ich Aeuße- rungen derselben mit eigenen Ohren gehört habe." „Wie, hast Du den Jüngling je beichten gehört, hochwürdiger Abt?" fragte Emich überrascht. „Ich hätte Dich nicht für so herablassend gehalten gegen einen Menschen von seiner niedrigen Stellung — noch, bei der Messe! ihn für so schwach, daß er im Beichtstuhl streitige Punkte berührte." „ES gibt auch noch andere Zugeständnisse, Herr Pilger, als diejenigen, welche in der Kirche oder unter dem Siegel ihrer Geheimnisse gehört werden. Es wurde früher eine Frage zwischen uns ganz freundschaftlich und in lustiger Weise bereinigt, die ich hier nicht berühren will, edler Graf." „Gewisse Weinberge betreffend," entgegnete Emich lachend. „Dis Sache liegt nicht so fern, um schon vergessen zu seyn, obschon weder mein Vetter noch der gute Abbe sich als so mannhafte Stützen erwiesen, wie ich von ihnen erwartet hatte." „Dein Förster leistete Dir bessere Dienste. Du wirst Dich auch gewisser Streitpunkte erinnern, die damals zur Sprache kamen, und jener Vergleichung, die sich der dreiste Junge erlaubte, von dem Baume, dem seine nutzlosen Zweige abgestutzt sehen, und dem, welchen man in seiner Ungestalt stehen lasse." „Willst Du eine Seele in der Gefahr des Untergangs lassen wegen ----- kleiner so unbedeutenden Rede wie diese, Herr BonifaciuS? Beim gerechten Gott, dieß läßt für meine eigene Zukunst nicht viel Gutes .hoffen. Berchthold warf in seinem Eifer für die Jutereffen seines Herrn einige Winke hin, die er sich unter andern Umständen nicht erlaubt haben würde; und außerdem, Vater — je größer der Sünder ist, desto mehr bedarf er der Messen und der Gebete." „Ich will hierin nicht widersprechen — meine Einwendung geht nicht weiter, als daß ich der Ansicht bin, diejenigen, welche sich im Leben von Luther rathen lassen, sollten sich auch darauf gefaßt halten, in seiner Vermittelung ihr ewiges Heil zu suchen." „Freunde und Pilger," sprach jetzt der Abt von Einsiedeln, der wieder an den Tisch trat, von welchem er sich ein wenig entfernt hatte, um sich rückhaltloser mit dem Abbe und dem Ritter von Rhodus besprechen zu können — „die Stunde naht heran, in welcher zu Nutz und Frommen dieser Wallfahrt eine Frühmesse gelesen werden soll. Die Glocke hat schon das erste Zeichen gegeben, und cs ist paffend, daß wir uns zurückziehen, um uns für den Gottesdienst vorzubereiten." BonifaciuS, der bereits ein Ungewitter heranziehen sah, benützte mit Freuden diese Unterbrechung und entfernte sich sogleich, während die klebrigen nach der Ordnung ihres Standes nachfolgten. Emich und sein Vetter traten mit der Gemächlichkeit von Männern ab, die eher daran gewöhnt sind. Andere warten zu lassen, als ihre Bewegungen auf Kosten der Bequemlichkeit zu beschleunigen. Wir ermahnen den Leser dieser Scene, seine Bemerkungen zurückzuhalten, bis er den Gegenstand einer reiflichen Erwägung gewürdigt hat. Indem wir schilderten, was in dem Privat-Refek- torium deS Klosters unsrer lieben Frau von Einsiedeln vorging, Wollten wir keinem besonderen Glaubensbekenntnisse, keiner Sekte und keinem christlichen Orden einen Vorwurf machen, sondern bloS die Sitten und Ansichten des Zeitalters zeichnen, in welchem unsere Erzählung spielt. Mögen die Splittcrrichter zuerst ruhig um sich 437 schauen und der nunmehrigen Gestaltung unserer Gesellschaft die nüthigen Zugeständnisse machen ; dann erst dürften ste die Frage beantworten können, ob sich nicht auch heutigen Tags gleich augenfällige Widersprüche, Inkonsequenzen, die fast eben so unvereinbar sind mit der Wahrheit, und eine fast gleich grobe, ungerechte Selbstsucht— unter den Anhängern Noms wie LuiherS ebenso gut aussprechen, wie in dem von uns geschilderten Falle. Wir können allerdings sagen, daß wir die Ansichten und Gewohnheiten unserer Vorfahren veredelt haben; indeß sind wir doch noch immer weit davon entfernt, die consequenten und gerechten Wesen zu seyn, die wir dereinst zu werden hoffentlich bestimmt sind. Achtundzwanzigstes Kapitel. »Halt an dein llrchcil; Sünder sind wir Alle/ König Heinrich VI. Änter den Sühnnngen, welche den Wallfahrern von Dürkheim und Hartenburg vorgeschrieben worden, war ausdrücklich auch der Morgengottesdienst namhaft gemacht, zu dem ste jetzt aufge- boten wurden. Man hatte den Schwächeren der Bußgänger Zeit zur Ruhe gelassen, während die Kräftigeren sich in der Weise beschäftigten , welche wir im vorigen Kapitel beschrieben haben. Gewisse Selbstgeißclnngen waren, wie für ausgemacht angenommen wurde, zu verschiedenen Perioden während der langen Reise aus der Pfalz gebührend in Anwendung gekommen. Eine Stunde, nachdem sich die Abteigäste zerstreut hatten, wallte die Processton der Benediktiner aus den Kreuzgängen in das Kirchenschiff. Obgleich die Regel dieses Ordens nicht im Rufe der Strenge stand, so kam es doch nicht selten unter den München aller Klaffen vor, daß sie bei außerordentlichen Anlässen früh ihr Lager verließe» und die Stille der Nacht mit Musik und Gottesdienst un- 438 terbrachen. Wenn der Geist so frisch von der Ruhe und in einer Stimmung, die dem Gegenstände so angemessen ist, vor die unmittelbare Gegenwart der Gottheit tritt, so muß wohl ein Weihrauch und Lobgesang, frei von den Schlacken der Menschlichkeit, jener hohen Reinheit, welche die Anbetung der Engel schmückt, weit näher kommen, als jedes andere Opfer, das der Mensch darbringt, eben weil man in einem solchen Augenblicke am wenigsten die Last der körperlichen Hülle fühlt. Sogar heutigen Tages noch beobachten die Katholiken in ihrem täglichen Gottesdienst eine Gleichförmigkeit und strenge Regel, von denen man in den Vereinigten Staaten, diesem Lande puritanischen Ursprungs, nichts weiß. Mit dem ersten Grauen des Tages wird in jedem Dorfe die Kirchthurmglocke geläutet; zu bestimmten Stunden dringt der gleiche Ruf an das Ohr eines jeden, der sich in Hörweite befindet, ihn auffordernd, seine Gedanken von der Erde ab- und im Gebete Gott zuzuwenden; und mit dem Schluffe des Tages wird die Heerde wieder aufgebolen, um sich im Geiste zu dem englischen Gruß zu vereinigen. Dieß sind schöne und ergreifende Pflichtmahnungen, welche, wenn sie mit aufrichtigem Sinne geübt werden, nicht ermangeln können, den Geist in größerer Unterwürfigkeit gegen das hehre Wesen zu erhalten, das unsere Bestimmung lenkt. In Gegenden, wo die Landleute in Dörfern zusammenwohnen, ist die Durchführung dieser Sitte leicht, und wir halten ihren Mangel für einen der größten Nachtheile der Vereinzelung unserer feldbauenden Bevölkerung, — eine Vereinzelung, in welcher auch der Grund liegt, warum wir nie zu den mancherlei Zügen jenes geselligen Verkehrs gelangen können, die dem Leben mehr oder weniger poetischen Reiz verleihen. Glücklicherweise gibt es übrigens andrerseits bei uns Vortheile, die den vorerwähnten mehr als aus- wiegen, wie dieß überhaupt bei den meisten ähnlichen Anomalicen in unseren Gebräuchen der Fall seyn möchte. Die Einrichtung einer Benedictiner-Kapelle, die Verzierung 439 ihrer Altäre und die Art, wie die Mönche ihre Stühle im Chor einzunehmen pflegten, sind schon zu oft auf diesen Blättern erwähnt worden, um hier einer Wiederholung zu bedürfen. Längst an dergleichen Uebungen gewöhnt, hatten sich die Conventualen früh an ihren Plätzen eingesunden, während dagegen diejenigen, für welche die Messe gelesen werden sollte, nicht ganz so pünktlich waren/ Ulrika, Lottchen und die übrigen Frauenspersonen traten mit einander in die Kirche; die Männer aber kamen zuletzt, wie eS gewöhnlich in Dingen der Fall ist, welche dle zarteren Gefühle berühren. Als endlich Emich und der Bürgermeister mit ihren Begleitern erschienen, sprach sich in ihrer trägen Haltung unverkennbar aus, daß sie versucht hatten, die Wirkungen des letzten Gelags wegzuschlafen und sich von ihrer Ermüdung zu erholen. Während der Messe zeigten die Begleiterinnen Lottchens und Ulrikas eine musterhafte Andacht und große Aufmerksamkeit aus den Gottesdienst, während das Gähnen des Grafen und seiner Genossenschaft, ihre unsteten Blicke und schließlich der tiefe Schlummer einiger der Männer hinreichend bekundete, daß der ätherische Theil ihres Wesens ganz und gar außer Stande war, über den materiellen Herr zu werden. Es folgte nun eine Procession aus dem Chor nach dem Heiligthume und man betete wie am vorigen Tage, die Augen auf das überirdische Antlitz der heiligen Jungfrau geheftet. Da es Jedem überlassen blieb, die Art, wie er seine beson- dern Obliegenheiten verrichten sollte, für sich selbst zu beurtheilen, so zeigte sich ein sehr merklicher Unterschied in der Zeit, welche von den verschiedenen Pilgern auf die Erfüllung der gemeinsamen Gelübde verwendet wurde. Die Frauen schienen sich mit dem Steine zu verkörpern, und es vergingen ganze Minute», während welcher ihre regungslosen Gestalten fast eben so unbelebt erschienen sehen würden als das Bild, das sie anschauten, wenn nicht je zuweilen ein Sichhebcn der Brust oder ein gelegentliches Zittern das Schaffen des Geistes im Innern angezeigt hätte. Meta 440 knieete zwischen ihrer Mntter und Lottchen, augenscheinlich mit vollem Seele in ihre Andacht vertieft. Ais ihr Blick an dem glänzenden Auge haftete, das aus der Tiefe der geheimnißvollen Kapelle, erhellt von den prächtigen und wohl angebrachten Lampen, auf sie niederstrahlte, wandelte ihre Phantasie das Bild in ein Wesen um, das durch die Wahl Gottes geheiligt und gesegnet war, und ihr edler Geist hielt an der Täuschung als an einer Hoffnungsfülle fest, die ihr Trost brachte in der eigenen Verlassenheit. Sie dachte an die Zukunft und an das Grab — an die Belohnung der Gerechten und an den Himmel, an die endlose Ewigkeit und ihre Wonne, der sie mit Zuversicht entgegensah, so daß die Erdenbande für sie immer lockerer zu werden begannen. Sie fühlte ein heiliges Verlangen, einzugehen in die Ruhe. Aber ungeachtet dieser ihrer geistigen Erhebung mischte sich doch die Gestalt Berchtholds im schmucken grünen Förstergewande, lachenden AugeS, leichten Schritts und mit heiterer Stimme in alle Bilder ihrer Einbildungskraft. Das einemal erschien er ihr als ein bärtiger Heiliger in wallenden Gewändern, wie ssie dieselben in Bildern und Statuen zu sehen gewohnt war, aber dennoch durch einen Widerspruch, den ihr Herz darein veifiocht, stets schön und jugendlich; ein andermal dachte sie sich ihn mit Schwingen begabt, wie er sich den Wesen jenes himmlischen Chores auschloß, von dem so viele Abbildungen zwischen dem Dach und dem Pflaster deS Gebäudes umherhingen. Es mag wohl manchem unserer Leser sonderbar erscheine», aber das Schaffen ihrer Einbildungskraft war in diesem ergreifenden Augenblicke so rege und lockend, daß die trauernde, liebevolle Jungfrau selten eine Stunde in heiligerer Wonne verlebt hatte, als die war, welche sie vor dem Heiligthume unsrer lieben Frau von Einsiedeln verbrachte. Ganz anders waren LottchenS Gefühle, denn an ihrem Schmerz nahm die Phantasie keinen Antheil. Sie weinte um das Kind, dem sie das Leben gegeben, um die Stütze ihres Alters und um den Stolz ihres Dasehns. Die Einbildungskraft der Mutter ließ sich 411 nicht durch Phantafleen täuschen, und keine geistige Thätigkeit war im Stande, die traurige Wirklichkeit in etwas Anderes zu verkehren, als in die bittere Wahrheit. Dennoch fand Lottchen Trost in ihren Gebeten. Der religiöse Glaube war in ihr thälig, obschon die Einbildungskraft schlummerte; denn nichts kann verschiedener seyn, als die Truggebilde der einen und die tiefe, festgewurzelte Ueberzcugung des andern. Sie fühlte sich fähig, Trost für ihren Schmerz darin zu finden, daß fie mit ruhiger, christlicher Hoffnung nach dem Jenseits blickte. UlrikaS Empfindungen unterschieden sich von denen ihrer Freundin nur dem Grade nach und durch die Eigenthümlichkeit der Umstände, welche ihre mütterliche Sorge einem noch lebenden Wesen zuwandten. Dennoch hatte sie mit ihrem wohlwollenden, treuen und warmen Herzen den Verlust BerchlholdS schmerzlich gefühlt, da er ihr nicht gleichgültig seyn konnte, selbst wenn kein anderer Beweggrund obgewaltet haben würde, als daß er der Sohn ihrer Freundin war. Sie hatte sich jedoch noch außerdem seit Jahren daran gewöhnt, ihn mit ihrer Meta vereinigt zu sehen, und empfand deshalb seinen Verlust fast so schmerzlich, als wenn fie über der Leiche ihres eigenen Kindes hätte trauern müssen. Nicht so erging es Heinrich. Die kühne muihige Unterstützung, die ihm Berchihold während des Angriffs geleistet, hatte dem Jüngling um der Geistesverwandtschaft willen, die unter den Tapferen ein kräftiges Band bildet, seine Achtung gewonnen; indcß war der Bürgermeister sein Lebenlang zu sehr von der Alles verdrängenden und unheilbaren Leidenschaft der Erwerbsliebe umgarnt gewesen, um alle seine Plane und Entwürfe, einzig auf den Antrieb eines rein edelmüthigen Gefühls hin, bei Seite zu werfen. Er würde dem Jüngling gerne etwas von seinen vielgeliebten Schätzen abgegeben haben, aber Meta war in seinen Augen Alles, und seiner Betrachtungsweise zufolge mußte cs ihm scheinen, er verschleudere sein Gold, ohne einen gleichen Werth dafür zu erhalten, wenn er die Hand 442 seiner Tochter einem Mann ohne Vermögen gebe. Manche sammeln Schätze um der Vortheile willen, die sich an den Reichthum knüpfen, Andere scharren zusammen unter dem Sporne einer gedankenlosen und fast unerklärlichen Leidenschaft, während wieder Andere ihre Mittel aufhäufen, wie Knaben ihre Schneemänner — einfach, weil cs ihnen Freude macht, zu sehen, welch' eine große Masse sie durch ihre Thätigkeit zusammenbringen können. Heinrich gehörte unter die letztere Klaffe, fand übrigens doch auch ein Behagen an den allgemeinen Resultaten des Reichthums und war, gleich Allen, welche das Geld als Zweck, nicht aber als Mittel betrachten, gewöhnt, die letzte Maßregel seiner Politik, welche den Vorrath durch eine gute Verheirathung seiner Tochter verdoppeln sollte, als den erfreulichsten und größten Handstreich eines glücklichen und gedeihlichen Lebens zu betrachten. Und doch hatte Heinrich Frei seine Augenblicke, in denen sich das natürliche Gefühl stark aussprach, und die Art, wie Meta um Berchtholds Tod trauerte, ergriff ihn in einem Grade, daß er fast geneigt gewesen wäre, zu sagen, er beklage das Geschick seines jungen Lieutenants eben so sehr um ihrer, als um seiner selbst willen. Es ist übrigens mehr als wahrscheinlich, daß der Bürgermeister alsbald zu seiner früher» Denkweise zurückgekehrt sehn würde, wenn Berchthold plötzlich hätte wieder in's Leben gerufen werden können; denn war in einem solchen Falle nicht die Wiedererweckung des jungen Försters an sich schon zureichend, den Schmerz einer ganzen Familie zu lindern? Heinrich und der Graf gehörten unter die Ersten, welche ihre bittende Stellung vor dem Heiligthum aufgaben. Sie hatten die ihnen auferlegte Anzahl von Gebeten gesprochen, stäubten ihre Kniee ab und gingen dann gleich Männern, die mit sich selbst wohl zufrieden sind, nach dem Kirchenschiffe zurück. Aber obgleich der Bürgermeister so bereitwillig war, seinen eigenen Knochen Erleichterung zu gönnen, hielt er doch ei» wachsames Auge auf Dietrich, von dem er, als von einem gedungenen Bußgänger, verlangte, daß 443 er Dürkheim in Kasteiungen und AveS für das bezogene Geld volle Gegenleistung zahle. Die meisten Kerzen im Chor waren ausgelöscht und die Gänge nur durch einige Lampen, die fast ohne Unterlaß vor den Altären etlicher untergeordneter Kapellen brannten, düster beleuchtet. Während sie den Hauptgang hinunterschrittcn, legte Emich langsam eine Hand auf die Schulter seines Begleiters, als wolle er denselben durch die ernste und bedeutungsvolle Weise dieser Gebcrde zu gespannter Aufmerksamkeit auffordern. „Es wäre mir doch lieb, wenn unserem armen Berthold von diesen Dienern unserer Frau von Einsiedeln Messen zu Gute kämen," begann der Graf. „Wenn in solchen Gebeten überhaupt eine besondere Kraft liegt, so muß dies vornämlich der Fall sehn, wenn sie von Männern gesprochen werden, welche die Hüter eines Heilig- thumS sind, von dem man sich alle diese Wunder erzählt." „Euer Wunsch, hochgeborner Mitwallfahrer und Freund, ist nur der Ausdruck meiner eigene» Herzensgedanken. Offen gestanden, ich habe, als ich meinen Rosenkranz abzählte, an wenig Anderes gedacht, als wie sich'S anfangen ließe, den hochwürdigen Herrn Abt gegen einen vernünftigen Preis zur Sinnesänderung zu bewegen, damit er der Seele des armen Jungen die Wohlthat seiner Fürbitte ehrlich zu Gute kommen lasse." „Dann hast Du keinen sonderlichen Bedacht auf das genommen, was Dich selbst hieher geführt hat, Freund Heinrich." „Sapperment, was verlangt Ihr von einem Mann in meinen Jahren und von meiner Erziehung, Herr Emich? Man wird durch das oste Wiederholen der Worte so an sie gewöhnt, daß das Herbeten der AveS ungefähr ebenso ist, wie wenn man mit den Fingern trommelt, während das Auge eine Rechnung überfliegt. Um übrigens wieder von dem jungen Menschen zu reden — wollten wir für die Messen ein höheres Angebot thun, so könnte dies den gegenwärtigen Preis nur steigern, und wir würden nutzlos in Schaden kommen; denn wie ich die Sache verstehe, kann die geleistete Zah- 444 lung IN keiner Weise den wahren Werih der Fürbitte für den Verstorbenen ändern." „Heinrich," entgegnete der Graf gedankenvoll, „wie ich höre, erklärt jener Bruder Luther dergleichen Gebete nach dem Tode für eitel und unnütz." „Das würde die Sache sehr ändern, gnädiger Herr Graf und Mitwallfahrer. Wer nur in einer so verfänglichen Sache Gewißheit hätte — denn wenn der Mönch von Mittenberg das Recht auf seiner Seite hat, so verlieren wir unser Geld umsonst; ist er aber im Unrecht, so würde die Seele des armen Berchthold um unserer Zweifel willen nicht besser fahren." „Wir Laien find in schwerer Klemme zwischen diesen beiden Ansichten, würdiger Bürgermeister, und ich möchte wünschen, daß diese Reformatoren die Frage zu einer schleunigen Entscheidung brächten. Bei der Messe! Es gibt Augenblicke, in welcher ich gerne den Rosenkranz wegwerfen und mich der Ansicht Friedrichs von Sachsen zuwenden möchte, die mir die vernünftigste und männlichste scheint. Hätte er aber Unrecht, so weißt Du wohl, Heinrich, daß uns der Vortheil der gebauten Kapellen, der gesprochenen ^vos, des oft bezahlten Goldes und des hohen Schutzes von Nom entgeht. Du siehst die Noth des armen Berchthold — und dies alles wegen einiger freien Reden." Heinrich seufzte, denn er fühlte den ganzen Nachdruck dieser Verlegenheit, und schien sich besinnen zu wollen, ehe er antwortete. Dann schmiegte er sich näher an den Grafen, gleich einem Manne, welcher fühlt, daß er im Begriffe ist, in einer verfänglichen Lage eine gefährliche Aeußerung zu wagen, und gab seine Erwiederung in Flüsiertünen ab. „Herr Graf," sagte er, „wir sind nur Staub und noch obendrein Staub von nicht sehr vortrefflicher Qualität. Die Töpfer- waare hat ihren Nutzen, wen» sie gut gebrannt und anderweitig paffend zubereitet ist; aber wozu taugt ein Mensch, wenn ihn der 445 Athem verlassen hat? ES heißt zwar, die Seele bleibe leben, und man müsse für sie sorgen. Ich will weder das eine noch das andere in Abrede ziehen; aber ist es vernünftig, mit klingelndem Geld ein Erlösungspatent zu kaufen für etwas NngreifbareS? Sehe man dort jenen Spitzbuben, den Schmied! — Vergebt, hochgebor- ner Graf — aber unsere Stadt hat den Galgenstrick gedungen, für sie Buße zu thun, und kaum sind meine Augen von ihm abgewandt, so werden seine Lippen so unbeweglich, wie die Flügel einer Windmühle in ruhiger Luft. Meine Pflicht gegen Di'nkheim fordert, daß ich ihm einen Rippenstoß gebe; dann wollen wir, mit Eurer Gnaden Wohlnchmen, tiefer in die Philosophie unserS Vorhabens eingehen." Nach diesen Worte» eilte Heinrich mit lobcnSwerther und ernster Aufmerksamkeit für die Interessen seiner Mitbürger den Gang hinab und auf den religiösen Miethling zu, den er vollkommen unbeweglich fand; auch bedurfte es wiederholten nachdrücklichen Rüttelns, bis es ihm gelang, den Schmied aus einem tiefen Schlummer zu wecken. Mittlerweile ging Emich weiter, noch immer mit seinen Gedanken beschäftigt. Er hatte das Gitter des ChorS erreicht, und war eben im Begriffe, wieder umzuwenden, als ihm eine dunkle Gestalt, die an der Seite der Thürc erschien, näher zu kommen winkte. Emich leistete Folge und fand, daß sein alter Nebenbuhler BonifaciuS seine Ankunft erwartete. Die Begrüßung dieser beiden alten Feinde war höflich, aber abgemessen. Nach kurzer Verhandlung jedoch zogen sie sich in Gemeinschaft zurück, und eS war schon Heller Tag, ehe sich der Graf von Hartenburg wieder unter den Pilgern zeigte. Die Einzelnhei- ten dessen, was in dieser geheimen Besprechung vorfiel, kamen nie vor die Oeffcntlichkeit,. obschon spätere Ereignisse Grund geben zu glauben, daß sie Beziehung hatte auf die endliche Schlichtung des langen Streits über den Fortbestand Limburgs im Jägerthal. I» der Abtei war allgemein bekannt, daß der Abt Rüdiger an der Verhandlung Theil genommen hatte und das Ergebniß ein freundliches war. In späteren Tagen wurde von Leuten, die in ihren Forschungen tiefer gingen, angedcutet, daß in diesem Streite, wie in den meisten anderen, in welchen der Schwache und Demüthige sich an die Ansichten der Großen und Starken lehnt, diejenigen, für welche die Schlacht gefochten wurde und deren augenfällige, unversöhnliche Feindschaft Zwietracht unter ihren Anhang gesät hatte, plötzlich Mittel gefunden hatten, ihren gegenseitigen Groll zu beschwichtigen und den von ihnen erhobenen Sturm, in einer Weise zu bannen, daß die Folgen meistens auf die Häupter ihrer Verbündeten fallen mußten. Dieses Endergebnis!, welches in den meisten Fällen alle diejenigen trifft, die so unklng waren, sich unauflöslich mit Freunden zu verbünden, in deren Hände man sein Geschick unbedingt geben muß, war vielleicht vorauszusehen; denn wenn ein Mann oder eine Gemeinschaft schwach genug ist, allzu rückhaltlos auf die Treue der Mächtigen zu baue», dürfen sie vornweg (mögen sie nun als Individuen oder als Nationen in Betracht kommen) sich als Werkzeuge zu Förderung von Planen ansehen, die wenig mit ihren eigenen Interessen zusammenhängen. In solchen Fällen theilen die Menschen gewöhnlich das Schicksal der Orangenschaale, welche, wenn sie ausgedrückt ist, weggcworfen wird, während vielleicht ganze Gemeinschaften denselben Wechsel zu erleiden haben, der einem Rennpferde zn Theil wird: man hätschelt und liebkost es Anfangs, spannt cs sodann an die Deichsel, und das Ende seiner Laufbahn ist gemeiniglich der Pflug. Während Bonifacius und Emich ihren geheimen Vertrag in einer Weise abschloßen, wie Ersterer ihn bei dem dermaligen Zustande Deutschlands nicht besser erwarten konnte, während zugleich auch der Letztere befriedigt wurde, nahmen die SühnungSfcierlich- keiten ihren Fortgang. Aus seinem Schlafe aufgestört, bemühte sich Dietrich, die verlorene Zeit durch erneuten Eifer wieder ein- 447 zubringen, und der Bürgermeister selbst, welcher fürchtete, die Nachlässigkeit des MiethlingS könnte Unglück über die Stadt bringen, schloß sich der Partie mit so viel Emsigkeit an, als habe er bis jetzt noch gar nichts zu Erreichung ihres Wallfahrtszweckes gethan. Die Sonne hatte sich schon weit gegen Westen gesenkt, als die Pilger wieder ihre Wanderung nach der Pfalz antraten. Pater Arnolph stellte sich abermals an ihre Spitze, und sowohl von dem Abt gesegnet, als wieder in Gnaden bei der Kirche, ging der ganze Zug, wenn auch nicht mit erleichterten Herzen, so doch mit erfrischten Körpern, neu erwachter Hoffnung und wesentlich verkleinerten Packe» seines Weges. Als sie das Ende der Ebene erreichten, wo sie noch einmal die Abtei überblicken konnten, machten Ulrika und Lottchen Halt. Die beiden Frauen, Meta und überhaupt die meisten Theilnehmer an dem Pilgerzuge beteten hier lange und brünstig — oder schienen es wenigstens zu thun. Nachdem sie sich wieder von ihren Knieen erhoben hatten, näherte sich der Prior, der die ganze Zeit seines Aufenthalts im Kloster religiösen Uebungen geweiht und für seinen Geist eine Erfrischung geholt hatte, welche im Verhältniß zu der Aufrichtigkeit seines Glaubens stand — mit Blicken, die von heiliger Hoffnung strahlten, und einem Antlitze, das den inneren Frieden seiner Seele wiederspiegeltc — der Hauptgruppe der Frauen. „Meine Töchter," begann er, „wir find jetzt im Begriffe, für immer von dem Heiligthume unserer lieben Frau von Einsiedeln Abschied zu nehmen. Wenn ihr etwas gesehen habt, was geeignet wäre, der hohen Erwartung, mit welcher sich die frommen Gläubigen diesem geheiligten Altar zu nähern pflegen, Abbruch zu thun, so schreibt es auf Rechnung der Gebrechlichkeit, welche von der menschlichen Natur nicht zu trennen ist, und habt ihr ans euern Opfern und Gebeten Trost und Ermuthigung gewonnen, so mögt ihr dies mit Zuversicht der Güte Gottes beimeffen. Und Du, mein 448 Kind," fügte er mit väterlicher Zärtlichkeit gegen Meta bei — „Dil hast schon schwere Prüfungen erstanden in Deinem jungen Leben; aber Gott ist mit Dir eben so gut, als er in jenem blauen Himmelszelt, in jener Sonne geschmolzenen Goldes, in jenen Eismassen, die sich gen Himmel auflhürmen, und in allen seinen Werken ist, die unseren Augen so herrlich erscheinen. Wende Dich mit mir nach jenem Berge, der von seiner Gestalt den Namen ,Insul* trägt. Betrachte ihn wohl — sichst Du nichts Besonderes daran?" „Es ist eine schroffe, traurige FelSmaffe, Bater," antwortete Meta. „Bemerkst Du sonst nichts — dort, auf dem höchsten Gipfel?" Meta schaute aufmerksam hin, denn in Wahrheit schien sich auf der obersten Spitze ein Gegenstand zu befinden; er war aber so klein und sah so sehr einer Linie gleich, daß sie Anfangs mit der Hand über ihr Auge fuhr, um etwa ein fliegendes Haar zu- rückzuflreifen. „Vater," rief das Mädchen, ihre Hände zusammenschlagend, „ich erblicke ein Kreuz." „Dieser Fels ist ein Bild von GolteS ewiger Gerechtigkeit — jenes Kreuz das Unterpfand seiner Gnade und Liebe. Geh Deines Weges, meine Tochter, und halte an der Hoffnung." Die Pilger wandten sich um und stiegen in gedankenvollem Schweigen den Berg hinan. Noch am nämlichen Abende setzten sie über den See und übernachteten in den alten Mauern der romantischen Stadt Rapperschwyl. Am folgenden Morgen brachen sie, da die Wallfahrt jetzt glücklich vollendet war, weiter nach ihren ferne» Wohnstätten auf und fuhren in Booten den Rhein hinab. Nennundzwanzigfteö Kapitel. „Doch du bist Erde — du kannst nur begreifen, Was selber Erde war; dies sollst du schauen.' Cain. Äe Rückkehr der Pilger war ein glücklicher Augenblick für Alle, die in Dürkheim wohnten. Während ihrer langen Abwesenheit waren viele Gebete für sie gen Himmel gestiegen, und manches «»bestimmte Gerücht von dem Fortgang und Erfolg ihrer Wallfahrt wurde mit Begier von ihren Freunden und Mitbürgern aufgegriffen. Als letztere jedoch den Bürgermeister und seinen Begleiter wirklich durch die Thore einziehen sahen, eilten sie in geschäftiger Freude hin und her, und in die Begrüßungen mischten sich, namentlich bei dem zarteren Geschlechte, viele Thränen. Emich mit seinem Gefolge ließ sich nicht blicken, sondern hatte einen Privatweg nach der Veste Hartenburg eingeschlagen. Die einfachen und, trotz ihres Schwankens, noch immer katholischen Bürger hatten sich, so lange der Büßgang währte, in Betreff der Früchte ihrer kühnen Politik vielen Zweifeln hingegeben. Ähre Stadt lag in einer Gegend, die vielleicht in dieser Stunde noch reicher an abenteuerlichen Legenden ist, als irgend eine andere von gleicher Ausdehnung in Europa, und man kann sich leicht denken, daß unter solchen Umständen die Einbildungskraft von Leuten, die so zu sagen im Aberglauben erzogen worden waren, nicht unthätig blieb. In der That trug man sich durch die Stadt, im Thale und auf der Ebene mit zahllosen, unheimlichen Gerüchten. Einige sprachen von feurigen Kreuzen, die Nachts über den Mauern der gefallenen Abtei glühten, — Andere flüsterten von mitternächtlichen Chorgesängen und gespenstischen Processionen, die mau unter den zertrümmerten Thürmen gehört oder gesehen hatte, — während uamenilich ein Bauer hoch und heilig beiheuerte, er habe mit dem Die Heidenmauer. Lg 450 Geist des Pater Johann Zwiesprache gehalten. Diese Sagen fanden ein gläubiges Ohr oder nicht, je nach der Fähigkeit der Zuhörer; auch trug man sich mit einer andern Erzählung, die von so bestätigenden Umständen begleitet war, daß vorübergehend auch die Gcmülher derjenigen beunruhigt wurden, die sonst wenig geneigt waren, Ereignissen von mirakeihafter Natur Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Bauer sollte, als er im Forst einen wenig besuchten Pfad ging, Berchthold begegnet seyn, der in seine grüne Tracht gekleidet war, Jagdhorn und Mütze trug, und seinen gewöhnlichen Hirschfänger an der Seite hatte — kurz, ganz so, wie er dem Leser auf einem früher« Blatte dieser Geschichte vorgestellt wurde. Der Erzählung nach war der Jüngling in heißer Jagd auf einen Rehbock begriffen und von der eifrigen Verfolgung ganz roth gewesen. Von Zeit zu Zeit habe er in sein Horn gestoßen. Die Hunde waren in seiner Nähe und gehorchten, wie gewöhnlich, seinem Ruf; überhaupt war die Erscheinung ganz so beschrieben, daß sie die meisten Züge aus der täglichen Beschäftigung des Försters in sich faßte. Hätte die Sage hier geendet, so wäre sie wohl unter tausend andern ähnlichen Wundererscheinungcn, die man sich in jenem abergläubischen Lande erzählte, eine Weile mitgelaufcn lind dann vergessen worden. Es knüpften sich aber positive Umstände daran, die in einer unbestreitbaren Weise zu den Sinnen sprachen. Man vermißte nämlich schon seit einigen Wochen die zwei LicblingShunde des Försters, und von Zeit zu Zeit hörte man in den Forsten ein von den Bergen wiederhallendes Gebelle, das unläugbar dem ihrigen glich. Diese außerordentliche Bestätigung der Erzählung des Bauern siel in die Woche, welche der Rückkehr der Pilger voranging. Letztere fanden daher ihre Mitbürger in großer Aufregung, denn am nämlichen Tage war fast halb Dürkheim in dem Paffe des Hardt- gebirgcS gewesen, den wir in dem Einleitungskapitel dieses Werks schilderten, und hatte mit eigenen Ohren das tiefe Gebell der 451 Hunde gehört. Erst nachdem die Bewillkommnung der Wallfahrer vorüber war und im Laufe des darauf folgenden Abends erfuhren die Pilger diesen ungewöhnlichen Umstand, der übrigens auch Emich zu Ohren kam, noch ehe er die Schwelle seines Schlosses überschritt. Am folgenden Tage bot Dürkheim ein Bild erfreuter, aber doch zugleich geängstigter Aufregung. Die Bevölkerung fühlte sich glücklich in der Rückkehr ihrer für die Wallfahrt auserlesenen Freunde, konnte sich aber doch den wunderbaren Vorfall mit de» Hunden und die abenteuerlichen Gerüchte, die sich daran knüpften, nicht aus dem Sinne schlagen — Gerüchte, die mit jeder Stunde mehr Gewicht fanden durch bekräftigende Einzelnheiten aus verschiedenen Quellen. Am nämlichen Morgen früh hatte sich ein neuer Vorfall zugetragen, der die Aufregung erhöhen half. Seit Zerstörung der Abtei hatte es Niemand gewagt, sich den wankenden Mauern zu nähern. Zwei Bauern deS Jägerthals hatten zwar, durch Habsucht gereizt, heimlich den Versuch gemacht, waren aber wieder zurückgekehrt und erzählten nun von seltsamen Gesichten und schrecklichen Tönen unter den Trümmern. Das Gerücht dieses FehlschlagenS in Verbindung mit einer doch nicht ganz vertilgbaren Achtung vor Altären, die so lange hohe Verehrung genoffen hatten, sicherte den Platz wirksam gegen ähnliche Unternehmungen. Die unheimliche Sage schloß auch die Heidenmauer mit eint denn durch eine Verwirrung der Vorfälle, welche bei Volksgerüchten nicht ungewöhnlich ist, war die Erzählung JlseS über den Zug des bewaffneten Haufens durch die Cedern in der Nacht deS Angriffs — natürlich kam auch noch das allgemeine Mistrauen dazu, welches sich an den Platz knüpfte — dermaßen verdreht und ausgeschmückt worden, daß sich Niemand mehr dem alten Lager zu nahen wagte. Einige sagten, sogar die Geister der Heiden seien durch die Kirchenschändung aus einem Schlaf von Jahrhunderten geweckt worden, während Andere die Meinung aufstellten, da der Eremit bekanntermaßen bei dem Brande umgekom- 452 men sei, so müsse der Ort verflucht sehn. DaS Geheimniß des wahren Namens und die Geschichte des Klausners waren nun unter dem Volke in Umlauf gekommen, und die Leute brachten daher die letzten Ereignisse mit früheren Vergehungen auf eine Weise in Verbindung, baß bald eine Theorie gebildet wurde, um ihren eigenen Hang für das Wunderbare zu befriedigen, obschon sie, wie in den meisten Fällen sogenannten übernatürlichen Wirkens, vor einer streng logischen Forschung schwerlich Stich gehalten hätte. In der Nacht, welche der Rückkehr,der Pilger folgte, fand unter dem Magistrat eine ernste Berathung in Betreff aller dieser außerordentlichen Sagen und Geschichten Statt. Die Unruhe hatte sich zu einer sehr unbequemen Höhe gesteigert, und eS handelte sich nun ernstlich »m die Frage über die besten Mittel, sie zu beschwichtigen. Keiner der anwesenden Rathsherrn fühlte sich frei von der allgemeinen Unbehaglichkeit, obschon sie, wie es gewöhnlich bei Männern von Rang und Würden der Fall ist, eine Zuversichtlichkeit zur Schau trugen, die ihrem Innern fremd war. Solchergestalt wurde also die Angelegenheit verhandelt und entschieden. Wir müssen statt aller Erklärung aus die folgenden Ereignisse verweisen. Die Sonne hatte eben ihre warmen Strahlen in das Thal zu ergießen begonnen, als sich die Dürkheimer Bevölkerung mit wenigen Ausnahmen vor dem Thore sammelte, welches der Graf von Hartenburg so unhöflich erbrochen hatte. Hier wurden die Leute von dazu bestellten Bürgern in die bei kirchlichen Processionen übliche Ordnung gebracht. Voran gingen die Pilger, denen man wegen ihrer kürzlich«« Wallfahrt besondere Bedeutung beilegte; dann kam die städtische Geistlichkeit mit den gewöhnlichen Sinnbildern katholischer Gottesverehrung — hinter ihnen die Bürgerschaft, und zuletzt der Schwanz von Weibern und Kindern ohne sonderliche Aufmerksamkeit auf Ordnung. Nachdem Alles gebührend besorgt war, begann der Zug unter dem Gesänge der Chorknaben und schlug die Richtung nach Limburg ein. 493 „Dies ist eine kurze Wallfahrt, Bruder Dietrich,* sagte der Bürgermeister, der in seiner Eigenschaft als Christ von besonderer Heiligkeit noch immer den Schmied zum Ncbengäklger hatte, „die uns schwerlich müde Beine machen wird. Freilich, wäre die Stadt so thätig und treu gewesen, wie wir, die wir das ferne Gebirge besuchten, so würden wir wohl diese kleine Geschichte von ein paar bellenden Hunden und einigem mitternächtlichen Stöhnen in den Trümmern der Abtei schon bereinigt vorgefunden haben; aber eine Stadt ohne ihr Haupt ist wie ein Mensch ohne Verstand." „Ihr glaubt also, hochedler Heinrich, es sei nicht schwer, uns Von diesem Teufelsgeschrei und von den ungebetenen Gästen zu erlösen? Was meine eigenen besonderen Dienstleistungen dabei betrifft, so will ich nur erklären, daß ich weit lieber eine längere Reise gegen einen menschlicheren Feind machte, obschon meine Füße von dem bereits Geleisteten gehörig wund sind." „Geh' mir weg, Schmied, Du wirst doch nicht mehr als die Hälfte von dem, was Du gehört hast, glauben? Diese Bereitwilligkeit, auf müßige Gerüchte zu achten, bildet einen Hauptunterschied zwischen dem Lumpen und dem guten Haushälter — dem Mann der Schwäche und dem Mann der Weisheit. Wenn eS zwischen einer Magistratsperson und einem Handwerksmann schicklich wäre, so wollte ich Dir eine Wette anbieten, daß die Sache ganz anders auSfallen wird, als Du erwartest; und ich halte Dich nicht für einen Menschen, Dietrich, der bereitwillig jede Lüge verschluckt, die man ihm hinbictet." „Wenn Euer Gestrengen mir nur andeuten wollte, was ein ehrlicher Mann in Wahrheit glauben darf —" „Ja, stehst Du Schmied, ich will Dir Alles mittheilen, was ich mir von der Frage verspreche, und wenn wir einen Monat lang jagten und erorcirten. Man wird finden, daß nirgends ein Rudel von Hunden vorhanden ist, gleichviel, ob los oder an der Schnur, sondern höchstens «in Hund oder zwei, die nun behert sehn mögen oder 45t picht, wie sich eben der Fall auSweisen wird. Ferner wirst Du sehen, daß dieses Mährlein von Vater Johann, welcher den jungen Berchthold hetzt, während der Junge seinerseits einem Rehbock nachjagt, nichts ist, als eitel Erfindung, sintemal der Mönch wohl der letzte Mann wäre, sich zu einer solchen vagabundischen, lärmenden Spitzbüberei herzugeben. Und was den Förster betrifft, so setze ich mein Leben daran, daß sein Spucken in nichts weiter bestehen wird, als in Fußspuren oder vielleicht einigen anderen bescheidenen Andeutungen, seines Verlangens nach den Messen, die ihm von den Benediktinern verweigert wurden; denn ich kenne keinen Menschen, der weniger geeignet wäre, die Nachbarschaft unnöthigerweisc mit seinen eigenen Angelegenheiten zu molesttren, als den Berchthold Hintcrmaher, mag er nun lebendig seyn oder tobt." Ein allgemeines Zusammenfahren und ein Gemurmel unter seinen Begleitern bewog Heinrich, seinen Erklärungen ein Ziel zu stecken. Der vordere Theil der Procession hatte jetzt die Schlucht erreicht, und wie er eben in das Thal cinbiegen wollte, ließ sich das Trampeln vieler Pferdehufe vernehmen. Gefühle, die ohnehin so hoch gesteigert waren, konnten leicht bis zu einem peinlichen Grade erregt werden, und Alles schien irgend eine übernatürliche Schaustellung zu erwarten. Ein Staubwirbel fegte jetzt um den Bergvorsprung, und endlich kam Graf Emich mit einem Trupp wohl- berittener Diener aus der Wolke. Es war so gewöhnlich, derartigen religiösen Processionen zu begegnen, daß der Graf keine Ueberraschung an den Tag gelegt haben würde, wenn er nicht den Grund gekannt hätte, der die Bevölkerung Dürkheims bewog, ihre Mauern zu verlassen; da er aber bereits von ihrer Absicht unterrichtet war, so stieg er hastig ab und näherte sich dem Bürgermeister mit der Mütze in der Hand. „Du ziehst auss Geisterbannen aus, wohlweiser Heinrich," sagte er, „und die Liebe zu meiner Stadt hat unsere Schritte beflügelt, damit denen, welche ich hochschätze, keine Ehrenbezeugung oder Aufmerksamkeit abgehe. Hast Du Platz unter Deinen Wallfahrern für einen armen Niiter und seine Freunde?" Das Erbieten wurde mit Freuden angenommen, denn der Muth wuchs bei jedem Anschein von Verstärkung. Emich wurde daher, obschon er die Tracht eines CavalicrS trug, bereitwillig unter die übrigen Wanderer ausgenommen. Der Aufenthalt, welchen diese Unterbrechung zur Folge hatte, nahm sein Ende, und die Procession oder vielmehr das Gedränge — denn die Hast der Beklommenheit und Neugierde hatte fast alle Ordnung unterbrochen — begann den Berg hinanzusteigen. Sie fanden die Trümmer von Limburg, damals noch neu und von Rauch geschwärzt, in tiefem Schweigen und gänzlicher Verödung. Dem Aeußeren nach zu urlheilen, hatte ste kein Fuß betreten seit dem Augenblicke, als die Bande der Angreifer nach einem tumultuarischen Triumphe, der durch die schauerliche Cata- strophe der einstürzenden Dächer sosehr abgekühlt worden war, durch die Thore strömte. Wenn jener Haufe sich in der Erwartung eines wüthenden Angriffes der Abtei genähert hatte, so rückte der gegenwärtige Zug langsam und in der bangen Besorgniß heran, daß er wohl Zeuge sehn dürfte irgend einer fürchterlichen Kundgebung übernatürlicher Gewalt. Beide sahen sich gleichermaßen in ihren Erwartungen getäuscht. Der widerstandlose Sieg der Angreifer ist bekannt, und die Prozession konnte ungehindert weiter ziehen, obgleich manche Stimme im Gesang zitterte, als sie die verwüstete und öde Kirche betraten. Es fiel übrigens nichts vor, was ihre Angst hätte rechtfertigen können. Durch die tiefe Ruhe ermuthigt und im Verlangen, ihre persönliche Erhebung über den Pübelschrecken an den Tag zu legen, befahlen der Graf und Heinrich dem Gedränge, in dem großen Gange der Kirche zu bleiben, während sie sich mit einander in den Chor begaben. Jeder Schritt zeigte die gewöhnlichen Merkmale einer heftigen Feuersbrunst, aber außerdem nichts Ungewöhnliches bis sie den eingeäscherten Altar erreichten. „Himmel!" rief der Bürgermeister, indem erhastig seinen edlen Freund am Mantel zurückriß. — „Euer Fuß war im Begriff, die Gebeine eines Christen zu entehren, Herr Graf — denn ein Christ war Pater Johann ohne alle Frage, obschon er mehr auf's Verdammen hielt, als auf Liebe und Erbarmen!" Emich wich scheu zurück, denn er bemerkte in Wahrheit, daß er mit unbedachtem Tritte beinahe diese schauerlichen Neberreste der Sterblichkeit zerdrückt hätte. „Hier starb ein wahnsinniger Schwärmer!" sagte er, indem er das Gerippe mit der Spitze seines in der Scheide steckenden SchwerdteS bei Seite streifte. „Und da ist er noch immer, hochgeborner Graf! — dies bereinigt mit einemmale die Frage von dem Mönch, der den jungen Berchthold durch den Wald und die Cedern der Heidenmauer hetzt, und es würde Wohl gut seyn, diese Neberreste dem Volke zu zeigen." Die Andeutung fand Beifall und die Nebligen wurden aufgefordert, sich persönlich zu überzeugen, daß Pater Johanns Gebeine noch an derselben Stelle lägen, wo er gestorben war. Während die Neugierigen und Furchtsamen sich ihre Ansichten über diese Entdeckung zuflüsterten, stiegen die beiden Führer nach der Gruft nieder. Dieser Theil des Gebäudes war am wenigsten der Einwirkung des Feuers ausgesetzt gewesen. Geschützt durch das obere Pflaster und ganz aus Stein gebaut, hatte er keine wesentliche Beschädigungen erlitten, diejenigen ausgenommen, welche durch die Schmiedehämmer verübt worden waren. Trümmer der Grabmäler lagen überall umhergestreut, und da und dort hatte ein Rauchwirbcl seine Spuren an den Wänden zurückgelaffen; aber Emich erkannte jetzt mit Bedauern, daß er die Zerstörung des Altars und der übrigen Denk- 457 mäler seines Geschlechts nur seiner eigenen Nebereilung zu danken hatte. „Ich will Sorge tragen, daß die Gebeine meiner Väter anderswo beerdigt werden," sagte er gedankenvoll. „Dies ist keine Grabstätte für ein geehrtes Geschlecht." „Hum! — Sie haben lange und in Ehren gemodert an der Stelle, wo sie liegen, Herr Graf, und es dürfte wohl am besten sehn, man ließe sie unter den alten Marmorplatten liegen. Freilich haben unsere Handwerker eine ganz ungewöhnliche Behendigkeit in diesem Theile ihres Geschäfts an den Tag gelegt — es geschah ohne Zweifel zu Ehren eines erlauchten Hauses." „Kein Glied meiner Familie soll in Mauern schlafen, welche durch die Benediktiner verflucht wurden! Horch! — Was ist dies für ein Getümmel oben, guter Heinrich?" „Meine guten Städter haben ohne Zweifel die Gebeine des Einsiedlers und des jungen Berchtbolds aufgefunden. Wollen wir nicht hinaufgehen, Herr Graf, und Sorge tragen, daß ihren lleber- resten die gebührende Ehrerbietung bezeugt werde? Der Förster hat Ansprüche an uns Alle, und was Odo von Nitterstein betrifft, so erscheint heutigen Tags sein Verbrechen in einem viel milderen Lichte. Außerdem war er in seiner Jugend mit Ulrika verlobt." „Heinrich, Dein Weib war sehr schön — sie hat viele Verehrer gehabt." „Bitte um Verzeihung, edler Graf — ich habe nie von einem andern gehört, als von dem armen Odo und mir selbst. Der Er- stere hat sich durch seine eigene Tollheit das Spiel verdorben, und was den Letzteren betrifft, so ist er just so, wie der Himmel ihn zu machen beliebt hat — vielleicht eine unbedeutende Person als Liebhaber und Ehemann, wenn Ihr so wollt, aber doch ein Mann von einigem Credit und Vermögen unter seines Gleichen." Der Graf wollte sich mit seinem Freunde über den Besitz dieser Eigenschaften nicht streiten, und sie verließen mit dem gemeinsamen Wunsche die Gruft, den Neberrestcn des armen Berchthold die gebührende Achtung zu erweisen. Zu ihrem großen Erstaunen fanden ste die Kirche verlassen, aber ans dem Geschrei von Außen ließ sich leicht entnehmen, daß irgend ein ungewöhnlicher Vorfall die Mitglieder der Procession in Masse verscheucht haben mußte. Neugierig, den Grund einer so unerwarteten Störung zu erfahren, eilten die zwei Hauptpersonen—denn Heinrich kann noch immer so genannt werden — so schnell, als eS unter den Trümmern gehen wollte, den großen Gang nach dem Hauptportale hinunter. In der Nähe des letzteren trafen sie abermals auf den erschütternden Anblick des verkohlten Mönchsskeletts, das man augenscheinlich unter dem Einflüsse plötzlicher nnd großer Verwirrung hatte fallen lassen. „Himmel!" murmelte der Bürgermeister, während er dem Grafen nacheilte, „sie haben die Gebeine des BenedictinerS zurückgelassen! — Jst'S möglich, Graf Gmich, daß nach all unsrem Unglauben irgend ein feuriges Mirakel diese Furcht veranlaßt hat?" Emich antwortete nicht, sondern trat mit der Miene eines beleidigten Herrn in den Hof; sein erster Blick auf die Gruppe aber, welche jetzt durch die Trümmer der kleineren Gebäude wogte, von wo aus man das umgebende Land und namentlich Theile des nahen Berges der Heidenmauer überschauen konnte — überzeugte ihn, daß dies kein Augenblick war, um Aeußerungen von Mißfallen kund zu geben. Er kletterte das zusammengestürzte Gestein hinan und gelangte auf einen Mauerrest, umgeben von fünfzig stummen verwunderten Gesichtern, unter denen er mehrere seiner eigenen zuverlässigsten Leute erkannte. „Was bedeutet diese Mißachtung des religiösen Dienstes und das plötzliche Zurücklaffen der Neberreste des Mönches?" fragte der Graf, sich vergeblich umschanend, da er hoffte, durch seine Sinne schnellere Aufklärung zu finden. „Hat der Herr Graf nichts gesehen und gehört?" murmelte sein nächster Dienstmann. 459 „WaS — Schurke? Ich habe nichts gesehen, als blaffe, zitternde Narren, und nichts^gchört, als das Klopfen von Memmen- herzen. Willst Du mir Aufklärung geben, Spitzbube? — denn obschon eine Schelmenhaut, bist Du doch wenigstens kein Feigling!" Diese Rede des Grafen war an Gottlob gerichtet. „Eine Erklärung dürfte nicht so leicht sehn, als Ihr zu glauben scheint, Herr Graf," entgegnete der Kuhhirte mit Ernst. „Die Leute sind in solcher Hast hieher gekommen, weil sie das Gebell der übernatürlichen Hunde gehört, und Einige sagen, die Gestalt des armen BcrchtholdS habe sich wieder blicken lassen!" Der Graf lächelte verächtlich, obschon er den Sprecher gut genug kannte, um durch die Beklommenheit überrascht zu werden, die sich unzweideutig in dessen Gesichte ausdrückte. „Du warst mit meinem Förster gut bekannt?" „Graf Emich, wir waren Freunde, falls ein Mann von meiner geringen Stellung sich dieses Worts bedienen darf, wenn er von einem Jüngling spricht, der die Ehre hatte, so nah' um die Person unsres Gebieters zu sehn. Wie es bei der seinigen der Fall war, hat auch meine Familie vordem bessere Tage gekannt, und wir trafen oft auf den Jagdgründen zusammen, über welche ich ziehen mußte, wenn ich mein Vieh auf die Waide oder nach Hause trieb. Ich habe den armen Berchthold geliebt, hochgeborner Graf, und sein Andenken ist mir noch immer theuer." „Ich glaube. Du hast bessern Stoff in Dir, als man wohl aus manchen einfältigen und müßigen Handlungen, die Du Dir zu Schulden kommen ließest, glauben sollte. Ich erinnere mich, daß Du bei unterschiedlichen Gelegenheiten guten Willen zeigtest, und weiß namentlich noch Wohl, wie geschickt Du die Signale anbrachtest in der Nacht, als diese Mauern umgestürzt wurden. Du sollst daher an die Stelle treten, die durch das unglückliche Ende meines Försters erledigt wurde." Gottlob versuchte, seinem Gebieter zu danken, war aber zu 1 . -160 sehr von Schmerz ergriffen über den Verlust seines Freundes, um in seiner eigenen Beförderung Trost zu finden. „Meine Dienste stehen Euer Gnaden steis zu Gebot," antwortete er; „aber obgleich ich bereit bin, Euern Befehlen Folge zu leisten, möchte ich doch wünschen, daß Berchthold noch hier wäre, um für mich zu thun, was —" „Stille — hört!" — riefen hundert Stimmen. Emich stutzte und beugte sich in gespannter Aufmerksamkeit vorwärts. Der Himmel war klar und wolkenlos, die Luft der Berge so rein, wie der milde Wind und eine strahlende Sonne sie nur machen konnten. Von solchen Umständen begünstigt und in Mitte des Schweigens, das beredt über der Landschaft alhmete, tönte durch das Thal hin das wohlbekannte Gebell von Jagdhunden auf der Witterung. Niemand durfte es zu jener Zeit wagen, in diesen Gegenden der Jagd obzulicgen, wie denn überhaupt Niemand mit den Mitteln dazu versehen war, als der Lehensherr. Seit den letzten Ereignissen waren die Jagdgründe des Letzteren unbepürscht geblieben, und der Tod Berchtholds, welcher sich in diesem Betracht eines ausdrücklichen Vorrechts erfreute, hatte sie zurückgelaffen, ohne daß ein Anderer da gewesen wäre, welcher cS hätte wagen dürfen, sein Beispiel nachzuahmen. „Dies ist jedenfalls sehr kühn!" sagte Emich, nachdem dar Gebell verhallt war. „Hat Jemand in der Umgegend Hunde von dieser edlen Zucht?" „Wir haben nie davon gehört." „Niemand würde es wagen, dergleichen Thiere zu halten" — lauteten die Antworten. „Ich kenne dieses Gebelle — wahrhaftig es rührt von den Lieblingshunden meines armen Försters her! Haben sich vielleicht die Hunde vom Riemen losgemacht, um auf eigene Faust den Hirsch zu Hetzen?" „Wenn dies der Fall wäre, Herr Graf," entgegnete Gottlob, 461 „würden wohl ermüdete Hunde wochenlang auSbleibcn? ES ist jetzt vierzehn Tage, seit das Gebell zum erstenmal gehört wurde, und doch hat von jener Stunde an bis auf den gegenwärtigen Augenblick Niemand die Hunde erblicken können, — eS müßte denn seyn, daß einige unsrer Bauern Recht hätten, wenn sie sagen, sie hätten sie wie toll auf der Spur laufen sehen." „Man erzählt sich, Herr Graf," fügte ein Anderer bei, „Bercht- hold selbst habe sich mit ihnen blicken lassen — sein Gewand flatternd im Winde, während er stets gleichen Schritt mit den Hunden hielt, als sei er eben so schnell zu Fuß, wie sie." „Und hintendrein Pater Johann mit zurückgeschlagener Kapuze und der Kulte, wallend wie eine Fahne, um sich einen geistlichen Spaß zu machen!" erwiederte der Graf lachend. „Hast Du nicht gesehen, Tölpel, daß die raffelnden Gebeine Deines Mönches noch unter den Trümmern liegen?" Der Bauer wurde zwar durch das Benehmen seines Gebieters cingeschüchtert, aber nicht überzeugt. Es folgte hierauf ein langes, erwartungsvolles Schweigen, denn das kleine Nebenspiel in der Nähe des Grafen hatte die feierliche Aufmerksamkeit der Masse nicht im mindesten beeinträchtigt. Endlich thaten sich die Rachen der gcheimnißvollen Hunde wieder auf und das Gebell erklang wie das von Hunden, welche ans dem Gestrüppe eines Waldes in'S Freie Hinausstürzen. Einige Augenblicke später wiederholten sich die Töne, und es unterlag jetzt keinem Zweifel mehr, daß sie von der offenen Haide her kamen, die den Teufelsstein umgab. Die Crisis wurde unheimlich für den tiefen Aberglauben eines solchen Gebiets im Beginne des sechszehnten Jahrhunderts. Sogar Emich wankte. Obgleich er eine unklare Vorstellung von der Abgeschmacktheit des Gedankens hatte, daß lebendige Hunde von einem todten Förster gehetzt werden sollten, so gab es doch, wenn der wichtigere Punkt der übernatürlichen Jagd zugegeben wurde, so viel Mittel, über diese Schwierigkeit wegzukommen, daß er in seinem Einwurf 462 nur wenig Trost fand. Er stieg von der Mauer herunter und wollte eben die Priester und Heinrich bei Seite winken, als sich unter den männlichen Zuschauern ein allgemeines Geschrei erhob, während die Frauen in Massen Nlrika umringten, die mit Lottcheu und Meta vor dem großen Crucifir des alten Klosterhofs kniete. Im Nu hatte Emich seinen Platz auf der Mauer wieder eingenommen, die unter der Gewalt seines ungestümen Trittes schüttelte. „Was hat dieser achtungswidrige Lärm zu bedeuten?» fragte der Graf zornig. „Die Hunde — Herr Graf — die Hunde!" antworteten fünfzig athemlose Bauernstimmen. „Erkläre mir dieses Geschrei, Gottlob." „Herr Gras, wir haben gesehen, wie die Hunde am Rande deS Berges vorbeisprangen — dort, ganz in gleicher Linie mit der Stelle, wo der Teufelsstein liegt. Ich kenne die guten Thiere genau, Herr Graf; Ihr dürft mir daher glauben, wenn ich Euch sage, daß es wirklich die alten Lieblinge BerchtholdS sind." „Und Berchthold!" fuhren ein paar entschiedenere Freunde des Wunderbaren fort. „Wir sahen den verstorbenen Förster, großer Emich, wie er den Hunden nachsetzte, als ob er Schwingen hätte." Die Sache wurde ernsthaft, und der Graf stieg langsam in den Hof hinab, entschlossen, die Angelegenheit schleunigst in'S Klare zu bringen. Dreißigstes Kapitel. »Bei dem Apostel DciuluS, heute Nacht Hat Richards Geist der Schrecken mehr erfahren, Durch Schatten blos, als durch zehntausend Krieger-* Richard III. Es fand nun eine Berathung zwischen den vornehmsten Laien statt; denn die Art, wie die Kirche ihren Einfluß so lange durch 463 übernatürliche Mittel aufrecht erhallen hatte, bewog Emich, welchem angelegentlich darum zu thun war, daß sie in dieser Gegend ihre verlorne Macht nicht wieder gewinnen solle, die Priester von der Entscheidung, welche sie jetzt treffen wollten, ganz und gar auszuschließen. Wenn wir sagen wollten, der Graf von Harten- iurg habe den Gerüchten, welche den verstorbenen Förster als einen Geist darstellten, der wie zu seines Fleisches Leben der Jagd obliege — vollen Glauben geschenkt, so würden wir seinem Verstände sowohl, als seiner gewohnten Denkweise nicht ganz Gerechtigkeit widerfahren lassen; behaupteten wir übrigens, daß er in dem vorliegenden schwierigen Punkte ganz frei von Aberglauben und unheimlicher Angst war, so müßten wir ihm einen Grad von Philosophie und geistiger Unabhängigkeit beimeffen, der in jenem Zeitalter nur bei gelehrten Denkern und nicht einmal immer bei diesen gefunden werden konnte. Namentlich hielt die Astrologie die Einbildungskraft derer noch gefangen, die sogar den Ruf einer allgemeinen wissenschaftlichen Bildung für sich in Anspruch nahmen, und wie der Geist einmal Theorien zugibt, die so wenig im Einklänge mit dem schlichten Verstände stehen, so öffnet er einer Menge ähnlicher Schwächen, die als nothwendige Folgerungen aus den Hauptsätzen zu fließen scheinen, den Zugang. Alle, welche an der Berathung mit dem Grafen Th eil nahmen, räumten ein, daß eine schleunige Lösung der Frage nothwendig sey. Viele hatten zu flüstern begonnen, daß die außerordentliche Heimsuchung eine Folge der Kirchenschändung sey, und man nicht Hoffen dürfe, Frieden zu finden, oder von den unnatürlichen Plagen befreit zu werden, bis die Benediktiner wieder in ihre Abtei und in ihre früheren Rechte eingesetzt wären. Emich fühlte sich zwar überzeugt, daß diese Idee ursprünglich von den Mönchen auSging und durch geheime bezahlte Agenten verbreitet wurde; indeß sah er kein anderes Mittel, das Gerücht wirksam niederzuschlagen, als wenn er die Falschheit desselben darthat. In unseren Tagen und 464 namentlich in den Bereinigten Staaten würde die Waffe eines Mirakels an sich schon nutzlos seyn; aber in der alte» Welt gibt es noch immer ganze Länder, die sich theilweise durch derartige Einflüsse beherrschen lassen. In der Periode unsrer Erzählung war der öffentliche Geist so ununterrichtct und abhängig, daß sogar die Männer, denen am meisten daran gelegen war, den BolkSwahn des Augenblicks zu bannen, nur mit Mühe ihre eigenen Zweisel überwältigen konnten. Man hat gesehen, daß Emich, trotz seiner großen Geneigtheit, die Herrschaft der Kirche ganz und gar abzuschüttcln, doch noch tief genug in seinen alten Vorurtheilen stack, um im Geheim derselben Macht zu mißtrauen, gegen die er ankämpfte, und daß er nicht nur über die Politik, sondern auch über die Gesetzmäßigkeit des Schrittes, zu dem ihn sein Ehrgeiz veranlaßte, ernste Bedenken unterhalten hatte. So wird der Mensch das Werkzeug der verschiedenen Leidenschaften und Beweggründe, die ihn beherrschen, indem er bald nachgibt, bald Widerstand versucht, je nachdem seinem Geiste eine stärkere Verlockung sich vergegenwärtigt. Dabei gibt er nun vor, er lasse sich durch Vernunft und Grundsätze leiten, während er in Wahrheit selten auf die Stimme der einen oder der anderen hört, bis endlich beide gemeinsam wirken durch das Mittel eines alles Uebrige ausschließenden Interesses, welches schnelles und thätigeS Handeln fordert. Dann allerdings werden die geistigen Fähigkeiten plötzlich aufgeklärt; er bietet nun eifrig jeden Beweisgrund, den scheinbaren sowohl, als den stichhaltigen) auf, und so kommt es, daß wir oft ganze Gemeinschaften eine athembenehmende Kreiselschwingung machen sehen, indem sie sich plötzlich für ein System von Grundsätzen erklären, das ganz im Widerspruche steht mit allen, die sie je vorher zur Schau getragen haben. Glücklicherweise bleibt dem, was in dieser Weise durch gediegene Grundsätze gewonnen wird, die Aussicht auf Nachhaltigkeit; denn das Princip selbst muß unveränderlich bleiben, wie verkehrt auch seine Bekenner handeln mögen, und ist es einmal 469 anerkannt, so ist es keine leichte Aufgabe, eS durch die Trugschlüsse der Zweckmäßigkeit und des Jrrthuins wieder zu verdrängen. In Vergleichung mit jenen Vorläufern des Gedankens, welche für das Fortschreiten der Völker den Weg bahnen, kommen solche Wechsel freilich nur langsam; denn erstere find in der Regel schon so weit vor ihren Zeitgenossen voraus, daß man sie in dem Augenblick der Reformationen, Revolutionen oder wie man dergleichen plötzliche Purzelbäume nennen mag, schon ganz aus dem Gesichte verloren hat. Aber der Masse gegenüber mengen sie sich oft durch einen Handstreich ein und wecken fast wie mit Zaubergewalt ein ganzes Volk für die tiefe Bedeutung einer neuen Reihe von Grundsätzen, etwa so, wie sich das Auge von der ersten Scene eines Drama'S der nächsten Entwicklung zuwendct. Der Zweck unserer Erzählung besteht darin, die Gesellschaft mit ihren gewöhnlichen Zügen in dem Akte darzustellcn, wie sie von dem Einflüsse -einer Reihe leitender Grundsätze zu dem einer anderen übergeht. Hätten wir versucht, dies in dem Wirken eines einzelnen Meistergeistes zu entwickeln, so wäre das Bild, ungeachtet seiner etwaigen individuellen Wahrheit, doch in Beziehung auf eine Gemeinschaft nothwentig falsch ausgefallen; denn eine derartige Studie hätte den Schlüffen der Philosophie und Vernunft folgen müssen — vielleicht eine um so mißlichere Aufgabe, weil das Menschliche doch nicht ferne gehalten werden kann — während derjenige, welcher die Welt oder was immer für einen wesentlichen Theil derselben darstellen will, die Leidenschaften und die gemeineren Interessen in den kühnsten Farben malen, dagegen aber sich begnügen sollte, die geistigen Partieen nur im Helldunkel zu lassen. Wir wissen nicht, ob Jemand geneigt scyn wird, auf die Betrachtungen einzugehen, die wir mit Gegenwärtigem anzudeuten beabsichtigen, und ohne welche die Frucht unserer Mühe vielleicht verloren ist; aber während wir bereitwillig die Unvollkommenheit unserer Leistungen anerkennen, glauben wir doch, uns der Ueberzengnng hingeben zu dürfen, daß Die Heidcnmauer. 30 466 der ruhige, redliche Denker einzuräumen geneigt sehn wird, unser Gemälde seh, für seinen Zweck wenigstens, in zureichend wahre» Farben gehalten. Sollte eS jetzt noch nöthig sehn, uns über die Bedenken z» verbreiten, welche den Grasen und Heinrich quälten, als sie an der Spitze der neuen Procession den Limburger Berg hinunterstiegen, so haben wir umsonst geschrieben. Politik und der Entschluß, sich die Vortheile zu sichern, die sie so theuer erkauft hatten, drängten sie vorwärts, während Zweifel und die ganze Sippschaft aller alten Vorurtheile ihre innere Unruhe erhöhen halfen. Die Wallfahrer zogen in derselben Ordnung weiter, in welcher sie zu den Trümmern der Abtei hinangestiegen waren. Diejenigen, welche den Pilgerzug nach Einsiedeln gemacht hatten, gingen voran; hinter ihnen kamen die Pfarrgeistlichen mit ihren Ministranten, während der Rest in einem wirren, zitternden, neugierigen und andächtigen Drängen nachfolgte. Der religiöse Wechsel hatte sich bis jetzt erst auf das Dogma erstreckt und zählte in seiner wirksamen Entfaltung unter der Menge nur wenige Anhänger; man beobachtete deshalb bei gegenwärtigem Anlässe alle die Ccremonien, welche die römische Kirche bei Erorcismen oder bei besonderen Bittgängen um Abwendung einer geheimnißvollen Kundgebung des himmlischen Zornes in Anwendung zu bringen pflegte. Der Graf und Heinrich gingen, wie eS ihrer Stellung zukam, kühn voraus und verbargen die innere Unruhe ebenso klug und erfolgereich vor allen Anderen, sich selbst ausgenommen; denn der würdige Bürgermeister gewann eine gar hohe Meinung von der Festigkeit seines hochgeborenen Nachbars, während letzterer nicht wenig verwundert war, daß ein Mann von Heinrichs Erziehung und Lebensweise eine Entschlossenheit zu zeigen vermochte, wie sie, seiner Ansicht nach, nur eine Frucht der Philosophie sechn konnte. Sie zogen durch den Hohlweg, dessen wir aus diesen Blättern bereits zweimal Erwähnung gethan haben — einmal in der Einleitung, und dann als des Pfades, auf welchem 467 Mika in der Zerstörungsnacht zu der Abtei gelangte — nach der Ebene der Heidenmauer hinauf. Sic näherten steh dem Gipfel, ohne daß etwas vorgefallen wäre, was neue Unruhe hätte verbreiten können; und da die Chorknaben den Nachdruck ihres Gesanges steigerten, so begannen die Führer sich der unbestimmten Hoffnung hinzugeben, daß sie wohl einer weiteren Störung entgehen dürsten. Eine Minute entschwand um die andere, und der Graf athmete freier; denn er glaubte bereits, den Beweis geliefert zu haben, daß die Heidenmauer ein so harmloser Platz sey, wie irgend ein anderer in der Pfalz. „Ihr habt Wohl oft Euren Renner über diese wilde TenfelS- haide gespornt, edler und'furchtloser Graf?" begann Heinrich, als sie sich dem Rand der oberen Fläche näherten. „Wer an ihren Anblick so gewöhnt ist, läßt sich nicht leicht durch das Gebell und die Sprünge eines Paars unruhiger Hunde anfechten, und wenn sie auch ihren Stall unter dem Schatten deS TeuselSsteinS haben." „Du kannst wohl sagen, ich sey oft hier oben gewesen, guter Heinrich. Als ich noch ein kleiner Knabe war, Pflegte mein edler Vater auf dieser Höhe seine Rosse zu dresstren, und es machte mir oft Vergnügen, mich der Partie anzuschließen. Auch während unserer Jagden stürzte der Hirsch oft ans dem Dickicht des Waldes nach diesem offenen Grunde." Der Graf hielt inne, denn ein schnelles, trappelndes Geräusch, wie von dahin schießenden Hunden ließ sich jetzt unmittelbar über ihren Köpfen vernehmen, obschon der Rand des GebirgS den ebenen Grund noch vor den Blicken verbarg. Die beiden Führer machten trotz ihrer Entschlossenheit plötzlich Halt — eine Zögerung, welche die Hinteren gleichfalls zum Stillstehen nöthigte. „Die Haide hat ihre Bewohner, Herr Frei," sagte Emich ernst, aber im Tone eines Mannes, der entschlossen ist, um seine Rechte zu kämpfen. „Es wird sich jetzt bald zeigen, ob sie geneigt sind, die Souverainetät ihres Lehensherrn anzuerkennen." 468 Ohne eine Antwort abzuwarten, murmelte der Graf unwill- kührlich ein Ave vor sich hin und stieg mit männlichen Schritten nach dem Gipfel hinan. Der erste Blick, den er umher warf, war rasch, unruhig und argwöhnisch; aber da war nichts zu erschauen. Der nackte Fels deS TeufelSsteinS befand sich an seinem alten Platze, wo er wahrscheinlich in Folge einer Revolution der Eidrinde schon vor dreitausend Jahren gelegen hatte — grau, einsam und verwittert wie bis auf diese Stunde. Die Haide ließ auf ihrer ganzen Oberfläche keinen Huf- oder Fußeindruck erkennen, und die Cedern des verlassenen Lagers gaben im Winde das gewöhnliche, düster melancholische Aechzen von sich, welches so sehr im Einklänge mit den Sagen stand, die ihnen Interesse verliehen hatten. „Hier ist nichts!" sagte der Graf mit einem tiefen Athemzuge, den er gerne auf Rechnung des beschwerlichen Bergsteigens geschrieben hätte. „Herr von Hartcnburg, Gott ist hier wie auf den Bergen, die wir eben verlassen haben — hier, wie auf jener schönen weiten Ebene unten — oder in Eurer Veste!" — „Ich bitte, gute Ulrika, wir können hievon ein andermal sprechen. Es handelt sich jetzt um die Enthüllung einer einfältigen Sage und um Zerstreuung der daraus geflossenen Besorgnisse." Einem Winke seiner Hand gehorsam, ging die Procession weiter in die Richtung des alten Lager-ThorwegS — dieselben Führer wieder voraus, während die Chorknaben abermals ihren Gesang aufnahmen. Wir brauchen nicht zu sagen, daß der Zug sich bei dieser feierlichen Gelegenheit mit klopfenden Herzen der Heidenmauer näherte. Kein denkender und gefühlvoller Mann kann je einen derartigen Ort besuchen, ohne sich ein Bild zu vergegenwärtigen, das ihn mit erhebender Wehmuth erfüllt. Die Gewißheit, daß sich Vor seinen Augen die Nebcrreste eines Werks von Menschen aufschließen, die so viele Jahrhunderte vor ihm Inder großen Kette der 469 Ereignisse wirkten, welche die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden — und die Ueberzeugung, daß sein Fuß eine Erde betritt, auf der sich die Römer und die Hunnen umgetrieben haben — diese Momente sind an sich schon hinreichend, um einen Ge- dankensiug zu erzeugen, der an'S Großartige und Wundervolle streift. Aber zu diesen unabweislichen natürlichen Empfindungen kam jetzt noch die Furcht vor der Allmacht und die Besorgniß, daß sich mit jedem Augenblick ein übernatürliches Walten kund geben könnte. Lautlos ging der Zug vorwärts, bis Emich und der Bürgermeister umbogen, um vermittelst des bereits erwähnten Thorwegs an den Steinhaufen, welcher die Lage der alten Mauer bezeichnet?, vorbeizukommen. Durch die Stille ermuthigt, begann der Erstere zu sprechen : „Das Ohr ist oft ein trügerisches Organ, Bürgermeister," sagte er, „und kann, wenn es nicht gebührend bewacht wird, gleich der Zunge zu Mißverständnissen führen. Ohne Zweifel haben wir beide uns noch vor einem Augenblick der Vorstellung hingegeben, als hörten wir das Trappeln jagender Hunde, und Du bemerkst nun vermittelst des einen Sinnes, daß uns der andere getäuscht hat. Wir nähern uns übrigens dem Ende unserer kleinen Wallfahrt und wollen deshalb Halt machen, damit ich den Leuten unser Dafürhalten und unsere Absichten mittheilen kann." Der Bürgermeister gab ein Zeichen, und der Chor hörte auf, zu singen, während die Menge selbst näher kam, um zuzuhören. Der Graf sah und fühlte, daß er den entscheidenden Punkt berühren mußte, wenn er seine eigenen Absichten, die denen der Brüderschaft so entgegengesetzt waren, fördern wollte, und beschloß daher durch eine Gewaltanstrengung nicht nur über seine Feinde, sondern auch über sich selbst Herr zu werden. In diesem Sinne begann er seine Anrede folgendermaßen: „Meine wackeren Freunde und Lehenslcute, ihr sepd hier als getreue Männer, welche die Nützlichkeit nach Gebühr bedienter 470 Altäre achten, aber auch geneigt sind, mit eigenen Augen zu sehen und für sich selbst zu urtheilen. Wie ihr aus den noch vorhandenen Resten entnehmen könnt, war dieses Lager vordem von bewaffneten Kriegerhaufen besetzt, die zu ihrer Zeit kämpften und Festungswerke auswarfen, litten und sich freueten, bluteten und starben, siegten oder besiegt wurden, gerade so, wie diejenigen, welche heutzutage die Waffen tragen, ein Gleiches thun, oder sich ähnlichem Mißgeschick unterwerfen. Die Sage, daß ihre Geister diese Stelle hcimsuchen, kan» eben so wenig wahr seyn, als daß die körperlose» Wesenheiten derer, welche mit den Waffen in der Hand starben, in der Nähe der Erde bleiben, die ihr Blut eingesaugt hat; denn wenn man etwas der Art glauben müßte, so gäbe es keinen Fleck in unserer ganzen schönen Pfalz, der nicht seinen gespenstischen Bewohner hätte. Was nun diesen letzteren angeblichen Spuck meines Försters, des armen Berchthold Hintermayer betrifft, so wird er durch den Charakter des Jünglings um so unwahrscheinlicher, da er bei seinen Lebzeiten wohl wußte, wie zuwider mir alle derartigen Mährchen sind und wie sehr ich wünschte, sie aus dem Jägerthal zu verdrängen. Es ist deshalb von seiner Bescheidenheit und von seinem dienstwilligen Gehorsam nichts dergleichen zu erwarten. Ihr seht aber auch deutlich mit euren eigenen Augen, daß hier keine Hunde sind —" Jetzt mußte Emich einen verblüffenden Widerspruch erfahren, denn seine Zunge, welche in Folge der Nngestörtheit, mit der er seine Erklärung so weit fortsetzen konnte, hübsch geläufig geworden war, hatte kaum die letzteren Worte ausgesprochen, als sich das gedehnte Bellen von Hunden vernehmen ließ. Fünfzig kräftige deutsche Rufe entwischten dem Gedränge, das wie ein wild bewegtes Meer wogte. Die Töne kamen von den Bäumen in der Mitte der gefürchteten Heidenmauer her und schienen noch unheimlicher zu klingen, weil sie durch die düstere Ueberwölbung der Cedern gedämpft wurden. ' „Laßt uns vorwärts gehen!" rief der Graf, fast zum Wahnsinn aufgeregt, indem er mit eherner Faust nach dem Knauf seines 471 SchwerdteS griff. „Es ist nur ein Hund! Irgend ein Bube hat ihn vom Riemen losgemacht, und er wittert die Fußstapfen seines Herrn, der den heiligen Einsiedler, welcher vor einiger Zeit hier oben wohnte, zu besuchen pflegte — —" „Bst!" unterbrach ihn Lottchen, mit unstätem Blicke aus dem Gedränge der Frauen hastig auf ihn zutretend, „Gott ist im Begriffe, um irgend eines großen Zweckes willen seine Macht kund zu geben! Ich kenne — ich kenne — diese Fußspur —" Sie wurde in einer höchst unheimlichen Weise unterbrochen; denn während sie noch sprach, stürzten die Jagdhunde in der raschen tollen Weise, welche diesen Thieren eigcnthümlich ist, aus dem Haine und umkreisten die Gestalt des betäubten schwindelnden Weibes. Im nächsten Augenblicke wich wankendes Mauergestcin unter dem gewaltigen Sprunge eines menschlichen FußeS und Lottchen lag bewußtlos an der Brust ihres Sohnes. Wir ziehen einen Schleier vor den plötzlichen Schrecken, die allgemeine Ueberraschung, die Thränen, das Entzücken und die geregeltere Freude der nächsten Stunde. Nach Ablauf dieser Zeit hatte sich die Scene ganz und gar geändert. Der Gesang war zu Ende, die Ordnung der Procession vergessen und eine brennende Neugierde an die Stelle aller abergläubischen Befürchtungen getreten. Emichs Machtgebot hatte jedoch die Menge nach der Haide des Teufelssteins zurückgewiesen, wo sie sich für den Augenblick mit Vermuthungen und mit Sagen über ähnliche schnelle Umwandlungen vom Geist zum Fleisch begnügen mußten, die in der ereignißvollen Geschichte des Rheingaus fiattgefunden haben sollten. Die Hauptgruppe der handelnden Personen hatte sich ein wenig unter den Schutz der Cedern zurückgezogen, wo sie durch die Mauern und Bäume gegen die Blicke der Neugierde geschützt waren. Der junge Berchlhold saß auf zerfallenem Gestein und hielt seine Mutter, die noch immer ihren Sinnen nicht glauben wollte, in den Armen 472 — eine Lage, di- er auf den entschiedenen, bestimmten, aber freunde lichen Befehl des Grafen eingenommen hatte. Meta kniete vor Lott- chen, deren Hand ste in der ihrigen hielt, obgleich dag funkelnde Auge und das glühende Antlitz des Mädchens mit ungehcuchelter, warmer Theilnahme jedem Blick und jeder Bewegung in dem Gesichte des Jünglings folgte. Die Aufregung dieses Moments war zu gewaltig, um verhehlt werden zu können, und wenn sie auch ihre Gefühle hätte verbergen wollen, so würde doch die Neberraschnng und das darauf folgende plötzliche Aufwallen ihres Innern ihrem Herzen das Geheimniß entrungen haben. Ulrika kniete gleichfalls und unterstützte das Haupt ihrer Freundin; aber auf ihren Zügen lag ein glückliches Lächeln. Der Ritter von RhoduS, der Abbe, Heinrich und der Schmied schritten als Schildwachcn auf und ab, um die Neugierigen fern zu halten, obgleich sie hin und wieder Halt machten, um einzelne Sätze des Gesprächs aufzufangen. Emich stand auf sein Schwert gestützt und freute sich, daß seine Besorgnisse grundlos gewesen waren; auch würden wir seinem rauhen aber nicht unedelmüthigen Herzen Unrecht thun, wenn wir nicht sagten, daß er entzückt war, Berchthold noch im Fleische zu finde». Fügen wir noch bei, daß die Hunde unter dem Menschen-Gedrängc, welches noch immer kaum an ihre irdische Wesenheit glauben konnte, lustig umhersprangen, so ist unser Gemälde beendigt. Die Berdienstvollen dieser Erde lassen sich in zwei große Klaffen abtheilen — in die thätig und in die leidend guten. Ulrika gehörte zu den ersteren; denn obgleich sie so tief empfand, als die meisten Anderen, versäumte doch ein unbewußtes Rechtsgefühl nie, ihr für jede eintretende Crise irgend eine positive Pflicht an die Hand zu geben. Bei jener Gelegenheit war sie es (und wir nehmen uns hier die Freiheit, dem Leser unverhohlen zu bemerken, daß sie unsere Heldin ist), welche dem Gespräche eine Wendung gab, die am schnellsten zu einer Aufklärung des Geheimnisses fuhren konnte. 473 ohne aufs Neue Gefühle zu verletzen, die so lange und so schwer geprüft worden waren. „Du bist also jetzt von Deinem Gelübde losgesprochen, Berch- thold?" fragte ste nach einer jener kurzen Unterbrechungen, in welchen sich das Glück eines solchen Wiedersehens am besten durch stumme Theilnahme kund gibt. „Haben die Beurdictiner kein Recht mehr an Dein Schweigen?" „Sie haben selbst die Rückkehr der Pilger als Frist bestimmt, und da ich die angenehme Kunde zuerst durch den Umstand erfuhr, daß ich euch Alle in der Processton herankommen sah, so rief ich die Hunde herbei, die den Wald durchstreiften, und war eben im Begriffe, hinunterzueilen und mich zu zeigen, als ich an dem Thorwege des Lagers auf euch traf. Unsere Begegnung würde schon in dem Thals stattgefnnden haben, wenn mich meine Pflicht nicht aufgefordert hätte, zuerst Herrn Odo von Rittecstein aufzusuchen-" „Den Herrn von Nitterstei» ?" rief Ulrika, und ihr Antlitz erblaßte. „Was weißt Du von meinem alten Kameraden, dem Herrn Odo, Junge?" fragte Emich. „Ich höre zum erstenmal wieder von ihm seit der Nacht, in welcher die Abtei fiel." „Ich habe meine Geschichte schlecht angefaugen," versetzte Berch- thold lachend und erröthend, denn er war für das letztere weder zu alt noch zu welterfahren, „da ich vergessen konnte, den Herrn Odo zu nennen." „Du sagtest uns von einem Gefährten," entgegncte seine Mutter mit einem Blick auf Ulrika, indem sie sich zugleich aus den Armen ihres Sohnes erhob, denn sie empfand unwillkührlich die Verwirrung ihrer Freundin mit, „erwähntest aber seiner bloS als Religiösen." „Ich hätte ihn als den heiligen Eremiten nennen sollen, den wir Alle jetzt als den Edlen von Ritterstein kennen. Als ich dem einstürzenden Dach auSweichen mußte, traf ich Herrn Odo vor dem Altäre knieend, und da ich mich der Gestalt dessen, welcher mir so viel Gunst erzeigt halte, schnell erinnerte, so schleppte ich ihn mit mir in die Gruft hinunter. Unserer Wunden und Hülslosigkeit habe ich aber doch Erwähnung gethan?" „Freilich, aber ohne den Namen Deines Gefährten zu nennen." „Der Himmel sey dafür gepriesen, es war der Herr Odo. Durch Hunger und Blutverlust geschwächt und keines Widerstands fähig, fanden uns am andern Tage die Mönche und schafften uns, wie ihr bereits gehört habt, mit einander fort; auch sorgten sie in einer Weise für uns, daß wir bald wieder zu Kräften und zum Gebrauch unsrer Glieder kamen. In welcher Absicht uns die Benediktiner verborgen halten wollten, weiß ich nicht; aber das einfältige Mährchen von dem gespenstischen Jäger und von dem loSge- kuppelten Hund scheint zu beweisen, daß sie noch immer auf den Aberglauben der Gegend zu wirken hofften." „Damit hatte Wilhelm von Venloo nichts zu schaffen!" rief Emich, der in tiefem Nachsinneu dagestanden hatte. „Die Tröpfe haben das Spiel fortgesetzt, nachdem es von besseren Leuten bereits aufgegeben war." „Möglich, gnädiger Herr Graf, denn es kam mir vor, als sey der Abt Bonifacius mehr als geneigt, uns ziehen zu lassen. Wir wurden jedoch festgehalten, bis die Entschädigungs-Angelegenheiten und die Wallfahrt bereinigt wären. Sie konnten uns leicht für ihre Zwecke benützen, wenn es anders in ihrer ,Absicht lag, durch Furcht auf Dürkheim zu wirken; denn als sie mir ihr Ehrenwort zum Pfände gaben, meine beiden Mütter und die theure Meta sehe» in das Geheimniß unsres Wohlbefindens eingeweiht, war es mir nicht darum zu thnn, so schnell die geschickten Aerzte zu verlassen, welche eine baldige Heilung unsrer Wunden in Aussicht stellten." „Und hat Bonifacius diese Lüge bestätigt?" „Ich spreche nicht von dem Abt, gnädiger Herr Graf; aber zuverlässig sagten die Brüder Cuno und Siegfried Alles dies und 475 noch mehr. Der Fluch eines gekränkten Sohnes und einer schändlich behandelten Mutter —" Aber MetaS hübsche Hand schloß ihm den Mnnd. „Wir wollen vergangene Leiden um der gegenwärtigen Freude willen vergeben," flüsterte das weinende Mädchen. Das vor Zorn glühende Antlitz Berchtholos wurde ruhiger, und das Gespräch nahm einen milderen. Gang. Jetzt trat Emich bei Seite, um sich dem Bürgermeister anzu- schlicßen, mit dem er die Beweggründe, welche die Mönche zu einer solchen Täuschung veranlaßt haben mochten, zu ergrübeln suchte. Im Besitze eines so wichtigen Schlüssels hatte die Lösung des Räthsels keine Schwierigkeit. Das Zusammentreffen des Abts von Limburg und des Grafen in Einstedcln war reiflich überdacht; auch hatte man den schwankenden Zustand der Volksstimmung im Thal und in der Stadt ermuthigeu wollen, um der schlteßlichen Bereinigung der Klosteransprüche einen weiteren Nachdruck zu geben. In jener Zeit verstanden sich die Ordensleute wohl darauf, jede menschliche Schwache für ihre Zwecke zu benützen, wenn ihre eigenen Interessen in Frage kamen. Einnnd-reißigfies Kapitel. .Es ist vorüber; ihre holde Wange Stuhl nun auf ihrem harten Pfühle —- NogerS. Am folgenden Morgen setzte sich der Graf Hartenburg in einer frühen Stunde zu Pferd; sein Gefolge deutete jedoch auf einen kurzen Zug, da nur Monsieur Latouche, welcher mitritt, wie ein Reisender ausgestattet war. Emich hatte nämlich jetzt diesen sogenannten Diener der Kirche für seine Zwecke ausgebeutet, und war daher im Begriffe, ihn mit so viel Höflichkeit und Huld, 476 als die Umstände zu fordern schienen, zu entlassen. Kein Bild von den verschiedenen Zügen einer Kirche, die in der Christenheit so lange einer unbestrittenen Alleinherrschaft sich erfreut hatte und ebendeshalb so sehr zum Mißbrauch ihrer Gewalt geneigt war, hätte wohl vollständig seyn können, wenn in demselben nicht auch die Rollen d-S Kreuzritters und des Abbe vertreten gewesen wären > außerdem war es auch die Pflicht eines treuen Chronikschreibers, von den Dingen zu sprechen, wie sie waren, wenn gleich die Nebenpersonen keine sehr bedeutende Beziehung zu dem Hauptgegenstand hatten. Wir müssen aber jetzt unsere leichten Hindcutungen auf den Abbe ganz fallen lassen, nachdem ihn sein Wirth, wie so mancher politische Machthaber es mit Anderen seines Standes zu halten pflegt, blos als das Werkzeug für seine eigenen Zwecke behandelt hatte. Albrecht von Viederbach wollte seinen Kameraden nach Mannheim begleiten, von dort aus aber wieder nach der Veste zurückkehren, da die Zerrissenheit seines Ordens und seine Verwandtschaft mit dem Grafen einen derartigen Schritt ebenso zweckmäßig als angenehm erscheinen ließen. Auch der junge Berchthold saß im Sattel, denn sein Gebieter hatte ihm aus besonderer Gunst die Weisung ertheilt, er solle dicht hinter ihm reiten. Der Zug trabte langsam das Jägerthal hinab und der Graf war höflich bemüht, dem scheidenden Abbe durch eine Art nebliger Logik, welche die poetische Atmosphäre der Diplomatik zu seyn scheint, zu beweisen, daß er ^durch die Umstände zu allen seinen Handlungen vollkommen berechtigt gewesen scy, und Letzterer stimmte so bereitwillig in seine Folgerungen ein, als fühlte er nicht, daß er maßlos übertölpelt worden sey. „Du wirst Sorge dafür tragen, daß die Sache unter Deinen Freunden in's rechte Licht gestellt wird, Monsieur Latouche," schloß der Graf, „wenn etwa am Hofe Deines Franz davon die Rede seyn sollte. Möge der Himmel diesen Fürsten bald seinem verlangenden Volke zurück geben, denn er ist ein gar tapferer und ritterlicher Herr." »Ich will es auf mich nehmen, hochgeborner und edler Emich, Dich völlig zu rechlfertigen, so oft an Franzens Hofe Dein großer Krieg und Deine feine Politik zur Sprache kommen sollte. Ja, bei der Messe! sollten unsere Juristen oder Staatsmänner den Versuch machen, der Welt beweisen zu wollen, daß Dein Haus in dieser unsterblichen Unternehmung Unrecht gethan habe, so will ich ihre Gründe — ich gebe Dir darauf mein Wort — sowohl logisch als politisch zu ihrer ewigen Beschämung und Verlegenheit widerlegen." Durch den unzweideutigen Spott, mit welchem Monsieur La- touche diese Zusage abgab, glaubte er sich in vollem Maße gerächt für die pinselhafte Rolle, welche ihn die Künste des Grafen hatten spiele» lassen, und so oft er in späteren Tagen die Geschichte erzählte, schloß er stets mit Anführung dieser kühnen und ironischen Anspielung auf die saubere Geschichte im Jägerthal, welche nicht nur er, sondern auch ein gewisser Theil seiner Zuhörer für das Beste an der ganzen Sache zu halten schienen. Zufrieden mit dem angebrachten Hieb spornte der Abbe sein Thier, um auch den Ritter von dem Vorfall zu unterrichten, der seinerseits über den Freund in's Fäustchen lachte, während er zugleich dessen Witz über die Maßen herausstrich. Als die Beiden vorausritten, fand Emich Gelegenheit, im Vertrauen mit seinem Förster zu sprechen. »Hast Du die Angelegenheit mit dem Bürgermeister verhandelt, wie ich Dir aufgetragen habe, Junge?" fragte der Graf mit der Miene des Ansehens und der Zuneigung, mit der er Berchthold stets anzureden pstegte. »O ja, gnädiger Herr Graf, und zwar recht dringend, wie eS mir mein Herz eingab — aber mit geringer Hoffnung aus guten Erfolg." „Wie, bringt der einfältige Spießbürger nach dem, was vorgegangen ist, noch immer seine elenden Batzen in Rechnung? Hast Du ihm nicht gesagt, wie sehr ich mich für die Verbindung inte- 478 ressire und daß ich Dich zu einem Amtmann in den Dörfern zu ernennen gedenke?" „Weder Eure Huld, noch irgend etwas, was mein sehnlicher Wunsch oder das Gedächtnis! mir an die Hand gab, blieb vergessen." „Und was antwortete der Bürgermeister?" Berchthold erröthete und stockte; auch konnte nur eine strenge Wiederholung der Frage von Seiten des Grafen ihm die Wahrheit abringen — denn ein so getreuer Diener konnte in seinen Erwiederungen nur von der letzteren Gebrauch machen. „Er sagte, Herr Graf, wenn es Euer Wohlnehmen sey, für sein Kind einen Gatten auszusuchcn, so möchtet Ihr auch gnädigst Sorge dafür tragen, daß cS kein Bettler sey. — Ich gebe nur die Worte des Bürgermeisters und bitte, gnädiger Herr, mir diese Freiheit nicht als Mangel an Achtung zu deuten." „Der schmutzige Geizhals! Diese Hunde von Dürkheim sollen erfahren, wer ihr Herr ist. Aber laß den Muth nicht staken, Zunge; unsere Thränen und Wallfahrten sollen nicht vergeblich gewesen seyn, und Du wirst bald eine schönere und bessere Gattin heimführen, wie es einem Manne ziemt, den ich liebe." „Ach, Herr Graf, ich bitte in aller Unterthänigkeit-" „Ha, dort sitzt der pinselhafte Heinrich auf einem Felsen dieser Schlucht gleich einer Schildwache, die Marodeure im Auge hat! Sporne Dein Thier, Berchthold, und fordere meine edlen Freunde auf, vor dem Nathhause auf mich zu warten, daß wir uns verabschieden können. Was Dich betrifft, so magst Du mittlerweile Deiner Thorheit nachhängcn und das lächelnde Gesicht der hübschen Meta begrüßen." Der Förster schoß wie ein Pfeil voran, während der Graf sein eigenes Roß seitwärts lenkte und in de» Hohlweg einbog, durch den der Pfad von dieser Seite des Thals aus nach der Heidenmauer 479 führte. Neben dem Bürgermeister angelangt, warf er die Zügel einem nachfolgenden Diener zu. „Was ist dies, Bruder Heinrich?" rief er, nachdem der Ausdruck des Unmuths der gewohnten Feinheit seiner Politik Platz gemacht hatte; „bist Du noch immer aufs Gespcnsterbannen versessen, oder hast Du bei der gestrigen Wallfahrt irgend etwas verabsäumt?" „Gepriesen sei der heilige Benedict oder Bruder Luther — denn ich weiß wahrhaftig nicht, welchem von beiden das Hauptver- dicnst gebührt — unser Dürkheim ist nun, was Hexereien, Teufelswerk oder sogar kirchliche Mirakel betrifft, in der allerglücklichsten Stimmung. Nachdem das Geheimniß von den Hunden eine so schöne Lösung gefunden hat, scheint die öffentliche Stimmung plötzlich ganz umgeschlagen zu srhn; denn während früher unsere Leute bei glockenhelle», Tage schon vor dem Trippeln einer Maus oder dem Hüpfe» einer Grille in Angstschweiß ausbrachen, zeigen stch jetzt sogar unsere alten Weiber geneigt, allem Gespensterwesen und sogar dem Beelzebub selber Trotz zu bieten." „Die glückliche Aufklärung dieser Schwierigkeit wird in der That den Ansichten, die in der neuesten Zeit aus Sachsen herüberkommen, großen Borschub thun und dürfte dazu dienen, in unsrem Lande dem Mönch von Wittenberg festen Fuß zu verschaffen. Du siehst ein, Heinrich, daß eine Verlegenheit, die sich in dieser Weise enträthselt, wohl eine ganze Bibliothek voll muffiger, lateinischer Phrasen Werth ist." „Ganz richtig, Herr Graf — um so mehr, da wir eine rai- sonnirende Stadt sind. Ist einmal unser Geist gehörig erleuchtet, so wird es nicht leicht, ihn wieder in den Schatten zu drängen. Man hat gesehen, wie sich erst gestern noch die Besten von uns durch ein Paar landläuferischer Hunde schrecken ließen, und jetzt srägt es sich sehr, ob ein ganzes Rudel auch nur das mindeste Bedenken erzeugen würde. Wir sind glücklich davongekommen, Herr Graf; denn noch ein solcher Tag der Ungewißheit, und es wäre 480 auf eine Wiederherstellung der Limburger Kirche hinausgelaufen, welche diesmal ohne das Maurerhandwerk des Teufels hätte in Ausführung kommen müssen. Nichts wirkt in einem Beweis so gewaltig, als wenn ein Bischen Furcht vor Verlust oder Belastung mit in die Wagschaale kommt; denn die Weisheit wiegt nur leicht, wenn Vortheil oder Furcht die Gegengewichte bilden." „Es ist gut so, wie eS ist, Freund Heinrich, obgleich nie wieder Limburgs Mauern durch ein Dach gedeckt seyn werden, so lange ein Emich in Hartcnburg und Dürkheim das Regiment führt." Der Graf sah, welche Wolke die Stirne des Bürgermeisters verdüsterte, als er die letzteren Worte aussprach; er klopfte ihm daher vertraulich auf die Schulter und fügte rasch bei, um allem weiteren Nachdenken vorzubeugen: „aber wie kömmt es, Herr Frei, daß Du in diesem einsamen Hohlwege Schildwache stehst?" Heinrich fühlte sich durch die Herablassung des Edelmanns geschmeichelt und war erfreut, für seine Geschichte einen Zuhörer zu finden. Zuerst blickte er umher, um sich zu überzeugen, ob Niemand ihr Gespräch mit anhören könne, worauf er in gedämpftem Ton und in einer Weise antwortete, in welcher man gewöhnlich eine Mittheilung, die Vertrauen fordert, zu machen pflegt. „Ihr wißt, Herr Graf, mit welcher Schwäche Ulrika in Betreff der Einsiedler, Mönche, Altäre, Heiligenfeste und anderer dergleichen Dinge behaftet ist, obschon wir vernünftigerweise hoffen dürfen, daß all' dies ein Ende nehmen wird; denn die letzten Gerüchte erzählen Wunder von Luthers Fortgang. Nun, die gute Frau hegte den Wunsch, die Heidcnmauer zu besuchen, und da es einen etwas scharfen Disput zwischen uns gegeben hatte, — sie weinte nämlich viel, weil ich nicht in eine Verheirathung unseres Kindes mit dem jungen Berchtholv willigen wollte, denn Ihr sehet selbst ein, hvchgeborner Graf, daß dies ein ganz unvernünftiger Schritt wäre — so erzeigte ich mich bereitwillig, sie so weit zu » 481 begleiten, damit sie ihrem Leid in einem gottseligen Gespräch mit dem Eremiten Luft machen könne." «Wie, Nlrika ist in den Cedern oben bei dem Einsiedler?" „Ja, und ich erwarte hier ihre Rückkehr, Herr Graf." „Du bist ein gefälliger Ehemann, Meister Frei — hast Du früher viel Umgang gepflogen mit dem Herrn Odo von Ritterstein, der da oben diese Mummerei von Buße und Abgeschiedenheit spielt?" „Saperment, ich habe den anmaßenden Menschen nie leiden können; aber Ulrika bildete sich ein, er habe Eigenschaften, die nicht so gar schlimm seien, und der Geschmack eines Weibes gibt sich, wie der Eigensinn eines Kinds, am leichtesten, wenn man ihm den Willen läßt." Emich legte beide Hände ans die Schultern seines Gefährten, indem er ihm zugleich voll und angelegentlich ins Gesicht schaute. Die Blicke, welche in dieser Haltung ausgetanscht wurden, waren voll tiefer Bedeutung. Die des Grasen drückten das Mistraucn, die Verachtung und das Staunen eines Mannes von freier Lebensweise aus, während in denen des Bürgermeisters, der über den Charakter der Frau nachzusinnen schien, mit welcher er so lange gelebt hatte, ganze Bände zu ihren Gunsten zu lesen waren. Keine Zunge hätte mehr für Ulrika'S reinen Sinn sprechen können, als das einfache, herzliche und unwandelbare Vertrauen des Mannes, der nolhwendig so viele Gelegenheit gehabt habe» mußte, sie kennen zu lernen. Keiner von beiden sprach, bis endlich der Graf die Schultern de- Andern los ließ, langsam den Berg hinan stieg und mit einer Stimme, welche bewies, wie tief er fühlte, vor sich hinsprach: „Ich wünschte. Deine Gattin wäre von adeliger Abkunft gewesen!" „Nicht doch, gnädiger Herr," antwortete der einfache Bürgermeister, „der Wunsch wäre kaum Wohlwollend gegen einen Freund! In diesem Fall hätte ich die Frau nicht heimführen können." Die Heidenmauer. 31 482 » „Sage mir, guter Heinrich — denn ich hörte nie die Geschichte Deiner Liebe — wurde Dein Antrag gut ausgenommen, als Du zum ersten Mal um das jungfräuliche Herz von Herrn HailtzingerS Tochter freitest?" Der Bürgermeister war erfreut über die Gelegenheit, auf ein Glück anspielen zu können, das ihm den Neid aller seiner StandeS- genoßen zugezogen hatte. „Der Ausgang muß dafür sprechen, Herr Graf," antwortete er kichernd. „Ulrika ist keines von den freien und vorschnellen Gemächern, die zum Fenster hinausspringen oder einem jungen Burschen mehr als auf den halben Weg entgegenkommen; aber an der Ermuthigung, welche der jungfräulichen Schüchternheit zusteht, hat cS nicht gefehlt, da sonst die geringe Meinung, die ich von mir selbst hatte, mich wahrscheinlich bis aus diese Stunde im Jung- gesellenstand erhalten haben würde." Emich fühlte sich verletzt, über ein Wesen, vaS er innig geliebt hatte, eine solche Sprache aus dem Munde eines Mannes zu hören, den er so wenig achtete, und die Mühe, die er sich gab, seine Aufwallung niederzukämpfen, hatte ein kurzes Schweigen zur Folge, Welches wir benützen wollen, um unseren Schauplatz nach der Hütte des Einsiedlers zu verlegen; denn dort gingen Dinge vor, welche für das künftige Geschick mehrerer Personen unserer Erzählung entscheidend werden sollten. Der Tag, welcher dem Wiedererscheincn Berchtholds folgte, war ein eigentliches Freudenfest für die Dürkheimer. Alle Zweifel der Furchtsamen und Abergläubischen in Betreff einer besonderen Heimsuchung des zürnenden Himmels als der verdienten Strafe für das Umstürzen der Abteialtäre hatten ihre Endschaft erreicht, und nur Wenige waren so alles Gefühls baar, daß sie nicht mit dem Glücke derjenigen sympathisirten, welche den vermeintlichen Tod des Försters so bitter betrauert hatten. Wie es gewöhnlich bei plötzlichen Uebcrgängen der Fall ist, half die Gegenwirkung den Einstuß der Mönche schwächen, il»d selbst diejenigen, welche am meisten zu zweifeln geneigt waren, gaben sich jetzt der ermuthigenden Hoffnung hin, daß der religiöse Wechsel, welcher so schnell Boden gewann, doch nicht alle die Schrecken im Gefolge mit sich führe, welche sie früher davon gefürchtet hatten. Wir wissen bereits von Heinrich, welcher Zwist zwischen ihm und seiner Gattin stattgefunden hatte. Letztere war vergeblich bemüht gewesen, den günstigen Augenblick zu benützen, um im Interesse des LiebeSpärchenS die Gefühle des Bürgermeisters zu bearbeiten; denn dieser war keineswegs geneigt, aus Bewunderung für ein wackeres Benehmen von dem Trachten eines ganzen Lebens abzustehcn, obschon er sich aufrichtig freute, daß ein Jüngling, der in der Stunde der Gefahr so viel Muth gezeigt halte, nicht das Opfer desselben geworden war. Nach Abschluß der nutzlosen und peinlichen Erörterung bat die Mutter plötzlich ihren Gatten um die Erlaubniß, den Einsiedler besuchen zu dürfen, welcher, wie vor den kürzlichen Ereignissen, im ungestörten Besitze der gefürchteten Heidenmauer geblieben war. Jeder andere Mann, der nicht gerade Heinrichs GemülhSart besaß, würde in einem derartigen Augenblicke ein solches Gesuch mit Mistrauen ausgenommen haben. Der starrsinnige Bürgermeister hatte jedoch eine zu gute Meinung von sich selbst und war zu sehr daran gewöhnt, seinem Weibe zu vertrauen, so daß er gerne der Bitte willfahrte, weil ihm dadurch ein Mittel an die Hand gegeben wurde, eine Ehestandsscene abzubrechen, in welcher er nicht nachzugeben fest entschlossen war, obschon er sich selbst kaum genügende Gründe dafür anzugeben wußte. Die Art, wie er sich zu Begleitung seiner Gattin erbot, sein geduldiges Harren, bis sie wieder zurückkehrte, und der Anfang seines Gesprächs mit Emich sind bekannt. Nach dieser Auseinandersetzung verlegen wir die Scene nach der Hütte des Klausners. Odo von Ritterstein war blaß von dem Blutverluste in Folge. 484 der Wunden, welche er durch ein Bruchstück des fallenden Daches erlitten hatte, noch blasser aber durch die Macht des innern Feuers, das ihn verzehrte. Die Züge seiner schönen, sanften Gefährtin waren nicht so leuchtend, wie sonst, obschon ihr nichts die gewinnende Anmuth benehmen konnte, die dem seelenvollen Ausdrucke ihren lieblichsten Zauber verdankte. Beide waren augenscheinlich aufgeregt von dem, was bereits zwischen ihnen vorgesallen war, und vielleicht noch mehr durch die Gefühle, welche sie zu verbergen suchten. „Dein Leben ist in der That voll von ergreifenden Zügen, Odo," sagte die sanfte Ulrika, die, wie es schien, einer Erzählung des Anderen zugehört hatte; „und diese kürzlich« Lebensrettung gehört unter die wundervollsten." „Ich muß mich selbst wundern, Ulrika, daß mein Leben gefristet wurde; denn es wäre nur eine gerechte Kundgebung des himmlischen Zorns gewesen, wenn ich an dem Jahrestage meines Verbrechens und mit dem Falle der Altäre, die ich beschimpfte, den Tod unter dem einstürzenden Dache Limburgs gefunden hätte. Du warst also mit Andern der Meinung, ich habe Erlösung gefunden aus einem Leben voll Weh?" „Du bist undankbar für die Gnade, die Dir zu Theil wurde, und für die Hoffnung, welche Dir daraus quillt, sonst könntest Du Dir keine solchen Ausdrücke erlauben. Vergiß nicht, Odo, daß unsere Erdenfreuden stets den Moder der Sterblichkeit an sich tragen und daß Dein Unglück nicht größer ist, als das von Tausenden, die mit ihren Pflichten kämpfen." „Du berührst hier den Unterschied zwischen dem aufgewühlien Meere und ruhigem Wetter — zwischen der Eiche und dem Rohr! Der ruhige Strom Deines DaseynS kann Wohl gelegentlich durch ein geringfügiges Hinderniß gestört werden; aber die glatte Oberfläche stellt sich bald wieder her und läßt das flüssige Element klar und mackelloS zurück. Dein Lebensgang gleicht einer sanftfließen- 485 den reinen Quelle, der niei'nige dagegen dem wilden trüben Sturze eines Bergstromes. Wohl hattest Du Recht, Ulrika, als Du sagtest, Gott habe uns nicht für einander geschaffen." „Was auch die Natur gethan haben mag, um unsere Neigungen und Wünsche zusammen zu führen, Odo, so haben doch die Vorsehung und der Lauf der Welt trennend sich zwischen mich und Dich gelegt." Der Einsiedler blickte die milde Sprecherin mit so starren und blitzenden Augen an, daß sie ihre eigenen zu Boden schlug. „Nein," murmelte er hastig vor sich hin; „der Himmel hat eine andere Bestimmung als die Erde — der Löwe einen anderen Trieb, als das Lamm." „Laß mich nichts mehr von einer solchen Selbstherabwürdigung hören, armer Odo. Wir wollen nicht leugnen, daß Du gefehlt hast — denn wer ist ohne Tadel? — Aber dennoch verdienst Du nicht diese halten Beiworte, die Dir Niemand beizulegen wagen würde, als Du selbst." „In einem ereignißreichen, wildbewegten Leben habe ich auf viele Räihsel getroffen, Ulrika — ich sah das Wirken der Guten und Bösen — begegnete Menschen, die ihre Zwecke durch schlecht gewählte Mittel vereitelten, — aber noch nie habe ich ein edle» Wesen kennen gelernt, das so sehr geneigt zu sehn schien, die Schuld des Sünders zu verkleinern." „Dann hast Du nie Pie wahre Liebe zu Gott — nie einen aufrichtigen Christen gefunden. Wag liegt daran, Odo, ob wir uns zu dieser oder jener Glaubensform bekennen? — Die Frucht des wahren Baumes ist Liebe und Demuth — sie lehren uns, Andere mit Wohlwollen zu beurtheilen und uns nicht unserer selbst zu übcrheben." „Du hast früh angefangen, diese goldenen Regeln zu üben, da Du sonst zuverlässig nie Deine eigene Vortrefflichkeit vergessen 4S6 oder Dich bereit gezeigt haben würdest, ste den ungestümen Trieben eine» Wildfangs zu opfern, mit dem Du verlobt warst." Ulrika'S Auge wurde leuchtender, aber nur, weil ein Anflug von Glut sich über ihre Züge hinbreitete. »Ich weiß nicht, wozu dergleichen Anspielungen jetzt dienen sollen, Herr von Ritterstein," entgegnete sie; „denn es ist Euch Wohl bekannt, baß ich gekommen bin, um einen letzten Versuch zu machen, den Frieden Meta'S zu sichern. Berchihold theilte mir Eure Absicht mit, ihn für die Rettung Eures Lebens zu belohnen, und ich habe Euch jetzt zu sagen, daß, wenn Ihr anders etwas für den Jüngling thun könnt, jetzt der geeignete Augenblick gekommen ist — denn Lottchen fühlt sich zu geschwächt, um noch lange gegen weiteren Gram aukämpfcn zu können." Der Einsiedler war betroffen. Er wandte sich langsam nach einem der Behälter seiner weltlichen Habe und holte ein Paket hervor. Das Rascheln desselben belehrte seine Gefährtin, daß es ein Pergament war, und sie erwartete den Erfolg mit gespannter Theilnahme. „Ich will nicht sagen, Ulrika," entgegnete er, „daß diese Urkunde der Preis für ein Leben seyn soll, welches kaum der Gabe werlh ist. Früh mit dem jungen Berchthold und mit Meta bekannt, entlockte ich ihnen ihr Geheimniß, und von diesem Augenblicke an hat es mir die größte Wonne bereitet, auf Mittel zu sinnen, um das Glück eines Dir so theuern Wesens zu sichern. Ich fand in dem Kinde jenen einfachen, edlen Sinn, den ich an der Mutter bewunderte, und muß ich erst beifügen, daß meine Verehrung für Dich dem Verlangen, Deinem Kinde zu dienen, noch mehr Nachdruck verlieh?" „Ich bin Dir in der That sehr zu Dank verpflichtet für die Fortdauer dieser guten Meinung," entgegnete Ulrika mit tiefer Empfindung. „Danke mir nicht, sondern betrachte vielmehr den Wunsch, 487 einem Dir theuren Wesen nützlich zu werden, als einen Zoll, welchen der reuige Sünder gerne der Tugend abträgt. Du weißt, ich bin der Letzte meines Geschlechts, und es bleibt mir keine andere Wahl, als mein Eigenthum an ein Gotteshaus zu vergaben, Gold und Güter meinem Lehensherrn zu überlassen, oder dieß zu thun." „ES dürfte wohl nicht leicht seyn, diesen Wechsel zu erwirken, da er so sehr im Widerspruch mit den Interessen des Churfürsten steht." „Dafür ist gesorgt; eine vorläufige LehenSgabe hat den Weg angebahnt, und diese Dokumente enthalten Alles, was nöihig ist, um den jungen Berchthold zu meinem Vertreter und Erben einzusetzen." „Freund! — theurer, edelmüthiger Freund!" rief die Mutter bis zu Thränen bewegt; denn sie sah in diesem Augenblicke nichts, als das gesicherte Glück ihres Kindes, und den jungen Berchthold in einer Lage, die alle seine früheren Hoffnungen überbot — „groß- müthiger, edler Odo!" Der Einsiedler erhob sich und übergab ihr das Pergament in der Weise eines Mannes, welcher längst für einen derartigen Akt vorbereitet ist. „Und nun diese feierliche und gebieterische Pflicht erfüllt ist, Ulrika," sagte er mit erzwungener Ruhe', „bleibt uns nichts mehr übrig, als der letzte Abschied." „Abschied? — Du mußt bei Meta und Berchthold leben — das Schloß Nitterstein wird Dir ein Ruheplätzchen bieten nach so viel Gram und Leiden." „Dies darf nicht geschehen — mein Gelübde, meine Pflichten, und, ich fürchte, Ulrika, auch meine Klugheit verbieten es." „Deine Klugheit! Du bist nicht mehr jung, theurer Odo — die Entbehrungen, aus denen Du Dir bisher nichts machtest, werden Dich bei der Zunahme der Jahre schwer bedrücken, und wir könnten uns nicht glücklich fühlen in dem Bewußtseyn, daß Du um 483 derselben Vortheile willen leidest, welche Du so großmüthig auf Andere übertragen hast." „Die Gewohnheit ist mir zur zweiten Natur geworden, und Einsiedeleien oder Feldlager sind mir keine Fremdlinge. Wenn Dir nicht nur mein Friede sondern auch mein Seelenheil theucr ist, Ul- rika, so laß uns scheiden. Ich habe schon zu lange in der Nähe eines Schauplatzes verweilt, der so reich ist an Erinnerungen, welche einem Büßenden zu furchtbaren Feinden werden müssen." Ulrika bebte zurück und ihre Wangen erblaßten. Die Glieder zitterten ihr, denn die schnellfassende Sympathie, welche weder Zeit noch Pflicht ganz anSzulöschen vermocht hatte, mahnte sie stumm an die Bedeutung seiner Worte. Auch lag in seiner Stimme eine Glut, ähnlich jenen Tönen, die, ungeachtet sie stets dagegen zu kämpfen bemüht war, eine rege Einbildungskraft bisweilen vor ihr heraufzubeschwören Pflegte; denn in keiner späteren Lebenslage vermag ein Weib die theuren Laute ganz zu vergessen, mit welcher die Liebe zum erstenmal das Ohr der Jungfrau begrüßte. „Odo," sprach sie mit einer Stimme so sanft, daß die Nerven des Einsiedlers erbebten, „wann gedenkst Du aufzubrechen?" „Heute — in dieser Stunde — in dieser Minute." „Ich glaube — ja — Du thust wohl daran, zu gehen." „Ulrika, Du wirst stets ein Liebling Gottes sehn. Bete oft für mich." „Lebe wohl, theurer Odo!" „Gott segne Dich — möge er mit mir Erbarmen tragen!" ES trat eine kurze Pause ein. Der Einsiedler näherte sich und erhob seine Hände in der Haltung des Segnens. Zweimal schien er im Begriffe zu scyn, die nicht widerstehende Ulrika an seine Brust zu drücken; aber das demüthige, thränenvvlle Antlitz hielt ihn zurück, und ein Gebet murmelnd, stürzte er aus der Hütte. Sich selbst überlassen, sank Ulrika auf, einen Schemel und blieb 489 so gleich einem Bilde des Grams liegen, während Thronen in Strömen über ihre Wangen niederfielen. Es entschwanden einige Minuten, ehe die Gattin Heinrich Frei'S aus ihrem Selbstvergessen aufgestört wurde; aber jetzt sagte ihr der Ton nahender Schritte, daß fie nicht länger allein war. Zum ersten Mal in ihrem Leben versuchte Ulrika beschämt ihre Aufregung zu verhehlen; aber noch ehe ihr dies möglich wurde, traten der Graf und Heinrich ein. „Was ist mit dem armen Odo von Ritterstein, gute Frau — mit diesem Manne der Sünde und des Kummers?" fragte der letztere in seiner herzlichen arglosen Weise. „Er hat uns verlassen, Heinrich." „Natürlich nach seinem Schlosse aufgebrochen! — Nun, der Mann hat seinen Antheil Leid gehabt, und die Ruhe wird ihm nicht zu spät kommen. Odo's Leben, Herr Graf, ist nicht, wie das unsrige, von einer Art gewesen, daß es ihn zufrieden machen konnte. Die Geschichte mit der Hostie ist zwar im besten Falle eine sehr un- chrerbietige und nicht verantwortliche Handlung gewesen ; aber hätte sie sich in unfern Tagen zugetragen, so würde man wohl weniger daraus gemacht haben — und dann," er klopfte dabei auf die Wange seiner Gattin, „war eS an sich kein geringes Unglück, Ul- rika'S Gunst zu verlieren. Doch was ist dies hier?" „Eine Urkunde, vermittelst welcher der Herr von Ritterstein seinen zeitlichen Besitz auf Berchthold überträgt." Der,Bürgermeister riß hastig das große Pergamentblatt auseinander, und obschon er das Latein der Urkunde nicht verstand, ersah doch sein geübter Blick alsbald, daß sie in der gebührenden Form ansgestellt war. Natürlich begriff er wohl den Grund und den Zweck der Gabe, weßhalb er sich Plötzlich mit dem Ausrufe an den Grafen wandte: „Hier ist Manna in der Wüste! Unsere Bedenklichkeiten sind glücklich ausgeglichen, hochgedorner Graf, und nächst dem Vergnü- 490 gen, Meta'S Hand dem Besitzer der Rittersteinschen Güter verleihen zu können, schätze ich mich glücklich, einen erlauchten Freund und Gönner verbinden zu können. Fortan soll es zwischen uns nur noch freundliche Worte geben, Herr Graf." Der letztere halte seit seinem Eintritt in die Hütte keine Shlbe gesprochen. Sein Bück haftete forschend auf den thränenvollen Augen und den farblosen Wangen Nlrika'S, während er den Vorgang seinen eigenen Deutungen unterwarf. Dennoch ließ er der schönen Gattin des Bürgermeisters Gerechtigkeit widerfahren; denn obgleich er in Betreff von Ulrika'S Neigungen weniger gläubig war, als Heinrich, kannte er doch ihre reine Seele zu gut, um die gute Meinung von ihrer Tugend aufzugeben, die sie ihm in früher Jugend abgerungen hatte. Er nahm den Antrag seines Freundes anscheinend mit derselben Freimüthigkeit an, wie er geboten wurde, und nach einigen kurzen Erörterungen verließen sie inSgesammt die Heidenmauer. « « * Unsere Aufgabe ist zu Ende. Am folgenden Tage wurden Berchthold und Meta vereinigt. Schloß und Stadt wetteiferten miteinander, den Neuvermählten Ehre zu erzeigen, und die beiden Mütter bemühten sich, den eigenen stillen Kummer in dem Glücke ihrer Kinder zu vergessen. Im Laufe der Zeit nahm Berchthold von seinen Gütern Besitz und begab sich mit seiner Braut und seiner Mutter nach dem Schlosse Ritterstein, auf welchem er stets nur als der Bevollmächtigte des abwesenden EigenthümerS walten wollte. Gottlob erhielt die Försterstelle; es gelang ihm. Gisela zu überreden, daß sie beiz Gedanken an den schmucken Ritter aufgab, der sich eine Zeitlang in der Har- tenburg aufgehaltcn hatte, und so vereinigten sich die beiden störrischen Gemüther für den Rest ihres Lebens zu einem halb liebenden, halb zänkischen Ehepaar. Dürkheim ihcilte, wie eS gemeiniglich bei wichtigen Veränderun- 491 gen mit den untergeordneten Handelnden zu gehen pflegt, das LooS der Frösche in der Fabel. Sie hatten die Bcnedictiner nur gegen einen neuen Herrn vertauscht, und obgleich der Bürgermeister und Dietrich im späteren Leben vieler weislichen Unterhaltung pflogen über die Natur der Revolution von Limburg, wie Ersterer die Zerstörung der Abtei zu nennen beliebte, so konnte doch Letzterer nie recht klar begreifen, was eigentlich mit derselben gewonnen worden war. Gleichwohl blieb der Schmied ein großer Bewunderer des Grasen, und seine Nachkommen zeigen bis aus den heutige» Tag die Figur eines Marmor-Cherubs, die ihr Ahnherr bei jcner Gelegenheit als Siegeszeichen davon getragen hatte. Bonifacius und seine Mönche fanden ein Unterkommen in anderen Klöstern, wo sie den Schlag, der sie betroffen, durch Abhülf- mittel zu verschmerzen suchten, wie sie je den individuellen Liebhabereien und Charakteren zusagten. Der fromme Arnolph beharrte bis ans Ende auf dem Glauben, daß Liebe die schönste Zierde des Christen seh, und hörte nie auf, für die Feinde der Kirche zu beten, oder ihnen die Wohlthat seines Fürworts angedeihen zu lassen. Was Odo von Ritterstein betraf, so trug man sich in der Gegend mit allerhand Sagen über sein Schicksal. Eines dieser Gerüchte, das ziemlich viel in Umlauf kam, streute aus, er habe mit Albrecht von Viederbach, der sich wieder den Rittern von Rhodos anschloß, Dienste genommen und in den Wüsten Afrikas seinen Tod gefunden. Jndeß trägt man sich im Jägcrthal noch mit einer andern Sage von seinem Tode. Dreißig Jahre später, nachdem Heinrich, Emich von Leiningen und die meisten anderen handelnden Personen dieser Geschichte bereits zu ihrer großen Rechenschaft abgeruse» waren, soll ein greiser Wanderer an dem Thore von Ritterstein um Nachtherberge gebeten haben. Er wurde von Meta gut ausgenommen, (denn ihr Gatte und ihr Sohn waren bei den KricgSzügen betheiligt) und flößte seiner Wirihin durch die Geschichten, die er von den Sitten und Ereignissen in fernen Lan- 492 den zu erzählen wußte, viele Theilnahme ein. Die Frau von Ritterstein (venn Berchthold verdankte diesen Namen seinem Muihe) fand so großes Wohlgefallen an ihrem Gaste, daß sie in ihn drang, er möchte noch einen Tag in dem Schlosse bleiben. Vom Erzählen ging der Fremde auf Erkundigungen über und wußte dabei seine Fragen so zu stellen, daß ec bald mit der ganzen Geschichte der Familie bekannt war. Ulrika war die Letzte, welche zur Sprache kam, und die jüngeren weiblichen Familienglieder glaubten eine Veränderung in seinem Wesen zu bemerken, als er den Bericht über den Schluß ihres Lebens und über ihr friedliches, frommes Ende anhörte. Der Fremde reiste schnell wieder ab, und sein Besuch wäre wahrscheinlich bald in Vergessenheit gekommen, hätte man nicht kurz nachher seinen Körper, im Tode erstarrt, in der Hütte der Heidenmauer aufgefunben. Diejenigen, welche gern den Neigungen des Herzens ein romantisches Colortt geben, sind zu glauben geneigt, daß dies der Einsiedler gewesen sey, dem es selbst am Schlüsse eines so langen Lebens noch eine geheime Befriedigung gewährte, seinen letzten Athem an der Stelle auszuhauchen, wo er sich von der Frau trennte, die er so treu und so fruchtlos geliebt hatte. Auf diese Sage — mag sie nun wahr oder falsch sehn — legen wir kein Gewicht. Unsere Absicht war, in einem rasch hingeworfenen Lebensbilde unfern Lesern nicht nur die hohen, unveränderlichen Eigenschaften der Guten, Tugendhaften und wahrhaft Edlen vor Augen zu führen, sondern ihnen auch zu zeigen, mit welchem Widerstreben sich der menschliche Geist von alten Eindrücken loS- zählt, um sich neuen hinzugeben — wie sehr das Bekenntniß mit dem Wirken im Widerspruche stehe — wie irrthümlich es in jeder Sekte oder in jedem Glabensbekenntniß sey, das Gute mit dem Schlechten zu vermengen — und wie unter allen Verhältnissen des DaseynS die Selbstsucht sich durch die gleichen Grundsätze leiten lasse. NSSto-