Druckschrift 
4 (1854)
Entstehung
Seite
300
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Erdmuthe konnte nicht ausreden, denn die Frau, die eben-falls die Hand gereicht hatte, schnitt ihr das Wort ab indem siesagte:

„Das kannst hernach erzählen. Zuerst mußt was essen. Wärstein' halbe Stund' früher kommen, hättest's gleich mithalten können.Roscl!" rief sie laut, ein schlankes Mädchen kam in die Stube,das nach Vorstellung der Mutter Erdmuthe herzlich bewillkommte,aber auch hier unterbrach die Mutter jedes weitere Reden nndsagte: „ Roscl, wärme schnell die Lcberspatzen, die von hcnt Mittagüberblicken sind, Ihn noch einen Löffel Schmalz daran und schlagder Base ein paar Eier ein."

Erdmuthe wollte danken, aber man hörte nicht darauf undtrotz der Ermüdung nnd des unleugbaren Hungers fühlte sie plötz-lich eine Sättigung und cs war ihr als müßte sie auf und davonrennen. Diese zutrauliche herzinnige Weise der Menschen, die siebisher für Feinde und Unholde gehalten, dieses Entgegenkommenvon Menschen, bei denen sic sich vergessen geglaubt, das Gefühlbei Verwandten zu sein, die jede Liebe und Güte als selbstver-ständliche Sache hinnehmen und dazu der Gedanke, das; sic miteinem Vorhaben gekommen, das ihnen entgegen war, Alles daspreßte ihr die Kehle zusammen.

Der Oheim raffte die Papiere zusammen und sagte, daß erin einer Stunde wiederkomme, er müsse in die Gemeindcraths-sitzung. Erdmuthe stand aus und grüßte dcmüthig als er wcg-ging, reden konnte sic nicht.

Als die Rosel, von der die Mutter erzählte, daß sic in achtTage» Hochzeit mache, das Esten brachte, wollte Erdmuthe durchausnichts davon annehmen.

Es gicbt eine alte Sage, daß man von verführenden Geisternnicht Speise und Trank genießen darf, sonst ist man in ihremBanne. Erdmuthe kannte diese Sage und sie kam sich wie ineinem Zaubcrkrcis vor, aber hier waren gute Geister und siewollte nur nichts annehmen, weil sie dann bei der ausbrcchendcnFeindseligkeit undankbar war; aber die Frau ließ nicht nach undwiederholte ihr, sic müsse ihr verscheuchtes Wesen ablegcn, sie sei