tiefer Trauer, sie legte die Hand auf das Grab als faßte sie dieHand der Mutter und schaute in die weite Welt. Die Lerchenüber ihr jubelten, ein Buchfink schmetterte seinen Hellen Sangvon einer Trauerweide deren junges Laub im Sonnenschein(Merke, ein Säuseln zog durch die einsamen Fohren, die da unddort standen und Schmetterlinge flogen hin und her. — Sieraufte einige Grashalmen und wilden Thymian vom Grabe,steckte sie in ihren Busen und schritt fest davon. Durch das Dorfging sie ohne umzuschauen und ohne Jemanden zu grüßen;Mittag war vorüber und die Leute gingen wieder ins Feld; nurvor ihrem elterlichen Hause hemmte sie ihren Schritt und sablange an dem Hause hinauf und auf die Stcinbank, wo sic alsKind so oft gesessen. Es war Alles im alten Stande und nurdes Nachbars Klaus, der an Krücken ging, war in den zehnJahren ein großer Bursche geworden und strickte eine wolleneJacke auf der Steinbank und in dem Garten war eine neueScheune gebaut. Eben als Erdmuthe den Klaus grüßen wollte,trat Bläsi mit einem Pferdckummct auf der Schulter aus derHausthüre, er erkannte Erdmuthe troß des großen weißen Tuches,mit dem sie ihr Gesicht fast verhüllt hatte und sagte:
„So? Bist auch hiesig? Willst jeßt bei uns bleiben?"
„Nein," antwortete Erdmuthe und ging weiter, cs kränktesie, daß Bläsi ihr weder die Hand reichte noch eigentlich einfreundlich Wort sagte. Als sic die Treppe im Hause des OheimsGottfried hinan ging, war cs ihr als müßten ihr die Knicebrechen, aber sie faßte sich, denn es ahnte ihr, daß sie sich ihrVorhaben leichter gedacht als cs war. Der Oheim Gottfried, derin Papieren lesend am Tische saß, stand nicht auf, aber er streckteihr die Hand entgegen zum Willkomm und sagte:
„Das ist brav, daß du doch zur Einsicht kommen bist, dubist bei uns so gut und besser aufgehoben als bei deinem Vater.Du mußt in diesen Tagen großjährig werden, halt, heut habenwir den zwölften Mai, gestern ists gewesen wo du's gewordenbist, du kannst jeßt mit dir machen was du willst.
„Ja, deswegen bin ich da und ich Hab Euch sagen wollen —"