''L-s-V Schumrzivälder von Berthold Auerbach. Vierter Sand. Stereotypirte Ausgabe. Mannheim, Verlag von Bassermann L Mathy. 1854 . Inhalt. I. Der Lehnhold. 1 ii. Hopfen und Gerste.181 in. Ein eigen Haus.213 iv. Erdmuthe.269 -- Berichtigung. Seite 222, Zeile 8 v. c>. lies der Vater. « 222, ,, 8 » »de» Vater. Dcr LchnholÄ. Anevbach'S Torfg. Bd. Ab der Landstraße. der Landstraße, die dnrch das rauschende Waldthal führt, zieht sich ein Fahrweg bergan durch den Wald und dann zwischen lebendigen Buchcnhccken nach einem einsamen Gehöfte, einer sogenannten Einzechtc. Die Geleise ans dem Wege sind alle gleich, denn hier bewegen sich nur Wagen von derselben Spurweite, wer hier auf und abzieht, hat mit dem Bauer von der langen Furche zu thun; denn dieser Weg gehört dem Fnrchenbaucr zu eigen und führt nur zu ihm; wer von da wieder zurück will zu anderen Menschen, muß auf demselben Wege wieder umkehrcn. Co stattlich und weit sich auch Haus und Scheunen dort ausnehmen, die mit ihren grauen Strohdächern fast felscnartig in'sThal herniederschaucn, sie haben doch nicht Raum genug für all das reiche Erträgnis; des Feldes, denn hüben und drüben in den Feldern sehen wir die kegelförmig gebauten Garbcnhaufen, Feimen genannt, die erst nach und nach abgedroschen werden und / in den noch hcrbstgrüncn Bcrgwiescn stehen luftige Scheunen, sogenannte Lotadel, deren Wände und Dach von graugewordc- nen Brettern viel nahrhaftes Heu in sich bergen. Dort etwas fern vom Hofe, am Rande des Bcrgvorsprun- ges jenes kleine aus Holz erbaute Häuschen, das mit einer Thurmspitze geschmückt ist, das ist die Kapelle, die dem Hofe zu eigen gehört. An Sommcrabcnden oder auch am Sonntage wenn man nicht nach der mehr als eine Stunde entfernten Kirche gehen kann, versammelt der Hausherr seine Kinder und sein Ingesinde in dem Käppele (wie der Landesausdruck hier das Wort Kapelle umgcwandclt hat) und vor den mit Blumen und Bändern gell* schmückten Heiligenbildern wird er selber eine Art Priester, indem er laut die üblichen Gebete spricht und Alles um ihn her kniet. Wir sind längst auf Grund und Boden des Furchenbauern, aber der Weg ist noch lauge genug, daß wir uns einstweilen er- innern können, zu wem wir gehen, bis wir den Manu selbst vor uns haben. Damals als wir mit dem Brost auf der lustigen Hochzeit in Endringen waren und den Bändelcstauz entstehen sahen, damals hatten wir uns vorgesetzt, die Geschichte des Furchenbauern zu erzählen. Wer damals das glückselige und reich gesegnete junge Paar erschaute, konnte nicht ahnen, welch ein schweres Geschick ihm bevorstand, das sich mit der Zeit erfüllte. Freilich, stolz und eigenmächtig war der junge Furchcubauer schon damals, hatte er ja dem armen Brost einen Taglohu dafür geben wollen, wenn er mit Tanzen und Singen die Hvchzcitsgäste erlustige; schon damals blickte der Furchenbauer mit einer stillen innern Verachtung auf Jeden herunter, der ihm nicht glcichstand und hielt es nur selten der Mühe wcrth, in Wort und Mienen das auszusprecheu. Aber warum soll ein junger Baron in schwarzem rothausgeschlagcnem Sammtrock, rvthcr Weste und Leder- Hosen nicht eben so stolz sein wie einer mit Epaulctten und goldgesticktem Halskragen? Ter Furchcubauer konnte sich neben jedem Rittorbürtigeu sehen lassen. Er war alleiniger Erbe oder wie man es hier zu Lande noch heißt, der Lehnhold des großen Gutes von der langen Furche, das sich in Wald und Feld weit über Berg und Thal ausbrcitet; er hatte acht Roß im Stall, eben so viel Ochsen und die Doppelzahl Kühe und Rinder und Alles war schuldenfrei, denn er hcirathcte die Tochter des reichen fetten Eän- banern, des Vogts von Sickenhofen, der den ehrenvollen Unnamen „der Schmalzgraf" hatte, und von dem Beibringen der Frau konnte die ausbedungcne Losung der einzigen Schwester, die nachmals den Gipsmüller heirathcte, blank ansgezahlt werden ; der einzige Bruder, der sich dem geistlichen Stande weihte, erhielt nur einen Theil des ihm Ankommenden, das klebrige ließ er ans dem elterlichen Hofe stehen, es war ja ohnedieß das einstige Erbe der Brnderskinder. Mit einem stolzen gesättigten Behagen sah der Christoph, oder wie er jetzt — da ihm seine Würde erst den rechten Namen verlieh — hiesi, der Furchenbaucr am Morgen nach seiner Hochzeit zum Fenster hinaus und schaute zu wie der Wind mit den Morgenncbcln spielte, fast so wie er selber die Tabackswolken vor sich her blies. Der Vater hatte ihm die Zeit lange gemacht, Christoph war ledigerweise viel älter geworden als die Bauernsöhne seinesgleichen, der Vater schien das Gut nicht lassen zu können, bis es ihn: der Tod entriss. Christoph zürnte ini Stillen oft darüber, aber er war in Gehorsam und Unterwürfigkeit erzogen und durste sich nichts merken lassen; war es ihn: ja übel bekommen, als er einmal scherzweise zu seinem Vater sagte: „Gebt Euer Sach doch her so lang Ihr lebet, dann höret Jhr's auch noch wie man Euch Dank sagt." Christoph hörte die Antwort darauf nicht, aber er fühlte sie. Nur auf Bedrängen der Gefreundeten und besonders des zweiten Sohnes, der damals Pfarrvcrweser in Reichenbach war, ließ sich endlich der Vater bewegen, an Christoph abzngeben. Er wählte seinem Sohne die ebenbürtige Frau und dieser willfahrte nach altem Brauche; aber als müßte es doch zur Wahrheit werden, daß der Vater das Gut bei Lebzeiten nicht lassen könne, starb er vor der Ucbcrgabe und der Hochzeit. Am Morgen nach dieser letzten dachte Christoph mit einem gewissen wehmüthigcn Danke an den Vater; er hatte Recht ge- than, ihn nicht früher in das Gut einzusetzcn, jetzt erst war er geeignet, der Furchenbaucr zu heißen, und ein schönes reichgesegnetes Leben lag vor ihm . . . Die freudige Stimmung jenes ersten Morgens nach der Hochzeit ist schon lange verklungen. Wenn man bald vierzig Jahre im Besitze einer Macht ist, denkt man kaum mehr der Stunde, da man damit bekleidet wurde. Der Furchenbauer hat seitdem Mancherlei erlebt. Von neun Kindern waren ihm vier verblieben, drei Söhne und eine Tochter; er hatte die Freude, den ältesten zum Schmalzgrafen erhoben zu scheu, denn er erbte das Gut des Muttcrvaters, aber schon nach wenigen Jahren starb der rüstige Schmalzgraf mit Hinterlassung einer einzigen Tochter. 6 ^ ' ! Tics; war das alleinige Enkelchen des Furchenbanern, denn die anderen Kinder waren undcrheirathet und wir werden bald sehen warum. Wir sind am Hofe. Dumpfes Bellen und Kcttenrasscln zweier Hofhunde, die in ihrem Bellen sich bald ablvscn und bald zn- sammcnstimmen, zeigt an, das; kein Fremder sich unbemerkt hier nahen darf; über das Bellen hinaus tönt aber der Taktschlag von sechs Dreschern und dazwischen vernimmt man das rasche Klappern einer Handmühlc, der sogenannten Puhmühle, die statt des ehedem üblichen Wurfclns das Korn säubert. Häuser, Ställe und Scheuern sind im Gevierte gebaut, das Thor steht offen; halten wir aber noch eine Weile inne, bevor wir cintrctcn. — Auf der Leiter an einem Zwetschgcnbanm im Hausgartcn steht eine Franengcstalt in üblicher Landestracht, die rothcn Strümpfe umschließen ein mächtiges Wadcnpaar. Aus dem offenen Hof- thvre kommt ein schlanker junger Bauer, drei mächtige Strohbündel aus dem Rücken. „Amcilc, fall nicht abe", ruft der junge Mann. „Da unten ist auch schwäbisch," antwortet es in die Zweige hinein und die Strohbündel Hüpfen ans und nieder von dem Lachen des jungen Mannes, während die Franengcstalt wieder fragt: „Was willst denn mit dem Stroh?" „Der Bauer will, daß man die Breitlingäpfel dort dießmal nicht brechen soll, man bab' kein' Zeit dazu, ich soll sie schütteln und Stroh unterlegen. Steig abe und gieb mir die Leiter." „Bist zu steif? Kannst nicht'nauskrcbseln? " spottet das Mädchen, während der Bursche das Stroh ansbreitet und cr- wiedert: „Du sollst auflesen, ich muß gleich wieder ans Dreschen." Behende ist er ans den Baum geklettert, der ganze Baum wird hin und hcrgeschüttclt, es rasselt in den Zweigen und dumpf prasselnd auf das knisternde Stroh und darüber hinaus fallen -die rothbackigcn Acpfel. Das Mädchen will bald da bald dort anfangen aufzulesen, aber wo cs sich zeigt, wird ein Ast mächtiger geschüttelt und manchmal getroffen von einem Apfel grillt es auf und schilt auf den tückischen Mann auf dem Baume. Dieser steigt ab, schaut das Mädchen kurz an und will nach dem Hofe gehen. „Du machst unsaubere Arbeit!" sagt das Mädchen lachend und fährt ans den Baum deutend fort: „schau, dort hängt noch ein Apfel und dort noch einer." Im Fortgehen crwiedcrt der Bursche: „Du vcrgißst's immer wieder und ich Hab dir's schon oft gesagt: Wenn man einem Obstbaum nicht Alles abnimmt, trägt er im nächsten Jahre um so gewisser." Ameile (Amalie) hielt einen Apfel in der Hand und will den Weggchcnden damit werfen, aber noch im Ausholen hält sie an, ein zweiflerischer Gedanke scheint ihr die Hand zu senken, sie steckt den Apfel in die Tasche und auf das Stroh kniend rafft sie die Acpfcl zusammen und singt dazu: „Schäkels, Engelc, „Las; mi c wengele —„ „Schätzest, wascle?" „Nur mit dir basele." Der Bursche, der eine Soldatenmütze auf dein Kopfe trägt und überhaupt eine soldatische Haltung verräth, geht wieder nach dem Hofe zurück, nimmt den Dreschflegel zur Hand und fällt takt- mäßig in die Schläge ein. Im Hofe. Im Hofe, in dessen Mitte der große mit Stangen cingezäunte Düngerhaufen, daran eine Jauchenpumpe sich befindet, ist reiche lebendige Bewegung, da wird Korn auf einen Wagen geladen, dort Stroh und dort Aepfclsäcke getragen, die zahlreichen Hühner und Enten wissen geschickt auszuweichen und überall etwas zu erna- scheu. Rechts von dem Eingangsthorc unter einem breiten Hol- lundcrbaume, der jetzt schon schwarze Beercnbüschcl trägt, steht der Nöhrbrunncn, der seinen Hellen, armdicken Strahl in den langen Eichentrog ergießt und rings um den Brunnen ist der 6 Boden vortrefflich gepflastert, so das; nicht wie sonst oft grade hier Alles unsauber ist; der Abfluß des Brunnens hat einen gepflasterten Weg nach dein Baumgarten links am Thore und bildet dort sogar einen kleinen See. Die Kühe und Rinder werden zur Tränke geführt, denn die Ochsen und Pferde sind draußen im Felde beim Pflügen und Eggen. Der Kühbub knallt, daß es im Hofe wiederhallt. Eine glänzend schwarze Kalkül, die auch nicht ein anderes Häärchcn hat und in Schönheit strahlt, tanzt lustig im Hofe hin und her, steht bald still und schaut wie neckisch und verwundert drein und hüpst dann wieder mit gehobenem Schweife auf und ab. Die Drescher, die eben eine neue Spreite auflegen, stehen unter dom Schenucnthore und betrachten mit lauter Bewunderung das schöne Thier und dieses scheint gefallsüchtig säst zu wissen, daß cs bewundert wird, denn cs macht immer freudigere Spnlnge, bis endlich ein Mann aus einem dunkeln Schuppen ruft: „Hanncsle, gieb acht, daß dem Schwärzte nichts geschieht, thu's ein." Das ist aber nicht so leicht, auch ein Thier läßt sich in seiner Lustbarkeit nicht gerne unterbrechen, und erst mit Hülfe der Drescher, die sich wie es scheint auch gerne ein wenig im Freien um- hcrtummeln, gelingt es dem Kühbub, das Schwärzlc in den Stall zu bringen. Das Schwärzle ist eine wichtige und beliebte Erscheinung auf dem Furchenhofe, dem bohe Ehren bevorstehcn und Jedermann spricht nur Gutes von ihm. Wir wollen aber jetzt der Stimme aus dem Dunkel folgen, die vorhin Alles zur Nachachtung rief. Das rollt und quetscht uud platzt in dem dunkeln Schuppen und ein eigener süßer Duft dringt uns entgegen. In einem fast halbrunden Eicheutroge wird ein steinernes Nad gewälzt, daß die cingcschüttetcn rothbackigen und grünen Acpfel zerdrückt und dort hinten rinnt es aus der Presse in die Kufe; wir sind beim Mosten. Ein einäugiger schlanker junger Bursche treibt die Stange, die mitten im Steinrade steckt, vorwärts und ein anderer älterer Mann mit rötblich grauem Haare drückt sic wiederum zurück, wobei einer dem andern hilft. Ein alter schlanker Mann mit enganliegenden schwarzen Leder- Hosen und Rohrstiefeln, die faltenreich niederfallen und blaue Strümpfe scheu lassen, hält eine längliche hölzerne Schippe in der Hand, wandelt an der freien Seite des Eichentroges auf und ab und schiebt je nach der Wendung die zerdrückten Aepfel zum bessern Auspressen unter das Rad; manchmal bückt er sich um einen ganzen oder gcthcilten Apfel, der über den Rand des Eichen- troges gefallen, wieder hincinzulegen. Das ist der Furchenbauer. Er sieht langgestreckt, dürr und bartknochig aus, und das ganze Wesen hat etwas Zähes, Unbeugsames. Die weihen Haare, die den spitzen Oberkopf ringsum bedecken, sind kurz geschoren, die hohe Stirne ist runzelvoll, über den grauen Augen sind die Ausläufer der dicken Brauen in die Höhe gewirbelt, die linke mehr als die rechte, man sieht offenbar^ das; der Mann seine Brauen oft mit der Hand bewegen muß,, und wenn er auch die Augen ganz aufschlägt, hängt noch immer die Haut des Augenlides schlaff und fast wie ein Vordach auf den Backenwinkel des Auges, die Backenknochen stehen dürr hervor und tiefe Furchen ziehen sich zu beiden Seiten der knolligen Nase herunter; das sind Furchen, die das Schicksal gepflügt. Die schmalen Lippen des Mundes sind so sehr einwärts gezogen, das; man fast gar kein Roth sieht. Dabei hat der Mann in seinem Behoben noch etwas Bewegliches, wenn dies; auch eckig und herb ist. Man wird in vielen Bauerngesichtern etwas Trotziges und Widersacherisches finden, es ist das nicht immer Ausdrück einer innerlichen Gemüthsverfassung, sondern rührt meist von der schweren Arbeit her, gegen die cs oft ein trotziges Anstcmmen, ja gewissermaßen ein feindseliges Besiegen gilt. Wie jetzt der Furchenbauer nach einem großen Sack Aepfel ausgreift, um ihn zu wenden, haben seine Mienen etwas Grimmiges, das sich noch steigert, da er seiner Schwäche gewahr werdend ächzend ausrust: „Helfet doch, ihr faulen Kerle!" Der ältere Mann gchorsamt rasch diesem Zurufe, der jüngere Einäugige aber sagt ruhig stehen bleibend: 10 „Vater, ich mein', cs war genug für heut. Ich möcht lieber dreschen als mosten." „Ich weiß was du lieber thätost, gar nichts war dir am liebsten," erwiedcrt der Furchenbauer zornig und schüttet mit Hülfe des älteren Mannes die Aepfcl in den Trog. Die Aepfel platzen und zischen wieder unter dem steinernen Rad und erst als Alles in die Presse gebracht war, als die Spindeln der Presse krachten und knackten und der Saft nur noch tröpfelnd in die Kufe floss; erst als der Einäugige schon zweimal gesagt hatte, das; die Drescher bereits anfgchört hätten, gehen die Drei endlich nach dem Röhr- brunncn, waschen sich dort die klebrigen Hände, die sie nur durch Abschüttcln trocknen, und treten endlich in das Haus. Die Drescher und Feldtaglöhncr schienen schon lange auf den Hausherrn zu warte», sie umstehen den Sattler, den sich dcrFur- chcnbaucr ins Haus genommen hat und der auf einem Seitcn- tische der großen Stube ganze Felle zerschnitt, um daraus neue Pferdegeschirre zu machen und die alten in Stand zu setzen. Kaum ist der Hausherr in der Stube und plötzlich Stille eingclreten, als Ameile mit einer kübelartigen Schüssel eintritt und sie auf den mit einem Tuch bedeckten Tisch stellt; ihr folgen noch zwei Mädchen, die das Gleiche bringen. Nachdem man gebetet hat, setzt man sich wortlos au den Tisch. Der Bauer sitzt oben, links von ihm der Einäugige, rechts der schlanke Bursche, den wir heute schon beim Eintritte die Aepfel schütteln gesehen. Taktmäßig wie beim Dreschen langt eines nach den; andern mit dem Löffel in die Suppe. Die Mädchen sitzen am untern Ende des Tisches, unter ihnen Ameile, und nur leise sagt eines dem andern, ihm mehr Raun; zum Sitzen zu geben. Die wahren Seen von Suppe sind bald verschlungen, ein großer Laib Brod geht von Hand zu Hand und Jedes schneidet sich mit seinem Taschenmesser einen Ranken. Niemand spricht ein Wort außer wenn etwa der Bauer einen anredet und die Antworten sind stets knapp und gemessen. Nun verlassen die Mädchen den Tisch und kommen rasch wieder mit Bergen von Lcberklößcn und Fclsstückcn von geräuchertem Fleisch. Das Sprüchwort sagt nicht umsonst: die können essen wie 11 Drescher. Mit einer Ruhe und Nachhaltigkeit, die sich immer gleich bleibt, werden die Lcbcrklöße vertilgt und erst als das Fleisch zum Vcrthcilcn kommt, schnipseln Viele nur an ihrem Theile bcrum, und kaum hat der Mann, der mosten geholfen hat, das Beispiel gegeben und das iibrige Fleisch in ein Tuch gewickelt und in die Tasche gesteckt, als ihm auch viele andere beherzt folgen. Der Bauer sagt nur noch, das; er morgen nicht daheim sei und Vinzenz die Aufsicht führe, ein Jeder schneidet sich noch ein Stück Brod, steckt es zu sich und man steht vom Tische ans. Nach dem Schlnßgebete sagt der Bauer noch zu dem Burschen, der ihm zur Rechten gesessen; „Dominik, wenn du draußen fertig bist, komm lein, ich Hab dir was zu sagen." Nach einem Gutnacht in verschiedenen Tonarten verkästen die Drescher und Taglöhner mit schweren Tritten die Stube und erst draußen vor dem Hanse hört man sic unter einander sprechen und lachen. Mehrere machen sich bald davon und zerstreuen sich in die Hänolerwohnnngen, die da und dort im Thale stehen und an den Bergen hangen; nur einige, die aus fernen Gegenden sind, gehen in die Scheunen und legen sich ins Heu. Die Bäuerin, eine alte wohlbeleibte Frau, kommt jetzt auch aus der Küche, bringt sich ihr Essen mit und verzehrt es neben ihrem Mann. Dieser sagt ihr, daß er morgen nach Wellcndingen (einem in der Mitte des Bezirks gelegenen Dorfe) fahre, da dort das jährliche landwirthschaftliche Bczirksfest sei und daß Dominik das Schwärzte hinführen müsse; Ameile nehme er zu sich auf das Bcrncrwägcle. „Du solltest den Vinzenz mitnchmcn", sagt die Frau in etwas schüchternem Tone. „Wie soll ich ihn denn mitnchmcn? Ich kann ihn doch nicht die Kalbin führen lassen? Und er und der Dominik können nicht miteinander von; Hof weg sein. Wenn ich was sag, mußt dn dich vorher dreimal besinnen, eh du was drein redest." „Ich Hab nur gemeint, weil dn doch auch für den Vinzenz ein Mädle aus einem rechtschaffnen Haus finden kannst —." 12 „Da brauch ich ihngrad nicht dazu, das kann ich am besten allein. Zuerst muß Ich die Sach fertig haben, dann kommt erst er." Die Bäuerin schweigt und der Bauer liest die Zeitung, den Wälderboten, den der Milchbub, wenn er Morgens die Milch nach der Stadt führt, mitbringt, den aber der Bauer täglich ruhig warten läßt und die Weltnachrichte», Vergantungen und Frucht- Preise jedesmal erst am Abend wenn alle Arbeit abgethan, liest. Er zwirbelt sich dabei mit der Hand die linke Augbraue und manchmal fährt er sich über die Stirne, denn er liest heute zerstreut. Der Gedanke, daß er keinen ebenbürtigen Nachbar habe und darum für seine Kinder sich auswärts nmthun müsse, geht ihm durch den Sinn. In dem Blättchen stand, daß in Klurren- bühl wiederum Liegenschaften versteigert werden. Der Hofbauer von Klnrrcnbnhl war der einzige ebenbürtige Nachbar gewesen, aber er hat schon vor Jahren sein Gut verkauft und ist Papierer geworden. Der Hirzenbauer von Nellingen hat die unverzeihliche That begangen, sein schönes von alten Zeiten her unzerspaltcues Gut unter seine Kinder zu zcrthcilcu. Der Fnrchenbauer schüttelt den Kopf und holt tief Athem, er schaut nachdenklich steif ins Licht, dann steht er plötzlich auf und stellt sich fest hin indem er beide Fäuste ballt; er mag es fühlen, daß er bald der einzige ist in der Gegend, der einzige mächtige Stamm, während Alles ringsum abgcholzt ist. Er ist fest genug, sich von keinem Sturm entwurzeln zu lassen. Ja, der Furchenbauer gleicht einer mächtigen Tanne, und wie diese oft in ihrer Wurzelausbrcitung auf ein Felsstück stößt, aber unbehindert ihre Wurzeln darüber hinstrcckt und den Fels in sich cinkrallt und wie dieses Wurzelgeäste harzgctränkt lichterloh brennen kann, so ist auch der Fnrchenbauer unbewegt, einen Gedanken wie einen Felsen mit den Wurzeln fcsthaltcnd und Helle Flammen in sich bergend. Ein Knecht mit verschiedenen Anliegen. Nach geraumer Weile tritt der Dominik ein — wir sehen jetzt schon, das; das der Obcrknecht ist — und stellt sich ruhig wartend an den Tisch des Sattlers. Der Bauer liest noch ein wenig weiter, dann sagt er aufschauend: „Dustehst heut Nacht um zwei auf und giebstAcht, daß gut gefüttert wird, besonders das Schwärzte, und vor Tag machst du dich mit dein Schwärzte Wcllcndingen zu. Du fährst den Henncnwcg über Jettiugen, der Boden ist oben linder als auf der Landstraß und das Schwärzte hat Weiche Klauen, du thust recht gemach und laßst dir Zeit. Daß du mir aber ja nicht über Nellingen fährst, kannst deiner Mutter Bescheid geben lasten, daß sie zu dir nach Wellcndiugcn kommt. Du ziehst dein Sonntagsgewand an und in Wcllcndingen im Apostel wartest auf mich, wenn ich noch nicht da bin." Ohne ein Wort zu sagen, will Dominik Weggehen, da ruft ihm noch der Bauer nach: „Kannst dich auch freuen, du kriegst morgen eine Denkmünze, weil du jetzt schon bis Martini elf Jahr bei mir dienst." Dominik stolpert über einen Stuhl als er die Stube verläßt. „Soll ich dir was mitbringen von Wellendingen?" fragt Dominik in der Küche beim Pseifenanzünden das Ameile und diese erwiedcrt: „Ich fahr mit dem Vater. So? Gehst du auch hin?" „Ja, und ich krieg ein' Denkmünz und das Schwärzle vielleicht auch. Mensch und Vieh ist eins. Es ist nur schad, daß man die Menschen nicht auch verkaufen und metzgen kann." „Der Dominik thät bitter und sauer schmecken", sagt die Großmagd, eine stämmige und handfeste Person, während ihr verliebter Blick sagt, daß ihr dieser grobe Witz keineswegs ernst war. Ameile aber setzt hinzu: „Es muß dich freuen, Dominik, daß du den Ehrenpreis kriegst. Wenn ich einDicnstbotcwär'" —- „Dann wärst du nicht des Furchenbauern Amcile", unter- 14 bricht sic Dominik und geht davon, denn er hörte wie die Stu- benthür sich öffnet. Die Bäuerin ruft Ameile in die Stube. Bald kommt Ameile wieder, nimmt die kupferne Gelte und geht damit zum Brunnen. Die Nacht ist stille und sternlos, am Himmel jagen sich die Wolken, aus den Ställen vernimmt mau das Kettcnrasscln der Pferde, das Brummen der Kühe und Dch- sen, ein lautes Zwiegespräch zwischen Knechten oder fremden Tag- löhncrn, das oft von Lachen unterbrochen wird, und der Kühbnb stimmt jetzt auf seinem Lager ein einsames Lied an. Die Gelte ist schon lange bis über den Rand gefüllt und lauft über, aber noch steht Ameile mit auf der Brust über einander geschlagenen Armen träumend davor. Ein plötzlicher Windstos; macht den Hollunderbusch rauschen und sich beugen, der Brunuenstrahl wird seitwärts gebogen und Tropfen davon gerissen, die Ameile ins Gesicht spritzen, sie wischt mit der einen Hand die Tropfen ab und steht wieder still. Jetzt vernimmt man ein Geräusch in der Stallkammer, Ameile ruft den Küh- buben um ihr aufzuhelfen, aber statt des Gerufenen kommt Dominik. „Holst noch Wasser?" sagt dieser die Gelte Ameile anfs Haupt hebend und sie crwicdert: „Ja, und weil du da bist, grüß' nur dein' Mutter und sag' ihr, ich schick' ihr mit Nächstem was." „Dank, weis; nicht ob ich mein' Mutter seh." „Ja und wegen dem Ehrenpreis muß ich dir noch einmal sagen, du mußt dich mit freuen, du versündigst dich, wenn du's nicht thust. Ich freu mich auch mit. Es ist ja auch eine Ehre für uns, das; du so lang bei uns bist, und sei nur recht stolz." „Freilich, freilich", erwiedert Dominik „gut Nacht." Ameile geht nach dem Hause, aber schon auf halbem Wege begegnet ihr die Mutter, die nach Dominik ruft und als dieser bei ihr steht ihm sagt: „Du mußt morgen in Reichcnbach anhalten und schauen was mein Alban macht. Wir haben seit der Heuet nichts von ihm gehört. Des Nagclschmieds Vrcni soll jetzt auch in Reichen- bach bei ihrer Schwester sein, sag ihm, er soll doch von ihr lassen, dann wird wieder Alles gut." Dominik kommt endlich zn Worte: „Der Bauer hat mir verboten über Rcichenbach zu fahren^ ich soll den Waldweg über Jetlingen." „Geh du nur über Rcichenbach. Du wirst schon eine Ausrede finden, und wenn alle Sträng' brechen, nchm' ichs auf mich; thu's mir zu lieb und bring mir Bescheid." Dominik zuckt die Achseln und erwiedert: „Will sehen was zu machen ist." In dem Herzen dieses Knechtes gehen an diesem Abende seltsame Kämpfe vor. Er gesteht cs sich selbst nicht und hütet sich wohl, es irgend eine Menschensecle merken zu lassen, daß er eigentlich seines Bauern Tochter liebt. Das ist ein unverzeihlicher wahnsinniger Uebergriff, und sowohl um sich selbst zn wahren als auch um als treuer Diener seines Herrn zu bestehen, sucht er jede Aeußerung dieser Zuneigung zu bekämpfen. Das hätte aber Alles nichts gefruchtet, wenn er nicht erwogen hätte, das; es ein unnützes und frevlcrisches Spiel sei, das Kind — denn er betrachtete Ameile noch immer als Kind, weil er schon ein hochaufgeschossener Bub war als sie noch nicht nach der Schule ging — das Amcilc, das ihn wie einen alten Ohm ansah, mit solchen Dingen zu plagen, und wenn sic auch einst oder vielleicht morgen an einen Großbauern verheirathct wurde, so war's besser, sie hat nichts davon gewußt. Heute Abend in der Küche hat er sich aber doch etwas verrathen und die Großmagd, die ihm allzeit nachstcllt und anslauert, hat ihn so verwunderlich angesehen, das; er sich darob ärgerte. Die morgige Preisbelohnung ist ihm auch zuwider. Diese öffentliche Schaustellung hat noch nicht die Form gefunden, in der sie wirklich volksthümlich wäre. Nun kommt noch der Kampf dazu, daß er nicht weiß, soll er dem Bauer oder der Bäuerin folgen; ersteres ist ihm doch genehmer, denn er hatte sich vorgenommen trotz des Verbotes nach Nellingen zu eilen und seine Mutter zu sehen, bei der er seit Weihnachten nicht gewesen war. Wenn er den Befehl des 16 Herrn Übertritt, wär's doch besser, das für sich zu thun als für Andere. Ein Dienstbote ist doch allezeit angebunden, sein Leben und seine Tage gehören einem Fremden. Im Zorn über dieses Gefühl der eigenen Abhängigkeit weckt Dominik mit Schelten und Püffen seinen Untergebenen, den Kübbub, der ein Sohn des Nagclschmicds ist, und befiehlt ihm die Nacht anfznbleiben, damit er zur Zeit wecke. Aus dem Hofe ist cs jetzt still und dunkel wie ausgcstorbcn, der Halbmond blickt bald unter jagenden Wolken hervor und verschwindet schnell wieder, und die Häuser und Scheunen des Fur- chenhofcs mit ihren schweren wie Käppenschilde überhängcndcn Strohdächern erscheinen wie unförmliche Fclscngcbilde. Die Hofhunde sind von der Kette gelassen und schleichen still und frei umher, legen sich bald da bald dort nieder und richten sich wieder auf bei jedem Geräusche. Der Kühbub geht hinab in den Hofraum und spielt nrit den Hunden, um sich wach zu erhalten, der Türkle, ein rother Wolfshund, ist zuthunlich und leutselig, der Greif aber, ein schwarzer böhmischer Schäferhund, knurrt wenn sich ihm der Kühbub naht und selbst als er ihm ein Stück Brod reicht, ist dies verschwendet, er hat cs in einem Schluck weg, bleibt aber unwirsch. Er ist wahrscheinlich stolz, sei cs auf seine Wissenschaft, weil er kunstgerecht auf den Mann dressiert ist, oder auf seine Abkunft, denn er stammt mütterlicherseits von edler Raffe. Mitten in der sternlosen Nacht, in der Kameradschaft mit dein einen Hunde, geht dem Kühbubcu eine glorreiche Zukunft auf. Er hat gehört, daß der Dominik einst auch als Kühbub auf den Hof gekommen war und der war jetzt Oberknccht und der nächste beim Bauer und bekam morgen eine Denkmünze. Solches kann ihm einstmals auch werden. Der zukünftige Obcrknccht erlabt sich besonders an dem Gedanken, wie er daun seine Untergebenen strenge halten wolle, die mußten ihm auf den Pfiff gehorchen. Das ist eine Aussicht, die leicht wach hält. Bei der trüben Stalllatcrne betrachtet der Kühbub die doppelgchäusigc Taschenuhr des Obcrknechts und gedenkt der Zeit, wo er einst eine solche zu eigen haben werde; ja er wagt cs sogar, die Pfeife des Dominik in den Mund zn nehmen und kalt daraus zu rauchen. Und mitten in der Nacht steigt in dem barhäuptigen Kühbuben ein großer Gedanke auf. Ein reicher Bauernsohn zu sein, das wäre doch noch besser als sich zum Oberknecht aufznschwingen; da hat man nichts zu thun als gehörig zu wachsen, und wenn man groß geworden, hat man Haus und Vieh und Aecker von selbst. Warum babcn's die einen so leicht und die anderen so schwer? . . . Das ist ein Näthscl, das der Kühbub noch nicht gelöst hat, als er den Dominik weckt, und nur das eine hat er davon erobert, er läßt sich das rauhe Wesen des Oberknechtes leichter gefallen, denn er lacht ihn innerlich ans, er ist ja doch kein Bauernsohn und hat noch einen über sich. Nächtige Nückcmmermig. Noch als das Licht gelöscht war, hatte der Bauer seiner Frau gesagt, das; er auch hoffe, morgen für das Amcile einen rechten Bräutigam anfznbringen, die Frau hatte nichts geantwortet, denn sie betete still für sich und in ihr Gebet schloß sie einen Namen ein, den sie schon seit bald einem Jahre nicht vor ihrem Manne nennen durfte, cs war Alban, seit dein Tode des Schmalzgrafen ihr ältester Sohn. . . . In den: Hause, wo überall nichts als Fülle und vielgepriesener Wohlstand sich kundgab, wachte in stiller Nacht die Mutter und klagte um ihren Sohn, der in der Fremde als Knecht dient. Sie brach bald ab und schlief ein, denn sie hatte auch eine wunderbare Macht über ihre Gedanken und konnte sich zwingen, Störendes und klnruhvollcs zu verbannen. Wie zu lästigen Bettlern konnte sie jetzt zu Erinnerungen, die mit klagender Stimme an sie herantraten, barsch und doch wieder wohlwollend sagen; kann euch heute nicht brauchen, kommet morgen wieder, oder ein andermal. Und sic gingen. Wir aber müssen die Erinnerungen anhörcn. Wir müssen, Auirvach's D-gg. «. Bb. 2 18 bevor wir die jetzt folgenden Ereignisse vor unseren Augen sehen, das was hier schon vorgegangen, zu erkunden trachten. Das eigene Leben der Bäuerin durfte rasch au ihr vorübcr- ziehcn. Ohne Neigung, aber auch ohne Widerstreben hatte sie als reiche Bauerntochter den gleichbegütcrten Furchenbauer ge- heirathet. In den bald vierzig Jahren ihrer Ehe hatte sic cs nicht vergessen, daß ihr das herbe und schroffe Wesen ihres Mannes viel Herzeleid gemacht, aber sie Hatto sich daran gewöhnt. Dennoch blieb sie den: oberländischen Wesen noch vielfach fremd. Auf einem großen einsamen Bauernhöfe ausgewachsen, kam sie als Frau wieder in einen solchen, sie kannte wenig von der Welt, aber hier war doch Alles anders: sie stammte aus dem viel mildern geschmeidigen! Unterlande, hier oben war Alles wie mit der Hvlzaxt zugehauen. Daheim auf Siebenhöfen hatte sie oft bei der Heuet im Thale die Flözcr vom Schwarzwalde auf dein Neckar mit einander schreien und fluchen hören, daß man ineinte, sie hätten die gräßlichsten Händel und würden beim Zusammentreffen einander erwürgen und mit ihren Aexten das Hirn spalten, und am Ende war's nichts als ein tapferer Zuruf. So sah sie auch bald, daß viele Heftigkeiten in Haus und Hof nicht so bös gemeint waren, es gehörte eben zu der lauten hcrrscheligen Art und Weise der Menschen. So sehr sie aber dicß erkannte, blieb sie doch diesen! Leben fremd, sie hatte noch immer die Sitten ihres väterlichen Hauses im Sinne und wenn später ihre eigenen Kinder unbändig waren, sagte sie oft: „So sind halt des Furchenbauern." Dieses stete Rückschauen nach der Heimath, dieses Preisen derselben als eines allzeit friedsam stillen Paradieses, brachte in der ersten Zeit manches Zerwürfniß zwischen den Eheleuten, bis die Bäuerin endlich einsah, daß ihr Mann Recht hatte, wenn er ihr sagte: „Du glaubst, bei dir daheim hätten sie alle Gutherzigkeit in Beschlag genommen und des Schmalzgrafen hätten das Beßthaupt kriegt. Wenn's drauf ankommt, wirst schon sehen, daß wir auch ein Herz im Leib haben, grad so gut wie ihr." Und das war in der That der Fall. 19 Der Furchcnbauer war offenbar ein rechter Mann, karg an Worten, aber arbeitsam von früh bis spät, pünktlich und auf Ehre haltend: er ließ seine Frau in ihrem Bereiche gewähren, er wußte was sich für einen großen Bauernhof und für die Tochter des Schmalzgrafen schickte. In solchen Verhältnissen hat man überhaupt nicht lange mit Gcmüthsangelegenheiten zu thun, der Tag hat seine hundertfältigen Pflichten: in einem solchen großen Anwesen gilt es überall zur Stelle zu sein, anzuordnen und selbst Hand anzulegcn, und das ruhige Gefühl, Alles gehörig in Stand zu halten und dazu noch ein gewisser Stolz der Herrschaft und des Besitzes füllt Alles aus. Die beiden Eheleute lebten in Friede und hielten einander in Ehren. Es mag hart klingen, aber cs ist doch wahr und erweist sich bei näherer Betrachtung auch milder: bei den Bauern, besonders aber bei den Großbauern, ist die Ehe vielfach nur ein Vertrags- Verhältnis; in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes. Erkennen die Eheleute, daß die Verschiedcnartigkeit ihrer Naturen sich nicht zur Einigkeit verschmelzen läßt, so tritt ein gegenseitiges selbständiges Gewährenlassen ein. Hier wo die Hausfrau gleichmäßig mit dem Manne für den Besitzstand zu arbeiten hat, erfüllt ein Jedes den Kreis seiner Pflicht ohne weitere Anforderung. Die Arbeit für Erhaltung und Vermehrung des Besitzthums ist die Wesenheit des Lebens, dem die Heilighaltung des geschlossenen Bundes noch eine gewisse Weihe ertheilt, und kommen Kinder, so erblüht die Verträglichkeit auch wiederum oft zur Liebe. Offene Zerwürfnisse oder gar Trennungen aus Mangel an Liebe kommen darum im Leben der Großbauern fast nie vor. Nur selten, zu einem Jahrmarkt, zu einer Gevatterschaft oder Hochzeit verließ man den Hof, und die Bäuerin hörte überall mit Befriedigung wie hochgepriescn sie und ihr Mann waren und als eine Zierde der ganzen Gegend galten, so daß cs immer hieß: solche Bauersleute seien schon lange nicht in der Gegend gewesen. Tic Bäuerin hörte solchen Lobpreis immer mit ruhigem Behagen an, sie hatte sich von ihrem Manne angewöhnt, auch 2 * 20 kein übrig Wort zu reden. Nie kam cs ihr in den Sinn, von ihrem Reichthum einen andern Genus; haben zu wollen als den, ihn zu erhalten und zu vermehren und wie sich's gebührt, den armen Leuten der Gegend ihre Gaben zukommen zu lassen. Die schwere Kriegszeit, die in den Anfang ihrer Ehe fiel, verschonte auch den Furchenhof nicht, ja sie brachte ihnen Noth und Gefahr. Gegen eine Einquartirung, die sich unziemlich gegen die schöne Bäuerin benahm, fuhr Christoph mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens auf und nur ein Zufall rettete ihn vom Todtschlage. Damals fühlte die Bäuerin recht deutlich, welch ein Mann der Furchenbauer war und in dem Gedanken, das; sie ihn hätte verlieren können, wie lieb sie ihn hatte. Nur das cincmal sagten dies die Eheleute einander und sonst nie. Der Furchcnbauer lebte ganz für sich, er schloß sich an Niemanden an, er hatte keinen Freund, keinen Vertrauten t mit seiner Schwester und mit seinem einzigen Schwager, dem Gipsmüller, lebte er in oberflächlicher Beziehung, die sich nachmals durch einen Streit in gegenseitiges einander Vergessen verwandelte ; nicht einmal mit seiner Frau beredete er was er Vorhalte, er war eine einsame Natur, ohne Anhänglichkeit und ohne Abhängigkeit, man kann fast sagen, er selber war ein geschlossenes Gut. Es kamen mehr Kinder als sonst in einem solchen Bauernhöfe gewöhnlich ist. Der Bauer war viel unwirsch; wenn er aber den Neugeborenen auf den Armen hielt, war er seltsam weich und liebevoll. Vier Kinder lagen auf dem eine Stunde weit entfernten Kirchhofe, drei Söhne und Amcile waren geblieben, der Alban war nach dem Schmalzgrafen der älteste,, Vinzenz der jüngste. Da wurde abermals ein Sohn geboren, und als zwei Tage darauf Vinzenz mit dem Vater vomKvrnmarkte hcimfuhr, sagte der kecke Bursche: „Vater, cs ist cin'Schand nud Spott und Ihr solltet Euch auch schämen wie ich, das; ich noch ein kleines Brüderchen bekommen Hab." Der Furchcnbauer ward ob dieser Rede so wild, daß er ihn niederwarf und ihm mit dem Peitschenstiel so ins Gesicht hieb, daß er ihm ein-Aug ausschlug. Das war ein Jammer als der Vater mit dem einäugigen Sohn heimtam und in derselben Stunde war das kleine Brüderchen gestorben, dem die Wehmutter noch die Nothtaufe gab. Es war nun ein seltsam zerstörtes Leben auf dem Furchenhofe. Der alte Bauer lebte in Unfriede mit sich und mit der Welt, er schlug die Augen nieder wenn er den Vinzenz sah, den er so jämmerlich verletzt hatte und verhätschelte ihn auf allerlei Weise. Der Vinzenz zeigte jetzt ein herrisches und tückisches Wesen und lebte in stetein Hader mit seinem älteren Bruder Alban, der bis jetzt, so weit es ging, der natürliche Herrscher des Hauses gewesen war, denn er war zu Allem anstellig und allzeit aufgeweckt und wußte besonders gut mit den neuen Pflügen, Häcksel- schncide- und Säemaschinen umzugehcn, die der Furchenbauer angeschasft hatte, da er den Ruhm eines aufgeklärten Landwir- thes besitzen und es gerne so weit es seinem Vortheil entsprach, den studirten und adeligen Gutsbesitzern der Gegend gleichthun wollte. Jetzt schien Alles auseinanderzufahrcn, Niemand war mehr recht bei der Arbeit i aber ein festgefügtes Anwesen hat so viel innere Stetigkeit, daß es auch ohne besondere Leitung noch eine Weile seinen geregelten Gang fortgeht und dazu kam noch, daß Dominik sich jetzt in seiner ganzen Verständigkeit und Treue zeigte! er ließ die drinnen im Hause zanken und schelten und sorgte unermüdlich dafür, daß Alles in Feld und Stall und Scheunen gehörig vollführt wurde. Der Furchcnbauer fand endlich einen glücklichen Ausweg. Alban hatte schon oft gewünscht, in eine Ackerbauschule einzutrcten, jetzt ward ihm solches gewährt. Kam diese Gewährung auch für Alban etwas zu spät, er ließ sich doch auf Zureden der Mutter, der Schwester und des Dominik zu deren Annahme bewegen, und nach seinem Weggange schien auch wieder Friede uud Ruhe im Hause zu herrschen. Nur sah man den Furchenbauer oft heimlich knirschen, der Vinzenz schien ihn in aller Wege zu quälen und seine Befehle zu verhöhnen, und so reichlich er ihm auch gegen seine Gewohnheit Taschengeld gab, er war nie damit zufrieden und man mußte bald da bald dort Schulden für ihn bezahlen und allerlei böse Etreicke vertuschen. Vinzenz hatte es Niemanden gesagt, wie er um sein eines Auge gekommen war, die Drohung damit gegen den Vater ward eine ergiebige Quelle für allerlei Gewährung. Endlich schien auch dies; sich beizulegcn, Vinzenz wurde arbeitsamer und häuslicher und der Furchenbauer eröffncte seiner Frau, daß er sich entschlossen habe, dem Vinzenz cinstmalen das Gut zu übergeben, der Alban sei ein aufgeweckter Bursche, der sich leicht durch die Welt bringen und eine reiche Lchnbcsitzerin*) erobern könne. Die Mutter hatte nichts dagegen einzuwenden, in ihrer Heimath war es ohnedies; Sitte, das; nicht der Acltcste sondern der Jüngstgebornc das väterliche Erbe erhielt und den anderen Geschwistern eine nothdürftige Abfindung ansbczahltc. Sie ahnte wohl, daß diese Neuerung hier zu Lande und besonders bei Alban nicht so glatt abginge, aber sie beschwichtigte ihre Sorge, ja sie freute sich vollauf der nun wieder herrschenden Eintracht! sic war eine klnge und behagliche Frau, die die Freude des heutigen Tages nicht mit Kummer um kommende Zeiten verscheuchte. Ter Völkerfrühling und ein flammendes Jiinglingshcrz. Zu Lichtmeß 48 kehrte Alban wieder auf den väterlichen Hof zurück. Tie Mutter hatte ihre Freude an dem schönen Burschen und betrachtete ihn oft als wäre er ein Fremder. Die braunen Haare, die nur am ovalen Hintcrkopfe ganz glatt geschoren waren, trug er auf dem breiten Oberhaupte gescheitelt; wie leuchtete die weiße Stirne, doppelt hell über dem sonnverbrannten Antlitze mit dem braunen Schnurr- und Knebclbarte, wie glänzten die braunen Augen, die er so hoch ausschlug, daß man unter den tief hereinstehcnden Brauen gar kein Augenlid sah. Er trug ein nach vorn geöffnetes kurzes graues Burgunderhemd, die sogenannte Blouse, und alle seine Bewegungen, jeder Schritt, jede Stellung und Wendung war allzeit geschlossen und mit ge- sammelter Kraft, Alles machte den Eindruck der Frische und straffen Jugendlichkeit. Die Mutter hatte nicht allein ihre Freude an dem schönen Sohne, wer auf den Hof kam, konnte sein nicht Rühmens genug finden und die ganze Gegend war stolz auf ihn. Die Mutter hatte es vollkommen getroffen, wenn sic nach dem landesüblichen Ausdrucke sagte: „Mein Alban ist ein Waidtick) er Bursch", denn mit waidlich bezeichnet man das Hurtige wie das Jugendfrischc. Begriff und Wort Jüngling sterben jetzt allmälig fast aus, Alban war noch ein Jüngling in der frischen Bedeutung des Wortes, kindlich hingebcnd und hell aufflammend. Er war in dem Jahre seiner Abwesenheit fast jünger geworden. Er hatte ein freies Behabcn aus der Fremde mitgebracht, das aber hci- mathlich amnuthete. Er hatte fremde Gedanken mitgebracht wie auch fremde Lieder, die man ihm bald auf dem Hofe uachsang, aber zum Ruhme seiner Lehrer wie seines eignen Naturells muß gesagt werden, er Hatto sich in keinerlei Weise der Hcimath entfremdet, sein Wesen hatte nur etwas Sonntägliches und das paßte ganz zu dem neuen glorreichen Sonntag, der jetzt über der Welt aufgegangcn war. Einstimmig wurde Alban zum Lcitmann gewählt, als man, von dem noch jetzt unerklärten Franzosenlärm geschreckt, sich vorerst mit gestreckten Sensen bewaffnete. Auch Dominik war mit unter den Bewaffneten, der Furchcnbauer hatte ihn: ausdrücklich die Erlaubnis; gegeben. Wie oft stand die Mutter mit Ameile hinter dem „Käppcle" und schaute nach dem Thalc, Ivo ihr Sohn wie ein Feldherr regierte, oder sic ging gegen ihre Gewohnheit am Werktage nach dein Thalc, um in der Nähe ihren Sohn commandiren zu sehen, der mit Hülfe des Dominik und des Nagelschmieds, eines ehemaligen Soldaten, der als Häusler und Taglöhner auf dem Hollbergc wohnte, militärische Ordnung cinübte. Wenn er dann mit der schwarzrothgoldenen Schärpe angethan mit ihr nach Hause ging, sagte sie ihm oft: „Du könntest Offizier sein", und dann erzählte er ihr von der Schweiz, wohin er mit dem Lehrer nnd den Genossen eine landwirthschaftliche Reise gemacht hatte und 24 wo die reichen Bauernsöhne Offiziere seien, das ganze Jahr nach Pflicht arbeiteten und nur zu den alljährlichen Hebungen cin- rückten. Die gute Frau liest oft der freudige Gedanke nicht schlafen, das; ihr Alban Offizier sei. Der Furchenbauer sah die Erwählung seines Alban doppelt gerne und zog daraus manchen trostreichen Gedanken, den er aber in sich verschließen mußte. Schon die Erwägungen, die bei der Wahl der Führer in Dörfern und Städten zu Tage kamen, zeigten eine gewisse Unentschiedenheit der Gcmüther, die sich bald im großen Ganzen kenntlich und verderblich darstellte. Es herrschte eine allgemeine Stimmung, daß der Nagclschmied als ehemaliger Soldat und redlicher gescheiter Mann Führer sein sollte j man sah das wohl ein, aber man wollte doch auch wieder einen Mann von Ansehen, der auch Bedeutung hatte. Die Parteien vereinigten sich zuletzt und um Allem gerecht zu sein, wählte man keinen Hofbaucrn, sondern den Sohn eines solchen und Alban war nach Stellung und Persönlichkeit dazu am geeignetsten. Auf dem Hofe standen Mägde und Knechte oft bei einander und der Hauptgegenstand ihres Gespräches war der Alban, wie der so gut und zutraulich gegen Jedermann sei und selbst der Kühbub wußte Lobendes von ihm zu erzählen, Alban hatte ihm versprochen, daß er Trommler werden solle und er übte sich einstweilen mit zwei Stöcken auf dem Melkkübel. In die Dicnstleute schien ein unruhiger Geist gefahren j unversehens standen mehrere bei einander und plauderten von allerlei Abentheuerlichcm, von einer ganz neuen Welt, die jetzt aufange. Auf der ersten Volksversammlung die inan erlebte und die in Wellenlängen gehalten ward, hatte ein Advokat öffentlich ausgerufcn: „die ganze alte Welt wird jetzt auf den Abbruch versteigert." Dies Wort wurde von einsamen Wanderern über Berg und Thal getragen, man glaubte daran wie an einen Bibeltext und manche Predigt wurde darüber gehalten. Der Furchenbauer zankte oft über diese „Ständerlinge" aber behutsam, diese Unruhe, die in alle Menschen gefahren war, däuchte ihm nicht geheuer. Es war ihm nur lieb,- daß sein Sohn Anführer war, das schuhte ihn gegen das Räubervolk, denn als solches betrachtete er jetzt alle Nichtbesitzenden, die sich in der That jetzt die kecksten Waldfrevel ungeahndet erlaubten und kein Förster hatte Muth gegen sic. Dem Alban folgten die Dienstleutc auf einen Augcnwink und mit dem größten Eifer. Ohne besondere offizielle Erklärung wurde der Thronfolger Alban zum Mitregenten und der Dominik, der znm Obcrknccht ernannt war, erster Minister. Der Furchenbaucr mußte bekennen, das; Alles gut von statten ging, wenn ihm gleich die vielen freundlichen Ansprachen an Dienstleute und Tagelöhner nicht gefielen; aber es war jetzt eine neue Welt. Hätte Alban jetzt das väterliche Gut von ihm verlangt, er hätte es ihm geben muffen, trotzdem er mit Handschlag dem Vinzenz versprochen, ihn einzusetzen und mit ihm darauf das Abendmahl genommen hatte. Alban dachte an nichts weniger als an derlei Dinge. Er fühlte wohl, daß sein einäugiger Bruder, der nicht gleich ihm in der Fremde gewesen war, sich bedrückt fühlen und neidisch gegen ihn sein mußte,' er behandelte ihn daher trotz seines unwirschen Gebarens mit zuvorkommender Liebe und wo er nur konnte, stellte er ihn voran und ließ ihn Befehle crthcilen. Vinzenz ließ sich das gefallen, er verschloß in sich hinein die Gedanken und Plane, daß wieder andere Zeiten kommen werden, wo der Alban froh sein werde, wenn er ihn als Verwalter oder Knecht zu sich nehme. In der Kammer, wo die beiden Brüder schliefen, herrschte Friede und Eintracht. Vinzenz sprach wenig, desto mehr aber Alban und wenn der Vater nach seiner Gewohnheit, von der er nicht lassen konnte, manchmal an dcrThürc horchte, ginger kopfschüttelnd weg. Der Alban offenbarte allzeit ein so grundklarcs lauteres Ecmüth und war dabei so geschickt und weltcrfahrcn, daß es ihm manchmal leid that, ihn nicht in das Gut einsetzen zu können; der würde einen Hof hinstellcn, wie landauf und landab keiner zu sehen war; er tröstete sich aber wieder damit, dem Alban könne es nicht fehlen, sich eine reiche Lehnbcsitzcrin zu holen, die fürnehmste, die er wolle, der Vinzenz aber war vom Vater verstümmelt und konnte sich vhnedicß nicht selber helfen. 26 Jenes wonnige Beben, das damals die gedrückten Herzen von ganz Europa durchzittcrtc, jene freudige Ahnung, das; die Zeit der Noth und der Ehrlosigkeit vorüber sei, machte sich damals auf dem Furchcnhofc und in der llmgegend in cigenthümlichcr Weise geltend. In Wald und Feld, mit Axt und Pflug in der Hand, schaute Jegliches oft plötzlich aus als müßte ein Wunder kommen, ein neues Erlösungswerk, das auf Einmal Alles richte uud schlichte. Es war die Zeit der Zeichen und Wunder, alle Sehnsucht und alle Verheißung, die mehr oder minder klar in den Gemü- thern ruhte, sollte ihre Erfüllung finden, die Erlösung war da für die hochstrcbcnden die ganze Mcnschheitcntwicklung erfassenden Geister wie auch für diejenigen, die in beschränkte Gesichtskreise cingeschlossen waren. Die Hoffnung, daß eine Zeit gekommen sei, in der man seines Schweißes froh werde, bildete sich oft abenteuerlich aus. Oft wenn einer in einer verborgenen Thalschlucht oder tief im Walde arbeiten mußte, überkam es ihn plötzlich wie ein jäher Schreck, daß er jetzt den Triumphzug versäume, der die Heerstraße dahiu- zicht und Alles glückselig macht. Die Taglöhncr sprachen oft wild durcheinander wegen Verthcilung der Allmend und des Gcmcin- dewaldes, wegen Erhöhung des Taglohncs und Kürzung der Arbeitszeit, und mancher lang verwundene und halb vergessene Schmerz kam an den Tag. Alban sprach da und dort mit beredter Zunge und hatte einen hülfreichen Beistand an dem verständigen Nagclschmied, der mit seiner Tochter Vrcui auf dem Furchendes als Taglöhner arbeitete. Der Nagclschmied hieß nur noch so, aber er war es nicht mehr. Noch vor wenigen Jahren hatte er im Sommer als Taglöhncr auf den benachbarten Höfen gearbeitet und im Winter Nägel verfertigt, wobei ihm seine Frau und seine Goldfüchsen, wie er seine Kinder mit röthlichbraunem Haare nannte, halfen, und besonders die Zweitälteste Tochter Vrcni zeigte eine große Kunstfertigkeit. Durch ein Verbot der Regierung wurde ihm dies Gewerbe untersagt, weil es nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht unter die freien Gewerbe gehörte. Vrcni hatte das Strohflechtcn erlernt und so oft sie zur Feldarbeit ging oder von derselben hcimkehrtc, sah man sie mit grobem Geflechte beschäftigt; zu dem feineren waren ihre Hände durch die Feldarbeit und die frühere Thätigkeit in der Werkstätte ungeschickt geworden. Jetzt hoffte der Nagelschmicd wieder sein Gewerbe aufnehmen zu dürfe» und Alban versprach ihm zur Anschaffung des Handwerkszeuges, das er in Noth verkauft hatte, bchülflich zu sein. Auf dem Furchenhofc wurde allzeit mit doppelter Lebhaftigkeit und unter Lachen und Singen gearbeitet, jeder war lustig ohne zu wissen warum und ohne weiter darnach zu fragen. Im Frühling, wo grade die härteste Nothzeit ist, da die Wintervor- rathe aufgcbraucht sind, vcrtheiltc Alban freiwillig Korn als Vorschuß unter die Taglöhncr und der alte Furchcnbaucr mußte ihm trotz der Widerrede Recht geben, denn andere Großbauern wurden zu dem gezwungen, was er freiwillig gethan hatte und wofür er nun Dank erhielt. Alban und sein Vater ritten einst zu der großen Versammlung in Wellcndingcn, die der Candidat für die Stelle eines Reichstags-Abgeordneten anbcraumt hatte. Alban war auf dem Heimwege ganz erfüllt von den feurigen Worten, die er vernommen, er hatte zum erstenmal unter freiem Himmel befreiende Worte gehört und mit eingcstimmt in den tausendstimmigen Jubel. Als er auf dem Heimwege sein Herz gegen den Vater ausschüttcte und endlich sagte, er müsse dem Volksmann seine Stimme geben, sagte der Vater: „Ja, das thu ich auch. Man muß jetzt mitthun." „Und ich mit," rief Alban. „Ja so," fuhr der Vater fort „du stimmst ja auch? Das Hab ich fast vergessen. Freilich cs ist ja jetzt Alles gleich, Vater und Kind und wer was hat und wer nichts hat; es ist All eins. Ich bin froh, daß ich tief in den Sechzig bin, das ist kein' Welt für mich; die Bcttclleut dürfen nicht mitrcdcn, der Nagelschmied darf nicht mitstimmcn wie ich." Alban schwieg, er traute sich's nicht zu, seinen Vater zu 28 anderer Ueberzeugung zu bringen; auch war er an die natürliche und altherkömmliche Oberherrlichkcit des Vaters gewöhnt und wagte es nicht ihm geradezu zu widersprechen. Man würde indeß dem Furchcnbaucr schwer Unrecht thun, wenn man einen gewissen Frcimnth desselben in Zweifel zöge. Der Bauer ans Einzcchtcn (wie man die weit auscinandcr- liegcndcn geschloffenen Güter nennt) ist ein ganz anderer, als der in den Dörfern lebt. Die Alles in ihr Netz spannende neue Regierungskunst, oder vielmehr Polizeikunst, hat nur eine lose Verknüpfung mit solchen einsamen Höfen und nur selten betritt ein Diener der Obrigkeit die oft einen großen Theil des Jahres unwegsamen Pfade, die dahin führen. Dadurch bildet sich in dem Hofbauer die eine Seite des frcistaatlichcn Lebens, das Gefühl der Unabhängigkeit und die eifersüchtige Wahrung desselben mächtig aus. Die Markscheide, wo die Unabhängigkeit zu Eigensucht wird, tritt nur selten zu Tage. Hat die Büreaukratie aus den Bürgern in Städten und zusammenhängenden Dörfern jeden Gemeinsinn, jede Selbstthätigkeit für's Allgemeine allmälig gründlich ausgetrieben, so ist der einsame Bauer draußen oft gar nie dazu gekommen. Unser Furchenbauer galt von je her als ein Liberaler und er war dies; auch nach dem bisher gewohnten Begriff. So oft er mit den Beamten in Berührung trat, war er stolz und zäh. Wenn er aus's Amt kam, sagte sein Gang, seine Miene: „Was seid denn ihr Schreiber gegen mich? Ich bin der Furchcnbaucr," und nur Einmal vertraute er in sonst nie vorgckommener Offenherzigkeit dem Hirzenbauer von Nellingen einen Geheimgcdanken mit den Worten: „Die Beamten haben doch weit mehr Respekt vor einem, der kein unterthäniger Jamensch ist, wenn sie ihn auch nicht leiden mögen." Dazu kam, daß trotz seines Stolzes ihm die Vertraulichkeit der angesehenen Männer aus der organi- sirten liberalen Partei wvhlthat; er duzte sich mit mehreren Advokaten und sogar mit dem ausgetretenen Gcheimrath, der trotz seines Liberalismus doch beharrlich Gcheimrath betitelt wurde. Der Furchcnbaucr hörte sich gern als freien Mann rühmen, der 20 „ach Niemanden was zu fragen habe, er sprach bei den Wabl- versammlungen nie öffentlich und kann, mit einem Nachbar, aber bei der Abstimmung war er fest und sicher. Jetzt war eine andere Zeit gekommen. Freilich war cs schön, daß zwei von den Duzbrüdern des Furchenbauern jetzt Minister waren. Damit sollte aber auch die Welt zufrieden sein, und unerträglich war's, daß jetzt Jeder die Keckheit hatte, auch ein Liberaler sein zu wollen, das ist doch etwas, was nur Leuten zustehl, die nach Niemanden was zu fragen haben, wie kommt so ein Häusler dazu? Und himmelschreiend war's, daß jetzt auch ein Kind, das noch keinen Kreuzer eigen Vermögen besaß, mitstimmen durfte wie der Vater. Ob dieser Wahrnehmungen war der Furchcnbaucr viel unwirsch, aber er verschloß seinen Widerstreit in sich. Nur Einmal gab er ihn kund, indem er Alban befahl und als dies; nichts half, ihn sogar bat, von seinen: Stimmrechte keinen Gebrauch zu machen; aber Alban ließ sich das nicht nehmen, er hatte von der Volksversammlung das Schlagwort mitgcbracht: „Wehrpflicht, Wahlrecht;" und was er einmal in seinem Herzen ausgenommen, ließ er nicht mehr los. Alban war bei der Volkswehr und ein Jubeltag war es für ihn, als er zum erstcnmale in seinem Leben seine Stimme abgab. Vinzenz hatte dem Vater willfahrt und darauf verzichtet. Freies Gut, freies Brod, und ein Blitz vom Himmel. Im Laufe des Sommers kam ein Ereignis;, das auch den alten Fnrchenbauer plötzlich für die neue Zeit gewann. Der Fnrchenhof war noch von Altcrsher ein sogenanntes Erblehen, ans dem mancherlei Lasten und Abgaben ruhten; jetzt durften diese allesammt abgelöst werden. Der Hof, den man nahezu auf hunderttausend Gulden schätzen durfte, wurde durch die Ansbc- zahlung von sechstausend Gulden freies Eigenthum, an dem Niemand mehr irgend einen Rcchtstitcl oder einen Anthcil hatte. In baarcin Gelde brachte der Fnrchenbauer die Summe auf 30 das Kamcralamt und kam doppelt glückselig und freudestrahlend wieder, denn er hatte in der Stadt gehört, daß fortan auch die adeligen Gutsherren unter dein Schultheiß stehen wie jeder andere. Jetzt bin ich so viel wie ein Baron und ich schaff mir jetzt für unser Käppele eine Elock an, ich dars's jetzt so gut wie ein Baron i ich brauch Niemand darum anfragcn," sagte der Fur- chcnbauer zu seiner Frau und seinen Kindern und strich sich behaglich mit der breiten Hand über seine rothe Brustwestc. Er ging lächelnd und behende durch Ställe und Scheunen, auf die Felder und in den Wald und betrachtete Alles neu, als grüßte er's erst jetzt als sein rechtes Eigenthum. Vinzenz zuckte mit dem einen Auge als der Vater am Abend zu ihm und Alban sagte: „Ihr Buben krieget's bester als wir's gehabt haben, ihr seid Freiherren." „Ja, und jetzt darf man mit dein Hof schalten und walten wie man will," setzte Vinzenz hinzu. „Vor der Hand bleib Ich noch ein'Zeitlang Freiherr, Punktum," schloß der Vater und keiner der Söhne wagte mehr ein Wort zu reden; sie mußten es schon als eine Gnade ansehcn, daß der Vater so viel mit ihnen gesprochen hatte. „Der Professor auf der Volksversammlung hat Recht gehabt," sagte Alban halb für sich, „es darf keine Grundherren mehr geben, nur noch einen Himmelsherrn." Der alte Furchenbauer antwortete nichts hierauf. — So lange schon dieser Boden die nährende Frucht hcrvor- bringt und von Geschlecht zu Geschlecht sättigt, wurde gewiß noch nie freudiger die Sichel gehandhabt als in diesen: Jahre, und der erste Garbenwagcn, den Dominik vierspännig in den Hof cinführte, war bekränzt und ihm nach jauchzten die Schnitter und Schnitterinnen. Alban hätte gerne den ersten Garbenwagcn unter dem Gesänge aller Arbeitenden in den Hof geleitet, aber das ging jetzt in der hohen Ernte nicht an. Wenn auch das Wetter ständig schien, durfte man doch keine Minute Zeit verlieren ; denn nur was man glücklich unter Dach oder in Feime und Stadel hat, darf man erst recht sein eigen nennen. Ter 31 Vater hätte es nicht geduldet, daß man Zeit damit verlor, einen Kranz zn winden, und darum war cs klug von Vreni, das; sie einen fertigen Kranz mitgcbracht hatte. Der alte Furchenbauer sah scheel dazu, aber er sagte nichts, als Alban an einem Nagel des Scheunenthores ein Papier anf- hängte, die Garben beim Abladen zählen ließ und die Summe auf das Papier verzcichnctei er wollte dem Alban den unschuldigen Stolz gönnen, die neue Art, die alles Erträgniß buchte, zu zeigen. Noch war der eine Wagen nicht abgeladcn als schon ein anderer vor der Scheune hielt und so ging es fort bis zum Abend, Mensch und Thier war in rastloser Thätigkcit und vor Allem schien sich die Kraft und Behendigkeit Albans zu vervielfältigen. Er war überall. Die Sonne war schon hinabgesunken und nur noch leichte rothe Wolkenstreifcn standen ruhig über den blauen Waldbergcn und kündigten für morgen einen gleichen gesegneten Tag, als man für heute den leßtcn Garbenwagen einführte und hinter ihm sangen Schnitter und Schnitterinnen Helle Lieder und die Lerchen über den Feldern erhoben sich nochmals zum letzten Abendsangc. Alban ging unter den Tagelöhnern und sang mit, seine Stimme tönte rein und hell; er hatte auf der Ackcrbauschule nach Noten singen gelernt, war aber den Weisen seiner Heimath in nichts fremd geworden, er stimmte mit doppelter Lust ein in den Gesang, der von Natur sich vierstimmig setzte. Seine Stimme und die Vreni's begannen stets. Jeder der Vreni sah, mußte gestehen, daß sie eine frische und amnuthende Erscheinung war, wenn Mancher auch die Zartheit ihrer Gesichtsfarbe auf Rechnung ihres braunen röthlich glänzenden Haares schrieb, das ihr wie allen Kindern des Nagclschmieds die Bezeichnung der Goldfüchsen gab. Niemand aber ersah Vreni so schön als Alban. Wenn er seinen Blick auf sie richtete, erglühte ihre Stirne, sie senkte das Auge in Demuth, aber aus ihrem ganzen Angesichte leuchtete es wie eine Strahlenglorie. Jetzt beim Singen hielt sie zum erstenmale seinen Blick unverwandt mit vsscncm Auge aus, aber Albau wendete sich plötzlich von ihr ab und ward stille. Sein Blick war fest auf den Earbcnwagcn geheftet. Der brachte das erste Brod des wahrhaft freien Mannes und das Auge Albans leuchtete hell, denn er dachte der Männer, die dort in der alten Reichsstadt rathcn nnd Helsen, daß Freiheit und Wohlstand allüberall sei. Noch einmal jauchzte er hellauf als man in den Hof cinsuhr. Nach dem Abendessen ging cs erst recht lustig her, denn es kam ein Mann, der mit dem Athcm seines Mundes Alles tanzen und springen machte. Auf dem Hellbcrge in der ehemaligen Nagelschmiede wohnte das alte Müllerle, genannt „die Obcdfüchti" (Abendfeuchtigkeit) weil cs in der Regel in der Dämmerungs- stundc vor den Bauernhäusern erschien und die Klarinette blies. Die Obcdfüchti arbeitete nicht und sorgte nicht und war doch allzeit lustig und wohlauf. Vor Zeiten war das Müllerle ein Kamerad des Eeigcrlcx gewesen und war auch ein Nachkomme jenes närrischen Musikanten, der am Felsen beim Hallberge sein Leben vergeigte und wovon der Fels noch immer den Namen des Gei- gerles Lotterbett hat. Auf dem Furchcnhofe war die Obcdfüchti bei Alt und Jung beliebt und ging nie leer aus. „Die Obcdfüchti! die Obcdfüchti!" schrie Alles als man jetzt Klarincttenton vom Hofe hörte und trotz der Ermüdung von der Arbeit wurde noch in der Tenne getanzt. Alban war auch hier der unermüdlichste, aber obgleich seine hübschen Basen, die beiden Töchter des Gipsmüllers, auch dazu gekommen waren, tanzte er doch fast ausschließlich mit der Vrcni, der Tochter des Nagelschmieds. Vinzenz hintcrbrachte dem Vater, daß Alban im Jubel der Vrcni zugerufen habe, sie müsse Bäuerin auf deni Furchenhofe werden. Ter Vater hatte schon lange bemerkt, daß Alban mit der Vrcni etwas habe, er hatte nichts dagegen, daß sein Sohn mit dem wie er selbst gestehen mußte „bildsanbcrn Mädle" seine Lustbarkeit trieb, das darf ein reicher Bauernsohn i aber was soll ein solches Geschwätz? 33 Bevor Alban schlafen ging, rief ihn der Vater zn sich und sagte ihm: „Ich will dir ein für allemal zn wissen thun. Mach mirmit der Vreni keinen so Spas; mehr." „Was bali ich denn than?" „Du hast ihr gesagt, sic muß Bäuerin auf dem Furchcnhof » werden. Das geht über den Spaß. Oder willst's leugnen?" „Nein, es kann sein, daß ich's gesagt Hab." „Tn hast's gesagt. Punktum. Und so ein Spaß darf nicht mehr Vorkommen." „Nein," schloß Alban und ging ticfathmcnd die Treppe hinauf. Hatte er bei der ersten Probe seine Liebe verleugnet? Bei aller innigen Hingebung, bei aller leicht beschwingten Freudigkeit lastete doch ein geheimer Druck auf dem Herzen Albans, der sein scheinbar so entschlossenes und festes Wesen in stillen Stunden zaghaft und zweiflerisch machte. Nicht sowohl das Hauswesen als die ganze starre Art des Vaters war ihm bei der Heimkehr fremd und unerträglich. Der Lehrer in der Ackcrbauschule hatte ihm beim Abschiede ans Herz gelegt und die Mutter fast mit denselben Worten das Gleiche wiederholt, er möge in Liebe und Demuth die altgewohnte Weise des Vaters aufnehmen und ihm dankbar und erkenntlich sein, auch wo ihm seine Art widerstrebe. Wäre " Alban in ruhigen Zeiten wieder in das elterliche Hans eingetre- tcn, vielleicht wäre ihm das leichter gelungen, aber auch seht wollte er vor.Allem ein gehorsamer und ehrerbietiger Sohn sein. Gr sagte sich nun, daß die Vreni alles für Scherz nehmen müsse und es war ja auch nicht mehr, und der Vater hatte Recht: solch ein Verhältniß taugte nicht für ihn, er mußte einst eine Frau haben, von deren Vermögen er die Geschwister auszahlen konnte bei Ilebernahme des Hofes. Dennoch war Alban am andern Tage unlustig zur Arbeit und erbat sich vom Vater die Grlaubniß, nach Wcllcndingcn zu einer Volksversammlung zu gcheu, auf der eines Bauern Sohn, der Lorenz von Nöthhausen, genannt Lenz oder ancb die rothe Weste, durch seine körnigen und schlagfertigen Worte Alles entzündete. Auerkach'S Torfg.' l. Bb. 3 34 Widerwillige und ungläubige Hörer würde man beut zu Tage finden, wenn man die Reden und Schicksale dieses Vauernjüng- lings erzählen wollte; der Hauch der Zeit hatte ihn mit einen: Prophetcngeiste angcweht, wie uns ein Gleiches nur von alten Zeiten berichtet wird und er besiegelte seine Sendung mit dem Märtyrcrtode. Damals riß er alle Herzen in unwiderstehlicher Gewalt fort. Alban fühlte bei den Reden des Lenz alles Blut in seine Wangen treten und oftmals ergriff es ihn als würde er von einem Sturme davon getragen, er wollte auch hinauf auf die blumenbekränzte Rednerbühnc, er mußte — aber er bezwang sich doch und vor Allein im Gedanken an seinen Vater. Der Lenz mußte in anderen Verhältnissen stehen, der Furchenbauer hätte es seinem Sohne nie verziehen, wenn er es gewagt hätte, vor aller Welt hinzutretcn und sich geltend zu machen! er sagte es oft: die Jungen müssen schweigen und zuwarten in Dingen, in denen nur die Alten mitrcden durften. Mitten im Sturm seiner Gefühle beugte sich Alban der gewohnten väterlichen Gewalt, er schluckte die Worte hinab, die er auf der Zunge hatte. Es schien fast nicht möglich, daß Alban noch mächtiger ergriffen wurde als von der Rede des Lenz von Röthhauscn, und doch war es so. Unter allgemeinem Jubel trat nach dem Lenz von Röthhauscn ein ehemaliger Offizier mit vornehmem Namen auf und die Worte, die er sprach, glühten von einer höheren Weihe, die Alban fast kirchlich erschien! in der That wiederholte der Redner auch ost die Bibelworte: Kain! Wo ist dein Bruder Abel?" Er griff die bisherige Erbfolge im Eüterbcsiße an und zeigte deren gräßliche Verderbnis; und Ungerechtigkeit. „Der Schweiß deines Bruders, den du dir zum Knechte machst, der Schweiß deines Bruders schreit wider dich zum Himmel und die Stimme deines Gewissens muß rufen: Kain, wo ist dein Bruder?" Jetzt drängte es Alban nicht mehr zum Reden, in ihm sprach cs immer: „Kain, wo ist dein Bruder?" Alban war ein Eemüth, das dem empfangenen Eindrücke sich widerstandslos hingab und kein Hindernis; und keinen Ein- 35 wand anerkennen mochte, wo es die heilige Pflicht galt, dem Rechten zu gehorsamen. In den feurigen Worten, die er heute vernommen, erwachte es plötzlich in ihm, in welch schmählicher Verwahrlosung die ganze Welt steht, wie Bruder den Bruder vergißt, sich gütlich thut im eigenen Wohlstände und dcnNeben- meuschcn verkommen läßt. Wäre jetzt wie zu jenem reichen Jüngling in der Schrift ein Heiland zu ihm getreten und hätte ihm geboten, gieb hin Alles was du dein nennst, er wäre ihm mit Freude gefolgt. Der Pächter des Sabelsbergischen Gutes in Neichenbach hat nachmals oft erzählt, wie leuchtend das Antlitz Albans war als er eine Strecke mit ihm von der Volksversammlung heimging und plötzlich stehen blieb und die Worte ausricf: „Es geht doch nicht anders, man muß Alles hcrgebcn." Er wurde still und traurig bei den Einreden, aber noch am andern Morgen sagte er glühenden Antlitzes dem Vater: „Vater, das ist fest und heilig bei mir, wenn ich das Gut übernehm', zahl ich meinen Geschwistern heraus, was das Gut wirklich Werth ist; es ist bis jetzt viel zu gering angeschlagen." „Wart's ab, du kannst dich wieder anders besinnen", sagte der Vater, worauf Alban anfflammend cutgegncte: „Ich werd' nie ungerechtes Gut haben." Alban war erst spät heimgekommcn, er behauptete so lauge inWellendingeu gewesen zu sein, erhalte sich aber auf dein Hellberg bei des Nagelschmicds Vrcui aufgehalten. Bon kleinen Lenken und schweren Gedanken. Des Menschen Herz ist, wie es heißt, trotzig und verzagt und uncrforschlich in seinen Widersprüchen. Weil Alban vor aller Welt der unsichtbaren väterlichen Gewalt sich gebeugt hatte, sprach er sich wiederum davon frei in Dingen, die nur ihn allein au- gingcn, und gleichsam als Lohn seiner Unterwürfigkeit streifte er dieselbe ab, folgte dem Drange seines Herzens und die Erregung, die noch in seinem Gemüthe nachzitterte, ergoß sich in feuriger Liebe zu Vreui auf dem Hcllbcrge. Dort unter freiem Himmel 3 * 36 hatten es heute Tausende gehört und im Innern nachgesprochen, daß Arm und Reich, Hoch und Nieder gleich sei, Alban inachte cs zu einer Wahrheit. Dennoch war noch Tage und Wochen lang genug Bauernstolz und Furcht vor dem Vater in ihm, daß er ost innerlich zitternd einhcrging, er zitterte vor dem, was mit ihm geschehen war. Wenn Vreni ans dem Hofe als Taglöhnerin arbeitete, scherzteernicht mehrmit ihr; erbefolgte indieserWeise das Verbot des Vaters, aber ans ganz anderen Gründen, seine innere Liebe und das dcmüthigc und doch so hohe Wesen Vrcni's ließen ihm jeden Scherz als eine Entwürdigung und Rohheit erscheinen, zumal da das Mädchen in seiner untergeordneten Stellung sich nicht dagegen hätte anflehnen dürfen und nur dem Spotte der Genossinnen ausgcsetzt war. Der kecke allzeit wohl- gemuthe und singende Alban hatte jetzt oft etwas Scheues und träumerisch in sich Versunkenes,' er, der sonst allzeit wie gerüstet und schlagfertig war, schrack jetzt oft plötzlich zusammen, wenn man ihn unversehens anrief. Um diese Schwermut!) loszuwerden, ging jetzt Alban mehr denn je den Lustbarkeiten nach, der Vater gab ihm gegen seine Gewohnheit nicht unerkleckliches Handgeld dazu, denn er sah dadurch allmälig die Herrschaft wieder in seine Hände zurückkehren. Alban bedurfte dieses Handgeldes nicht, denn er war damit reichlich versehen, er hatte sich nicht dazu bringen können, gleich anderen Bauernsöhnen karger Väter Korn zu stehlen und zu verkaufen i seit Jahren lieh ihm Dominik seinen vollen Lohn, und obgleich 'er cs wegen seiner Tauglichkeit vollkommen verdiente, war dies; doch ein nicht nngewichtiger Grund, daß Dominik zum Obcrknecht befördert und der vertrante Genosse Albans wurde. Alban hatte oftmals das aufrichtige Verlangen, sich Vreni aus dem Kopfe zu schlagen, ja er sah forschend unter den reichen Töchtern der Gegend um, denn er erkannte die Nothwcn- Ligkeit, den Hof von seinen Geschwistern abzulöscn nnd war dabei fest entschlossen, ihn nur zum vollen Wcrthe zu übernehmen. Es durfte nur eine Verirrung sein, daß er je im Ernste an des Na- gclschmieds Tochter gedacht. So gewichtige Gründe er aber auch in sich zu befestigen trachtete, und so sehr er sich auch eifrig unter 37 den ebenbürtigen Töchtern des Landes umschantc, er konnte sich trotz mancher Znvorkommcnheitcn nie entschließen, und von allen Lustbarkeiten blieb die beste immer die, daß er auf dem Heimwege auf dem Hellberge bei Vreni einkehrte. Der Winter ging schnell vorüber, die wundersame» Schauer, die im Frühlings alle Herzen ergriffen hatten, waren längst verweht. Die Freiheit wurde nicht in Einem Sommer gezeitigt und der Landmann vor Allem ist nicht geneigt, sich auf ein längeres Warten einzulasscn. Man fand sich allmälig in das altgewohnte Herkommen. Alban war nur noch Einmal auf einer Volksversammlung im Apostel zu Wellendiugcn gewesen, er hatte jene bekannten Herabwürdigungen des Reichstages gehört und nur daraus entnommen, daß Alles aus sei. Er mußte sich stillschweigend manchen Hohn des Vaters gefallen lassen, dem er nichts erwiedcrn konnte, auch wenn ihn die kindliche Unterwürfigkeit nicht daran gehindert hätte. In diesem Winter vollführte Alban eine Arbeit, auf die er nicht wenig stolz war, über die indes; der Vater lächelnd den Kopf schüttelte. Alban entwarf nämlich mit verschiedenen Farben eine Karte des ganzen Hofgutcs i Berg und Thal, Feld und Wald und alle Wege waren darauf genau angegeben. Es war allerdings kein Meisterstück, aber Alban verdroß es doch, daß der Vater sagte, das sei unnütz. Die Mutter lobte ihn indes; dafür um so mehr, sie ließ die Karte einrahmcn und hing sie in der Stube auf und nicht ohne Stolz schrieb der Urheber: /elbuu I'^öilönlinrier gez. darunter. Einst gegen den Frühling, Alban hatte sich vorgcnommen, daß dicß das letztem»! sein solle, war er wieder auf dem Hellberge, da erzählte ihm der Nagelschmied, daß sein Großvater es von seinem Vater gehört habe, wie vor Zeiten der Hellberg ein großer Bauernhof gewesen sei, drauf lebte eine Familie, die allzeit feindselig mit denen ans dem Kaudelhof war, bis der Urahne Albans die einzige Tochter vom Hellberge heirathete und beide Höse zu einem machte. Der Nagclschmied setzte noch hinzu, daß auch die Obedfüchti von einer reichen Baucrnfamilic abstamme, der Ahne aber habe Alles, man wisse nicht warum, vernachlässigt und drunten am Felsen den ganzen Tag Geige gespielt. Als Alban heimwärts ging, war es ihm immer als spräche ihm Jemand in's Ohr: „das ist ein Dvppelhof, das waren einst zwei Höfe, dein Vater will nicht leiden, das; du den Hof bekommst und die Vreni heirathest, gut, so zerreiß cs wieder, nimm den Hellberger Hof für dich nnd die Dcinigen, das muß er thun." Alban war aber doch auch wieder ein stolzer Bauernsohn, berechtigt zu dem großen und ganzen Erbe, er warf den Gedanken weit hinter sich, die Hälfte seiner Habe leichtfertig zu opfern und doch kam ihm wieder zu Sinne, daß der Nagelschmied und die Obedfüchti ja auch von reichen Bauern abstammteu, warum sollte nicht eines von des Nagelschmieds Kindern wieder zu reichem Bcsitzthume gelangen ? Alban sah weit hinaus in die Zukunft, wie einst auch erblose Nachkommen, die von ihm abstammteu, zu Taglöhnern wurden, Vreni sollte glücklich sein, . . .-. aber die Schwiegereltern, die Schwäger und Schwägerinnen waren eine beschwerliche Last. — Dort, wo eine auf Stützen umgelegte Tanne den Weg cin- hegt, dort wo der Fels jählings in's Thal abspringt, den man des Eeigcrles Lotterbett nennt, wo drunten der Bach rauscht, den jetzt die Schneewasscr schäumend erfüllen, dort stand Alban lange an das Geländer gelehnt und träumte hinein in die dunkle Nacht und in die ferne Zukunft. Die ganze Welt stand still und nur der Bach rauschte und manchmal war s, als ob mitten unter Rauschen und Brausen die längst verstummten Saiten des Gei- gcrle tönten. Das war nur ein dünner Wasserstrahl, der klingend aus einer Felsenschrunde rann. Endlich machte sich Alban entschlossen auf mit dem festen Vorsatze, diesen Weg nie mehr in solchen Gedanken zu beschrciten; er war ein großer Hofbaucr und war verpflichtet, eine Neigung in sich zu bekämpfen. „Wenn ein Großbauer sich auch noch eine Frau nach reiner bloßer Herzcnsneigung wählen dürfte, daun hätten ja die Reichen Alles auf der Welt, Gut und Geld und alle Herzensfröhlichkcit auch noch dazu. Das war zu viel, drum ist's verthcilt; die einen haben dies;, die andern haben das, und des Vaters Wille muß gelten: 39 ein Großbauer hat vor Allem daran zu denken, daß die Familie in alten Ehren bleibt." Das waren die Gedanken, mit denen Alban sein stürmisches Herz zu beschwichtigen suchte. Thcils durch die Anlage seiner Natur, hauptsächlich aber durch sein Verweilen außer dem elterlichen Hause hatte sich Alban Kenntnisse und Lcbensanschanungcn ungeeignet, die ihr Förderndes aber auch ihre Zwiespältigkeiten in ihm und mit seiner gewohnten Umgebung zu Tage brachten. Schon die ernstliche Neigung zu Vrcni und die Erwägungen hierüber waren ein Ergebnis; davon und der vollbrachte Sieg hätte ihn vielleicht lange in Widerstreit mit sich gehalten, wenn nicht sein Stolz noch mächtiger gewesen wäre und vor Allem beschäftigten ihn vielfache Neugestaltungen der ganzen Bewirthschaftung. Der Vater ließ ihn seht aber nicht mehr schalten wie er wollte und gab ihm nur in Kleinigkeiten nach, die er als große Gunst därstclltc. Alban hatte einen drcischaarigen Fclgpslug angeschafft und bearbeitete damit eine schon im Herbste abgerodcte und nmgc- pflügte Waldstrccke, er spannte seht zwei junge Stiere hinter einem vorausgehcnden Pferde an den Pflug. Noch nie hatte man hier zu Lande Stiere an die Feldarbeit gewöhnt, man bediente sich dazu der zahmen Ochsen. Der Vater lachte Alban über den neuen Versuch aus, den dieser in der Schweiz gesehen und hier nachahmcn wollte, aber nach viel Muhe und Schweiß gelang cs ihm, und die wilden Thiere fügten sich in die Arbeit. Der alte Furchenbaucr war trotz vielen Scheltcns doch stolz aus seinen Alban und auf dem samstägigen Fruchtmarkt in der Stadt wenn er bei dem gräflich Sabclsbergischen Pächter inRci- chenbach saß, sagte er oft: „der Alban braucht gar nichts, der Bauer, dein ich den Alban für seine Tochter gebe, der muß mir moch Geld hcrauszahlen." 40 Tic Ziigcl in frcmdcr Hand. Am Ostersonntag fuhr der Furchcnbaucr mit seiner Frau, den beiden Söhnen und Ameile nach der über eine Stunde entfernten Kirche. Auf dem Heimwege, da wo von der Landstraße ab der eigene Weg nach dem Hofe beginnt, stieg der Vater ab und befahl auch Albau ein Gleiches zu thun und Vinzenz die Zügel zu übergeben. Es gicbt ganz gewöhnliche Ereignisse, die oft so seltsam berühren, daß man sich einen Grund dazu gar nicht erklären kann. Alban hat nachmals oft erzählt, daß ihn der Befehl, die Zügel abzugebcn, im Innersten erschreckt habe, ohne das; er wußte warum. Vinzenz nahm ihm mit einem so raschen Griff die Zügel aus der Hand und der sonst so gewandte und behende Alban stieg so ungeschickt ab und verwirrte seine Füße in die Zügel, daß er fast zu Boden fiel. Kann sein, daß Alban sich Alles was diesem Ereignis; folgt, erst später so bestimmt ausdcutete, genug, er stand auch jetzt cigenthümlich erschüttert vor dem Vater, der nach einer Weile begann: „Alban, es ist Zeit, daß du jetzt für dich selber zu bauern anfangst." „Wie Jbr meint, Vater, ich Hab glaubt, Ihr wollet warten, bis das Anicile versorgt ist." „Das ist mein' Sach'. Es ist gescheiter du heiratbest jung, ich bin ein bisle zu spät dazu kommen, ich möcht' aber doch noch mit meinen lebendigen Augen sehen, wie's meinen Kindern geht." „lind ich will auch thun was ich Euch au den Augen ab- sehen kann," bethcuerte Alban und hielt vor innerer Bewegung still, der Vater aber schritt fürbaß, knurrte etwas vor sich hin und sagte endlich: „So ist's nickt gemeint. Ich gcb den Löffel nicht aus dev Hand bis ich satt bin. Dn hast nichts für mich zu sorgen. Kurzum, heut Nachmittag kommt der Kornmesser Spitzgäbcle, er hat mir auf dem letzten Fruchtmarkt gesagt, daß er dir eine recht- 41 schaffcnc Wittfrau weiß, drüben im Gäu, mit einem Gut so groß wie das meiuige und die Aecker noch viel besser, und sie hat nur ein einziges Kind und das hat sein abgctheiltes Vermögen. Du spannst unsre beiden Fuchsen ans Bernerwägele und fährst mit dem Spitzgäbele 'nüber und besiehst dir die Gelegenheit." „Aber Vater, warum soll ich denn aus dem Hans? Wer kriegt denn unser Gut?" „Der dem ich's gcb. Das Sach ist mein." „Wer ist denn der älteste?" „Still sag ich, du hast nichts zu fragen. Ich kann nicht nur Mulle, ich kann auch Kuz sagen*). Nein, horch, bleib ein bisle stehen und laß mich ausschnaufen. Guck Alban, ich Hab viel auf dich gewendet, du bist ein Kerle, der sich sehen lassen kann, du bist mein Augapfel gewesen... Ich brauch dich beim Teufel nicht fragen, du muht thun was Ich will . . . Nein, horch, der Vinzenz ist freilich der jüngere, aber guck, da, da, du hast deine zwei Augen . . . Dn Hcidenbub, guck mich nicht so an, du mußt thun was Ich will. Red mir kein Wort. Still sag ich. Du bist jetzt freilich der älteste, aber das Gut ist jetzt auch frei, ich kann mit thun was ich mag. Ich kann's verlumpen. Alban, sei gescheit und folg mir ohne Widerred. Mit Einem Wort. Der Vinzenz kriegt den Hof. Punktum. Alban, jetzt folg mir, ich will dich nicht verkürzen, er muß dir 'rausbezahlen, daß du dir einen Hof frei machen kannst. Sei brav und folg mir, das Kind muß denr Vater gehorchen, so steht's geschrieben und so ist's von je gehalten worden. Alban, folg mir oder ich renn dir ein Messer in Leib und wenn ich selber darüber zu Grunde geh. Da, gieb mir die Hand, die Hand her! Du fährst mit dem Spitzgäbele 'nüber und machst, daß du den Hof kriegst. Mach mir keine Sprüng! Du kennst mich noch nicht. Ich rück' die paar Jahr an dich, die ich noch zu leben Hab, aber komm, du folgst mir. Punktum." Alban hatte die Hand dargereicht, sein Vater hielt sie fest umklammert wie eine Zange, sei es daß er der Bethencrung 42 Nachdruck geben oder seine Kraft noch beweisen wollte. Der Vater sah schauerlich aus. Seine Lippen zogen sich völlig einwärts und seine Angen quollen weit heraus. Alban sah ihn so mitleidig und unterwürfig an, das; der Vater jetzt mit dem Kopfe schüttelte und die Augen nicderschlng. Alban war in diesem Augenblicke so von Kindesliebe und gewohntem Gehorsam überwältigt, das; er trotz des Sturmes, der in ihm vorging, dem Vater noch aufrichtig versprach, ihm willfährig zu sein. Er hatte ihm Anfangs nur znm Scheine und um ihn zu begütigen gehorchen wollen, jetzt war cs sein aufrichtiger Wille. Schweigend gingen Vater und Sohn bis zu dem Hofe, der Alte hatte ans einmal einen raschen festen Schritt. Alban hatte etwas von der Mutter geerbt im stillen Bewältigen störender Gedanken, er lies; cs nicht in sich aufkommen, das; er ausgestoßen würde vom väterlichen Hause, so weit war cs ja nicht; er war nicht umsonst in der Welt gewesen, er wußte, das; man auch anderswo leben kann, und cs war seine Pflicht, einen Versuch zu machen, dein Bruder, der einem so traurigen Geschicke verfallen war, das Gut zu überlassen und so ihm zu helfen; ja er dachte daran, das; der Schmalzgraf noch leben und ledig sein könnte und dann bätte er als jüngerer Bruder ja ohne Widerrede auf den Besitz des Hofes verzichten muffen. Als man in den Hof cintrat, stand Vinzenz an die Stall- thüre gelehnt und pfiff lustig. Alban glaubte in seinem Gesichte eine Siegesmiene zu finden, ja er bemerkte, das; Vinzenz den Vater fragend ansah und dieser mit dem Kopse nickte. So war also was jetzt geschehen sollte, längst beschlossen, der Vater hatte das dem Einäugigen versprochen und während Alban emsig und friedfertig daheim war, war er schon längst ansgestoßen? Grimmige Wnth erfüllte Alban, er wollte widerrufen, das; er dem Vater zu lieb nur einen Schritt aus dem Hanse thuc. Schon zweimal hatte man ihn zum Essen gerufen, er stand wie festgewurzelt auf dem väterlichen Boden, den Blick zur Erde geheftet und die Fäuste geballt. Als endlich die Mutter kam und ihn lobte, das; cr sich wieder als guter Sohn beweise, schaute er wie höhnisch 43 auf, er verschloß aber seine Gedanken) man hatte ihn betrogen, er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten) er faßte den Borsaß, dein Vater znm Scheine zn willfahren, er kannte die unerschütterliche Obcrherrlichkeit seines Batcrs und wollte ihn nun auch überlisten und auf seinem Rechte bestehen. Bei Tische war Alles wohlgemut!) und noch während dem Essen kam der Kormncsser Spitzgäbele. Er drängte zur Eile und Vinzenz half selbst die beiden Fuchsen cinspannen und der Vater gab Alban noch seinen eigenen neuen Mantel mit und befahl ihm wiederholt, etwas draufgehen zu lagen und sich als Sohn des Fnrchcnbanern zn zeigen. Nur die Mutter sagte yoch leise zu Alban: „Vergieb dich nicht, du bist uns noch nicht unwcrth und hast nichts zu eilen. In keinen: Fall mach's fest, eh ich sie auch gesehen Hab) ich kenn die Familie wohl, aber das Weib kenne ich nicht. Fahr auf dem Heimweg übcr Sicbcnhöfcn und sich was dein Bruderskind macht, kauf unterwegs was und bring's ihm." Lustig knallend fuhr Alban davon und der Furchcnbauer, der ihm nachsah, sagte zn seiner Frau: „Wenn ich ein 'einzige Tochter hält' und Müßt einen Burschen wie den Alban, ich thät nicht ruhen bis er mein Schwiegersohn war'." Die Brautfahrt. Alban fuhr indes; mit dein Spitzgäbele, einem lustigen alten Männchen mit lauter Falten im Gesichte, ruhig die Pserde lenkend den abschüssigen Weg hinab, dabei hörte er die Lobeserhebungen des Kupplers über den Eichcnhof. „Und wie ist denn die Bäuerin?" fragte Alban keck. Es ist schade, daß die Personalbeschreibung, die Spitzgäbele jetzt aus- bülste, nicht mitzntheilcn ist) er schilderte mit einem schmelzenden Behagen, das; ihm das Wasser davon im Munde zusammen lief. Alban lachte darob aus vollen: Halse und that überaus lustig, und als er nach der Gemüthsart der Bäuerin fragte, gab Spitzgäbele seinen Bescheid wieder mit einen: so saftigen Scherze, daß Alban abermals laut auflachte. 11 Vor einer geschmückten Fraucngcstalt, die am Wege ging, standen die Pferde plötzlich still, Alban wollte schon mit der Peitsche ausholcn, da rief Spitzgäbcle: „Halt!" und zu der ab- gekehrtcn Fraucngestalt gewendet: „Mädle wohin?" „Gen Neichenbach, Gevatter stehen". „Willst mitfahren?" „Dank' schön". „Komm nur 'rauf, halt doch Alban; Mädle, du kannst auf meinen Schoos; sitzen." Das Mädchen war Niemand anders als Vrcni, sie stieg nach wiederholter Ermahnung, wobei Alban beharrlich schwieg, auf, und setzte sich auf den Habersack hinter dem Sitze, wobei Spitzgäbcle Mancherlei zu rühmen hatte. Alban fuhr wildrascnd dahin, er fuhr zur Freiet und hinter ihm saß Vreni. Er fuhr doppelt rasch, damit Spitzgäbcle nicht mit seinen Scherzen fortfahrcn konnte. Vor Neichcnbach bat Vreni, das; er anhalte, und behend war sie vom Wagen gesprungen. Jetzt erst sprach Alban das erste Wort mit ihr indem er sie fragte: „Bei wem stehst Gevatter?" „Bei meiner Schwester." „Mit wem?" „Mit meinem Vater. Mein Schwager hat Niemand anders finden können, es ist das siebente Kind." „Ta, bring das als Gevatterschenk von mir," sagte Alban, langte in die Tasche und holte ein groß Stück Geld. Vreni wollte cs nicht annehmen, Alban aber warf cs hin, daß es zu Boden fiel und fuhr rasch davon. Spitzgäbcle konnte sich nicht enthalten zu fragen: „Ich Hab gemeint, du kennst das Mädle gar nicht. Wem gehörts denn?" „Es ist des Nagelschmieds Tochter, ihr Vater taglöhncrt bei uns und ihr Bruder ist unser Kühbub," sagte Alban und es war ihm als brennten ihm die Lippen, da er diese Worte sprach. 45 „So?" spottete Spitzgäbele, „vielleicht gar ein heimlicher Schatz von dir? Das hat gar nichts zu sagen. Die Bäuerin hat mir selber bestanden, sie sei gar nicht eifersüchtig, aber natürlich gescheit mußt sein. Das versteht sich." Alban fuhr immer mehr seinem Ziele zu und bei jedem Schritte wäre er gerne umgekehrt. Nur Einmal sagte er zu Spitzgäbele: „Ihr müsset mir vor meinem Vater bezeugen, daß nicht ich die Vreni auf den Wagen genommen Hab, aber ihr." „Ich thät noch was anderes auf mich nehmen. Ich weiß mehr als das von den Großbauern. Ich könnt' sieben Wochen lang davon erzählen." Einstweilen begann Spitzgäbele allerlei lustige Geschichten zum Besten zu geben. Alban hörte ilm kaum, er rückte seinem Ziele immer näher und war in Gedanken doch nur in Reichenbach bei Vreni und ihrer Schwester" er dachte darüber nach, ob sie wohl sein Gcvattcrschenk hergcbc, gewiß, sie ist ja gescheit und wird sich mit den ihrigen davon einen lustigen Tag machen. Tief in die Seele schnitt es ihm, wenn er darüber nachdachte, welch ein schreckliches Loos das sei, daß man nicht einmal mehr einen Gevatter für ein Kind finde und des Nagclschmicds stammten doch auch von reichen Hofbauern. Der genehme Schluß dieser Betrachtung aber war doch: darum muß man dafür sorgen, daß man nie in Armuth gcräth. Im Dorfe vor dem Eichhofc, wo man mit cinbrcchender Nacht cinkehrte, hörte Alban aus dem dunkeln Stalle heraus einen Knecht zu einem andern sagen: „Das ist gewiß wieder ein Freier für die Eichbäuerin, ich bin froh, daß ich ein Knecht bin und mich nicht verkaufen brauch." Der Spitzgäbele verstand den Alban gar nicht, als er jetzt am Ziele angelangt, wieder umkehren und gar nicht auf den Eichhof gehen wollte. Nur die Erwähnung des Vaters brachte Alban dahin, daß er sich endlich bewegen ließ, wenigstens auf den Eichhof zu gehen. Auf dem Wege bedauerte Spitzgäbele, daß cs Nacht sei und Alban die schönen fetten Aecker nicht sehen 46 könne; das sei ein Boden, der gar keinen Dünger brauche. Der Weg war grundlos nnd eben das wurde als Zeugnis; des fetten Bodens gedeutet. Alban schwieg, er fühlte sein Herz klopfen. Man näherte sich dem Hofe, da rief eine Stimme durch die Nacht: Vreni! Vreni! Gerade dieser Ruf erschütterte jetzt Alban, das; es ihm war, als müßte er in den Boden sinken. Eine Stimme antwortete ans den Ruf: „Ich komm' gleich." Auch die Stimme war ähnlich. Als wäre er verzaubert, fast taumelnd trat Alban in den Hof und als er in die Stube trat fuhr er sich mit der Hand über die Stirne. Es war ja wieder als ob Vreni hier wäre, nur war diese hier wohlbeleibter und sah trotziger drein. Spitzgabele machte die Vorstellung leicht nnd sprach, da noch mehr Leute da waren, von einem Roßhandel. Die Frau, die Vreni so ähnlich sah, hatte denselben Namen und war die Bäuerin. Alban ließ sich nicht lange«znm Sitzen nöthigen, die Kniee brachen ihm fast. Er schaute sich in der Stube um, Alles war stattlich und anheimelnd und in ihm war es wie ein Ausspruch der Gewißheit, daß er hier sein Lebensziel gefunden habe. Sehr häufig machen die Menschen gerade die verzwicktesten Gesichter, wenn diese von einem betrachtenden Auge ausgenommen oder gar abgemalt werden sollen. Der Gedanke, das; jetzt diese Formen selbständig und dauernd festgehaltcn werden, prägt eine Erschlaffung oder eine unnatürliche Spannung in ihnen aus. In ähnlicher Lage war jetzt Alban, er wußte nicht, sollte er unter dem Forscherblicke der Bäuerin die Augen Niederschlagen oder erheben. Zu großem Glücke schmiegte sich ein großer schwarzer Schäferhund, der in der Stube war, an ihn, und Alban hatte nun etwas womit er sich beschäftigen, wobei er auf und niederwärts blicken konnte. Die Bäuerin bemerkte nicht ungeschickt, daß Alban ein guter Mensch sein müsse, da der fremde Hund so zutraulich gegen ihn sei. Alban schwieg und dabei blieb er, selbst als die Dienstleute sich aus der Stube entfernt hatten und zuletzt auch Spitzgäbele wegging und ihn mit der Bäuerin allein ließ. Diese fragte ihn nun, ob er das Kind seines vcrstor- 47 honen Bruders iu Sicbcnhöfcn besuchen werde und als Alban ohne einen weiteren Zusatz antwortete: „Ich hab's iin Sinn", zeigte sich Plötzlich eine seltsame Bewegung in der Bäuerin: sie stand ans, setzte sich aber gleich wieder und fuhr fort, .Kartoffeln zu schälen für die morgige Frühsuppe. Sic sprach noch Manches mit Alban, besonders über sein elterliches Haus und über seine Hiebcrrcise und abermals — Alban wußte nicht warum — kam sie ans seinen Besuch bei seinem Bruderskinde zu sprechen. In allen ihren Reden offenbarte sich ein verständiges und gutes Herz, Alban war damit zufrieden, und heiterer als er sichs gedacht hatte, kehrte er mit Spitzgäbelc wieder in das Wirthshaus zurück. Er durchforschte mit unbefangenem Blick die große Wirths- stnbe und saß noch lange bei dem Wirthe, er sah sich schon im Geiste an manchen Abenden vom Eichhofe hieherwandcrn, um wieder fremde Menschen zu sprechen und unter ihnen zu sein. Am Morgen war es Alban wiederum etwas bange, er fühlte sich wieder wie in die Fremde verstoßen, er sollte sein Leben in ferner Einsamkeit verbringen: hier kannte er Niemanden und daheim hatte Jedes ein freundliches Wort für ihn. Spitzgäbelc lachte ihn aus, da er offen klagte, er sei so voll Heimweh und banger Besorgnis;, daß er weinen möchte wie ein Kind. Spitz- gäbclc erklärte dies; als das natürliche Beben vor einer großen Freude, und wußte das Glück Albans wieder so hoch zu preisen, daß dieser selber es nicht mehr verkennen konnte. Alban hatte aus Trotz gegen seinen Vater und eigentlich um ihn zu täuschen, sich zu dieser Brautfahrt entschlossen, und jetzt sah er sich davon gefesselt. Als er aber im Hellen Morgen mit seinem Gefährten den nächtlich bcschrittcnen Weg dahiuging, als die Lerchen so jubelnd sangen über den grünen Feldbreiten, die Spitzgäbelc als sein künftiges Eigenthum pries, und besonders auf das Winterfeld zeigte, das so gut angeblümt war und hie und da schon buschig zu werden begann, da wurde es Alban fast bräutlich jubclvoll zu Muthe. Wenn die Eichbäucrin am Tage so schön war wie sic am Abend erschien, so konnte sich nicht leicht eine mit ihr vergleichen. Nochmals stellte sich des Nagelschmicds 48 Vrcni vor die Erinnerung Albans, aber er sagte sich, das; er sic nicht hätte heirathcn können, auch wenn er Bauer aus dem Fur- chcnhofe geworden wäre, der Vater hatte Recht; und abermals lebte die Kindesliebe und der Gehorsam in Alban auf und er suhlte sich im Tiefsten erquickt im Gedenken an die Freude, die sein Vater an der Verlobung haben müsse, und es war wohlge- than, daß Vinzenz, der beschädigt genug war, den väterlichen Hof erhielt. Die Lerchen sangen nicht lustiger in der blauen Luft als die Freude über alle diese Gedanken im Herzen Albans jauchzte. Heiter glänzenden Antlitzes trat er in den Eichhof und aus dem Grunde seines Herzens sagte er mit Heller Stimme der Bäuerin „Guten Morgen" und streckte ihr die Hand entgegen; sie reichte ihm nur die Linke, sie trug ein wol kaum zweijähriges Kind auf den; Arme, das sich vor den Männern erschreckt und schreiend umwandte und sein Gesicht am Halse der Mutter verbarg. Diese hieß die beiden Männer sich setzen und suchte das Kind zu beschwichtigen, Alban tief anschauend sagte sie zu dem Kinde: „Peterle, wenn du umguckst und eine Patschhand giebst, schenkt dir der Vetter da ein Entle, das er dir mitbracht hat." Alban schaute vcrduzt drein, er hatte es ganz vergessen und cs fiel ihm jetzt schwer aufs Herz, daß er Vater eines fremden Kindes sein sollte; er war jedoch willigen Herzens genug, um dem Kinde jede Liebe zu erweisen. Jetzt wurde ihm ans Einmal klar, warum die Bäuerin am Abend so oft von dem Kinde seines verstorbenen Bruders gesprochen hatte. Während er aber schweigend darüber nachsann, sah ihn die Bäuerin nochmals mit großen Augen an, dann verlieft sie mit dem Kinde die Stube und ging in die Kammer. Nach einer Weile, in der man hörte, wie sie das Kind abküßte, rief sie Spitzgäbele zu sich und sagte ihm: „Ich komm nimmchr in die Stub, ich will euch so Ade sagen." „Warum? Was ist? „Dcr Fnrchcnbaner soll sich eine andere suchen. Ich Hab gemeint, er wird von seinem Brnderskind her wissen, was ein verlassenes Kind ist. Es ist nicht so. Sitzt er gestern den ganzen Abend da und fragt nicht nach meinem Kind, und heut Hai er ihm nicht für ein Kreuzers Werth mitbracht. Eh ich so einen uchm', bleib ich lieber allein." Spiffgäbele bemühte sich mit allen möglichen Einreden, aber die Bäuerin blieb dabei' „Er kann brav sein, ich Hab nichts gegen ihn, aber wir paffen nicht zu einander." Zweimal muffte Spiffgäbele seine Worte wiederholen als er bei Alban eintrctcnd ihm sagte, er möchte mit fort gehen, die Sache sei aus. Wie taumelnd ging Alban davon, er hörte im Hofe Knechte und Mägde lachen, das konnte nur ihm gelten. Die Lerchen ans dem Wege sangen im gleichen Jubel, aber Alban hörte sic nicht, sein Athem ging rasch, er ballte die Fäuste und erhob kaum den Blick, er schämte sich vor seinem Begleiter, der die Absagcworte der Bäuerin wiederholte und dann gegen seine Gewohnheit schweigsam neben ihm ging. Ohne nochmals in die Wirthsstube einzntretcn, spannte Alban an, aber er mußte innerlich fluchend mit dem Leitseile in der Hand lange auf Spiffgäbele warten. Man war nüchtern nach dem Eichhofe gegangen, man wollte bei der Braut sich gütlich tbun i Spiffgäbele brachte sein verspätetes Frühstück auf fremde Kosten sattsam ein. Mitten im Zorn und Ingrimm spürte auch Alban einen Hunger, das; er meinte, er fresse ihm das Herz ab, aber in solchen Momenten tritt leicht zu dem vorhandenen Schmerze noch eine Selbstquälereil Alban freute sich fast an dem körperlichen Ermatten, das er fühlte, seine Wangen glühten und er träp- pclte hin und her wie die Fuchsen, die muthig scharrten. Endlich kam Spiffgäbele noch schmatzend, und wie aus dem Rohre geschossen flog der Wagen davon. Aban fuhr nicht, wie er sich Anfangs vorgcnommcn, übcrSicbenhöfcn, um nach seinem Vru- dcrskinde zu schauen, ja er war diesem fast böse, denn es war Schuld an seiner Schande: er fuhr geradewegs wieder heimwärts. Im nächsten Dorfe kehrte er ein und der Wein schien ihm sehr zu muuden, ja er wurde ganz lustig, und jetzt offenbarte sich eine eigcnthümlichc Folge seiner Abweisung. Vor Allem war er voll Uucrbach's Di-'rfg. 4. Bb. ck ÜO Zorn gegen seinen Vater. Er gedachte nicht mehr, wie er ihn hatte täuschen wollen, sondern nur wie er auf dem Morgcngange nach dem Eichhofe ihm zu liebe sich hatte in die Heirath fügen wollen, und laut auflachend kam ihm plötzlich ein kluger Gedanke: ,r war nicht abgewiesen, er hatte das Nichtzustandckommcn beabsichtigt und darum vorsätzlich gctban als ob gar kein Kind da wäre; der Furchcnhof gehöre ihm, er sei der älteste, er lasse sich nicht davon vertreiben. Als er solches gegen Spitzgäbele herauspolterte und dieser sein Gesicht in noch mehr Falten zog, wurde Alban plötzlich gewahr, das; er sich verrathen und seine besten Handhaben abgebrochenhabe; es war ja viel besser, wenn er sich als gehorsamen Sohn, der tief gekränkt war, hinstellte. Er suchte daher einzulen- kcn, aber Spitzgäbele hielt ihn fest und Alban mußte sich alle Mühe geben, etwas zu zerstören, was im Voraus unwahr gewesen und nur ein toller Uebermulh ausgeheckt hatte. Er mußte dem Spitzgäbele, der ihm ein Abscheu war, alle guten Worte geben und jetzt selber wieder darauf dringen und hoch und heilig bethcu- ern, wie sehr er durch die Abweisung beschimpft und verunehrt sei. Zuletzt mußte er sogar noch bekennen, daß ihm Recht geschehe, daß die Eichbäuerin eine rechtschaffene Frau und Mutter sei, er aber sich hartherzig und unklug benommen habe und alle Schuld, die auch Spitzgäbele hatte, weil er ihn nicht daran erinnerte, nahm er gerne auf sich. Er schenkte von dem mitgenommenen Gelde ein Namhaftes dem Spitzgäbele, nur um ihn ganz für sich zu gewinnen. Lautlos dahinfahrcnd dachte Alban nur immer an seine Beschimpfung, und wenn auch in seiner Natur überhaupt und in seinem jetzigen Zustande nur halb, erkannte er doch in gewisser Weise eine Entweihung, die mit ihm vorgegangen war: er hatte sein ganzes jugendliches Leben kingegcben und war damit zurück- gewicsen. Er, der Alban, der jedem Menschen frei ins Gesicht sah, mußte fortan vor manchem Worte den Blick zur Erde schlagen. Es half nichts, daß Spitzgäbele oft wiederholte: „Ein junger Bursch macht sich aus so was nichts, er setzt 51 den Hut auf die linke Teile und freit um eine andere schönere." Alban wurde seine schmerzlichen Gedanken nicht los. In Reichenbach stieg Spitzgäbcle ab und wandcrte über die Berge zu Fuß nach der Stadt. Aban kam unerwartet früh nach Hause und begegnete überall fragenden Blicken. „Wie ist dir's gangen?" fragte die Mutter noch vor dem Absteigen und Alban crwiederte trotzig: „Wie unserm Fuchsen aus dem Wellcndinger Markt." „Was hast? Was redest?" „Deutsch. Man verkauft nicht jedes Stückle Lieh, das man zu Markt bringt." Er blieb im Stall bei Dominik, bis die Mutter ihn holte, gegen die er kurz den Schwur aussprach, nie mehr eine solche Fahrt zu machen; er habe als gehorsamer Sohn gehandelt und jetzt sei's genug. Der Vater redete gar nichts mit ihm von der Sache. Er fragte nur, wo der Spitzgäbcle abgesticgcn sei, denn von diesem wollte er sich den ordnungsmäßigen Bescheid holen; eine mit Bctheuerungcn und allerlei Zubehör untermischte Auskunft war nicht nach seinem Geschmack. Er blieb beim Ordnungsmäßigen. Nachrede und Lärm in der Welt. Ein von der Reise Ankommender ist so zu sagen körperlich und geistig eine Zeitlang ungelenk in Mitte derer, die in der Gewohnheit des häuslichen Lebens verharrten, und der Angc- kommcne kann noch eine geraume Zeit eine gewisse Unruhe nicht los werden. Dies war nun heute bei Alban doppelt der Fall. Er kam mitten im Tage und wußte nichts mehr anzufangeni dazu der Aerger über seine Schmach und die Angewohnheit seiner- heutigen Lebensweise. Nachdem er das Schelten der Mutter gc- bört, weil er nicht über Sicbenhöfcn gefahren war, ging er fast unwillkürlich nach dem Hellberg zu Dreni. Kaum war er auf dem Hellberge angekommcn und noch batte er Vreni nicht gesehen, die, von dem Montagsrechte Geck* Ü2 brauch machend, im Walde war, um Holz zu holen, als Dominik ankam und ihm im Name» des Vaters den Befehl brachte, nach Hause zurückzukehren. Alban willfahrte nur langsam und als er heinikam, that sein Vater als ob er gar nicht da wäre und erst durch die Mutter erfuhr er, das; sic cs war, die nach ihm geschickt hatte, weil sie das Zorncsmurmeln des Vaters verstanden hatte und ihm zuvorkommen wollte, das; sie aber Dominik verboten hatte, Alban solches zu sagen. Dieser sah in dem ganzen Vorgänge nur das Eine, das; die einzigen Menschen, die er sich treu und anhänglich glaubte, die Mutter und Dominik, auch hinterhältig gegen ihn waren und sich vor der Vergewaltigung des Vaters fürchteten. Er ging im Hose hin und her als müsse er irgendwo räuberisch einbrechcn und den schlummernden Streit freiwillig wecken; er blieb aber doch nicht lang in dieser Stimmung, und sei cs im Angedenken an die heute erlebte Schmach, sei cs das Verlangen, doch vielleicht noch Alles gütlich auszu- glcichen, oder die altgewohnte Arbeitslust — im Hof stand ein leerer Wagen, auf dem Kornspeicher horte man schaufeln, Alban erinnerte sich, das; morgen ein außergewöhnlicher Kornmarkt in der Stadt sei, er ging auch auf den Speicher und sah den Vinzenz mit Bcihülfe zweier Knechte große Säcke füllen, der Vater stand daneben sind ohne nach Alban umzuschaucn, spöttelte er, das; man dieses Jahr nicht sein gutes Korn für halben Preis an die Taglöhner als Vorschuß verschleudere, jetzt brauche man dem Lumpenpack nicht mehr schön thun, jetzt müsse es wieder untcr- dncken, aber sein Lcbenlang werde er es nicht vergessen, das; er mehrere Hundert Gulden durch Verschleuderung seines Korns zum Fenster hinausgeworfeu habe. Alban merkte Wohl, das; diese Worte nach ihm zielten, aber er schwieg, theils aus Gehorsam, theils aber auch, weil er schon bedachte, das; er nnnöthigen Widerspruch vermeiden und um so fester auf dem einen beharren müsse. Als indes; einer der mitbeschäftigten Taglöhner sagte: „Es war doch eine lustige Zeit, alle Menscheu waren Brüder, wie wir das Korn da eingethan haben," da konnte Alban nicht umhin mit rothglühendcm Antlitze hinzu zu setzen; 53 ' „Und jefft sind's doch wieder Sklaven, die das Brod von dem serndigcn*) Korn essen." Dabei ließ er sich nicht aushelfcn, son- ^ dern schwang mit leichter Mühe einen Malter Spelz auf die Schulter, trug ihn die knarrende Stiege hinab und lud ihn aus den Wagen. Der Vater preßte die Lippen zusammen und schaute ihm mit weit aufgcrissenen Augen nach. Noch neben dem geladenen Wagen schaute er Alban mehrmals von Kopf bis Fuß an, er öffnete mehrmals den Mund als wollte er etwas sagen, aber er schwieg. Das galt doch noch mehr als die heftigsten Worte. Noch in der Nacht fuhr Dominik mit dem Fruchtwagcn nach der Stadt. Am Morgen fuhr der Vater mit Vinzenz auf den Kornmarkt und Alban ackerte wieder auf dem Neubruchc am Kugelberger Felde. Es war ein regnerischer Frühlingstag, die Luft war knospcnfrisch, der freie Athem und die Arbeit war doppelt erquickend nach einem »erstürmten Tage. Ein Hagelschauer kam ^ wie im Zorne dahergcstürmt, aber der Hagel zerging rasch wieder in den offenen Schollen und auf den grünenden Wiesen, lind nur noch feine Tropfen säuselten im nahen Walde, sonst vernahm man nichts als bisweilen den verstohlenen Pfiff eines Vogels aus dem Neste oder das Krächzen eines Raben, der seinen Gefährten anrief, troff des Wetters mit ihm ins Weite zu ziehen. Alban zählte die Stunden ab, wann der Vater in der Stadt sein und wann Spitzgäbele ihm den gestrigen Vorgang erzählen könne, er war voll Unruhe, denn auf den Schelm war doch kein Verlaß, und heute zum erstemnale wurde seine Schande ruchbar und Vinzenz war dabei. Im Angesichte Albans prägte sich die giftige Schadenfreude aus, die er sich in Vinzenz dachte, und jefft fühlte es Alban wie einen Stich mitten durchs Herz, denn zum erstemnale lebte ganz deutlich der Haß gegen den Bruder in ihm auf. Die Thiere waren beute gar nicht zu bändigen, es gelang den Treib- ' buben schwer, sic in der Linie zu halten, Alban wollte sich nicht bekennen, daß er sic mit in seine Unruhe hineingerifscn und er 2 54 fuhr nun auf drin weiten Felde mit ihnen kreuz und quer, er wollte sie ermüden um sic dann besser in der Gewalt zu haben, seine beiden Hände hielten die Pfluggabcl fest und oft war es ihm als rissen ihm dicThicre die Arme vom Leibe; von Schweis; und Regen dampfend ging er hinter den Thicren drein, die auch wie in einer Wolke dahinschrittcn, aber er war stark genug und setzte sich immer mehr darauf, ihrer Meister zu werden. Dennoch mußte er ansspanncn, bevor es Mittag war. Im nahen Walde unter einer breitästigen Kiefer ruhte er mit dem Treibbuben aus und war so müde, daß er gar nichts denken konnte, bis der Küh- bub ihm das Mittagessen brachte. Lächelnd schaute er ihn an, denn er wollte ihm „Schwager" zurufen, aber er sagte ihn; nur, daß er ihn bei sich behalte, um die zuchtlosen. Thiere auch lenken zu helfen. Während er hier im Walde unter säuselndem Regen sein gewohntes Mittagsmahl verzehrte, gedachte er nach der Stadt, wo jetzt der Vater nnv Vinzenz in der Rose beim schäumenden Biere sich auftischen ließen und wie da hin und her die Rede schoß und er war hier im Walde bei dem Trcibbubcn. Alban wollte sich hineindenken, was man von ihm rede und wie Alles herginge, er erricth wol Manches, aber doch nicht das Ganze. Der Vater war am Morgen mit Vinzenz ausgefahren und dieser triumphirte innerlich über den znrückgcsctzten Bruder, er sprach aber seine Siegcsfrcude nur dadurch aus, daß er lustig mit der Peitsche knallte und den Kragen des Mantels, den er über batte, ostmals znrückwarf. Als man im Thale dahinfuhr, wo man oben in einer Baumwiese des Nagclschmieds Behausung zum Hellberge sah, sagte er indem er eine neue Schmiße mit den Zähnen aufknüpfte: „Er ist gestern noch da oben gewesen." „Wer?" fragte der Vater. „Ha der Alban, die Mutter hat ihm aber gleich nachgcschickt und ihn holen lassen, damit Jhr's nicht erfahret." Der Vater schaute nur kurz nach seinem Sohne um, aber sein Blick fiel gerade auf das gespenstisch leere Auge, er hielt sich die Hand vor seine beiden Augen und erwiederte nichts. Man fuhr durch Neichenbach. Am Hanse des Schultheißen stand dessen älteste Tochter nnd hielt einen grauen Maatel auf dem Arm, sic rief Vinzenz, er möge anhalten nnd übergab ihm den Mantel, den der Vater vergessen hatte und den er in der Stadt abliefern sollte. „Ich nahm' dich auch noch mit", scherzte Vinzenz. „Ich wills gut behalten für ein andermal. Schön Danl", sagte das Mädchen lachend nnd stolz fuhr Vinzeuz davon. Als es bergan ging, sagte der Vater: „Das ist ein saubers Mädle", und schnell fügte Vinzenz hinzu: „Und Ihr müsset selber sagen, eine rechtschaffenere Familie als des Schultheißen giebt cs nicht." „Ho bo, cs giebt noch mehr." „Freilich, freilich, aber das wär eine Söhnerin, die den Schwiegereltern die Zänd' unter die Füße legen thät." „Hast denn schon was angczettclt nnd bist denn schon so weit?" „Nein, nein, Ihr wisset, ich thu nichts als was Ihr wollet, aber so viel weiß ich schon, daß des Schultheißen Tochter mich nimmt; sie muß freilich auch ein Aug zudrückcn, daß sic nickst mehr hat wie ich", sagte Vinzenz und schaute dem Vater starr ins Gesicht, „aber wie gesagt, ich thu keinen Schritt als was Ihr wollet, aber schön wär's wenn man heut die Sach noch ins Neinc brächt', auf dem Markt wär's grad geschickt —" „Du hast schon noch Zeit," erwiedcrte der Vater und mit unterwürfigen: Tone fuhr Vinzenz fort: „Wie gesagt, wie Ihr wollet, ich wünsch' Euch noch ein lang's Leben und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich's immer Kindeskindern sagen, was Ihr für ein Mann gewesen seid nnd wie Ihr Alles so zusammengehaltcn habt und kein Hängenlassen duldet —" „Brauch dein Lob nicht," unterbrach ihn der Vater. „Wie kommst Du dazu mich zu loben? Wenn ich mich unterstanden hält' so was zu meinem Vater zu sagen, er hätt' mir die Zähn' in den Nachen geschlagen." »Ja, Ihr habts beim Vetter Dekan auch anders vor Euch gesehen; Ich muß mir's vorsagen, was Ihr für ein Manu seid, damit ich nicht auch lern ... Ich will aber lieber nichts sagen." „Was? Was? Was sollst lernen? Gleich sag's. Was?" „Ich sags nicht gern, aber jeder Knecht und jeder Taglöhncr giebt dem Alban Recht, wenn er sich berühmt, er habe den Hof erst zu etwas gemacht und das soll erst noch einmal ganz anders werden, wenn er ihn erst ganz in der Hand hat... wenn mein Alter, wie er nie anders sagt —" „Still, kein Wort mehr," rief der Vater zornig, „sag kein Wort mehr gegen deinen leiblichen Bruder, du machst's grad verkehrt damit i sag kein Wort mehr oder du wirst sehen —" „Mit Einem Aug, wenn Ihr mir nicht das auch noch aus- schlagct," erwiedcrte Vinzenz wieder und der Vater begann nach einer Weile in ruhigem Tone: „Guck, Vinzenz, ich halt dir mein Wort." „Aber Ihr fürchtet Euch doch vor dem Alban das ins Reine zu bringen?" „Nein, das nicht, aber es soll nicht heißen und soll auch nicht sein, daß du mich gegen deinen Bruder vcrheßcst. Was ich ihn, das thu ich weil ich mein eigener Herr bin und weiß was ich tbu nnd der Alban ist mein Kind so gut wie du, uud er hat sein Lebenlang noch kein böses Wort auf dich zu mir gesagt und aus mich zu anderen gewiß auch nicht, ich glaub's nicht l ich weiß die Leute sind schmeichlerisch uud verdrehen einem das Wort auf der Zunge. Mein Alban ist ein folgsames, ehrerbietiges Kind." „Ich kann Euch alle Dienstleutc bis aus den Dominik unb seinen Schwiegervater den Nagelschmied zu Zeugen stellen, wenn zA)r mir nicht glauben wollt." „Ich will nichts davon. Das war mir schön, die Dicnstleute abzuhörcn. Red jetzt nichts mehr. Ich will gar nichts wissen!" Vinzenz fuhr schweigend dahin. Er setzte fich's als eine kluge Regel vor, nichts mehr gegen Alban zu sagen, aber darum nicht minder auf baldige Erledigung der schwebenden Sache hinzuar- bciten. — 57 Die armen Kleinbauern und Häusler, die heule zu Markte gingen und ihre zusammengcschnurrten Kornsäcke bald wie einen Zopf gedreht am Stocke auf der Achsel oder wie eine Schärpe um Schulter und Hüfte gebunden trugen, grüßten heute den Furchenbauer nur halb und lächelten. Was geht denn vor in der Welt? . . . . Das sollte sich bald zeigen. Auf dem Korumarkte war heute eine seltsame Bewegung. Mitten unter dem aufgewirbelten Staub, unter Feilschen um den Preis und Abmesscn des Korns, sprach man von nichts als von der Revolution im Nachbarlande und cs hieß, daß es auch hier bald losgehc. Der alte Furchenbaucr stand ruhig an die ausgestellten Säcke gelehnt, darauf nüt großen Buchstaben: Christoph Feilenhauer und die Jahreszahl geschrieben stand. Er mußte oftmals die Frage beantworten, ob es wahr, daß sein Alban unter die Freischärler gegangen sei. Niemand konnte sagen, Woherdas Gerücht entstanden war, und doch war es da. Unter solchen Umständen war cs natürlich, daß es nach dem hiesigen Landesausdrucke „abgehrte" d. h. daß die Frachtpreise fielen, und selbst zu niedrigen Preisen konnte man nicht verkaufen. Der Furchcnbauer, der sonst das Unverkaufte in der Stadt lagern ließ, befahl jcht, daß Alles wieder aufgeladcn und heimgeführt werde; er traute der Sicherheit in der Stadt nicht. Spitzgäbele war heute früher als sonst in der Rose; und während um ihn her Alles im wilden Gespräche über die Zustände des Nachbarlandes und des eigenen schrie und zankte, ließ sich der Furchenbauer vom Spitzgäbele das Nähere von der Brautfahrt erzählen. Den Vinzenz hatte er beim Ausladen des Korns gelaffen, er sollte dort helfen und auch nicht hören, was hier vorging. Spitzgäbele glaubte dem Gerüchte, daß Alban unter die Freischärler gegangen sei, trotz der heftigsten Bethcuerungen des Furchenbauern ; er bewunderte wiederholt die unerschütterliche Ruhe dieses Mannes, er glaubte nicht anders, als der Furchenbauer wünsche noch einen weitern Zorncsgrund gegen seinen Lohn nnd theils um ihm diesen zu gewähren, theils auch um sich selber im Glanze zu erweisen, erzählte er nun, wie Alban alles verkehrt gethan und sich zuletzt noch berühmte, er habe die Brautfahrt nur gemacht, um seinen Vater zu betrügen. Der Furchcnbauer verzog bei diesen Mittheilungen keine Miene, ja er hob das Glas auf um zu trinken, aber kaum brachte «r es an die Lippen als er er es wieder absetztc, es däuchte ihm alles wie Galle. Der Lärm in der Stadt war heute dem Furchenbauer zu toll. Auf den Nachmittag hieß es, kämen Hunderte mit Doppelbüchsen bewaffnete Holzhauer von Wcllendingcn herüber, wo sie sich beim Apostel unter Anführung des Lenz von Röthhausen, der sogenannten rothen Weste, sammelten, eine Volksversammlung sei in der Stadt angesagt und jetzt müsse Alles mitthun. Theils um diesen Fährlichkciten zu entgehen und in solchen Verhältnissen auf seinem Hofe zu sein, theils aber auch aus einer gewissen Bangigkeit um Alban eilte der Furchcnbauer mit Vinzenz vor der Zeit heimwärts. In jedem Dorfe, durch das sie fuhren, hics; es, daß sie nicht weiter können, im nächsten Dorfe seien Freischärler und rauben Alles und hätten es besonders auf die Pferde abgesehen. Man hatte ganz genauen Bericht und doch erwies es sich in jedem Dorfe als unhaltbar und seltsamerweise glaubte man doch daran und je weiter man kam, schob sich immer Alles zurück. Eine wunderliche Gcspenstcrfurcht hatte sich der Menschen am Hellen Tage bemächtigt. Der Aufstand, der den letzten Versuch machen sollte, die Freiheit zu erobern, erschien zuerst als Gefährdung von Gut und Blut. Der Furchenbauer hatte den Dominik mit dem Fruchtwagcn bald cingcholt, und so sehr war er von der allgemeinen Bangigkeit besangen, daß er fürchtete, die Freischärler hätten es auf seinen Fruchtwagen abgesehen. Er befahl daher dem Dominik, langsam weiter zu fahren, bis er Gegenbefehl erhalte. Der Tag hatte sich ausgeklärt, der ganze Himmel war mit — Ü9 — rothcn Wolken überzogen, als der Furchenbaucr mit Vinzenz von der Straße ab in seinen eigenen Weg cinlcnkte. „Gottlob, da ist der Alban", rief Vinzenz nnd der Vater schante dem neben ihm Sitzenden, der doch seinen Bruder lieben mußte, freudig ins Gesicht. Als aber Vinzenz mit der Miene klugen Einverständnisses hinzusetzte: „Seid nur jetzt auch gut gegen ihn, nurjctzt keineHändel, er ist unser Schutz", da knirschte der Vater die Zähne zusammen, gerade weil Vinzenz etwas von seinen Gedanken errathen hatte, und hastig stieß er die Worte hervor: „Ich brauch Niemand, ihn nicht und dich nicht; ihr könnet alle beide zum Teufel gehen", und gleichsam als Zeichen, das; er selber noch am Platze sei, riß er dem Vinzenz Peitsche und Leitseil aus der Hand und hieb zornig auf die Pferde ein. Dennoch konnte er sich nicht leugnen, daß er eine gewisse Freude hatte, seinen Alban dort zu sehen; er hatte zuletzt fast selbst an das Gerücht geglaubt und er beklagte schon leise den verloren geglaubten Sohn, er merkte doch jetzt, wie lieb er eigentlich den Alban hatte, er war stolz und unbeugsam wie er selbst, nur anders, etwas vornehmer, und ein Vater liebt selbst seine Fehler in seinen Kindern, znmal wenn diese zugleich auch als Tugenden oder mindestens als Kraft erscheinen. Der Fur- chenbauer sagte sich, daß er eigentlich keinen Schutz von seinem Sohne wolle, aber cs war ihm doch lieb, ihn in der Unruhe bei sich zu haben, wie man bei einem drohenden Gewitter gerne alle Angehörigen wach und um sich versammelt hat. Der Sturm bricht los. Alban mußte gehört haben, das; sich das Gefährte nahe und der Furchenbaucr hob mehrmals die Peitsche hoch, um ihm zu winken, ja er knallte, aber Alban schaute nicht um und in dem Vater stieg plötzlich wieder der ganze Zorn auf, das; dieser Sohn, wie Spitzgäbelc erzählte, ibn verhöhnt und verspottet habe und hinterrücks sein Possenspicl mit ihm trieb. Darum faßte er 60 jetzt den Vorsatz, mitten maller Unrube, während jetzt die ganze Welt aus Rand und Band ging, in seinem Hause den Meister zu zeigen. Wie er jetzt die Zügel fest anhiclt und auf die Pferde loshicb, so mußte es auch im Hause sein: die Zügel fest in der Hand und dann drauf losgehauen, bäumt euch, schnaubt und schlagt aus wie ihr wollt, ihr seid fcstgebunden. Alban hatte den Pflug draußen im Felde inmitten der Furche liegen lasse», um ihn morgenden Tages wieder auszunehmen; wohlgemut!) das Schlcswig-Holstein-Lied pfeifend war er mit den ledigen Thiercn zurückgekehrt, als er plötzlich mitten im Pfeifen abbrach, er sah von ferne den Vater mit Vinzenz dahcrkommen; sie fuhren müßig in der Welt umher und thatcn sich gütlich, sie waren die Herren, während er daheim sich als Knecht abarbeiten mußte. War er der Knecht und nicht der erste im Erbgang? War er nicht der künftige Hofbauer und hatte er nicht aus übermäßiger Nachgiebigkeit sich dem Schimpf blosgestellt von der Eichbäucrin abgcwiesen zu werden? Nicht eine Handbreit von seinem Rechte wollte er künftighin preisgebcn, und jetzt da der Vater ihm nahe war, drückte er dic Thiere an den Zaun und stellte sich neben sie, damit das Gefährte bequem vorbei könne. Er rief den Ankommenden keinen Gruß zu, und als der Vater neben ihm war, knallte er mit der Peitsche hart an seinem Ohr und höhnte dabei: „Das ist ein Gruß von Spitzgäbcle." Alban hatte nicht Zeit auf diesen Zuruf etwas zu crwicdern, denn im raschen Trabe fuhr jetzt auf der Hochebene das Gefährte dahin und langsam vor sich hin knirschend trieb Alban die Thiere in den Hof. Beim Abendessen that er als ob nichts vorgefallcn wäre, nach demselben aber blieb er in der Stube und harrte eine Weile, daß der Vater zu reden anfangen werde. Als dies; aber nicht geschah fragte er geradezu: „Was hat denn der Lump, der Spitzgäbcle von mir gesagt?" „Weil du ihn so heißst, ist Alles wahr", entgegnetc der Vater und erzählte nun mit beißendem Spott und mit einer Zuthat 61 des Ingrimms, wie sehr ihn Alban verhöhnt habe nnd wie er überhaupt hinterrücks sich als Bauer gcberde und alle Maßnahmen des Vaters verhöhne. Vinzenz, der dabei in der Stube war und seine Saat aufgehen sah, setzte sich auf die Ofenbank und spielte mit seinem Lieblingshunde, dem Greif, den er sich angeschafft hatte und der fast ausschließlich nur ihn, gehorchte. Der Vater hatte heute wieder seine „Flözerstimme" wie sie die Mutter bei sich nannte. Sie wußte zwar schon längst, daß er jedesmal wenn er vom Kornmarkte heimkam lauter sprach: er behielt den Ton noch bei, den er dort unter dem Lärm gebrauchte, aber beute war's doch übermäßig. Sie winkte ihm mit den Augen, ja sie erhob beide Hände flach in der Luft zu begütigenden Zeichen, aber cs half nichts. Der Vater erklärte weiter, daß Alban ganz anders werden müsse, ganz anders, wenn Friede im Hause sein solle. Als Alban hierauf cntgegnete, daß er nicht wisse, worin er sich ändern solle, er sei gehorsam, fleißig und ehrerbietig, wie viele seinesgleichen jetzt nicht wären, da schlug der Vater auf den Tisch und schrie zornig: „Was deinesgleichen? Was weißt du wer du bist? Mein Knecht bist du wenn ich will, und ich wills. Ja, es bleibt dabei, du suchst dir einen andern Hof, denn den kriegt der Vinzenz. Still sag ich! Was deinesgleichen? Meinst du weil andere Väter jetzt sich von ihren Buben übcr's Ohr hauen lassen, meinst ich leid's auch? Ich bin Herr und Meister, und mit dir mach ich was ich will und mit meinem Hof mach ich was ich will." „Das könnet Ihr nicht", rief Alban fest auftrctend „der Hof gehört im Erbgang mir, eS wird sich zeigen, ob Ihr mir ihn nehmen könnt!" „Was wird sich zeigen? Ich bin noch über dich'naus studirt. Tu meinst weil du herrclcn*) kannst, du seist was? Nichts bist. Ja, reib nur deinen Bocksbart. Wenn du nicht augenblicklich mick, um Verzeihung bittest und mir versprichst, mir in Allem zu fol- Hcrrelcn - den vornehmen Mann spielen. gen, ohne Widerrede, da kannst mein' Hand auch noch in deinem Gesicht spüren." Die Mutter und Amcile suchten den heftig Erregten zu beruhigen, auch Vinzenz trat auf den Vater zu und sagte: „Ich bitt Euch, haltet nur jetzt Friede. Wir werden uns als Brüder vergleichen." „Du willst mir auch dreinredcn? Wer bist denn du? Naus sag ich, oder ihr habt die Wahl ob ihr zu der Thür' oder zum Fenster 'nauswollet; 'naus alle beide, ihr dürfet mir nicht mehr vor die Augen bis ich euch ruf." Er ris; die Thüre auf und schob zuerst Vinzenz hinaus, der nur geringen Widerstand leistete, als er aber auch Alban anfasscn wollte, streifte dieser die Hand rasch ab und sagte in scharfem bestimmtem Tone: „Vater, rühret mich nicht an. Ich geh allein, ich geh von selber, und da schwör' ich's: nie, nie mehr komm' ich daher vor Eure Augen, wenn Ihr mich nicht selber darum bittet." Er nahm seinen breitkrämpigen grauen Hut vom Ofen- stängele und ging hinaus. Drinnen in der Stube hörte man noch Schelten zwischen Mann und Frau und dann lautes Weinen, das erst aufhörte, als die Thüre zugeschlagen und dann noch einmal mit dem Fuß darauf getreten wurde. Am Röhrbrunnen stand Alban mit seinem Bruder und dieser sagte: „Alban, ich bin oft neidisch ans dich gewesen, aber jetzt mein' ich's gut. Du wirst sehen, ich werd' dir Alles geben, was recht ist." „Ich brauch nichts von dir, du eher von mir." „Sei jetzt nicht bös, ich kann nichts dafür. Sieh da, sieh her, siehst das da?" „Ja, dein blindes Ang'." „Und weißt wovon das ist?" „Wie du vom Wagen gefallen bist. Was geht mich das jetzt an?" „Es geht dich an. Zum crstcnmale in meinem Leben sag ich das, ich hab's noch nie über- meinen Mund bracht, aber jetzt, 63 jetzt muß es 'raus. Ich bin nicht dem Wagen gefallen. Der Vater hat mir im Zorn das Aug ausgeschlagcn." Alban faßte zitternd die beiden Hände seines Bruders. „Ja/' fuhr Vinzenz fort, cs weiß cs sonst kein Mensch als er und ich, du bist der erste, und ich Hab ihm einen Eid geschworen, cs Niemand zu sagen, aber ich muß ihn jetzt brechen. Und weil mir der Vater das than hat, hat er mir den Hof versprochen und das Abendmahl drauf genommen." Alban stand stille neben dem Bruder. Man hörte lange nichts als das Rauschen des Brunnens und ein sanftes Flüstern des Hollundcrbaumes. Plötzlich raffte sich Alban zusammen, reichte dem Bruder die Hand und sagte: „Behüt' dich Gott. Ich geh fort." „Wohin?" „Ich weiß selbst nicht." „Bleib lieber da und geh nur nicht unter die Freischärler. Man sagt, sie sammeln sich jetzt im Thal, und in der Stadt hat's auch geheißen, du seist schon dabei, und deßwegcn ist der Vater auch so bös gewesen." „So?" rief Alban gedehnt, rückte den Hut fester in die Stirne und reckte sich mit allen Gliedern, „hauset mit einander wie ihr wollet. Trifft mich ein' Kugel, ist mir's recht, und komm ich wieder, wollen wir schon abrechncn." Ohne nochmals die Hand zu reichen, rannte er zum Thore hinaus und den Berg hinab; die Augen brannten ihm und es war ihm als fühlte er an sich den gräßlichen Jähzorn des Vaters, der sein eigenes Kind fast blendete. Als er auf der Landstraße war, übcrkam ihn ans einmal mitten im Jammer ein frohes Gefühl, er war nun frei, frei von der ganzen Welt. Wie oft hatte ihm schon der Ruf nach Freiheit das Herz erfüllt, jetzt endlich konnte er ihm Folge leisten, er durfte für sich handeln und brauchte nicht zu fragen, ob dies der Vater genehm finde z cs war recht, daß er verstoßen war, er hatte zu lange sein eigenes Herz unterdrückt, jetzt war er frei. Er streckte die Arme empor und war bereit zu sterben, damit die ganze Welt frei und glücklich sei. Nasche» Laufes schritt er dahin, nur einmal stand er still, denn ihn hemmte der Gedanke, ob nicht Vinzenz in ausgefeimtcr Falschheit ihm diesen Weg gezeigt hatte und ihn scheinbar abhielt um ihn so sicherer drauf zu lenken und seiner entledigt zu werden. Er konnte an solche Bosheit des Menschen nicht glauben. Und war cs nicht sein Bruder? Und zitterte nicht seine Stimme so kläglich, als er die grause That des Vaters erzählte? Mit neuem Muthe schritt Alban dahin. Da begegnete ihm ein Wagen, er kannte den Tritt der Pferde, das Rollen des Wagens und das eigcnthümliche Peitschenknallen des Dominik. Er hatte sich nicht getäuscht, Dominik kam mit dem Fruchtwagcn. „Wohin noch?" fragte Dominik erstaunt. „Gen Ncichenbach." „Bleib heut davon, die Freischärler sind dort, ein paar hundert Mann, der Lenz von Röthhausen führt sic an. Ich Hab auch deinen Namen nennen hören." „So? Da komm ich gewiß," entgegneteAlban und erzählte nun alles Vorgegangcne. Alban war erstaunt, als Dominik ohne große Theilnahme sagte: „Ich weiß schon lang, du bist doch auch kein rechter Freisinniger. Hättest du den Hof allein bekommen, es war dir nicht eingefallen, daß deine Geschwister durch das alte Herkommen verkürzt werden, du wärst halt ein großer Hofbauer wie andere, wenn auch ein bislc gutmüthiger. „Das verstehst du nicht," entgegnete Alban zornig. „Freilich, ich bin nur als armer Knecht ausgewachsen. Was kann so einer wissen." Alban stand betroffen, aber er wollte jetzt von nichts anderem wißen und ging fast zornig davon. Er hatte Dominik um ein Darleihen bitten wollen, aber jetzt that er ihm diesen Gefallen nicht. In Reichenbach wurde Alban mit großem Jubel bewillkommt. Es klärte sich jetzt Alles ans. Der Lenz hatte dem Alban schon am Morgen einen Boten geschickt, der Bote hatte die Weisung angenommen, war aber wahrscheinlich nach einer andern Gegend 65 entfloben, weil er sich vor der Verantwortlichkeit fürchtete. Mitten im Sturm war Alban für sich plötzlich hoch erfreut. So war es also nicht Lüge und Falschheit von Vinzenz, das; man in der Stadt gesagt hatte, er sei bereits unter den Freischärlern, er bat dem Bruder in Gedanken jeden Zorn ab, den er gegen ihn gehegt hatte. . . Der Pflug im Kugelbcrgcr Felde blieb lange unberührt liegen. Monatelang hörte man nichts von Alban, bis auf den Furchenhof plötzlich die Nachricht kam, der Alban habe sich eine Zeitlang beim Hirzenbauer in Nellingen aufgehaltcn und diene jetzt als Knecht auf dem Sabelsbergischen Gute in Neichcnbach. Die Mutter eilte zu ihm, um ihn nach Haus zu bringen, aber er ging nicht und bcharrtc auf seinem Eide, der Vater müsse ihn holen. Es war unerhört, das; der Sohn des Furchenbaucrn bei dessen Lebzeiten Knecht sein, an der Schwelle des väterlichen Hofes fremden Leuten dienen sollte. Alban war unnachgiebig, als auch Ameile und Dominik nach einander zu ihm kamen, er wiederholte Beiden : er wolle dem Vater zeigen, das; er Knecht sein könne, aber nur bei fremden Leuten, nicht auf dem väterlichen Hofe, dazu werde er sich nie verstehen; der Vater, der ja für seine Nachkommen sorgen wolle, könne jetzt bei Lebzeiten au ihm sehen, wie cs ihnen einst ergehe. Es war ein strenger Befehl des Vaters, das; in seinem Beisein Niemand von Alban reden durfte, auch die Mutter nicht; ja sie hatte es so weit gebracht, selbst ihren Gedanken zu wehren, daß sie zu ihm hingingen. Ueber ihre Träume aber hatte sie keine Macht. . . . Auerbach'- Torfg. 4. Db. 5 66 Ein Sohn nnd ein Knecht. In dieser Nacht, in rer wir jetzt den Hof betreten haben, erwachte die Mntter plötzlich und rief laut den Namen Manch von dem sie seit länger als einem Jahre ihre Lippen entwöhnen mußte. Sie horchte still, ob ihr Mann nichts gehört habe, der aber schlief ruhig. Die ganze Welt war wieder in ihr altes Geleise zurückgekchrt, die gerade gestreckten Sensen waren wieder umgebogen und einzelne, bei denen sich das nicht mehr thnn ließ, waren zum alten Eisen geworfen, die Gemeinden, die auf allgemeine Kosten Waffen angcschasft, hatten diese wieder verkauft und nur hier und dort sah man noch einen einzelnen Heckerhut mit schlaffer Krempe, der allmälig zertragen wurde. Die Jahre der Bewegung, die auch in der entlegensten Hütte eine Erschütterung hervorgcbracht, schienen jetzt vergessen wie ein Traum. Auf dein Furchenhofe war auch Alles wieder wie ehedem, ja der Furchenbauer war wieder einer der Liberalen, die man freilich jetzt anders nannte, denn bei der Einführung der Geschwornengerichte hatte man ihn, der doch auf der Liste der Höchstbcstcuertcn stand, wegen seiner ehemaligen Gesinnung nicht zum Geschwornen ernannt und weit Geringere aus der Gemeinde waren dazu berufen. Alles war wieder ins alte Geleise zurückgekehrt, nur mit Alban war dieß nicht der Fall. Trotz aller Ruhe und gewohnten Ordnung, die auf dem Furchcnhofe herrschte, war es doch immer als fehlte etwas und könnte eine plötzlich eintrctende Erscheinung Alles ändern. Das ganze Leben, das sonst so stetig erschien wie das Wachsen von Baum und Pflanze, hatte jetzt etwas Einstweiliges, morgen rundum zu Verkehrendes. Die Dicnstleute standen oft bei einander und plauderten und wenn der Meister zu ihnen trat, verstummte plötzlich das Gespräch; es hatte gewiß wieder von Alban gehandelt und wie der mit dem Meister entzweit sei, weil er die Eichbäucrin abgewiesen habe und lieber des Nagclschmieds Vreni heirathe, und darin geben sie ihm gewiß alle Recht, denn jeder Knecht und jede Magd fühlte sich damit erhoben, daß eines 67 ihresgleichen zu hohen Ehren kommen sollte. Der alte Furchcn- baucr schien sich seit dem Streit mit seinem Alban verjüngt zu haben, er stand Allem vor wie der jüngste Mann; nur die Bäuerin merkte oft an seinem stillen Brüten, das; ihm etwas im Ge- müthc saß, das er nicht verwinden konnte: sie durfte aber nicht davon sprechen, denn er wurde immer bcftig gegen sic und verbot ihr zuleht, je vor ihm den Namen Albans zn nennen. Nur Einmal und das vor wenigen Wochen sprach er selbst von ihm und mit einer gewissen verhaltenen Freude. Er erzählte, wie ihm der Rcntamtmann im Vertrauen mitgetheilt habe, Alban habe sich eigentlich nicht als Knecht verdingt und nicht nur ausdrücklich bedungen, daß er von Woche zn Woche austretcn könne, sondern auch seinen Genossen erklärt, er diene nur hier, um die höhere Ackcrwirthschaft noch besser zu erlernen. Dieser Stolz Albans, der zugleich die Ehre seines Vaters wahrte, gefiel diesem; er widersprach nicht als die Mutter hinzusetzte, der Alban gleiche ganz ihrem eigenen Vater, der habe auch so was Adeliges gehabt, darum habe man ihn auch spottweise den Schmalzgrafen geheißen. Als die Mutter aber weitergehen und eine Versöhnung daran knüpfen wollte, wurde der Furchenbauer plötzlich wieder voll Ingrimm und betheucrte, daß das nie geschehe, bis Alban bittend vor ihn hintrete. Sprach der alte Furchcnbaucr nur äußerst selten mit seiner Frau von Alban, so that er dieß um so öfter mit Dominik. Dieser wareine treue Stütze des Hauses, und wenngleich nur Knecht doch wohl angesehen. Der Bauer wußte, that aber als ob er nichts davon gemerkt habe, daß ihn die Mutter schon mehrmals zu Alban geschickt hatte; er suchte daher von ihm zu erfahren, was denn eigentlich Alban vorhabe, aber Dominik war behutsam und klug und gab nur knappe Antworten. Der Vater, der seinen; Sohne keine unmittelbare Nachricht gab, wollte doch wie man sagt seine Meinung auf die Post geben; er that als ob eres nur Dominik mittheilte, daß er den Hof dießmal höher schätzen laste als cs von Alters her bräuchlich sei, damit die abgcfunde- ncn Kinder auch ein Erkleckliches hätten, daß er aber Alban ganz 5 * 68 enterbt, wenn er nicht von des Nagclschinieds Vrcni lasse. Dominik hörte das rnhig an und crwicderte in der Regel nichts, mir manchmal fragte er geradezu, ob er das Gehörte dem Alban im Namen des Vaters mitthcilcn solle, was der Furchcnbaucr strenge verneinte; er durfte sich weder vor seinem Sohne noch vor dem Knechte eine Blöße geben. Das gesetzte Benehmen des Dominik machte auf den Fur- chenbaner einen bedeutsamen Eindruck. Er ehrte den Dominik damit, daß er ihn mehrmals geradezu fragte, ob er denn nicht Recht habe, ob denn ein Vater nicht schalten und walten dürfe wie er wolle, ob sich ein Kind dagegen anflehncn dürfe und ob nicht Kindeskinder dem danken müssen, der die Größe und die Ehre der Familie fest gewahrt habe. Aber auch hierauf gab Dominik nur wenig entsprechende Antworten, er sprach davon, daß der kindliche Gehorsam, aber auch daß der Friede über Alles gehe, lehnte indes; jede Sclbstcntschcidung ab, mit dem Bedeuten, daß er diese Sachen nicht verstehe. Der Bauer war mehrmals versucht, den Dominik für dumm zu halten, aber ans einzelnen Worten entnahm er doch wieder wie klug er war, hatte er ja einmal geäußert: „Es ist wahrscheinlich dumm was ich sag, aber ich weiß nicht, der Pfarrer sagt doch immer, Gott allein sei die Vorsehung und ich weiß jetzt nicht: wollet Ihr nicht mit dem was Ihr vorhabet, wie man bei uns in Nellingen sagt, in Gottes Kanzlei steigen und Vorsehung spielen? Kann man da nicht auch zu viel thun und muß man nicht unscrm Herrgott die Hauptfach überlasten, was er für künftige Zeiten vorhat?" „Du bist gar nicht so dumm, gar nicht, aber du verstehst die Sach nicht", hatte darauf der Bauer erwiedcrt und Dominik war mit dieser Antwort" mehr als zufrieden und blieb doppelt bestärkt bei seinem gehaltenen Benehmen. Er mischte sich trotz aller geheimen und offenen Aufforderungen nicht eigentlich in die Sache, er verdarb cs weder mit dem Bauer noch mit Alban, wenn dieser einst doch den Hof bekäme, und solche weise Zurückhaltung eines Dienstboten verfehlte nicht, dem Bauer einen ge- 69 wissen nachhaltigen Respekt abzunöthigen. Minder war dies bei Alban der Fall, denn als ihn Dominik einst im Aufträge der Mutter besuchte, hatte dieser einmal gesagt: „Ich bin auch ein Häuslerskind, mein Großvater war auch ein reicher Baucrusohn, dcnmannebenausgesetzthat. Man muß sich drein finden . . . Als jetzt die Furchenbäuerin in der Nacht erwachte und hörte, wie der Dominik das Schwärzte aus dem Stalle zog, däuchtc es ihr eine Ahnung, daß sie erwacht war; jetzt zog ja ihre Botschaft zu ihrem Alban, denn sie hoffte, daß Dominik dem Willen des Bauern ungetreu über Ncichenbach fahren werde. Ein nächtiger Gang bis daß cs tagt. Der Kühbub hatte Dominik zur Zeit geweckt und Dominik war bald zur Abfahrt bereit, er war aber entschlossen, mindestens auf dem Hinwege dem ausdrücklichen Befehle des Bauern zu gehorchen; wenn er ihm zuwidcrhandclte, wollte er es lieber zu eigenem Nutzen thun und eine halbe Stunde ab des Wegs zu seiner Mutter nach Nellingen gehen. Er war noch nicht mit sich einig, ob er das thun werde, als er von der Landstraße ab den Waldweg Anschlag. Das Schwärzle brummte vor sich hin als man in den mächtig säuselnden Wald cintrat, wo die dunklen Wipfel rauschten, obgleich man keinen Wind verspürte; es stand oft still und nur den freundlichen Ermahnungen oder auch dem Schelten des Dominik folgte es und schritt fürbaß. Die Gelehrten haben vielleicht nicht unrecht, daß sie den Hcnnenweg eigentlich Hünenweg nennen, ungeheuerlich genug ist er und die Fclsblöcke und seltsamen Erdwälle, die hüben und drüben sind, können wohl für Hünengräber gelten, die Volksmeinung aber bleibt dabei, der Weg gleiche einer Hühncrsteige und darum heißt er der Hennenweg. Das Schwärzle, einmal im frischen Lauf, konnte klettern wie eine Ziege und das war natürlich; das Schwärzle war von echter Schwyzerrasse, die Mutter war unmittelbar aus dem Appenzell gekommen und unter der Obhut des Dominik war das Schwärzle ausgewachsen und so gediehen, daß ihm der Preis nicht fehlen konnte. Wie ein Hund seinem Herrn, folgte das Schwärzle dem Dominik, und erst als man auf der Anhöhe war, hielten beide an, Dominik stopfte sich eine Pfeife und das Schwärzle fand in der Nacht ein thaufeuchtes Maulvoll Gras am Wege, das war für den Hunger und für den Durst. „Vorwärts in Gottes Namen" sagte jetzt Dominik und mit einem schnell erhaschten Vorrath für den Weg folgte das Schwärzle. Dominik fürchtete keine Gespenster noch lauernde UebclthLter, aber der Ruf, den er vorhin gethan, erlöste ihn doch von einem gewitzen Gefühl der bangen 'Einsamkeit und dabei schlug er sich an die Hüfte und überzeugte sich, das; sein im Hirschhorngriffc feststehendes Messer dort sicher ruhte. Der Meister hatte Recht, der Weg war von jetzt an bequem und lind, er zog sich auf einem Walddurchschlag hin, auf dem bis zum Jahre 48 die gräflich Sabelsbcrgischcn Schafe weideten, das Gras war jetzt in die Höhe geschossen, denn der Furchenbauer hatte sich nicht entschließen lvnnen, nach dem Rathe Albans selber Schafe einzuthun und eine mehrmalige Ausschreibung der Schafweidevcrpachtung hatte bis jetzt zu keinem Erfolge geführt. Dominik dachte in sich hinein, wie manches Erträgnis; doch auch auf solch einem großen Bauernhöfe verloren gehe, er dachte, wie es einem rechtschaffenen Knechte zukommt, zunächst an den Vortheil seines Meisters, dann aber auch an sich selber; er verstand die Schäferei, und hätte er nicht sein ganzes Geld an Alban verliehen gehabt, er hätte sich selber Schafe eingethan und den Weidgang gepachtet. Es giebt ja hier zu Lande viele Eigcnthümer von Schafheerdcn, die keinen Grundbesitz haben. Dominik war in die Jahre getreten, wo er allzeit ausschaute nach einem selbständigen Anwesen und sei cs auch noch so klein. Er gedachte jetzt, wie Manches von einem großen Hose doch noch ganz anders ausgcnutzt würde, wenn es in fleißige Hand gegeben wäre, die nur das allein hätte. Immer kam Dominik wieder auf die Ueberlegung zurück, wie es einem noch so Fleißigen hier zu Lande nicht möglich sei, etwas vor sich zu bringen. Drüben im Gäu, wo cs wenig geschlossene Enter giebt. die nicht auf ewige Zeiten in Einer Hand bleiben, da ist es einem sparsamen Knecht, der von Hans aus nichts hat, doch möglich, mit der Zeit ein gut Stück Feld zu erwerben, er heirathet noch etwas dazu und wenn die Gemeinde siebt, daß das junge Paar fleißig und sparsam, läßt sie ihm bei einem schicklichen Kauf die Vorhand und nach und nach zahlt man jedes Jahr ein Ziel ab und hat mit der Zeit ein schönes Baucrngütlc und die Aecker sind alle das Doppelte werth. Hier zu Land aber ist Grund und Boden in fester Hand und es bleibt nichts als Häusler werden und wie der Spatz auf dem Dach leben. Das aber wollte Dominik nicht, lieber ledig sterben; er hatte im elterlichen Hanse zu bitter erfahren, welch ein elendes Leben das ist. An einer starken Lichtung, die jetzt am Wege war, erkannte Dominik den Grenzstein vom Gute seines Herrn. Wer wird doch noch Recht behalten? Alban oder der Vater? Wer weiß, es kann noch bös werden, zwei harte Mühlsteine mahlen nicht gut, sagt das Sprüchwort. Es raschelte etwas im Walde, das allgemein bewaffnete Jahr muh doch noch nicht alles Wild weggepirscht haben, das Schwärzle brummte leise und drängte sich näher an Dominik. Een Morgen zeigte sich allmälig ein lichteres Grau, die Nebel senkten sich, das Schwärzle begrüßte den jungen Tag durch lautes Schreien. Ein Nabe hockt noch verschlafen auf einem Banmast, er hat den Kopf unter den Flügeln, jetzt erwacht er, schüttelt sträubend sein Gefieder, öffnet den Schnabel wie gähnend und fliegt krächzend Waldaus. Ein enges grünes Thal thut sich auf, über den Waldbergcn jagen die Nebel in zerrissenen Wolken dahin, die Elstern schnattern und fliegen von Baum zu Baum, auf einem blätterlosen Kirschbaum klagt der Fink regenverkündend : cs gießt! es gießt! und hoch oben schwebt ein Raubvogel, es ist die Hühnerwcihe, sie stößt ihr jauchzendes Geschrei rms: Gujah! Gujah! Hähne krähen, Hühner gackern, der Taktschlag der Drescher tönt herauf, das ist das von Waldarbeitern bewohnte arme Dorf Klnrrenbühl, aber man sieht nichts davon, Alles ist in Nebel gehüllt, die Wälder tauchen daraus auf, eine heisereMorgcnglockc ertönt wieweit verloren, jetzt erscheinen die Häuser des Dorfes bis zur Dachfirste hell und darüber die Nebcl- wolkcn, von den Bäumen am Wege tropft es leise, die breiten Blätter des Kohls tragen schwere Tropfen, die manchmal in der Mitte des Blattes wie von einander angezogcn zusammenrinnen und je näher sie sich kommen, immer hastiger. Da und dort fällt ein einzelner Apfel schwer vom Baume. Dominik hatte für Alles Aug und Ohr, denn er wünschte sich doch einen Hellen Tag dafür, daß er und das Schwärzte an demselben gekrönt würde. Als er jetzt am ersten Hause unter dem Geläute der Glocke, die so armselig und wie bescheiden bittend ertönte, den Hut abzog, mischte sich in sein Gebet der Dank, daß er nicht dazu bestimmt sei, in einer Einöde wie dieses Dorf war, sieben Stunden hinterm Elend wie man sagt, sein Leben zu verbringen; er war auf dem Furcheuhof an Besseres gewöhnt. Lieber lebenslang Knecht auf dem Furchenhofe als Bürger in so einem armseligen Ncben- ausorte, sprach es in Dominik. Auf einem „abscheinigcn" Hauswesen bauern, wo einen die Schulden morgen wie der Wind wegblasen können — da ist Knecht sein bester, und doch, ein eigen Leben geht doch wieder über Alles. Im Dorfe zeigte sich schon frühes Leben, dort ging einer mit der Peitsche knallend, gleichsam sich und die Thicre erweckend, nach der Stallthürc, dort öffnet sich eine Stallthüre von innen und die Kühe schreien — der hat seinen Thieren schlecht über Nacht ausgestellt; ein Mann, der in dürftigem Kleide über die Straße ging, schaute den Dominik verwundert an und vergaß seinem freundlichen Gruße zu danken. Wer weiß, mit welchen bösen oder traurigen Gedanken der seinen Tag anfängt. Auf einen Ehrenpreis hofft der wenigstens heute nicht. Diese Aussicht, die gestern den Dominik noch grimmig machte, ward ihm jetzt im frischen Morgen zu einer lichten Freude; er fühlte sich so lustig wie seit lange nicht und etwas anderes konnte cs doch nicht sein. Mit frischer Kraft wandelte er, das Schwärzte am Seile führend, dahin, und selbst das wohlbekannte Thier erschien ihm jetzt so schön wie noch nie. Wie prächtig schwarz war die Farbe, die durch einen kaum merklich lichteren Streif auf dem Rücken noch gehoben war; nur wenig. überbaut, wie war cs so fest und doch sein, der Kopf mit den weißen Hörner», dem weißen Maul und den Hellen Haarbüscheln in den Ohren — wie verständig sah das Thier aus. Es mag wol von dem ehemaligen Hirtenlcbcn des Dominik berkommen, daß er nie ein rechtes Auge für die Schönheiten des Pferdes hatte, um so mehr aber für die des Rindviehs, und er erquickte sich wahrhaft daran. „Du verdienst auch den Preis", sagte Dominik fast laut, dem Thiere auf den Bug klatschend „friß jeßt nicht, du kriegst was besseres, ich vergeß dich nicht wenn ich was zu mir nehm." Das Schwärzte schien aber eine Vertröstung auf die Zukunft nicht zu verstehen, cs bog den Kopf noch mehrmals nach dem Gras am Wege und Dominik mußte es kurz halten. Auf den Wiesen wurde es nun lebhaft. Die Kühe, die den ganzen Sommer im Stalle gehalten wurden, sprangen jetzt auf der Weide lustig klingend hin und her und die Hütenden rannten hin und wieder, knallten und jodelten und sangen bei dem Feuer, in dem sie ihre Kartoffeln brieten. Dominik gedachte, wie auch er einst ein armer Hirtenbub war und jetzt hatte er's doch so weit gebracht. Dieses stete unter sich Schauen, dieses beständige Erwägen was er einst gewesen und wie weit er's gebracht, machte ihn weniger kühn und muthig und mehr bescheiden und dcmüthig als es eigentlich seine Natur mit sich brachte. Jetzt sang ein Hirtenbub dasselbe Lied, das Amcile gestern ihm nachgesungcn und das Antlitz des Dominik erleuchtete plötzlich in Freude. Jetzt wußte er's, nicht der Ehrenpreis war cs, der ihn so innerlichst fröhlich machte, das Lied lag ihm im Sinn und weiterschreitend sang er: „Schätzest Engest „Laß mi e wcngele" „Schätzest wasele?" „Nur mit dir basele." Das Lied verließ ihn ans dem ganzen Wege nicht mehr und hob seine Schritte und lachte ihn aus mit all seinem Denken und gab ihm auf Alles Antwort. Ich bin neun Jahre älter als das Ameile — das ist ja kein Fehler, das ist ja grad recht. . . Das Amcile ist ein anvertrautes Ent von meinem Herrn, ich darf nicht falsch damit gegen ihn sein — er muß dir noch Dank sagen, das; du ihm so einen rechten Tochtermann giebst. Was fehlt dir denn zu einem rechten Bauer als Geld und Gut? Und das hat sie. . . Ich mag mich nicht so hoch versteigert, ich plumps sonst so arg 'runter — das ist Feigheit von dir und du wirst's bereuen, wenn's zu spät ist. — Es war merkwürdig, wie sich in Dominik alles Red und Antwort gab, als wären zwei Seelen in ihm, und das war wol auch, dem; er trug Ameile im Herzen. Schon vor elf Jahren, als der Hirzenbauer von Nellingen, der Klcin- Rottcck genannt, dem Dominik den Dienst aus dem Furchenhos verschaffte, schon damals gewann der hochaufgeschossene Bub das kleine Kind besonders lieb. Amcile stand am ersten Abend an dein Brunnen und schaute Dominik zu, der sich die Hände wusch, das Kind aß von einem großen Apfel, den es mit beiden Händen hielt, cs mochte den zutraulichen Blick des Dominik, der nach ihm umschaute, wol anders deuten, denn cs trat ans ihn zu, streckte ihm den Apfel entgegen und sagte: „Beiß auch ab." Dominik war selber noch kindisch genug, um mit diesem Anerbieten so weit Ernst zu machen, daß das Kind eine Weile verblüfft ans seinen so sehr verminderten Apfel sah, dann aber doch wieder gegen Dominik lachte. Von jenem Abend an hatte Dominik eine besondere Liebe zu dem Kinde und suchte ihm auf jede Weise Freude zu machen. Im Winter trug er es oft den größten Theil des Weges auf seinen Armen nach der eine Stunde weit entfernten Schule, und wenn Schncebahn war, führte er cs ans einen; Handschlitten. Als Dominik Soldat werden mußte und nach halbjährigem Verweilen in der Garnison Widder in seinen alten Dienst zurückkehrte, gewahrte er plötzlich, daß das Kind eine Jungfrau zu werden begann. Der Abstand ihrer Lcbensverhältnisse wurde ihm immer klarer und selbst in die Herzen voll Einfalt finden oft verschlungene, sich selbst verhüllende Gedanken ihren Weg. Dominik war jung genug, daß ihm die unverkennbare Liebe Ameile's die tiefste Seele erquickte, er lächelte oft still vor sich hi», aber wenn er Ameile begegnete, ihr etwas zu bringen ober zu sagen hatte, machte er immer ein finsteres ja fast zorniges Gesicht und war wortkarg, er bangte vor dieser Liebe, die ihm nur Unglück bringen konnte, er wollte sie bezwingen, aber es gelang ihm nicht. Da fand sich eine glückliche Anshülfc: nicht um seinetwillen, sondern um Ameile mußte er jede Neigung ansrcißcn nnd zerstören, das gute harmlose Kind, das durfte nicht ins Elend kommen, cs mußte behütet und beschirmt werden. Dominik erschien sich groß in dieser Entsagung um der Geliebten willen, die ihm jetzt zu gelingen schien; er war nun auch oftmals freundlicher gegen Ameile, nur um ihr zu zeigen, wie gut cr's mit ihr meine und bald schien es wieder, daß sie von Allem nichts wisse, sie war allezeit gleich fröhlich und behend, lustig wie ein Vogel auf dem Zweige. Dominik bäuchte es, daß er sich getäuscht habe; erhalte mit Schmerzen und Kämpfen eine Liebe ausgerottct, die gar nicht da war, und so seltsam ist das Mcnschenherz; statt daß Dominik sich dabei beruhigte und zufrieden war, daß Alles sich fügte, wie er wünschen mußte, wollte er jetzt mindestens eine Erkenntlichkeit für seine Aufopferung und er sagte cs einst Ameile was er für sie gethan. Amcile stand dabei betroffen und redete kein Wort. Wochen lang wenn sie ihm begegnete sah sic ihn kaum an und huschte vorbei, als fliehe sie vor ihm. Hatte Dominik erst geweckt was er tödten wollte? Es schien nicht der Fall. Einst als sie ihm nicht mehr auswcichen konnte und er sie fragte warum sie so trotzig gegen ihn sei, sagte sie mit keckem Antlitze lächelnd: „Es hat einmal einer einen Bärenpelz verkauft che er den Bär geschossen hat." „Wie? Was meinst?" „Es hat einmal einer ein Mädle aufgebcn, bevor er's gehabt hat. So ist's." Der Mädchenstolz schien beleidigt, daß eine Liebe preisgegeben wurde, um die noch gar nicht geworben war. Wollte sie ihn zurückweisen, wenn dies; vollbracht war? Amcile schien nun ein grausames Spiel mit Dominik zu treiben, sie ging allezeit trällernd und lächend umher und die Natur selber mußte ihr 76 belfen, denn sie wurde mit jedem Tage schöner und liebreizender. Wo sie nur konnte, hänselte sie den Dominik und die Mutter selber schalt sie oft darüber, der Vater aber hatte seine heimliche Freude an dem lustigen Kinde und seinen Scherzen und es war nicht uneben, als er einmal sagte: „Sie ist grad wie ein Kanarienvogel, je mehr Lärm und Untereinander im Haus ist, je lustiger ist sic, grad wie ein Kanarienvogel, der schlagt auch immer Heller, wcnn's recht toll hcrgeht in der Stub." Auch Dominik hatte nach dem anfänglichen Aerger seine Lust an dem Ueber- muthe Ameile's, es wäre ihm gar nicht lieb gewesen, wenn sie ihn nicht geneckt hätte, sie lachte und jauchzte dabei so grundmä- ßig: und daß sie grade immer mit ihm anheftelte, war kein böses Zeichen. Er gab sich nun selber manchmal zum Besten und gab Ameile oft Gelegenheit über ihn zu lachen. Auf dem einsamen Furchenhofe war eine Bewegung der Ge- müther wie sie sich nur selten aufthut, und in Stube und Stall und Scheune sagte man einander, daß es gewiß nirgends lustiger hergehe. Man wußte nichts und wollte nichts wißen, was denn eigentlich vorging und warum Jedes am Morgen so fröhlich ans dem Schlafe sich erhob, man fragte nicht danach und konnte es nicht sagen und das ist die beste aus innen guillende Freude. So viel aber wußte doch ein Jedes, daß Amcile der Mittelpunkt aller Lustbarkeit war. Selbst der alte Furchcnbauer, der eine gewisse finstere Miene nie ablcgte, konnte sich des Einflusses der „Blitz- Hexe" wie er Ameilc auch bisweilen nannte, nicht erwehren, und cs war doppelt zum Lachen, wenn man sah, welche Mühe er sich gab, bei den losen Streichen und Reden Ameile's seine ernste Miene zu bewahren, wie es aber innerlich zuckte und er am Ende doch nicht anders konnte, als laut auflachen. Oft an Winterabenden, wenn der Vater im Stüble saß und den Wäldcrboten stu- dirte, während Ameile mit dem Gesinde in der großen Stube spann und allerlei Kurzweil trieb, hörte man bei einer neckischen Rede Ameile's den Vater aus dem Stüble laut lachen. Als Dominik jetzt auf seinem Gange an diese Zeiten und besonders den sieben und vierziger Winter dachte, leuchtete die damals herrschende Heiterkeit wieder aus seinen, Antlitze. Als im Vorsrühling darauf Alban aus der Fremde heimkehrte trat plötzlich mit ihm ein anderer Geist ein. Ein Angehöriger und doch vielfach fremden Wesens war auf den Hof gekommen. Man hatte heiter und erfüllt gelebt in seiner Abwesenheit und cs war als ob jedes gewaltsam Raum schaffen müsse für das Gebaren des neuen Ankömmlings, der so zu sagen der zweite Meister war und alsbald überall Zugriff. Mit Ameile ging eine besondere Veränderung vor, sie betrachtete den Bruder oft mit staunender Verehrung und glühte vor Entzücken da ihr Alban stets mit etwas fremder und so zu sagen höflicher und doch wieder brüderlicher Zutraulichkeit begegnete. Bald nach der Ankunst Albans war auch jene Bewegung kund geworden, die so wunderbar die ganze Welt umstellte. Hand in Hand geleitete oft Ameile ihren schönen und so vornehmen Bruder hinab ins Thal zu den Wasfcnübungcn, sie blieb mit der Mutter in der Ferne am Käppcle stehen und sah ihm zu und ihr Herz lachte vor Freude. Hundertmal wünschte sie sich im Scherz und Ernst, auch ein Bursche zu sein und klagte, das; bei der neuen Welt gar nichts für die Mädchen herauskäme. Dominik war mit unter den Bewaffneten, aber er wußte, daß Amcile nicht für ihn auf der Anhöhe stand und unverwandten Blicks herabschaute: sie hatte nur ein Auge für ihren Alban. Dominik war innerlichst eifersüchtig auf diesen, aber er durfte sichs nicht merken lassen und bald hatte er keinen Grund mehr dazu. Die Hinneigung Albans zu Vreni ward sichtbar und Dominik schöpfte daraus neue, wenn auch keine bestimmte Hoffnung, aber die Wolt war ja jetzt eine andere, alle Menschen waren Brüder, und noch leichter als Alban die Vreni heimführt, konnte der Knecht des Bauern Tochter gewinnen. Ameile schloß sich fortan mit klugen, und gutem Herzen der Vreni an, sie konnte dem Bruder nicht bester ihre Liebe erweisen, und als einst in militärischer Weise Alban den Dominik Kamerad nannte, sagte Amcile: „Dem Dominik gönn' ichsam ehesten, daß er dein Kamerad ist." Dennoch war Ameile äußerst zurückhaltend, und wollte sich ihr Dominik nähern, hatte sie immer eine scherzende Abweisung. Als der Zerfall zwischen dem Vater und Alban cingetreten war, wurde Ameile oft still und in sich gekehrt und einmal sagte sie zu Dominik: „Es ist doch Recht, daß du mich schon lang aufgeben hast, dabei wollen wir auch bleiben." Fortan war es zwischen Dominik und Ameile als ob nie etwas zwischen ihnen vorgcgangen wäre. Ameilc, die ihren Bruder so sehr geliebt hatte, wurde wunderbarerweise bald wieder so heiter wie ehedem, sie war überzeugt, daß ihr Bruder unbedingt Unrecht habe und sprach das auch unvcrholen gegen den Vater aus! cs ging sie nichts an, was er für einen Streit mit dem Vater hatte, es war und blieb jedenfalls unverzeihlich, daß er die Sache aus dem Hause trug. Was im Hause vorgeht und besonders zwischen Vater und Kindern darf nicht über die Schwelle. Der Vater wurde nun noch besonders liebreich gegen Amcile, da er sie so reden hörte und er ging einmal so weit, daß er ihr sagte: „Du bist mein einzig Kind an dem ich Freud Hab." Dominik war wortkarg und ging still seiner Arbeit nach. Wenn ihn Ameile auch oft ermahnte: „Bös brauchen wir just nicht mit einander sein; wir dürfen doch mit einander lachen," Dominik ging nicht darauf ein. Ein stolzer Bauernbursche wie Alban, der kann es wagen, eine neue Regel für sich aufzustellen und keck über altgewohnte Schranken hinwegzusetzen, ein Knecht, der sich sein Leben lang fügen und ducken mußte und allzeit nach seiner Herkunft schaut, findet die erforderliche Spannkraft hierzu nicht. Es giebt Naturen, die die Abhängigkeit immer weicher und zaghafter macht. Das Vertrauen, das jetzt bei dem Zerfalle mit Alban der Furchenbaucr seinem Knechte schenkte, erweckte in diesem den alten Vorsatz, er wollte Amcile nicht ins Unglück stürzen und dem Vater nicht neuen Kummer bereiten. Darum hatte er noch gestern beim Acpfelschütteln, so herb gegen Amcile gethan und am Abend am Brunnen sich zu we- 79 nigcn Worten herbeigclassen. Jcßt aber allein aus dem Wege sang sie ihm allezeit ins Ohr: „Schätzcle Engcle." In Iettingen, wo Dominik das Schwärzte cinstellte, das; es sich an Futter und Ruhe erhole, gönnte er sich selber keine Rast. Er eilte eine halbe Stunde ab des Weges zu seiner Mutter nach Nellingen, er hatte sich nicht darüber berathcn und sich nicht dazu entschlossen, es trieb ihn unwiderstehlich fort. Im armseligen väterlichen Hause, das nun der ältere Bruder besaß, traf er die Mutter nicht; sie war, wie die hcimgebliebenen Vrudcrskinder sagte», beim Kartoffelausthun auf dem Felde des Hirzcnbaucrn. Dominik kannte das Feld und eilte dorthin. Auf dem Wege schlug ihm das Herz gewaltig, da er bedachte, wie grausam cs sei, das; die alte Frau noch tagköhnern müsse, er kam sich als schlechter Sohn vor, denn er überdachte, wie oft er sich gutthuc und seine Mutter vergesse. Im Hinausschrciten gelobte er sich, dies; fortan zu ändern. Die Mutter, eine lange dürre Gestalt, reichte ihrem Sohne die Hand und hob gleich wieder die Harke und wollte während des Harkens mit ihm weiter sprechen; der Sohn des Hirzenbauern, der den Dominik freundlich bcwillkommtc, sagte ihr aber, sic solle nur mit ihrem Sohne heimgehcn, sie solle doch ihren Taglohn erhalten. Dominik dankte und ging langsam neben der Mutter durch das Dorf hinein, die Wangen brannten ihm, denn er hatte Eile, er hatte gegen den ausdrücklichen Befehl seines Herrn diesen Abweg gemacht, aber er zwang sich doch zur Ruhe. Er hatte der Mutter nichts mitgebracht als den verheißenden Grus; den ihm Ameile mitgcgeben; sie bat ihn um Geld, er versprach ihr solches von Wcllcndingen zu schicken, und als eben der Hirzenbauer auf seinem Bcrnerwägclein am Hause vorüberfuhr, sagte er: „Ich schick Euch's mit dem, verlaßt Euch drauf, und ich komme bald wieder." Als Dominik schon die Thüre in der Hand hatte, fragte ihn noch die Mutter: „Jst's denn wahr, das; dir dein Bauer sein' einzige Tochter giebt?" „Wer hat das gesagt?" 80 „Ich Hab's gehört, die Leut reden davon. Mach nur, das; ich's noch erleb." „Da könnt Ihr lang leben bis dahin," schloß Dominik und machte sich eilig auf den Rückweg durch den Wald. Das Schwärzle brummte ihm entgegen als er in den Stall trat und ohne Säumen machte er sich nun mit ihm auf nach ihrem Ziel, Draußen vor Jettingcu fuhr der Hirzenbauer an ihm vorüber und winkte ihm zu, sich zu beeilen; Dominik glühte vor Erregung, cs war schon spät, er konnte die ganze Feierlichkeit versäumen und mit seinem Herrn hart Zusammentreffen; cs war unbegreiflich einfältig, daß er nach Nellingen gesprungen war, er hatte ja doch nichts mit seiner Mutter reden können und was sollte er auch? Das Schwärzle mußte in langsamem Gange erhalten werden, damit es nicht erhitzt und abgemattct ankäme, das hätte neuen gerechten Zank gegeben vor aller Welt, und heute sollte er ja wegen seiner treuen Dienste öffentlich gekrönt werden. Dominik wünschte sich Riesenkraft, damit er das Schwärzle tragen und mit ihm davon rennen könne; er hätte ihm gern geholfen, seine Schritte fördern, aber er konnte nichts thun als langsam neben ihm hergehcn. Dahin war nun all der fröhliche Muth, all das morgenfrische Leben der vergangenen Stunden, und oft fuhr er sich über die heiße Stirne, wenn er bedachte, was seine Mutter ihm gesagt und was die Leute redeten. Erst nach geraumer Weile, als aus einzelnen Gehöften Leute kamen, die gleich ihm ein Rind oder einen Stier zur Preisbewerbung nach Wellendingeu führten, beruhigte er sich und schalt sich innerlich über seinen »nnöthigen Jast; es war ja noch früb an der Zeit und in der That war er einer der ersten an dem Wirthshause zum Apostel in Wellendingeu. Festgefahren. Der Furchenbauer war noch nicht da. Heitern Sinnes war er am Morgen mit seiner Tochter ausgefahrcn. Er war festtäglich gekleidet, er trug seinen schwarzsammtnen, roth ausgcschla- genen kragenlosen Rock, dazu die rothe Weste mit silbernen Ku- gclknöpsen, den breiten schwarzen Hut mit nach hinten flatternden Band-Enden. Auch Anteile war im vollen Putze. Der safrangelbe hohe Strohhut mit schmaler nach vier Seiten eingebogencr Krampe, die schwarzen um das Kinn gebundenen breiten Sammetbändcr hoben noch die frischen Farben ihres runden Antlitzes, um den Hals war ein schwarzblaucs seidenes Tuch geschlungen, dessen rothe Endstreifen im Nacken flatterten und lange Zöpfe mit ein- geflochtcncn rothen Bändern hingen den Rücken hinab; der schwarz- sammtne „Schoben" (die Jacke) nach vorn geöffnet lies; die Sil- berkettchen auf dem rothen Mieder sehen und war nach einer glücklichen Neuerung bis auf die Hüfte verlängert, dazu die weiße Schürze, der schwarze Rock mit Scharlach- und Goldborden cin- gerändcrt so wie die rothen Strümpfe vollendeten den Festanzug. Die beiden Schweißfuchseu gingen ruhig, der alte Manu lenkte sic leicht und nur manchmal draußen vor den Dörfern überlieh er der darum bittenden Amcile das Lcitscil und Amcile schnalzte mit der Zunge und fuhr lustig. Auf dem allzeit finstern Antlitze des Bauern ruhte heute der Abglanz des Triumphes, daß vor aller Welt heute sein Knecht und sein Vieh mit dem Preise ausgezeichnet würde; der eigentliche Ruhm davon gehörte doch dem Herrn und Meister. Wäre nicht der geheime Kummer um Alban gewesen, indem Furchcnbauern Hütte lauter Freude und Wohlbehagen gelebt. Er gedachte jenes Tages, da er mit Sorge um seinen Fruchtwa- gcn diesen Weg gefahren war ; jetzt war die Welt wieder ruhig, und gehörte er auch nicht gerade ganz zu denen, die dem Recht geben der Recht behalten oder wie der Klcin-Rottcck von Nellingen sagt, dem andern zuvorgekommcn und ihn zuerst ins Loch gesteckt hat; unser Furchcnbauer dachte nicht mehr viel an solcherlei Tinge; die Hauptsache war auch ibm, daß man jetzt wieder die Erträgnisse des Ackers gut absetzt; im klebrigen mag die Welt regieren wer will und kann. Seit vielen Jahren war der Furchenbancr Mitglied des land- wirthschastlichcn Vereines; der alte, in diesem Bezirke ehedem so Auerbach'S Torfg. 4. Db. 6 sehr beliebte Obcramtmann Magarra, besten Lachen immer so mächtig war und lautete wie wenn ein Klafter Holz zusammenfällt, hatte den Fnrchenbauer zum Eintritte beredet und er blieb dabei, denn er sah den jährlichen Beitrag als eine Art Ehrensteuer an, der sich ein grosier Bauer nicht entziehen dürfe. Von all den vorgeschlagencn Verbesserungen in der Landwirthschaft, von den vielen empfohlenen Werkzeugen hatte sich der Furchenbauer nur wenige ungeeignet; er befand sich wohl bei seinem alten Verfahren und hatte nicht Lust Neues zu versuchen, das nicht nur fraglich sondern auch ihm fremd war und dadurch seine Meisterschaft berabsetzte. Eines aber hatte er gerne befolgt. Mehr ans Stolz als aus Einverständnis; mit der Sache hatte er seinen Alban in die neucrrichtete Ackerbanschule gegeben, und das hatte böse Frucht getragen: wenigstens wälzte der Vater die wesentliche Schuld auf dieses Verhältnis. Jetzt zeigte sich doch aus einmal ein strablendcr Erfolg und halb vor sich hin halb in sich hinein murmelte der Furchenbauer: „Die Leute werden alle sehen, wie gut cs meine eigenen Kinder bei mir haben, wenn cs mein Knecht so gut hat, wie sich öffentlich auswcist." Er schien dieser Rechtfertigung vor sich und der Welt zu bedürfen. Ameile, die diese Worte wohl börte, crwiedcrte nichts darauf und der Vater sah sie darob scharf an: er ärgerte sich aber nicht nur über das Schweigen des Kindes, sondern auch über seine eigene Redseligkeit; es war nicht wohlgethan und ganz gegen alle strenge Familienzucht, sich so vor dem Kinde auszulasten. Unmittelbar vor dem Dorfe Reichenbach wäre den Fahrenden beinabe ein Unglück gescheben. Alban kam gerade mit einem großen Düngerwagcn aus dem Dorfe heraus als der Furchen- baucr in dasselbe einsuhr; sei es nun, das; der Vater die Zügel in zitternder Hand lenkte oder daß die Pferde Alban erkennend auf ihn zueiltcn, die beiden Fuhrwerke hingen unversehens in linandcr und konnten nicht vom Fleck und um ein Kleines wäre Alban dazwischen zerquetscht worden. Ameilc riß rasch dem Vater 83 die Zügel aus der Hand, rief Alban, er möge sein Gespann halten, das; es nicht vorwärts gehe und drang in den Vater, daß er absteige, so lange sie die Pferde halte. Alban stand eine Weile an seinen Sattelgaul gestemmt, der sich hoch bäumte, aber er bändigte ihn, und nnt einer geschickten Wendung löste er rasch die Stränge, sprang behend über die Deichsel nnd löste die Stränge dem andern Pferde gleichfalls. Nun konnte sein Fuhrwerk nicht mehr vom Fleck und keinen Schaden mehr anrichten. Gr eilte nun, dem Vater beim Absteigen zu helfen. Dieser hatte den einen Fuß über der Leiter und wagte trotz der Ermahnungen Ameilc's nicht, den andern Fuß nachzuziehen; das Ungemach und das Zusammentreffen mit Alban hatte ihn ganz blöde und wirr gemacht; so stand er noch mit hülfesuchcndcm Blicke umherschauend als schwebte er am Rande eines Abgrundes, da kam Alban, faßte ihn nnt starken Armen, hielt ihn hoch empor und stellte ihn dann sanft auf den Boden. Er befahl Amcilc, ruhig sitzen zu bleiben, hob wie spielend die Hinterräder ihres Wagens in die Höhe und zur Seite, sprang vor an den Kopf der Thicre, lenkte sie etwas zurück und dann wieder vorwärts und flott war das Fuhrwerk. Der Vater stieg behende wieder auf, die Beihülfe Albans abwebrend, und dieser stand noch eine Weile ruhig, die Hand auf die Wagcnleiter gelegt und schaute dem Vater ins Antlitz, dann sagte er: „Es hat schon so sein müssen, Vater, daß wir einander auf- fahren." „Fahr'zu!" herrschte der Furchenbauer gegen Ameile als Antwort, und an die Schwester gewendet mit zornig wchmüthi- gem Tone sagte Alban wieder: „Wohin gehts?" „Gen Wellcndingcn zum landwirthschastlichen Bczirksfest, unser Dominik kriegt heut einen Preis und vielleicht das Schwärzlc auch. Kehr um und führ' uns, wir können so beide nicht fahren, hast gesehen", entgegncte Ameile und der Vater besah! nochmals: „Fahr zu!" „Ich kann nicht mit", sagte Alban vor sich niedcrschaueud, 6 * 84 „ich bin hier Knecht." Er reichte der Schwester die Hand und schloß: „b'hüt dich Hott." Auch dem Vater streckte er die Hand entgegen und sagte: „bhüt's Gott Vater." Erzogdicdargercichtc Hand aber leer zurück, denn der Vater riß Zügel »ud Peitsche an sich und fuhr davon. Ameile schaute noch einmal zurück uud winkte dem Alban, dieser aber sah sie nicht, denn er strängte die Pferde wiederum ein, stieg auf den Sattelgaul, untersuchte die Treibschnur und fuhr hell knallend die Straße hinauf und dann guerfeldein. Draußen vor dem Dorfe sagte der Furchenbauer: „Der Malefizbub ist mir überall im Weg. Wenn ihm der Dominik Bescheid gegeben hat, geht's ihm schlecht. Der Malcfiz- bub hat's gewiß erfahren, wann ich komm, und hat mir zeigen wollen wie er Knecht ist, und aufgcfahren ist er auch mit Fleiß, cs kann ja kein Hofkutscher bester fahren wie er." „Nein Vater, da thuct Ihr ihm Unrecht, er hat halt die Besinnung verloren, wie er uns gesehen hat, wie wir beide auch." „Ich nicht." . „Man sieht ihm aber nichts mehr von seiner Krankheit an", begann Ameile nach einer Panse und der Vater fragte: „Ist er denn krank gewesen? Woher weißt du's?" „Ich Hab des Jörgpeters Maranne von hier Seßling (zu Kohl) verkauft uud die hat mir gesagt, daß cr's auf der Brust Hab." „Das ist nichts. In unserer Familie ist Alles gesund auf der Brust und der Alban hat eine Brust wie ein Faß." „Er sicht doch aber aus wie ein Graf." „Viel zu wenig, zum Geringsten wie ein Prinz. Red mir heut kein Wort mebr. Punktum. Ich werd's heut wieder von fremden Leuten schon genug hören müssen." Troß dieser Mahnung sagte An,eile doch nochmals: „Ihr hättet ihm wohl ein' Hand geben dürfen, er hat so herzgetrcu Bchüts Gott gesagt. Das Wasser ist ihm in den Augen gestanden." „Ich will aber keine Hand und kein Wort von ihm. Still 85 jetzt, du darfst mir heut seineu Nameu nimmer gedenke», oder ich zeig dir, das; ich über dein Schncppcbberle auch Meister bin. Punktum sag ich zum letztenmal." Der Furchcnbaucr konnte den Seinigen verbieten, das; Niemand um ihn her von Alban sprach, das; aber in ihm sein Andenken nicht laut wurde, dessen war er nicht Herr. Er hatte seil anderthalb Jahren die Stimme seines Kindes zum crstcnmale wieder gehört, das Auge des Kindes hatte lange auf diesem starren Antlitze geruht und die Mienen wurden nur noch finsterer und die schmalen Lippen wurden oft zwischen die Zähne gekniffen. Erst als man sich Wellcndingcn näbcrte und man den Leuten begegnete, die ihr Vieh zur Prcisbewerbnug führten, lächelte der Furchcnbaucr vor sich hin. Als am Apostel Dominik auf ihn zukam, rief er diesem barsch zu: „Bist doch über Rcichcnbach gefahren und hast dem Alban gesagt, daß ich auch komm?" „Nein, ich bin wie Ihr gesagt, über Jettingcu gefahren; der Hirzenbaucr kann mir's bezeugen." „Schon recht. Ist das Schwärzle gut gelaufen?" „Ja, wie ein Hirsch." Der Furchcnbaucr ging mit Ameilc nach der Wirthsstube, wo ihn alsbald Spitzgäbele bewillkommtc. Ein officielles Volksfest, eine exotische und eine wilde Blüthe. Seitdem wieder jede freie und natürliche Strömung des Volkslebens gebunden ist, seitdem die Verzweiflung an der Macht des rein sittlichen Gedankens immer allgemeiner zu werden droht, seitdem man Eidbruch und Verhöhnung des Rechts- und Ehrgefühls als nicht zu erörternde Thatsachen hinstcllt, ist von dem stolzcrhabencn Fahnenrufe der vergangenen Jahre Alles verlöscht worden und nur das eineWort: Wohlstand stehen geblieben. Die öffentlichen Stimmen rufen es allein aus und jeder Einzelne 86 dünkt sich weise und gewitzigt und berühmt sich dessen, daß der günstige Geschäftsbetrieb, der Wohlstand, doch das einzige Wün- schenswerthe sei. Höheren Ortes — wie man es nennt — wird diese Richtung sorglich gepflegt und ihr allenfalls noch durch Erweckung eines kirchlichen Sabbathsinnes ein Gegengewicht zu geben versucht! jede Bürgerehre, jede sittliche Verbindung der Staats- und Nationalgcnossenschaft wird als entbehrlich ja vielfach als strafwürdig betrachtet. Wenn sich hierdurch die bürgerlich-sittliche Gemeinschaft immer mehr aufznlösen droht, so wird der einsichtige Kenner der Mcnschengeschichte nicht trostlos verzweifeln, vielmehr die Zuversicht schöpfen, das; trotz aller eigensüchtigen Zerfahrenheit, doch am Ende wieder Ehre und Freiheit sich entwickeln muß, wenn auch zunächst nur als die höchsten Güter des Genusses oder des Wohlstandes, wenn man es so nennen will. Und auch jetzt schon, so wenig man es auch Wort haben will, der Staat zeigt, daß er diesseits der Markscheide der jüngst vergangenen Jahre, andere Ziele haben muß: die ehemalige verneinende Polizeikunst möchte sich zu einer positiven Förderung des Gemeinwohls entwickeln! von oben herab beglücken, ohne das doch je zu vermögen. Die vergangenen Jahre haben es oft wiederholt, daß der Bauernstand die Pfahlwurzel alles gesunden Staats- undNatio- nallebcns sei, und ihm wendet sich nun die höchste und allerhöchste Fürsorge zu. Während man jede Volkssitte, die frecherweise ohne höhere Genehmigung aufgewachsen ist, auszutilgen sucht, während man das öffentliche Singen der Volkslieder in den Dörfern verbietet, während man die Spinnstuben in Acht und Bann erklärt und sogar polizeilich sprengt, während man die Kirchweihen alle auf Einen Sonntag verlegt und so Nachbardorf von Nachbardorf absperrt, will man in den landwirth- schaftlichen Vereinen und Festen ein mit Kanzleidinte verschriebenes Surrogat dafür setzen. Da sollen die politischen Schreier einmal zeigen, ob sie wirklich etwas wissen zur Hebung des Noth- standcs und zur besseren Ausnutzung der Arbeits- und Naturkräfte! Jeder Hinweis auf die große Strömung des Nationalbesitzthums rmd seine Erfordernisse erscheint natürlich alsbald als Flausen- macherci, es handelt sich hier nur darum, wie dic Cultur, natürlich der Gewächse, zu fördern, wo man russischen Weizen und Luzerne pflanze, wie der belgische Pflug zu handhaben, wie der Dünger zu behandeln und welche Vorthcile bestimmte Kreuzungen und Veredlungen, natürlich der Hausthierc, bringen. Zeigt sich dann auch beim Schmause eine gewisse Lebendigkeit und Lustigkeit, sie ist doch immer gedämpft und in Schranken gehalten, oder will einmal gar wildes Wasser cinbrechen, cs sind Dämme genug da, durch die Anwesenheit der Angestellten, die hier freilich nur einfache Mitglieder sind, aber doch ihre Amtstitel behalten und sogar in entsprechenden Uniformen darstellcn. Eine gewisse Humanität, die auch den niederen und niedersten bedenkt, ist dabei jedoch nicht vergessen, wie wir bald sehen werden. Eine mit Eichcnlaubgewinden, mit Astern und mannichfa- chen besonders ausgezeichneten Jahreserzeugnissen geschmückte Tribüne erhob sich am Gartenzaunc des Apostelwirths, so das; die Versammlung auf der Straße zwischen dem Wirthshausc und der breiten Tribüne sich aufstellen konnte. Fuhrwerke, die des Weges kamen, mußten um das Apostelwirthshaus herum weitcr- fahren. Hier war noch vor wenigen Jahren eine fast beständige Tribüne für Volksversammlungen gewesen; hier wurde der Reichs- tagsabgeordncte gewählt und Protest gegen ihn erlassen, der Lenz von Röthhausen hatte hier seine glänzendsten Triumphe gefeiert. Der Ort war vortrefflich in der Mitte des Bezirkes gelegen und der Wirth war einer der eifervollsten Freisinnigen und rauchte beständig aus einer Heckerpfeife. Seitdem hat er sich anders besonnen, hat sich das Rauchen abgewöhnt, schnupft nur noch echten Pariser und ist sogar fromm geworden. Eine Musilbande war im obern Stocke des Wirthsbauscs an den Fenstern aufgestellt, ein Trompetenstoß und darauf folgender Marsch verkündete, daß jetzt die Vichmnsterung beginne. Natürlich batten zwei mit Ober- und Untergcwchr bewaffnete Landjäger den Zug angeordnet nnd hielten Wache. Die Preisrichter waren fünf. Obenan stand der derzeitige Präsident des 88 landwirthschaftlichcn Vereins, ein resignirtcr Eameralverwalter, der jetzt als Pächter mehrerer Domänen den Titel Domänenrath hatte, ein behäbiges nnd lustiges Männchen mit spärlichen grauen Haaren auf dem Haupte, die jetzt sichtbar wurden, da er beim Anstreten aus dem Apostel fortwährend alle Anwesenden grüßte, die entblösten Hauptes vor ihm standen. Dominik war der erste, der seinen Hut wieder anfsetzte, denn das Schwärzte war unbegreiflich wild. Dem Domänenrath folgte eine hagere selbstbewußte Erscheinung, die den Schnurrbart zwirbelte i es war der Rittergutsbesitzer v.R., ehemaliger Leutenant. Nun kam eine vollbärtige untersetzte Gestalt, ebenfalls ein stndirter Oekonom, ehemals Pfarrkandidat nnd jetzt Pächter auf dem Sabclsbergischen Gute in Reichenbach, im Rufe gelinder Frcisinnigkeit stehend. Der Hir- zenbaucr, Klein-Rottek genannt, eine untersetzte, gedrungene Figur nnd der ewig lächelnde halb städtisch gekleidete Schultheiß des Ortes beschlossen die Reihe der Anserwähltcn. Die Thierc wurden vorgeführt und von allen Seiten gemustert, der Domänenrath riß ihnen das Maul auf, um das Alter zu erkunden, seine Hände trieften von Schaum: er gab seine Stimme ab: erster oder zweiter Preis, worauf die Andern in der Regel laut beistimmtcn, nur der ehemalige Thcolog und der Klein-Rottek wichen manchmal ab. Als Dominik mit dem Schwärzle vorfuhr und sich mächtig anstcmmen mußte, da das sonst so geduldige Thier in der Menschenmenge unter der Musik schnaubte, und hin und herriß, lächelte eine Frauengcstalt aus dem untern Fenster des Apostels. Die Oberamtmännin stand dort neben Amcile und sagte: „das ist ein prächtiger Bursch, und wie er sich gegen den Kopf des Thicres anstcmmt, steht erzürn Malen da." Der Domänenrath prüfte das Schwärzle und einstimmig wurde ihm der erste Preis zuerkannt. Der Landjäger verwies Dominik mit dem Thicre nach der rechten Seite, das Thier schleifte ihn fast nnd er mußte mit aller Kraft hemmen. Nun bestiegen die Preisrichter die Tribüne. Ter Oberamtmann in seiner Uniform mit der gelben Schärpe und dem Degen an der Seite stellte sich auch dort auf. Ihm folgte die Ober-- 89 amtmämün, die nicht abließ, bis auchAmcile mitging i sic stellte sich aber immer hinter die Oberamtmännin, so daß sic kann: gesehen werden konnte. Der Domäncnrath hielt nun einen Vortrag über den Flurzwang und die Vvrtheilc des Zusammenlegens der Grundstücke, den er mit manchen anschaulichen Bildern und Scherzen zu würzen wusste, so das; oft ein verhaltenes Lachen durch die Versammlung sauste. Auf seinen Wink ertönte dann ein Trompetenstoß und die Austheilung der Dienstbotcnpreise begann, wobei noch ausdrücklich bemerkt wurde, das; nur solche belohnt würden, die ohne nahe Verwandtschaft viele Jahre in Einen; Hanse vorwurfsfrei gedient haben. Aus der Tribüne lagen rothc Kästchen mit den Namen der Belohnten bezeichnet und die Denkmünze enthaltend. So ost ein Name ausgernfen wurde, reichte die Oberamtmännin dem Domäncnrath das Kästchen, dieser reichte es hinab und jedesmal ertönte ein dreimaliger Trompctcntusch. Dominik war erst der vorletzte unter den Prciswürdigeu, weil seine Dienstzeit durch die Militärpflicht unterbrochen war. Als endlich sein Namen aus- gerusen wurde, faßte Ameile unwillkürlich das Kästchen und ohne es durch die Hand des Domänenrathes gehen zu lassen, reichte sie es Dominik unmittelbar hinab. Ei» Heller Trompetcntnsch ertönte, in den sich freudiges Zujauchzcn der Versammelten mischte. Wer könnte ermessen, was in diesem Augenblicke in Ameile und Dominik vorging ? Der Domäncnrath streichelte ihr die glühende Wange und sprach etwas von Ritterfräulein und Turnieren, Amcile verstand ihn nicht, sie schwebte wie auf den Tönen der Musik in Jubel und Bangen. Dominik steckte das Empfangene ruhig in die Tasche, schaute nur flüchtig auf und sich ungeschickt verbeugend und stolpernd kehrte er zu seinen; Thicre zurück. Dort erst öffnete er das Kästchen und es enthielt ihm jetzt in der That einen hohen Ehrenpreis. Der Furchenbaucr brachte nun dem Dominik eine mächtige Kuhschelle mit neuem rothem Riemen, die er vorsorglich im Wagensitze mitgenommen. Das Schwärzle ließ sich nicht ohne Unruhe die Schelle umhängcn und vom Apostelwirth den Kranz 90 auf's Haupt setzen. Ter Apostclwirth war cm kluger, politischer Kops, er hatte Kränze bereit gehalten für alle, die gekrönt worden waren, und er behauptete, ganz genau vorher gewußt zu haben, welches Thier preiswürdig befunden würde. Der Domäucurath hielt hierauf noch eine sehr ins Salbungsvolle übergehende Anrede über die Tugenden eines wackeren Dienstboten ; cm aufmerksamer Zuhörer hätte eS ihm deutlich augchört, daß er auf einen Ucbergang zu der nun erfolgenden Handlung spekulirte und in seiner Rede hin und hertappte; er fand aber den richtigen Ausweg nicht und half sich endlich daunt, daß er wieder einen Marsch aufspielcu ließ. Der Nodelbauer von Kleebronn — der sogenannte Scheckennarr, weil er nur scheckiges Vieh hielt und es oft thcuer bezahlte — erhielt den ersten Preis für einen sclbstgezogenen hochbeinigen holländischen Zuchtstier, den vier Mann führen mußten. Unmittelbar daraus wurde das Schwärzle vorgeführt, unter dem Kranze hervor schaute sein Auge keck hinaus zu den Preisrichtern, während der Furchcnbaucr den Hut abzog, da er seinen Namen ausrufen hörte und wieder Trom- petcntusch erschallte. Er geleitete Len Dominik noch aus der Reihe hinaus und befahl ihm, seht nur der Straße nach heimzufahreu. Durch alle Dörfer sollte nun sein Ruhm erklingen, der noch verewigt wurde im Wochenblättle. Dominik wartete indcß noch auf den Hirzenbauer, und als er ihn sah, übergab er ihm das Kästchen sammt der Denkmünze und bat ihn, solches seiner Mutter in Nellingen zu zeigen und ihr drei Gulden darauf zu leihen. Der Hirzenbauer entgegnete, daß er von Dominik kein Pfand brauche, er nahm aber doch die Denkmünze mit, um solche, wie er sagte, der Mutter zu zeigen und für sie aufzubcwahren. Gerne hätte Dominik noch einmal Ameile gesehen, er konnte sie aber mit keinem Blicke erspähen, und mit verlangendem Herzen machte er sich auf den Heimweg. Das Fest, vor dem er sich gestern noch fast gefürchtet hatte, war nun doch ein freudiges geworden, aber freilich nicht durch die von oben gesetzte Anordnung. Kaum war Dominik eine halbe Stunde von Wcllendingen 91 als ihm ein wilder Reiter auf schnaubendem Rosse begegnete und zu seinem Staunen erkannte er den Alban; er hielt an und fragte: „Wohin des Weges?" „Wo dn herkommst/' erwiedcrte Alban. „Dein Vater ist drin." „Das weis; ich und eben deßwegen komm ich. Ich bin'ssatt zu warten bis er mich ruft; heim komm' ich nicht, aber wo er sich in der Welt sehen läßt, muß er mir Rede stehen. Ich bin lang genug das verstoßene Kind gewesen. Heut auf einmal ist mir's eingefallen, daß ich keinen Tag mehr versäumen darf." „Wenn du mir folgst," belehrte Dominik ruhig, „kehrst wieder mit mir um; vor allen Leuten machst die Sache nur ärger, da kann dir dein Vater nicht nachgeben, wenn er auch wollt', und glaub' mir, er möcht und weiß nur nicht wie. Kehr mit mir um. Ich Hab dir einen Gruß von deiner Mutter. Du machst einen Unschick, wenn du weiter rennst." „Was Unschick?" rief Alban, „ich bin kein Knecht, ich wills nicht sein; des Furchcnbauern Großer darf auch schon einmal einen Unschick machen." Er ritt in wildem Galopp davon. Dominik rief ihm noch nach das Amcile sei auch da, aber Alban hörte schon nicht mehr. Eine neue Freundschaft geknüpft und eine alte Liebe zerrissen. Im obern Saale des Apostels hielt unterdes; der Domänenrath eine sehr geschickte Rede, er sagte, es sei noch ein wichtiger Gegenstand auf der Tagesordnung zu erledigen, er glaube aber allgemeiner Beistimmüng sicher zu sein, wenn er voraussetze, daß ein anderer Gegenstand noch viel dringender und das sei, daß man vorher esse. Alles schrie durcheinander „Ja wohl! Bravo!" und manche riefen vorzeitig: „der Herr Domänenrath soll leben hoch und abermals hoch." Es war eben eine Versammlung der materiellen Interessen und Jeder beeilte sich einen guten 92 Platz dafür zu haben. Der Furchenbauer erhielt seinen Platz zwischen Spitzgäbele und dem Hirzenbauer. Die Oberamtmännin kam und bat in wohlwollenden Worten, das; Ameile bei ihr sitzen dürfe. Der Fnrchenbauer willfahrte mit doppelter Freude, denn das war nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein Gegengewicht gegen seine vertrauliche Nachbarschaft mit dem Hirzcnbaucr, der als unbezwinglicher Radikaler bekannt und von den Beamten übel angesehen war. Die Oberamtmännin hatte seit dem Betreten der Tribüne Ameile nicht mehr von ihrer Seite gelassen, sie erkannte bald ein Liebesverhältnis; zwischen der Bauerntochter und dem Knechte und die überraschende Prcisübergabe bestätigte dies vollkommen; sie liebte jetzt Ameile, denn in dem was sie unwillkürlich gethau hatte, sah die Oberamtmännin einen unmittelbaren Herzcnstakt und sie bewunderte den sichern Muth desselben, der eine scheinbare Dcmüthigung des Geliebten in eine Erhöhung verwandelte. Die Oberamtmännin war eine Frau von tiefem idealem Streben. Während ihr Mann allezeit über die Rohheit der Menschen und die Rauheit der Gegend zu klagen hatte, in deren Mitte er versetzt war, verklärte die Oberamtmännin gerne Alles mit einem idealen Schimmer; sie erquickte sich an der Zutraulichkeit in dem Wesen der Menschen und manche Bcrgschlucht, die man bisher nur als eine unwirthliche Stätte gekannt, wo man nicht einmal das Holz fällen und thalwärts bringen könne, entdeckte sie als ein heimliches Naturheiligthum voll romantischen Zaubers, dahin sie oft wallfahrtete und zum Staunen der Umwohnenden auch andere Städter beredete. Auf solchen Wanderungen trat sie oft in einsame Bauernhöfe und Häuslerhütten ein; sie hatte das Bedürfnis;, auch den Menschen nahe zu kommen, aber es gelang ihr nicht. Bei dem landwirthschaftlichcn Fest leistete sie immer gerne Beistand, und doch kehrte sie jedesmal unbefriedigt von demselben zurück; sic verkannte die Nothwcndigkeit der materiellen Debatten nicht, aber cs fehlte doch gar zu sehr an Schönheit und Innigkeit. „Unserer Zeit", klagte sie einst ihrem Manne, ist der weltlich-religiöse Geist der öffentlichen Naivetät abhanden gekom- men. Wir können uns kaum mehr denken, daß einst die Männer in Griechenland Thyrsusstäbe schwangen und sich das Haupt bekränzten und das; sie in Kanaan Palmenzwcige schwangen; wir schämen uns jedes äußern Zeichens der Lust, höchstens wagt man es noch Kinder zu bekränzen oder stecken Jünglinge einen grünen Zweig ans den Hut." Der Obcramtmann, der in seinem häuslichen Kreise nicht ungerne zarte Empfindungen hegte, hatte seine Frau zu überzeugen gesucht, daß die Gebildeten keine Festesattributc für das Volk aufbringcn können und die Obcramtmännin hatte trotz ihrer übergreiscndcn Wünsche innere Kraft genug, das was sich nicht äußerlich und allgemein darstcllcn ließ, in einer innerlichen Beziehung und bei Einzelnen zu suchen und sich von keiner Herbheit abstoßcn zu lassen. Die Obcramtmännin stand noch unter dem Einflüsse der Nachwirkung, daß sie sich einst öffentlich lächerlich gemacht hatte; sie war aus den oben angeführten Gründen bei dem landwirth- schaftlichen Feste erschienen, das Haupt mit Blumen und Aehrcn bekränzt. Sie erfuhr bald den Fehlgriff, den sie begangen und dessen Folgen nicht so bald schwanden, aber sie war ehrlich und stark genug, nicht aus Empfindlichkeit fortan ihren innersten Bestrebungen untreu zu werden. Heute nun hatte sie gewonnen, wonach sie so lange trachtete: Amcile war ein holdes frisches Natnr- kind und dazu verklärt durch eine fast tragische Liebe. Anfangs wurde Amcile fast erschreckt durch die übermäßige Znthunlichkcit und Freundlichkeit; ein Bauernkind kann es nicht fassen, warum ein Nichtvcrwandtes und noch dazu ein Höhergestelltes sich ihm vertraulich zuncigen soll. Die Oberamtmännin erkannte so zu sagen das Rehschcne in dieser Natur und sie erzählte nun, daß sic auch einen ledigen Bruder habe, der Landwirth sei. Amcile lächelte bei dieser Mitthcilung, cs lag etwas Schmeichelhaftes darin, wenn sie es auch innerlich ablehnte; sie sagte aber nur: „Er hat gewiß aber auch so feine Händ' wie die Frau Obcramtmännin ? Hieran knüpfte sich nun ein immer weiter gehendes vertrau- 94 lichcs Gespräch und die beiden Frauen, so verschieden in Bildungsstufe und Lebensanschauung wurden immer trauter mit einander. Man wird es immer finden, das; edclsinnigc Frauenherzen wenn sie durch sich selbst oder durch äußere Bedingungen über gewisse Begränzungcn hinausgchoben sind, sich bei rascher Begegnung leicht an einander anschließend die sozialen Unterschiede und Schranken sowie die starren (Konsequenzen von Berus und Gesinnung, die den Mann kennzeichnen, fallen bei Frauen oft leichter weg; der Lcbenskreis hat trotz aller Verschiedenheit doch wieder im Wesentlichen ein Gleichartiges. Die Oberamtmännin verstand das herauszufindcn und bald erzählte ihr Ameile mit bewegter Stimme das Leben auf dem väterlichen Hofe und, da es doch schon in der Welt bekannt war, den Zerfall mit Alban. „Ihr solltet euch an meinen Mann wenden" schloß die Oberamtmännin, „der würde die Sache gütlich ins Neine bringen." „Das geht nicht, Gott behüte, das geht nicht," cntgcgncte Ameile. „Und warum? Mein Mann ist die beste Seele." „Elaub'swohl, aber das geht nicht, das thät ich nicht leiden, nie. Was für zwei ist, ist nicht für drei, hat mein Mutter im Sprüchwort. Es ist schon arg genug, daß unser Familienstrcit draußen in der Welt herumfährt,' das war' gar noch eine unerhörte Schand', wenn man mit einander vor Amt ging'." Dieses starre Festhalten, eine Familiensache nie zum Austrag vor das bestellte Gericht zu bringen, erschien der Oberamtmännin als jene Feindseligkeit, von der sie schon oft gehört hatte, indem man die bestellten Beamten als natürliche Feinde und Widersacher ansieht. Sie seufzte vor sich hin und betrachtete in schweigendem Nachdenken Ameile. Mit welcher Widerspenstigkeit und welchem verschlossenen Trotze hatte das Mädchen jene Worte gesprochen. Wie ist das sonst so offenbar Scheue in diesem Wesen mit solcher schroffen Widersetzlichkeit vereinbar? Ist aber das Scheue nicht gerade eine verhüllende Form der Wildheit und Unzäbmbarkeit? Als die Oberamtmännin Ameile zu Tisch führte, war diese voll Lustigkeit und äußerst gesprächsai»; sie bat die Frau Obcr- amtmänuiu auch einmal auf den Furchcnhos zu kommen, damit sie ihr die Ehre auch in etwas vergelten könne. Die Obcramt- männiu sagte zu, indem sie beifügte, man habe ihr von einer schönen Felsenparthie in der Nähe des Furchenhofes gesagt, die des Gcigcrles Lotterbett heiße und schroff abgingc in einen Waldbach. Amcile bestätigte und sagte aber, cs sei ein „wüster Weg" dahin und es sei auch nichts zu sehen als Felsen und Bäume; sie berühmte dagegen den Wald am Kugelberg, die schönen Wiesen und den Kuhstall, die dürfen sich sehen lagen. Die Oberamtmännin war nun äußerst heiter und versprach zum Frühling zu kommen; vorher aber müsse sic Amcile in der Stadt besuchen. Ameile thaute immer mehr auf und manche kluge Rede kam über ihre runden Lippen, die Oberamtmännin machte heute eine seltsame Erfahrung, Amcile sagte ihr einmal zutraulich keck: „Sie sind so gescheit wie die rechteste Bauernfrau." Dieses Lob erschien Anfangs eben so wunderlich als übcr- müthig, bald aber erkannte die Oberamtmännin, daß Ameile sie nach ihrem Herzen nicht besser loben konnte. Der Bauer ist nichts weniger als bescheiden, er traut den Gebildeten und Studirten fast nur verdrehten Verstand zu, weil er sie oft über Dinge entzückt und über andere mit Abscheu erfüllt sieht, die ihm solche Empfindung gar nicht einflößen. Das höchste Lob was ein Bauer einem aus dem Herrenstande zu spenden vermag, ist, daß er ihm den Lebcnsvcrstand zuerkcnnt; und am Ende kann Niemand anders als mit eigenem Maße messen, und nur der Freigebildete anerkennt bis zu einem gewissen Grade Dinge und Anschauungen, die ihm nicht genehm sind. Aus dieser Erfahrung heraus wurde die Obcramtmännin immer herzlicher gegen Ameile und ihr anfänglich eigentlich nur allgemeines Interesse an Ameile wurde zu einem persönlichen. Während Ameile am obern Tische viel lachte, war der Vater zwischen Spitzgäbele und dem Hirzenbauer in die Bütte genommen. 96 Der Furchcnbauer halte sich gerne vom Klein-Rottcck zurück gezogen, denn er war ihm innerlich neidisch, weil er sehen mußte, wie dieser zwei Dohne, wovon einer die Eichbäuerin geheirathct hatte, und einen Tochtcrmann hier bei Tische hatte, während er allein stand: auch hänselte ihn der Klein-Rotteck wiederholt, indem er sagte: „Es nutzt dich jetzt nichts mehr, das; du ein Aristokrat sein möchtest, du hast einmal als Altlibcralcr ein' Bläß und das schmiert dir kein' Kanzlcidinte zu, und du bist grad so übel angesehen wie ich. Sie haben dich auch nicht zum Geschwor- nen gewählt wie mich. Drum wär's besser, du thätest gleich mit uns." Wir haben schon oft gehört, das; der Hirzcnbauer Klcin-Rot- tcck heißt und muffen nun auch erzählen, woher das kam: es entstand einfach, das; er in den dreißiger Zähren bei einer Versammlung in Freiburg öffentlich sprach, worauf ihm der berühmte Rotteck auf die Schulter klopfte und sagte: „Ihr könnt so gut öffentlich sprechen wie wir." Der Klein-Nottcck war heute in gereizt nbcrmüthiger Laune und cs war nicht abzusehcn, wohin das führt. Der Furchcnbauer hörte ihm nicht zu als er giftigen Spott über Uniform, Degen und Schärpe des Oberamtmanns losließ. Jetzt aber horchte er doch auf als er sagte: „Wenn die Sach nicht in der Kanzlei eingesetzt wär', müßten wenigstens die Dienstboten, die den Ehrenpreis bekommen haben, da mit uns am Tisch sitzen." „Und die Kühe und Ochsen auch," ergänzte Spitzgäbcle lachend, der Furchcnbauer aber nahm ruhig das Wort und sagte: „Der Ehrenpreis gehört eigentlich dem Meister, weil er's so lang mit dem Lumpengesindel aushält. Es ist ein wahres Elend, das; man so viel Dienstboten halten muß." „Darum zerschlag dein Gut wie dein Alban will," schaltete Klein-Rottcck ein: der Furchenbaucr hörte nicht darauf, sondern fuhr fort: „Wenn eines von meinen Dienstboten was verfehlt hat und ich halt's ihm vor, ruhig und streng, darf es sich nicht entschul- 97 digen, das leid ich nicht, es muß einfach cingestchen: das und das war nicht recht. Es ist verteufelt, wie stockig sie oft sind und der Dümmste findet noch Ausreden, nur um nicht sagen zu brauchen: ich hab's dumm gemacht, ich bin dumm gewesen: und wenn man einen Dienstboten fortschickt, da sieht man erst, wie galgenfalsch sie gewesen sind —" „Das muht du bald wieder erfahren," sagte Spitzgäbele und zog den Furchenbauer nahe an sich, damit es her Klein-Rotteck nicht höre. Er erzählte nun, wie er es so viel als richtig gemacht habe, das; der älteste Sohn des Scheckennarren das Ameilc hci- rathe, aber jetzt sei Alles wieder auseinander: ein Jedes rede davon, das; das Ameile mit den; Dominik Verbandelt sei, und es habe sich ja gezeigt, wie sie ihn; den Preis selber übergeben habe. Der Furchenbaucr suchte zuerst über das Gerede zu spotten, da kein wahres Wort daran sei; Spitzgäbele erzeigte ihm den Gefallen und that als ob er der Versicherung glaube, empfahl ihm aber dennoch, weil nun einmal die Rede sei, den Knecht wegzuthun. Der Furchenbaucr konnte nicht umhin beizufügen, wie brav der Knecht gewesen sei, daß er ihn sehr vermissen werde und besonders jetzt in der Dreschzeit: dennoch schwur er, das; Dominik ihm noch heute aus dein Haus müsse und Spitzgäbele empfahl ihm nur, es ohne Aufsehen zu thun. Die Beiden sprachen noch viel mit einander, die Musik spielte lustig dazu auf und der Klein-Rotteck hatte sich zu seinem Nachbar gewendet, dem er erzählte, daß er fünf Söhne habe, davon sei der älteste Advokat, der zweite sei gut versorgt, er habe die Eichbäuerin geheirathet und unter die drei jüngsten theilc er sein Gut, es behielte Jedes noch genug, um zwei Knechte zu halten. „Weißt mir Niemand für meinen Vinzenz?" fragte der Furchenbauer heimlich, und Spitzgäbele erwiedcrte ebenso: „Das geht nicht, bis du mit deinem Alban abgemacht hast: das sagt Jedes." Ohne zu wissen warum wendete der Furchenbaucr plötzlich seinen Blick nach dem Empor des Saales, wo die Musikanten waren. Hatte ihn der Wein benebelt oder was war das? Dort Aucrbach'S Torfg. 4. Bd. 7 98 schaute ja Alban mit festem Blicke auf ihn herab. Erfragte Spitz- gäbele ob er nichts dort sähe, aber dieser sah nichts, cs mußte also Täuschung sein. Ameile lächelte vom obern Tisch zu ihrem Vater herunter, dieser erblickte sie jetzt, aber er sah sic finster an. „Mit Hunden hetz ich dir deinen Dominik aus dem Haus" knirschte er vor sich hin. Zweckcsscr, Hofmctzgcr und Nachtisch. Man hat in den letzten Jahren so oft gepredigt, daß England der Mnsterstaat sei, die Beamten haben wenigstens so viel davon angenommen, daß sie das erste Glas mit Segenssprüchen den Göttern weihen. Der Oberamtmann hatte den ersten Toast dem „gekrönten fürstlichenLandwirthe" gebracht, der in dcrThat für Hebung des Ackerbaus Ersprießliches gethan. Hierauf ging es an ein gegenseitiges Bewuchern. Der Verein ließ den Präsidenten, der Präsident den Verein, das älteste Mitglied das jüngste, das jüngste das älteste, der Studirtc den Unstudirten, der Dickste den Dünnsten, der Dünnste den Dicksten u. s. w. leben. Der Jubel und glückselige Untereinander war allgemein, man schüttete sich beim Anstoßen den Wein über Rock und Hände und lachte dazu, man drückte sich ans Herz, man reichte sich die Hände und unter rauschender Musik, bei der man kaum sein eignes Wort hörte, sagte eines dem andern, wie glückselig man sei und welch ein herrlicher unvergeßlicher Tag das geworden. Der Domänenrath hemmte indeß noch einmal den gemächlichen Glückscligkeits- dusel. Wohlweislich vor dem Braten verlas er einen geschriebenen Aussatz und während er sonst einfach und sachgemäß zu sprechen verstand, erging er sich hier in gelehrten Darlegungen. Weil er sich vom Schreiber emporgearbeitet hatte, wollte er wol den anwesenden Beamten und Studirten zeigen, daß sein Wissen auch nicht von gestern sei und verlor sich in eine Darlegung des römischen Familienrechts, in dein der Vater souvcrain war und das jus vitua no neeis (das Recht über Leben und Tod) hatte im Gegensatz zu der germanischen Familie, die eine Rechtsgenossenschaft 99 war, und in der die Familienglicder einen selbständigen Nechts- kreis inne hatten. Hier wurde er unterbrochen. Auf der Tribüne bei den Musikanten wurde es unruhig, der Oberamtmann befahl Ruhe, oder er werde den Störer mit einem Landjäger abführcn lasten. Der Domänenrath sprach weiter und mit einem Sprunge, bei de er den getödteten Grundrechten, die die bäuerlichen und adeligen Fideikommisse aufgelöst hätten, noch einen Tritt versetzte, kam er auf die Bedeutung der Familien-Fideikommiste; er hielt sich bei den adeligen Erbgütern nicht lange auf, sondern wies auf die Bedeutung der großen geschlossenen Bauerngüter hin, wie diese die Stammhalter des Staates seien und wie Alles zu Grunde gehe wenn die Gütercomplexe zersplittert würden und das eintrete, was der Märtyrer für Deutschlands Wohlfahrt und Kraft, Friedrich List, die Zwergwirthschaft genannt. Mit erhobener Stimme pries er die Landschaft glücklich in der noch nicht der Grundbesitz, das unbewegliche Gut, so sehr zu einem beweglichen geworden sei, daß es davon laufe, wo vielmehr noch die Grundfeste einer mächtigen Bauernschaft bestehe und „freudig" rief er aus „sehe ich mich auch hier um und sehe noch Männer im groben Kittel voll Kraft und Bedeutung, die sich ein Denkmal setzen für ewige Zeiten wie sie es von den Vorvätern überkommen und die es nicht dulden, daß auf ihren großen Ackcrbrciten einst nichts als Markstein an Markstein wachsen. Ich sehe mich um und sehe nicht Zwergwirthe, sondern mächtige gesunde Baucrustämme." Ein allgemeines Lächeln unterbrach den Redner und der Furchenbauer sah stolz umher und schien größer und jünger zu werden. Dieser Tag brachte ihm Preis und Ehre in Fülle. Der Domänenrath ging nun auf den eigentlichen Zweck seiner Rede über, indem er gegen das in der That vielfach verderbliche Verfahren der Zertheilung großer Güter durch Händler, die sogenannte Hofmetzgerei, loszog und damit schloß daß man eine Petition an die Stände unterschreiben solle, damit ein Gesetz erlassen würde zum Schutze der geschlossenen Güter und gegen die Hofmetzgerei. Bevor er die formulirte Petition vorlas, stellte er den Gegenstand zur Debatte, 7 * 100 „Will Jemand das Wort ergreifen?" fragte er. Lautlose Stille. Da rief eine Stimmevom Empor: „Ich, ich will dagegen reden." Der Furchenbauer erbleichte. War das nicht die Stimme Albans? Der Oberamtmann schickte einen Landjäger auf den Empor um den Ruhestörer zu entfernen. Noch einmal fragte der Domänenrath: „Will Jemand das Wort ergreifen?" „Jawohl", rief jetzt eine Stimme neben dem Furchenbancr, das; dieser zusammcnfuhr. Ein Lachen und Murmeln zog durch die Versammlung, aus dem man vielfach das Wort hörte: „Ah der Klcin-Rotteck." Dieser stand auf, hielt das Messer in der Hand und stemmte besten Spitze auf den Tisch; er schaute gelassen hin und her und wartete bis Ruhe cingetreteu war, dann begann er: wie er auch meine, daß große Bauern dem Staat nützlich seien, weil sie noch die einzigen sein könnten, die nicht uuterducken, daß dies aber nicht der Fall sei, wo die Ehre und der Verstand fehle „und die hat" setzte er mit erhobener Stimme hinzu „ein Taglöhner, der mit dem Handkarren fährt, cinBettel- mann, der seine Schuhe in der Hand trägt, oft grad so gut und noch besser als einer der vierspännig fährt. Der Furchenbancr da neben mir", der Erwähnte fuhr wieder zusammen, „der Furchenbauer hat einen Knecht, ihr habt ihm heute einen Preis gegeben, sein Urgroßvater war ein Bruder von meinem und hat fast nichts bekommen. Darf man die Enkel zu Bettlern machen, warum denn nicht seine Kinder zu Mittclleuten?" Er erhob sein Messer und fuhr fort: „Da liegt ein Laib Brod, ich will sagen er ist mein, ich zerthcill ihn und geb Jedem von meinen Kindern ein gut Stück; so Hab ich's auch mit meinem Hofgut und so darf ich's ha- hen und Niemand, kein Gesetz und Niemand soll mir's wehren. Das ist und bleibt ein Grundrecht, sei's geschrieben oder nicht. Und weil wir grad davon reden: die große Verfassung gilt jetzt nichts mehr, aber in unserer kleinen in unserer Landesverfassung ist uns mit deutlichen Worten „Freiheit des Eigenthums" zuge- sichert. Ich weiß die Worte deutlich und einer von den Herren wird wissen welcher Paragraph es ist —" Der Klcin-Rotteck hielt eine Weile inne und eine Stimme rief: „der vier und zwanzigste", worauf der Redner fortfuhr: „Also im 24. Paragraph haben wir Freiheit des Eigcn- thumsrechts. Die Hofmetzgcrei ist ein Elend, ein großes Elend, das ist wahr ; aber ist nicht ganz Deutschland auch ein zerstückeltes Gut in der Hofmetzgerei geschlachtet? Und die Zwergwirth- schaft —" Ein allgemeiner Sturm entstaub, der Präsident verwies den Klein-Rotteck zur Ordnung und dieser fuhr ruhig fort aber nur noch mit halbem Nachdrucke das freie Schalten über jegliches Eigenthum zu vcrtheidigen. „Die niederen Leute", schloß er, „müssen auch Gelegenheit haben, ein Stück Acker zu erwerben, daß sic nicht ewig in der Luft stehen. Ich bin dafür, man kann ein Ausmaaß stellen, bis wie weit ein Gut vertheilt werden darf für die Zukunft; man muß aber auch ein Ausmaaß stellen, bis wie weit man Grund und Boden in Einer Hand besitzen darf. Die Adeligen kaufen von den Ablösungsgcldern, die sie von uns bekommen haben, jetzt wieder alle Güter auf. Wie lange wird's dauern, da gicbts wieder nur noch Bcständcr? (Pächter). Dagegen muß auch Vorkehrung getroffen werden. Wenn diese beiden Punkte hineinkommen, dann unterschreib ich." Der Klein-Rotteck war zweimal unterbrochen worden, denn der Apostelwirth hatte das Ameile aus dem Saale abgeholt uud bald darauf die Oberamtmännin; sic waren beide nicht wieder zurückgekehrt. Aus der untern Stube vernahm man jetzt lautes Rufen und Abwehren. Der Kleiu-Nottcck setzte sich lächelnd nieder und zerschnitt den Laib Brod in Stücke; den Furchenbauer fröstelte cs, er wußte nicht warum, er schüttete ein groß Glas Wein in Einem Zuge hinab. Der Domänenrath wollte crwiedcrn, aber man sah deutlich in der Ferne, wie ihm der Oberamtmann abwehrte, er wollte dies; selbst übernehmen und bald begann er in gemäßigtem Tone 102 zuerst den Klein-Rotteck zu loben, daß er frei hcrausgesprochcn habe, dann aber vertheidigte er, oft vom Beifall unterbrochen, mit hinreißender Beredsamkeit die Bedeutung eines mächtigen Bauernstandes. Zuletzt wendete er sich nochmals gegen den Vorredner und erging sich in scharfem Spotte über „unverzapftcs und sauer gewordenes acht und vierziger Gewächs." Er hielt dem Klein-Rotteck den Widerspruch vor, daß er gegen die Zerstückelung Deutschlands eifere (worauf dieser einwarf: „Bin deswegen zur Ordnung gerufen, darf nicht erwähnt werden") und bei Privateigenthum in Grund und Boden doch einer solchen das Wort rede. Er suchte darzulegen, daß man diese Frage „die schwierigste der Volkswirthschaft" nicht mit einigen liberalen Redensarten ab- thun könne. „Das ist eine Sache", rief er spottend, „die sich nicht mit dem Brodmesser schneiden läßt, da braucht es die feinsten Instrumente der staatlichen Heilkünstler. Der Hirzcnbaucr wird mir erlauben, daß ich ihn auch Klein-Rotteck heiße und ihm sage, daß sein Pathe der große Rotteck für Unthcilbarkeit der Güter sich aussprach." Ueberhaupt deckte der Oberamtmann mit schonungsloser Schärfe nicht nur die Widersprüche sondern auch die Lücken auf, die aus der Darlegung des Klein-Rottcck sich ergaben. Er lobte ihn wiederholt wegen seines selbständigen Denkens und seiner unumwundenen Aussprache, zeigte ihm aber, daß ihm die Uebcrsicht und der Zusammenhang fehle und er traf den Hauptpunkt indem er sagte, daß der Hirzenbaucr schlagend und oft unwiderleglich sei, wenn er eine einzelne Bemerkung mache, daß er sich aber auch immer verhaspele, wenn er einen zusammenhängenden Vortrag halten wolle, seine Reden seien eben auch keine geschloffenen Güter. Zuletzt erwies er mit großem Scharfsinn, daß die Freiheit des Eigenthums auf Grund und Boden angewendct nur darin bestehe, daß man in keiner Weise gehindert sein dürfe, sein Grundeigenthum zu bebauen und auszunutzen, wie man den Verstand dazu habe; der Staat aber müsse ein Recht haben, die Zerstörung seines eigenen Bestandes, seines eigenen Bodens, und das sei die Zerstückelung des Grundeigenthums, zu verhindern und mit den 103 Worten Justus Möscrs schloß er: „ Der Boden ist des Staates." Der Klein-Rotteck verzichtete auf jede Entgegnung und während der Domänenrath die Petition vorlas, kam der Apostelwirth und rief auch den Furchenbauer ab. Er wurde nach einer hintern Stube geführt, vor deren Thüre ein Landjäger stand. Als er eintrat, sah er zu seinem Erstaunen Alban zwischen Ameile und der Obcramtmännin. Er wollte wieder umkehren, aber die Oberamtmännin faßte ihn bei der Hand und beschwor ihn hier zu bleiben, wenn nicht ein fürchterliches Unglück geschehen soll. „Was kann geschehen?" fragte der Furchenbaucr trotzig. „Das ist ein rasender, ein fürchterlicher Mensch," rief die Frau, „Euer Sohn vergreift sich am Landjäger und kommt ins Zuchthaus, wenn Ihr nicht Friede stiftet." „Meinetwegen, er ist nichts Besseres Werth, er ist widerspenstig gegen seinen Vater und gegen die ganze Welt," cntgegncte der Furchcnbauer kalt. Die Obcramtmännin ließ die Arme sinken, im Innern that sie ihrem Manne Abbitte, weil sie ihn: oft nicht glauben wollte, wie roh die Menschen seien. Der Oberamtmann hatte sich das Sprichwort angewöhnt: Elf Ochsen und ein Bauer sind dreizehn Stück Rindvieh. Zeigt sich nicht hier eine stiere Unbeugsamkcit? Der Furchenbaucr wendet sich wieder nach der Thüre, die Oberamtmännin hielt ihn fest und erzählte hochathmend wie es Alban gewesen sei, der vom Empor gerufen habe, wie ihn der Landjäger verhaftet und er nach Amcile schickte, diese sie rufen ließ, wie sie sich dafür verbürgt habe, daß Alban frei ausgchen solle, und daß dieser unerwartete Ueberfall zum Frieden und zur Versöhnung führen müsse. Der Furchenbauer rieb sich mit beiden Händen Schläfe und Wange, der Wein schlug ihm zum Gesichte heraus, er athmete schwer, endlich sagte er: „Mach' ein Fenster auf, Amcile, ich erstick'." Ameile gehorchte und wieder sagte der Vater: 104 „Was will denn der ungcrathene Bub da?Ncd, red sag ich." Alban schwieg beharrlich und der Vater fuhr fort: „Da sehet Jhr's wie er ist. Recht war's wie der Domäncnrath von alten Zeiten erzählt hat, da hat der Vater seinen Sohn aufknüpscn dürfen. Er hat ihm das Leben gegeben, er darf's ihm auch nehmen. Darf ein Kind jetzt seinen Vater durch Ungehorsam umbringen ?" Seine Stimme stockte und er hielt inne. „Vater, er ist brav, er will brav sein," beschwichtigte Amcile. „Still du, mit dir Hab ich allein zu rede», dein' Falschheit ist am Tag; aber wart nur, komm nur heim," polterte derFur- chenbaucr gegen Amcile. Die beiden Frauen standen rathlos. Endlich begann Alban : „Ich will auch Friede, nichts als Friede; ich schäm' mich in's Herz hinein, daß ich so da stehen soll." — „Hast's auch nöthig." — „Ich kehr wieder heim, aber unter Einer Bedingung." — „Ha, ha! Er will Bedingung stellen." — „Ich hab's geschworen und der Vater muß bitten." — Der Furchenbauer schlug sich auf den Mund und ries: „So lang dieZung da lallen kann, nicht, darauf kannst du dich verlassen. Herr Eott, was ist das für eine Welt! Mein Vater wär' hundert Jahr alt geworden, wenn er sich nicht Schaden gcthan hätt'; ich werd nächsten Montag siebzig Jahr alt, ich cr- leb's nicht, du kannst dich rühmen, daß du das zuweg bracht hast^ cs wird dir am Vcrgcltstag angerechnet werden." Jetzt mit bebender Stimme sagte Alban: „Vater! Ich will Euch in Ehren halten, ich will Euch jeden Tag doppelt vergelten, den ich Euch Kummer gemacht Hab. Vater! Wenn ich fest bin in dem was ich gesagt Hab, so Hab ich das von Euch, Ihr habt mich's gelehrt und mich darüber gelobt; Ihr dürfet mich jetzt nicht dafür verstoßen." Er warf sich vor dem Vater auf die Knie und schrie schluchzend: da bitt ich Euch um Alles in der Welt, saget das eine Wort! Draußen steht der Landjäger, ich vergreis mich an ihm, ich will zu Grunde gehen, ich will ins Zuchthaus,. 105 Vater! Zum Letztenmal halt' ich Eure Hand, saget nur die paar Worte und ich bin wieder am Leben. Vater! lieber Vater! sa- get's." „Könnet Ihr widerstehen, dann seid Ihr ein Unmensch," rief die Obcramtmännin unter Thräncn die Faust ballend. „Nun meinetwegen, ich bitt dich, komm heim," sagte endlich der Fnrchenbauer. Die Oberamtmännin faltete die Hände und umarmte Ameile und küßte sie, während Alban schluchzend am Halse des Vaters hing. Dieser riß sich rasch los und sagte: „Komm 'rein und trink einen Schoppen." Der Landjäger vor der Thnre entfernte sich auf Geheiß der Oberamtmännin. Alles staunte als Alban mit dem Vater cin- trat. Als Alban nicht trinken wollte, sagte der Vater: „Mein Wein ist dir wahrscheinlich zu gering? So ein Herr wie du muß petschirten haben? Laß dir nur kommen." Alban trank. Der Fnrchenbauer war der letzte, der die Petition unterschrieb, er konnte vor Zittern die Feder nicht führen und befahl Alban seinen Namen für ihn zu schreiben. Alban wollte das Geschriebene zuerst lesen, aber der Vater befahl ihm unbedingt zu unterschreiben und Alban willfahrte. „Erst nächste» Montag setzen wir Alles auseinander," sagte der Vater jetzt zu Alban, „bis dahin reden wir kein Wort, und du mußt fleißig sein, ich thnc einen Knecht weg." Alban zuckte bei diesem Worte und sagte nur: „Ich will den Hirzenbauer zum Schiedsrichter, wenn's einen Streit geben sollt'." „Wirst keinen brauchen. Es darf Niemand Fremdes sich d'rein mischen." Spitzgäbele hielt zu guter letzt auch noch eine Rede, die mit großem Beifall ausgenommen wurde. Er verkündete, daß am Rhein und im Taunus Heuer die Acpfel ganz mißrathen seien, während man hier zu Lande nicht wisse wohin damit, er habe daher von zwei Wirthen in Frankfurt, die „Aeppclwcin schenken" 106 den Auftrag, das Simri Acpfel zu 28 Kreuzer, frei nach der Amtsstadt au den Neckar geliefert zu kaufen und lege zu dem Behufs eine Liste auf, in die Jeder ciuschreibeu möge, wie viel er liefere. Allgemeines Gelächter entstand als der Klein - Rottcck rief: „Wir liefern Reichsäpfel nach Frankfurt." Viele unterschrieben sogleich. Der Furchenbauer sagte, er wisse nicht wie viel er habe, Spitzgäbele solle zu ihm auf den Hof kommen. Bei der Cigarre und Pfeife die jetzt dampften, war Alles erst recht behaglich. Ter Domäncnrath kam auf den Klein-Rottcck zu und schüttelte ihm die Hand wegen seines frcimüthigen Ausspruches; der Klein-Rotteck vergalt cs durch aufrichtigen Ausspruch seines Respekts vor dem Domänenrath, dessen Eifer und Verdienst um den Verein und seine Zwecke er wohl erkannte. Der Domänenrath verwand dadurch die betrübende Erfahrung, das; seine Gelehrsamkeit noch nicht allseitig stichhaltig sei, denn der Obcramtmann hatte ihm so eben auseinander gesetzt, wie in England die ungctheilte Vererbung von Grund und Boden und die Fideicommisse überhaupt nicht als Gesetz, sondern nur als Sitte bestehen. Die Obcramtmämnn, die eine besondere Gönncriu des Klein- Notteck war und es ihm blieb trotz seines Radikalismus, so das; er ihr jedesmal, wenn er als Schultheis; nach der Stadt kam, seine Aufwartung machte, scherzte nun in freundlicher Weise mit ihm und selbst der Obcramtmann that freundlich und neckte seine Frau, das; er eifersüchtig werde. So schien am Ende doch Alles in eine freundliche und versöhnliche Stimmung auszuklingcn. Der Pächter von Reichenbach entließ Alban sogleich aus dem Dienst und als Amcile auf den Wagen stieg, küßte sie die Obcramtmämnn herzlich, aber Amcile war trotz des wicderher- gestelltcn Friedens traurig. Sic ahnte Unheimliches. 107 Zwei Söhne sind heim und fremd. Alban hatte das Reitpferd, das er mitgebracht, hinten an Len Wagen gehenkt, um es in Rcichenbach abzugebcn. Jetzt saß er vor dem Vater und der Schwester und lenkte die gewohnten Thiere. Die Pferde, allzeit rasch wenn cs der Heimath zugcht, waren Ließ heute doppelt i ahnten sic vielleicht, daß ihr junger Herr sie lenkte und daß sie auch ihn wieder heimbrachten? Alban hatte nur immer die Zügel fest anzuhalten. Die drei Fahrenden sprachen kein Wort, diese Versöhnung war so urplötzlich in gewaltiger Ecmüthsüberwallung gekommen und nichts war mit ihr geschlichtet und ausgeglichen. Ameile schloß still die Augen und dachte in sich hinein, was nun geschehen werde, auch mit ihr! der plötzliche unbegreifliche Zorn des Vaters, was war sein Grund und seine Folge? Sie wagte es nicht, jetzt den Vater zu fragen, was er gegen sic habe, sie war ein seltsam und streng ins Haus gebanntes Wesen, nicht einmal auf offener Straße, wo man allein mit einander war, durfte eine Erörterung der Familicnsachen vor sich gehen, das durften nur die vier Wände des Hauses in sich schließen! deswegen war sie ja gegen Alban auf Seite des Vaters gestanden und hatte dieser ihr so viel Liebe zugewcndet. Aus diesem Denken heraus sagte sie nur einmal: „Ich will warten, bis Ihr mir daheim saget, was ich verfehlt Hab." Sie erhielt keine Antwort und im stillen nächtigen Dahinfahren erschien ihr der verflossene Tag wie ein Traum: sie hatte eine vornehme Freundin die sie küßte, und Alban war wieder mit ihnen vereint. Sic öffnete manchmal die Augen, um sich dessen zu vergewissern, und unter dem raschen Aufschlag der Pferde, bei dem Rollen des Wagens hörte sic am Ende nichts mehr als den verklungenen Trompctcnwirbcl, unter dem Dominik den Preis bekommen hatte. Erst in Neichenbach erwachte sie, wo Alban das Pferd abgab, seine Habseligkciten znsammcnrafftc und aufpackte. Man erfuhr auch, daß Dominik das Schwärzte hier zurückgelassen weil cs zu hinken begann! er war allein heimgccilt. 108 Nur um das Schwärzte kümmerte sich jetzt der Furchenbauer mit eifriger Sorgfalt und Beredsamkeit und empfahl dem Wirthe in Reichenbach gute Pflege und Abwartung. Man fuhr weiter. Der Furchcnbauer öffnete den Mund kaum zu den gleichgültigsten Worten. Es war ihm nicht minder unbehaglich, dass mit Alban nichts entschieden ausgeglichen war; die Obcramtmännin, die ihm zudringlich erschien, hatte das verhindert; er hoffte aber doch seht mit dem mürber gewordenen Burschen fertig zu werden und was Zufall gewesen war, erschien ihm jetzt als eine kluge That: Alban hatte ja selber die Petition unterschrieben, die gegen jegliche Gütcrzersplitterung gerichtet war. Alban war auch unzufrieden mit sich. Was er in Jahr und Tag still für sich ausgcsonncn, hatte er gar nicht vorgcbracht. Er war von einem Sturme fortgerisscn, und nur das Eine hatte er richtig festgestellt, daß der Vater seine Unbeugsamkeit anerkennen müsse, weil er sie selber hatte und in seinem Sohne hegte. Alban war indes; noch der Heiterste von den Dreien, er war wieder mit guter Manier daheim, das war die Hauptsache: mit Fortlaufen ist nichts geholfen, die Sache muß aus den; Fleck ausgemacht werden. Spät in dunkler Nacht wie Alban einst aus dem väterlichen Hause entflohen war, kehrte er wieder in dasselbe zurück. Der Kühbub, der trotz des Zerwürfnisses auf dem Hof verblieben war, kam mit der Laterne den Anfahrenden entgegen und leuchtete Alban ins Gesicht, er prallte zurück und schien seinen Augen nicht zu trauen. „Ich bins wirklich," sagte Alban lachend indem er absticg. „Wo ist der Dominik ?" fragte der Furchcnbauer einen zweiten Knecht. „Er schläft schon." „So weck ihn, ich Hab ihm was zu sagen." „Vater," begann Alban, „ich will gern für den Dominik schaffen, was er heut noch zu thun bat. Lasset ihn jetzt schlafen; er muß grausam müde sein; er hat die wilde Kalbin den weiten Weg hin und her geführt und ich hab's gesehen, sie Hut ihm schier den Brustkasten von einander gerissen." „So? Fängst schon gleich so an?" sagte der Vater gedehnt, „bist kaum über meine Schwelte und willst mir drciureden und den Herrn gegen mich spielen? So haben wir nicht gewettet Bürschle, so nicht. Merk dir's. Du kannst morgen schon das Geschäft vom Dominik übernehmen. Jetzt geschieht was Ich sag." Zum Knechte gewendet fuhr er fort: „schick ihn in die Stub' augenblicklich." Er schritt voran und Alban stand eine Minute wie angewurzelt. War er darum zurückgckehrt, um die Stelle des Oberknechtes einzunchmen? Die beiden Hofhunde waren wie toll, der Greif bellte grimmig, er erkannte Alban nicht, das Türklc aber winselte an der Kette und sprang hin und her. Alban löste ihm die Kette und das Thier sprang an ihm empor und leckte ihm die Wangen. Die Mutter lag schon im Bette und trotz dem, das; Ameile gehört hatte, das; etwas mit Dominik Vorgehen solle, vergas; sie jetzt ihres Kummers, eilte zur Mutter und verkündete ihr, daß Alban wieder da sei. „Komm 'rein Alban! komm 'rein," rief die Mutter aus der Kammer, als Alban in die Stube trat; er kam zu ihr und sic bedeckte sein Antlitz mit heißen Küssen. „Gottlob das; ich dich Hab, und sei nur jetzt auch brav und dauk's dein Vater, das; er dich geholt hat. Ach! du riechst so frisch, du bringst mir wieder neue Luft, mein Husten ist weg. Stell die Ampel da vorn hin, noch besser, das; ich dich auch sehen kann; du bist magerer, gelt, Dienstbotcnbrod ist doch ein hartes? Nun Gottlob, das; es vorbei ist. Du hast mich manche Nacht den Schlaf gekostet." So ries die Mutter. Der Bauer kam auch herein, reichte ihr die Hand und sagte: „Er will wieder Alles gut machen, er hat mir versprochen folgsam zu sein in Allem." Er verlies; bald die Kammer wieder und ging in die Stube, denn Dominik war ciugctretcn, fast noch verschlafen taumelnd. Alban trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand; der Knecht rieb sich die Stirne mit der einen Hand, mit.der andern faßte er Alban fest, er wollte sicher sein, das; er nichts träume. „Jetzt freut mich's, das; Ihr mich aus dem Schlaf habt wecken lassen," sagte er mit Heller Stimme. Ohne darauf zu hören, sagte der Furchenbauer sich setzend und die Beine über einander legend: „Ich Hab' was niit dir zu reden. Vom letzten Vierteljahr bin ich dir noch deinen Lohn schuldig und ein Vierteljahr vorher muß ich dir auskündigen. Das ist's. So, jetzt ist's geschehen. „So? Darf ich fragen, warum Ihr mich so Knall und Fall fortschicket?" „Freilich." „So saget mir warum?" „Weil ich will." „Das ist kein Grund." „Haufengenug für dich. Einen andern sag ich dir nicht. Meinst du, du sollst dich berühmcn können, wegen dem und dem, ich weiß nicht wegen was, seist du fortkommcn? Und wenn ich hör', das; du eines von meinen Kindern ins Geschrei bringst, hast du's niit mir zu thun. Bist aber brav, so kannst in einem Jahr oder auch bälder wieder zu nur kommen, heißt das, bei mir Nachfragen." Der Fnrchcnbauer hatte sich trotz seiner schlauen Verdeckt- heit doch verrathen, er sah das schnell und wollte nun die Anhänglichkeit des Dominik an sein Haus ködern und binden. „Wenn's an dem ist", sagte Dominik, „dann geh ich lieber gleich." „Ist mir auch recht. Lieber heut Nacht als morgen früh. Ich bezahl dir noch den Lohn auf vier Wochen, aus Gutheit, das wirst cinschcn, von Kost ist ohnedies; kein Red weil du von selber gehen willst." Alban wollte sich dreinmischen, er hatte aber kaum die Worte gesagt: „Aber Vater", als dieser ihm streng zurief kein Wort zu reden. Er zählte Dominik das Geld auf den Tisch und legte 111 Vas für die vier Wochen besonders. Dominik war eine Minute zweifelhaft, ob er dieses auch nehmen solle und Alban zuckte und hielt sich die Hand vor den Mund als er es wirklich nahm. Er konnte nicht ermessen, das; der von Haus ans allzeit arme Bursch sich nicht das Recht und den Muth zutrautc, seiner Ehre zu lieb einige Gulden wcgzuwcrfen und noch dazu seinem langjährigen Herrn gegenüber. „V'hüts Gott", sagte Dominik und ging mit dem Gcldc aus der Stube. Die Mutter in der Kammer und Alban wagten nicht ein Wort zu reden. Ameile hatte in der Küche Alles gehört. Als jetzt Dominik an ihr vorüberging, sagte sie so laut, daß man es in der Stube hören konnte: „So? Jetzt gehst fort? Nun sob'hüt dich Gott und ich wünsch dir viel Glück." Ganz leise aber setzte sie hinzu: „In einer Stunde unterm Brcitlingbaum im Garten." Sie kam in die Stube, sagte Gntenacht und ging mit Geräusch nach ihrer Kammer und verschloß sie hinter sich. Alban war doch dem Dominik nachgcgangen und hatte ihm herzlich zugcredct, sich nicht unnöthigcn Kummer zu machen, er solle allezeit Bruderhülfe bei ihm finden. Dominik schwieg zu Allem und packte seine Kleider ein. Erst als Alban sagte, daß er ihm wegen Leben und Sterben ein Schriftliches geben wolle über die Darleihen, die er bei ihm gemacht, sagte er, daß es in guter Hand stehe, bis er es brauche um auszuwandern. Dominik wollte noch vor Tage aus dem Hofe fort. Alban kehrte in das Haus zurück. Er ging nach der Kammer wo Vinzenz schon schlief und wo sein Bette noch stand von alten Zeiten. Hinter ihm drein war der Vater geschlichen und lauschte an der Thürc. 112 Heimliche Verabredungen. Als Alban seinen Bruder Vinzenz ans dem Schlafe weckte, rief dieser um sich schlagend: „Thn mir nichts, du darfst mir nichts thun." Alban war erschreckt von diesem Ausrufe und erzählte nun dem Bruder, wie er in Friede mit dem Vater heim- gekehrt, wie Alles gütlich ausgeglichen sei und er dem Vater nachgeben wolle. Vinzenz richtete sich seht im Bette auf und sagte: „Grüß Gott!" Gähnend fügte er hinzu: „Ich Hab arg geschlafen." Alban setzte sich zu ihm auf das Bette und sagte, wie ganz verändert, jähzornig und wild der Vater sei, wie er den Dominik, so plötzlich und hart fortgeschickt, und wie ihn die Kinder als krank behandeln und ihn: in Allem uachgcbcn müßten. „Ich mein'," schloß Alban „die Sünde, daß er dir ein Aug ausgeschlagen hat, läßt ihn nicht ruhen. Wir wollen's vertuschen, so gut als wir können." Der Horchende erbebte. So war seine That Alban bekannt und er konnte ihn der Schande preisgebcn! Eine Minute dachte er, daß Alban doch bis jetzt brav gewesen, er hatte diese grause That doch bis jetzt Niemanden verrathcn; schnell aber sprang er wieder in eine andere Stimmung über: der eigenwillige Bursche wußte also warum der Vater nicht anders handeln konnte, und war doch unnachgiebig! Neuer Zorn gegen ihn entbrannte, in den sich nur noch der gegen Vinzenz mischte, der das Geheimnis; verrathcn hatte. Wenn er Beide hätte enterben können, er hätte es gcthan, und fast schien es besser, den muthigen offenen Alban einzusetzcn, als den hinterhältigen Vinzenz, der doch nur ein halber Mensch war. Alban hatte sich in sein Bette gesteckt und sich behaglich streckend rief er: „Ah! Da ist's doch am besten. Es ist mir wie einem Vogel, der in sein altes Nest kommen ist. Man liegt nirgends bester als daheim. Jetzt horch auf Vinzenz was ich dir sag. Wir machend so. Hörst auch gut zu?" 113 „Ich widersprich nicht, wen» der Vater dir das Gut gicbt nnd cs abschäht wie er will. Ich hcirath die Vrcni und bleib bei dir als Knecht." „So? Das wirst nicht wollen? Das ist nicht dein Ernst." „Freilich, aber nur ans die Art, wie ich's mein'. Wir thun dem Vater nur zum Schein seinen Willen. Er ist bald siebzig und lebt nicht ewig, und wir wollen ihm den Willen lassen so lang er lebt; er soll meinen, das Sach sei alles Dein und bleib bei einander. Du gibst mir aber schriftlich mit zwei Zeugen unterschrieben, das; du nach des Vaters Tod den Hof abschähen löscht von Unparteiischen und zu gleichen Theilen mit mir und dein Ameile thcilst. Auf die Art ist des Vaters Willen geschehen und doch auch wieder keines von den Kindern verkürzt, und wir erhalten den Frieden und der Vater kann in Ruhe seine Tage verleben. Zu Zeugen nehmen wir den Hirzenbauer von Nellingen und unfern Vetter den Gipsmüller, die halten Alles verschwiegen und geheim. Ist das nicht recht? Ist das nicht ordentlich gesprochen? Hast du was dagegen? So gib doch Antwort. Schnarch nicht, ich glaub nicht, das; du schläfst. Das ist falsch von dir, Vinzenz; Hab mich nicht zum Narren. Man kann's ja nicht brüderlicher machen als ich geredet Hab. Vinzenz, gieb Antwort. Ich reis;' dich an den Haaren aus dem Bett, wenn du mich so zum Narren hast. Vinzenz, willst du mich auch des Teufels machen?" Alban sprang aus dein Bette und schüttelte den Bruder, dieser schrie laut auf und that wieder als ob er erwachte. Schon wollte der lauschende Vater zum Schein die Treppe heraufspringcnd zu Hülfe eilen, als er Alban sagen hörte: „Sei ruhig. Ich thu dir nichts. Hast denn nicht gehört was ich gesagt Hab? Hast wirklich geschlafen?" „Halb und halb." „Und was sagst dazu? „Ich versteh die Sach noch nicht recht, aber so viel weiß ich, ich bin zum Krüppel geschlagen und mir gehört was im Voraus. Aucrbach'S Torfg. 4. Bd. 3 114 Ich kann aber heut nimmer viel schmähen. Morgen ist auch eiw Tag. Gut Nacht." Alban erhob im Bette seine Hände und betete: „Herr Gott! Laß mich heut Nacht sterben, wenn ich was Unrechtes will. Ich weiß nicht anders. Es ist nicht meine Schuld, daß ich so bin, ich muß anfangcn, das Unrecht, das von Geschlecht zu Geschlecht gegangen ist, umzustoßen. Ich wollt' es müßt's ein Anderer thun, aber ich muß. Wenn ich Unrecht Hab, nimm mich im Schlaf von der Welt und zu dir —Er murmelte noch unverständliche Worte in denen nur deutlich, wie im gewohnten Kindesgebete, Vater und Mutter verkamen, dann war Alles still . . . Dem Furchcnbaucr schoß es in die Knie, er mußte sich auf die Treppe setzen. War er vorhin bei dem Plane zu seiner Täuschung voll brennenden Ingrimms, so traf ihn jedes Wort im Gebets Albans wie ein Blitzschlag. War das sein hartherziger Sohn? Welch ein Kind war das! Er hatte seine geheimsten Gedanken hören wollen, er hatte sie gehört, sie waren bös und heilig, schändlich und rechtschaffen. Wer hilft da heraus? Lange saß der Vater auf der Treppe in dunkler Nacht und konnte sich nicht erheben. Wer jetzt in sein Antlitz hätte schauen können, hätte den eisenharten Furchcnbauer nicht erkannt. Während hier der ungelöste Bruderstreit vom Vater belauscht sich kundgcgeben hatte, standen unter den: Apfelbaume im Obstgarten zwei Liebende beisammen und sie sprachen wenig und ihre leisen Worte verhallten von keinem fremden Ohre belauscht und zogen hinan zu den. Sternen, die in der Herbstnacht hell glitzerten und funkelten. „Was soll denn das jetzt noch?" hatte Dominik zu Ameile gesagt. „Es ist bester, du bist frei, ich will dir nicht vor dein Glück stehen und mit mir hättest du nur Elend und glaub mir, ich könnt's nicht ertragen, wenn du nicht mehr leben könntest wie Lu's gewöhnt bist." „Ich bin an nichts gewöhnt als an dich und dabei bleib ich^ und wenn ich von Vater und Mutter und von der ganzen Welt fort muß, mit dir geh ich nach Amerika, wie wenn's nach Nei- chenbach wär'. Ich will froh sein, wenn ich aus unsenn Haus bin, da ist ja jedes immer wie eine geladene Pistol. Ich will Gott danken, wenn ich nur dreimal Kartoffeln des Tages Hab und Ruhe und Friede dazu, aber sie müssen mir mein Vcrmö- gcnthcil geben, im nächsten Jahr wcrd ich großjährig. Halt nur fest aus wie ich. Tu mußt wegen meiner aus dem Haus. Ich weiß es. Aber da drin in meinem Herzen bleibst du und da kann dir kein Vater und kein Meister anständigen. Da hast mein' Hand, dich nehm ich und keinen andern." Dominik faßte die dargereichte Hand nicht, er sagte nur: „Du kannst ans Einmal reden wie eine Große —" „Ich bin kein Kind mehr." „Freilich, aber deiner Eltern Kind bist noch und dagegen will ich dich nicht aufstiftcn." „Weil du kein'Kurasche hast", sagte Amcile zornig und Dominik crwiederte: „Ich Hab mehr als du glaubst, ich könnt' für dich durch's Feuer laufen, ich thät'mich nicht besinnen. O Ameile!" seine Stimme stockte und sich an seinen Hals hängend rief das Mädchen: „Was? Wer wird heulen? Rechtschaffen und lustig —" Die Beiden redeten lange kein Wort mehr, der Quell des Wortes war versiegelt, in stiller Nacht hingen sie Lippe an Lippe. „Sich den Stern", rief Amcile nach einer fliegenden Sternschnuppe den Kopf wendend, aber nicht nach ihm dentend, denn cs ist bekannt, daß man mit Hindeuten nach einem Stern cincni Engel die Augen aussticht. Ju begeistertem Tone fuhr Ameile fort: „Weißt noch wie du mir gesagt hast, ein Sternschuß ist ein verirrter Stern, der wieder an seinen Ort heimkohrt? So sind wir zwei jetzt auch. Da, jetzt wollen wir uns Braut und Bräutigam heißen. Du mußt mir eine Trau geben. Weißt was? Deine Denkmünze, das ist mir das liebste." „Ich Hab sie nicht mehr." „Wo hast sie denn?" „Ich Hab sie meiner Mutter geschickt. Ich Hab sie dem Hirzenbauer versetzt, daß er meiner Mutter ein paar Gulden geben 8 " 116 soll. Ich hätt dir dos nicht sogen sollen, ich will mich ober nicht berühmen. Ich hob im Gegentheil on meiner Mutter bisher zu wenig gethon." „Vor mir darfst dich bcrühmc», das ist mir lieb, daß ich seht auch weiß wo du hin gehst. Ich bin doch dumm. Ich Hab gemeint, dn mußt in die wilde Welt hinaus. Tu hast ja auch ein' Mutter. Das ist gut. Grüß sie von mir und sag ihr, sie soll mir mein' Trau gut aufheben und soll sich am Leben erhalten, bis sie auf unserer Hochzeit lustig ist. Und wenn dir was vorkommt, daß du eine Annahme brauchst, geh nur zur Oberamtmännin und sag's ihr nur frei, du seist heimlich mein Hochzeiter, sie weiß schon so was, und die wird dir in Allem helfen und bci- stehen, die hat den klaren Verstand zu Allem und ist so grad wie eine rechtschaffene Bauernfrau, gar nicht wie eine Hcrrcnfrau. Und noch eins: verding dich nicht in einen andern Plaß, du wirst dir schon so forthelfen und thu's mir zu lieb und geh heut nicht in der Nacht fort, du hast nacht (vergangene Nacht) nicht geschlafen und bist müdi wart bis Tag ist." Noch Vieles plauderten die Liebenden zusammen in Scherz und Ernst, sie wollten gar nicht von einander lasten i endlich aber mußten sic sich doch trennen. Amcile ging still und gedankenvoll nach dem Hanse, sie öffnete cs leise. Als sie die Bühnentreppe Hinanstieg zu ihrer Kammer, die der Schlafkammer der Brüder gegenüber war, wurde sie plötzlich von starken Händen gefaßt und eine Stimme rief: „Wer bist? Wer ist da?" Ameile schrie lautauf. Die Mutter kam mit Licht herbei und sah wie der Vater die Tochter fest in den Armen hielt. „Du bist's?" rief der Vater, „So? Ich weiß wo du gewesen bist, aber still, still, nicht gemuckst, daß Niemand im Hause etwas erfährt, still sag ich." Er schleppte Ameile nach ihrer Kammer schloß sic ein und nahm den Schlüssel zu sich. 117 Ein lirmcs Kind im Elternhaus. Ein gut gestelltes Hauswesen geht ordnungsmäßig fort, ohne täglich frisch aufgezogen zn werden. Der rasche Taktschlag der Drescher war schon laut, als Dominik ärgerlich ob seines langen Schlafes erwachte, er besann sich aber, daß er ja das Haus verlassen muffe, aus dem er so plötzlich gewiesen war. Er sputete sich. Verwirrt schaute er sich im Hofe um; wie viel hundertmal hatte cr's gehört und sich selbst gesagt, daß er wie das Kind im Hause gehalten sei und jetzt — abgelohnt, fortgcschickt, du gehörst nicht mehr hieher. Da war kein Werkzeug im Hofe, das er nicht gchandhabt, an dem er nicht etwas gerichtet hatte, jedes Thier kannte ihn, seinen Tritt und seine Stimme, und jetzt — hinaus, fort, das geht dich Alles nichts an. — Aus dem Hause stieg der morgendliche Nauch auf, dort wird keine Suppe mehr für dick- gekocht, du holst dir dort nicht mehr unter Scherz und Neckerei eine glühende Kohle für deine Pfeife. Wo nur Ameile sein mag, daß sie sich nicht einmal vorübergehend am Fenster oder unter der Thürc zeigt? Da drinnen lebt Alles weiter als ob du nie dagewcsen wärest, und wer weiß, ob sic nicht auch Amcile dazu bringen? Nein das nicht, das wird nie sein. Wie wird's ans- sehcu, wenn du wieder in die Stube trittst und die Tochter begehrst? Bis dahin muß die Welt anders werden. Noch nie in seinem Leben war Dominik an einem Werkcl- tags-Morgcn so lange müßig dagestandcn, heute konnte er nicht vom Fleck und er durste ja thun und lasten was er wollte, er war Herr über sich und seine Zeit. Dennoch war s ihm manchmal wieder, als müsse er auch zu den Dreschern; das ist die gewohnte Ordnung, das muß sein, davon kann ibn Niemand abhalten. Eine Weile lächelte er vor sich hin, indem er dachte, wie der Meister aufschauen würde, wenn er ohne ein Wort zu sagen, nnt den Dreschern zum Morgenimbiß käme. Es wird ihm selber Recht sein, daß seine Uebereilung nicht ausgcführt ist; ec ist allezeit so hitzig und denkt oft in der nächsten Minute nicht mehr daran. Wenn er dich aber vor allen Leuten aus dem Hause jagt? 118 Was dann? Gestern vor aller Welt für treue Dienste mit der Denkmünze belohnt und heute mit Schimpf und Schande aus dem Hans gejagt. — Was wird Amcile dazu sagen? Bis jetzt hast du selber aufgckündigt und kannst mit Stolz Weggehen, und das musst du wenn der Bauer nicht kommt und dich holt. Sich, die Thüre öffnet sich, nein, es ist die Grosimagd, die nach dem Brunnen geht, um Wasser zu holen, sie ruft Dominik zu: „So, du bist noch da? Glück auf den Weg." Sic trommelte mit einem Scheit Holz auf dein Kübel zum Acrgcr des Dominik, denn nach altem Brauche ist dies Trommeln auf den Kübel ein herkömmliches Zeichen des Spottes und der Mißachtung gegen einen „wandernden" Dienstboten. Sic ging nach dein Brunnen und während sie wartete, bis der Kübel voll war, sang sie: Heut ischt mein Bündclcstag Morn*) ischt mein Ziel, Schickt mi mein Bauer fort Geit**) mir et viel. Dominik kehrte zurück nach der Stallkammcr, schnürte seine Gewandung noch fester zusammen, hob sic ans die Schulter und verließ den Hof ohne sich noch einmal nmzuschauen. Er hatte schon zu lange gezögert. Als er aber jetzt an das äußere Hofthor kam, wurde ibm doch eine Ehrenbezeugung. Tie Knechte kamen mit Peitschen, an deren schwanke Spitzen sie rothe Bänder geknüpft hatten, und nun begannen sie allcsammt nach einer bestimmten Melodie zu knallen, daß es weithin schallte. Dominik dankte für dieses Ehrengeleit, denn wie man einem Soldaten ins Grab schießt, so gilt cs als Ausdruck der Ehre und Liebe der Mitdienendcn, daß man einem wandernden Dienstboten nachknalle. Dominik ging fürbaß. Er trug schwer auf der Schulter, aber noch schwerer im Herzen. Als er den Hof hinter sich hatte und an dem Garten vorüber kam, wo der Apfelbaum stand, unter dem er noch gestern Nacht Morgen. Giebt. 119 Ameile in den Armen gehalten, da glühten ihm die Wangen, die ganze Liebe des treuen nnd plötzlich so starken und selbstständigen Mädchens lebte wieder in ihm auf; er schalt sich, daß er immer nur an sein Kncchtslcbcn gedacht hatte, Ameile hatte Recht, ihm fehlte der tapfere Muth, er dachte zu viel daran, daß er ein armer Bursch sei und wie er barfuß als Kühbnb auf den Hof gekommen. Es sind schon Mindere hoch hinauf gekommen, hall dein Glück fest und zeig', daß du es Werth bist. . . An der Hauskapelle, da wo der Weg umbicgt und abwärts in's Thal geht, dort stand Dominik noch einmal still schaute nach dem Hof zurück, wo jetzt der Taktschlag der Drescher verstummte, sie gingen zum Essen und fast laut sagte Dominik vor sich hin: Als Haussohn will ich da aus- und cingehen. Es ist ein tiefdcutiger Spruch: Ein Mädchen, das ein aus- gelöschtes Licht aus dem glimmenden Dochte wieder anblasen kann, ist eine reine Jungfrau. War die Liebe des Dominik nicht schon einmal ausgelvscht? Und wie hclllcuchtend hatte sie der Athcm Ameile's wieder angefacht. Die Gedanken des Dominik, noch vor Kurzem so betrübt und unverzeihlich weichmüthig, wurden auf Einmal freudig und fest. Nur über Eines war er noch nicht mit sich im Reinen: ob er es gradezu aller Welt sagen solle, daß ihn Ameile liebe und daß er darum aus dem Hause mußte, oder ob er dies; noch verschweigen und sich eine Zeitlang übler Nachrede aussetzcn sollte. Wieder wollte ihn die gewohnte Demuth noch einmal überkommen, aber er bewältigte sie und faßte den unabänderlichen Vorsatz, denen, an deren Meinung ihm liege, den Sachverhalt mit- zutheilcn, vor Allem dem Hirzenbaucr, ob auch der Mutter und den Geschwistern, das wird sich zeigen. Wohlgemuth zog Dominik seines Weges. Heute konnte er welchen Weg er wollte cinschlagen, heute befahl ihm Niemand mehr. Du bist dein eigner Herr sagte er sich, aber doch stieg er wieder den Henneweg hinauf. Der Nebel stand fest über Thal und Wald, von den Zweigen flößen Tropfen, aber Dominik wandelte hin wie in lauter Sonne und lichter Freudigkeit. Als er 120 wieder auf dem begrasten Wege und endlich am Grenzsteine des Fnrchengntes dort an der Waldeslichtung war, dachte er nicht mehr an die Pachtung der Schafweidc: er wollte mit seinem Amcilc ein gut Stück von diesem Gute haben, und wenn nicht im Boden selbst, doch in Geld. Noch einmal dachte Dominik, ob eS nicht klüger wäre, wieder umzukchrcn und nach Neichenbach zu gehen, dort war seht Albans Stelle offen, das war ein Ehrenplatz, und er war näher beim Furchenhof; aber Ameile hat ihn gebeten, nicht in einen neuen Dienst zu treten. . . Währenddes kleberlegens schritt er immer rasch voran, er wollte, wenn er sich anders entschließe, keine Zeit versäumt haben, und wirklich blieb er auch dabei, zu seiner Mutter zu gehen. Dorthin hatte ihn auch Ameile gewiesen, dort waren ihre Gedanken bei ihm, und er mußte für An,eile die Trau auslösen? Jeder Schritt ward ihm leicht und zur Freude, denn er ging ihn für Amcilc. In Klurrcnbühl im Wirthshanse hielt er an und traf heute große Bewegung, einer der angesehensten des Dorfes wurde heute vergantet und ihm seine Liegenschaften verkauft. Man erinnerte Dominik, wie vor fünf Jahren hier ein großes Hofgut, das er noch gekannt hatte, zerschlagen wurde; der heut zu Vergantende,, ein fleißiger, haushälterischer Mittelmann kaufte übermäßig viel ein und nun ist er schon der Dritte, der dadurch vergantet wird, zwei Mißernten und die Kapitalschnldcn erdrückten ihn und nun ist auch sein früheres Bcsitzthum damit verloren und er ein Bettelmann. Die Leute, die Dominik kannten, staunten, als er fragte, was denn das ganze Anwesen betrage und koste, und als er auf die Auskunft erwicdertc: Das war mir zu klein. Dominik sah schon vor sich, wie er ein mittleres Gut kaufte, es durch Fleiß und Bcwirthschaftung höher hob und am Ende doch noch Amcile in ein Glück setzte, wie es ihr gehörte. Er war jetzt in der Stimmung, daß er auf die halbe Welt ein Anbot gethan hätte, so frisch ausgerüstet fühlte er sich. Fast vor seinem eigenen Muthe fliehend ging er beim Beginn der Versteigerung davon, und immer wchmüthiger ward es ihm jetzt im Herzen, daß er mit jedcnr 121 Schritt weiter weg von Amcilc sei. Es fiel der erste Schnee, der aber alsbald wieder zerging und der abgerissene Klang aus dem Liede zog Dominik durch den Sinn: Berg und Thal, kalter Schnee Von Herzlieb scheiden und das thut weh. Wann wird er den Weg wieder zurückkehrcn, freudig getrieben von lockender Glückseligkeit? Wenn nur Ameilc nicht gar zu hoch über ihm stünde! Freilich, sie hat ein festes Herz, aber sie weiß doch noch nicht was es heißen will, aus solch einem vollen Hause fortzugchen: der Milchkeller ist allzeit voll und es ist etwas anderes, wenn man jeden Tropfen sparen muß; daheim ist die Mehltruhe, der Schmalztopf allzeit gefüllt, da heißt es nur, geh da geh dort hin und schöpf; wie aber daun, wenn's klein hergeht und wenn man nach dem was man braucht überallhin ausschicken muß? Wir wollen mit Lieb und Freud jeden Bissen salzen und schmalzen. Ein guter Kamerad gesellte sich unversehens zu Dominik und der wußte die beßtcn Herzensgedanken, und der Kamerad war das Lied, das er also vor sich hinsang: Es steht ein Baum in Oesterreich Der kriegt Mnskatenbluth, Die erste Blume, die er trug War Königs Töchterlein. Dazu da kam ein junger Knab, Der freit um Königs Tochter; Er freit sie länger als sieben Jahr Und kann sie nicht erfrcicn. Laß ab, laß ab du junger Knab, Tu kannst mich nicht crfreien; Ich bin viel höchcr geboren denn du Bon Vater und auch von Mutter. 122 Bist du viel Köcher geboren denn ick, Vom Vater und auch von Mutter, So bin ich dein Vaters gedingter Knecht Und schwing dem Rößlein das Futter. Bist du mein Vaters gedingter Knecht, Und schwingst dein Rößlein das Flitter, So gicbt dir mein Vater auch guten Lohn Daran laß dir genügen. Der große Lohn und den er giebt, Der wird mir viel zu sauer! Wenn andre zum Schlafkämmerlein gehn, So muß ich zu der Scheuer. Des Nachts wol um die Mitternacht, Das Mägdlein begunntc zu trauern Sic nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wol zu der Scheuer . . . Das war ein braves Lied. Dominik wußte wohl, cs hat noch mehr „G'sählc", aber er kannte sie nicht und erinnerte sich nur, daß der Knecht des Königs Schwiegersohn wurde. Und was in alte» Zeiten geschebcn ist, kann auch wieder geschehen. Und wcnn Ameilc auch „Köcher ist denn er von Vater und auch von Mutter," so ist sie doch keine Königstochter und hat ihn gewiß mehr lieb als die von alten Zeiten. „Dich nehm ich und keinen andern" das sind ihre Worte gewesen. Wcnn's nicht wahr wär' hätt man kein Lied darauf gesetzt. Und Dominik sang die Verse aber- und abermals mit voller Lust und heute hörte er nicht auf den Ruf der Gabelweihe, nicht auf das Klingen der Hcerden und das Singen der Hütenden, er wußte nichts vom Weg und nichts von allem rings umher, er ging nicht ans der Erde, er ging im Himmel. In Jettingen erwachte er wieder plötzlich wie aus einem Traume, hier wo er gestern das Schwärze eingestellt hatte, ließ er jetzt seine Habscligkeiten zurück und wanderte ledig nach seinem Geburtsorte. Er wollte nicht unterwegs Jedem Red und Antwort stehen, weil er seine Habe bei sich trug und jetzt fiel cs ihm doch wieder schwer aufs Herz, das; er so Knall und Fall fortgeschickt war; er konnte ja nicht Jedem sagen, wie ganz anders sich das noch wenden müsse. Heute ließ er sich Zeit zu dem Wege nach Nellingen, und war er ihm gestern unbegreiflich lang erschienen, so däuchte er ihm heute eben so unbegreiflich kurz. Er dachte sich aus, wie seine Mutter und Geschwister seine Rückkunft aufnehmcn würden und wie er sich dabei stellen solle, als er schon vor dem elterlichen Hause stand. Glücklicherweise war Niemand daheim als zwei kleine Bruderskinder und Dominik ging bald wieder fort und geraden Weges zu dem Hirzenbauer. Nach den; ersten Erstaunen und nachdem er mit auffallender Hast die verpfändete Denkmünze ausgelöst, erzählte er dem Hirzenbauer den ganzen Hergang. Der Hirzenbauer wollte nun seinem Spott über den Furchenbaucr Luft machen, Dominik fiel ihm aber ins Wort indem er sagte: „Redet nicht so von meinem Meister, ich darf das nicht mit anhören," „Ja so," lachte der Hirzenbauer, „er wird ja dein Schwäher." „Das steht noch im weiten Feld." „Nein, nein, was ich dabei thun kann, soll mit Freuden geschehen. Was willst denn jetzt anfangcn?" „Wenn Ihr mich als Drescher brauchen könnet, war mir's recht." „Gut, das kann schon sein, und es mangelt uns grad ein Knecht, da kannst dieweil aushclfcn und bist auf den Sprung wcnn's auf den Furchcnhof losgeht, denn da gcht's noch durcheinander. " Als Dominik fortgehen wollte, sagte der Hirzenbauer: „Wart ein bisle, ich geh mit dir. Ich will's deinen Leuten schon zu verstehen geben, das; du was hast was du ihnen nicht sagen kannst und das; sie noch Ehr' an dir erleben. Die Schwä- gerin ist gar anfcchlig *), die meint gleich, du trägst ihr das halb Haus weg. Dein Mädle hat mir gestern wohl gefallen und die hat ganz das Ansehen dazu, die führt aus was sie will." Wie glückselig war Dominik als er mit dem Hirzcnbauern durch das Dorf ging. Das war doch noch ein Ehrenmann, der sich eines Jeden annahm sei cs wer cs wolle, und der crricth wo es einem fehlt, und wie brav war's, daß er an die Hcirath mit Ameile so fest glaubte, und er wußte doch nicht einmal Alles was sie ihm heilig versprochen hatte. Bei den Angehörigen des Dominik, die diesen nur mit halber Freude willkommen hießen, wußte der Hirzcnbaucr Alles sein herzustellen. Man schien zufrieden und ihm zu trauen, aber doch nur halb. Dominik sollte erst später erfahren warum. Das aber stand jetzt schon fest, der Hirzenbauer nahm sich des Dominik an wie seines Grundholden, und er wachte über sein Schicksal und freute sich über dasselbe wie ein Menschenfreund. — Es ist keine Mutter so arm, sic hält ihr Kindlein warm, sagt ein gutes Sprüchwort, das zeigte sich auch an der Mutter des Dominik. Vor dem älteren Sohne und der Schwiegertochter zeigte sie ihre Liebe nicht, ja sie that auch wie die Anderen fast erzürnt über seine Rückkehr; als sie aber mit ihm allein war, öffnete sich ihr ganzes Mutterherz, das sich in den Worten aussprach: „Und wenn du aus dein Zuchthaus kämst, du wärst doch mein liebstes Kind, du bist von kleinauf die beste Seele gewesen." Die Mutter wußte nicht anders als Dominik habe sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht, sonst wäre er ja nicht so plötzlich gekommen und hätte nicht den Hirzenbauer zu seinem Fürsprech geholt. Dominik konnte der Mutter nicht sagen, was vorging, sie hatte ihm ja geklagt, daß sic das gestern erhaltene Geld der Söhnerin gezeigt und ihr habe geben müssen und er wußte wohl, daß sie noch weit weniger als Geld ein Geheimnis; vor der Schwiegertochter bergen konnte, mit der sie doch scheinbar in stetem Unfrieden lebte. Die Mutter war redselig und da sie Niemand anders hatte als die Söhnerin, sprach sic mit ihr Alles aus. Jeden Tag war sic nun glücklich, denn Dominik war ehrerbietig und liebreich gegen sic, was sie schon lange nicht gewohnt war. Auf dem Hirzenhofe unter den Dreschern erfuhr Dominik die seltsame Stimmung seines Heimathsdorfes und seht wußte er auch, warum die Seiuigeu nur halb erfreut und befriedigt waren, als der Hirzenbaucr sich seiner aunahm. Der Hirzeubaucr hatte seinen Hof zcrthcilt und das ganze Dorf war darüber er- bost. Ein Jeder, auch der ärmste Häusler, war stolz darauf gewesen und rühmte sich dessen auswärts, aus einem Dorfe zu sein, wo ein so großer Bauer wie der Klein-Rotteck auch daheim war; jetzt war einem Jeden etwas von seinem Glanze genommen und man war aufgebracht gegen den Hirzenbaucr und hatte nur noch den halben Respekt vor ihm. Ein Schneider, der mit unter den Dreschern war, erzählte: „Es geht uns grad wiedenHcchingern. Ich bin vor kurzem wieder dort gewesen. Ihr könnt euch gar nicht denken wie elend das Städtle jetzt dran ist. Früher Halls doch einen Glanz gehabt und seinen Fürsten und Alles, und jetzt können sie Blut schwitzen und haben nichts und sehen nichts. Der Hirzenbauer ist unser Fürst gewesen und jetzt wird Alles lauter Lumpeu und unser Nellingen das elendeste Nest so weit man Hosen flickt." Dominik stand allein mit seinen Entgegnungen, er konnte den Bcttelstolz, der an Härtnäckigkeit keinem andern Nachsicht, nicht besiegen: er wußte aber auch keine Antwort auf das praktische Vorhalten, wie beim nächsten Geschlecht, wenn der Hirzen- .hof noch einmal vcrschnitzelt wäre, jeder Abkömmling Alles allein bewirthschaften könne, dann hätten die armen Leute im Orte keinen Wintcrverdienst mehr und müßten auswärts Arbeit suchen und halb verhungern. In der Abendruhe saß Dominik jedesmal beim Hirzenbaucr. Dieser hätte wohl ein Mcnschcnverächtcr werden können, wenn seine Natur dazu angelegt gewesen wäret er kannte genau die Lage in der er sich befand und wie die Menschen um ihn her 126 ihm gesinnt waren, er glich einem mediatisirtcn Fürsten, dessen Herablassung kaum noch halb als dieselbe angesehen wird. Er ließ sich dadurch nicht abhalten, seine Wohlmeiuenhcit in doppelter Macht Jedem kund zu geben, aber einen gewissen Spott konnte er manchmal nicht zurückhalten, daß man ihm verargte weil er gethan, was recht und billig ist, und in diesem Bewußtsein beharrte er. Er erzählte Dominik, wie er ein Testament aufgesetzt habe, daß der Boden nur bis zu einem gewissen Grade zertheilt werden solle, sei es so weit, so sollten die klebrigen auswandern. Es war eine eigne Erregung, als Dominik einmal hierauf sagte: „Jetzt das gefällt mir, so thät ich's auch machen und dabei bleib' ich." Der Klcin-Rotteck verhehlte sich nicht, welch ein Widerspruch darin lag, daß er für künftige Zeiten eine Beschränkung heischte, die er jetzt aushob; aber er wußte keinen andern Ausweg. „Man muß thun, was man in seiner Zeit für Recht hält, andere Zeiten können's wieder anders machen," war sein Wahlspruch. Schön ist der Baum mit seinen farbigen Blüthen, schön ist der Baum mit seinen farbigen Früchten, aber schöner ist ein Tisch, daran Vater und Mutter sitzen und um sie her die zahlreichen Kinder, die mit vollen Wangen und Hellen Augen die vielfältige Schönheit des Lebens erweisen, ehrwürdig ist der Mann, der sie sättigt und tränkt, selig die Mutter, die sie unter dem Herzen getragen und niit stillem Ernste unterweist. Auf dem Hirzenhofe war ein anderes Leben als beim Furchenbauer, stattliche Schwiegertöchter, vollwangige Enkel gingen aus und ein und überall war ein schön gesättigtes Leben in Arbeit und Frohmuth. Der Hirzenbauer bewahrte daheim und in seinem Wcrktags- gcwande allzeit eine gewisse phlegmatische Ruhe, eine langsame Stetigkeit in Reden und Mienen und in allem Thun. Das lag nicht nur in seiner Natur, sondern auch bei allem Freimuthe im Bewußtsein seiner höheren Stclluug. Kleine Leute, denen kommt es zu, ein aufgeregtes, gehetztes, leidenschaftliches Leben zu haben; 127 ein Großbauer muß allezeit mit cisenfester Gemessenheit zu Werk gehen; das schickt sich nicht anders für ihn, so verlangt es seine Würde. Wenn hier ans dem Hirzcnhofe etwas erörtert wurde, merkte man wohl die natürliche Oberherrlichkeit des Vaters, aber es kam nie zu tyrannischen Machtsprüchcn, es gab nie ein lautes Wort. Unserm Dominik erquickte das Reden und Thun des Hirzenbauern das Herz, und dennoch erschien ihm wieder die Welt oft ganz verwirrt. Dort auf dem Furchenhofc war Zwietracht wegen ungeteilter Vererbung des Gutes, und hier schimpften die Leute im Dorfe, weil man das Gut zertheilt habe und der Bruder des Dominik wollte diesen auch aufhetzen, mit ihm und Anderen einen großen Prozeß anzufangcn; sie waren ja auch Nachkommen eines abgefundenen Sohnes vom Hirzeuhof, nur wenn das Gut beisammen blieb, hatten sie keinen Anspruch, jetzt aber waren sie auch zu einem Erbtheil berechtigt. Dominik, der sich der Betheiligung an diesem Prozesse weigerte, erfuhr nun doppelt, wie mißachtet er im elterlichen Hause beim Bruder war; ehedem, wenn er auf Besuch kam, war er geehrt und geschätzt, jetzt gilt er nichts mehr, weil er nichts mehr ist und fast wird er als ein Eindringling angesehen, der draußen in der Welt verjagt wieder ins Nest zurückkehrt. Die Mutter wagte es nur im Geheimen ihm ihre Liebe zu bezeigen, vor den anderen mußte sic scheinbar zu ihnen halten; sie mußte ja mit ihrem verhciratheten Sohne und ihrer Schwiegertochter leben, Dominik konnte ihr nichts helfen. Vom Furchenhofe verbreiteten sich plötzlich seltsame Gerüchte, die Einen sagten, der Furchenbauer habe den Alban so geschlagen, daß er am Tode läge, die Anderen sagten, Alban habe den Bruder erstochen. Es duldete Dominik nicht mehr länger in der Ferne. Es war ein wunderlicher Geleitsspruch, den der Hirzenbauer dem abschiednehmcndcn Dominik mit gab, denn er sagte: „Wenn du auf den Furchenhof kommst, tritt fest auf. So lang man einen für gutmüthig hält, trampelt ein Jedes auf einem herum. Ich Hab dich in den Tagen neu kennen gelernt. Glaub mir, die Menschen kriegen erst Respekt vor einem, wenn man ihnen die Gurgel zusammenpreßt, das; sic nimmer schreien können. Steh fest hin und wenn du jetzt nicht Meister über den Furchenbaucr wirst, wirst du's nie." Kaum acht Tage waren es seit Dominik diesen Weg beschritten, als er wieder eilig auf demselben znrückkehrtc. Er hatte nichts mitgenommen, als seine Denkmünze. Die Angst trieb ihn unaufhaltsam vor sich hin. Es überlief ihn heiß und kalt, wenn er sich ausdachte, was geschehen sein könnte, und einmal schlug er sich heftig auf die Stirne, als träfe er damit leibhaftig den Gedanken, der dort entsprungen war, denn es fuhr ihm durch den Sinn, ob nicht aus dem Unheil der Familie sein Heil erwachsen könne. Er wünschte einem Jedem Heil und Friede, er wollte ihnen nur in der Wirrniß beistehen und machte sich jetzt Vorwürfe, daß er fortgegangen war, während er doch sah wie über dem Hause, dem er treu angehörtc, bös Wetter auf's Nene anf- zog. Es ist ein alter Glaube, wenn man mit Fingern auf ein Gewitter weist, dann schlägt es ein. Hatte Dominik das gcthan? Mitten in allen Bangen, Sorgen und Selbstanklagen dnrch- flammte wieder die Liebe das Herz des Dominik, denn es ist eine sattsam bekannte Wahrnehmung, daß gerade mitten in den Erschütterungen des Lebens oft dieses am meisten nach Liebe lechzt. Dominik schärfte sich die Lippen und genoß im Voraus die Küsse, deren Süßigkeit er so lange entbehrt hatte. Und heftiger klopften seine Pulse und rascher gingen seine Schritte, er ging zwei Armen entgegen, die sich selig ansbreitcn, um ihn ans Herz zu schließen. Ein reiches Kind im Elternhaus. Am selben Morgen, an dem Dominik den Furchenhof verkästen, war es im Hause wirr hergegangen. Natürlich konnte sich Ameile nicht am Fenster und nicht an der Thüre zeige», 129 denn sie sas; im Stüble bei der Mutter und weinte, das; ihr die Augen schwollen, diese Augen, die sonst nur mit Hellem Freudenglanze in die Welt hinein lachten. Der Vater hatteAmcile schon früh aus ihrem Gewahrsam geholt und es war ihm ein Leichtes mit harten Worten und der drohend aufgehobenen Hand das Mädchen zusammen zu brechen, daß es auf den Boden sank. Der Vater ließ sie am Boden liegen und ging, die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, die Stube auf und ab; er fuhr fort, ihr Vergehen in heftigen Worten zu züchtigen und mit der Faust an die Wand schlagend verwünschte er sein Mißgeschick, das ihm lauter widerspenstige Kinder gegeben, die ihn in Schande und vor der Zeit unter den Boden bringen; aber er schwur, ihrer Meister zu werden. Als er aber jetzt gegen Dominik, „den Heuchler und Verführer, den meineidigen treulosen hergelaufenen Lumpenbuben" loszog, da sprang Ameile plötzlich auf, stellte sich fest vor den Vater hin und sagte: „Vater, Ihr könnet mit mir machen was Ihr wollet, aber das leid' ich nicht; ja, gucket mich nur so an, Ihr könnet mich todtschlagen, aber das leid' ich nicht, er ist ehrlich und treu und rechtschaffen und er hat mich nicht verführt und wir können vor Gott und der Welt hinstehen und frei aufschauen, und daß er arm ist, das ist kein Schand. Mein Dominik —" „Dein Dominik? Wart ich will dich dein Dominik —" „Ja, das wird ein' Kunst sein, eine arme Tochter, die sich nicht wehren kann, zu schlagen. Die gut' Obcramtmännin die bat's geahnt, die hat nicht umsonst gestern aus heiler Haut zu mir gesagt: Mädle, wenn du einmal Beistand brauchst, vergiß nicht wo ich bin. —" Es dröhnte ein polternder Sturz an der Kammerthüre und man hörte kein Wort mehr in der Stube. Die Mutter kam aus der Kammer, sie sah schnell was geschehen war, Ameile lag am Boden und der Vater saß am Tische und hielt die geballte Faust auf demselben. Sie führte Amcile schnell in die Kammer und ließ nicht ab, bis sie sich auf das Bett setzte, dann eilte sie zu ihrem Manne und redete ihm mit klugen Worten zu, doch kein Suerbach'S Dorfg. 4 . Bd. 9 130 Aussehen zu machen, man müsse die Sache vertuschen; reize er aber das Kind, so mache cr's damit ja ärger, das Kind habe nichts mit dem Knechte, cs sei nur eine alte Anhänglichkeit, das Kind sei gescheit und werde sich auch wenn etwas wahr sei, so eine Narrheit bald aus dem Kopf schlage»! mache man aber viel Wesens daraus und käme so etwas in der Leute Mund, so mußte man Ameile mehr als das Doppelte Heirathgut geben, um sie an den rechten Mann zu bringen. Diese Gründe leuchteten alle dem Fnrchcnbaucr Wohl ein und er jagte nur noch: „Aber das Tenselsmädle will die Sach selber an die große Glvck hängen und will Alles der Obcramt- männin bericbtcu." „Das ist nur so gered't. Wenn man gehaßt und gejagt wird, da sagt man Mancherlei was man nachher doch nicht thnt. Da laß nur mich dafür sorgen. Jetzt sei lind gegen das Mädle und verscheuch mir's nicht. Hör nur wie es heult, cs stoßt ihm ja säst das Herz ab. Jetzt laß mir heut den Frcndentag weil unser Alban wieder da ist und halt' Friede. Meine Kinder sind so brav und w'ch bräver wie andere, und du mußt so gut Alles in Frieden und Gutheit Herstellen können wie jeder andere Bauer, und wcnn's nicht ist, denk nur, cs ist deine Schuld." „Nicht meine, sag das nicht, cs ist nicht meine." „Das wollen wir jetzt nicht ausmachen. Ameile!" rief sie laut, „geh' naus und thu Schmalz und Mehl 'raus und back Sträuble. Hurtig, mach voran, seit wann muß ich dir was zweimal sagen? Wasch dir die Augen ab und laß dich vor den Mägden nichts merken. Sei brav und mau hält dich brav." Der kindliche Gehorsam in der Wirthschafllichkcit bewältigte den Kummer in dem sich Ameile fast verzehren wollte: ihr Geliebter war aus dem Hause gejagt und sie selber mißhandelt. Noch als sie am prasselnden Feuer stand, rann ihr manche Thräne über die Wangen und sic sagte der Großmagd, daß sie heute der Rauch so sehr beiße. Mit Trauer und Klage im Herzen buck sie den Festkuchen. Als ihr die boshafte Großmagd, die Wasser geholt hatte, erzählte, wie sie den Dominik verhöhnt habe, der dagestanden sei wie der Gott verlas; mich nicht, kam kein Laut der Erwiederung über Amcile's Lippen; sie war der Großmagd nicht einmal böse. Warum sollten fremde Menschen bester sein als die eigenen Angehörigen? Alban kam mit freudiger Morgenfrische in die Küche, die Hinterhältigkeit des Bruders war ihm ganz aus dem Sinn gekommen. Alban hatte in aller Frühe geordnet und gewirthschas- tct und es that ihm wohl, wieder im väterlichen Hause zu walten und die Freudenbczeugungcn der Taglöhner und Dienstleute erhellten ihm das Gemüth. An Dominik dachte er kaum mehr, er war ein Knecht, er hatte ihn freilich besonders lieb und war ihm zu Dank verpflichtet, aber es ist doch nicht von besonderer Bedeutung, wenn ein Knecht aus dem Hause zieht. Das Herz, das lange der Freude entbehrte, wird oft so eigensüchtig, daß es sich jedes störende Bcgegniß gerne ablcnkt. Alban hörte den betrübten Ton nicht, in dein Ameile sagte, daß sie zur Feier seiner Ankunft Sträuble backe; er freute sich nur kindisch ob dieses Schmauses. Dem Vater und der Mutter sagte er im Stüble mit Heller Stimme „Guten Morgen", und selbst der Vater nickte freundlich ; er mochte wol der Erschütterung gedenken, die er in der Nacht beim Horchen empfunden; auch hatte er heute schon Kummer genug gehabt, er durfte sich eine Freude wohl gönnen. Bei dem Morgenschmause waren die Eltern und beiden Söhne äußerst wohlgemuth. Ameile trug ab und zu. Der Vater wollte sie jetzt zwingen, fröhlich zu sein und sich mit an den Tisch zu setzen, sie aber schützte allerlei Arbeit vor und als der Vater darob zornig werden wollte, sagte die Mutter nach dem Weggehen Amcile's: „Du willst doch immer die Gedanken gleich umstellen wie du sic haben möchtest. Laß doch in dem Kind die Sach auskochen, dann ists vorbei; will aber nicht gleich: jetzt geheult und jetzt wieder lustig." Als man aufstand, bat die Mutter, daß ihr Alban noch ein wenig bei ihr sitzen bleibe und der Vater befahl ihm solches. Er 132 machte seiner Frau gerne eine Freude und heute besonders, er fühlte doch, das; sie ihn von manchem unüberlegten Aufbrauscn abhielt und vielleicht gelingt ihr jetzt bei Alban, wovor ihm noch immer bangte. „Gelt, du bist jetzt brav und hörst auf zu widerspcnsten?" sagte die Mutter mit freudig herzlichem Blicke. „O Mutter!" rief Alban erregt. „Es giebt doch kein'größere Freud auf der Welt als seinen Eltern Freud machen. Wenn ich draußen in der Welt ein Lob bekommen Hab über das und jenes, Hab ich tausendmal denken müssen: Was nützt mich das Alles? Was ihn ich mit eurem Lob und eurer Zufriedenheit? Das geht Alles in Wind auf, weil meine Eltern es nicht hören und sehen können, für die allein möcht' ich der rechtschaffenste und aller Orten gepriesene Mensch sein. Wcnn's meine Eltern nicht hören und sehen, ist Alles nichts. Es hat den Schein gehabt, als wenn ich ungehorsam war' aber jetzt erst seh ich's, ich bin nichts gewesen als ein verirrtes Kind im wilden Wald, das jammert und weint, und woint und ruft nach Vater und Mutter. Mir wär am liebsten, ich thät jetzt sterben, daß Ihr und der Vater mit Freude an mich denken könntet." Aus dem Urquell alles Lebens strömten Worte und Gedanken Albans heraus und die Mutter sah ihn staunend und bewundernd an wie sich sein Antlitz verklärte, wie eine Verzückung daraus leuchtete. Mutter und Sohn waren in diesem Augenblicke hinansgehoben über alle Wirrnis; und alle Beschwerung des Alltagslebens. Die Mutter drückte ihre beiden Hände auf Augen und Wangen ihres Sohnes und hielt sein Haupt in ihren Händen fest, siedrückte ihre Zähne übereinander vor innerstem Jubel, und hier, auf dem einsamen Gehöft unter dem Strohdachc leuchtete jene Glorie auf, darob der Stern den Himmel erglänzt zum Zeugnis;, daß sic so ewig ist wie er . . . „Lieber Gott, ich hab's ja gar nicht gewußt, was du für ein Kind bist," brachte endlich die Mutter hervor, und Helle Freudcn- thränen rannen ihr über die Wangen. Eine Weile waren die Beiden still, die heiligste Regung klang 133 noch in ihnen aus; aber kein Leben, am mindesten das werkthäti- ger Menschen duldeteine solche ins Höchste ersetzte Erhebung lange. Die Hände in einander legend und ihren Sohn mit behaglichem Lächeln betrachtend sagte die Mutter endlich wieder: „Du bist doch auch wie dein Vater, nur in anderer Art und bist besser geschult. Es ist wunderig! Dein verstorbener Bruder ist der einzige gewesen, der meiner Familie nachgeartet ist, der ist grad gewesen wie niein Vater selig, von dem hat man auch sein Lebtag kein laut Wörtlc gehört. Dein Vater hat ihn ost ausgclacht wegen seinem Ochsenschritt, aber ihr seid alle wie die wilden Ross, hinten und vorn ausschlagen, wenn's was gicbt, das ist bei euch daheim. Aber jetzt komm und erzähl mir einmal geruhig: wie ist dir's denn auch gangen?" «t „Wie ich in den Krieg kommen bin — " „Davon will ich nichts wissen. Wie ist dir's denn als Knecht ergangen?" „Gut. Nur um Weihnachten war mir's am ärgsten —" „Kann mir's denken, da hast rechtschaffen Jammer (Heimweh) gehabt?" „Nein, nicht mehr als sonst, aber schrecklich ist mir's gewesen, daß ich mich Hab müssen beschenken lassen. Ich hätt gern dem Meister die Schenkasche vor die Füß' geworfen und hab's doch nicht dürfen,' er hat's gut gemeint. Und fürchterlich ist's, wie die Dienstboten gegen einander sind. Wenn eines dem andern das Leben recht sauer machen kann, ist's ihm ein' Freud'." „Ihr Kinder und besonders du hast's uns ja nie glauben wollen, was für ein schlechtes Corps das ist, jetzt bist selber drunter gewesen, jetzt wirst uns Recht geben. Freu dich nur jetzt, daß du wieder Haussohn bist. Mach nur, daß Alles mit Gutem ausgeht und laß die Kirch im Dorf." „Ich thu was ich kann, Mutter! Ich laß mir da die Hand abhacken, eh ich eine Ungerechtigkeit leid'. Wenn nur der Vinzenz auch brav ist, redet mit ihm, mit mir brauchet Ihr nicht reden; er soll Euch sagen wie ich's im Vorschlag Hab und was er dazu will. Mir giebt er keinen Bescheid." 134 Ein unterdrücktes Husten in der Stube bestärkte die Mutter in der Vermuthung, daß der Vater wieder nach seiner bösen Gewohnheit lausche, sie brach ab, sie wollte sich wo möglich nicht in diese Sache mischen, sie konnte Alban ohnedies; nicht ernstlich Zureden, da cs ganz gegen ihre Ansicht war, daß der Erbgang zu Gunsten des Vinzenz geändert wurde i sie hatte keinen Einwand wenn es sich gütlich ausglich, aber im Herzen war sic nicht nur für den herkömmlichen Erbgang sondern auch noch aus besonderer Liebe für Alban. Als dieser seht sagte: „Ich muß seht an's Geschäft," hörte man draußen die Stubenthürc ins Schloß fallen. Noch als Alban wcggegangen war, ruhte ein Freudenglanz auf dem Angesichte der Mutter als ob sic ihn noch vor sich sähe; in Aug und Mund ruhte ein stilles Lächeln, und die Hände faltend mit einem Blicke nach oben ging sie an ihre Arbeit. Auf dem Hofe war Niemand so vollauf glückselig wie die Mutter. In ihrer ruhig thätigen und leidenschaftslosen Natur glaubte sie auch nicht an die Leidenschaftlichkeit Anderer und die Erfahrung hatte sic belehrt, daß all das heftige Gethue nichts als verhetzte Sinnesweise, unnöthig und übertrieben sei; und eben dadurch weil sic nicht an die unbändige Heftigkeit der Menschen glaubte, hatte sie dieselbe oft bewältigt. Wenn ihr Mann ost in Wildheit gegen Kinder und Dienstboten zu rasen begann, konnte sie ihm sagen: „Christoph, das mußt nicht leiden, so darf dich der Hassard nicht überinannen," und er wurde still und ruhig. Es ist eine viel zu wenig beachtete Erfahrung, daß mitten in der ungezähmtcsten Leidenschaft dieselbe zu brechen ist, trenn es gelingt den Punkt zu berühren, wo der im Sturme Befangene mit sich selbst ob seines Thuns zerfallen ist. Die Fnrchenbäncrin traf dicß meist bei ihrem Manne mit unfehlbarem Takte. Sie wollte aber jetzt nichts thun, denn er war selber zu sich gekommen. Es war gut, daß er nach seiner Übeln Gewohnheit gelauscht hatte. Es wird sich Alles auf friedlichem Wege ausgleichcn. Warum sollte es denn nicht sein? Ist ja daheim in Siebenhöfcn allzeit Jegliches gütlich beigelegt worden, warum denn hier nicht auch? Es war wiederum ein neues rühriges Leben auf dem Für- 135 chenhofe, Alban arbeitete rastlos vom Morgen bis in die Nacht und pfiff und sang allzeit. Jede Arbeit machte ihm jetzt doppelte Freude, er that sie nicht mehr als Knecht, sondern als freier Sohn des Hauses. Der Vater ließ ihn gewähren und schaute ihn oft mit Zufriedenheit an; er that als ob er es nicht wüßte, wenn Alban noch spät Abends oft zu Vreni auf den Hellberg ging; dieses Verhältnis; schien ihm jetzt genehm. Je mehr sich Alban mit Vreni einließ, um so weniger konnte er es ansprcchcn, den Hof zu bekommen; er mußte mit einer erklecklichen Auszahlung zufrieden sein und konnte damit nach Amerika auswandern, wenn er sich hier zu Lande nicht in ein Häuslerleben schicken kann. Auf dem Hellbcrge ging es allzeit lustig her. In dem Hause, wo man die Kartoffeln zählte, ehe mau sie an's Feuer stellte, sah doch ein Jedes wohlgenährt und munter aus. Das machte die Freude, denn hier war Singen und Tanzen, als wäre beständig Kirchweih, Die Obcdfüchti, die den Tag über ganz allein von Gehöft zu Gehöft wandelte und sich allerlei cinhamstertc, spielte am Abend die Klarinette und man sang und tanzte oft dazu. Jetzt wurde bereits an fünf Kunkeln gesponnen, die Erwachsenen spannen den feinen Flachs und die Kinder das Werg. Die Großmutter hatte auch nur Werg an der Kunkel, sie that es wieder den Kindern gleich, denn ihre Finger waren krumm und ihr Auge schwach. Die Spindeln drehten sich lustig auf dem Boden. Zwischen hinein erzählte die Obcdfüchti allerlei lustige Streiche aus alten Zeiten, wie sie einst eine tüchtige Zeche bei einem Wirthe angetrunken und als sie nicht bezahlen konnte eine Ohrfeige erhielt, worauf sie ruhig antwortete: „So gut ist mir'snoch nie gangen, Hab kein Geld gehabt und doch noch was heraus bekommen." Der Wirth lachte darob so sehr, daß er aufs Neue ein- schenktc. Eine Hauptgeschichte erzählte die Obcdfüchti aber stets unter neuem Lachen. Sie war einst im Sommer nach Klurren- bühl auf den dortigen Hof gekommen als eben Sträuble gebacken wurden; sie bat auch darum und wurde schnöde abgewiesen, sie ging; da sah sie ein Kind neben einem Weiher sitzen, schnell tunkt 136 sic es ins Wasser und trägt cs als vom Tode gerettet in das Haus. Nun wurde sie reichlich beschenkt und ging nie mehr leer aus, so oft sie kam. An längst genossenem Weine und Leckerbissen erlabte sich noch das alte Männchen und seine Zuhörer genossen mit. In diesem Hause, wo das tägliche Leben so wenig bot, erquickte und erheiterte man sich an alten Geschichten und Späßen und war wohlgemut!). Die Goldfüchsen lachten mit und sprachen in Alles hinein im Beisein der Eltern und die ganze Familie war wie Ein Mensch. Wenn Alban jetzt wieder täglich vom elterlichen Hause hierher kam, war es ihm stets als athmcte er jetzt erst srei auf, hier war er „ausgeschirrt", wie er oft sagte, und bei allem Freisinn genoß er noch das Wohlbehagen eines Höherstehenden, der sich in niederen Kreis begiebt, dein man den besten Stuhl auweist, dem man jede Freundlichkeit doppelt dankt und sich vor ihm gerne im bcßten Lichte zeigt. Alban war hier wieder der rechte Sohn des Furchcubauern und das that ihm wohl und er sagte sich nur, daß das überall sei, wo er cintrcte. Der Nagclschmied sprach manchmal mit Alban über sein Zerwürfnis; mit dem Vater. Der Nagelschmied war klug und fest, er vermied jeden Schein, als ob er Alban aufhctze, Alban war stolz und eigenwillig genug, daß dies; gerade das Gegenthcil hcr- vorgebracht hätte. Der Nagelschmied hatte daher nur allerlei unhaltbare Einwände gegen das Vornehmen Albans vorzubringeu und ließ sich gerne von ihm widerlegendaneben wußte er aber ernste Andeutungen zu geben, daß er mit seiner Tochter Vreni nicht spielen lasse und daß er sein Leben an den wage, der mit der Krone seines Hauses leichtfertigen Scherz treiben wolle oder gar sie verunchrc; er wiederholte stets, daß er Alban nicht damit meine, daß er zu ihm alles Vertrauen hege, er wußte ihm aber dabei immer deutlich zu machen, daß der arme Mann nichts hat als seine Ehre und sein heiteres Gcmüth, und darum um so eifriger auf deren Erhaltung bedacht sein müsse. Bruder und Enkelkind Am Montag war der siebzigste Geburtstag des Vaters. Am Samstag Morgen wurde Alban in aller Frühe mit den beiden Fuchsen nach Siebcnhöfen geschickt, um die kleine Tochter des verstorbenen Schmalzgrafcn zu holen; auf dem Rückwege sollte er Abends in der Stadt die Ankunft des Eilwagens abwarten, mit dem der Bruder des Furchenbaucrn, der Dekan im Oberlande war, kommen sollte. Mit dem einzigen Bruder und dem einzigen Enkel des Vaters sollte Alban dann zurückkehren. Die letzte Entscheidung nahte. Der Vater schien dazu Alles was ihm angehörte nm sich versammeln und feierlich mit der Welt abschlicßen zu wollen. Alban war cs trotz aller inncrn Entschiedenheit schwer zu Muthe ans dieser Fahrt. Vinzenz war ihm immerdar ausge- wichcn und hatte ihm nie einen richtigen Bescheid auf seinen Vorschlag in der ersten Nacht gegeben. Alban fand keinen Schlaf mehr neben dem Bruder, der verstockt und wortlos blieb i theils um doch Schlaf zu finden, theils auch aus innerer Furcht, daß er sich einmal im Grimme an seinem Bruder vergreife, hatte sich Alban nun in der Stallkammcr im Bette des Dominik sein Lager gewählt und schließlich hatte das auch noch den besonderen Vorthcil, daß man ihm seine Ausflüge nach dem Hellbcrge und seine Rückkunft nicht nachrcchncn konnte. Der Greif allein verrietst ihn an: ersten Abend, denn dieser Hund, den sich Vinzenz während der Abwesenheit Albans angeschafft hatte und der in der Nacht von der Kette losgelassen war, fiel den Heimkchrcnden wie einen räuberischen Eindringling an, so daß darob das ganze Haus in Allarm kam. Am andern Morgen hatte der Vater zu Alban gesagt: „Das ist grad nicht nöthig, daß du in der Knechtskammer schläfst, bleib du nur bei deinem Bruder, und wenn er dir was hinterwärts gegen mich einfädeln will, sag ihm nur: es gilt Alles nichts als was Ich scstsctz', das allein hat Bestand." Hatte Vinzenz dem Vater die erste Unterredung vcrrathen? Alban konnte nicht klug daraus werden. Er blieb aber jetzt um 138 so mehr bei seinem Nachtlager, und um den Greif nicht znm Lärm zu bringen, ließ er einen Laden im Heuschuppen nach der Fcld- scitc offen und schlupfte allabendlich durch denselben herein. Im eigenen elterlichen Hause hatte er einen verborgenen Eingang. Jetzt im Fahren gedachte er, wie er doch eigentlich noch fremd im Eltcrnhause war. Als er in der Ferne am Eichhofe vorbcifuhr, wo er vor anderthalb Jahren um die Wittwe gefreit, erwachte wieder Scham und Troß von damals in ihm, und doch konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie ausgeglichen und friedlich Alles wäre, wenn er hier oben bauern wurde, vielleicht hielt er jeßt schon ein eigen .tzind ans dem Arm . . . Alban liebte kroß alledem die Vreni vom Hellbergc innig und aufrichtig, aber es giebt Stimmungen, wo auch der Starke und Muthige sehnlichst wünscht, daß ihm die Last des unaufhörlichen Kampfes abgenommcn wäre, daß das Schicksal ihm das Heißerstrebte durchkreuz! haben möchte, mir um ihm Ruhe zu gönnen. In Siebenhöfcu wurde Alban herzlich bewillkommt. Man glückwünschte ihm zur baldigen Ucberuahmc des Hofes und empfahl ihm reiche Baucrntvchter aus der Nähe zur Auswahl. Alban widersprach in nichts; er wollte den Leuten nicht sagen, wie es noch ungewiß sei, ober in den Erbgang trete; dies; schien hier ausgemacht und fraglos. Alban wollte fast selber daran glauben, denn eine Zuversicht von außen, so wenig begründet sie auch dem Hörer erscheint, hat doch allezeit etwas so Einschmeichelndes und Anmuthendcs, daß sie sich uuvermuthet in die Seele festscßt und alle Zweifel der eigenen besseren Erkenntnis; überdeckt. Alban genoß harmlos die Ehre des Hoferben. Wer weiß, ob cs nicht zum letzten male ist, daß er sich ihrer erfreuen darf. Die Mutter hatte Recht, hier im Gäu ging Alles viel bedachtsamer und stetiger her, der Menschen Thun und Reden war gelassener und nicht so laut wie daheim. Hätte die Eichbäuerin heute gesehen, wie sorgsam und innig Alban um sein Brudcrskind bedacht war, sie hätte ihn nicht mehr der Hartherzigkeit geziehen. Als Alban mit der kaum 139 elfjährigen Ammrci (Anna Marie) davon fuhr, war er voll Entzücken i jedes Wort, das das Kind redete, erquickte ihm das Herz und ein lang nicht gekanntes Lächeln ruhte beständig auf seinem Antlitze. Wie die Kinder allezeit fühlen, wo ein treues und aufrichtiges Herz sich ihnen zuncigt, so war das Mädchen bald äußerst zutraulich und anschmiegend gegen Alban und als es ihn fragte: „Ohm, hast du daheim auch ein Kind?" wußte er nichts anderes zu crwicdern als das Kind fest in die Arme zu schließen und es innig zu küssen. Der ganze Jubel, daß er einst auch ein eigen Kind haben solle, stieg in ihm auf und er wünschte sich jetzt nur, diesem Mädchen, das ihn wie eine glückselige Zukunft anschaute, recht viel Liebe erweisen zu können. Plötzlich erwachte eine Wehmuth in seiner Seele: dieses Kind hatte nicht eines Vaters Liebe gekannt, er war dahin gerafft bevor es seinen Namen nennen konnte und er selber — ihm lebte der Vater und bedrückte ihm das Herz mit Härte und unbeugsamer Herrschsucht. Das aber ist die Beseligung, die die Kindesnatur auf ihre Umgebung ausströmt, daß sie ist gleich der stetigen unwandelbaren Natur um uns her, die sich nicht hereinziehen läßt in die Wirrnisse des Denkens und Lebens und die doch im Kinde Sprache gefunden hat. Ammrei wußte so lieblich zu plaudern und freute sich so sehr über jede Begegnung, daß Alban keinen schweren Gedanken nachhängcn konnte,' er ward kinderfroh mit dem Kinde. Noch nie war eine Fahrt so rasch und fröhlich gewesen als die von Sickenhofen nach der Stadt. Mit dem Kinde an der Hand ging Alban durch die Stadt und er hüpfte selbst mit dem Kinde als das Posthorn klang. Der Oheim Dekan war richtig angekommen. Es war ein stattlicher umfangreicher Mann. Alban hatte ihn seit lange nicht gesehen; dennoch wurde er sogleich von ihm erkannt. Der Dekan reichte ihm etwas salbungsvoll die Hand, die andere legte er als er gehört hatte, wer das sei, auf das Haupt des Kindes. Alban trug das Eepäcke des Oheims nach dem Wirthshause, aber das Kind wollte sich von dem Geistlichen nicht führen lasten, es hing sich an den Rockzipfel Albans. 140 Der Dekan war ein Mann, der nichts übereilte, Alban hielt schon die Zügel der angespannten Pferde in der Hand als der Dekan noch gemächlich seinen Schoppen trank und dazu die mit ihm angekommeno Landeszeitung las. Beim Aussteigcn gab es zwei saure Gesichter, ein altes und ein junges. Das Kind weinte, weil es allein bei dem Pfarrer sitzen sollte, es wollte zu Alban und dieser mußte sich nun mit auf den gemeinschaftlichen Sitz einzwängen; er setzte sich indeß so aus die Kante, daß der Oheim Platz genug hatte. Das Kind saß zwischen ihnen. Im Fahren verschwindet bald jede anfängliche Ungemächlichkcit, man richtet sich allmälig ein und merkt zuletzt, daß Jedes noch genugsam Raum inne hat. Der Dekan, der stets die Hände gefaltet auf der Brust hielt, war ein wohlwollender und behaglicher Mann. Er sprach mit seinem Neffen von dessen vormaligem Leben in der Ackerbauschule, er war selber ein eifriger Landwirth und machte Versuche mit Tabacksbau und Seidenzucht; dann ließ er sich von Alban von den Frei- schärlerzciten und dem Leben in Neichenbach erzählen. Erst nachdem dieses ordnungsmäßig abgethan war, wobei sie oft von Anrufungen des Kindes unterbrochen wurden, das fast eifersüchtig schien, weil Alban sich jetzt weniger mit ihm beschäftigte, begann der Dekan zu fragen, wie hoch Alban den Hof übernehme, da er jetzt viel mehr Werth sei, weil man die alten Grundlasten abgelöst habe. Als Alban berichtete, daß er noch immer aus dem Erbgang gestoßen werden solle, als er die ganze Wirrniß auseinander zu haspeln suchte und zuletzt damit schloß, wie er darauf bestehe, daß Alles zu gleichen Theilen gethcilt werde, sagte der Dekan ohne eine Miene zu verziehen und ohne die Finger auseinander zu falten: „Dann Hab ich auch noch Ansprüche und der Gipsmüller auch; unsere Abfindung besteht nur darauf, wenn das Gut beieinander bleibt; wird es getheilt, gehört es gar nicht mehr deinem Vater allein." „Wie soll's denn aber gemacht werden?" frug Alban, der 141 von dieser Rede ganz verwirrt wurde, und der Dekan crwiederte lächelnd: Wie's Recht ist. Kannst ruhig sein, ich verlang' in keinem Fall etwas und der Eipsmüller wol auch nicht. Aber ruhig muß Alles gehen. Friede und Duldsamkeit. Mußt nicht gleich glauben, wenn einer was anders will als du, das sei schlecht, es hat ein Jedes seinen eigenen Weg. Darum nur Friede." „O lieber Gott! Ja, den stiftet," rief Alban mit Inbrunst und lauter Stimme aus, und der Dekan befahl ihm, sich auch in seiner Fricdcnsanrusung zu mäßigen, man könne Alles in der Welt viel bester mit leisen Worten beilegen. Das behäbige Wesen des Dekans, der, noch aus der Westen- bcrgischen Schule stammend, Duldsamkeit und Maßhalten in allen Dingen bewahrte, übte einen cigenthümlich beschwichtigenden Einfluß auf Alban; er fühlte sich wie unter einem Zaubcrbann und doch wand und bäumte sich noch der Widerspruchsgeist in ihm, der darin einen nicht unwillkommenen Beistand erhielt, daß Alban sich des Gerüchtes erinnerte, wie sein Oheim in der Be- wcgungszcit ein Gegner derselben gewesen war. Dennoch rief er: „Ich will mein Leben lang für Euch beten wenn Ihr mir beistchet." „Ich bete selber für mich und ich stehe nur dem Rechten bei, keiner Person," cntgcgnetc der Dekan. In Rcichenbach hielt man an, hier mußte der Dekan länger einsprechcn, er war hier vor Jahren Pfarrer gewesen. Es war schon mehrere Stunden Nacht als man nach dem Furchcnhofe fuhr, das Kind schlief und schmiegte sich traulich an Alban; er hatte Mühe die Pferde zu lenken ohne das Kind zu wecken. Alban und der Dekan sprachen fast gar nicht. Als man auf dem Furchenhofc ankam, war große Bewegung. Der Vater eilte mit einem Stuhle dem Bruder entgegen und reichte ihm die Hand, der Gipsmüllcr stand hinter ihm. Die Mutter umhalste ihr Eukelchen und weckte es mit Küsten, Ameile trug das noch halb Schlaftrunkene nach dem Hause. In der Stube war heute Abend eine feierliche Weihestim- 142 mung, und selbst die Knechte und Mägde im Hofe sprachen leiser mit einander, denn der Dekan übernachtete hier. Der Dekan sah den Gipsmüller jetzt zum crstcnmale seit dem Tode der Schwester. Alte Wunden öffneten sich blutend, die aber der Dekan mit heilenden Worten besprach. Der Gipsmüller kam sonst nie auf den Furchcuhof, er hatte sich mit dem Schwager zertragcn. Heute war Alles friedlich und wie mit einer höheren Milde gesalbt. Ein Kirchgang am Morgen und eine Beichte in der Nacht. Am Sonntagmorgcn wurde den Pferden das neue Geschirre angelegt, und die Menschen zeigten sich alle in ihren beßten Kleidern. In zwei Wagen fuhr die ganze Familie nach der über eine Stunde entfernten Kirche: neben Vinzenz saft die Mutter, hinter ihnen der Oheim Dekan und der Vater, Alban hatte Amcile und die kleine Amrei bei sich. Die ganze Familie außer Amrci war noch nüchtern, denn man ging heute zur Eommunion. Die Häusler, die bald da bald dort den Wicsenweg von einsamen Gehöften herabkamen, grüßten ehrerbietig und der Furchcnbaucr dankte ernst dem Gruße, der seinem geistlichen Bruder galt. Die Fußgänger schauten der stattlichen Auffahrt noch lange verwundert nach und redeten allerlei. In der Kirche verrichtete der Dekan das Meßamt und reichte den Seinen das Abendmahl. Eine festtäglich gehobene Kirchcnstimmung brachte man noch mit aus den Furchcuhof zurück, und den ganzen Tag ging ein Jedes allein und in sich gekehrt umher. Nur Alban und Ameile saßen gegen Abend still beisammen auf der Bank am Brunnen und Ameile sah den Bruder staunend an als er plötzlich mit tonloser Stimme sagte: „Ameile, wenn ich sterbe, so will ich dir's gesagt haben, daß ich dem Dominik gegen vierhundert Gulden schuldig bin und er hat nichts Schriftliches von mir." Ameile wollte den Bruder ob solcher Rede auslachen, aber 143 er wehrte ihr, er sagte zwar, solche Todesgedanken seien närrisch, aber es sei ihm so schwer im Herzen und er habe sich nun doch erleichtert, daß noch Jemand von seiner Schuld an Dominik wisse, er wolle das auch der Mutter mittheilcn. Woher kam Alban diese Todesahnung? Ein Volksglaube sagt: Wer ein umwandelndes Gespenst, einen Geist erlöst, muß bald sterben. Hat Alban den Geist der Gerechtigkeit erlöst und muß er darob sterben? Ist es ein nothwendiges Gesetz derMen- schcngeschichte im großen wie im kleinen Leben, daß die Vertreter eines unterdrückten einseitigen Rechtsgedankens auch dessen Märtyrer werden müssen? . . . Am Abend wallfahrteten alle Hausbewohner nach dem „Käp- pcle," der Dekan sprach dort den üblichen Abendsegen. Der Eipsmüller mit seinen Töchtern war auch hcrbeigekom- men und nun war große Familienzusammenkunft in der Stube. Ein Jedes lauschte nur auf die Worte des Dekans, der, dem Scherze nicht abhold, manchmal auch ein kleines Späßchen zum Besten gab, worüber man bescheiden zu lachen wagte, in der Regel aber führte er ernste Rede und immer wieder wußte er Beispiele beizubringen, wie Besonnenheit und Mäßigung die einzige Tugend sei, die ewig in Ehren gehalten werden müsse. Jedes war zufrieden mit diesen Mahnungen, denn Jedes schob dem andern die Bethätigung zu und glaubte selbst deren nicht zu bedürfen. Der Dekan kannte die alte Geschichte der Familie und wußte besonders viel zu erzählen von jenem Urahn, der auch Alban hieß und der durch Klugheit und Nachgiebigkeit den Hellberger Hof und den Kandelhof (so hieß ehedem das Furchengut) mit einander vereinigte. Dieser Urahn hatte am Michelstag einen mit zwei Pferden bespannten Pflug rings um das Gut geführt und hatte dabei stets die Sonne im Angesicht und ohne zu rasten kam er erst niit sinkender Nacht wieder auf der Ausgangsstelle an. Von jener Zeit hatte das Gut den Beinamen: von der langen Furche. Der Dekan erzählte noch, daß das Geschlecht der Fcilcnhauer vor Zeiten Feigcnhauer geheißen habe und adelig gewesen sei. 144 Der alte Furchenbauer schmunzelte, aber zum Staunen Mer sagte Alban: „Und die Vorfahren dieser Adeligen sind doch auch wieder Bürgerliche gewesen; drum bleiben wir gleich dabei." Man ging früh auseinander, denn man wollte morgen mit dem Tage den Feldumgang halten. Der Gipsmüllcr bezcichnete Abhaltungen, wegen deren er nicht dabei sein könne, aber am Abend zur Abtheilung versprach er wiederzukommcn. Ms Alban dem Oheim Dekan die Hand reichte und ihm eine „ruhsame Nacht" wünschte, crschrack er fast, da der Geistliche ohne Scheu vor Allen sagte: „Nun schlaf heut noch gut und mach dich recht rein im Gewissen, denn morgen Nacht gehst du als Furchenbauer zu Bette." War der Ohm Dekau auf seiner Seite? Das hatte er nimmer gedacht. Heute zum ersten Male ging Alban nicht nach dem Hellbergc und doch fand er lange keine Ruhe. In stiller Nacht kam die Versuchung über ihn. Er war der Erstgeborene, er trat in den Erbgang, warum sollte es ciu Unrecht sein, wenn er den Hof zu geringem Preise annahm und sich erlabte am reichen übermächtigen Besitze. Er konnte den Geschwistern später schenken was er wollte. Er nahm sich fest vor, das zu thun, er feilschte mit sich selber über die Summen, die er dafür fcstsetzcn wollte, er konnte nicht einig mit sich werden und blieb am Ende dabei, Zeit und Mas; seiner Leistungen an die Geschwister nach seinem, Gutdünken und nach dem Erträgnis; guter Jahrgänge zu bestimmen. Dabei wollte er bleiben und rnhig schlafen, aber er fand keine Ruhe und plötzlich sprang er aus dem Bette, faßte das Gesangbuch, das er noch vom Kirchgänge bei sich hatte und es in beiden Händen haltend sprach er laut: ,,Vor Gott und meinem eigenen Gewissen schwör ichs: Ich will kein unrecht Gut. Ich gebe meinen Geschwistern den vollen Thcil des Erbes, den ganzen, ohne Vorbehalt und vor aller Welt. Du o Gott allein hörst mich und mein eigenes Ohr! Höre mich nicht mehr und mein Ohr vernehme meine Stimme nicht mehr, wenn ich diesem Schwur nur einen Augenblick untreu werde. . . 145 Jetzt erst fand Alban den Schlaf, der ihn Hoffnung und Qual vergessen machte. Während Alban nach dem Sclbstgelöbniß die ersehnte Ruhe fand, war drinnen im Hanse heftige Zwiesprache und Unruhe. Der Dekan schlief im Leibgcdingstüble der verstorbenen Eltern. Als ihn der Fnrchenbauer dahin geleitete, sagte er: „Das versteh ich nicht. Der Herr Dekan (der Fnrchenbauer redete mit seinem Bruder stets in der dritten Person) spricht von Friede und Verträglichkeit und hetzt das eigene Kind gegen den Vater auf." „Wie ihn ich denn das?" ,,Jn meinem Verstand heißt das aufgehctzt, wenn man dem Alban sagt, er sei der Lehnhold und er sei morgen Nacht Fur- chcnbauer, und das wird er mit meinem Willen nie, und ich bab dem Herrn Dekan schon gesagt, warum ich den Vinzenz ein- fetzen muß." „Eine Sünde an dein einen wird nicht dadurch gut gemacht, das; man eine Sünde an dem andern thut." „So soll ich also meineidig werden?" „Davor bewahre uns Gott. Für ein ungerechtes Versprechen kann der Buße thun, der es gegeben hat. Der Alban soll dann etwas mehr hcrgcbcn, daß du dem Vinzenz eine Versorgung kaufen kannst." „Nein, nein, nie, der Alban kriegt meinen Hof nicht, der ist vom Hirzcnbauer und denen die nichts als thcilen wollen, eingesteckt; der thät' den Hof, den wir von unfern Ureltern her haben, unter seinen Kindern thcilen." „Drum komm ihm zuvor und thcil' selbst." „Das kann der Dekan nicht ernst meinen, er ist ja keiner von den Ncvoluzer, nie gewesen. Das wär' ja gegen alle rechtschaffene Ordnung." „Setz dich, ich will dir was erzählen", sagte der Dekan und setzte sich selber nieder. „Hör zu: Vor Jahren ist ein Mann zu einem Pfarrer in die Beichte gekommen, der nicht aus seinem Ort war, die Stimme war kräftig, etwas stolz im Ton, und viele Slnerbach'S Dorfg. 4. Bb. 10 146 Jahre ist der Mann immer wieder gekommen und bat immer' dasselbe gebeichtet: Ich leb mit meiner Frau in Fried und Einigkeit, aber wenn sie mir das glückseligste Geheimnis; anvertraut, gehen wir immer beide umher wie zwei junge Leute, die sich verfehlt haben und ich wünsche den Tod des Kindes noch bevor cs geboren ist und wenn es geboren ist und größer geworden, da zerreißt es mir das Herz, weil ich nicht weiß, welches Kind mir am wenigsten wehe thäte wenn es stürbe. Mein Weib findet sich bälder darein, sie nimmt es als eine Schickung Gottes auf sich, mich aber verläßt der Gedanke nicht und ich kann nicht rubeu und nicht rasten und ich habe Gott gebeten, er soll mir die große Kinderzahl abuehmen und cs ist geschehen und jeßt ist doch mein Herz schwer ob dieser Sünde." „Und warum hast du einem jungen Leben den Tod gewünscht?" „Damit das Erbe nicht zu klein werde." Dreimal kam der Mann in derselben Zerknirschung ob derselbe» Sünde und dreimal erhielt er die Absolution. Als er das viertemal kam, wurde sie ihm verweigert und er kam nicht wieder: er suchte sich wol einen andern Beichtiger. Und diese Todesschuld hat der Mann auf sich, weil er in» Stolze heischte, daß seine Nachkommen groß und reich seien. Und dieser Manu — bist du —" Wie vom Blitze getroffen fuhr der Bauer empor, da der Dekan sich plötzlich erhoben hatte und seine Hand mit schwerem Schlage ihm auf die Schulter legte. Schnell aber ermannte er sich und allen Respekt bei Seite setzend rief er: „Fst das recht, daß du ein Beichtgeheimnis; so vcrrathest?" „Weil du noch in der alten Sünde bist. Du willst das eine Kind am Lcbensgute tödten, um das andere damit zu bereichern. Folgtest du dem Zwange des Erbganges, du könntest dich vielleicht freisprcchen, die Schuld liegt hinter dir in alten Zeiten. Jetzt aber willst du neues Unrecht pflanzen. Das dulde ich nicht. Ich ziehe meine Hand ab von deinem Thun. Entweder setzest du Alban ein oder du theilst. Bleibst du bei deinem Vorhaben, so schüttle ich den Staub von den Füßen und ziehe wieder dahin, von wannen ich gekommen." Ter Furchenbauer hatte noch allerlei Einwändc und besonders über einen wurde der Dekan aufs Aeußerste aufgebracht, indem der Bauer erklärte, daß er am Tode der Kinder unschuldig sei und dabei das Sprüchwort anführtc: „Man trägt mehr Kälberhäute auf den Markt als Ochsenhäute."*) Der allzeit so milde Dekan geriet!) darob in solche Heftigkeit und stellte dem Bruder seine Vergangenheit in so greller Weise dar, daß er dadurch fast ganz die erschütternde Macht einbüßte, die er bis jetzt geübt hatte. Er lernte eine seltsame Verhärtung des Eemüthes kennen, indem der Bauer sagte: „Und wcnn's so ist, und sei's meinetwegen, und Hab ich meine Seele verdorben und meine Seligkeit in die Höll geworfen, so will ichs wenigstens hier auch 'nausführcn und soll wenigstens nicht Alles umsonst gewesen sein." Der Dekan faßte nochmals in neu gesammelter Ruhe alle die sittlichen Bedingungen zusammen, die hier in Frage stehe», dann ging er auf die praktischen Bedenken über. Der Furchen- baucr beharrtc, daß er auch ohne die Beschädigung des Vinzenz diesen doch einsetzen würde, denn Alban sei von Haus aus begabter und könne sich leicht forthclfen. lieber Ein Wort aber stutzte der Furchenbauer, da ihm der Bruder erklärte, wie es gegen alles Recht und Herkommen sei, daß ein Beschädigter Lehnhold werde, das geschehe nie, so wenig ein mangelhafter Mensch eine Krone erben dürfe. Der harte Bauer preßte endlich das Geständnis; hervor, er möchte wol nachgcbcn und Alban einsetzen, aber Vinzenz habe ihn in der Hand und werde seine letzten Lebenslage noch der Schande preiSgcben. An diesen Ausspruch hielt sich nun der Dekan und redete ihm in mildester Weise zu. Mittemacht war längst vorüber, als der Furchcnbaucr innerlich geknickt und zerbrochen seiner Schlaskammer zuwankte, er wußte nicht mehr was er thun sollte. Als er aber am Morgen erwachte, knirschte er vor sich hin: „Und doch muß es bleiben wie Ich will, und wenn unser Herrgott einen Evangelisten schickt, Ls sterben mehr Kinder alö erwachsene Menschen. 10 * 148 der kann das nicht ändern. Das ist alte Satzung, die gilt in Ewigkeit." Wie ganz anders erwachte Alban. Eine innere Beseitigung durchströmtc sein ganzes Sein und er trat in die gewohnteWelt mit geweihtem prophetcnglcich geklärtem Herzen. FclduitM'.nk lind Soimcnwcndc. Der Oheim Dekan war unwohl und erklärte den Markungs- umgang nicht mitmachcn zu können: der Vater und Vinzenz standen indes; bereit und gewaffnct dazu, denn jeder trug die übliche Handart im linken Arme, auch Alban musste sich eine solche holen, und als er damit wieder kam, hieß ihn der Vater den Qucrsack aufnchmen, auf dessen einer Seite Speisen auf der andern mehrere gefüllte Weinkrüge waren. Alban wußte nicht, ob das Tragen des Mundvorraths eine Pflicht des Lehnholden oder des Abgcfundcnen war. Alles hatte heute wiederum etwas eigcnthümlich Feierliches und Ecremoniellcs. Der Vater reichte der Frau und Amcile die Hand zum Abschiede, und als er dem Dekan die Hand reichte, sagte dieser sie haltend und die Linke auf die Schulter des Bruders legend: „Dein Ausgang sei in Gerechtigkeit und dein Eingang in Friede." Die Zurückgebliebenen standen unter dcr Thürc und schauten den Weggehenden nach; aber schon im Hofe gab cs einen kleinen Aufhalt. Vinzenz wollte seinen Hund, den Greif mitnchmcn: der Vater wehrte ihm das strenge und er mußte etwas Verwunderliches und Herausforderndes im Blicke Albans bemerkt haben, denn er sagte zu diesem gewendet: „Wer im Herzen spottet über das was heute geschieht, der ist ein schandbarer Mensch, vor Gott und der Welt verdammt. Unsre Väter und Urahnen haben's so gehalten, und das ist heiliger Brauch." Unter dem Hofthore stand der Furchenbaucr noch einmal verschnaufend still, er mochte denken, daß er zum letzten Male hier als Herr und Meister stand; wenn er wicderkehrte, gehörte Alles das einem andern. Mit dem grünen Maien auf dem Hut wird am Abend ein Jüngerer als Meister hier eintreten. Wer wird es sein? Man ging von Sonnenaufgang nach Untergang, schweigend bis zum ersten Marksteine. Dort hielt der Vater an, nahm ein - Brod, zerschnitt es in drei Stücke, aß zuerst von dem einen und reichte dann die beiden anderen den Söhnen. Alban erhielt das erste Stück aus seiner Hand. Jetzt füllte der Vater ein Glas, schüttete zuerst ein wenig auf den Markstein und trank, dann reichte er es zuerst Vinzenz, dieser trank, gab das Glas in die Hand Albans, der auf den Wink des Vaters den Rest austrank. War es ein Zufall unwillkürlicher Regung, daß das erste Stück des Brodes dem ältesten gereicht wurde, oder war dieser wirklich der Lehnhold? Alban, wußte cs wiederum nicht. Der Vater schlug mit dem Haus des Beiles (mit dem breiten Rücken) dreimal auf den Markstein, die beiden Söhne mußten das Gleiche thun und der Vater sprach: „Keine Gnade finde der bei Gott, der diesen Markstein verrückt." Der Vater stieß das Messer, mit dem er das Brod geschnitten, dreimal in den Boden und sagte als er es zum letztenmale herauszog halb vor sich hin: „Rein ist das Messer, rein ist der Boden und schärft den Stahl." Man schritt weiter. Alban schauderte es im Innern. Aist dem zweiten Marksteine saß ein Rabe und sah den Ankommenden ruhig entgegen. Der Vater winkte anfscheuchend mit der Hand, aber nach Art dieser kecken Thiere, die alsbald merken, wenn man waffenlos gegen sie ist, blieb der Rabe ruhig sitzen. Vinzenz bückte sich und hob eine Scholle auf, aber der Vater hielt ihm den Arm indem er sagte: „Man darf nach einem Naben nicht mit Ackererde werfen." Erst als man ganz nahe war, flog der Nabe kreischend da- 150 von. Dieselbe Weihehandlung wiederholte sich hier, nur sprach der Vater beim Aufstehen keine Verwünschung mehr aus, vielmehr bröckelte er Brot rings umher auf den Boden und sagte dabei: „Das ist für die hungrigen Vögel in Feld und Wald. Werda gesegnet ist mit reichem Besitze, gedenke allezeit derer, die in Noch und Armuth sind, denn darum hat ihn Gott gesegnet und es wird ihm doppelt wohl ergehen." Der dritte Markstein war am Waldessaum. Der Vater setzte sich auf den Stein und befabl den Söhnen: „Holt Wauderstäbe!" Sic eilten in das Dickicht und bald hörte man es knacken. Alban war der erste, der wieder zurückkehrtc und im Angesichte des Vaters zuckte es seltsam, da ihm Alban einen abgezweigten Schwarz- dvrnstock übergab und dann wieder in das Dickicht ging, um sich selber einen zu holen. Vinzenz kam mit zwei noch mit den Zweigen behangcncu Stöcken, der Vater befabl ihm, einen wegzuwcr- sen und einen für sich zu behalten. Als nun auch Alban mit seinem Stocke wiedcrkam, erhob sich der Vater und rief in gebieterischer Haltung: „Zerbrecht Eure Stöcke!" Vinzenz schaute den Vater verwundert an, der Stock Albans knackte und bald darauf auch Verdes Vinzenz und der Vater rief wieder: „Werft die Splitter weg!" Es geschah, und der Vater fuhr fort, seinen Stab erhebend: „Seht, ich allein halte den Stab, ich allein habe Macht über euch und ihr müßt mir gehorsam und folgsam und unterthänig sein in Allem." Vinzenz rief laut „Ja," und gegen ihn gewendet sprach der Vater: „Ihr habt nicht zu antworten und ich euch nicht zu fragen. Von Gott eingesetzt ist es, das; das Kind nach dem Willen des Vaters thue, ohne Widerrede; und so ist cs treu und fromm von Alters her in unserer Familie gehalten, und darum stehen wir unter den Ersten im Lande." Mit erleichtertem Herzen schloss er: „So, jetzt Hab' ich nach dem alten Brauch gethan, und jetzt können wir ordentlich und frei miteinander reden." In der That schien sich der Fnrchcnbauer erst jetzt leicht und 151 frei zu fühlen, er schritt an dem frisch geschnittenen Stabe behend dahin; der Waldweg war breit, seine beiden Söhne gingen neben ihm, Vinzenz war zur Linken, sein blindes Auge stets an der Seite des Vaters. Dieser erzählte abermals die Geschichte von dem Urahn, der die Furche um sein Gut gezogen und ihm den Namen gegeben. Im Walde waren viele Menschen, Männer, Weiber und Kinder, die Dürrholz rafften, denn am Montag hatten sie diese altherkömmliche Gerechtsame. Jedes dem man begegnete, erhielt nach alter Sitte Wein und Brod nnd die Kinder sogar eine kleine Münze. Im Walde jauchzte und jubelte cs von allen Seiten und der Tag hellte sich aus. Der Vater sagte, das; nun die Kunde von Ucbcrgabc des Gutes überall besprochen werde. Gr wendete sich mit seinen Worten seht vorherrschend und besonders freundlich an Alban und plauderte von allerlei. Es war schon gegen Abend, als man am Marksteine unweit ves Felsens, den man des Eeigcrlc's Lotterbett nennt, wieder den üblichen Halt machte. Drunten rauschte der Waldbach und der Vater fragte jetzt Alban gradezu: „Jetzt sag einmal; wie thätcst du denn das Gut übernehmen ?" „Zehnfach so hoch als es bis jetzt geschätzt ist, aber ich will —" „Schweig, still sag ich. Du verdienst nicht, daß man dir einen Fußbreit Boden giebt. Kann ein Mensch, der fünf zählen kann, ein Ent übernehmen, das so verschuldet ist? Die Zinsen fressen dich ja auf." „Mau kann den Wald am Kugclberg schlagen und —" „So? So fangen die rechten Lumpen an, der Wald muß büßen, was der Acker nicht vermag. Was die Voreltern aufgc- spart haben, kommt unter die Axt. Am Wald sich versündigen ist das schlechteste. Du willst gescheit sein und hast kein Loth Verstand. Wenn ein Bauer keinen Wald mehr hat, hat er keinen Anhalt mehr. Drum Hab ich ihn auch geschont wie meine Vorfahren auch. Du thätest cs dahin bringen, daß du kein' eigene Tanne mehr hättest, aus der man dir eine Bahre machen kann. Siebst jetzt ein, daß ich Recht Hab? Sichst ein? 152 „Wenn meine Geschwister lieber baar Geld wollen, — es ist ein Käufer für den Hellberger Hof du." „So? Hast schon einen? „Ja, der Graf Sabclsbcrg hat mit mir davon gesprochen —" „Von meinem Ablosungsgeld? O du bist ein vermaledeiter Bub. Eh ich das zngcb', laß ich mir lieber ein Glied vom Leib abhackcn. Mein Gut laß ich nicht verreißen, nie, nie. Sag jetzt gradaus. Guck mich nicht so an, Vinzenz, ich kann machen, was Ich will, ich Hab den Stab in der Hand, da komme her Alban, versprichst du mir in die Hand hinein, des Nagelschmicds Vrcni lausen zu lassen und dir eine rechtschaffene Frau zu holen, versprichst du mir, vor Gott einen Eid zu thun, daß du einem deiner Kinder das Gut nngetheilt vererben willst? Gicb Antwort. Steh nicht da wie ein Stock, laß mich nicht die Zunge lahm reden —" „Ich mein'" — „Nichts, nichts, kein ander Wort, Ja oder Nein. Willst du jetzt das Maul austhun, oder soll ich dir alle Zähn' in Rachen schlagen?" „Ich kann nicht, Vater." „Gut, dabei bleibts. Du hast gesehen, ich hab's gut mit dir gemeint, jetzt ists vorbei, aus und vorbei, oder ich will verdammt sein ans ewig, hier und dort. Komm her Vinzenz." Der Vater stand ans, mit zitternder Hand brach er einen Zweig von einer Tanne, nahm dem Vinzenz den Hut ab, steckte den Zweig darauf, setzte ihm den Hut wieder aufs Haupt, reichte ihm die Hand und sagte: „Du bist der Furchcnbaucr und dabei bleibt's so wahr mir Gott helfe. Alban, du sollst nicht zu kurz kommen, dafür laß nur mich sorgen und sei folgsam. Sei der erste, der deinem Bruder Glück und Segen wünscht und er soll allezeit brüderlich an dir handeln." Alban schaute starr vor sich nieder, jetzt erhob er sein Antlitz, wilde Raserei flammte daraus. „Ich leid's nicht," rief er »ich lcid's nicht," und riß dem Vinzenz den Zweig vom Hute. „Es giebt noch eine Gerechtigkeit- Die Gerichte sollen entscheiden. Das Ent muß und muß gcthcilt werden." Der Furchenbaucr war wunderbar ruhig, seine Züge waren eiscnstarr, er bückte sich selbst, hob den Hut ans, den Alban zu Boden geworfen hatte und setzte ihn Vinzenz wieder aufs Haupt. Dieser redete noch iimncr kein Wort. Man horte nichts als das Rauschen des Baches und Schreien der Raben im Walde. Der Furchenbaucr sagte endlich: „Kommet heim. Oder Alban willst du gleich von hier aus zu Amt? Ich steh dir nicht im Weg. Ich Hab dir nichts zu befehlen. Du willst mein Kind nicht sein, ich bin dein Vater nicht. Die Gerichte nehmen sich deiner an, und dort werden wir uns sehen. Was hat das Geländer gethan, das; du mit dem Beil drauf loshaust? Hau da zu, da, da ist mein alter Kopf. Komm Vinzenz." Der Vater ging mit Vinzenz davon. Als Alban seine Axt aus dein Balken zog, der qucrliegcnd am Rande des Feldweges als Geländer befestigt war, kollerte der Balken krachend und knisternd den jähen Fels hinaus und klatschte drunten im schäumenden Waldbache auf. Alban schaute nur eine Minute hinab in den Tobel und beugte sich hinaus, er konnte mit der Hand den Wipfel einer hohen Tanne fassen, die drunten im Thale steht, der Bach war bald sichtbar, bald verschwand er unter vorsprin- gcnden Felsen. Alban war's als müsse er sich hinab stürzen, und wieder als zöge ihn eine Hand zurück, richtete er sich auf und folgte dem Vater und dem Bruder hintendrein. Er kam sich Verlusten und verloren vor in der weiten Welt, und doch konnte er nicht anders und willenlos folgte er dem Schritte des Vaters; er war an seine Macht gebannt. Das Hofgesinde stand am Thore und schaute verwundert ans, das; keiner der beiden Söhne mit dem grünen Zweige auf dem Hute zurückkehrtc. Alban drängte sich an die Seite des Vaters und dieser schritt machtvoll und fest zwischen seinen beiden Söhnen dem Hause zu. Er dankte kaum dem Gruße seiner Dicnstlcutc. 154 Alles zerstiebt ins Weite und Einer bleibt in der Enge. Der Furchenbauor hackte seine Handart in die Thnrpfoste, das; die Wand dröhnte, dann ging er hinein ins Hans. Die Mntter und Ameilc standen in dcrKnchd an, prasselnden Feuer, sic bereiteten das Festmahl, das den, heutigen Tage sich ziemte. Der Vater ging ohne Grus; an ihnen vorüber nach der Stube. Dort saß der Gipsmnller mit seinen Töchter» beim Dekan, die Mutter kan, hinter Vinzenz drein, sie mußte hören was vorging. Sic hörte es nnr allzubald, denn der Bauer war rasend ob des widerspenstigen Sohnes. Niemand wagte zu widersprechen als der Dekan. Ameile trug das Essen ans. Man setzte sich dazu nieder, aber cs dänchte Allen eher ein Leicbenmabl denn ein Freudenfest. Alban war nicht zu Tische gekommen, er hatte sich gleich nach der Stallkammer begeben, die Mntter hatte nach ihm geschickt, ja sie war selbst bei ihm gewesen, aber er gab Niemand eine Antwort, sondern sas;, das Antlitz mit den Händen bedeckt, auf dem Bette. „Kommt der Bub nicht?" fragte der Vater. Die Mutter wollte Ameile nach ihm schicken, aber der Vater wehrte ab: „Nichtsda, keine guten Worte, ich ruf ihn und ich will sehe», ob er mir folgt oder nicht." Er öffnete das Fenster und ries in den Hof hinab: „Alban, komm gleich 'rauf, Ich ruf dich!" Kaum eine Minute verging und Alban trat in die Stube. Das Licht mochte ihn blenden, denn er rieb sich die Ange», alle Röthe war von seinen Wangen gewichen, sein Antlitz war leichenfahl. Der Dekan und der Gipsmnller allein dankte» seinem Gruße, Niemand wagte es ein Wort an ihn zu richten. Nur die kleine Ammrei rief: „Alban, setz dick hurtig her, die Ahne (Großmutter) hat einen ganzen Haufen Schnitz gekocht. Hast du Schnitz auch gern?" „Und Schnißgeigcrlc's," höhnte der Fnrchenbaucr. Niemand hörte darauf, Alles beschäftigte sich nur mit Ammrei und brachte sie immer mehr zum Reden. Ein Jedes fühlte die Erfrischung, das; ein harmloses Gcmüth unter ihnen war, das von allem Wirrwarr nichts wußte und wollte. Das Kind fand sich selbstgefällig in die Rolle, daß Alles sich ihm zuweudcte und plauderte allerlei kunterbunt durcheinander, Kluges und Albernes, aber Alles wurde belacht. Selbst der Großvater konnte nicht umhin, seine Miene zu einem Lächeln zu verziehen; man sah es ihm aber an, nur die Oberfläche erheiterte sich, in der Tiefe grollte und kochte ein gewaltiger Zorn. Desto glückseliger war aber die Mutter und Ameile mit dem Kinde. Ein Enkelkind am Tische der Großeltern schmückt und erheitert denselben mehr als die schönsten Blumen. Das Kind darf reden was und wann cs will und Alles wird mit Freude begrüßt und ein Jedes hat zu erzählen, was das Kind heute gesagt und gethan und wie Alles lieb und gescheit sei. Vor Allem strahlen die Großeltern in Freudenglanz und was einst in dem Kinde aus dämmerigcrJugcnderinnerung ersteht, wenn die Großeltern längst nicht mehr sind, erblüht seht in diesen als heiteres Ausschaucn in eine zukünftige und eine vergangene Welt. Das Abendessen ging durch das Kind ziemlich heiter vorüber. Nur einmal als Ammrei fragte: „Alban, was machst für ein Gesicht? Bist bös mit mir?" sagte der Vater: „Der? Der ist viel zu sanstmüthig, der beleidigt kein Kind." Man stand ans, Ammrei betete vor, die Stimmen der Männer bildeten den dunklen Erundton zu der Hellen Stimme des Kindes. Alban wollte die Stube verlassen, da rief ihm der Vater: „Da bleibst." Alban sctste sich auf die Ofenbank, es gesellte sich Niemand zu ihm, er saß da wie ein armer Sünder. Da sprang Ammrei vom Schooße der Großmutter und schmiegte sich an die Knie Albans. Der Vater befahl Aincile das Kind zu Bette zu bringen, lüü eS folgte nur mit Weinen und Alban war's als jetzt das Kind von ihm genommen wurde, als war er nun alles Schuhes beraubt. In der That ging nun auch der Sturm gegen ihn von allen Seiten los. Der Vater erzählte ziemlich sachgetrcn den ganzen Vorgang, nur übertrieb er etwas seine heutige wohlwollende Stimmung gegen Alban, und diesem däuchtc es nun, daß sie nie Ernst gewesen. Das Schelten und Fluchen des Vaters, das Weinen der Mutter, das Mahnen des Dekans, Alles drang nun ans Alban ein und Alles vergebens, er blieb bei seinem ausgesprochenen Vorhaben. Ein Feuer, das der Blitz entzündete, kann menschliche Gewalt nicht löschen, lehrt der allgemeine Volksglaube. Ter Gedanke der Gerechtigkeit, der in jener bewegten Zeit wie ein feuriger Funke in die Seele Albans gefallen, war in ihm unauslöschlich. Mitten unter allen Einreden und Ruhestörungen erhob sich sein Herz, nicht in Eier nach Besitze, sondern in einer mär- tyrcrglcichen Hingebung an das Unabänderliche. Sein Herz blutete aus tausend Wunden, die ihm Liebe und Haß schlug, und er zagte und zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr, er war bereit zu sterben, aber mit dem Bekenntnisse der Wahrheit auf den Lippen. Immer wieder aufs Neue toste cs an ihn heran, aber er stand fest, unbeweglich wie ein Fels. Zuletzt kam der Vater zitternd auf ihn zu und schwur, ihm Alles zu verzeihen, wenn er umkchre; er schilderte noch einmal wie es ihm das Herz zerfleische, daß sich das Kind nicht beweisen lasse, wie es Unrecht habe. „Mein Vater selig" rief er zuletzt „hätt' nicht so lang mit einem Kind geredet, er hätt' gesagt: das geschieht und da hätt' keiner mucksen dürfen. Ich will das nicht, du sollst cinsehcn, daß ich Recht Hab, du mußt's einsehen und du kannst, wenn du dich nur nicht verstockt machst. Schau, du willst gegen die ganze Welt gerecht sein aber gegen deinen Vater nicht. Tu weißt nicht, wer dein Vater ist. Dein Vater ist ein Mann, vor dem du den Hut abthun mußt. Ich dürft' für meine Kinder ein glühiges Eisen 157 tragen*). Gott weiß es, wie ich an ihnen ei» Vater bin und sein will. Ich weis; besser als du, und wenn du Tausend Bücher im Kopf hast, wic's sein muß. Ich will nicht, daß die ganze Welt verlumpen soll und nichts bleibt als Gciscnwirthschaft und kurzum, ich bin tausendmal gescheiter und braver als du, jetzt glaub's oder glaub's nicht." Alban verstand sich nur endlich zu dem Nachgeben, das; er sagte: „Ich thue keinen Schritt, so lang Ihr nichts thut, aber dann auch ohne Widerrede." „So soll also auf meinem Grabe mein Gut zerrissen werden?" fragte der Vater weinend vor Zorn. Alban schwieg und die Männer in der Stube mußten abwchren, das; ihn der Vater nicht erdrosselte. „Red du, red du mit ihm," wendete sich der Bauer an seine Frau, „so red doch Ivas, du gehörst auch dazu." „Mein' Mutter selig hat nie in Mannshändcl drein geredet. In den Krieg trag ich keinen Spieß, hat sie immer gesagt. Wie ihr's ausmachet muß mir's recht sein. Nur haltet Friede. Bei uns daheim ist's der Brauch, das; —" „Du bist jetzt nicht in Siebenhöfen, du bist nicht daheim—" „Das merk ich an deinem tcufelmäßigen Schreien und Toben." Wie von einein Blitze durchzuckt standen Manu und Frau plötzlich still, sic merkten, das; vor den Kindern, vor fremden Menschen, ein Widerstreit zwischen ihnen zu Tage gekommen war, der tief in ihnen Beiden wurzelte. Die plötzlich eintretende Stille machte die scharfe Widerrede noch schärfer. Alban wendete sich nach der Thürc und diese Bewegung des Sohnes zeigte den Eltern aufs Neue was geschehen war und sprach den härtesten Vorwurf aus. Alban verlies; die Stube, die Mutter wollte ihm folgen, aber der Vater hielt sic zurück und so heftig, daß sie laut schrie. Die Feuerprobe darauf bestehe». Noch heute gebräuchliches Dprüchwort. 158 Ter Dekan erklärte, das; er am Morgen früh wieder abrcise, der Gipsmüller verlies; mit seinen Töchtern bald das Haus. — Am Morgen führte ein Knecht den Dekan nach der Stadt, Alban wirthschaflete im Hause umher als wäre gar nichts geschehen ; er schien den Plan in der That ausführen zu wollen, bei Lebzeiten des Vaters keinen öffentlichen Widerstreit anzu- fachen. Der Bauer stand in der Stube und sah, die heiße Stirne an die Scheiben gedrückt, dem widerspenstigen Sohne zu. Ein Gedanke durchfuhr ihn und er bäumte sich hochauf. Er trat zu Alban und befahl ihni einen Sack Kartoffeln anfznladcn und sie in den Keller zu tragen. Alban gehorchte, der Vater folgte ihm, er befahl ihm den Sack in einem abgesonderten Verschlage auszuleeren. Kaum war Alban in demselben als der Vater hinter ihm zuriegelte und ein Schloß vorlegte. „Was soll das?" fragte Alban. „Ich will dich in Schatten stellen, daß dich die Sonne nicht verbrennt." Mit einem heftigen Griff und noch einem riß Alban das Lattcnwerk zusammen und stieg heraus, aber jetzt faßte ihn der Vater und warf ihn zu Boden. „Vater, was ist das?" ries Alban, „Vater, es ist keiner in der ganzen Gegend, der mich zwingen kann, Ihr könnet's, weil ich mich nicht wehren darf. Lastet los, auf diese Art zwinget Ihr mich nicht, so nicht." „Aber so," keuchte der Furchenbauer, er hatte sich sein Halstuch abgcknüpft und band damit Alban die Hände zusammen, dann schwur er, ihn nicht ans Tageslicht zu lasten bis er nachgebe. „Du bist mit dabei gewesen," schloß er, „wie ich gehört Hab: in alten Zeiten hat der Vater über Leben und Tod seiner Kinder richten können. Ich bin noch aus der alten Welt. Ich will dir zeigen, daß ichs bin." Er sprang behend die Treppe hinauf uud wälzte mit ungewohnter Kraft ein Fas; und mehrere Kartoffelsäcte auf die Fall- thüre. Während dies im Keller geschah hatte die Bäuerin ihre große Noth im Hause. Bettelleute aus allen Himmelsgegenden waren angekommen, denn es war bräuchlich, das; der junge Lchnhold allerlei Geschenke beim Gutsantritte austheilte. Die Obcdfüchti spielte lustige Tänze vor dem Haus. Die Bäuerin sand keinen Glauben, das; ihr Mann noch nicht abgebe und sie brachte sich die Leute erst vom Halse als sie Mehl und Schmalz und Brod und Kartoffeln vertheilte. Sie seufzte endlich erlöst auf, da trat ciuc neue Gestalt ihr vor die Augen. „Dominik, was thust denn du da?" „Ich Hab gehört, daß, daß —" „Das; Untereinander bei uns ist und da willst du ihn noch vergrößern ?" „Nein, ich Hab eben sehen wollen, ob man mich nicht brauchen kann. Wenn ich unwerth bin, kann ich schon wieder gehen, aber ich —" Ich kann dir nichts sagen, ich weis; selber nicht, ob ich noch da hergchörc, ob ich noch auf vcr Welt bin, und jetzt kommst du auch noch und jetzt geht die Geschichte mit dem Mädle noch einmal an." „Ich Hab mit den; Alban was zu reden." „Darf ich's nicht wissen?" Dominik erstarb die Antwort auf den Lippen, er starrte drein als sähe er ein Gespenst. War das der lebende Furchenbaucr oder sein umwandelnder Geist? Wenn er's selber war hatte er sich in den acht Tagen fürchterlich verändert. Der Furchenbaucr sah ihn steif an, seine Lippen zuckten, aber er sprach kein Wort, er wusch sich die Hände in der Küche und sagte endlich: „Weißt noch Bäuerin? Wir habeneinmal dcnTürklean den Apostelwirth verkauft gehabt und nach drei Tagen ist er wieder kommen mit dem abbissenen Seil. Der da ist grad wie der Türklc." „Ein Hund bin ich grad nicht," knirschte Dominik. „Gehörst aber auch nicht hierher. Willst dir was zu essen holen? Sichst übel aus. Gelt, in Nellingen geht's magerer zu als bei uns?" 160 „Ich will Zum Alban," sagte Dominik stolz. „Such ihn wo er ist," antwortete der Bauer. Ohne eine Erwiederung abzuwarten ging der Bauer nach der Stube. Dominik ging anch davon, er schaute um und um, aber er sah Ameilc nicht. Er stand wieder draußen vor dem Hofe. In einem Acker am Wege grub ciu Manu eine Grube, eine sogenannte Miete, um die rings umher aufgchänften Futterrüben einzukellcrn. Man sah von dem Manne nichts als seine Mütze und die Schaufeln voll Erde, die er hcraufschlcuderte. „Guten Tag!" rief Dominik. Der Mann dankte und streckte seinen Kopf aus der Grube heraus, cs war Vinzenz. Er war hocherfreut den Dominik zu sehen und schloß damit: „Könntest mir wohl helfen." Dominik war dazu bereit, sprang rasch in die Grube und ergriff die Hane. „Wo ist dein Alban?" fragte Dominik während des Arbei- tens und Vinzenz erwicdertc lachend: „Ich Hab ihn nicht im Sack. Weiß wohl, er ist dir Geld schuldig, er kann dir jetzt baar heimzahlcn, er kriegt genug. Wie viel ist er dir schuldig? Soll ich's zurückhalten von seinem Zukommen?" Dominik verneinte und seine Mienen erheiterten sich. Er hatte jetzt die Gewißheit, daß das Gerücht in jeder Weise gelogen hatte, Alban war so wenig beschädigt als der Furchcnbaucr, und um jenen war ihm doppelt bange gewesen, denn Vater nnd Mutter thatcn so verlegen als er seiner erwähnte. Der Vinzenz war äußerst srohgcmuth und zutraulich gegen Dominik, ja er sagte ihm: „Wenn du zu mir hältst und den Alban zurechtbringst, da will ich dir was sagen: Ich Hab nichts dagegen, im Gegcntheil ich helf dir dazu, wenn dich mein Ameilc will, sie kriegt auch ciu schönes Vermögeiw der Alban hcirathet dann sein' Vreni und du und das Ameilc, ihr gehet alle mit einander nach Amerika, da könnet ihr euch mit dem Geld einen Hof kaufen, zehnmal so groß als der da, und ihr zwei, ihr seid ja Bauern oben 'raus, ihr könnet den Hof hinstellen, daß cs eine Pracht ist. Das ist doch 161 gewiß ehrlich und gutmeinend gesprochen. Kann mau aufrichtiger sein? Wenn Ich nicht so in dem Unglück wär', ich thäts gleich, ich thät's um den Frieden zu erhalte». Mau muß den Vater vor Allem ehren. Ich Hab kein Wort dagegen gesprochen, wie er den Alban zum Lchnhold hat machen wollen, er soll selber sagen, ob ich nur Laut geben Hab'; aber jetzt bin Ich Lchnhold und jetzt bleib ich's, und was der Vater festgesetzt hat, muh mau in Ehren halten." Noch nie hatte Dominik eine solange und eindringliche Rede des Vinzenz gehorch der in sich gekehrte wortkarge Bursche schien durch seine ausgesprochene Würde plötzlich viel reifer, viel offener und einsichtiger. Dominik machte der Gedanke, daß er einen Beistand im Hause habe, um Ameile Zn gewinnen, die Wangen glühen; freilich war Vinzenz nicht der eigentlich genehme und war ihm doch noch nicht ganz zu trauen, aber er ist doch jetzt der eigentliche Herrscher im Hause und an der Seite Ameile's und mit Alban in die weite Welt ziehen, da ist die Ferne nicht mehr fremd, da hat man gleich den liebsten Anverwandten an der Hand. Es war aber eine seltsame und doch natürliche Umbiegung des Gedankens als Dominik jetzt fragte: „Und dir thät's gar nichts ausmachen, wenn deine Geschwister in die weite Welt gingen und du weit uud breit Niemand mehr hättest?" „Was geht denn das dich an?" sagte Vinzenz zornig. „Ich bin zu gutmüthig, daß ich so viel mit dir red'. Ich will den Frieden und ich Hab gemeint du auch. Du vermagst viel beim Alban, mehr als wir Alle, und cs war' dein Glück auch. Ich red' aber nichts mehr. Ich brauch' dich nicht und brauch' keinen Menschen." Während Dominik grub, entdeckte er in seiner Seele einen verborgenen ungekannten Schatz: der Hirzcnbauer hat Recht, mit der Guthcit allein führt man nichts aus. — Jetzt hatte Dominik ein Mittel, das seinem Verlangen Nachdruck verschaffte, er mußte seinen Einfluß auf Alban verwcrthcn, er mußte Vermittler gewiß vor Allem zum Frommen Albans, aber auch zu seinem eigenen sein. 11 162 Ans Trübsal heraus und noch mitten in ihr empfand Dominik eine nie gekannte Glückseligkeit ^ denn nicht nur die begeisterte mit Hingebung erfüllte That erhebt das Herz mit innerster Erquickung, auch das Bewußtsein, die Lcbcnsbegegnisse mit kluger Umsicht zu handhaben und anszubenteu, vermag ein Gleiches. Dominik war in dieser Stunde znm Manne gereift, er sah, daß er die Augen besser ansmachcn müsse, nicht mehr demüthig und mit Kleinem zufrieden nach innen gekehrt, sondern klug und beherzt sich und seinen Vortheil geltend machen. Während mau die Rüben in die Grube schüttete, kam der Bauer auch herbei. Er stand verduzt. „Was thust du noch da?" fragte er Dominik und Vinzenz crwiederte: „Ich Hab v ihn geheißen und lasset es dabei, Vater. Lasset nur uns zwei machen, und Ihr werdet scheu, es geht Alles gut aus. Der Dominik hat was und damit kann er den Alban um einen Finger wickeln." „Was. denn?" Halb aus Verschlagenheit, halb auch, weil er doch »och nicht recht wußte, was er sagen sollte, that Dominik sehr geheimnißvoll, aber nichts desto minder zuversichtlich. Der Bauer sah ihn starr au und ging ohne ein Wort zu reden nach dem Hofe zurück. Dominik und Vinzenz vollendeten die Miete, der letztere wollte die Sache nur rasch abthun, aber Dominik ließ sich von seiner Sorgfalt nicht abbriirgen, er bedeckte zuerst Boden und Wände der Grube mit Stroh und schüttete dann die Rüben hinab. Nachdem er sie mit einer Lage Stroh zngedeckt, wollte er für jetzt aushören, aber seine Einwendung, daß man jetzt noch eine Weile bis es gefriere, die Frucht verdunsten lassen müsse, half nichts. Vinzenz befahl ihm strenge, sogleich Erde darauf zu schütten und er mußte willfahren, er ließ aber trotz Scheltens über sein Bes- serwisscn nicht ab, Strohwische in die Höhlen zu stecken, damit die Frucht nicht ersticke. Mitten in Unruhe und innerer Hast that Dominik jede Ar- 163 beit, die cr zur Hand nahm, vollkommen. Wer über solch ein Thun Nachdenken mag, wird wissen was das zu bedeuten hat. Flüchtig und eingcholt und abermals davon. Als Ameilc mit dem Kinde an der Hand in die Stube trat, wie erstaunte sie, den Dominik hier zu sehen; er stand neben Vinzenz, grade dort an der Kammerthürc, wo sie im Ringen um ihn nicdcrgefallen war. Sie wußte sich jetzt nicht anders zu helfen als sie nahm das Kind auf und umhalste und küßte cs mit Inbrunst. „Wo ist der Alban?" hieß cs allgemein. Man suchte, man rief im ganzen Hause, nirgends eine Antwort, nirgends eine Spur. Man setzte sich zu Tische, der Platz Albans blieb leer. Der Bauer aß fast gar nicht, cr schärfte sich immer die Lippen mit den Zähnen. Hätte nicht wieder das Kind bei Tische gesprochen, man hätte keinen Laut gehört. Als abgegcssen und gebetet war, sagte der Bauer zu Dominik : „Ich muß dir's noch einmal sagen, deines Bleibens ist nicht da. Ich brauch dich nicht." „Aber der Vinzenz hat gesagt, ich soll bleiben und ich geh nicht, bis ich mit dem Alban gesprochen Hab", erwiederte Dominik. Der Bauer athmete rasch auf und warf dabei den Kopf zurück, aber er hielt an sich und in diesem Augenblicke erschrack Alles im Hause: eine Kutsche fuhr in den Hof. Kommen schon die Gcrichtsleute und wer hat sie geholt? Spitzgäbcle stieg aus und nach ihm zwei fremde Männer. Das waren keine vom Gericht. Der Furchenbauer ging ihnen entgegen. Die Welt geht ihren Gang fort in Handel und Wandel, mag Wirrnis; da und dort herrschen. Spitzgäbele brachte die beiden Männer, die Aepfel cinkaufteu. Auf den; landwirthschaftli- chen Bezirksfeste hatte der Furchenbaucr eine große Masse davon versprochen, und wie kam jetzt die Erfüllung zur Unzeit! 11 * 164 Der Furchcnbauer that freundlich und unbefangen, und doch brannte es ihm im Innern. Er hatte gedacht, seinen Alban zu befreien, er hatte sich doch übereilt, und jej;t konnte er es vor den fremden Menschen nicht. Wer weis;, was der wilde nun doppelt verhetzte Bursch im ersten Augenblick anfängt? Der Furchcnbauer mußte im wahren Sinne des Wortes in einen sauren Apfel beißen und zwar in mehr alseinen; er mußte seine Frucht proben und proben lassen, er mußte die Männer im Garten in den Scheunen geleiten und zuletzt in die Stube führen und Spitzgäbele ließ nicht ab, bis der Furchenbauer den fremden Herren zeigte, was für einen guten Tropfen ein Oberländer Bauer im Keller hege. Glücklicherweise war der Weinkeller ein anderer als der, darin der Gefesselte lag. Spitzgäbele war auch eine Art Patriot, er machte sich stolz damit, den fremden Herren zu zeigen und zu erklären, was hier zu Lande ein Bauer sei. Wie war cs dem Furchenbauer zu Muthe als er jetzt seinen übermäßigen Reichthum und den Segen der geschlossenen Güter preisen hörte, und wie bei einein solchen Bauer „die Zeinsle singen."*) Es wurde Nacht bevor Spitzgäbele mit seinen Herren davon fuhr, sic hatten hier gegen 400 Simri Aepfel eingckauft. Während der Furchcnbauer mit den Fremden zu thun hatte, stand Ameile wiederum bei Dominik im Garten. „Ich hab's gewußt, daß du kommst, du hast müssen kommen", sagte sie nach den ersten Begrüßungen. „O Dominik! Wie sieht's bei uns aus. Ich thät' sterben vor Gram wenn ich nicht dich hätte. Laß dich nur nicht verscheuchen, du mußt da bleiben; ich muß einen Beistand haben, cs kann jeden Augenblick auch gegen mich losgehen. Du bist mein' Hülf und mein Zuflucht und mein Alles." Natürlich war Alban bald der einzige Gegenstand des Gespräches. Ameile konnte sich gar nicht erklären, wohin er verschwunden war, die Mutter glaube, daß er nach der Stadt vor Amt sei, sie aber habe ihr nicht gesagt, wie 165 sie in seiner Kammer nachgesehen, da seien all seine Kleider und er sei nicht ein solcher, der unordentlich in die Welt hinaus laufe; sein Gesangbuch sei ausgeschlagen, und weinend sprach sic die Ahnung aus, Lasi sie furchte, Alban habe sich ein Leid ange- than, er habe am Sonntag, als sie allein mit ihm war, so viel vom Tode gesprochen. Dominik beruhigte sie so viel er vermochte und die frische Stärke des Gemüthes, die er heute erst in sich erweckt, sowie der Umstand, das; er allein nicht erhitzt von dein Gehetze der vergangenen Tage ans der Ferne eine gewisse Nutze mitbrachtc, übte endlich einen beschwichtigenden Einfluß auf Amcile. Dennoch war cs Dominik nicht wohl dabei, und er sagte, er wolle aus denHellbcrg gehen, Alban sei gewiß dort bei derVreni. Beruhigt mit dieser Auskunft ging Ameile »ach dem Hanse und Dominik nach dem Hellberge. Zum Nachtessen kam Dominik nicht in die Stube, Amcile brachte ihm Speise in die Stallkammer und hörte, das; Alban seit zwei Tagen nicht auf dein Hellberge gesehen worden. Ter Vater war heute voll Unruhe und brummte immer in sich hinein. Er schickte Alles früh zu Bette, aber Amcile konnte nicht schlafen und hörte jeden Tritt . . . Als Alles stille im Hanse war, schlich der Vater nach dem Keller. Er versuchte es, jetzt die Säcke und das Fas; von der Fallthnre zu wälzen, aber die Kraft versagte ihm, er setzte sich ermattet nieder und rief: „Alban!" Keine Antwort. „Alban, ich bin's, dein Vater ruft." Immer noch lautlose Stille. Dem Vater standen die Haare zu Berge. Hätte sich Alban ein Leid angethan? Kau; er zu spät? Mit bebender Stimme rief er: „Alban, du bist mein gutes Kind, Alban, sei fromm und brav, thu mir das nicht an, es stoßt mir das Herz ab. Alban, du bist ein Schandbub, du bist nicht Werth, das; man dich erwürgt. Alban gieb Antwort, sei brav, sei brav, ich will dir ja Alles, Alles thun, gieb Antwort —" „Was wollt ihr thun?" rief eine Stimme von unten und der Bauer athmete frei auf. Alban lebte. Er antwortete lange nicht und erst auf die wiederholte Frage von unken sagte er: 166 „Du wirst jetzt cinschen, das; ich Recht Hab, du mutzt - ein- schen, du hast dich im Stillen besonnen. Guck, ich könnt' ja warten, ich könnt ja gar nicht abgcbcn so lang ich leb und mein Testament machen und das muß dann gehalten werden, und das muffen die Gerichte schützen; aber ich will nicht, auch nach meinem Tod sollen die Amtslent sich nicht in meine Sach' mengen und ich möcht auch noch meine Kinder vcrheirathct und auch noch Enkel sehen. Ist das ein schlechter Vater, der das will? Sag, willst du Allem folgen was ich thu?" „Nein." „Dann siehst dn das Tageslicht nicht bis du anders wirst." Der Bauer erhob sich und schlich wieder langsam die Treppe hinauf und in seine Schlafkammer. Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wohl zu der Scheuer. Das Wort ans dem Liede erneuert sich. Aus dem ersten Schlafe wurde Dominik geweckt. Ameile rief ihm. Sie hatte des Vaters nächtigen Gang belauscht und kam jetzt, Dominik das Gräßliche zu künden, was sie vernommen; sie sprach so verwirrt, daß Dominik sie nicht recht verstand, sic bat ihn, ihr zu helfen die schweren Lasten von der Fallthürc wegzunchmcn, und so viel stellte sich endlich heraus, daß Alban gefangen war. Amcile wollte, daß man ihn insgeheim befreie, aber sie staunte als Dominik sagte: „Nichts geheim! Dein Vater muß wissen was wir thun. Er darf uns nicht wehren. Das ist unmenschlich! Er muß froh sein, daß wir nicht unter die Leut bringen was er thut. Jetzt haben wir Ihn in der Hand, jetzt muß er thun was Wir wollen. Komm Ameile." Nur wie ein flüchtiger Blitz erkannte Ameilc, welch ein kräftiger Muth in Dominik erwacht war, „du bist unser Aller Heil", rief sie und seine Hand festhaltend eilte sie mit ihm nach dem Hause. Dominik weckte Alles mit lauter Stimme als er Alban aus dem Keller rufen hörte. Ter Vater, die Mutter und Vinzenz kamen herbei und Alban stieg aus dem Keller empor und starrte sie an wie ein vom Tode Auferstandcner. Dominik hielt den Alban in seinen Armen und sagte: „Thu nichts was Gott verboten hat, die Hand, die sich gegen den Vater erhebt, wächst aus dem Grabe." Alles war still, der Furchenbaucr trommelte mit den Fingern auf dem Faß. Die Mutter umhalste ihren geliebten mißhandelten Sohn und zum erstenmal in ihrem Leben hörten die Kinder ein böses Wort ans ihrem Munde gegen den Vater. „Du bist ein Unthicr und kein Mensch", rief sic ihm zu. Man ging nach der Stube, die Mutter wusch dem Alban selbst die Hände und das Ainlih und trug ihm Essen auf. Der Vater wollte aus Allem einen Scherz machen, Alban redete kein Wort: er aß ruhig und ging dann mit Dominik schlafen. Als ihm Dominik den gutiucinendcn Plan des Vinzenz dar- kegtc, lachte er vor sich hin. Verhetzt und in den Abgrund gestürzt. Der Tag graute kaum als Alban einen der Fuchsen gesattelt aus dem Stalle zog, er schwang sich behend auf und ritt im Nebel zum Thor hinaus und davon. Ohne Aufhalt wie ein Fcuer- botc jagte er im raschen Galopp dahin nnd er war in der That ein Feuerbote, er wollte in der Stadt Schußmittcl suchen gegen den Brand, der in seinem elterlichen Hause entflammt war. In der Stadt angekommen und ganz brennend vor Zorn befiel ihn doch noch einmal die Bangigkeit, daß er einen Familienzwist vor die Gerichte bringen solle: die alte strenge Zucht war doch noch mächtiger in ihm als er geahnt hatte. Er glaubte sein Auge nicht aufschlagcn zu können vor dem Richter, dem er die Sache vorbringe. Der Kreuzwirth, der ein noch standfester Republikaner war, dessen Wirthschaft darum auch von Vielen, die cs mit dem 168 Amte nicht verderben wollten, gemieden wnrdc, galt für einen klugen Advokatenkopf, und ilnn entdeckte sich nun Alban zuerst, ohne ihm jedoch Alles und namentlich die letzte Mißhandlung zu sagen. Der Krcuzwirth erklärte, das; Alban nichts anfangen könne, so lange der Vater lebe; man könne ihn nicht zwingen, sein Ent abzugcbcn auf diese oder andere Weise; er ricth indes; Alban, nach der nächsten Stadt zu reiten, wo der Sohn des Hirzenban- ern als Rechtsanwalt wohne. Alban schien das nicht genehm. Er ging aus und stand geraume Zeit vor dem Obcramtsgericht, ohne sich entscheiden zu können, hincinzugchcn. Da sah ec in der Oberamtci eine Francngcstalt am Fenster, er grüßte hinauf, man dankte freundlich. Alban ging hinauf zur Frau Obcramtmännin. Sie öffnete selbst den Treppenvcrschlag und hieß ihn cintrcteim sic fragte ihn nach Ameile, nach dem Vater, nach Dominik und seinem eigenen Befinden. Alban gab Anfangs nur stotternde und oberflächliche Auskunft. Sein Blick schweifte wie verloren in der Stube umher. Ist denn dieses Hans ans derselben Erde, auf der sein väterliches stand? Wie ist hier Alles so geregelt, so fei», wie spricht aus Allem eine Ruhe und doch ist das nur ein Stockwerk höher über den Stuben, wo die gräßlichsten Händel, Mord und Todtschlag, Raub und Betrug verhandelt werden. Und dazu diese begütigende Stimme der Frau. Alban hatte ein solches von Bildung und zarter Sitte erfülltes Hauswesen schon einmal kennen gelernt im Hause des Direktors der Ackerbauschulc, aber jetzt erschien ihm Alles wieder so fremd, so traumhaft schön. Die Obcramtmännin verstand cs, seine Gedanken zu sammeln , und mit einer wie elegisch gebrochenen Stimme erzählte ihr nun Alban Alles. Sic stand oft unwillkürlich auf, wenn er ihr eine Herbheit berichtete, setzte sich aber schnell wieder und bat Alban sortzufahrcn. Zuletzt sagte sic ihm, das; ihr Alaun morgen nach Reichcnbach müsse, sie werde vielleicht mitkommen und ihn wo möglich bewegen, daß er auf den Furchcnhof fahre und dann solle Alles rein freundschaftlich ohne den Amtswcg geschlichtet werden, denn das stehe fest, Alban könne nicht mehr bei seinein Vater bleiben. Während dieser noch herzlich dankte für die ge- 169 treue Annahme, kam ein Dienstmädchen und meldete Dominik. Die Frau Oberamimännin Kies; ihn cintrcten. „So? Da treff ich dich?" sagte Dominik zu Alban und richtete einen Grus; vom Ameile an die Oberamtmännin aus, mit der Bitte, sie möge so bald als möglich aus Len Furchenhof kommen, der Vater habe Respekt vor ihr und sie könne viel machen. Die Oberamtmännin gab nun feste Zusage, und auf dem Wege uach dem Wirthshause sagte Dominik zu Alban: „Tein Vater hat mich dir nachgeschickt, dn sollst ja nicht vor Gericht gehen. Gr will Alles thun." „Will er tbeilen?" „Das glaub ich nicht, aber sonst Erkleckliches, und wenn du nachgiebst, ist's mein Glück auch." „Ich gcb nicht um ein Haarbreit ab von dem was ich gesagt kab," erwiedertc Alban, ohne auf das Letzte zu hören und im Zorne rief Dominik: „Es ist doch so. Tn bist grad wie dein Vater, grad so unbändig." „Meinetwegen, und cs wird sich zeigen, wer stärker ist." Fm .ürcuz traf inan den silcin-Rotteck. Alban bat ihn, doch auch morgen früh auf den Furchcnhof zu kommen und ihm bci- zustchen. Der Klcin-Rottcck lehnte entschieden ab, er mische sich nicht in fremde Händel, da putze sich Jedes an einem ab. Auf das Zureden des Dominik und ans seinen leisen Zusatz, das; er ihm zu lieb kommen möge und er habe cs ja versprochen, ihm bcizustehcn, sagte endlich der stlein-Rottcck mit einem Handschlag zn. Der Hirzenbauer war sehr betrübt, obgleich er heute einen Prozeß gewonnen hatte. Seine Ortseinwohner hatten ibn wirklich verklagt, weil er sein Gut gethcilt hatte, kein Advokat aus der Nachbarschaft hatte sich dazu hcrgegcben, Leu .lilägcrn eine Eingabe zu machen, sie hatten aber einen Winkeladvokaten, einen sogenannten Entenmaier gefunden, der ihnen die Sache sehr bedeutsam und erfolgreich darstelltet ja er Hatto behauptet, die Advokaten hätten nur deßhalb keiuc silagschrist gemacht, weil sie 170 alle Parteigenossen des Klein-Notteck seien. Nnn hatte derKlein- Nottcck heute in erster Instanz den Prozefi gewonnen, aber das sah er, er hatte keine Nachbarn mehr, das sind lauter Feinde, ja, sie denunzirten jetzt bei Gericht, was er im Jahr 48 gesprochen und wäre der Richter nicht doch noch wohlwollend gewesen, er hätte einen neuen Strick drehen können. Alban und Dominik ritten mit einander heimwärts, Alban war wild und voll Jähzorn und Dominik erkannte wieder, das; solch ein reicher Bauernsohn ganz anders geartet ist als ein armer Knecht i solch ein Hanssohn ist nicht so leicht zufrieden gestellt und vcrgiebt nicht so schnell. Gr erzählte Alban, um ihn zu beruhigen, das; der Vater ihn ja auch dreimal mit Schande aus dem Hause gewiesen habe und er sei doch geblieben, aus Anhänglichkeit und mn Friede zu stiften. Diese Mittheilnng machte aber die verkehrte Wirkung, denn Alban sagte: „Das beweist eben wieder, das; du kein'Ehr' im Leib hast." Es war schon Nacht als man am Hcllberge ankam, vom Hause schimmerte Licht und die Klarinette der Obcdsnchti tönte ins Thal. Alban stieg ab und befahl Dominik das ledige Pferd an der Hand heim zu führen. Dominik rieth ihm, jetzt zu den Eltern nach Hause zu gehen, die seiner sehnsüchtig harrten, aber Alban crwiedcrte: „Ich bin in drei, ja vier Tage smd's, nicht dort gewesen. Ich muß wieder hin." Raschen Schrittes sprang er den Berg hinan..Die Obedfüchti spielte sich allein etwas vor in ihrer zerfallenen Behausung. Ein Hund schlug auf Alban an. Was ist das? Das ist ja der Greif. Wie kommt der daher? Alban eilte die Treppe hinan, Vreni kam ihm entgegen. „Geh nicht hinein," sagte sic. „Warum? Wer ist da?" „Dein Vinzenz." „Was will er?" „Nur Gutes. Er hat dem Vater auch vierhundert Gulden versprochen, daß er mit uns kann, wenn du mit mir auswandern willst. Alban, jetzt werden wir ja glücklicher als wir» je gedacht haben. Jetzt leg deinen Stolz ab und es ist Alles gut." „Für deinen Vater sorg' Ich und nicht mein Bruder. Er bat nicht mehr als ich auch. Ich und die Meinigcn wir nehmen nichts geschenkt. Laß mich." Er riß sich von Vrcni los und stürmte in die Stube. Vinzenz zuckte zusammen als er ihn sah. „Du hast nichtsda zu schaffen. Marschirdich," gebot Alban. „Das Haus ist mein," cntgegnete Vinzenz, „und ich kann dich 'nausjagen." Der Nagclschmied stellte sich vor Alban und Vinzenz verlies; die Stube. Ter Nagclschmied redete nun dem Alban gütlich zu und dieser sagte endlich, er müsse seinem Bruder nach und noch einmal im Guten mit ihm reden. Er eilte von dannen und rief seinen Namen. Unweit des Felsens, dort wo sic gestern am letzten Marksteine gesessen, von dorther hörte Alban das Bellen eines Hundes und eine Stimme rief: „Fass'ibn!" Der Greif sprang wie ein Tiger au Alban empor, aber dieser kam ihm zuvor, faßte ihn am Genick und schleuderte ihn in die Schlucht. „Tu hetzest den Hund auf mich!" schrie Alban, rannte nach seinem Bruder, faßte ihn und stnmm rangen die Beiden mit einander; da polterte cs, es war kein Geländer da, und fest einander umklammernd stürzten die Beiden den Felsen hinab und der Vach spritzte auf. Wo ist dein Bruder. Dunkle stille Nacht als Alban erwachte. Er griff um sich und schaudernd prallte er zurück, er faßte ein Mcnschcnantlitz. Die Erinnerung tauchte in ihm auf, das war Vinzenz, sein eines Auge glitzerte starr in der dunkeln Nacht. Er rief ihn mit Namen, er wusch ihm das Antlitz, kein Laut, keine Bewegung. Er legte sein Ohr an das Herz des Bruders. Ach zu spät! Dieses Her; schlug nicht mehr. Er rief laut um Hülfe zu Gott und den Men- schm, vergebens, keine Antwort ertönte. Er raffte sich aus und trug den Bruder in den Armen am Bachcsufer fort, er ris; sich blutig an den Felsen aber er ließ nicht los. Jetzt schritt er in den Wald, aber er brach zusammen unter der Last und laut weinend warf er sich auf sie nieder und sprang dann davon durch die Nacht hin immer: Vinzenz! Vinzenz! rufend. Er stand vordem elterlichen Hause, Alles kam ihm entgegen. „Wo ist dein Bruder?" fragte der Vater. „Im Walde, todt," stöhnte Alban und ein Vlutstrom quoll ihm bei diesen Worten ans dem Munde. Der Vater riß die Axt aus der Thürpfoste und wollte ans Alban los, Alban kniete nieder wie ein Opferlamm z aber Dominik fiel dem Vater in den Arm und schleuderte ihn zurück mit den Worten: „Habt Ihr nicht genug Elend, wollt Ihr noch mehr?" „Du legst Haud an mich?" schrie der Furchcnbauer. „Ja ich," crwicderte Dominik trotzig. Er hob Alban in die Höhe und fragte ihn, wo Vinzenz liege. Alban bezeichnet«: die Stelle, dort wo er am Tage vorher im Unmuthe mit dem Beil das Geländer hinabgcschlcudcrt hatte. Die Knechte, die fremden Drescher, die in den Scheunen schliefen, wurden aufgeboten und mit Fackeln zog man hinaus: Alban wollte mit, aber beim ersten Schritte brach er zusammen und mußte in die Stube getragen werden. Durch den nächtigen Wald lief der Furchcnbauer mit der Fackel und rief immer: Vinzenz! Vinzenz! so daß er zuletzt nur noch mit heiserer Stimme den Namen lallen konnte. Es wurde Tag, aber das war kein Tag, ein fester Nebel stand über Berg und Thal, man ging in Wolken, man sah nicht Himmel nicht Erde, kaum den Schritt breit wo man stand. Im Haupthaar und im Barte des Furchenbaucrn stand der eisige Reif und nur noch vor sich hin murmelte er den Namen: Vinzenz. Man fand Vinzenz an der bczcichneten Stelle nicht, Alban mußte nicht recht gewußt haben, wo er ihn abgelegt. Ter Tag stieg höher, aber der Nebel wich nicht, er war mit 173 Händen zu greifen, als sechs Mann auf einer Bahre aus Baumstämmen die Leiche des Vinzenz daher brachten. Unter dem Hof- thore drückte ihm der Vater das eine Auge zu, dieses Auge, das so vorwurfsvoll drein starrte. Keine Thräne kam über die Wange des Furchenbauern und starr schaute er auf die Frau und Ameilc, die bei dem entsetzlichen Unglücke doch weinen konnten. Man hatte einen reitenden Boten nach dem Arzte geschickt, er kam zugleich mit dem Obcramtmann und dessen Frau und bald darauf fuhr auch der Hirzcubauer in den Hof. Der Nageljchmicd mit seiner Vrcni kam auch und durch alle hindurch drang Vrcni und Niemand wagte cs, sic abzuhaltcn, das; sie zu dem Kranken eilte. Wie war jetzt der Hof so voll von fremden Menschen und von den eigenen war der eine Sohn todt und der Arzt erklärte jeden Belebungsversuch vergebens und der andere hatte vielleicht eine Todeswunde und raste mit seiner letzten Kraft. Der Oberamtmann ging nach dem Felsen um den Thatbc- stand in Augenschein zu nehmen, er fand die unverzeihliche Fahrlässigkeit, den Mangel eines Geländers. Die Obcramtmäuuin blieb bei den Frauen und erwies sich in Allem ordnend und hülfrcich. Im Leibgedingstüble lag die Leiche des Vinzenz, der Vater saß dabei und noch immer hörte mau keinen Laut von ihm; das Wort, das zuerst über diese starren zusammengepreßten Lippen ging, mußte Zerschmetterndes bekunden. Als der Hirzcnbaucr zu dem Trauernden eiutrat, wies er ihn mit der Hand hinaus und verhüllte sein Angesicht mit beiden Händen. Der Hirzcnbaucr ging, aber bald nach ihm trat der Gipsmüllcr ein; auch ihm wurde gewinkt wegzugehen, aber er folgte nicht; er setzte sich ohne ein Wort zu reden, neben seinen Schwager und so saßen die beiden Männer stumm neben einander, vor ihnen die Leiche. Im Hofe war es lautlos still, nur bisweilen hörte mau den raschen Husschlag eines Pferdes, kein Taktschlag aus den Scheunen ertönte, selbst die fremden Drescher, die nicht im Tagelohn standen, feierten, ihre Hände zitterten noch, sic hatten die Leiche 174 getragen und auf dem Heu saßen sic bei einander und sprachen leise davon, wie elend doch auch der große Rcichthum machen könne. Alban war in Ruhr gesunken, der Arzt verorductc, daß man ihm Schnee aufs Haupt lege. Ein Drescher und der Küh- bub wurden mit Kübeln nachdem zwei Stunden entfernten hohen Berge geschickt, wo es bereits geschneit haben sollte. Ein Knecht wurde mit einem der Fuchsen nach der Stadt in die Apotheke geschickt. Um Mittag begannen die Drescher plötzlich zu dreschen und Albanerwachte laut schreiend: „Wo ist dein Bruder?" Er klagte, daß ihm jeder Schlag das Hirn träfe. Dominik eilte, den Dreschern Einhalt zu thun. So viele Hände waren zu beschäftigen und man dachte nicht daran, sie müßig zu lassen. Dominik befahl ihnen, die Acpfel auf die Wagen zu laden, der Furchcnbaucr hatte ihm gesagt, daß er sie heute ablicfcrn wolle und der Na- gclschmicd fand sich bereit, die Ablieferung zu übernehmen. Man konnte dem großen Leide im Hause in nichts beistehen, es blieb nichts übrig als die Arbeit, die der Tag verlangte, zu vollführcn. Dominik wußte selber oft nicht was er thun sollte und stand oft mitten in einem raschen Gange müssig und selbstvergessen da, bis er dessen inne wurde und hin und her rannte und immer wieder vergaß was er gewollt hatte. Ameile kam jetzt zu ihm, das Kind hing sich an ihren Rock und ließ nicht ab von ihr, sie sagte, man müsse das Aepfctaufschüttcn anfgcben, Alban klage: das Poltern der Aepfcl sei ihm als schütte man die Schollen auf sein Grab. Jetzt endlich wurden die Arbeiter zum Müssiggang beordert. Der Oberamtmann stand beim Hirzcnbaucr am Brunnen und sic wogen miteinander hin und her abermals die Vorthcile und Nachtbeile der geschlossenen Güter. Ter Hirzenbauer sagte: „O Herr Oberamtmann! Ich habe aus der Versammlung und öffentlich nicht Alles sagen können und ich mag's noch nicht sagen, was für Schandbarkeitcn mit dem geschlossenen Erbgang verbunden sind. Der Fnrchenbauer da hat das traurige Glück 175 gehabt, daß ihm fünf Kinder als klein gestorben sind. Ich weist wohl, das; mit dem Zcrtheilen neues Unglück haufengenug kommt, aber kann man's anders machen und darf man?" Der Oberamtmann war heute besonders freundlich mit dem Hirzcnbancr, denn er erkannte den wenn auch starren doch reinen Gerechtigkeitssinn des Mannes. Als der Hirzenbaucr und der Oberamtmann mit seiner Frau wegfuhrcn, kam gerade der Kühbnb mit einem Kübel voll Schnee, er war voransgecilt, der Drescher blieb klugerweise noch einige Stunden auf dem Berge, um dann mit frischem Schnee zu kommen. Bald traf auch der reitende Bote ans der Apotheke ein. Alban duldete Niemand um sich als Vreni und Dominik, selbst die Mutter und Amcile durften sich ihm nicht nahen. Einen Tag und eine Nacht saß der Furchcnbaner bei der Leiche seines Sohnes und aß nicht und trank nicht und sprach kein Wort. Als man am Morgen darauf die Leiche des Vinzenz zu Grabe führte, schwankte er am Stabe, den ihm Alban geschnitten, hinter der Leiche drein. Erst ans dem Kirchhofe, wo er die eingesunkenen Kreuze an den Gräbern der Kinder sab, die Vinzenz vorausgc- gangen waren, brach er znm erstenmale in lautes und heftiges Weinen aus. Ans der Heimfahrt — der Gipsmüller that cs nicht anders, er mußte sich auf den Wagen sehen — sprach der Furchcnbaner das erste Wort zu seinem Schwager und die zitternde Hand erhebend sagte er: „Gott hat mich hart gestraft, aber er hat mir doch Recht gegeben, mein Gut bleibt doch bei einander." Gleich nach dem Leichenbegängnis; führte der Nagclschmied Ammrei nach Siebenhöfen. Seit der Zerrüttung des Hauses weinte das Kind unaufhörlich nach seiner Mutter und verging fast vor Heimweh. Alban hatte nichts davon gemerkt, als man die Leiche seines Bruders fortbrachte, jetzt, da man das Kind fortführte, merkte er es ans seinen; Krankenlager und sagte vor sich hin: 176 „B'hüt dich Gott Ammrei." Der Vater, der sich bisher gar nichts ni» Alban gekümmert, war seht sorglich bedacht nm ihn; er hörte still nickend, das; Alban ruhig sei aber keinen Schlaf finde, das; er Alles bis auf's Kleinste erzählt habe, wie es ihm ergangen und wie er dem Bruder im Guten nachgccilt sei; er nickte still zu diesen Berichten. Selber durfte er sich Alban noch am wenigsten nahen, denn dieser schrie wie rasend aus, als er zu ihm trat, und selbst wenn er ungesehen in der Stube war, merkte es der Kraule und war voll fieberischer Hast, die er augenscheinlich zu bezwingen suchte. Ter Zustand Albans war veränderlich, der Arzt wollte trotz alles Drängens keinen ganz tröstlichen Bescheid geben. Eines Tages muhte Alles die Stube verlassen, nur Dominik und Vreni durften Zurückbleiben. Tic Beiden muhten Alban im Bette ausrichteu und er sprach: „Dominik, cs wird Alles dein. Meinem Peiniger vertrau ich's nicht. Eieb mir dein Hand drauf, das; du dein Nagelschmied und meiner Vreni mein Erbthcil ziehst. Mein Vreni ist vor Gott mein." Dominik reichte die Hand und sagte: „Tu bist nicht so krank, aber du täunst's gerichtlich machen, wenn du willst, wcnn's dich beruhigt." „Ich will nichts mehr vom Gericht . . . Familicnsache . . . Ich glaub dir . . . und wenn du Kinder bekommst, sei gerecht, Gerechtigkeit . . . Wo ist dein Bruder? . . . Gerechtigkeit. . ." Das waren die letzten Hellen Worte, die Alban sprach, er raste noch mehrere Tage besinnungslos und befand sich oft in der grossen Volksversamiillung und schrie: „Ruhe! Stille! Bravo!" Mit den Worten: „Wo ist dein Bruder?" hauchte er seinen letzten Athcm ans. Seine Wangen waren roth. Als man dem Fnrchenbauer den Tod seines Sohnes berichtete, stampfte , er zornig auf und seine Faust ballte sich. „ Das ist sein letzter — " schrie er, er verschwieg die anderen Worte. Er mochte cs als eine Unthat seines Sohnes betrachten, 177 daß er ihm durch den Tod seine letzte Hoffnung zerstörte, sein Ent kam in fremde Hand. Bald nach Alban begrub man auch die Mutter, sie hatte ibr Leid Niemanden geklagt und eines Morgens fand man sie todt im Bette. Der Furchcnbaucr, der nun Dominik als einzigen Erben vor sich sah, redete ihm viel zu, daß er ihm verspreche, wenn er .tiinder bekomme, das Gut nie zu tbcilen. Dominik weigerte dieß und sagte zuletzt, er habe dem stcrbeudcu Albau das Eelöbniß gegeben, gerecht gegen jedes seiner stinder zu sein. Der Furchcnbauer ging starr und stumm im Hofe umher, er redete mit Niemanden und ging durch Stall und Scheunen wie ein Gespenst. Im Walde ließ er sich eine alte Tanne hauen, sie zu Brettern versagen und krackte sie selbst auf den Hof. Im Frühling, am selben Tage als der Nagelschmied mit seiner Familie auswanderte, fand man den Furchcnbauer plötzlich todt. Dunkle Gerüchte gingen über seine Todesart. Man hat nie etwas Bestimmtes darüber erfahren. Der neue Lehnhold. Nus der zcrissenen Erde sprießt die Saat, aus den Gräbern wachse» Blumen. Trübe Schwcrmuth lagerte auf dein Gemüth des Dominik wieAmcilc's. Tie Oberamtmännin war eine milde Trösterin, denn sie kam jetzt im Frühling auf mehrere Wochen auf den Hos. Sie fand eine Erquickung darin, in die Tiefe der Gemüthcr zu schauen, die ihre Empfindungen nicht in Worten ausdrücken können, sie aber hatte die Macht des Wortes und wie linder Balsam heilten sie die Wunden. Was ihr im Großen und Umfassenden nicht gelingen wollte, gelang ihr im Einzelnen; das Herz der Höherstehenden einte sich mit denen, die im beschränkten Lebenskrcise verharren. Es war nicht Gefübllosigkeit, sondern unverwüstlicher Lcbensmutb, daß Nmcile sich fast bäldcr in das Unabänderliche fügte und sich der Heiterkeit nicht verschloß wie Dominik, aber auch diesem gelang cs endlich. 12 178 Ost betrachtete Ameile mitWcbmuth die Karte des.Hofgutes, die Alban gezeichnet in jenem letzten friedlichen und hoffnungsvollen Winter. Das war das einzige was von ihm übrig geblieben und die Karte hing noch an derselben Stelle wo sic die Mutter aufgchängt hatte. An die Mutter und Alban mußte Ameile oft denken und die Beiden waren ja auch immer dem Doniinik gut gewesen. Daun aber, strich sic sich wieder rasch über das Gesicht und alle Wehmuth war daraus wcggcnommcn. Man mag es Eitelkeit nennen, es war aber weit mehr stolze Eiegesfreude und die Lust am Wohlthun, was Dominik empfand, als er vierspännig nach Nellingen fuhr, um seine Mutter zur Hochzeit abzuholen. Gr hatte jetzt das doppelte Verlangen, seiner Mutter noch recht viel Freude zu bereiten, ec hatte nichts von ihr empfangen als das nackte Leben und wie gräßlich war es denen ergangen, die ihre Kinder mit Reichthum auszustatteu vermochten. Die Hochzeit wurde still gefeiert, die Obcramtmänuiu und die Mutter des Dominik gingen an der Seite Amcile's, Dominik zwischen dem Hirzenbaucr und dem Gipsmüller zum Traualtar. Ameile trug zur Freude ihres Mannes und aller Anwesenden einen 'besonderen Schmuck auf der Brust, sie hatte die Denkmünze des Dominik an einen Henkel fassen lasten und trug sie an der Eranatenschnur. „Das ist mein schönster Ehrcnschmuck," sägte sic lächelnd beim Hochzeitmahle. Dominik behielt seine Mutter bei sich auf dem Furchenhof. Sie hatte allezeit über ihre Söhnerin in Nellingen geklagt; sie hatte jetzt glückselige Tage; aber sie hielt es doch nicht lange aus, sic hatte Heiniweh nach der keifenden Söhnerin, nach den Nachbarn und vor Allem nach den Kindern ihres ältesten Sohnes. Dominik brachte sie wieder nach Nellingen und versorgte sie gut. Erst als auf dem Furchenhof das erste Kind geboren wurde, kam sie wieder und blieb dort. Auf dem landwirthschaftlichen Feste fehlt Ameile nie und ist allezeit im Geleite der Oberamtmännin; der Dominik sitzt jedes- 179 mal neben dem Hirzenbauer nnd ist einer der angesehensten Großbauern. Bei der letzten Heimfahrt vom landwirthschaftlichcn Bezirks- seste war der neue Furchenbauer gar lustig und er sagte zu seiner Frau: „Bäuerin," (denn so redet er sie jetzt auch nach herkömmlicher Art an), „ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir's ist und wie glückselig ich bin. Wenn ich so in ein Wirthshaus komm' und ich lass' mir geben was der Brauch ist, und da denk' ich bei mir: und du kannst's bezahlen und cs thut dir nichts. Ich mein' oft noch, ich sei der Kühbub, und dann wird nürts doppelt Wohl, daß ich jetzt so dasteh' und mir was erlauben darf." „Und das sollst du recht oft thun und dir auftragen lassen nach Herzenslust. Du bist manchmal noch ein bißlezu genau. Ich denk' auch bei den Arme» immer daran, daß wir auch für die Todtcn ihr Theil Gaben geben müssen. Aber da ist's schon wieder, hilf mir, daß ich nicht immer und bei Allem dran denk, wie meine Brüder und meine Eltern aus der Welk gangen sind." „Ich will dir schon helfen. Drum denk' jetzt nicht dran. Du bist halt ein Prachtweible. Ein' andere hätt' gewiß gesagt: nimm dich in Acht und laß dich nicht verleiten: man vergißt gar bald wo man Herkommen ist. Du kennst mich aber und du gunnst mir was Gutes und du hast nicht bang, daß ich dir dein' Sach ver- thu." „Meine Sach? Es ist Alles so gut dein wie mein. Du weißt was mein Ehrenschmuck ist, aber du mußt auch nie vergessen, daß du jetzt ein Großbauer bist." „Und meine Kinder sollen nicht vergessen, was ihr Vater gewesen ist. Und wenn ich zehn Theile machen muß, ich will sie schon so Herrichten, daß ein Jedes glücklich und zufrieden sein kann." * * 12 * 130 Am Allerseolentag brennen auf dom Kirchhofe neun Lichter ganz nahe bei einander, es sind die für den Fnrchenbaner, seine Frau und seine Kinder. Dominik und Ameile knieen mit ihren Kindern betend dabei, und erst wenn die Lichter verlöscht sind, kehren sie heim in die Behausung, wo einst so viel Leidonschast und Jammer war, und jetzt ein stiller Friede waltet. II. Hopfen mW Gerste. EÜarum an des Schlägelbaucrn Haus Hopfen und Gerste äugen,alt sind? Das ist eine lange Geschichte und ich kann sie euch genau erzählen. Also: Der Faullcnzcr. Auf der Schnitzelbank vor seinem Hause saß rittlings ein junger Bursch und hob von Zeit zu Zeit aus einer großen Schichte zu seiner Rechten einen langen Tanncnzweig auf, preßte ihn zwischen den Kloben und drehte ihn zu leichterer Biegsamkeit, schnitzelte das dicke Ende und flocht einen Strohzops daran: dann legte er das so Nollendctc sorgfältig zu seiner Linken nieder, wo bereits mehrere solcher Garbenbänder, sogenannter Wieden, wohlgeordnet lagen. Trotz des lustigen Parademarsches, den der Bursche pfiff, hatten seine Mienen doch etwas Verdrossenes und er warf oft wie unwillig das Haupt zurück, aus dem eine Soldatcnmützc mit rothem Vorstoße prangte. Der Dorfschütze, ein alter Soldat, der ein kupfernes Ehrenzeichen auf seinem blauen Rocke trug, kam vom Rathhause herunter : er hielt bei dem Arbeitenden still und sagte: „Buschur, Kamerad." Der Angeredete dankte stumm und der Schütz fuhr fort: „Warum bist nicht bei der Zehntversteigc- rung gewesen?" „Ich bin noch nicht Bürger", crwiedertc der junge Soldat, „das Sach gehört noch meiner Mutter und meinen Geschwistern." Der Schütz setzte sich auf die fertigen Wieden und berichtete: „Es ist ein Generalspaß gewesen. Seit Jahren haben die drei fetten Schwäger den Zehnt gepachtet, sic mögen's nicht leiden, daß der Zehntknecht auf ihre Aecker kommt und wollen da freie 184 Herren sein. Mer diesmal hat der Wasserstiefel immer höher geboten nnd zulcstt ist ihm der Zchntbestand zugcschlagen worden. Dein Schwäher, der Schlägclbauer, der hat seinen Koller kriegt vor Zorn und Eist, daß man gemeint hat, er erstickt, und mit Fluchen und Schelten sind sie Alle davon. Das führt noch einmal zu bösen Häusern, du wirst sehen Franzscph." Franz Joseph, oder wie er in der Abkürzung hieß Franz- seph, nahm eine nene Wiede auf und entgegncte: „Es ist und bleibt nicht recht, daß das ganze Dorf und vorab der Schlägelbaucr so einen hirnwüthigen Haß auf den Fabcr geworfen hat und ivciß kein Mensch recht warum. Der Fäber ist bier fremd, er hat des Lucians Eut um sein ehrlich Geld gekauft und thut Niemand was zu leid; daß er sich herrisch kleidet, geht ja Niemand was an und er kann darüber lachen, daß sie ihn den Wasserstiefel heißen. Der Schlägelbauer ist auch schon an mir gewesen, ich soll' nichts mit dem Fabcr reden: aber ich weiß selber was ich zu thun Hab und ließ' mir von meinem eigenen Vater, wenn er noch leben thät', nichts drein reden, mit wem ich Freundschaft haben darf oder nicht. Und gerade weil sie ihn Alle den Wasserstiefel heißen und Niemand gut gegen ihn ist —" „Du bist halt ein guter, guter Kerle, das sagen alle Leut!" unterbrach der Schüß. Dem jungen Manne schoß bei dieser Anrede alles Blut zu Kopfe, er würgte eine Wiede ganz ab, warf die Stücke weit weg und rief voll verbissenen Ingrimms: „Sag das nicht. Ich bin kein guter Kerl, ich will nicht. Fahuenmalesizdonner! Ich möcht'> euch zeigen, daß ich kein guter Tralle bin. Sag das nicht noch einmal oder ich vergreif mich an dir zuerst." Das wär' am Unrechtesten Orte angefaßt. Du bist ja wie ausge- wcchselt. Was hast denn'? Giebt des Schlägelbanern Madlene nach und heirathet das bildsaubcre Mädle des Schultheißen Claus?" „Wenn die Kuh einen Basten gilt," entgegncte Franzscph plöstlich lachend und über sein Antlist zog eine Besänftigung de» Friedens, daß es zu leuchten schien. „Du bist aber doch seit Dstcrn," fuhr der Schütz fort, „seit du mit dem Abschied vom Regiment hcimkommeu bist, wie verhext. Was hast denn? Freilich, kann mir's denken, du kannst dich nicht wieder ins Baucrulcbcn gewöhnen; mußt dm Paradeschritt verlernen und denOchscnschritt ciucxercircn. Hab ich Recht? Jst's das, warum du immer so maßlcidig aussiehst?" „Kann sein," erwiederte Franzseph nach langer Pause und fuhr dann sich ausrichtend fort: „Ja, du bist mit meinem Vater in Einer Compagnie gestanden und bist sein bester Kamerad gewesen ich will mich dünken lassen, ich red' zu meinem Vater. Guck', wie ich mit dem Abschied heim bin, da Hab' ich gemeint, ich könnt' es gar nicht erwarten und das ganze Dorf muß grad so sein wie ich und jedes muß Weiler nichts denken und sagen als wie: der Franzseph ist da. Ich Hab' mir oft denkt, daheim da ist das Helle Paradies und ich Hab' mir mit Gewalt wieder vorrechncn müssen, wie viel Feindschaft und Hassard auch da ist und wie eines ein Auge drum gab' wcun's andere keins hält'. Ich bin freilich nie gern Soldat gewesen, aber cs ist doch eigentlich das schönste Leben und jetzt wünsch ich mir des Tags tausendmal, daß ich's noch war'." „Ja, cs ist jetzt schlimmer hier als je. Denk daran was ich sag': cs thut kein gut, bis die Hopsenstangcu draußen an der Eeißhalde noch zu einer Eeucralsprügclei verwendet sind." „Wegen dein Hopfengarten," nahm Franzseph wieder auf, „haben meine ersten Händel mit dem Schlägclbauer angcfaugeu. Ich Hab' mich gefreut, daß der Faber den verrutschten Berg so gut ausnutzt und der Schlägclbauer hat grad darüber losgezogen', er versteckt seinen einfältigen Haß hinter der Gemeiudeehre: früher, sagt er, sei unser Dorf berühmt gewesen, daß wir den besten Spelz bauen, jetzt werde sich's umkehrcn und mau wird sagen: die Weiftcnbacher bauen den schlechtesten fuchsigen Hopfen. Und wenn ich meine Accker krieg, bau ich selber auf dem Buckel im Epcckseld auch Hopsen; es ist dort gerade der rechte warme Lehmboden und liegt prächtig gegen Mittag. Die alten Bauern, die nie über ihres Vaters Miste 'nauskommcn sind, die meinen, schaf- 186 fcn wie ein Vieh, damit sei Alle- gethant man muß schassen wie ein Mensch, mit Verstand und Bedacht. Ich bin nicht umsonst beim Regiment gewesen und weiß von der Welt. Der Schlägelbauer giftet auch darüber, weil ich den Knecht nicht aus dem Haus thuc, den meine Mutter für meine Soldalenzeit genommen hat; ich kann ihn nicht so von heut auf morgensortschicken und ich muß mich auch erst wieder ins Feldgcschäft gewöhnen, und ich bin ein Kerl der Ehre im Leibe hat und wenn mich einer zum Schassen ermahnt, da thu ich grad nichts t ich weiß '»zlber, was ich zu thun Hab und es soll keiner meinen, ich hätt' darauf gewartet, bis er mich richtig anstellt und das Lob gehört ihm." Unter diesem Gespräch war die.hcrrichtung der Wieden vollendet. Franzseph ries seinem Knechte, der auf der Hausschwelle die Sense dengelte, und befahl ihm, die Wieden nach dem Bache zu tragen; er selber folgte mit der .Hakengabel und die Art wie er diese nicht ans die Schulter nahm, sondern als Spazierstock gebrauchte, zeigte die seltsame Stimmung des sich stolz tragenden stattlichen jungen Mannes. Viele Menschen, wenn sie zu einem Rechtsanwalt kommen und ihren Streit vortragen, wollen von der Gcgcnsprache ihrer Widersacher fast gar keine Kunde oder doch nur augenscheinlich unhaltbare mitthcilcn; sie meinen dadurch ibrcn Streit bereits gewonnen zu haben. Aebnlich erging es dem Franzseph bei seinen Mittbeilungcn an den Tvrfschüßcn. Aus dem Soldatcnlebcn zurückgekchrt und nicht unter der Botmäßigkeit eines Vaters stehend, fand sich der junge Mann nur schwer in die Obliegenheiten der mühseligen Arbeit. Erschloß sich um so lieber an Faber, den sogenannten Wasserstiefel an. Faber war weder ein bloscr Gutsbesitzer noch ein Bauer und schon seine Kleidung zeigte seine Stellung zwischen beiden. JnderAcker- bauschnle gebildet, mit mäßigem Vermögen ausgerüstet, das sich durch die Heirath einer Wirthstochtcr aus der Hauptstadt noch beträchtlich vermehrte, gehörte Faber zu jenen Männern, denen keine sogenannte niedere Arbeit zu gering ist, die aber auch mit überschauendem offenem Geiste ihre Thätigkeit erweitern und wol »üt der Zeit die Erneuerung des starken in sich gefesteten Baucrn- tbums darstcllcn. Faber sah es gern, das; Franzseph an seinen Versuchen und Studien zur bessern Ausnutzung der vorhandenen Bodenkräfte Thcil nahm und Franzseph war gern mit ihm, theils um der besonder» Ehre willen, theils auch weil Faber in einer noch immer fremden Zurückhaltung nie ermahnend in seine Angelegenheiten ciugriff, während er sonst überall gröbere oder feinere Stichelredcn über seinen halben Müßiggang hören mußte. Lässige Menschen — und ein solcher war Franzseph — suchen vornehmlich Umgang mit Halbfrcmdcn oder uuterthänig Schmcichlcrischen i für Franzseph gehörte Faber zu den erstercn und der Dorfschütz zu den letztere». Darum schloß er sich fast nur diesen an und schien heiter und wohlgcmuth. Dennoch fehlte ihm die rechte Herzensfrcudigkeit, Alles war ihm wie mit einem trägen Nebel verdeckt, durch den nur die Liebe zu des Schlägel- baucrs Madleue oft wie ein Heller Stern hindurch schimmerte! manchmal fürchtete er aber fast die Vereinigung mit Madleue und sah sich einer Sklaverei entgegen gehen, in der er über jede Stunde und ihre Arbeitspflicht Rechenschaft geben müsse, manchmal hoffte er auch wieder, wenn er erst Madleno ganz sein neunen würde, müßte wieder frische Regsamkeit in ihn kommen und die oft unerklärliche Trübsinnigkcit schwinden. Diese Hoffnung stand nun aufs Neue im weiten Felde, denn der Schlägelbauer wurde von Tag zu Tage unwirscher, wollte von Verspruch nichts wissen und verlangte vor Allem ein Aufgcbcn der Kameradschaft mit Faber. Franzseph sah darin nur eine Beschönigung der Feindseligkeit, da der Schlägclbaucr behauptete, ein Bauersmann, der keine Kapitalien habe und von der Ernte leben müsse, könne sich nicht in solche Sachen einlasscn wie der Wasserstiefel. Franzseph antwortete hierauf kaum, er wußte es ja besser, daß er mit seinem jetzigen scheinbaren Nichtsthun mehr gewinne, als wenn er sich Schwielen an die Hände und Schweiß auf die Stirne arbeite. In lässigem Trotz ritt und fuhr er um jede Kleinigkeit in die Stadt und machte daheim immer ein saures Gesicht als suche er etwas oder plage ihn ein geheimes Leiden. In der That hatte 188 er immer einen so rothcn Kopf, daß man meinte, das Blut würde ihm zu den Adern heraussprißen. Die Mutter wollte den Arzt darüber befragen, und als sie dies einst ihrem Vetter Schlägcl- baucr klagte, hörte Franzseph, der in der Kammer seine Zigarre rauchte, diesen sagen: „Schneid ihm die Blutadern ans seiner Soldatcnmntze heraus, dann ist dein Franzseph gesund. Leid v nicht, daß er Zigarren raucht, dazu braucht man eine dritte Hand und kann nichts dabei schassen. Aber da ist Alles kurz beinander, dein Franzseph ist halt ein Faullenzcr, der kehrt sich Morgens siebenmal im Bett und wendet dem Teufel den Braten." Schnell riß Franzseph die Kammerthür ans und rief: „Saget mir das noch einmal ins Gesicht hinein, freiheraus." „Kannst's haben: ja, du bist ein Faullenzcr." „Wenn Ihr nicht der Vater von der Madlene wäret, läget Ihr jeßt am Boden." „Da müßt' ich auch dabei sein. Freilich, du hast deine Kräfte gespart, du bist ausgernht: aber wegen meiner Madlene, da thn dir keinen Zwang an, aus die Art ist's mit euch ans, daß du's nur weißt." Der Schlägclbauer bekam wieder seinen schweren Husten und die Mutter beschwichtigte den Streit und hieß Franzseph wieder in die Kammer gehen; sie geleitete dann den Vetter bis vor das Haus und Franzseph hörte noch wie sie sagte: „Mein Franzseph ist ja der beste Mensch von der Welt." „Das ist wahr", erwicdcrte der Schlägelbauer, „cr wär mir eher ein bisle schlimm. Ich brauch keinen so Gutedel." „Ich bin ein Faullenzcr!" ries noch Franzseph znm Fenster hinaus und hoffte mit diesem Selbstbekenntnisse einen großen Sieg gewonnen zu haben, die ganze Welt sollte es hören, welch ein himmelschreiend Unrecht ihm geschah und Alles, vorab der Schlägclbauer, sollte ihm Abbitte thun. Aber der Schlägclbauer schaute sich nicht um und Franzseph betrat die Schwelle seines Vetters nicht mehr; er sah seine Blad- lene nur noch auf verstohlene Weise, die aber meist schweigsam und betrübt war. Was sollte aus der Feindseligkeit Franzsephs mit dem Vater werde»? und wenn ihr jener klagte, das; ihm Alles so schwarz vvrkäme und er keine rechte Lustbarkeit in sich spüre, mußte sic die wahre Tröstung verschweigen, denn sic batte einst gesagt: „Ich mein' auch, du schaffst nicht genug." „Ich bin halt ein Fanllenzer" knirschte Franzseph. „Das sag' ich nicht", entgegncte Madlcne, „aber" — „Genug", unterbrach Franzseph, „da drüben wohnt die Vroni, frag deinen Vater, woher sie Wittwe ist. Ihr Mann liegt in der Ernte krank im Bett, da geht sie .zu ihrem Vater und sagt: in der harten Arbcikzeit will er jetzt ins Bett liegen. Da null ich schon helfen, sagt der Alte, nimmt seine Peitsche und haut auf den kranken Alaun los bis er zum Bett herausspringt -— und zwei Tage darauf bat man ihn begraben. Wie meinst, Madlene, sollt' ich mir's auch so machen lassen?" „Tu bist ja aber nicht krank", cntgcgnete Madlene. „Das ist All eins, es darf nur Niemand sagen, ob ich schaffen soll." Von jener Zeit an hatte Madlcne hierüber kein Wort mehr gesprochen und Franzseph fühlte wol selber, wie er sich anders rühren müsse, aber er konnte sich nicht dazu bringen, daß er den Schein auf sich lade, auf fremde Ermahnung arbeitsam zu sein: fast nie ging er mit dem Geschirr ins Feld, trug nie etwas über die Straße, ging immer los und ledig einher und gebarte sich überhaupt als wäre er nur auf Urlaub daheim und sei jede Arbeit, die er verrichte, besonder» Dankes Werth. Ein geheimer Segen der Arbeit ist allerdings durch die Ec- botenheit aus fremder Ermahnung zerstört, aber Franzseph konnte nicht über den kindischen Stolz hinanskommen, der ihn eben darum auch gegen seine Pflicht widerspenstig machte..— Wie er eben jetzt wiederum nicht selber die Wieden nach dem Bache trug und mit der Hakengabel spazirend dahcrschritt, kan; ihm der oft unterdrückte Gedanke, geradcswegs zu dem Schlägelbancr zu gehen und ihm zu sagen: Vetter, Ihr habt Recht und Ihr werdet sehen, ISO ich bin fleißig. . . . Aber sein Athmcn ging schneller schon 'vor Zorn über diesen Gedanken, den er doch nicht bannen kvnntc nnd heftig schlug er mit der Hakengabel auf, denn cs wurde ihm klar, das; seine bisherige Lässigkeit ihn in eine verkehrte Lage gebracht: wie er auch künftig sich tapfer rühren möge, der Schlä- gelbauer wird ihn; immer mißtrauisch auspassen nnd er geräth dadurch in eine unerträgliche Botmäßigkeit, über die alle Menschen spotten müssen; hätte er nie den Namen eines Müßiggängers auf sich geladen, da stünde ergänz anders da. Der Schlußpunkt dieser Wahrnehmung war folgerecht immer Zorn und Neue über die vergangenen nnd schlaffer Mißmuth sa Verwünschungen über die kommenden Tage, wobei er sich jedesmal wünschte, wieder unter den Soldaten zu sein; da siebt man doch unter einem festen Eommando, dem folgt man und hat sich nicht von dein Blicke eines Jeden befehlen zu lasten. Dießmal aber konnte er nicht hierbei beharren: am Montag begann die Ernte und die verschlossene Trutzigkeit, der Hader mit sich nnd der Welt mußte ans eine oder andere Weise geändert werden. Franzseph schickte den Knecht nach Hause nnd weichte mit der Hakengabel die Wieden im Bache ein. Er hatte sich hierzu eine recht bequeme Stelle ausgesucht, da wo ans cingcrammtcm Balken ein Brett befestigt war nnd eine Art Landungsbrücke bildete. Von hier aus konnte man auch ungesehen beobachten, wer beim Echlägclbauer aus- und einging. Jetzt sah Franzseph Madlene mit dem Vater daher kommen, sic konnten ihn nickt bemerkt haben, er hatte sich schnell hinter den Weiden versteckt, dennoch hörte er wie dcr Schlägclbaucr über den Backsteg gehend oft vom Husten unterbrochen sagte: „Ein gesunder Mensch, der faul sein kann, ist der liederlichste. So ein lottriger Tagdicb meint wunder wie gut er sei, weil er Niemand was stiehlt, er legt sich ans die faule Haut und schreit immer: ich bin ja so gntmüthig, ich bin ja so brav." Franzseph ballte beide Fäuste und wollte schreien und fluchen, aber der Laut erstickte ihm in der Kehle und drohte ihn fast zu erwürgen. Er starrte hinein in den Vach und wußte nicht wie ihm geschehen, ihm war so dumpf als hätte plötzlich ei» schwerer Hammerschlag ihn auss Haupt getroffen; endlich raffte er sich auf und nur der eine Gedanke lebte in ihm, wie er Rache nehmen könne für die erlittene Unbill; er konnte nichts finden, und doch wollte er durch eine gewaltige That zeigen, wie himmelschreiend Unrecht ihm geschehen sei. Noch einmal durchblitzte ihn der Gedanke, durch rastlose Emsigkeit darzuthuu, wie sehr man ihn verkannt habe; aber schnell verwarf er diese Dcmnth wieder. Zollte er Jeden zum Zeugen seiner Rührigkeit anfrufen und sich von ihm den Stempel seiner Geltung aufprägcn lassen? — Franzseph war ein Soldat, dürfen diese versessenen Bauertölpcl über seine Ehre richten? Freilich mutzte er unter diesen Menschen leben, aber sie mutzten cinsehen lernen, daß er etwas besseres sei als sic. Darum erschien cs zuletzt am genehmsten, in trotziger Verachtung den Unverstand hcrauszufvrdern. Mitten in der Ernte, die übermorgen beginnen sollte, wollte er sonntäglich geschmückt müßig und Zigarre» rauchend auf den Feldern und im Dorfe nm- herlchlendern, bis Alle ihm Abbitte thun, daß sie das ihm inwohnende Streben nach Arbeitsamkeit so grausam verkannt hatten. Aber woher sollten die Menschen an eine Tugend glauben, von der sich ihnen gerade das Gegentheil unter die Augen stellte? Sie müssen cs dennoch, denn was ist eine Achtung und eine Liebe, die erst die Beweise dafür in der Hand haben will? In der Seele dieses jungen Mannes erhob sich ein Widerstreit, den er in Worten nicht hätte darlegen können und doch bewegte sich's in ihm und die Leidenschask erschloß ungeahnte Quellen. Weit hinein stieß Franzseph die Wieden, daß sic den Vach hinabschwimmeu, als stieße er damit jeden Gedanken an Arbeit von sich und er freute sich seines kommenden Nichtsthuns wie einer Lustbarkeit. Es liegt iu der Trägheit eine eigne Wollust, ja man möchte sagen eine Art Leidenschaft voll unergründlicher Macht; wie im halbwachcn Schlummer überstürzen sich in ihr Gestalten und Empfindungen und begraben in ihren Wellen das selbstmörderisch 192 hingcgcbcne Leben. Auch von Madlenc wollte Franzseph nichts mehr wissen, wie von sich selbst nichts inehr. Eben wollte er auch die Gabel den davonschwimmcnden Wieden nachwcrfen, da rief eine Stimme: „Franzscph was machst?" und Madlcne stand vor ihm. „Ich faullenze," cntgegnete der Angeredcte trotzig; das Mädchen aber faßte seine Hand und wehrte ab: „Sag das nicht, du thust dir Unrecht." „Ich? wer thut mir Unrecht? Ich heiß das Liederlichste auf Gottes Erdsboden und will's auch sein. Glaubst du nicht auch, das; ich faul bin?" „Nein, Gott ist mein Zeuge, das; ich das nicht glaube. Las; du die Leut' sagen, was sie wollen, ein Wort beißt nicht. Ich weis; bester wie du bist. Du kannst dich nur vom Soldatcnlebcn her noch nicht in unser Geschäft finden. Ich sch dir's schon seit ein paar Tagen an, du willst jetzt in der Ernt' zeigen, was du vermagst; aber ich bitt' dich, Überschuss dich nicht, du bist's ungewohnt und man hat eine Krankheit weg man weis; nicht wie, thu's mir zu lieb und schon' dich." Im Innersten betroffen und erschreckt schantc Franzseph auf. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er in selbstzcrstörcndem Un- inuth diese Liebe verleugnet nnd jetzt, richtete ihn ihre Zuversicht straff auf; er blinzelte mehrmals rasch mit den Augen und wie angernfen sprang er dann Plötzlich den davongcschwommencn Wieden nach, watete in den Bach und holte sie auch richtig ein. Jetzt konnte er sich das Angesicht von de» aufgcspritztcn Tropfen abwischcn nnd alle Düsterheit war plötzlich davon weggcnommcn. Madlcne hatte diesem verwunderlichen Thun betroffen zugcsehen; sie litt unsäglich unter der Feindseligkeit zwischen Franzseph nnd ihrem Vater. Sic verkannte das hcrrschsüchtige und geizige Wesen ihres Vaters nicht, aber auch das müßige Eehenlassen Franz- scphs war ihr deutlich, uud so sehr auch Feindschaft zwischen den Beiden waltete, sic wußte doch, daß sic in Gedanken nicht von einander lassen, denn Beide waren stolz und das verband sie doch. Der Vater verbot ihr nie ausdrücklich den Umgang mit 193 Franzscph und that, als ob cr von dm heimlichen Zusammenkünften nichts wüßte, und Franzscph suchte trotz alles Tobcns doch nur nach einer Gelegenheit, um in Lob und Ehre vor dem Vater dazustchen. Lachend stand Franzscph bald wieder bei seiner Madlenc, und sie sprachen traulich wie in vergangenen Tagen mit einander. Eie mußte ihm trotz alles Sträubens jedes harte Wort berichten, das der Vater über ihn gesagt, und diese Vorwürfe, die ihn sonst zu Toben und Nasen gebracht hätten, börte cr jetzt so heiter lächelnd an, als wären es lauter Lobeserhebungen. Nur als das Mädchen berichtete, daß ihr Vater nichts von ihm wissen wolle, so lange er die Soldatenmütze aus dem Kopfe habe, preßte er die Lippcn^usammen, nahm die Mütze ab, betrachtete sie eine Weile und setzte sie wieder keck auf. Als Mad- lene hierauf erzählte, das; des Schultheißen Claus, der sic immer von ihm abspenstig machen wollte, sich bei ihrem Vater gut Kind mache, besonders dadurch, daß er dem Wasserstiefel, wo er nur könne, eine Tücke anthue und daß der Vater sie immer bereden wolle der Werbung des Claus nachzugcbcn — hörte Franzscph selbst das mit unveränderter Miene und sagte endlich, daß erden Schlägelbauer auf Einmal zu ganz anderer Meinung über ihn bringen wolle. Er ließ sich aber nicht bewegen, zu erklären, wodurch cr dies bewirken wolle. „Wohin ist dein Vater gegangen?" fragte Franzscph zuletzt. „Aus das Speckseld, dort wollen wir am Montag — will's Gott — anfangen Winter-Gerste schneiden." Die Sonne stand eben im Scheiden und ihr rothcr Widerschein glänzte im Bache und im Antlitze der Liebenden, die Hand in Hand dastandcn. Die Lippen Franzsephs zitterten, cs lagen Worte darauf, die cr nicht aussprechen durste, und ehe cr's gekonnt hätte, schied er schnell von Madlene, denn sic sahen den Schlägclbauer von der Höhe jenseits Herabkommen. Franzscph nahm die Wieden auf und trug sic nun selbst nach Hause; dennoch machte er einen Umweg, um dem Schlägclbauer nicht zu begegnen. Auerbach'- Dorfg. <. Vd. 13 194 Ein Sommcrnachtswerk. Zu Hause war Franzscph voll Unruhe, die Mutter überraschte ihn, als er sich eben ein großes Stück Brod abschnitt und in die Tasche steckte i er erwiederte auf ihre Frage, was er damit wolle, daß ihn oft in der Nacht ein Jähhuuger plage, dem er Vorsorgen müsse. Die Mutter schüttelte den Kopf über das so auffällig veränderte Wesen ihres Sohnes und sprach wieder vom Arzte, aber Franzscph hörte nicht darauf und hatte noch allerlei in der Scheune herzurichten, als ob es früher Morgen und nicht einbrcchendc Nacht wäre. Er wich den Fragen hierüber aus und bat um die Kappe des verstorbenen Vaters, die er zum Andenken in seiner Kammer haben wolle; die Mutter brachte sie schnell, setzte sie ihrem Sohne aufs Haupt uud bctheuerte, dast sie ihm viel besser stehe, als die steife Soldatcumütze, der sie höchst unehrerbietige Namen gab. Franzscph riß hierauf rasch die Kappe ab und setzte seine gewohnte auf, aber er gab die alte doch nicht wieder zurück. Franzscph ging mehrmals durch das ganze Dorf und es kam ihm wunderlich vor, daß die Leute noch immer zögerten zur Ruhe zu gehen. Wie gern hätte er den Zapfenstreich schlagen lassen und den Leuten commandirt: Licht aus! ins Bett! Aber hier führte Jeder sein eigen Regiment und kannte kein allgemeines Gebot. Jedem, der noch eine Weile vor dem Hause gesessen und sich dann hinein unter Dach begab, wünschte Franzscph in besonders nachdrücklicher Weise eine gute Nacht. Es war, als ob er Jedem besonders dankte, der nur die Augen schloß, um sein Vorhaben nicht zu scheu. Endlich war Stille im Dorfe, über dem eine sternglitzcrnde Nacht stand, der Mond kam heute erst um Mitternacht herauf. Die Thüre, die an Franzsephs Hause nach dem Garten ging, öffnete sich unhörbar, aber cs kam Niemand heraus, nur eine tuchumwickclte Sense wurde behutsam und geräuschlos auf den Boden gelegt, erst nach geraumer Weile kam ein Mann zum Vorschein, schloß die Thüre, stand eine Weile still horchend, nahm die Sense auf und schlich durch den Garten hinaus ins 195 freie Feld. Es war Franzseph; er hatte aber, wol um sich nicht so rasch kenntlich zu machen, eine andere Kopfbedeckung und zwar die pclzverbrämtc Pudelkappe seines Vaters. Er athmete laut und hielt auf seinem raschen Gauge oft ein, hinaus lauschend, ob er nicht fremde Schritte höre, aber es lies; sich nichts erkunden, nur Heimchen und Heuschrecken in Busch und Gras hörten in der milden Nacht nicht auf zu zirpen. Gegen Norden stand die Nacht- dämmcrung, deren lichter Schein von der Mitte Mai bis Mitte August am Himmel nicht verschwindet. Franzseph ging nach dieser Seite hin und es war ihm als schritte er hinein in den Tag, und nur wenn er sich umkchrtc, sah er die volle Nacht. Franzseph nahm d'ic Sense, die er bisher in der Hand tief am Boden gehalten hatte, frei auf die Schulter und schritt muthig vorwärts. Wie leise flüsternd wiegte sich das Korn am Weg und sog den bald letzten Nachtthau ein, der ihm noch beschicken war; das wächst und gedeihet still während die Menschenhände ruhen, die es gcsäct und bald wieder einsammelu. Was raschelt dort in den Halmen und kollert jetzt den Wegrain hinab? Es ist wol ein Igel, der nächtig auf seine Nahrung ausgcht. Dort im Gebüsche winselt und klagt es, das sind Stimmen verscheuchter Vögel, denen ein Marder, ein Wiesel Eier oder Junge geraubt. Das ganze Leben der Thiere ist Suchen der Nahrung, der Mensch aber bereitet sie durch die Arbeit. Franzseph faßte seine Sense fester. Jetzt ging der Weg eine Strecke über die Landstraße, wo hüben und drüben rcichgestütztc Obstbäume standen, und wie von unsichtbarer Hand gepflückt fiel bald da bald dort ein frühreifer oder wurmstichiger Apfel nieder, kollerte auf der harten Straße oder fiel dumpf in das weiche Gras. Die Obstbäume, deren fester Stamm das Menschenleben überdauert, bedürfen nur Schutz und Stütze von Menschenband und erzeugen von selbst die Frucht; das Brod aber, des Menschen viclbereitete Speise, reist nur in mühsam bearbeitetem Boden auf alljährlich sich erneuendem Stengel. Wie war's jetzt in einsam stiller Nacht, als ob alles Gewohnte rings umher seltsame Worte spreche und eine Offenba- 13 * 196 rung ging aus von Halm und Zweig, die das Herz erbeben machte. Denn des Menschen Sinn fühlt ein Beben beim Nahen des Allgeistcs. Worte und Gedanken, die Franzseph ehedem von Faber wie halb träumend vernommen hatte, erwachten seht wie mit Heller Stimme und klaren Augen. Franzseph pfiff nur ihm selber hörbar vor sich hin. Endlich führte der schmale Fußweg mitten durch die Kornfelder. Franzseph kühlte bald die eine bald die andere Hand im Than, der auf den Halmen lag; er sah hinüber nach dem Hopfenacker, dessen lange Stangen wie ein ge- tödteterWald mitten im Felde standen. Er mußte lächeln bei der Erinnerung an die Prophezcihung des Dvrfschüßen, daß diese Stangen noch zu einer Eeneralprügclei verwendet würden — aber plötzlich hielt er an, er hörte in der That Schritte, die hinter ihm drein kamen; schnell sprang er in das Kornfeld, kauerte sich in den hohen Halmen nieder und hielt den Athcm an. Tic Schritte kamen immer näher und jetzt hielt der unsichtbare Wanderer an der Stelle, wo Franzseph verschwunden war und dieser überlegte rasch, wie er sich verhalten müsse, wenn er entdeckt würde; aber der Suchende ging vorüber und der Versteckte ath- mete frei. Der Flurschütz hatte wol noch seinen nächtlichen Rundgang gehalten; es war nun sicher, das; er in der heutigen Nacht nicht mehr in diese Gemarkung käme. Noch eine Weile verharrte Franzseph in seinem Versteck, dann wendete er sich sorglos rechts nach dem Speckfelde. Im Umschanen däuchtc es ihn einmal, als ob sich die Stangen im Hopfengarten bewegten und ein Knistern und Knarren von dorther dringe; aber das war gewiß nur Täuschung, wie sollten sich die festen Pfähle jetzt beugen, da ein leiser Windhauch kaum die Spitzen der Halme bewegte. Franzseph schritt fürbaß und gelangte endlich zu seinem Ziele, er nickte mehrmals, denn er fand die Merkzeichen, daß er am Gerstenacker des Schlägelbaueru war. Er nahm die Einhüllung von der Sense und strich mit dem Wetzstein so leise als möglich über die Schneide. Als aber jetzt die Thurmuhr im Dorfe zehn Zuschlägen begann, wagte er cs, gedeckt von diesem Klange, kecker die Sense zu wetzen und nun gings frisch ans Mähen, das; die Halme 197 rauschend zu Boden fielen; dabei war er aber noch so hastig, das; er mehrmals die Spitze der Sense in den Boden bohrte, erzwang sich nun zu gemäßigter Thätigkcit und ruhig vorwärts schreitend legte er die Halme nieder. Die Schwingung hin und her ging so geruhig und fast mühelos, es war als ob in die Sense ein eigen Leben gefahren wäre, sie bewegte sich wie von selbst in seiner Hand, mähte die Halme und zog ihn allmälig nach. Vom Walde herüber hörte man das Krächzen und Winseln junger Eulen, die sich wol um eine Beute balgten. Was kümmert sich der Tbätige um all das Geschrei um ihn her? Nur der Arbcits- ledige horcht überall hin und findet darin willkommene Zerstreuung. Erst als Franzseph die volle Ackcrlänge durchgcmäht hatte, gönnte er sich ein Aufatbmen und die Art, wie er sich reckte, zeigte jetzt, daß nicht Müdigkeit ihn lähmte, sondern neue Lebenskraft seine Glieder durchströmte. Es duldete kein langes Ausrnhen und rückwärts ging's in gleicher Thätigkcit, die so gleichmäßig im Takte fortschritt, daß sich Franzseph eine Art Melodie dazu dachte. All das Denken, das am Tage und jetzt in der Nackt durch den Sinn Franzscphs gezogen, ruhte nun im tiefsten Grunde seiner Seele wie ein verborgenes Labsal. Wie bald aber ändert sich wiederum Denken und Thun. Wieder auf dem ersten Ausgangspunkte angekommcu, fühlte Franzseph einen Hunger, wie er ihn seit lange nicht gekannt hatte, aber er blieb bei seinem Vorsätze, erst nach drei vollen Mahden sich eine Erholung zu gönnen, und nun dünkte ihn nicht mehr, das; die Sense sich von selbst bewege und pfiff er auch keine Melodie mebr zur Arbeit; als gälte cs einen Widersacher zn erlegen, so ernst und mit angespannter Kraft schritt er mähend vorwärts. Die Achrcn rauschte» nieder und cs sumste und schwirrte gar seltsam am Boden. Franzseph hatte gegen seine Mutter mit dem Iähhungcr gespaßt, jetzt schien er ihn wirklich zu überkommen, jedes Ausholen mit der Sense ward zur Beschwerde, aber er ließ nicht ab und laugte endlich von Schweiß triefend zum drittcn- male an seinem Ziele an. Er setzte sich auf den Markstein nieder und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Das ist ein Thau, der die Menschcnkraft gedeihen macht, und das Brod, das der Einsame jetzt znm Munde führte, war nährenden Segens voll. So hatte noch nie ein Bissen geschmeckt. „Fleiß ist Tugend" hat Faber einmal gesagt, und jetzt tönte das Wort wie ein Segcnsspruch von unsichtbaren Lippen um den jungen Mann, der allein in stiller Nacht sein Brod verzehrte. Wohl giebt es einen Fleiß, der der Habgier und allen schlechten Trieben dienen muß, und doch ist Fleiß, die lebendige Bethätigung der Kraft, Grundlage alles echten Thuendcn, aller Tugend. Vom Dorfe herüber schlug cs zwöls Uhr und der Nachtwächter rief die Stunde. Franzseph konnte cs kaum glauben, daß er schon so lange gearbeitet habe, er hatte ja keinen Elockenschlag gehört; aber hört der Emsige denn die Stunde schlagen und rinnt ihm die Zeit nicht ungezählt dahin? Franzseph kam sich wie verzaubert vor. Das war ein Klingen und Singen und Summen in der Luft und aus den Feldern, wie von zahllosen unsichtbaren Wesen. Franzseph fühlte eine unwiderstehliche Schlafsucht, aber er bewältigte sie doch; nmher- schauend zwang er sich, die ganze Umgebung im lichten Sonnenschein zu denken und jetzt kam der Mond rund und groß hinter dem Walde herauf und übergoß Alles mit mildem Scheine. Feld und Wald und Dorf lag im weichen Dämmerlichte ausgcbrcitct und ans dem Bache blinkte es da und dort hell herauf. Franz- scph richtete sich rasch auf und die Sense glitzerte im Mondschein wie er sie anshob und untersuchte, er verbarg das vcrrätherische Blinken schnell unter den Halmen und mit neuem Muthe gings an die Vollsührnng des' Werkes. Er gedachte wie der Schlägcl- baucr und mit ihm das ganze Dorf staunen würde, wenn es sich zeigt, daß der Faullcnzcr, während Alles ruhte, einen Morgen Gerste niedermähte, und wie freudig Madlcnc jauchzen müsse, daß ihre Zuversicht sich so bestätigte. Er bedurfte dieser Aufmunterung sehr, denn immer mühsamer wurde ihm diese Arbeit und solch einsame Verkehrung der Nacht in Tag. Er wetzte die Sense öfter als sonst und nicht mehr so behutsam. Der Nachtwächter, dachte er, glaubt freilich nicht mehr an den Dengligeist, aber er 189 wird doch morgen Allen berichten, das; er ganz gewiß in vergangener Nacht den verschollenen Erntcgeist im Felde habe die Sense wehen hören. Er wird dann dem Orte nachforschen, von wo er den Klang vernommen und dann wird die Sache am schnellsten offenbar, denn selber kann ich sie doch nicht verrathen und bis zum Montag warten könnte ich auch nicht. Wieder wetzte Franzscph die Sense anhaltender als je und ließ sie dann noch fast geflissentlich im Mondschein blinken; er fürchtete nicht mehr von dem Flurschützcn überrascht und gestört zu werden, dies; wäre ihm wol eher erwünscht gewesen. Er hatte ein gut Thcil des Ackers gemäht und war so überaus müde, aushörcn konnte er aber nicht, denn was sollte die halbe Arbeit? Wurde er aber verscheucht, so war es ja nicht seine Schuld, daß noch Rückständiges blieb, auch dieses mußte ihm als vollbracht eingerechnet werden, er hätte es ja ohne die Störung gewiß vollendet. So sehr auch Franzscph wetzte und endlich sogar zu dengeln anfing, es ließ sich Niemand sehen oder hören, der ihn stören wollte und eine Zeit lang mähte er im Zorne fort und horchte auf jede Viertelstunde, die cs im Dorfe schlug. Endlich aber wurde er auch über diese Mißstimmung Meister, und je mehr es gegen Morgen ging, erfreute er sich seines Thuns. Mit dem ersten lichten Grau, das im Osten aufdämmerte, belebte ihn immer mehr ein neuer Gedanke: nicht das Staunen und die Bewunderung des ganzen Dorfes erquickte ihn, er freute sich über sich selber, er hatte vor sich bewiesen, daß er einen schweren Vorsatz vollführen kann. Jetzt war er auch des Zweifels ledig, ob er in den Tag hinein arbeiten wolle, bis man ihn bemerke, er war entschlossen, sich davon zu machen, ehe man ihn sah. Die Morgcnwolkcn, die sich immer mehr lichteten, warfen ihre Strahlen hinein in den Mond und cs war als ob zu diesem Sonntag eine doppelte Sonne über der Welt aufgehe. Hier und da zwitscherte eine Lerche am Boden und ein Nabe flog krächzend Waldaus, als wäre er der Bote der Nacht, der ihren Rückzug verkünde. Jetzt schwang sich dort aus der Ferne eine Lerche keck empor und aus den thaufcuchtcn Halmen schwirrten ihr andere nach, vom 200 Walde her und in den Hecken begann cs zu zwitschern und zu singen, die Sonne stieg in voller Pracht empor und mit freudigem Siegesgefühlc schaute Franzscph zu ihr auf. Er hatte in stiller Nacht ein frisches Herz gewonnen. Er mähte noch bis zu Ende des Ackers. Nur noch eine Spreite stand. Sollte er sein Werk im Tageslicht vollenden? Er hob die Sense hoch hinauf ins Sonnenlicht und in ihm sprach der Vorsaß, daß die Sonne immerdar seine emsige Arbeit erschauen und sie segnen möge; dann verbarg er die Sense in einem noch hell grünenden Habcr- fclde und eilte davon, aber er kehrte nicht ins Dorf zurück, er schritt nach dem Walde, er suchte nicht lange und hatte nicht den Schlaf anzurufen, bald war er auf dem Moose unter einer mächtigen Tanne eingcschlummert. Ein Fcldsrcstcl. Im Hause des Landwirthes Emil Fabcr, genannt der Wasserstiefel, war noch Alles in lautloser Ruhe, nur die Tauben in ihrem Schlage gurrten nach Freiheit und der Hahn krähte aus seiner Verborgenheit immer anhaltender. Das Hans war mit Ausnahme des offenen Schuppens noch ganz dasselbe, wie cs Luzian verlassen; nur hatte Alles eine frischere Farbe und hic- ländisch fremde Pflüge und eine große Häckselmaschine zeigten, daß eine junge Kraft hier walte. Das Schlafzimmer der jungen Eheleute war nach dem ruhigen Grasgarten gelegen, wo ein Apfelbaum mit seinen rothbackigcn Früchten fast in die Fenster hineinragte. Der lustige Pfiff einer Grasmücke hatte von dort aus den jungen Mann geweckt, der eben im Ankleiden begriffen war, als er das Erwachen seiner Frau vernahm. „Guten Morgen Pauline", rief der junge Mann, „cs ist noch früh, schlaf noch einmal und freue dich mit mir, heut ist Sonntag." „Ja, guter Emil, und heut gehst du mit mir in die Kirche?" „Auch, aber ich freue mich auch mit dem Sonntag, weil. 201 es cm diesem schönen Tage neubackene Bretzeln giebt," erwiderte der Mann mit kindischem Humor. Die Frau erzählte, das; sie einen ängstlichen Traum gehabt: die wegen des Zehntpachtes aufrührischcn Bauern Hütten das Haus angczündet und Niemand hätte retten und löschen wollen als der Franzseph, der endlich in den Flammen verschwunden sei. „Ach", schloß sie klagend, „ich habe mir das Landleben doch anders gedacht und du bist auch so unnachgiebig und forderst noch die Tücke dieser rohen Menschen durch den Zehntpacht ber- aus. Du wirst sehen, sie bereiten uns irgendwo ein Verderben." „Das ist auch meine Ansicht und eben darum Hab ich den Zehnt gepachtet. Man muß den Menschen einmal Gelegenheit geben, allen versteckten Groll, den sic in der Seele hegen, loszulassen. Ich bin der kleinen Plänkeleien, Tücken und Veinstelle- rcicn müde, sie müssen mir eine offene Schlacht liefern, ich bin darauf gefaßt. Wegen Brandstifterei sei ruhig, sic wagen nichts so keckes und wißen auch, Laß ich gut versichert habe und gerne neu bauen möchte. Mit dem Franzseph werde ich aber in diesen Tagen ein ernstes Wort reden; er muß seinen dummen Solda- tcnstolz abthun." Der junge Mann, eine ungewöhnlich große Gestalt mit flachsblondem Haare, trat an das Bette seiner Frau, strich ihr mit der Hand über die Stirne und beruhigte sie durch trauliches Zureden, dann verließ er das Zimmer, ging hinab nach dem Hofe, wo ihn der große Kettenhund mit Winseln und Sprüngen begrüßte, er band ihn los und sah nach dem Treiben der Knechte und Mägde, die sich mittlerweile auch aufgemacht hatten und sich zwischen den Tauben hin und her bewegten, die gurrend auf und nieder flatterten. Eben stand Faber bei einem neu cingetrc- tencn Knechte und lehrte ihn die Häckselmaschine besser handhaben, als der Dorfschütze militärisch grüßend in den Hof trat. „Was giebt v schon so früh?" fragte Faber. „Ener Hopfcnacker ist verruinirt. So eben berichtet^ der Flurwächter. Es steht kein' Stang mehr und alle Ranken sind zerschnitten." Trotz seiner ausgesprochenen Gefaßtheit verfinsterten sich dennoch plötzlich die Mienen des jungen Landwirthes; er hätte vielleicht einen persönlichen Angriff leichter ertragen, als diese ruchlose Zerstörung einer mit besonderer Liebe gehegten Pflanzung. Der Hund schaute bald in das Antlitz seines Herrn, bald in das des Botschafters, gewärtig den Befehl zum Angriff zu vollziehen; brummend und mit aufgcsträubteu Rückenhaaren umkreiste er den Dorsschütz, bis ihn sein Herr zur Ruhe verwies. Nachdem Faber auf die Frage, ob die Sache bereits amtlich an- gczcigt sei, bejahende Antwort erhalten, kehrte er zu seiner Frau ins Haus zurück und bald sah man ihn, mit den hohen Wasserstiefeln angethan, der Hund voraus, hinaus auf das Feld wandern. Die Kunde von dem Geschehenen hatte sich rasch verbreitet und das Dorf frühzeitig geweckt, denn überall an den Fenstern und vor den Häusern machten Männer und Frauen Zeichen des Mitleides und der bedauernden Schuldlosigkeit gegen Faber, der ohne Anhalt mit großen Schritten fürbaß ging. Bald sammelten sich Gruppen Lautrcdendcr auf de» Straßen und Alle schimpften auf den Feldfrcvler, den mau entdecken muffe, damit er für den Schaden einstehe und nicht die Gemeinde dafür büßen müsse. Eine lärmende Gruppe hatte sich nicht weit von des Franzsephcn Haus bei dem Brunnen gebildet und hier hörte mau vor Allem die Stimme des Schultheißen, der »nnach- sichtliche Strenge verkündete und Alles aufbietcn wollte, um den Misscthäter zu entdecken. Der Schlägelbancr, der daneben stand, suchte ihn zu beruhigen und die Sache ins Spaßhafte zu ziehen, indem er schadenfroh lächelte i der Schultheiß aber rief: „Und wenn du's selber than hast, laß ich dich gleich einsperren." Die Mutter Franzsephs, von dem frühen Lärm erschreckt, kam herbei, ging auf die heftig Redenden zu und fragte was geschehen sei, ob man von ihrem Franzscph etwas wisse, der heute die ganze Nacht nicht heimkommcn sei. Der Schlägelbancr winkte, aber die Mutter verstand ihn nicht und jetzt schrie Alles über den versteckten Faullcnzer, an dem nun das Unglück hinansgchcn 203 werde, das er über das ganze Dorf bringen wollte. Während noch so Alles unter einander tobte, sah man den Franzseph, mit der ungewohnten Pudclkappe auf dem Haupte, vom Berge her- abkommcn. Der Schultheis; befahl schnell dem Dorfschützen ihm entgegen zu gehen und ihn gefangen zu nehmen, aber ein Kamerad Franzscphs war rascher als der nur langsam schlendernde alte Soldat, er sprang vorauf und rief Franzseph zu: „Lauf davon, du wirst eingcsperrt." Franzseph aber schien diesen Zuruf nicht als ihm geltend zu betrachten, er schritt ruhig weiter und als ihm der Dorfschütz, der jetzt bei ihm angelangt war, seine Verhaftung verkündete, fuhr er sich mit der Hand über die Stirne und lächelte ungläubig. Der Schlägelbaucr hatte die Mutter überreden wollen, nach Hanse zu gehen und sich auf ihn zu verlassen, aber die Mutter ließ nicht von der Rotte, die sich auf jedem Schritte vergrößerte, den sie dem Franzseph entgegen ging. Als sie ihn endlich vor sich hatten, wollte der Schultheis; in laute Schmähungen aus- brcchen, aber der Schlägelbauer unterbrach ihn, bat ums Wort, ging auf Franzseph zu, faßte seine Hand, daß er in sich erbebte und sagte fast ganz ohne Husten: „Franzseph ich Hab dir Unrecht than, ich schäm mich nichts und sag's frei vxr allen Leuten. Ich Hab gemeint, du seist blos ein so guter Trnllc, der kein Schneid hat: jetzt hast du zeigt, daß du die rechte Schneid hast. Dein Sach' mag jetzt ausgehcn wie sic will, wenn du wiedcrkommst, weißt du wo ich wohn! Verstanden? Jetzt fürcht' dich nichts und sei standhaft." Die Mutter stand weinend neben ihrem Sohne und hielt ihre Hand auf seine Schulter gelegt. Franzseph wußte nicht wie ihm geschah, ein Frösteln übcrkam ihn, daß er ani ganzen Leibe zitterte. „Gestehst du was du gethan hast?" fragte der Schultheiß. „Ich weiß nicht was es euch angeht," entgegncte Franzseph und der Schlägelbauer trat wieder vor und sagte: „Mein Franzseph leugnet nichts. Er ist ein Mann, der Kurasche hat und versteckt sich nicht hinter der Heck. Gesteh du's nur. Ja, ich sag's für ihn, ja, mein Franzscph hat heut Nacht des Wasserstiefels Hopfenacker abgeschnitten »nd umgcstürzt nnd hat rechtschaffen Recht daran gethan. Wir sind Manns genug für den Schaden aufzukommcn, wir brauchen den Gcmeindcbettel nicht, und die Paar Wochen Straf bringen ihn anch nicht um. Mein Franzscph hat Schneid und ist kein guter Tratte. Jetzt las; ihn frei, Schultheiß, er entlauft dir nicht." Die Brust Franzscphs hob und senkte sich mit schwerem Athcm er drückte sich mit der Hand die Augen zu als müsse er sich besinnen, ob er nicht träume. „Du kannst nicht für ihn reden," entgegnetc der Schultheiß, „er wird selber das Maul bei sich haben; red du selber, Franz- seph, du bist immer ein guter Kerle gewesen, ich kanns noch nicht recht glauben." „Er ist kein guter Kerle," unterbrach der Schlägclbauer. „Ins Teufels Namen, laß ihn selber reden," kreischte der Schultheiß, „ich will kein Wort mehr von dir." Franzscph schaute jetzt mit zusammcngepreßtcn Lippen starren Blickes auf den Schlägclbauer; offenbar hat dieser in seinem Haß den Feldfrevel begangen und verlangt nun, daß sein Schwiegersohn für ihn cinstehe. Franzscph war bereit dazu, obgleich er nicht recht wußte, was daraus werden solle und es ihm tief wehe that, daß er, der allein Fabers Freund war, in dessen Augen als hinterlistiger Heuchler erscheinen müsse. Als aber jetzt anch der Schultheiß auf die Gutmüthigkcit anspieltc, regte sich ein seltsamer Stolz in Franzscph und er rief laut: „Ich bin kein guter Kerle, ja, ja, ich Hab Alles than, was der Vetter Schlägclbauer sagt." Alles war stumm vor Entsetzen, nur des Schultheißen Claus, der eben mit einem Landjäger hcrzngetrcten war, lachte laut auf. Franzscph wurde dem Landjäger übergeben und nach der Amtsstadt abgcführt, der Schlägclbauer geleitete die weinende Mutter tröstend nach Hause. 205 Fremde Thal. Als der Landwirth Faber nach Hause kam, hörte er zu seinem Entsetzen, wer die ruchlose That vollbracht habe, und die neubackncn Bretzeln, auf die er sich so kindisch gefreut hatte, wollten ihm gar nicht munden. Die Frau, die sich ihrem temperamentvollen Manne gegenüber auf ihre ruhige Menschenkenntnis; viel zu gute that, behauptete, daß sie schon lange etwas Heimtückisches und Hinterlistiges an Franzseph bemerkt habe, daß sie aber geschwiegen hätte, um nicht wiederum für mißtrauisch zu gelten. Faber bestritt das Vorhandensein dieser Weltklngheit, und wie das so leicht geschieht, eine Unbill von außen erzeugt leicht Mißstimmung und Streit zwischen den Betroffenen; das gekränkte Herz heischt oft, ohne es gestehen zu wollen, eine Tröstung und jede ungeschickte oder unerwartete Berührung wird zu einer Dissonanz. Faber behauptete streng verweisend, daß Niemand dies; habe von Franzseph voraussetzen können und die Frau suchte versöhnend abzuschlicßen, indem sie die Furchtvor neuer nicht so leicht zu verschmerzender Unbill darlegte und ihren Mann bat, die Beschädigung ungesühnt zu erleiden, den Franzseph frei zu machen und Lurch diese Hochherzigkeit das ganze Dorf zu beschämen und zur Freundschaft zu zwingen. Das war aber gerade ein neu aufreizender Vorschlag und Faber schwur und betheuerte, daß er unnachgiebig den strengen Rechtsweg in dieser Sache verfolge, von dem ihn nichts abbringe. Er setzte eilig eine Klagschrift an das Amt auf, Inder er einen genauen Augenschein forderte. Erschrick noch mit fliegender Feder als Madlene mit verweinten Augen cintrat. Faber kannte das Mädchen wohl, dennoch fragte er nach Namen und Begehr und ohne ein Wort zu erwicdern, schüttelte er auf die Bitte „Gnade für Recht ergehen zulasten" verneinend den Kopf, siegelte die Schrift, verliest die Frau, die Madlene zu trösten suchte, ging nach dem Hof und schickte sogleich einen reitenden Boten mit der Schrift nach der Stadt. Bald kehrte er wieder in die Stube zurück und fragte Madlene, seit wann der Franzseph Nagelschuhe trage. Das Mädchen behauptete, daß er 200 nur Stiefel mit eisenbeschlagcncn Absätzen habe und sprach durch die Mitthciluug ermuthigt, das; man die Spuren von Nagelschuhen im Hopfeuackcr gefunden habe, die Ueberzeugung aus, das; Frauzscph unschuldig sei; zwar habe er selbst gestanden, aber wer wisse, was ihn dazu veranlaßt habe. „Daun hat er fremde Schuhe geborgt oder Helfer gehabt, es muß sich Alles erweisen" eutgeguetc Faber, verlies; abermals in Unruhe das Zimmer und schickte einen zweiten Knecht als Wache nach dem verwüsteten Hopfengarten, damit Niemand hin- ciutrete und die ganz deutlichen Fnßtapfen verwische. Während er dem Knechte noch sein Verhalten genau verschrieb, sah er Mad- lene das Hans verlassen; sie ging zu der Mutter Franzsephs, die ob des Geschehenen ganz untröstlich war und immer behauptete, ihr guter Frauzscph müsse zu dem Schelmenstreiche verführt worden sein, denn so etwas käme nicht aus seinem braven Herzen und zu einem solchen Streiche könne er nicht des Vaters Pudelkappeaufgesetzt haben. Sie hatte die Soldatenmützc ihres Sohnes auf den Tisch gestellt und sah immer weinend und händeringend darauf, als würde sie nie mehr das Haupt scheu, das damit bedeckt war . . . Unterdes; schritt Frauzscph von dem Landjäger gefolgt, lautlos die Straße dahin. Als sie an der Anhöhe vorüber kamen, wo das abgemähte Gcrstenfeld war, däuchte es ihn, als müsse sich von dort irgend ein Zeichen für ihn erheben i aber wer konnte sprechen, wer Zeugnis; ablegen für ihn? Ueber den Spitzen der Kornfelder wob sich schwebend ein funkelnder Duft und ans dem Thal und von der Höhe klangen die Morgenglocken. Frauzscph schritt ruhig weiter und gedachte der Hellen Stunde, da er froh begrüßt und geehrt diesen Weg heimwärts ziehen werde. Mit wachen Augen ging er halb träumend hin und konnte sich nicht klar machen, was geschehen war und noch geschehen solle. Als man endlich in der Amtsstadt augckommeu war und alle Leute nach dem jungen Verbrecher umschauten und der Hausknecht des Ereifeuwirths, ein ehemaliger Kamerad, ihn mit seltsamem Lächeln bei Namen rief und grüßte, da fing cs ihm an doch bange zu 207 werden; aber immer noch däuchte ihn Alles nicht wahr, nnd erst als er allein im Gefängnis; stand, erwachte er Plötzlich und er ballte beide Fäuste und schlug gegen die ungerechten Mauern und schrie laut auf. Die Mauern wichen nicht und der Schrei verhallte von Niemand gehört. — Was nützte jetzt Alles Besinnen nnd Ucberdenkcn? Es ließ sich nichts heraus pressen. Endlich legte sich Franzseph beruhigt nieder, mit der festen Zuversicht, das; der Schlägclbaucr der Sache bald ein Ende machen werde. Man brachte ihm Essen, er lies; es unberührt stehen. Die gebrochene Nachtruhe, die ungewohnte Arbeit, die Gcmüthsbewegungcn und der Weg, Alles machte sich geltend um Franzseph in einen bleiernen Schlaf zu versenken. Als er erwachte mußte er sich besinnen wo er war; dunkle Nacht und Einsamkeit umher. Das ganze Leben war verändert, die Nacht war zum Tage, der Tag zur Nacht geworden. Ein zerschnittener Lichtstreif des Mondes fiel in seinen Kerker und leuchtete Franzseph beim Verzehren des kalt gewordenen Mahles, über das er sich zuerst hcrmachte. Er fühlte sich neugestärkt und meinte, er müsse jetzt gleich erlöst werden ; es war genug des schlimmen Scherzes. An dem hohen Fcn- stergitter sich mit beiden Händen anhaltend schaute Franzseph hinein in die Mondnacht. Plötzlich war's ihm, als ob er einen Schlag an den Kopf bekäme, so nahe dröhnte die Thurmnhr der Stadt, die in gleicher Höhe mit der Gefängnißzelle war. Es schlug eins. Das war ein anderes Warten auf den Tag als in vergangener Nacht im freien Felde. Jede Viertelstunde, die es schlug, klopfte mit leibhaftigem Pochen an das Haupt Franzsephs und durchdröhnte seinen ganzen Körper und selbst als er sich wieder auf die Pritsche legte, hörte das nicht auf, und durchbebt von diesen Klängen mußte er der vielen Stunden gedenken, die er in halb stolzer balb feiger Lässigkeit verträumt nnd vertrödelt hatte; er sprang oft ans und streckte die Hände empor voll heißen Verlangens nach Arbeit. Heute wollte er ja rüstig ans Werk und nimmer lässig werden; warum war er gefangen? Ein bläulicher Schimmer zeigte sich am Himmel, kein Lerchenton war vernehmbar, nur der ächzende Pendelschlag der Thurm- 208 nhr, hin und her. Ein Heller Tag brach an, ein echter gesegneter Erntetag. Je weiter die Stunden verrückten, um so lebhafter dachte sich Franzseph, wie jetzt Alles daheim sich zur Arbeit rüstet; nur er allein mußte träge ruhen, und als eine Seligkeit erschien es ihm jetzt die Sense zu handhaben, er sehnte sich nach dem Griff der Sense wie nach der Hand eines Freundes; weinend vor Zorn und Wehmuth wälzte er sich auf seinem Lager, da öffnete sich endlich die Thüre und der Gefaugenwärter trat mit dem Landwirts) Faber ein. Der erste Anblick erschreckte Franzseph so, daß er starr da stand, aber rasch streckte er dem Faber die Hand entgegen, die dieser indes; weigerte und mit ruhigem Ton erklärte: er habe sich von dem Untersuchungsrichter eine Unterredung erbeten bevor das Verhör beginne, cs sei ihm noch nnfaßlich, daß gerade der einzige, der sich ihm vertraulich »„geschlossen, den Frevel ausgeführt habe, Franzseph sollte daher bekennen, wer ihn dazu verleitet und wer ihm dabei geholfen habe. Franzseph starrte lautlos drein und ließ sich trotz alles Drängens zu keiner Antwort herbei. Als indes; Faber ans die Stiefel deutend sagte: „Solch eine Fußspur findet sich gar nicht in meinem Hopfenacker, Ihr müßt also blos Wache gestanden und Andere Euch geholfen haben," da zuckte Franzseph zusammen und sagte endlich: „Lieber Herr Faber, wenn ich sagen könnte, wem die anderen Fußspuren gehören, versprecht Ihr mir die Sache aus und vorbei sein zu lassen um eine billige Entschädigung?" „Nein, und wenn ich den Menschen an de» Galgen brächte, ich könnte ihn mit Lust baumeln sehen." „Dann Hab Ich v gethan und sonst Niemand," fiel Franz- seph ein. „Das geht nicht mehr, wir haben das Bekenntnis;, daß Ihr anders aussagcu könnt, wenn Ihr wollt." „Ja, wenn ich will," entgcgnetc Franzseph halb trotzig halb wehmüthig. Faber suchte ihn nun mit aller Güte zu bereden, den wahren Sachverhalt zu bekennen, er werde als Verführter nur eine geringe Strafe bekommen und beschwor ihn zuletzt ans Ach- 209 tung vor ihrer ehemaligen Freundschaft ihm nicht das Leid an- zuthun, das; er nun an keinen guten Menschen mehr glauben dürfe. Tiefes Wort «gut" machte aber wieder die verkehrte Wirkung auf Franzscph und er verfiel in erzwungenen Trotz und Starrsinn, der sich nur zu den Worten verstand, daß er dem Untersuchungsrichter allein Antwort schuldig sei. Faber mußte sich zwingen noch Weiler zu sprechen und in den Mienen Franzsephs zuckte es als er hörte, daß gestern im Dorfe Jeder dem Andern auf die Schuhe gesehen habe, daß man am Abend an des Schultheißen Hans einen brenzlichen Geruch wahrgenommcn habe, der vielleicht davon herkäme, daß des Schultheißen Claus seine Schuhe verbrannt habe. Auch hierauf schwieg Franzseph, lachte aber in sich hinein. Eben wollte Faber Weggehen, als Madlene eintrat, sie konnte vor Weinen erst gar nicht reden, dann klagte sie durcheinander über das Zuchthaus, dem Franzseph entgegen gehe und dann wieder über ihren Vater, der sie nun doch noch zwingen wolle des Schultheißen Clans zu Heimchen, der ihn ganz umgarnt habe und durch einen Streich, den man nie von ihm geglaubt hätte den Vater ganz gewonnen habe. „Was sagt denn dein Vater über mich?" fragte Franzseph. „Ja, ich sag dir's frei," crwiedcrte Madlene, „er schimpft auf dich und sagt, du habest den Hofenacker nur verwüstet, damit man dich einsperrt und du in der Ernte faullcnzen kannst." „Da thut er nur so, er weiß bester wie's steht," entgcgncte Franzseph lächelnd, aber diese versteckte Bosheit that ihm doch wehe und war unbegreiflich. „Warum ist denn der Claus so wohl dran? Was hat er denn gethan?" fragte er dann wieder. „Denk nur, der hat, um zu zeigen was er vermag, Samstag Nacht einen ganzen Morgen Gerste im Speckfeld abgcmäht." „Das hat der Claus gethan?" „Ja, er hat meinem Vater bewiesen, daß er die ganze Nacht nicht daheim gewesen ist und jetzt möcht' der ihn auf Händen tragen." Franzscph jauchzte laut auf, die Umstehenden sahen ihn bc- Auerbach'S Dorfg. 4. Tb. 14 210 troffen an als wäre er plötzlich wahnsinnig geworden, denn Franz- seph schnalzte mit beiden Händen und tanzte im Gefängniß umher. Auf die ängstlichen Bitten Madlenc's beruhigte er sich wieder und fragte: „Paß auf was ich sag: war dein Vater Samstag Nacht daheim?" „Ja, er hat seinen bösen Husten gehabt und hat fast kein Aug zuthan." Wieder jauchzteFranzseph hellauf und umarmte seine Mad- lene und den widerwilligcn Faber und erzählte endlich den ganzen Hergang: wie seine Sense noch im Haberfcldc liegen muffe und wie er die That nur für den Schlägelbaucr übernommen habe. Er bat dann vor Allem den Faber ihm wieder gut Freund zu sein, was dieser auch gewährte. Franzseph und Madlene fuhren mit Faber in seinem Kütschle nach dem Dorfe zurück, aber ohnweit des Dorfes beim Speckfeld stieg Franzseph ab und Madlene folgte ihm. Sie fanden bald die Sense im Haberfelde und Franzseph mähte noch schnell jetzt unter dem Blicke der Geliebten, die noch stehende Spreite des Eerstenfeldes nieder. Mit der Sense auf der linken Schulter und seine Madlene an der rechten Hand führend kehrte Franzseph wieder in das Dorf zurück .... Es ist nicht mehr viel zu erzählen. Die Nägel von den verbrannten Schuhen des Claus fanden sich richtig in der Asche; im Zuchthaus trägt jetzt der Claus Holzschuhc. Wer weiß ob nicht der tückische Schlägelbaucr den Franzseph lieber ins Unglück getrieben hätte, als daß er ihm, wie jetzt geschah, seine Tochter geben mußte. Freilich ein großes Glück war das auch, trotz der Liebe Madlenc's, doch nicht. Schwäher und Tochtcrmann lebten nicht gütlich niit einander. Franzseph arbeitete für zwei und doch mußte er säst täglich von seinem Schwäher hören, daß er ein Faullenzer sei; jetzt aber lächelte er darüber, es machte ihn nur zornig, so lange es eine Wahrheit war, den ungerechten Schimpf hörte er ruhig an und das verdroß den Schlägelbaucr so sehr, daß er sich ein Lcibgcding-Hans baute, 211 aber er bezog cs nicht mehr und Franzseph ist Schlägelbaucr. Die Soldatenmütze hängt über dem eingerahmten Abschiede als Andenken, Franzseph und seine Buben tragen Pudelkappen. Fabers Hopfcnacker ist wieder im besten Gedeihen und Franzseph hat richtig einen eigenen ergiebigen im Speckfeld angelegt. Kein Weg ist betretener als der Gartenweg von des Schlägelbauern Haus zu dem Fabers, und wenn Pauline Faber von ihrer raschen Menschenkenntnis; spricht, sagt ihr Mann neckend: denk an Franzseph. — -ft -ft -ft Das ist die Geschichte, warum an des Schlägclbauern Haus Hopfen und Gerste angemalt sind. Ein eigen Haus. Das alte Liebespaar. Ä>ohlgcmuther und feiner war kein Mädchen im Dorfe anzuschauen als des Bäckers Zilge. Nach dem Landesbrauche änderte man ihren Taufnamen Cäcilie in Zilge, und das konnte wohl passen, denn man nennt hier zu Lande auch die Lilie Jlge, und des Bäckers Tvchterlein war so weis; und fein wie eine Lilie. Man sah Zilge selten auf der Straße und nie im Felde. Sie saß jahraus jahrein beim Küfer auf der Winterhalde am Fenster und fertigte weiße Stickereien für Schweizer Fabriken, die ihre Eewerbthätigkeit immer tiefer in das Grenzland herein ausdehnen. Zilge war schon früh verwaist. Ihr Vater war Bierbrauer und Bäcker im obcrn Dorfe gewesen, aber als leidenschaftlicher Prozeßkrämer in Armuth und Noch gestorben, und Zilge kam in das Haus des ihr verwandten kinderlosen Küfers wo sie als Kind des Hauses hätte leben können, wenn sie einen gewissen trotzigen Ucbermnth zu bannen vermocht hätte; sie aber blieb herrisch und verlangte von Jeglichem Unterwürfigkeit, so daß sie am Ende von einer Verwandten der Küferin im Hause verdrängt wurde. Sie trug das gleichmüthig, denn ihr Stolz war doch gewahrt. Der einzige Bruder Zilge's war schon in der Fremde als Bäcker und Bierbrauer. Es gab eine Zeit wo der Maurer-Scb viel beneidet wurde, daß die feine Zilge ihn vor Allen auscrwählt hatte. Das war aber schon lange, denn vierzehn Jahre waren es, seitdem die Licbeslcutc unverbrüchlich einander anhingen. Zilge war beim Beginne siebzehn und Scb neunzehn Jahre alt gewesen. Im Frühling, bevor Seb regelmäßig auf die Wanderschaft zog, und 216 im Herbste, wenn er hcimkehrte, gingen die Beiden miteinander an Sonntag Nachmittagen einsame Pfade, die Gartenwege zwischen den Maßholder-Zäunen und durch die Felder. Sie führten einander nicht an der Hand, sie schlangen nicht die Arme in einander, und doch hielten sie fest zusammen. Manchmal auch gingen sie nach dem Nachbardorfe Weitingcn, aber ohne dort in ein Wirthshaus cinzukehrc». Zilge duldete keine nnnöthigen Ausgaben, Seb besuchte nur einen Handwcrksgenofsen, der schon einen Hausstand hatte und oft mit ihm in der Fremde arbeitete. Wenn eine Lustbarkeit im Dorfe war, zogen sich die Beiden davon zurück, ans dem Tanzboden spielte jetzt ein junger Nachwuchs die Hauptrolle, der noch in die Schule gegangen war, als Seb und Zilge schon ans Heirathcn dachten und sic hatten nicht Lust sich darunterzu mischen; und zu ihren Altersgenossen taugten sic auch nicht, denn diese waren fast Alle verhcirathct. Warum aber zögerten sic so lange? Anfangs verweigerte ihnen die Gemeinde wegen ihrer Armnth die Niederlassung, und als sie sich beide etwas erspart hatten, muthetc das Zilge so sehr an, daß sie es erst weiter bringen wollten, che sie einen Hausstand gründeten. Sic wußte viele Beispiele anzugcbcn von Ehepaaren, die nach kurzem Wohlstand und Frieden ins Glend gc- rathcn waren, und sic bcharrtc dabei: vor der Ehe ließe sich leichter sorgen, als nach derselben. Seb war oft unwillig, dieses Hinhalten Zilgc's that ihm tief wehe, er klagte manchmal, daß Zilge ihn eigentlich nicht von Grund des Herzens lieb habe, sonst könnte sie nicht so lange zögern, sie aber wußte mit kluger und inniger Rede ihn immer wieder zu beschwichtigen; und cs zeigte sich ja auch, daß sic getreulich an ihm hielt. Oft gingen sie schweigend große Strecken Weges, bisweilen aber sprachen sic auch über das Hauptkapitcl, das unglücklich Liebende heutigen Tages ebenso unweigerlich verhandeln, wie vorZeiten Entführung und heimliche Trauung und das Kapitel heißt: Amerika. Seb sprach davon, daß er auch über's Meer ziehen, sich umsehcn und etwas erwerben wolle, um dann seine Braut zu holen oder Nachkommen zu lasten. Ter ganze 217 Charakter Zilgc's war darin ausgesprochen, indem sie einmal darauf erwicderte: „Wenn ich ein Bursch war, und ich hätt' ein Mädle, wie ich eins bin, und ich hält' das Vertrauen zu ihm, daß es mir getreu bleibt, ich thät' nicht viel mit ihm überlegen; ich thät', was ich mein', das recht ist. Wenn du von selber nach Amerika gangen wärst, und hättest mir geschrieben: Zilge, ich bin da und ich will sehen, ob ich hier unser Glück gründen kann, ich hätt' dir wieder geschrieben: Da thust Recht dran, und du darfst nur winken, da komm' ich. Jetzt aber mit mir überlegen, kannst du die Sach' nicht, ich versteh's nicht und will's nicht verstehen und mit meinem Willen last' ich dich nicht so weit über's Meer." „So geh gleich mit." „Das mag ich auch nicht." Die Beiden überzählten oft, wie viel sie bereits erspart hatten, und so bestand ihr Gespräch meist in Sorgen und Uebcr- legen. Zilge trat endlich mit ihrem Entschlüsse heraus, daß sie nicht hcirathc, bis sie ihr eigen Haus habe, sie sei ihr Lcbenlang genug bei fremden Leuten hcrumgestoßen worden, sie wolle auch einmal wissen, wie sich's unter eigenem Dache lebt, und sie könne es den Kindern nicht anthun, daß sic keinen Unterschlupf hätten, wo sie hin gehörten, und wo sie Niemand vertreiben könne. Der Maurerseb mochte im Gütlichen erklären, daß es viel klüger wäre, wenn sie sich von ihrer Ersparnis; einen guten Acker kauften für den Kartoffelbrauch, und eine Wiese um eine Kuh zu halten, Zilge widersprach und behauptete, daß sic beim Sticken mehr verdiene, als wenn sic das Feldgcschäft versehe, auch könne man nicht im Felde arbeiten und dann wieder sticken, man müsse zu solcher Arbeit die Hände fein erhalten. Sie beharrtc bei ihrem Entschlüsse: Ohne eigen Haus kein eigner Heerd. Oft dachte Seb daran sein Vorhaben auszuführen, ohne Zilge darum zu fragen, und wer weiß, ob sie sich nicht darein gefunden hätte; aber seine Liebe zu ihr hielt ihn wiederum davon ab, nach eigenem Gutdünken zu handeln. Wollte er dann irgend ein wohlfeiles Häuschen von einem Auswanderer kaufen, hatte Zilge wiederum aller- lei Einwürfc; dieses war zu finster für die Stickarbeit, jenes nur ein halbes mit bösen Inwohnern n. dgl. Cie sagte dann auch oft: „Ich thät' mich schämen, wenn ich ein Schneider war', mir einen alten Rock zu kaufen. Wozu bist denn Maurer? Vau' dir doch ein Haus. Oder kannst's nicht? Sag's nur." So lebten die Beiden vierzehn Jahre, und Manche bedauerten im Stillen den Scb, oder sagten es ihm auch, daß er an Zilge gebunden sei, denn diese hatte wenig Frcuudlichgesinnte im Dorse. Man war ihr gram, weil ihre Lebensweise sich streng von der im Dorfe abschied, und weil ihr stolzes Wesen es dahin gebracht hatte, daß eine Verwandte der Küfcrin, die aus Weitingen war, au Kindesstatt angenommen wurde; das hätte Zilge mit ein bischen Klugheit und Nachgiebigkeit für sich erringen können, und Seb brauchte sich dann nicht so zu plage»; schließlich aber vereinigte sich Alles darin, daß Zilge unerhört hoch- müthig sei und immer unverzeihlich sauber daherkäme. Endlich im fünfzehnten Frühling ihrer Licbeszcit kam der Seb vom neuen Ziegler herauf, der sich links im Thale angesiedelt hatte und berichtete freudig, daß er vom Ziegler die Anhöhe mit den zwei Tannen grade gegenüber vom Küfer als Bauplatz gekauft habe, und der Ort schien wohl gelegen, denn der Blick ging hinaus über die Wiesen nach dem jenseitigen Wald- bcrge: „Ich dreh' das Häusle 'rum", sagte er triumphircnd zu Zilge „und richte alle Fenster ins Freie, daß dir Niemand zugucken kann als die Sonn'. Es freut mich, daß ich dir deinen Willen thun kann, und du wirst sehen, was ich herstelle!" Das lustige HäuSle. Mit unermüdlicher Emsigkeit arbeitete nun Seb und sein Vater, den er dafür bezahlte, als ob er sür einen Fremden arbeitete, an seinem Hause. Sie mußten die Grundmauern tiefer legen als sie sich gedacht hatten, denn sie kamen bald auf eine Schicht von Triebsand; sie wollten sie aushcben, aber je tiefer sie gruben, je nachhaltiger schien die Sandschichtc zu werden, und sic legten endlich doch die Steine auf dieselbe. Der Vater warnte wiederholt, daß dieser Grund kein Haus trage, und daß es überhaupt unpassend sei, hier an den Bergrücken zu bauen, wo jedes wilde Wetter das Haus an allen vier Ecken packe; er wollte, daß man mindestens mehrere Schuh tiefer ins Land hineinrücke und das Haus nicht so keck au den Berghaug stelle. Er lobte die Klugheit der alten Zeit, da man ein Haus lieber geschützt zu einem andern setzte, und überhaupt auch im Häuserbau geselliger gewesen sei. Seb widersprach alle dem, und um so entschiedener, als er sich nicht leugnen konnte, daß die Einwände des Vaters nicht unhaltbar waren. Seb stand trotz seines vorgerückten Alters doch noch in jener unversuchten Jugendlichkeit, wo man an die Ausführbarkeit einer jeden Sache mit Zuversicht glaubt, wenn man sie unternommen hat, und aus keinem andern Grunde, als eben weil man sic einmal unternommen hat. Um auch noch jeden letzten Einwand zu beseitigen berief er sich gegen den Vater nachdrücklich auf das Urthcil des Bauamtes, das nach Besichtigung der Oertlichkeit und Erwägung aller Bedingungen die Erlaubnis; zum Baue gegeben habe. Er redete sich dabei aus, daß er selber cs ja war, der die ganze Sachlage zu solchem Endbeschlussc ins Licht gestellt hatte; die Maßnahmen des Bauamtes mußten jetzt als felsenfester untrüglicher Hort gelten. Als die Grundmauern aus dem Boden hcrauswuchsen, war Seb überaus glückselig; jetzt war Alles gewonnen. Er hatte den Bau größer ausgedehnt, als er sich anfänglich vorgesctzt, denn beim ersten Spatenstich hatte ihm Zilgc eine nicht unansehnliche Ersparnis; übergeben, und er hatte in der Wohnung Zilge's die Wahrheit des Sprüchwortes kennen gelernt: ein heruntergekommener Reicher hat noch mehr als ein aufkommender Armer. Auch hiegegcn warnte der Vater, und er traf zwei Dinge auf einmal, indem er sagte: Es läßt sich gar nie berechnen, was ein Neubau und was eine Frau aus einem vormals reichen Hause für Aufwand kostet. Weil das letzte offenbar griesgrämige Verleumdung 220 war — denn zufriedener und sparsamer als Zilge konnte ja Niemand sein — so durfte auch das erste nichts als Altcrsängstlichkcit sein. Scb war ehrgeizig und stolz, wenn auch minder als Zilge, er wollte der Welt und vor Allem in der Welt seiner Zilge zeigen, was er vermöge, und welch' ein lustig Hans er dahinsctze. Er dankte ihr oft im Stillen, und er sprach es oft am späten Feierabend gegen sie aus, das; sie ihn vermocht habe, neu zu bauen. Wer im Dorfe ein Fuhrwerk hatte, that dem Seb eine oder mehrere unentgeltliche Baufnhrcn. Ein Jedes freute sich, das; die Liebcslcute, die schon so lange treulich znsamincnhiclten, doch endlich vereinigt werden sollten, und beim Freitrunkc, den Seb einzig dafür als Lohn gab, zeigte sich, das; Zilge auch reichlich mit Flaschen und Gläsern versehen war. Die Fuhrwerke hatten viel Mühe wieder leer umznwcnden, denn das Haus wurde an das Ende der Gaffe gebaut, gerade da, wo sich dieselbe sackte. Ein Zaun von kurz gehaltenen knorrigen Tannen, darein sich wilde Rosen mischten, zog sich querüber zum Schuhe der dahinter liegenden Wiese, deren Waldnrsprung noch zwei hohe Tannen bekundeten, die an der Westseite von Scb's Bauplätze standen; sie hätten wohl schöne Baustämme gegeben, Seb aber wollte sie erhalten, thcils zum Schutze des Hauses, tbcils auch weil seinem nicht ungebildeten Schönheitssinn die Bäume als erwünschter Schmuck erschienen; er hatte sie auf dem Plane gezeichnet, den er mit Hülfe des Zimmcrmanns von seinem Hause entworfen, und den jetzt Zilge über ihrem Stickrahmen hängen hatte. Er nannte diese beiden Tannen gerne scherzweise seinen Wald. Den ganzen Sommer war Scb in ficbcrischcr Aufregung und schlief keine Nacht ruhig. Erhalte, seitdem er aus der Schule entlassen war, beim Banen geholfen, er war dessen sattsam gewöhnt, aber jetzt war's ihm allzeit als ob Steine, Kalk und Mörtel auf ihn warten und ihm keine Ruhe lassen. Oft bevor der Tag grauete, hörte man ihn meißeln und hämmern, und in der Mittagsruhe legte er den Kops auf einen Stein und schlief eine Weile. 221 Scb machte die Umfassungsmauern des nur einstöckigen Hauses bis unter das Dach von Stein. Die wilden Rosen am Zaune blühten, als man das Haus richtete und der grüne bebänderte Maien vom Giebel prangte. Von der Wiese aus, die man jetzt, da das Heu eingeheimst wurde, betreten konnte, nahm sich das Häuschen gar freundlich aus und erhielt auch von dort den Namen, denn im ganzen Dorfe verbreitete sich das Wort, das Scb zu Zilge, die er dorthin geführt hatte, sagte: „ Jetzt siehst, das; ich Recht habe, ich bau' dir ein lustig Häusle." So hieß nun das Hans, das gegen allen Ortsbrauch sein Angesicht nicht den Menschen zuwcndete, sondern hinaus ins Freie. Scb war nicht wenig glücklich und stolz, daß die Sommerzeit noch so früh war; das Haus konnte bequem ausgebaut werden und austrockucn bis zum Herbst. Nun wurde im Innern gehämmert und gerichtet und Seb war überaus wohlgemuth, daß er nun zum crstenmale einen Bau hergestcllt, den er nicht wieder verlassen sollte. Aber eben als er ans Dachdecken gehen wollte, und das verstand Seb am meisterlichsten, stand er schwindelnd vor dem Hause. Es war ihm, als möchte er selbst Umfallen: die Ostseite des Hauses hatte sich ja tief gesenkt. — Scb stand lange zitternd da, es versetzte ihm den Athen;, und er biß sich die Lippen blutig, als er das gewahrte. Seltsamerweise bemerkte aber der Vater nichts, ja er bestritt es dem Seb, als dieser ihn darauf aufmerksam machte, und Scb wollte selbst bezweifeln, daß er das Wahre gesehen. Die Zuversicht auf die bisherige Uutrüglichkeit seines Au- genmaaßcs, und der Wunsch, daß cs ihn doch dießmal getäuscht haben möge, stritten sich in ihm. Um diesen Streit nicht zu schlichten, und sich selber in der Schwebe zu halten, warf er den Zollstab weg, mit dem er eben sich hatte Gewißheit verschaffen wollen. Als er nun aber das Dach deckte, drängte sich ihm auch ohne Zollstock die Gewißheit auf, daß er das Rechte gesehen. t^r nagelte an derOstscito doppelte Latten außer legte doppelte Ziegel, das glich wol ein wenig aus, aber doch noch nicht genug, und jetzt tröstete ihn nur das eine, daß Niemand, selbst der Vater nicht die Senkung merkte. Die Freude vor sich selbst war dahin, aber die Ehre vor den Menschen war doch geblieben. Er hatte dem Dorfe und der ganzen Umgegend zeigen wollen, wie man ein Musterhaus baue; cs sollte ihnen der Verstand aufgehen, jetzt war es nur gut, daß er ihnen nicht aufgcgangen war. Der einzige, der die Sache recht beurtheilcn konnte, leugnete beharrlich, und das war den Vater. Seb hatte sich selber davon abhaltcn können, aber der Vater nicht, daß er nach allen Seiten ausmaaß, aber noch jetzt, da er doch ans die Linie hin den Fehl kennen mußte, behauptete der Vater, daß Alles in Ordnung sei. Und Las war das Klügste. Wie sollten denn fremde Leute zur Baukunst des Seb Vertrauen haben, wenn er sein eigen Haus nicht gehörig stellen und richten konnte? Das Dach prangte bald in ungewohnter Herrlichkeit. Der neue Ziegler, der sich im Dorfe angesiedelt hatte, um als Aushelfer der Regierung die Stroh- und Schindeldächer verdrängen zu helfen, benutzte das Haus des Seb als Mustcrkartc und gab ihm zu dem Preise der gewöhnlichen seine neuen glasirtcn Ziegel. Aus einer doppelten Reihe von grünen und weißen Ziegeln bildete nun Seb die Buchstaben S. und Z. sammt der Jahreszahl auf dem Dache und Alles betrachtete staunend und bewundernd von der Wiese das schöne „lustige Häusle." Der Baumeister. Im Herbste feierten endlich Zilgc und Seb ihre Hochzeit. Ein seltsamer Gast war dabei, der von seinen Angehörigen, wie vom ganzen Dorfe mit scheelen Blicken betrachtet wurde. — Es war der einzige Bruder Zilge's, der als Landjäger gekommen war. — Er hatte vom Vater eine Scheu vor regelmäßiger Arbeit geerbt, und da er militärpflichtig geworden, ließ er sich nach Umlauf seiner Dienstzeit als Landjäger anwcrbcn. Dieses Herumschlendern behagte ihm, er aß lieber das Brod, 223 das fremde Leute backen und trank noch lieber Bier, das fremde Leute brauten, als daß er selber solches bereitete. Er beredete sich dabei, daß er bei seiner Vermögenslosigkeit es doch nie zu einem eigenen Hausstande gebracht hätte, und jetzt war er „staatsmäßig" versorgt. Wie das Dorf ihn mit einer gewissen Scheu fast wie einen Abtrünnigen betrachtete, so war auch Seb nicht eben stolz auf diese Schwägerschaft, und der Bruder Landjäger der das merkte, sagte am Hochzcitstische seiner Schwester: „Zilge, wenn dein Mann einmal gegen dich ist, wenn er vergessen sollt', wer du eigentlich bist, da wend' dich nur an mich." Durch den Bruder Landjäger und seine Großsprechereien war etwas Bedrücktes auf der ganzen Hochzeit. Erst Tags darauf, als die beiden jungen Ehelente allein in ihrem neuen Hause waren, ging ihnen die volle Glückseligkeit ihres Herzens auf. Der Vater Seb's hatte in jeder Weise, außer in Bezug auf Zilge richtig prophezeit. Seb war dem Glaser, Schreiner und Hafner Geld schuldig geblieben, aber schon am ersten Tage seiner Ehe ergab sich ein glückliches Ereigniß. Der Ziegler machte mit Seb den Accord zum Bau einer neuen Hütte, und andere sprachen von Häuserbautcn, die sie ihm übergeben wollten; das lustige Häusle, das er allein hingestcllt hatte, brachte ihm Ehre und Vertrauen, und er redete es sich selbst als eine Kleinigkeit aus, daß es einen geheimen Schaden hatte. Seb hatte den Gedanken nicht in sich auskommcn lassen, aber er war ihm doch manchmal durch den Sinn gefahren, daß Zilge vielleicht durch ihr Bedrängen auf ein eigen Haus seine Handwerkschre zu Grunde gerichtet haben könne; jetzt zeigte sich das Gcgcntheil, und er sagte ihr das dankbar ohne ihr den Vorgedanken mitzutheilcn. Zilge war doppelt glücklich, daß sie mit Erfüllung ihres eigenen Wunsches noch ein weiteres Nachhaltiges bewerkstelligt hatte, daran sie kaum gedacht, von dem es ihr aber jetzt erschien, daß sie cs mit kluger Berechnung beabsichtigt hätte; sie rühmte sich dessen, wenn auch bescheiden und Seb ließ ihr gerne diesen Ruhm. Zilge war fleißig und heiter von Morgen bis in die Nacht; 224 die Hand, die mit dem silbernen Trauringe geschmückt war, schien auch flinker und unermüdlicher geworden. Sie wußte das Innere des Hauses so schön herznrichten, daß kein zweites im Torfe so freundlich war. Der Winter war mild, man konnte bis nach Neujahr im Freien arbeiten, man konnte die neue Ziegelei unter Dach bringen, in der nun Seb für ein anderes Haus die Steine meißelte. Aber auch Ungemach kam in diesem ersten Winter. Der Vater Seb's ward schwer krank. An dein letzten Tage, als viele sein Bett umstanden und er kaum mehr die arbcitsmü- dcu Hände erheben konnte, hieß er alle Anwesenden hinansgchen, nur Seb sollte bei ihm bleiben. Und als dieser allein mit ihm war, richtete der Vater sich auf und sagte: „Seb, bevor cs Nacht wird, komm' ich zum großen Meister. Seb, jetzt horch, ich will dir was sagen: mir schadet's nichts mehr, aber dir, dir kann's schaden; ich will Zeugen hcreinrufcn und will vor ihnen sagen, daß wenn deinem Hans was geschieht, ich daran Schuld bin, du nicht, du nicht. Nus' die Leut'." „Nein Vater, nein, Ihr dürfet nicht mit einer Lüge aus der Welt gehen, nein, die Sund' lade ich nicht auf Euch und nicht auf mich," rief Seb, und der Alte legte seine zitternden barten Hände auf das Gesicht seines Sohnes und sagte: „Hast Recht, cs wär mir doch auch schwer geworden, und unser Herr Gott wird dir's vergelten." Bevor der Abend niedersank, der den Handwcrksburschen in die Herberge ruft, hatte der alte Maurer seinen Lebensweg vollendet. Ans dem Dorfe ist cs nicht Sitte, daß uni den Tod der Eltern, die satt an Jahren scheiden, sich schwere Klage erhebt; eine gewisse Dumpfheit des Gefühls, mehr aber noch die natürliche Anschauung, daß die Eltern vor den Kindern ans dem Leben scheiden mästen, und dazu der Mangel dcr Gcscllschaftspflicht, die da nö- thigt, mit einem Schmerze zu prunken, Alles das läßt solche Ereignisse viel schneller vorübcrgchen und man kann den Sohn in den Kleidern des Vaters, die Tochter in denen der Mutter fröhliche Wege wandern sehen. 225 Um so auffälliger war die ungewöhnliche Trauer Seb's, in die sich zu dem Gefühl der Verlassenheit noch das Bangen und eine drohende Selbstverantwortlichkeit mischte. Er wies Len Gedanken weit weg, daß er dem Vater die Schuld hätte ausbürdcu sollen, und doch kam er bald wieder. Zilge suchte ihren Mann mit inniger Tröstung aufzurichten, aber es gelang ihr nicht, sie sagte ihm, es sei so beschicken, er solle nicht mehr haben als sie auch; sie sei so auch elternlos. Er konnte und wollte ihr für diese guten Worte nicht sagen, daß ihr Vater sich nicht mit dem seinigeu vergleichen könne. Erst als Zilge ihm sagte, daß die Leute seine Trauer als Reue über seine Ehe mit ihr deuten müßten, schüttelte er gewaltsam alle Trauer ab, und Frühling und Arbeit halfen ihm darin getreulich als die besten Tröster. In diesem Frühling konnte Seb nicht nur Gesellen anneh- mcn, cs trat auch ein Ereignis; ein, das, so klein cs erschien, doch ihm und Zilge große Freude machte: ein Schwalbenpaar nistete unter ihrer Dachfirste, gerade über dem Fenster, wo Zilge stickte. Die fröhlichen Verheißungen, die seit uralten Zeiten sich in den Anban des lieblich behenden Vogels knüpfen, erheiterten Zilge i da schlägt kein Blitz ein und Friede und Ruhe ist im Hause; der Ausspruch der ganzen Lebensfreude, die sie erfüllte, knüpfte sich an die Ankunft des Vogels. Seb hatte aber noch seine besondere Freude, die er nicht aussprach. Die Wahrnehmung, daß der Vogel unter seinem Dache nistete, galt ihm als eine Gewähr, die alle Messungen zu Schanden machte; das Haus war wohlgebaut, denn der kluge fromme Vogel baut nicht unter ein Dach, das schwankend und unsicher ist. So waren die jungen Eheleute vom Kleinen aus und im Großen ihres ganzen Hausstandes heiter und werkthätig. Am Abend desselben Tages, als das neue Haus gerichtet wurde, das erste, das Seb als Meister für einen Fremden baute, Wurde ihm ein Sohn geboren, und Zilge war noch am Mittage beim Bauspruche gewesen. Die ganze lustige Baugewcrkschaft kam noch am späten Abend und sang vor dem Hause Helle Lieder, die lustig das Thal hinab Auerbach'S Dorfg. 4. Bd. 1H 226 und von den jenseitigen Bergen wicderklangcn. Zilgc war nichts wenig stolz, da sie hörte, das; man ihr als „Frau Baumeisterin" ein Hoch und abermals Hoch ansbrachte. Sie lächelte ablehnend, aber sie hörte cs doch gerne, wenn man sic sortan auch nur scherzweise Frau Banmeisterin hieß. Das war ein einträglicher und ehrenvoller Scherz, und einmal sagte sic sogar im Stillen zu ihrem Scb: Ein Mann, der Häuser bauen könne, brauche nicht mehr Maurermeister, er könne wohl Baumeister heißen; in dieser bösen Welt aber hätten die großen Herrn alle schönen Titel für sich allein genommen. Scb gab seinem crstgeborncn Sohne den Namen des Schuß- Patrons der Bangcwerkc: Johannes. Die Schwalben vor dem Fenster zwitscherten, wenn Zilge ihr Kind in den Schlaf sang, und sie, die allezeit still und sinnend war, erweckte auf einmal einen ungeahnten Schaß von Liedern, die ihr im Gedächtnisse schlummerten; sic sang sie dem Kinde und sich selber zur Lust. Und wenn Zilge bei der Arbeit stille war, sangen ihr die Schwalben ihre geheimnißvollen Weisen. Ja, man thut den Schwalben Unrecht, wenn man ihnen nur ein Zwitschern znerkennt. Wenn sie so ruhig auf der Dachfirste sißen, schlingen sie Töne in einander, so innig, so aus tiefster Seele und so fein, daß es ist als sänge Jemand das schönste Lied, aber nur mit halber Stimme, nur für sich, nur in sich hinein. Sängen die Schwalben so laut wie Nachtigall und Lerche, man hörte nur noch ans sie. Wird cs einmal einen nie dagcwesenen herrlichen Frühling geben, in dem das leise halbstimmige Singen der Schwalben zum schmetternden Klange wird? Oder können sic nie ans voller Brust laut hinaus jubeln, weil sie doppelten Frühling doppelte Hcimath und eigentlich keines recht und einzig haben? ... Es ist das bcßte Zeichen einer von Sorgen befreiten und froh geweckten Seele, wenn sie sich hinein versenken will, in das gehcimnißvolle Leben von Pflanze und Thier und sich selber drin vergißt. Zilge konnte allerlei denken und grübeln, ohne doch je in ihrer Thätigkeit lässig zu sein, ja sic war emsiger als je, ihr stetes 227 Denken und Arbeiten war darauf gerichtet, die Schulden, die sie noch vom Hausbau her hatten, abtragen zu helfen, und bevor das Töchterchen angekommen, war dieß gelungen. Das Haus war vollständig bezahlt und Vieles in dasselbe eingeschafft: wohlgcmuther sah kein Ehepaar drein, und fröhlicher grüßte und dankte kcins als Seb und Zilge, wenn sie Sonntag Morgens mit einander zur Kirche gingen und aus derselben heimkchrten. Dieser gemeinschaftliche Kirchgang ist oft eine selbständige heilige Feier, der die eigentliche nicht glcichkömmt. Zilge sagte einst auf diesem Kirchgänge zu Seb: „Wenn ich so mit dir geh, jetzt vor Gott und der Welt dein und du mein, da ist mips gar nicht als ob wir zwei Menschen wären und Jedes für sich allein gehen könnt! Und jetzt können wir bald unser» Johannes mit nehmen und da sind wir dann beide in Einem Stücke. Und unser Haus Hab ich mit der Nadel und du mit dem Hammer ausgcbaut. Man könnt' ein Räthsel drauf machen." „Ich glaub nicht, daß der Pfarrer mir was besseres sagen kann als du", crwiedcrte Seb lächelnd und noch in der Kirche ans ihren getrennten Plätzen schauten sie oft einander an. Der Grund wankt. Es war gegen den vierten Frühling, da regnete es wochenlang unablässig: man sah die jenseitigen Waldbcrgc den ganzen Tag nicht, die Tannen an der Westseite des Hauses sausten und brausten unaufhörlich und ein brauner Strom stürzte am Hause die Wiese hinab. Seb grub dem Wasser einen Graben, etwas entfernt von der Mauer; aber der Ziegler, dem die Wiese gehörte, that Einsprache: wenn das Wasser nngcsammelt den Berg hinabrollte, tränkte cs die Wiese, und jetzt riß es eine tiefe Schrunde hinein, und floß unnützlich ab. Die Sache kam vor den Schultheiß, und Seb war mit seinem besten Freunde im Widerstreit. In einer Nacht schrie Zilge plötzlich auf, sie wollte gespürt 15 * haben, wie das Haus sich senke. Scb gestand ihr, daß das schon längst der Fall sei, er behauptete aber, daß nichts Neues geschehen, und beschwor nun seine Frau, ihre Wahrnehmung geheim zu halten, da sonst sein ganzes Ansehen und sein Grwerb zerstört würde. Zilge saßte ihre beiden Kinder in ihre Arme, „OEott meine Kinder! Wenn das Haus cinstürzt" — jammerte sie. „Und an mich denkst du gar nicht?" fragte «eb erbittert. „Ich denk' ja auch nicht an mich" erwiedcrte sie. „Leb ging unter heftigem Regengüsse binaus und sab, daß der Ziegler den Graben zugestopft hatte, so daß das Wasser wieder zerstreut abfloß: das ganze Haus stand ringsum wie in einem Bache. Gr arbeitete nun ans allen Kräften, und als der Tag anbrach, zeigte sich, daß das Haus noch um ein Merkliches gewichen war. Scb eilte zum Schultheiß, sein Ungemach ließ sich nicht mehr verhehlen, der Ziegler sollte ihm nun dafür cinstehcn, aber noch als er beim Schultheiß war, kam ein Bote und ries: „Scb, geh' heim, dein Haus ist auseinander." Die Sturmglocke läutete, um unter dein Ncgensturze das ganze Dorf wach zu halten. Alles war um das HausScb's versammelt, und verzweifelnd sah dieser, daß das Haus mitten aus einander in zwei Stücke gefallen, gerade in jenem Zwischenräume zwischen dem Buchstaben bi und / war das Dach auseinander gerissen. Man eilte in das Haus, um die Frau und die Kinder zu retten und vom Regen triefend brachte man sie heraus. Zilge schien ganz verwirrt und besinnungslos. Sie hatte keinen Versuch zu ihrer Rettung gemacht, sic sprach kein Wort, hielt ihre Kinder fest in ihren Armen und ließ sich dieselben von Niemand abnchmcn. Erst als man ihr sagte, daß sie nicht mehr in das Haus zurückkehren dürfe, erst als ihr die Nachbarn anbotcn, daß sie bei ihnen wohnen möge, sagte sie: „Soll ich denn nicht mehr in meinem eigenen Hau-5 wohnen? in einem fremden?" Der Küfer hatte eine hohe thurmartig zugespijste Beuge 229 Fastbrettcr neben dem Hanse Scb's stehen, sie waren nicht zu- sammcngcstürzt, weil das Wasser durch die Zwischenräume durchfloss. Seb bist aus die Lippen, als der Küfer ihm selbstgefällig sagte: „Ich kann allem Anschein nach bester bauen als du." Während man Zilge und die Kinder nach dein Nachbarhause brachte, wurden mächtige Stützen an das Hans angestemmt, daß es nicht vollends einstürze. Dumpf tönte das Schreien und die Axtschläge mitten im Regcnsturme . . . Ter blaue Frühlingshimmcl spannte sich über die reichgc- tränktc, grünende Erde, die Schwalben kamen wieder, aber Seb riss denen an seinem Hause das Nest ein. Diese scheinheiligen Thicre hatten also doch gelogen! Sie sollten darum auch nicht mehr bei ihm wohnen. Sic umzwitscherten ihn wie vorwurfsvoll, während er sein Haus wieder znsammenrichtcte, aber er war jetzt ingrimmig auf Alles in der Welt, was auf der Erde, in der Luft und im Himmel. Es hatte im wahren Sinne des Wortes Unglück auf ihn herabgcregnet. Bei dem Rcchtshandel mit dem Ziegler hatte er Nichts gewonnen als einen unversöhnlichen Feind. Mit knapper Noth hatte er vom Bauamte die Erlaubnist erhalten, sein Haus wieder aufzurichtcn, und noch schwerer ging es, eine Hypothckenschuld auf dasselbe anszunchmen, dass er neu bauen könnte. Die Bauverträge, die er für diesen Sommer abgeschlossen hatte, wurden ihm entzogen, und er wagte es nicht vor Amt deshalb zu klagen,- ja die Bauten, die er schon ausgcführt hatte, licsten die Besitzer noch einmal gerichtlich besichtigen und mancher Uebelstand kam dabei zu Tage. Von Gcsellenhaltcn war jetzt keine Rede mehr, er musste froh sein, wenn man ihn selber als Gesellen annahm. Während er jetzt einsam arbeitete, und nicht mehr wie ehedem mit dem Vater, und doppelt schwierig weil er ein verpfuschtes Werk einznrenken hatte, gingen ihm schwere Gedanken durch die Seele. Er mußte darüber Nachdenken, wie cs denn wäre wenn er die letzte Handreichung des Vaters nicht abgelehnt hätte, und jetzt sah er auf einmal, daß das Rechtschaffene auch das Klügste ist. Läge auch die ungerechte Schuld auf dem Vater, er selber wäre dadurch doch nicht frei. Darum ist es doppelt gut, daß der Name des Vaters rein geblieben, und sein Segen wird nicht ausblciben. Oft wenn Seb der Arbeit überdrüssig war, warf er seinen Hammer weg und nahm den vom Vater ererbten auf, und Alles ging so leicht von Statten, als ob ein Anderer für ihn arbeite. Solche Befreiung gelang aber nur in einzelnen Stunden. Jeden Morgen, wenn er auf die Banstätte kam, seufzte er tief und lies; die Hände hängen. Jeßt mußte er jede Baufuhre bezahlen und fand dabei noch unwillige und höhnende Helfer. Sein ganzer Ruf, sei» Glück und sei» Bcsißthum war dahin, und Alles das, weil er sich hatte verleiten lassen, einen stolzen und eigenen Bau auszuführen. Ein längst erstorbener Keim trieb wieder neue Knospen. Er gedachte jeßt, daß sich Zilge berühmt batte, sic habe ihn zu dem Bane gedrängt, um seinen Ruf dadurch zu gründen. Er machte ihr nun darob Vorwürfe, daß sie ihn zum Hansbanc verführt habe und als sie erwiedertc: „Ich bin unschuldig. Wenn du kein Haus allein bauen kannst, hättest es sollen bleiben lassen", da war er doppelt grimmig; auch sic verletzte seine Handwcrkschre; sie sagte zwar nur, was alle Leute sagten, aber eben das sollte sie nicht, ineinte er, sie sollte sein Ungeschick für ein Unglück ansehcn. Als er dies mit Schmerz und Zorn darlegtc, suchte sic ihn damit zu beschwichtigen, daß sic sagte: „Vielleicht ist dein Vater selig schuld, du hast ihm immer zu viel gefolgt." Das hieß aber ein Feuer mit Oel löschen wollen. Seb wurde ob dieser Rede noch ingrimmiger. Oft war es ihm, als sollte er alles Handwerksgeschirr wcg- werfen und in die weite Welt laufen; hier zu Lande war sein Ruf auf ewig vernichtet, und er kam nie mehr zu seiner alten Festigkeit. Aber er blieb doch. Non allen Bauverträgen, die ihm gekündigt worden, war ihm doch einer geblieben, nämlich das Umdecken des Kirchendaches und des Thnrmes mit neuen glasirten Ziegeln. Der Stiftnngsrath hatte die Uebertragung an Seb aufrecht 231 erhalten, obgleich bei seinen jetzigen Vermögensverhältnissen von der ausbedungenen vierjährigen Gewähr füglich nicht mehr die Rede sein konnte. Kanin war das Haus nothdürftig hcrgerichtct, und die Familie wieder eingezogcn, als Seb sich an den Kirchenbau machte,' er hoffte wieder frischer zu werden, wenn er nun wieder eine frenide Arbeit aussührte. Aber auch auf dem Kirchendache vergas; er sein Unglück nicht. Die Wege der Eigensucht sind tief verschlungen. Seb wälzte immer wieder die wesentliche Schuld seines Ungemaches auf Zilge, sie hatte ihn als hoffärtige Bierbraucrstochter dazu verleitet ein eigen Haus zu bauen. Freilich konnte er sich immer nicht verhehlen, das; ja Alles gut wäre, wenn er gut zu bauen verstanden hätte und Zilge Hatto keine Schuld daran, das; er seiner Unerfahrenhcit vertraute und die Warnungen des Vaters überhörte, aber doch lies; ihn der Gedanke nicht los: das ganze Unglück wäre nicht da, wenn er nicht ein eigen Haus gebaut hätte. Wäre er seinem Plane gefolgt und hätte er nun sein Geld in einem Acker stecken, könnte man es leichter wieder heraus- kriegcn und sein Glück an einem andern Ort versuchen, die Welt ist ja so weit. . . Bei dieser letzten Wendung seines Nachdenkens hielt er oft still, und ihm schwindelte nicht vor der sichtbaren Tiefe unter ihm, aber vor einer andern, die sich in ihm aufthun wollte. Und zu diesem inncrn Sinnen gesellte sich plötzlich ein äußeres Wahrzeichen. Zu allen Zeiten hat das zweiflerische und sorgenvoll bewegte Menschcnhcrz sich gern aus dem umgebenden Naturlcben, das sich in stetigen Gesetzen hält und bewegt, Rath und Richtung erholt. Als Seb dem Storchennests ans dem Giebel nahe kam, starrte er lange darauf. Das Storchcnmännche» war schon da, es säuberte das verlassene Nest und setzte cs neu in Stand, es hungerte gern bei der Arbeit, und erst wenn Alles wieder in der Richte, und Nahrung wieder ringsum vollauf, fliegt cs zurück mnd holt das Storchcnweibchen. Das Weibchen in der Ferne 232 klagt nicht und jammert nicht, denn cs weiß, der Mann baut und sorgt in der Ferne und holt es znr Zeit . . . Der Speisbub, der für Scb den Mörtel auf das Dach trug, hatte ihn schon zweimal angcrufen, aber er hörte nicht und starrte auf das Storchennest. Endlich machte er sich wieder an die Arbeit. Er verhöhnte sich und Zilgc oft, indem er am Abend sagte: „Jetzt hast doch kein eigen Haus, jetzt hat's die Hypothckcnschuld." Selbst die wicdcrkehrcndc heitere Laune der Zilgc mißstimmte ihn. Er sah darin den thatsächlichen Beweis, das; sie alle Schuld auf ihn wälze und sich gar keinen Thcil davon zuerkannte. Auf schwindelnder Höh'. Am Morgen als das Decken des Thurmcs beginnen sollte that Scb seine silberne Sackuhr aus der Tasche und hing sic an den Nagel. „Warum thust das? Nimm sic nur mit," sagte Zilgc. „Ich hör' auf dem Thurinc schon schlagen, und . . . man weiß nicht, cs kann einem was passiren, man . . . man kann sich stoßen." „Seb, sei heiter, unser Herrgott hält doch seine Hand über uns —" „Ja, er kann aber keinen Regen schicken, der mir die Hypo- thckenschuld abwascht." „Mit Fleiß und Sparsamkeit können wir schon manches ab- tragcn, bet' nur recht eh' du auf dcu Thurm steigst, und bet auch, wenn du oben bist." „Bet' du, du hast's an deiner Stickerei da geschickter." „B'hüt' dich Gott Seb, und gcb mir auch ein' Hand." „Ich bin zu alt zu solchen Kindcrposscu, du hast mich laug genug warten lasten." Dennoch küßte Scb beim Weggehen die Kinder, und reichte auch Zilgc die Hand. Zilgc, die sonst keine Minute unnöthig von ihrem Stickrahmen aufstand, nahm das eine Kind auf den Arm und das andere an die Hand, und stand lange Zeit auf der An- 233 höhe hinter der Kirche und schaute hinauf zu ihrem Manne auf dem Thurme. Aber Seb schaute sich nicht um. Es ist eine alte weise Regel der Dachdecker, daß sie nicht über sich und nicht unter sich schauen dürfen; blickt einer nach den ziehenden Wolken so zieht es ihn unwillkürlich mit fort, hinein, hinauf in das wogende Wattenmeer, und die Wolken treiben ein falsches Spiel, sie nehmen ihn nicht auf, die Erde läßt ihn nicht, und zieht ihn zerschmetternd zu sich nieder. Das aber thut sie auch, wenn der in der Höhe schwebende hinabschaut auf die Erde, sein Fuß gleitet und er stürzt und zerschmettert. Seb mußte immer an jenen grauscnhaften Moment denken, wenn er bald zwischen Himmel und Erde schweben wird, er greift aus und nirgends ein Halt, nirgends als im Tode . . . Den Blick auf das Nächste geheftet, arbeitete Seb weiter, und das ist die sicherste Gewähr, man steht fest, als stände man auf ebenem Boden. Wie der Blick am nächsten haftet, so hat auch der ganze Körper eine Ruhe und Sicherheit an ihm. Tagelang war Seb auf dem Kirchthurme, und seine unheimlichen Gedanken verließen ihn nicht. Das alte Uhrwerk im Thurme, das im Innern mit einem Bretterdachs gedeckt war, schnurrte und surrte, und wenn cs eine Stunde anschlug, dröhnte es Seb durch Leib und Seele, aber immer sah er keinen andern Ausweg als den jähen Tod. Er liebte sein Weib und seine Kinder, aber er sagte sich, daß er ihr Elend nicht ertragen könne, und dazu noch die Unmacht ihnen zu helfen; starb er und starb er im Dienste der Gemeinde, mußten gute Menschen, ja die Gemeinde mußte sich der Verlassenen annchmen; bei eignen Lebzeiten wäre das nie geschehen, und er hätte das nie ertragen. Das stand fest. Der Küster rief eines Mittags Seb in die Glockenstube, er mußte zu einem Leichenbegängnisse läuten und fürchtete, daß es dem auf dem Thurme Arbeitenden Schaden thun könne. Seb stand in der Glockcnstube und um und um umdröhnt von den gewaltigen metallenen Klängen rannen ihm die Thränen aus den Augen und er wischte sie mit harter Hand ab. 234 Mg er wieder auf das Dach stieg, war cs ihm, als müßte er jetzt sein Schicksal vollenden, aber der über dem Abgrund schwebende Geist wird oft an unscheinbar dünne» seltsam verschlungenen Fäden gehalten. Die Leute sollten nicht sagen, der Seb habe weder eine Erundmauer legen, noch einen Thurm decken können; seine Handwcrksehre mußte für ewige Zeiten fest stehen; er wollte nicht von einer halbfcrtigcn Arbeit sich davvn- machen. Er legte jeden Ziegel und strich jede Kelle Mörtel fest, daß sie für die Ewigkeit haften. Trauernd sollten die Menschen bekennen was der Seb für ein Mann gewesen. Daheim redete Seb fast gar nichts, es war ihm unheimlich bei Weib und Kindern, er kam sich wie ein Gespenst vor, das hier noch umwandelte, er hatte sic ja verlassen, er verließ sie ja bald. Am letzten Morgen ließ Seb vom Küster die Thurmuhr stellen, er behauptete, daß er heute das Summen und Surren und gar das Schlagen nicht vertragen könne. Lautlose Stille lag nun über dem ganzen Dorfe, als Seb auf das Tburmdach beraustrat, und wie heute keine Stunde schlug, so mußte Alles still daran denken, in welch gefahrvoller Lage heute Seb schwebte. Er war noch nicht lange an der Arbeit, als er plötzlich ein Klappern hörte, er schaute sich um — der Storch war mit seinem Weibchen augekommen und zeigte ihm unter seltsamem Verbeugen und in die Brust werfen das neu Hingerichtete Haus und die ringsum frühlingsgrüne Welt; das war ein Schnattern und Klappern und bedächtig fröhliches Eethue, und jetzt flogen die Wandervögel auf. Halt! fast wäre unfreiwillig zur Wahrheit geworden, was Seb so lange als Vorsatz im Sinne hatte, er war ausgcglitten, er hielt sich noch am Vorsprunge fest. Er hatte dem Fliegen des Storchenpaares zugcseben, wie sie so wohlig in der Luft schwimmen und ohne sich zu stoßen und zu schwingen ruhig schwebe» und wieder in schiefen Bogen ins Nest sich senken. Als sich Seb wieder aufrichtete, belebte ihn plötzlich ein neuer Gedanke: er hatte den Tod überwunden, er wollte leben und Zilgc und dem Dorfe zeigen, was er vermag; sic sollten eine Weile noch schlechter von ihm denken, dann aber-Seb 235 hielt sich mit beiden Händen fest und schaute hinaus in die weite mit Blüthenbäumen besäte Welt, und in den blauen Himmel. Lange schweifte sein Blick in der Landschaft umher mit neu- geborner Lust sie anschauend: Dort drüben steht der Gemeinde- Wald auf dem Berge, und hinter dem Berge thürmen sich andere, und Felder und Dörfer breiten sich weitaus, und näher. Wie still stehen die Bäume im wogenden Korn und als grüne Bänder ziehen sich die Gartenhecken dorthin, und dort das kleine Geschöpf, das mit den kleinen Thicren im Brachfeld pflügt, und hier unten der Ameisenhaufen, den man ein Dorf nennt — Gin Narr ist, der sich aus dieser schönen, offenen Welt hiuaus- treibcn läßt. Scb suchte unter dem Häusergewirre sein eigen Haus, er fand es bald, er konnte es gar nicht begreifen, daß er sich da wieder in Noth und Sorgen hineindrängcn sollte. „Ich will ein größer Thcil an der Welt haben", sagte er vor sich hin. — Die Arbeit ging rasch von Statten. Der Schlosser und sein Geselle kamen mit dem neu vergoldeten Kreuze, Seb ließ es sich heraus reichen und steckte es auf die Thurmspiße. Die Schlosser nieteten das Kreuz im Innern fest, und als dies; vollendet war, ließ sich Scb die neuen Strümpfe und Schuhe hcrausreichcn, die nach altem Brauche die Gemeinde dem geben muß, der das Kreuz auf den Thurm seßt. Seb schwang sich keck hinauf zu dem Kreuze und abwechselnd cs mit dem einen und den« andern Arme umklammernd, zog er hier hoch oben die neuen Schuhe und Strümpfe an. Er schaute nicht hinab, wo eine große Menschenmenge versammelt war, er horte nur von dort Jauchzen und Wehklagen, cs war ihm, als hörte er seinen Namen rufen, bald in Angst bald in Freude. Wie zum Spotte warf er seine alten Sckmhc hinab auf das Dorf, schlüpfte durch die Lucke iu die Glockeustube, füllte die Ocffnung aus und stand endlich wieder unten auf dem Boden unter der staunenden Menge. Noch fühlte er sich wie taumelnd, aber mitten im Taumel 230 triumphirte sein Herz, sic hatten Alle bewundernd einsehen gelernt, welch' ein muthrwller, geschickter Mann er war; und sie sollten noch weiteres Unerwartetes kennen lernen. Zilge war nicht unter den Versammelten. In seinen krachneuen Schuhen mit dem siegreichen Handwerkszeuge in der Hand ging Seb wie ein Siegesheld durch das Dorf. Aus allen Häusern glückwünschte man ihm, als käme er von einer großen Reise, er dankte freundlich. Es war ein zweideutiges Lob, als ihm sein Nachbar der Küfer sagte: „Es scheint, du kannst besser in den Himmel als in den Boden bauen." Dennoch gab er ihm den Auftrag andern Tages eine eingesunkene Gartenmauer hinter dem Hause herzurichten, da sonst aller Boden abrutsche. Seb sagte nicht zu und lehnte nicht ab. Zu Hause traf er Zilge am Stickrabmen, sie beugte ihr Angesicht tief auf denselben und redete kein Wort. Er nahm die Taschenuhr vom Nagel und steckte sie wieder zu sich. Die ganze Welt hatte ihn triumphirend begrüßt, und nur Zilge sprach kein Wort. Er wollte eben im Zorn darob die Stube verlassen, als er an der Thüre wieder umkehrte und fragte: „Zilge, verdien' ich gar kein Wort?" Sie antwortete nicht und stickte weiter. „Red', verdien' ich gar kein Wort?" wiederholte er zornig. „Mehr als eins," erwiederte sie endlich, ohneaufzuschaueu. „Und was?" „Was ich nicht sagen will." „Du mußt aber." Laut weinend klagte nun Zilge, wie sündhaft er mit seinem Leben gespielt habe, das doch ihr und den Kindern gehöre. Seb stand einen Augenblick erschüttert von diesen Worten, und halb im Scherz erklärte er, daß die Gemeinde sie und die Kinder hätte erhalten müssen, wenn er gestorben wäre. Mit einem eigenthümlichen Trotze entgegnete hierauf Zilge, daß sie allein sich und die Kinder erhalten könne, und sich nie von der Gemeinde erhalten ließe. 237 Es durchzuckte Seb sichtbar, als er das hörte, aber er sprach lauge nicht. Endlich erzählte er Zilge lachend, was das für eine Lustbarkeit, ein Knixcn und Klappern und Schwingen gewesen sei, als heute der Storch mit seinem Weibchen ankam. „Die fangen jetzt von Neuem zu hausen an," schloß er, „und das Weible ist ganz glückselig, weil sie eine Zeitlang von ihrem Manne fortgcwesen ist, und er das Haus neu hergcrichtct hat." „Was geht mich das dumme Zeug an?" schalt Zilge schon im schwindenden Unmuth, und Seb war froh, das; sic nicht mehr merkte und nicht mehr sagte. Drei Tage arbeitete er nun an der Gartenmauer hinter des Küfers Haus, und oft, wenn er aufschaute nach dem in der Sonne blinkenden Thurmkrcuze, dachte er mit Schauder daran, wie er da oben geschwebt, und welche Gedanken ihm dnrch die Seele zogen, und doch waren es in Lust und Leid Uebermüthige gewesen; jetzt aber stand er wieder auf ebenem Boden in einem Eartcn- winkcl und führte eine ärmliche Mauer auf. Wie er die Steine wälzte und meißelte, hob und legte, so hob und legte er manchen Gedanken hin und her, aber wie cr's anch richtete, es blieb bei dem alten Vorsatze, wie bei einem unabänderlichen Banrisse. Am dritten Abend war die Mauer fertig und Seb raffte mit einem schweren Seufzer sein Handwerkszeug zusammen. Er wußte es, Las war seine letzte Arbeit im Dorfe. Er war jetzt los und ledig. Am Morgen früh zog er seine Gemeindeschuhe an und sagte Zilge, daß er sich in der Fremde Arbeit suchen wolle, hier zu Lande, wo er Meister sei und Gesellen gehalten habe, könne er nicht mehr als Geselle arbeiten. Zilge, die ehedem seinen Stolz gereizt hatte, daß er Meister werden und selbst Bauten aufführen solle, wollte jetzt diesen Stolz beschwichtigen, aber es gelang ihr nicht mehr und sie ließ endlich Seb mit bangem Herzen scheiden. Er sagte ihr noch, wie viel sie von der Gemeinde für den Kirchenbau zu bekommen habe und bing seine Uhr, die er schon in der Tasche hatte, wieder an den Nagel. Zilge wollte, daß er 238 sie mitnehmc, er aber willfahrte ihr nicht und sagte, sie könne sie verpfänden, wenn sie kein Geld mehr habe. Wiederum stolz schwur sie, daß das nie geschehen würde, und endlich ging Scb von dannen. Die Kinder schliefen noch, das kleine Töchtcrchcn mit seinen rothgcschlascnen Backen zuckte zusammen als er es küßte, und der Knabe Johannes, der unbewegt fortschlief, schrie noch als Seb die Hausthüre znmachtc, plößlich: „Vater bleib' da!" Seb reichte noch Zilge die Hand, preßte die Lippen zusammen, und fort rannte er, als jagte Jemand hinter ihm drein. Ein Bauer der am frühen Morgen seine Wiesen im Thale wässerte, sah den Scb lange, wie er dcm Storchcnpaare znschantc, das gemächlich steif und stillernst durch die Wiesen stelzte, die Füße hoch hob, und mit Kopf und Hals stets rechts und links nickte. Als der Bauer den Scb anrief, sagte dieser: „Ich geh auch in die Fremd, und komm vielleicht vor dem Winter oder Frühjahr nicht wieder." Der Nachbar Küfer traf Seb in der Stadt, und ihm gab er den ausdrücklichen Auftrag, seiner Iran die Botschaft zu bringen, sic möge keine Sorgen haben, wenn sie vielleicht lange nichts von ihm höre. Das waren die lcßtcn Nachrichten, an denen Zilge lange ihr Hoffen und Harren befriedigen mußte. Siebenmal einsam. Schon am ersten Tage nach Scb's Abwesenheit hatte Zilge fast keine Ruhe mehr am Stickrahmen, ja, was ihr seit Jahren nicht geschehen, traf ein, sie mußte die Arbeit eines ganzen Tages wieder auftrcnnen, und da sie keines Tageslohn's entrathcn konnte, mußte die Nacht das Verfehlte wieder cinbringcn. Sie hatte stets einen halben Gulden besonders gelegt, damit sie den Brief gleich bezahlen könne, den Seb ihr aus der Fremde schicke, und sagte sic sich auch wieder, daß er von seinem Verdienste den Brief frei machen könne sie rührte doch das Geld 239 nicht an. Ost mußte sie in überwallendcr Empfindung sich aufrichten, wenn sie daran dachte, wie lieb sie doch ihren Seb hatte, und sie machte sich Vorwürfe, daß sie ihm das nie so gezeigt; sie beruhigte sich aber bei dem Gedanken, das; sie bei seiner Heimkehr ihm den Himmel auf Erden schassen wolle. Sie sah jetzt die Rechtschaffenheit nnd den Biedersinn Seb's in vollem Glanze, und wie getreu und sparsam er war, und wie er sie hoch hielt. Keine Frau weit und breit hat einen brävern Mann. Ja, sie schalt sich innerlich, daß sic nach Vollendung des Kirchcndaches ihn nicht gelobt habe, sic hatte ja selber diesen übermüthigen Ehrgeiz in ihm gepflegt. Während sie soust den verdicnstlosern, Ocl und Holz verzehrenden Winter fürchtete, freute sic sich jetzt darauf; da kehrt Seb heim, und sie sah oft staunend auf die Kinder, sie war jetzt sehnsüchtiger nach ihm, als da sie Braut war. Ihr Herz pochte so heftig, wie an jenem zweiten Abend, nachdem sie ihn Tags vorher zum erstcnmale geküßt, alle Küsse, die ihr Seb je gegeben, entbrannten jetzt wieder auf ihren Lippen, und leise und verstohlen sang sic sich jetzt am Stickrahmen die Lieder, die sie einst mit Seb gcsnngcn. Der kleine Johannes hütete sein Schwesterchen gut, und Zilgc hatte viel stille Zeit zum stillen Denken und Grübeln. Wenn der kleine Johannes am Abend betete und den Vater in Gottes Schutz befahl, sprach sie dem Kinde immer die Worte leise nach, und oft in stiller Nacht schaute sic stundenlang zu dem Fenster hinaus über die Wiese nach den jenseitigen Wald- bcrgcu, die waren auch dunkler als die Nacht. Zilgc war cs oft so bange, daß sic fast laut anfschrie, und doch schalt sie sich wieder ob dieses ungerechten Zagens; sic zwang sich zur Munterkeit. Als aber der erste Schnee fiel wurde sie plötzlich tief traurig, sie beredete sich, daß wol in den Würmern Ländern noch Heller Herbst sei, aber immer mehr sagte ihr eine innere Stimme: Er kommt nicht, er kommt nie mehr, du bist einsam und verlassen... Sie wollte diesen Gedanken wieder ausrcißcn, er sollte sie nicht hindern ihren; Manne mit voller Liebe entgegen zu kommen, und hundertmal ließ sic sich von Johannes die Worte vorsagen, die 240 sie ihn gelehrt hatte, das; er den Vater damit hcwillkomine, bald lies; sie auch das und pries im Stillen das Glück des Kindes, dem ein Entfernter ganz aus dem Sinne schwindet, wenn man es nicht geflissentlich daran erinnert. Die fröhliche Weihnachtszeit kam; nur um den Bindern Wort zu halten, zündete sie ihnen einen Hellen Baum an, und es schnitt ihr in die Seele, als das Kind von selbst sagte: „Gelt Mutter, weil der Vater nicht kommen ist, darum kriegt er auch nichts?" Einen Baum voll Licbesslammcn hatte ihm Zilgc entzünden wollen, seht war Alles dunkel und ansgestorben. Ans einmal stieg eine freudig traurige Tröstung in ihr aus: Scb ist krank, er kann nicht kommen, aber warum schreibt er nicht, und läßt nicht schreiben? Vielleicht hat ihn ein jäher Tod ereilt, er war ja so übcr- müthig keck, und seit dem Einstürze des Hauses doppelt verwegen. Zilge glaubte vor zweiflerischem Sinne» und Grübeln vergehen zu müssen. Nicht umsonst wohnte sic in einem Hause, dessen Einsturz man allzeit befürchten mußte. Um Fastnacht hörte Zilge, daß der alte Kamerad Scb's, der Maurer in Weitingcn, den Sommer über mit Seb gearbeitet hatte, und Nachricht von ihm geben könne. Sie übergab ihre .Kinder dem Nachbar Küfer, und wandcrte im Schneegestöber nach Weitingcn. Sie kam mitten in den Faschingsjubel, sie mußte Alles mit traurigem Herzen mit ansehen, denn der Maurer spielte selber eine Nolle darin. Endlich berichtete er ihr mitten unter dem Wirthshauslärm, daß er allerdings bis zum Herbst mit ihrem Alaune gearbeitet habe, sic brauche aber nicht traurig sein, denn ihr Mann sei überaus lustig gewesen, und habe gesagt, er gehe noch weiter, vielleicht in die neue Welt, seine Frau habe ihn bis zur Hochzeit lange warten lassen, jetzt könne sic nachher auch sich daran gewöhnen. Zilge bat und beschwor ihn, mit ihr keinen Aaschiugsscherz zu treiben, darauf ward der Alaun böse, ließ sic stehen und mengte sich unter das lustige Lärmen. Auf dem Heimwege war es Zilge einmal, als müsse sie auch sich in die weite Welt stürzen. Warum war sie allein festgcbannt? Waren denn die Kinder nicht so gut die seinen wie ihre? Ta überlicf es sie plötzlich eiskalt und bis ms Herz hinein schauerte sic, und sic stieß in die schneebedeckte Welt hinein einen grässlichen Fluch gegen ihren Mann aus. Ein wirbeliges Taumel», eine Schlafsucht ergriff sie, daß sie mit starren Händen sich die Augen rieb, aber der Schlaf wollte sie überwältigen, schon wollte sie sich niedcrlcgen, da schoß sic ans, schlief sie hier ein, war sie des Todes. „Meine Kinder! Meine Kinder!" rief sie im Weitcrschreiten, und rannte aus voller Macht dahin, bis sie endlich ihre Schritte mäßigte. Zwiefach arm kehrte Zilge wieder heim, sic war verlaßen und von Haß erfüllt. Und doch als sie von fern ihr Häuschen wiederum sah, überkam sie ein gewisses Gefühl der Geborgcnheit i draußen ist die Welt so kalt und starr, da ist doch eine warme sichere Stätte, da bist du daheim und mit Fleiß und Ergebung wird sich alles ertragen lassen. „Gott sei Lob und Dank, daß ich gesund bin," sprach sie vor sich hin und faltete die starrkalten Hände. Als am Abend der kleine Johannes in sein Nachtgebct seinen Vater cinschloß, fuhr sich Zilge mit der Hand über die sträubenden Haare: das Kind segnete den, dem sie heute geflucht, der ganze Jammer ihres Lebens sprach sich da aus, Segen und Fluch, Liebe und Haß stritten mit einander. Welches wird die Oberhand behalten? . . . Der Morgen nach einem erfahrenen Ungcmachc erweckt doppelte Pein, und doch hat sich ^abci der erste grelle Schmerz im Schlaf geklärt. Zilge wußte nun, was sic zu ertragen hatte, und nur eine Weile konnte sie sich der schmcrzgelähmten Mattigkeit hingcbcn, die Alles absichtlich noch mehr verkommen läßt, und sich fast dessen freut, daß Schlag auf Schlag das Schicksal peinigt. Am ersten Sonntag, nachdem sie die Gewißheit ihres Unglücks hatte, durchblätterte sie das Gesangbuch hin und her, endlich stand sie auf und sagte: „Da stehen Lieder und Gebete für alle Leiden und Krankheiten, für meines nicht, das ist unerhört, das hat noch keine Mcnschcnsecle erlebt." Zilge erinnerte sich jetzt, daß ihr Mann ihr die Gemeinde- Versorgung in Aussicht gestellt, ihr Ehrgefühl und ihr Stolz erhob sich, sic wollte der Welt zeigen, wer sie sei, und cs erschien Aucrbach'S Torfg. 4. Db. 16 242 ihr als eine erquickende Rache an ihrem Manne, er mußte cK doch einst erfahren, daß sie ohne ihn das Haus im Stand gehalten, sein böser Vorsatz, sic ins Elend zu stürzen, sollte zur Lüge werden. Allem, was Zilge nun unternahm und sann, lag das Gefühl des Hasses gegen ihren Mann zu Grunde, sie verschloß das aber in sich vor fremden Menschen, nur manchmal konnte sie nicht umhin gegen die Kinder ihrem Herzen Luft zu machen. Der Frühling kam, er brachte keine Wasserflächen mehr, die Storchen waren wieder da und ein Schwalbenpaar nistete wieder über dem Fenster Zilge's. Zilge lebte ruhig und still. Nur zwei Vorkommnisse plagten sie vielfach. Wenn sie über die Straße ging, fragte sie Jedermann: „Hast noch keine Nachricht von deinem Scb?" Die Menschen hielten sie für herzlos, weil sic nicht Jedem den Gefallen that, mit der ganzen Ausbreitung ihres Kummers darauf zu antworten, und man glaubte es ihr doch nicht, daß Seb nicht in heftigen! Zanke von ihr gegangen sei. Ja, Manche glaubten ibr Mitleid nicht anders bezeigen zu können, als indem sie ihr verhielten: „Wie wird's deinen armen Kindern geben, wenn du einmal krank wirst?" Am erbittertsten war aber Zilge, wenn man ihr vorwarf, wie unklug cs von ihr war, daß sie sich ehedem nicht besser in die Launen der Küferin gefügt batte, sie wäre an Kind'evstatt angenommen und Haus und Accker der Küferin wären nicht verfremdet worden an die Verwandte von Weitungen. Eine zweite viel schwerer abzuwehrcndc Störung brachte der Bruder Zilge's, der nach der nahen Amtsstadt versetzt war, er wußte seine Schwester nicht anders zu trösten, als indem er Feuer und Flammen gegen Scb spie und ihm alles Schlechte nachsagtc, und dazu hatte er noch Streit mit Zilge, weil sie das nicht dulden wollte; er schwur, Scb „mit Gusto" krumm zu schließen, wenn er ihn fahnde, er prahlte mit der Kenntnis; seines Amtsstils, indem er ihr den Steckbrief vorsagte, den er gegen Scb erlassen wolle, aber Zilge behauptete, daß Niemand dazu ein Recht habe als sie, und der Bruder kam mit der Zeit oft ins Dorf, ohne sic heimzusuchen. Der Pfarrer kam auch bisweilen 243 zu Zilge und lobte sic ob ihrer milden Ergebung und ihrer ehrenhaften Thätigkeit. Sie nahm das letzte, das sie verdiente, eben so an, wie das erste, das sic nicht verdiente. Niemand sollte Witzen was in ihr vorging. Tic traurigste Zeit war für Zilge Pfingsten, nnd die Hellen Sommcrsonntage. Ta sitzen Nachmittags die Frauen unter einem Nußbaum, oder vor einem Hause auf der Bank und plaudern allerlei. Zilge war so viel allein, daß sie au diesen Tagen sich auch zu den Menschen gesellen mußte, aber sie wußte nicht wohin! sic gehörte nicht zu den Mädchen, nicht zu den Frauen und nicht zu den Wittwcn. Das stille ewige in sich Hineiuleben hatte ihre Empfindung krankhaft geschärft, und jetzt gab ihr doch die Welt eine, wenn auch nicht wohlthuende Heilung. Zilge gewahrte bald, daß die Unempfindlichkeit und Theilnahmlosigkeit der Menschen doch auch ihr Gutes hat. Tic Welt nahm ihr Schicksal viel unbefangener, viel nüchterner: sie ist eine verlassene Frau, das ist schon oft dagewcsen, und wird noch mehr kommen. Diese Nüchternheit der Welt hat Anfangs etwas furchtbar Erkältendes, allmälig stellt sich aber die Erkenntniß ein, daß die Welt fremdes Ungemach alsbald so nimmt, wie man es im Verlauf der Zeit doch selber auch nebmen kann und muß. Zilge war anfangs erstaunt, daß man sie darob nicht schalt und höhnte, sondern es natürlich fand, wenn sic auch einmal unwillkürlich lachte und scherzte, und manchmal erschien es ihr selbst, als ob ihr Ungemach gar kein so außerordentliches wäre. Mau sprach von Wiedergc- kchrteu, und wie doppelt glückselig die Menschen daun miteinander wurden. Wenn Zilge das hörte gab cs ihr einen Stich durch's Herz, ein heimliches Labsal, der Haß gegen ihren Mann sollte ibr dadurch entrissen werden, und doch konnte sie sich des Einflusses nicht erwehren. Es gab Stunden, wo ihre Wangen glühten, und sic sich dachte, daß sie ihren Plan» mit offenen Armen empfangen würde, und wieder andere* wo sie die Zähne tnirschte, und ihn erwürgen wollte, wenn sie ihn wicdcrsah. Non Zeit zu Zeit klopstc Zilge die Sonntags-Kleider ihres Mannes aus, die er daheim gelassen hatte. Die Leute riechen 16 * 244 ihr, diese Kleider zu verkaufen, aber sie konnte sich dazu nicht verstehen. Tief erschreckt wurde sie aber einst, als sic mit den: Kleiderausklopfen beschäftigt, den kleinen Johannes sagen hörte: „Nicht wahr Mutter, wenn der Vater da war', thätest ihn auch so ausklopfen, wie den Rock da?" Zilge schauderte vor dem was sie und vielleicht auch andere in der Kindessccle gepflanzt hatten, aber sie konnte es nicht mehr ansjäten. Im dritten Herbste kam ein Brief von Ausgewanderten ans Amerika, worin es hiesi, das; Leb auch dort sei und viel Geld verdiene. Wieder bestürmten wechselnde Gefühle das Herz Zilge's, aber der llnmnth behielt die Oberhand. Konnte Seb nicht selbst schreiben oder etwas schicken? Sie wollte ja gerne seiner in Geduld harren. So oft nun Jemand kam und von Amerika sprach, jammerte Zilge viel und es war ein seltsamer Treffer, das; der kleine Johannes, wenn man ihn fragte: „Wo ist dein Vater?" immer antwortete: „Jn Jammerika." Er lies; sich nicht dazu bringen, das Wort richtig ansznsprcchen, und die Leute erlnstigten sich zuletzt daran, und im Dorfe sagte man eine Zeiklang nie anders als: „Jammerika." In demselben Winter kam in der That auch ein Brief von Seb aus der neuen Welt. Er traf Zilge am Krankenbette ihres Töchterchens und der Brief enthielt nach einer Schilderung vieler Mühsal nichts als die Tröstung, das; cs ihm jetzt besser ergehe und er Zilge bald hole. Das ganze Dorf kam nach und nach um den Brief zu hören und zu lesen, und als der Nachbar- Küfer las, das; Seb seine Frau daran erinnerte, das; der Storch auch zuerst allein fortfliegc und dann sein Weibchen nachhole, sagte er nicht uneben: „Das ist kein Vergleich, die Storchen geben jedes Jahr ihre Kinder aus, der Mensch aber muß sie lang ernähren, che sie sich selber forthclfen können." Auch der Bruder Landjäger stellte sich wiederum ein, und diesnial konnte ihm Zilge nicht wehren, basier ans Seb schimpfe, weil er nicht für einen Krenzerswcrth geschickt hatte. Seb gab an, bald wieder zu schreiben, worauf man ihm dann antworten könne. 245 Das Kind genas und Zilge musitc nun die Nächte hindurch arbeiten, sie schüttelte oft den Kopf, wenn sie des Wiedersehens gedachte. „Tn kommst zn spät", sprach sie dann oft vor sich hin, sie dachte an ihren Tod, und an die Erkaltung ihres Herzens. Neues Ungemach kam, Zilge konnte nicht mehr sticken, ihre Augen wurden krank, und dabei klagte sie dein Arzte, daß sie sich oft wie besessen vorkämc, sie habe so schwere Gedanken, daß sie oft aus dem Schlaf laut aufschrcic, und es ihr am Hellen Tage manchmal vorkämc, als müßte plötzlich Jemand die Thüre anfrcißcn, und ihr mit einer Axt das Hirn einschlagen. Der Arzt wußte kein anderes Mittel, als daß sie die sitzende Lebensweise anfgebe. Zilge verstand sich nicht auf die Feldarbeit, eine Fabrik war nicht in der Gegend, sie faßte aber dennoch einen raschen Entschluß. In unserer wohlregierten allseitig beschützten Welt bedarf aber jede ans dcrLinie gehende Thätigkeit der amtlich gestempelten Erlaubnis;. Ter Schultheiß, bei dem sich Zilge ein Leumundszeugnis; holen musitc, billigte ihren Entschluß, das; sie Lumpensammlern: werden wolle, er rieth ihr aber, ihr Hänschen zn verkaufen, denn so lange sie das hatte, mußte sie neben den Zinsen für die Hypothekenschuld auch noch Gemeinde- und Staatsstcuern bezahlen. Zilge, die nichts hatte als ihrer Hände Arbeit, um sich und ihre Kinder zn ernähren, mußte Steuern zahlen zur Erhaltung der Gerichte, der Militärmacht und des ganzen sogenannten Staatsorganismus. Sic konnte aber doch ihr Haus nicht aufgeben, schon der Gedanke daran war ihr, als würde sic mit ihren Kindern auf die Straße gesetzt; sie hatte sich ihr Lcbenlang nach einem „eigenen Unterschlupf" gesehnt, lieber wollte sie sich nur halb satt essen, che sie solchen aufgab. Mit knapper Noth kam sie bei ihrem ersten Schritte in die fremde Welt straflos davon. Als sic das ausgestellte Patent, das sie zum Lumpensammcln ermächtigte, bezahlen sollte, ergoß sie sich in heftigen Worten: Warum sic denn seit Jahren Steuern bezahle, daß sie nun, wenn sic einmal das Gericht brauche, noch- 246 mals Blutgeld dafür geben müsse? Ter Amtmann antwortete nicht, er zog an einer Klingel, ein Landjäger trat ein; glücklicherweise war cs aber der Bruder Zilge's, dessen Fürsprache cs nun gelang, das; ihr die Strafe des Einsperrens erlassen wurde. Zilgc hörte zn ihrer Verwunderung zum erstemnalc die Entschuldigung, daß es ihr nicht ganz geheuer im Kopfe sei. Zilgc freute sich mit dein Patente, als hätte sic damit ein großes Glück errungen, denn eine mübsain errungene Möglichkeit muthct oft schon an wie eine Erfüllung. In der That war sie nun auch heiterer als je auf ihren Wanderungen durch die Dörfer, und der Gewinn war rascher als mit der langsamen Nadel am Stickrahmen. Die Leute waren überall freundlich gegen sie und wenn sie sich auch anfangs dessen schämte, fühlte sie doch bald ihre Kräfte wieder wachsen bei manchem nahrhaften Bissen, den man ihr schenkte. Manche Mitleidige sagten ihr noch, wie schön und stolz sic einst gewesen sei, und sie lächelte still dazu, wobei die Leute immer mit einer gewissen unruhigen Scheu sic betrachteten. Am Abend trug Zilgc neben der Last ans ihrem Rücken noch immer in einem Handbündel allerlei Eßwaarcn heim, und sie freute sich mit ihren Kindern, die sie den Tag über beim Nachbar Küfer gelassen. Auf ihren einsamen Gängen mußte Zilgc immerdar ihres Mannes gedenken und wenn sie in ein Haus kam, zuckte ein eigen- thümliches Lächeln über ihr Antlitz, wenn man sic scherzweise „Frau Baumeistern;" nannte, sie aber sagte nie etwas darauf. Man sprach da und dort davon, daß viele Ausgewanderte in Amerika sich zu einem Kriege hätten anwcrben lassen, und viele beim Baue der Panama-Eisenbahn gestorben seien. Zilgc war es, als ob die Leute wüßten, daß ihr Mann nicht inehr am Leben sei, obgleich man ihr das stets ausredete. Tie Leute sahen sie aber immerdar so wunderlich an. Was hatte das zu bedeuten? Zilgc, die ehedem nicht in Sonnenhitze, nicht in Frost vor das Haus gekommen war, scheute jetzt kein Wetter, und mit einer sich gleichbleibenden Hast und Unruhe waudertc sic von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, und ihre Mühe brachte erfreuliches Erträgnis;. Im stillen Denken über Feld und durch den Wclld setzte sie sich oft auch Termine, indem sie, ihres Mannes gedenkend, sagte: „Wenn er bis da und da nicht heimkömmt, so sind wir beide verloren, er und ich, auf ewig geschieden." Er kam nicht und sie war nur froh, das; sie diesen Vorsatz gegen Niemanden ausgesprochen als zu sich selber, sie konnte den Termin wieder weiter hinansrücken, und sie that es und malte sich's glückselig ans, wie sie ihm vergebe. Eie legte einmal mehrere Wochen den silbernen Trauring ab, den sie von Scb an der linken Hand trug, aber wenn sie in ein Haus kam, verdeckte sic mit ihrer rechten Hand die linke, und da Niemand bemerkt hatte, das; ihr etwas fehle, zog sie still den Ring wieder an, und nur der kleine Johannes bemerkte dies, denn er fragte: „Hast deinen Ring wieder gefunden?" Als aber Sommer und Winter vergingen und keine Nachricht, nichts kam, setzte sich wieder eintöniger Has; in ihr fest. Er war cs ja, der sie so in die Welt hinaus trieb. Wie kann er das je wieder entgelten? Im Vorfrühling schritt sie einst im Rcgcnstnrme die Straße am Neckar dahin, der Wind wollte sie umreisten und machte ihr die rcgentriefendc» Wangen glühen, da stand sie still und plötzlich übcrkam es sie, als müßte sie sich hinabstürzcn und den Tod suchen in den Wellen: aber sie jagte rasch davon, und als sie hcimkam, bat sie den Lehrer, ihr doch den Johannes ans einige Tage aus der Schule zu entlassen, das; er mit ihr gehe: sic gestand nur halb, wovor sic sich fürchtete, aber der Lehrer willigte doch ein. Im Geleite des Knaben, der ein Bündel trug, erfuhr sie nun immer mehr, welch eine Hastigkeit gegen den Vater in der Brust des Kindes waltete: er erzählte ihr, wie der Ziegler ihm gesagt: Scb habe in Jammerika eine Schwarze geheirathet und wolle nichts mehr von seiner Frau und seinen Kindern. Zllge gab sich viele Mühe, den Vater zu loben, aber es wollte ihr bei ihrer Gcmüthsstimmung nicht gelingen. Eines Mittags suchte sie im Weitinger Walde unter einem Ahorubaume mit ihrem Knaben Schutz vor einem Platzregen. 248 Mutter und Kind standen an dem Stamme gelehnt, die Tropfen fielen so schwer nieder durch die Zweige, es raschelt ans den vorjährigen Blättern am Boden allezeit, als kämen Schritte von allen Seiten,' in den Wipfeln saust es, und drunten der Neckar rauscht, und cs läßt sich nicht mehr unterscheiden, was ist Wal- dcssansen, und was ist Stromesbransen, Der Kukuk hat noch kaum vor einer Weile gerufen und dabei so seltsam gelacht, ja, wer ihn tief im Walde belauscht, kann ihn hören wie er lacht; jetzt ist er auch still. „Ich möcht' nur auch den Kukuk einmal sehen," sagte der kleine Johannes. „Laß ihn, dein Vater ist auch ein Kukuk." „Warum?" „Ich weiß schon warum, du brauchst nicht Alles wisse». Wenn du und dein Echwcsterle nicht war', da hält' man mich schou da unten am Mühlrechen ausgefischt." „Wie denn?" „Ich hält' mich vertränkt." Eine Elster huschte plötzlich über Zilge tiefer in den Wald hinein, als hätte sie das böse Wort verscheucht; den Vogel gewahrend wurde Zilge seltsamerweise plötzlich inne, was sie ge- than, sie pflanzte ja neue unheilvolle Gedanken in die Seele des Kindes; sie gab ihrem Bruder Recht, der sie für irrsinnig erklärt batte, sie nahm fortan den Knaben nicht mehr mit auf ihren Wanderungen. Jahr an Jahr verlief, man hörte nichts von Scb. Die Storchen kamen und gingen, die Menschen freuten sich, das; die Bäume blühten und das Ackerfeld grünte, und sie freuten sich, als die Saaten dürr und reif wurden, und die Bäume voll Früchte hingen, und Zilge blieb allezeit still und in sich gekehrt. Mau hörte nichts von Scb. Zilge harrte nicht mehr und dachte nicht mehr. Sie versuchte es, ihre alte Thätigkeit wieder auszunehmen, aber sie hatte keine Ruhe, und lässig und still ging sic nun ihrem Erwerbe nach. „Ich bin siebenmal einsam," klagte sie am Pfingsten, als 249 es sieben Jahre geworden waren, seit dem Seb sie verlassen. Zilge war mit Stenern und Zinsen rückständig geblieben, sie mußte oft auf das Naihhaus, darüber manchen Tag versäumen und gerieth immer mehr in's Elend. Seb wurde nun doch in den Zeitungen ausgeschrieben und nach hieländischem Gcsetzesbrauch aufgefordert, binnen dreißig Tagen sich zu gcstellen, widrigenfalls ihm wegen des eingcleite- ten Gantverfahrens ein Abwescnheitspflcgcr gesetzt werde. Zilge sah dem letzten Schlage, den sic mit aller Macht abgewehrt halte, jetzt gleichgültig entgegen. An die große Glocke. Es war ein Heller Hcrbstabcnd, die Schwalben sammelten sich in Schaarcn, und strichen in großen Flügen dahin; vor den Häusern saßen die Bauern und dengelten die Sensen, um das Ochmd zu schneiden; das war ein Klingen und Hämmern durch bas ganze Dorf, daß man kaum das Abendläuten hörte. Vor dem Nachhause spielte ein Trupp Knaben laut jauchzend das sogenannte Habergeisspiel, des Maurer Scb's Johannes war auch unter ihnen. Da tönte eine wohlbekannte Klingel durch das Dorf, die Dengelnden hielten eine Weile an und hörten den Ausruf des Dorsschützcn, dann hämmerten sie wieder weiter. Den Knaben am Nachhause mußte zweimal Stille geboten werden, bis sie ruhig waren, das; man hören konnte, wie der Schütz nach dreimaligem Klingeln von einem großen Bogen las: „Aus der Gantmasse des Maurermeisters Eusebius Gröler, genannt Maurerseb, und seiner Ehefrau Cäcilia, geborene Künzle, wird deren allhier an der Wiuterhalde belcgcncs einstöckiges Wohnhaus morgen nach der Nachmittagskirche im Aufstrcich zum erstenmale öffentlich versteigert." Der Schütz ging gravitätisch weiter und man hörte ihn bald wieder vor einer andern Häusergruppe schellen. Die Knaben schauten alle ans Johannes, der mit medcrge- 250 schlagenem Blicke dastand; seine Lippen zuckten; bald aber ging das Necken der Kameraden los: „Jetzt wird euch euer Hänsle verkauft. Dein Vater hat eine Schwarze gehcirathet." So zwitscherten die Jungen, wie die Alten sungen. Johannes schlug um sich auf Jeden, der ihm nabe kam, dann raunte er laut heulend das Dors hinauf und stand nicht still, wenn ihn Manche fragten, warum er weine; er rannte unaufhaltsam fort heim zu seiner Mutter. Zilgc stand in der Küche, und schnitt Brod ein für eiucSuppc: „Mutter gib mir das Messer", schrie Johannes, „ gib'smir. Wenndcr Vater kommt stcch ich ihn mit todt." Zilge entfiel im Schreck ob dieser Worte das Messer aus der Hand, sie wies den Knaben scharf zurecht, in ihrem Innern aber trauerte sie tief, da sie nun immer gräßlicher wahrnahm, welch ein Kind sic mit ihrem Hasse groß gezogen. Und dennoch wälzte sie die Hauptschuld ans Scb. Sollte ei» so schlechter Vater ein braves Kind haben? Mußte sein Thun das Kind nicht das Gräßlichste lehren? Welch cin mnthigcr aufgeweckter Knabe wäre das unter dem Auge des Vaters geworden, und mit welchen Verbrechen wird er nun sein Leben erfüllen? . . . Sie wußte das Kind nicht anders zu beruhigen, als indem sie ihm sagte: „Dein Vater kommt nie mehr wieder, und du bist mein Sohn und mußt brav und meine Stütze im Alter sein." Dieses letzte allein beschwichtigte endlich den unnatürlich erregten Knaben; aber noch als ihn die Mutter schlafen legte, wollte er nicht beten, und als er endlich auf ihr Bitten die Worte sprach: „Lieber Gott behüt meinen Vater —" da warf sich Zilge ans ihn nieder und bedeckte ihn mit Küssen. „Wirst scheu ich wcrd' für dich sorgen", bethcnerte das Kind und schlief endlich ein. Zilge zündete kein Licht an und saß am Fenster, bald vor sich nieder bald in den sternglitzernden Himmel schauend, wo Sternschnuppen hin und herflogcn; sic hatte nichts mehr, das sie sich dabei wünschen konnte, als: Gott möge ihre Kinder in seinen Schutz nehmen, und sic brav werden lassen. 251 Auf dcr Bergwiesc vor ihrem Hause war es heute Nacht lebendig, man mähte das Oehind und der würzige Thandust stieg zu Zilge empor, aber das Schnittrascheln der Sense zuckte ihr durch das Herz. Sie hielt mit der Hand fest die Fensterleiste, als wollte sie damit ihr Haus festhalten, und cs nicht ans dcr Hand geben. Kann das Elend noch tiefer gehen? Warum kann man nicht sterben vor Kummer? Wie lange mußt du warten, bis der Tod dich nieder mäht? Das war ihr einziges Denken. Des Zieglers Hund im Thale bellte, nnd alle Hunde im Dorfe bellten ihm nach. Wenn ein Hund einen Feind abwehrt oder für sich klagt, stimmen Alle ein, die Menschen aber . . . Zilge rieb sich oft die Angcn, aber sic konnte nicht weinen, und die Augen mit dcr Hand zugedrückt, legte sie das Haupt auf das Fenstersims . . . Da öffnet sich die Thürc. „Wer ists? Wer will was?" „Ein Bettelmann kommt und bittet." Wehe! was ist das für eine Stimme? „Hülse! Hülfe!" schrie Zilge zum Fenster hinaus. „Sei ruhig, liebe gute Zilge, ich bin's, dein Mann —" „Weg, weg, fort, ich will dich nicht, lebst du oder bist du todt, ich will dich nicht, nicht in dieser Welt und nicht in jener." Eine Hand legte sich ans Zilge, von Fieber geschüttelt zuckte sie zusammen, dann schrie sie laut ans und sank auf den Boden. Die Mäher, die den Hülfcruf gehört, kamen herbei, Scb, denn dieser war es, hieß sie wieder gehen, seine Frau habe eine Ohnmacht bekommen, sie sollten nur den Nachbar Küfer und seine Frau holen. Er richtete Zilge auf, und plötzlich fing sie laut an zu lachen. „Gelt, du bist dcr Maurer Seb? Ja der Maurer, du hast mich lebendig cingcmaucrt. Rühr mich nicht an, nie, nie, und wenn du mit der Krone auf dem Kopfe wicderkommst, ich will dich nicht mehr, geh' hin, wo du gewesen bist, geh, geh." Sic stieß ihn mit großer Macht von sich, und fing dann an laut zu weinen und zu schluchzen. 252 „Um Eottcswillcn Zilge, sei doch ruhig", bat Scb, „häng' nicht Alles an die große Glocke, schrei nicht so. —" „Du hast auch Alles au die große Glocke gehäugt, mich, die Kinder, und das Haus. Es gibt gar nichts, was du nicht gcthan hast: weg, weg", rief sie noch lauter. Die Nachbarn kamen und zündeten Licht an. Als Seb nach seinen Kindern sehen wollte, sprang Zilge wie rasend auf und duldete es nicht. „Er hal sieben Jahr nicht nach ihnen gesehen, sie gehen ihn nichts mehr an", ries sic. Seb und die Nachbarn waren starr, da sic Zilge sabcn, sie war leichenblaß, strich sich bald mit beiden Händen über die Stirne, bald streckte sie die Hände vor sich hin mit ausgesprciz- tcn Fingern, ihre Augen lagen weit heraus. So ost Seb nur ein Wort sagen wollte, schrie sie laut, als steche mau sie mit Dolchen. Die Kinder erwachten weinend, Scb rief ihnen zu, aber Zilge gebot ihnen, nicht zu antworten. Vor dem Hause war Alles versammelt, was noch im Dorfe wach war. Der Maurer Seb ist wieder da, das hatte sich schnell verbreitet, aber Zilge raste und wüthetc immer fort, und Seb mußte sich endlich aus seinem eigenen Hause vertreiben lassen, aus dem er vor Jahren entflohen war. Der Nachbar Küfer beredete ihn beschwichtigend dazn, und die Küferin versprach, diese Nacht bei Zilge zu bleiben. Seb reichte den Bewillkommcnden kaum die Hand, denn er hörte vom Küfer, daß man an seiner Frau schon lange Anzeichen von Irrsinn bemerkt habe, sic habe sich ihre Verlassenheit zu sehr zu Herzen genommen und nur selten mit Jemanden davon gesprochen. Am Morgen, als Scb in sein Haus kam, fand er Zilge noch schlafend, er näherte sich auf den Zehen ihrem ärmlichen Lager. Wie abgehärmt sah sic aus! Aber sie mußte doch seiucn Blick gespürt haben, denn sie schlug mit der Hand um sich und wendete sich nach der Seite. Die Küfcrin berichtete leise, wie Zilge ihr gestanden habe, als sic ihren Mann gehört, gesehen und seine Hand gespürt, habe sie nicht mehr gewußt, wo sie sei, was sie thue, und was sie rede, 253 und da sei ihr auf einmal all das in den Sinn gekommen, was sie seitJahren einsam für sich gedacht und gesprochen und heraus sei es, und es sei ihr gewesen, als ob etwas in ihrem stopfe reiße, es habe gesurrt und geschnellt, wie wenn man einen Seidcnsadcn beim Nähen spannt, mit dem Finger tönen macht und dann reißt, und sic habe reden müssen, wie sie sich's tausendmal vorgcsagt. „Ein Teufel," das waren ihre Worte, „ein Teufel habe aus ihr gebellt." Seb schöpfte aus dieser Mitthcilung doch einigen Trost. Es gelang ihm mit Hülfe der Küferin, die Kinder in das Nachbarhaus zu bringen, das Mädchen war bald zutraulich gegen den Vater, der Knabe aber blieb troßig und widerspenstig, er stand immer bei Seite mit niedergeschlagenen Blicken und nur manchmal heftete er sein großes Auge auf den Vater. Welche unergründlichen Gedanken sprachen aus diesem Auge. Nicht von dem Vater, sondern nur von dem Küfer ließ sich der kleine Johannes die neuen schönen Kleider anziehcn, die der Vater ihm und der Schwester mitgebracht hatte. Die Kleider waren zu eng und knapp. Seb hatte sich im Wachsthum seiner Kinder verrechnet. Erschien sich überhaupt verrechnet zu haben, denn kaum war Johannes schön geschmückt, als er, ohne ein Wort zu sagen, das Dorf hineinrannte', er kam aber alsbald wieder im vollen Athem, er hatte offenbar die neuen Kleider seinen Kameraden zeigen wollen und war doch wieder von einem Schamgefühl gejagt unaufhaltsam hin und her durch das Dorf gerannt, als brennten die Kleider. Ein seltsamer Zwiespalt ging in dem wilden Knabcnhcrzen vor. Das Mädchen, schon viel zu groß dafür, ließ sich doch von dem Vater auf dem Arme tragen, cs war glückselig in seinem neuen Kleide nnd Seb trug das Kind nntcr Küssen rund nm das Haus und stand lange bei den Tannen, die er ehemals seinen Wald genannt. Tie Sonne schien so hell nnd warm, der Würzgeruch des frisch gemähten Oehmdes erfüllte die Luft, die Welt wird mit jedem Morgen wieder neu; warum sollte das ein Menschenherz nicht auch können? Endlich hörte Seb, daß Zilge aufgestandcn war, er ging mit den Kindern an der Hand in die Stube, der Knabe wand sich 254 unwillig an seiner Rechten. Zilge saß am Fenster, blaß mit hohlen Wangen, sie blickte unbewegt gläsern darein. Sie schüttelte mehrmals nickend den Kops, als Scb sie mit liebreichen Worten begrüßte und sic um Verzeihung bat, daß er sie am Abend so plötzlich überrascht; er habe gehofft, es damit gut zu machen. Sie ließ ihn ihre Hand fassen, die leblos und starr in der seinen lag, dann sagte sie, sich hin und her wendend: „Er sieht gut aus wie ein Bierbrauer." Es war als spräche sic zu jemand Fremdem, und doch war Niemand außer Seb und dcu Kindern in der Stube. Jetzt erst schien sie die Kinder zu bemerken, sie rief sic zu sich und riß ihnen hastig die Kleider vom Leibe, das Mädchen weinte darob und sie sagte: „Er hat euch sieben Jahr hungrig und nackt gelassen; damit sangt man mich nicht. Gieb die Kleider wem du willst." Scb bat sic, doch vor den Kindern gemäßigter zn sein, sie aber sagte: „Sie haben das Elend bisher mit angesehen, sic können's auch noch weiter." Seb brachte die Kinder aus dein Hause, dann setzte er sich zu seiner Frau und erzählte ihr, wie ja Alles wieder gut sei und besser als je, er sei nach Kalifornien gereist, wo man Gold grabe, er habe sich aber damit nicht abgegeben, sondern auf seinem Handwerke gearbeitet und dabei großen Verdienst gehabt, er habe mehr als zehn Bauten ausgeführt und keine sei ihm mißlungen. Zum Beweise seines Wohlstandes legte er mehrere Goldrollcn auf den Tisch und brach einige davon auf, daß der Inhalt wie neugierig auf den Tisch rollte. Zilge aber schüttelte den Kopf und erst ans wiederholtes Bedrängen sagte sie: „Damit fangt man mich nicht, und wenn du tausend Millionen bringst, kaufst du mir nicht ab, was da drin —" sie deutete auf ihr Herz, cs würgte sie im Halse, sic konnte nicht weiter reden. Man hörte Besuche vor der Hausthüre, Scb raffte schnell das Gold wieder zusammen, und als viele Männer und Frauen eintraten, sagte Zilge lachend: „Wenn ein Hund a» der Kette liegt, werfen die Buben mit Steinen nach ihm, sie wisse» wohl warum, wenn er aber los ist, hui!" Sie erklärte trotz vieler Fragen beharrlich nicht, was sie damit meinte, und die Leute schüttelten den Kopf ob ihres Jrrere- dens: sie hatte aber wol damit sagen wollen, daß man sie in ihrem Elend vielfach verhöhnt und verspottet habe, und allerdings waren unter den Angekommenen auch Menschen, die sich solches hatten zu Schulden kommen lassen. Seb drängte die Besuchenden mit Höflichkeit hinaus und verschloß die Hausthüre, und jetzt wendete er sich mit erneutem Eifer an Züge und betheuerte ihr, wie er ihr jede Minute ihres Lebens doppelt vergelten wolle für das große Leid, das er ihr augcthan. Zilge lächelte freudig, faßte seine Hand und drückte sie, als er aber hiuzusetzte: „So ist's recht, jede Minute, die wir noch setzt von unserm schönen gesegneten Leben verlieren, ist eine Sünde an Gott," da schrie sie laut auf und stieß ihn von sich, indem sic sagte: „So? Eine Sünde an Gott ist jede verlorne Minute? Wie viel Minuten hat sieben Jahr? Hol' die Tafel und rechne. Nein, nein, nein, du kannst gehen, wohin du willst, sieben Jahr verlassen sei» ist ei» Sckcidcgrund, ich will's auf mich nehmen, was du willst, wie du willst: sag mir nur nichts mehr von deinem Geld —" „Und unsere Kinder?" sagte Seb bebend. „Ihnen zu lieb möcht' ich schon, aber ich kann nicht, Gott ist mein Zeug', ich kann nicht:" sie schlug sich wie bcthcuernd mehrmals auf die Brust, dann sagte sie dumpf: „Wart nur noch eine Weile, dann holt mich der Tod, dann soll Alles allein, Alles, ich will nichts davon, gar nichts, man soll mich mit meinen Lumpen zudcckcu." — Seb legte den Kopf weinend auf den Tisch, Zilge stand auf und fuhr ihm mit der Hand über die Haare, dann sank sie plötzlich nieder. Seb trug sic in seinen Armen ans das Bett, dann eilte er hinaus und schickte einen reitenden Boten nach dem Arzte. Als es zum erstcnmale zur Kirche läutete, richtete Zilge sich auf und sagte: 256 „Nimm das Gesangbuch, niinm's, was zitterst? Sind dir meine Thräncn drin zu schwer? Lies, sing's ganz durch, von Anfang bis End, mein Leid und mein Weh steht nicht drin, das hat keiner gewußt, das hat kein Lchristgelchrtcr, kein Heiliger und kein Kirchenvater erlebt." Seb sasi ans einem Schemel zu Füßen seiner Frau, die die Augen schloß, und wie cs schien, ruhig schlummerte. Die Glocken läuteten zur Morgenkirchc, und Seb bedeckte sich sein Antlitz mit beiden Händen. Wie stolz triumphirend hatteer unter diesem Geläute an der Hand seiner Frau vor aller Welt wieder erscheinen wollen, wie hatte er gehofft, ihr Herz mit Jubel zu erfüllen, da er nun die Glücksgüter ihr in den Schoos; legte, die ihrem feinen chrlicbcndcn Wesen gebührten. Und seht! Zorn und Ingrimm wollten in ihm aufsteigcn, er hatte sich ja keine Ruhe und keinen Genuß gegönnt, nur um diese Höhe zu erreichen. Wie aber, wenn sie unterdes; gestorben, da sich ihr Herz ihm verfremdet und im Elend verkümmerte, so daß es nicht mehr fähig war, ein heileres Glück und ihn in sich aufzunchmen? Wie muß Schmerz und Jammer in dieser Seele gewühlt haben, bis sie verwirrt und zerrüttet war! Seb fühlte sich auf einmal tief gedcmüthigt. Cr konnte jetzt ein Hans erbauen, wie keines im Dorfe war, aber läßt sich erstorbene Liebe wieder anferbaucn? Seb wand sich hin und her und dicEeldrollcn in seiner Brnsttaschc schlugen von außen wie ein schwerer Hammer an sein klopfendes Herz. Leibhaftig fühlte er jetzt die ungeahnten Schläge, die ihm nun sein Reichthum brachte. Und mitten in aller schweren Kümmernis; übcrkam ihn doch wieder ein trostreicher Gedanke: Wie mußte ihn diese Frau nicht geliebt haben, und ihn allein, keinen Rcich- thum und keine Größe, sie fragte nichts danach, es schauderte sie davor, sie waren mit ihrem Herzblute erkauft. — Bon dem Gedanken der unergründlichen Liebe seines Weibes bewegt, schnellte Seb empor und drückte einen Kuß ans die blaffe, nur leichtge- röthete Wange der Schlafenden. Die Kinder kamen herbei; Seb kleidete sie wiederum festlich an, und selbst Johannes ließ ihn gern gewähren, dann stellte sich der Knabe zu Hauptcn des Bettes und betrachtete mehrmals die Mutter, meist aber staud er, das Kiuu auf die Brust gesenkt, die Augen zum Vater aufrichtend und fest auf ihn schauend. Ein Kind kann mit einer Dauer und unbewegter Heftigkeit den Blick auf einen Gegenstand heften, wie das Auge eines Erwachsenen ohne zu blinzeln nicht vermöchte, und dieser starre Kindesblick gewinnt eine Durchdringlichkeit und Strenge, der keine Worte gleichkämen. Scb senkte oft den Blick, wenn er den dreinstarren- dcn Knaben ansah. Er brachte kein Wort ans ihm heraus, nur einmal sagte der Knabe von selbst: „Gelt, die Mutter wird nicht sterben?" Der Knabe hatte gehört, das; Seb einen reitenden Boten nach dem Arzte geschickt, und daher die oigenthümliche Erweichung seines starren Wesens; vielleicht hatten aber auch die neuen Kleider doch eine Aenderung in ihm hcrvorgcbracht. Als Zilge erwachte und die wieder geschmückten Kinder sah, bat Seb, ihnen doch die Kleider zu lasten. — Sie schwieg. Der Arzt kam und fand den Zustand Zilge's nur wenig beunruhigend i als Seelcnkundiger empfahl er indes; noch Scb die äußerste Geduld und Nachgiebigkeit, da Zilge ohncdieß schon oft an Anfällen von Schwermut!) gelitten habe. Als Seb die Aussagen der Küferin berichtete, lächelte der Arzt und sagte, Zilge sei zwar durch ihr Stubenlebcn und ein gewisses nachdenkliches Grübeln etwas fcingeartet, aber doch nicht so subtil, das; nicht Alles noch zu Gutem sich wenden könne. Seb verließ keine Minute seine Frau, aber er durfte ihr nichts reichen, sie nahm nichts aus seiner Hand, und nur von der Küferin. Als die Nachmittagskirche ausläutete, sagte sie: „Jetzt versteigern sie unser Haus, geh' doch auch dazu und kauf's, wenn du kannst." Seb wollte erklären, daß das nun nicht mehr geschehe, und wäre es auch, er behielte es doch nicht mehr. In bitterem Tone sagte darauf Zilge: „Nicht einmal das will er mir thun!" 17 258 Scb ging und kam bald wieder, indem er freudig rief: „Das Hans ist wieder dein und blank." Zilge sah starr drein, als ob sic gar nichts gehört hätte. Mit Seb war auch der Bruder Landjäger gekommen. Er hatte von der Ankunft seines Schwagers gehört und hatte ihn beim ersten Ausgange getroffen, er, der sonst nicht Schimpfworte genug für den Seb gehabt, war jetzt stolz auf ihn, und sein beßter Freund, zumal, da er ihm eine silberne Taschenuhr mitgcbracht hatte. Er zog jetzt heftig gegen Zilge los, das; sie sich so ziere und sperre. Seb suchte seinen Reden Einhalt zu thnn, aber mit jener Art von martialischem Gleichmuthe, ja von Heiterkeit, die gerne solche Leute bei einer Exekution zur Schau stellen, strich sich der Bruder Landjäger den Schnurrbart und sagte aus umherstehende Süßigkeiten deutend: „Das ist nichts, der mus; mau's einmal aus dem Salz geben, dann ist sic geheilt, du bist viel zu zimpfer, Scb." Dieser verbot mit Gemessenheit jedes weitere solcher Worte, aber der Bruder Landjäger kehrte sich nicht daran, und Scb wußte endlich keinen andern Ausweg, als das; er den Bruder Landjäger mit sich fort nach den; Wirthshausc zog. Zilge verriegelte hinter ihnen die Hausthürc, und öffnete sie nicht mehr. Ein LcidcnSgaiist und stillcs Dulden. Als Seb am andern Morgen die Hausthüre offen fand und nach seiner Frau umschaute, war diese verschwunden; sic hatte den Kindern noch die Morgcnsnppe zurecht gestellt,'die mitgc- brachten Sonntagskleider verschlossen und das Wcrktagsgewand hergerichtet und war daun davon gegangen. Der kleine Johannes mußte suhlen, welch eine ahnungsfchwere Unruhe den Vater bewegte, der im ganzen Hause nach ihr rief, er sagte, die Mutter sei auf ihre Handclschaft gegangen, sie habe ihr Säckchen mitgenommen. Nun mußte Scb im ganzen Dorfe und auf allen Wegen Nachfragen, welchen Weg seine Frau Angeschlagen. Er fürchtete das Gräßlichste. Endlich erfuhr er von den Oehmdenden 259 an dcr Windcnreuthe, Daß seine Fran den Waldweg nach Weitingen Angeschlagen; sie habe sich noch herabgefallene Zwetschgen in dcr Wiese aufgclescn. Scb eilte durch den Wald, drunten rauschte dcr Neckar und sein Rauschen war ihm unheilverkündend; da sah er plötzlich Zilge auf einem Baumstumpfe sitzen, ein kleines Bündel lag neben ihr; sie aß ruhig Zwetschgen und warf die Steine weit weg, sie bewegte sich nicht bei seinem Anblicke und doch mußte sie ihn sehen. Als er vor ihr stand, starrte sie ihn an, und als er sie dringend bat, doch mit ihm umzukehren, sie brauche dieses elende Leben nicht mehr zu führen, stand sic rasch auf, nahm ihren zusammcngcrollten Sack und schritt davon. Seb ließ sie eine Strecke gehen und rief ihr nach, daß sie ihn auf ewig von sich vertreibe, daß er wieder in die weite Welt gehe, wenn sie nicht umkehre; sie antwortete nicht, aber kaum war sie ans seinen Augen verschwunden, als er ihr nachrannte, und da er sie sah, hinter ihr darcinschritt. Seb war doppelt unglücklich und voll Zorn, er hatte eine Drohung ausgesprochen und gleich darauf gezeigt, daß er sic nicht auszusührcn vermöge. Endlich ging er wieder stumm an der Seite Zilge's, und sie sagte jetzt von selbst und ganz verständig: „Die Müllerin hat mir auf heute einen halben Zentner versprochen. Wenn ich's nicht hol', dann kommt ein Jud und schnappt mir's weg." Seb wußte nicht mehr was er thun und denken sollte, nur das eine wußte er, er durste seine Frau nicht mehr verlassen. Zilge ging in die Mühle und kam bald wieder heraus und setzte sich, den Sack auf dem Schooßc, auf die Schwelle. Scb setzte sich neben sie. Tie Müllerin kam aus dem Felde. Seb schlugen die Flammen aus dem Gesichte, als er hier Vorwürfe über seine Entweichung hören mußte, und es war wunderbar, wie klug und auf ihren Vorthcil bedacht, Zilge das Versprochene zu erwerben wußte. Scb stand dabei, er wußte nicht mehr wo er war. Zilge lud sich den schweren Sack auf den Rücken und ging damit davon; aber kaum war sie zwanzig Schritt gegangen, als Scb ihr den Sack abnahm und mit flammendem Antlitze rief: 17 * „Zilge, ich will dir Alles thun, was du willst, ich will mich vor den Leuten hinstelleu und mich ausschimpfcn lapcn. Sag', soll ich den Sack den jähen Berg da 'nanstragen? Ich thu'S gleich, wenn dn's sagst. Nur sei gut, und sei wieder mein liebes, gutes Weib und komm' jetzt heim." Zilge antwortete nicht, und als Scb sic bat, doch mit ihm im Wirthshaus einznkchrcn, sagte sie: „Ich Hab kein Geld." „Uber ich Hab." „Das geht mich nichts an." Seb mußte nun dabei stehen wie Zilge von Hans zu Hans in bettelndem Tone um Lumpen bat: er biß sich die Lippen zwischen die Zähne und die Last ans seinem Nucken ward übermäßig schwer. Endlich machte man sich ans den Heimweg, Zilge ging so rasch, daß Scb neben ihr kaum Schritt halten konnte. Am Neckar auf einem Fclscnvorsprnnge stand sic plößlich still und sagte: „Seb, komm' her, schau, da bin ich gestanden, mehr als Einmal, in Wind und Wetter und Hab mir den Tod geben wollen, und wären meine Kinder nicht, sic hätten mich da drunten am Mnhlrcchen aufgefischt. Seb, sei zum lcßtenmale aufrichtig gegen mich. Sag mir ehrlich: Hast du am ersten Tag, gleich wie dir's gut gangen ist, wie du mir hättest was schicken, wie du mich hättest holen können, das gleich ausgcfnhrt? Hast du keinen Tag versäumt? Sag's, sag's ehrlich." „Das ist recht, das; du einmal ordentlich redest. Schau, so fortlanfen, oder was man hat, gleich aus der Hand geben, das kann man nicht. Ich Hab damit weiter Geld gemacht, und ich Hab mir denkt: Hast dn's so lange ausgchalten, gchts auch noch ein bisle weiter, und ich Hab wollen groß -—" „So geh groß zum Teufel," schrie Zilge, stieß heftig nach, ihrem Manne, riß sich krampfhaft windend den Trauring von der Hand und ries dabei: »Aus ist's mit uns, los und ledig," warf den Ring hinab in den Fluß und rannte davon i aber bal^> 261 wendete sic querfeldein, denn sie sah einen Landjäger des Wegs daher kommen, der Landjäger sprang ihr über den Graben nach und sie sank vor ihm auf das Stoppelfeld. „Fang mich, bind mich, ich will nichts mehr von ihm, gar nichts, nie mehr, nie," rief sie. Der Landjäger, der Niemand anders war, als der Bruder Zilge's, stand wie verwirrt, und als jetzt Scb herbeikam, schrie Zilgc gellend auf und wühlte ihr Antlitz in den Boden. So wäre also doch wahr, was man schon lange geahnt hatte, war Zilge irrsinnig? Ei» leerer Wagen kam des Weges. Zilgc ließ sich lautlos von den Männern auf denselben tragen, nur zuckte sie bei jeder Berührung Scb's elektrisch zusammen. Ein Thcil der Lumpen wurde ihr als Kissen untcrgelcgt, mit dem andern deckte man sie zu, denn cs schüttelte sic ein Ficberfrost. Seb hatte schon im Spätherbst wieder in die neue Welt zu- rückkehrcn wollen, jetzt war er mit schwerem Leid in dcrHcimath gefangen; schrecklich war's, blieb er in derselben, aber noch schrecklicher, zog er mit der zwar nicht Irrsinnigen aber im unbezwing- lichen Widerwillen gegen ihn Gefangenen in die Fremde. Seb hatte den Leuten nicht geglaubt, das; seine Frau irrsinnig sei, und man hatte ihm das auch bald wieder ausredcn wollen; jetzt kam abermals Jedes darauf zurück, aber Scb wehrte cs ab. Es wäre viel leichter gewesen die unbegreiflichen Launen Zilge's zu ertragen, wenn sie Krankheit und nicht eine Herzcns- liärtigkeit waren, aber Seb war ehrlich genug, sich keine unwahre Erleichterung zu verschaffen, und in dieser Aufrichtigkeit fand er wieder einen neuen Trost; mit Milde und unzerstörbarer Liebe konnte er eine Hcrzcnshärtigkcit lösen, nicht aber einen Irrsinn. Er übte unsägliche Geduld an Zilgc, er warb um jeden Blick, um jedes Wort, jede Handreichung mit einer nachhaltigen Geduld, das; ihn das ganze Dorf darob lobte. Er war glücklich wenn er ihre Hand berühren durfte und als sie einst von selbst seine Hand fasste, küßte er die ihre. Ostmals sah sie ihn lächelnd an, dann aber wendete sic rasch 262 und wie erschreckt den Blick nnd unversehens wurde sic äußerst zänkisch und unwillig bei dem Geringsten, was er unterließ oder in seinem Schmerze linkisch that. Nie durfte Seb vor ihren Augen Geld zeigen, sic schrie dabei laut ans, wenn er diese Vorsicht vergaß, nie durfte er vor ihren Augen eines der Kinder liebkosen, sie sagte einmal ganz offen: „Wenn die Kinder nicht wären, wärst du nie mehr wieder- kominen, mir hast du mein Leben abgewürgt; aber die Kinder sind mein, nicht dein, das wird sich zeigen, und du bist ganz irr, wenn du glaubst du kannst mich sieben Jahr ins Glend werfen und mich dann wiederholen, weil dir's jetzt recht, weil dir's jetzt geschickt ist, ich bin auch mein eigen." Keine Einwendung, keine Bethcuerung half, cs schien, daß sie gar nicht darauf hörte. Wenn Seb sie manchmal durchdringlich ansah, konnte sie ausrufen: „Nicht wahr, ich bin alt und verhutzelt? Wie hast dir denn denkt, daß eine verlassene Frau aussieht nach sieben Jahr Elend? Ich brauch dir auch gar nicht mehr gefallen, ich will gar nicht mehr." Seb konnte ihr,der Wahrheit gemäß betheucrn, daß sie nur der Erholung nnd guter Tage bedürfe, um wieder frisch und munter zu sein; sie gab keine Antwort, sie sprach was sie auf dem Herzen hatte, und schien nichts crwiedcrt haben zu wollen. Wenn Seb ihr erklärte, daß der Hausbau sein Unglück und sein Glück geworden sei, rief sic oft: „Ich bin an keinem von beiden schuld und will auch kein Theil an keinem." Seb führte seine beiden Kinder täglich zweimal an der Hand nach der Schule, und holte sie zweimal wieder ab. So schwer cs ihm gelingen wollte, den kleinen Johannes dazu zu bringen, daß er die neue Welt nicht mehr Jammerika nannte, ebenso schwer ging cs, sein verhetztes und verstocktes Wesen zu schmeidigen. Gerade weil der Knabe bemerkte, wie leicht ersichtlich war, das; der Vater um seine Liebe warb, schien er um so verschlossener. Mit Geschenken war er noch weniger als Zilge zu gewinnen, 263 denn ein Kind freut sich der Gabe nnd vergißt alsbald des Gebers. Der troßköpsige und hinterhältige Knabe erschien als der leibhaftige großgezogeneHaßgedankeZilg^s, und bald zeigte sich, daß er noch etwas anderes war. Es war am Ncnjahrstage, da saß Seb bei Zilge und betheuerte ihr in innigen und festen Worten, wie er wisse, daß er kein Recht mehr auf sie habe, sie könne ihn verschmähen und verstoßen, sie sehe ja aber, daß er um sie werbe, wie um eine Fremde, er wünsche nur, daß er etwas thun könne, um ihr seine Liebe zu beweisen; wenn cs der Pfarrer thäle, er würde sich noch einmal und mit erneuter Glückseligkeit mit ihr trauen lassen. Da streckte Zilge zitternd die Hände aus, aber in demselben Augenblicke trat der kleine Johannes ein, und Zilge schrie laut auf, raunte nach der Kammer und verschloß sie hinter sich. Hatte Zilge eine Scheu, eine vielleicht erwachende Liebe zu ihrem Manne vor dem Knaben zu zeigen, der so oft ganz anderes von ihr gehört hatte? Aus dcm Stroiiicsgrnnde. Die Zeit der Abreise rückte immer mehr heran und Zilge wollte sich für nichts entscheiden, und sic sollte cs doch allein. Sic war voll Ingrimm, daß Seb nach wiederholten, vergeblichen Versuchen die natürlichen Folgerungen ihrer Worte aufnahm; sie hatte ihm so oft gesagt, daß er jedes Anrecht auf sie verwirkt habe, er stellte nun jede Entscheidung ihr anheim und gelobte, ihr nicht mehr dreinzurcden und sich in Jegliches zu fügen. Diese unbewegte richterliche Annahme ihrer Aussprüche empörte sie, und doch konnte sic sich zu nichts entschließen und bestimmen i bald wollte sie mitgehcu, bald daheim bleiben, bald durch dieses Rache und Vergeltung üben an Allen im Dorfe, die ihr je eine Unbill angcthan, bald wollte sie durch die Auswanderung sie ans ewig vergessen und mit Verachtung strafen. Wenn Seb darauf drang, daß mau aus dieser Schwebe heraus müsse, wenn er mäßig und bestimmt Alles darlcgte, so war sic äußerst gereizt. Sie er- 262 und wie erschreckt den Blick und unversehens wurde sic äußerst zänkisch und unwillig bei dein Geringsten, was er unterließ vder in seinem Schmerze linkisch that. Nie durfte Seb vvr ihren Augen Geld zeigen, sie schrie dabei laut auf, wenn er diese Vorsicht vergaß, nie durfte er vor ihren Augen eines der Kinder liebkosen, sie sagte einmal ganz offen: „Wenn die Kinder nicht wären, wärst du nie mehr wieder- kommcn, mir hast du mein Leben abgcwürgt; aber die Kinder sind mein, nicht dein, das wird sich zeigen, und du bist ganz irr, wenn du glaubst du kannst mich sieben Jahr ins Glend werfen und mich dann wiederholen, weil dir's jetzt recht, weil dir's jetzt geschickt ist, ich bin auch mein eigen." Keine Einwendung, keine Bctheuerung half, cs schien, daß sie gar nicht darauf hörte. Wenn Scb sie manchmal durchdringlich ansah, konnte sie ausrufen: „Nicht wahr, ich bin alt und verhutzelt? Wie hast dir denn denkt, daß eine verlassene Frau aussicht nach sieben Jahr Elend? Ich brauch dir auch gar nicht mehr gefallen, ich will gar nicht mehr." Seb konnte ihr,der Wahrheit gemäß betheuern, daß sie nur der Erholung und guter Tage bedürfe, um wieder frisch und munter zu sein; sie gab keine Antwort, sie sprach was sic auf dem Herzen hatte, und schien nichts crwicdert haben zu wollen. Wenn Seb ihr erklärte, daß der Hausbau sein Unglück und sein Glück geworden sei, rief sie oft: „Ich bin an keinem von beiden schuld und will auch kein Theil au keinem." Scb führte seine beiden Kinder täglich zweimal an der Hand nach der Schule, und holte sie zweimal wieder ab. So schwer cs ihm gelingen wollte, den kleinen Johannes dazu zu bringen, daß er die neue Welt nicht mehr Jammcrika nannte, ebenso schwer ging cs, sein verhetztes und verstocktes Wesen zu schmeidigen. Gerade weil der Knabe bemerkte, wie leicht ersichtlich war, daß der Vater um seine Liebe warb, schien er um so verschlossener. Mit Geschenken war er noch weniger als Zilge Zu gewinnen, 263 ^cim ein Kind freut sich der Gabe und vergißt alsbald des Gebers. Der troßköpfige und hinterhältige Knabe erschien als der leibhaftige großgezogene Haßgedanke Zilge's, und bald zeigte sich, daß er noch etwas anderes war. Es war am Ncnjahrstagc, da saß Seb Lei Zilge und bc- thcuerte ihr in innigen und festen Worten, wie er wisse, daß er kein Recht mehr auf sie habe, sie könne ihn verschmähen und verstoßen, sic sehe ja aber, daß er um sie werbe, wie um eine Fremde, er wünsche nur, daß er etwas thnn könne, um ihr seine Liebe zu beweisen; wenn cs der Pfarrer thälc, er würde sich noch einmal und mit erneuter Glückseligkeit mit ihr trauen lassen. Da streckte Zilge zitternd die Hände aus, aber in demselben Augenblicke trat der kleine Johannes ein, und Zilge schrie laut auf, raunte nach der Kammer und verschloß sie hinter sich. Hatte Zilge eine Scheu, eine vielleicht erwachende Liebe zu ihrem Manne vor dem Knaben zu zeigen, der so oft ganz anderes von ihr gehört hatte? Aus dcm Stromcsgl'ililde. Die Zeit der Abreise rückte immer mehr heran und Zilge wollte sich für nichts entscheiden, und sie sollte cs doch allein. Sic war voll Ingrimm, daß Seb nach wiederholten, vergeblichen Versuchen die natürlichen Folgerungen ihrer Worte aufnahnw sic hatte ihm so oft gesagt, daß er jedes Anrecht auf sie verwirkt habe, er stellte nun jede Entscheidung ihr anheim und gelobte, ihr nicht mehr drcinzuredcn und sich in Jegliches zu fügen. Diese unbewegte richterliche Annahme ihrer Aussprüche empörte sie, und doch konnte sic sich zu nichts entschließen und bestimmen; bald wollte sic mitgehcn, bald daheim bleiben, bald durch dieses Rache und Vergeltung üben an Allen im Dorfe, die ihr je eine Unbill angethan, bald wollte sie durch die Auswanderung sie auf ewig vergessen und mit Verachtung strafen. Wenn Seb darauf drang, daß man aus dieser Schwebe heraus müsse, wenn er mäßig und bestimmt Alles darlegte, so war sie äußerst gereizt. Sie er- kannte wohl, welch ein fester ruhiger Mann Seb geworden, und ein Bewußtsein der innen: Verwahrlosung, in die sie während der sieben verlassenen Jahre gcrathcn war, dämmerte in ihr auf. Sie war die stolze Zilgc, sollte jetzt Seb mehr sein als sie? „Ich will dein Gnad' und Barmherzigkeit nicht", sagte sie einmal zu Seb, ohne zu erklären, woher sic zu diesem Gedanken gekommen war. Sie ließ gerne Alles in der Schwebe hängen, sie war durch die sieben Jahre an eine solche Schwebe gewöhnt, allzeit einer Erwartung hingegeben, und wenn man sie jetzt zu einem Entschlüsse drängen wollte, weinte sie unaufhörlich. Ucbcrhaupt weinte sic viel über ihr vergangenes Elend, und war dabei gar nicht zu beschwichtigen, und cs verdroß sie sehr, daß Seb sic lehren wollte, das Vergangene als abgethan und todt zu betrachten, sie weinte dann nochmals ob solcher Rede. Der Arzt, der ans den Wunsch Seb's allwöchentlich einmal kam, aber auch von selbst, wenn ihn sein Weg in's Dorf führte, zu Seb kam und gerne mit ihm über Amerika sprach, der Arzt war ein verständiger Mann und Seb's Tröster und Helfer. Er erklärte das viele Weinen Zilge's als eine Eigenthümlichkcit der Frauen, die oft mit heldcnmüthigcr Kraft das Ungemach ertragen, sich aber von der Erinnerung an dasselbe niedcrwerscn lassen; sie spiegeln sich im Mitleide mit sich selber, und kommen schwer drüber hinaus. „Da haben Sie in's Schwarze getroste::," sagte einst Seb, als ihm der Arzt den ganze:: Zustand Zilge's daraus erklärte, daß sie eines Prozcßkrämers Tochter sei, sie habe mit ihrem Manne auch einen Prozeß, und wolle ihn ans's Aeußerstc hinausführen, und die Entscheidung sei ihr eigentlich nicht recht, auch wenn sie gewinne, wie ihr Seb gewiß gerne zugebe. Den Bruder Landjäger, der auf Anrathen Seb's gelinder mit seiner Schwester umgehen wollte, duldete sic gar nicht um sich, sie sagte so oft er kann „Das ist mein eigen Haus," und weiter war kein Wort ans ihr hcranszubringen. Das ganze Dorf kam nach und nach und redete Zilgc zu, doch ihren Starrsinn zu lassen. Sie ließ sich die mancherlei Triumphe nicht entgehen, die sic bei diese» Besuchen hatte; sie lächelte frohlockend, wenn Jedes sagte, wie gut und dcmüthig Seb gegen sie sei und entgalt cs dabei Manchem in scharfen Worten, was er ihr vormals ange- tha». Zur Verwunderung Aller entschied sie sich aber endlich gegen den Pfarrer dahin, daß Seb allein in die weite Welt ziehen solle, sie bleibe im Dorfe und in ihrem eigenen Hanse, cs werde noch anshaltcn so lange sie lebe. Seb redete von nun an kein Wort mehr über die Hauptsache, und sie sah ihn darob oft im verbissenen Zorne an. Es handelte sich seht nur noch darum, bei wem die Kinder bleiben sollten. Seb machte Anspruch ans eines derselben, wie er dem Pfarrer sagte, auch als Unterpfand, das; Zilge vielleicht dadurch andern Sinnes werde und ihm Nachkomme. Er überließ es ihr, welches der K inder sie hcrgcben wolle, das Mädchen war ihm anhänglich aber der Knabe bedurfte seiner vielleicht mehr. Auch darüber konnte sich Zilge lange nicht entscheiden, sic weinte wiederum viel und schalt innerlich über Seb, der sie gar nicht zu trösten suchte. Auf wiederholtes Bedrängen erklärte sie schließlich im Frübling dem Pfarrer, daß Seb den Knaben mitnehmen möge. Als Zilge aus dem Pfarrhause heimkam, umhalste sie ihren Johannes weinend und sagte ihm, daß er sie nun auf ewig verlasse und mit dem Vater in die weite Welt ziehe. Da riß sich der Knabe aus den Armen der Mutter los, rannte ans der Stube, so sehr ihm auch Seb rief, er raunte durch das Dorf und wendete sich ans den Zuruf des hinter ihm drein folgenden Vaters nicht mm. Mit der Behendigkeit eines Reh's sprang er durch die Felder und hinab den Bcrgwald nach Weitingen, Seb hinter ihm drein, rufend und schreiend, bittend und scheltend. Johannes verlor im Rennen seine Muße, er wendete sich nicht danach uni, der Vater hob sie auf und sie in der Hand schwingend eilte er dem störrischen Kinde nach. Jetzt stand der Knabe an der Stelle, wo Zilge den Trauring in den Neckar geworfen; Seb rief nochmals dem Knaben zu, die Haare standen ihm zu Berge, da spritzte der Strom hochauf, der Kuabe war verschwunden. Seb rannte ihm nach, sprang ins Wasser, schrie laut um Hülfe, das Klappern der Mühle verschlang 260 seinen Hülseruf. Am Mühlrechen erhaschte er das Haupt des Knaben und schrie, an die Lust gekommen, mitletzterKraftumHülfe; da wurde die Mühle gestellt, die Mühlknappen kamen mit Stangen herbei und halfen Scb und dem Knaben aus dem reißenden Strome. Der Knabe hing leblos in den Armen des Vaters. Da drang ein gellender Schrei wiederhallcnd durch das Thal, Zilge stand händeringend am Ufer. Die Müllerin eilte über den Steg zu ihr und hielt sie fest. Eine Viertelstunde entschlichen Jammers war in der Mühle, man rieb den Knaben, der blau geworden, leblos da lag, und als er endlich viel Wasser ausspie, die Augen aufschlug und sie bald wieder schloß, hochauf athmete und den Kopf zurückwarf, fiel Zilge ihrem Manne um den Hals: „Jetzt kannst du mit mir machen, was du willst. Verzeih mir nur," rief sie. „Weil ich das Kind aus dem Wasser gezogen?" fragte Scb. „Nein, du hast mich auch aus dem Tod geholt, mich auch. Hättest du nur auch meinen Trauring wieder mit hcraufgcbracht," sagte Zilge. „Laß ihn versunken sein, ich Hab einen neuen, sich, den Hab ich dir aus der neuen Welt mitgebracht i jetzt sasse ich dich in Gold." Und als der Knabe zum crstenmale sprach: „Vater, ich Hab mich nicht in's Wasser stürzen wollen, thu' mir nur nichts," zog Seb seiner Zilge den neuen Trauring an, und sie kniete vor ihm nieder und bat Gott und ihren Mann tausendmal um Verzeihung und Vergebung. . . . Gerade auf den Jahrestag, an dem der Grundstein zu dem eigenen Hause gelegt worden war, hatte Seb die Abreise bestimmt. Am Abend als der Thau sich auf den Roggen senkte, der eben aus den Aehren schoß, gingen Seb und Zilge Hand in Hand wieder die alten heimlichen Wege durch die grünen Gartenhecken, die jetzt so knospenartig dusteten und von Vogclgcsang erschallten. 267 „Ach, ich Hab dich so licb," rief Seb, „es ist ein' Schand, daß ich dir's sag, aber ich mein', du wärst noch ein jung Mädle nnd cs seien noch die Zeiten, wo wir da mit einander gegangen sind." „Und mir ist's, wie wenn wir nicht so große Kinder daheim hätten, und uns erst jetzt bekämen. O, ich hätte dir oft gern gesagt, wie ich dich im Grund des Herzens so gern Hab, wie du so geduldig und liebreich gegen mich gewesen bist, aber ich Hab nicht können. Es ist mir gewesen, wie wenn mir Jemand zum Guten den Mund znhielte. So muH es einem Schcintodten sein, der reden will und nicht kann. Jetzt bin ich selig, glücklich wieder auferstanden." Seb lenkte bald wieder in die männlich ruhige Mittelstimmung seines Charakters zurück, er war kein Freund von den raschen Umstürzen, und Zilgc ließ sich's gefallen. „Hast du denn drüben auch ein eigen Haus?" fragte sie. „Das geht schwer, wir ziehen von Stadt zu Stadt und bauen, und Hab ich ein eigen Haus, verkauf ich's wieder. Wenn du aber willst, sag's nur."— „Ich will nichts mehr, als was du willst." „Dein Bruder geht auch mit uns," sagte Seb und Zilge crwiederte: „Ich will's ihm vergeben, was er mir angethan hat, man hat mir ja auch viel zu vergeben, aber du ladest dir viel auf mit ihm, er will nichts schassen." „Er wird's in Amerika schon lernen." „Ich s"g dir noch einmal, mir zu licb brauchst du's nicht thun; du bist mir genug auf der Welt, mein Alles; ich brauch auch keinen Bruder." „Aber ich lass nicht von ihm, von keinem, der einmal mein ist. . ." Wie Neuvermählte zogen Seb und Zilge fort in die neue Welt. Erd m u t h r. Gottfried von Hollmariugen. ,,^er Cyprian hat heute das Sonnenwirthshaus in Len- tershofen gekauft," berichtete der Oberknecht des Schultheißen Gottfried von Hvllmariugcn, als dieser am Abend mit Kindern und Gesinde bei Tische saß. „Woher weißt's?" fragte der Schultheiß. „Bin beim Weinkauf gewesen. Geht lustig her. Sißen gewiß noch bei einander." „Wie theuer hat er gekauft?" „Haus und Aeckcr für sieben tausend Gulden und zwei hundert Gulden Schlüsselgeld für die Frau. Soll billig sein, sagen alle Leut'." Weiter wurde bei Tische nicht gesprochen. Erst als der Sohn, die beiden Töchter und das Gesinde die Stube verlaßen hatten, sagte die Frau: „Laß dich's nicht zu arg verdrießen, daß dein Schwager dir gar nichts von seinem Vorhaben gesagt hat —" „Ist schon lang mein Schwager nicht mehr. Das Kind ist todt, die Gevatterschaft hat ein End." „Deiner Schwester Kind lebt ja noch." „Freilich, freilich, das paßt jetzt nicht, aber ich will ihm doch zeigen wer ich bin; bin ich sein Schwager nicht mehr, so bin ich doch noch der Gottfried von Hollmaringen und er soll mir nicht mit Unrecht vorgeworfen haben, mir reißt man nichts aus der Hand, ich halt scsi wie eine Bcißzang. Ich Hab jetzt eine Staats- beißzang und das ist das Gesetz; das Muttergut von meiner Schwester Kind darf er nicht mit ins Ausland nehmen, morgen am Tag schieb' ich ihm einen Riegel vor." Während Gottfried noch sprach, rollte ein Wagen mit lärmenden Insassen die Straße herauf, Gottfried steckte den Kopf zn dem kleinen Schiebfensterchen hinaus nnd erkannte trotz der Nacht an den Pferden nnd an den lärmenden Stimmen den Cyprian mit seinen Schmarotzern, die weiter oben im Dorfe vor einem stattlichen Hanse anhielten, unter Geschrei nnd Lachen nach Laternen riefen, nnd als diese und funkelnde Lichter kamen, erneute sich der Lärm, der doppelt laut durch das stille schlafende Tors drang. „Du hast einen Nansch wie ein Haus." „Nein, jetzt wie zwei Häuser," horte man rufen nnd ein Mann wurde in den erleuchteten Hausflur getragen. „Du solltest noch zu Um, hinaufgchcn, er wird ja zum Kin- dcrspott wie er's treibt," sagte die Frau als Gottfried tief auf- athmcnd sich in die Stube zurück wendete. „Hat bis morgen Zeit," erwicdcrte Gottfried, „ihr Weiber meint immer, der morgige Tag lauft davon." „Wenn du dein Schwestcrkind in's.Haus nehmen willst, mir ist's rechtschaffen recht; das Kind verkommt so in dem Durcheinander nnd bei der herben Stiefmutter." „In Gutem läßt er mir auch das Muttcrgut nicht und läßt er mir auch das Kind nicht. Mein' Sach ist jetzt nur, dafür zu sorgen, daß meiner Schwester Kind nicht in Armulh kommt; wie es ihm sonst geht, dafür muß Gott sorgen und die Verstorbene wird über cs wachen —" Der feste Ton des gelassenen Mannes gewann bei diesen letzten Worten etwas Bebendes, er fuhr sich mit der Hand über das ganze länglich schmale Antlitz, stand auf nnd ging mit schweren Schritten nach der dunkeln Kammer, sich zu Bette zu legen. Cyprian hatte vor Jahren die einzige Schwester Gottfrieds geheirathct, von der ein einziges Kind übrig geblieben war, das den Namen der Verstorbenen, Crdmuthe, trug. Seit der Wiedcr- vcrheirathung Cyprians lebten die Schwäger in einem lauen Verhältnis;, das noch dadurch fremder wurde, weil Cyprian sich einem gewissen unruhigen, Zerstreuung suchenden Leben hingab und mit 273 Menschen umging, die sich nicht zur- Gesellschaft eines reichen Bauern schickten; ja er kegelte oft ganze Sonntag Nachmittage mit halbwüchsigen Burschen, wo cs noch mehr Schande war, ihnen Geld abzngcwinnen, als cs an sie zu verlieren. Wenn Gottfried seinem Schwager in dem Marktflecken Lcntcrshofcn auf dem Kornmarkle oder im Wirthshause begegnete, grüßten sie einander und wechselten auch manchmal eine Rede, aber offenbar mehr der Leute wegen; sie saßen dann an gesonderten Tischen, jeder bei seiner Kameradschaft, und daheim im Dorfe wichen sie einander wie auf eine Verabredung ans. Alan sagte, die Frau Cyprians sei an dieser Mißhclligkeit schnld, da sie es nicht dulden wollte, daß Cyprian in der gewohnten Abhängigkeit von Gottfried, keinen Pfcrdekauf, nichts unternahm, ohne die Entscheidung des Schwagers einznholen. Cyprian haßte aber seinen Schwager von selbst und der Haß wächst auf dem verschiedensten Grund und Boden. Einst war Cyprian stolz darauf gewesen, mit Gottfried verschwägert zu sein, jeßt war er voll Acrgcr, daß immer nur von Gottfried die Nede war, daß Jeder im Dorfe und auswärts nur so viel Geltung hatte, als Gottfried ihm zukommcn ließ. Der Hauptgrund des Hasses war aber, das; Gottfried immer reicher wurde, während Cyprian trotz seiner Arbeitsamkeit, so oft er einen außergewöhnlichen Vortheil zu erringen hoffte, fast immer Schaden erlitt; er wollte in Kauf und Verkauf seinen eigenen Weg und nicht Gottfried nachgehen wie die anderen, und meist schlug das bös ans. Mit der Wohlhabenheit Gottfrieds wuchs auch der Haß Cyprians gegen denselben und während man Gottfried äußerst genau, ja karg nennen konnte, schalt ihn Cyprian geizig, habsüchtig und blutsaugcrisch, und es gab gute Leute genug, die diese Aeußcrungcn Cyprians dem Gescholtenen mit der üblichen Zuthat hinterbrachten. Das stille abgelegene Dorf, in dem noch nach der reichen Bauern Art, ein Jeder für sich abgeschlossen lebte, schien aber auch keine rechte Heimath mehr für Cyprian; er saß oft ohne erkennbaren Grund Tagelang in der diesseitigen Amtsstadt oder in dem Marktflecken des Grenzlandes und wenn er in die Wirthsstuben trat, wußte Auerbach's Dorfg. 4. Bd. 18 274 man bereits, was er zu trinken begehrte und brachte ihm solches ungeheißen; besonders ein rothcr Unterländer, den der Souneu- wirth „Wciberzorn" getauft hatte, schien eigens für Cyprian gewachsen. Man erzählte, daß er einst den Erlös von einem ganzen Wagen voll Bretter in der Sonne vertrunken und verspielt habe und als er Abends hcimging, rief er: „Machet dasHosthor auf, es will ein Wagen voll Bretter 'naus." Ein andermal ließ er in gleicher Weise den Erlös von einem Kalbe draufgehen, und bei jedem frischen Schoppen, der kam, blökte er wie ein Kalb: „Mäh, mäh." Solche Geschichten verbreiteten wohl den Ruhm seines lustigen Wistes, Cyprian war aber noch klug genug, um auch zu erkennen, daß Ehre und Ruhm sich daran hängen. Noch war es von geringer Bedeutung, was er eingebüßt hatte, denn ein wohlbestelltes Ent vermag Manches anszntragcn. Cyprian legte sich oft wochenlang jede Entbehrung auf, arbeitete unablässig und sprach mit Niemanden, aber eben diese gcwaltsameZurück- halkung verleitete ihn bei der ersten Veranlassung wieder zu einem Rückfall. Endlich hatte er es hcransgcbracht, daß nur die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Ortes ihn hinausziche; hatte er kameradschaftliche Ansprache in der Nähe, war er in einem Orte, wo er selber der erste war und nicht Alles Eottsriedische Unterlhanen, und hatte er gar ein eigenes Wirthshaus, so mußte es von selbst kommen, daß er wieder der Alte war, ja noch höher stieg. Darum hatte er die Sonne gekauft, sich beim Wcinkaufe der unbändigen Trinklust hingegeben, denn er hatte gesagt: „Das soll mein lesttcr Rausch sein. Es thnt doch weh, auf ewig Abschied davon zu nehmen, aber cs muß sein; ein Wirth, der allzeit halb duselig 'rumlaust, der ist der Garnichts, einen Schluck für den Durst darf man trinken, aber mehr nicht. Komm her lesttcr Uebcr- durst, allerletzter und allcrallcrlestter." Am frühen Morgen schaute Gottfried zum Fenster oder vielmehr zum Eisengitter hinaus, denn das Haus Gottfrieds war eines der ältesten im Dorfe und alle seine Fenster mit ausgetief- ten starken Eisengittcrn versehen. Man hatte ihm oft gerathcn, doch diesen Ueberrest der alten unsicheru Zeit abzuthun, er ließ. 275 sich aber nicht dazu bewegen, er fand in dieser Vergitterung nicht nur eine Zierde des Hauses, sie war ihm selber auch anständig und man kann fast sagen sie hatte sich seinem Charakter ausgeprägt, sein Ausblick in die Welt hatte etwas feindseliges, er war allzeit auf räuberische Anfälle gefaßt und dagegen geschützt und in dieser Sicherung gegen die feindliche Welt war sein Blick auch ohne das faßbare Gitter stets von einer geistigen Schutzwehr durchschnitten. Es konnte sich nie Jemand rühmen, daß er ihn ganz in der Hand gehabt habe. Jetzt sah Gottfried den Cyprian schon hemdärmelig bei der Arbeit, er richtete sein Bcrnerwägelein her, spielend hob er es mit der Winde in die Höhe, hängte bald dieses bald jenes Rad aus, salbte die Achsen, brachte mit einem leichten Griffe das Rad in Schwung, daß es noch lange sich um und um drehte. Man sah an seinem ganzen rüstigen Gebaren, daß er entschlossen schien, das Leben von vorn und frisch anzufangen. Cyprian war einer der schönsten Männer der Gegend, groß, stark gebaut, vollen rnnden Antlitzes mit dunkeln Augen voll stillen Feuers, glatter weißer Stirne und braunen von selbst geringelten Haaren. Wenn er lächelte nnd die weißen Zähne sichtbar wurden, lag eine seine Anmuth in seinem Ausdrucke, wobei er die „Hundsaugcn" wie sie der alte Gottfried genannt hatte, halb verdeckte, was ihm etwas Schelmisches und doch Gutmüthiges gab. „Bläsi," (Blasius) rief jetzt der zum Fenster hinausschauende Gottfried seinem kaum der Schule entwachsenen Sohne, der im Hofe die Ochsen cinjochtc, zu, „Bläsi, geh hinauf zum Vetter Cyprian und sag ihm, ich lass ihn fragen, ob er nicht zu mir kommen will." Bläsi band den Riemen fest, ließ das andere Halbjoch leer und ging das Dorf hinauf. Cs war ein besonders schlanker Bursch wie er dahin schritt und in den schwarzen ledernen Hosen und den hohen Stiefeln sah er zwar etwas steif aber knappenhaft aus. Als er Cyprian die Botschaft ausrichtcte, sagte dieser lachend und den Kopf zurück werfend: 18 * 276 „Sag deinem Vater, er hat grad so weit zu mir wie ich zu ihm." Bläsi ballte die Faust und preßte die runden Lippen zusammen als er das Dorf herab schritt. Er kündigte dem Vater die Antwort und sagte, indem er den zweiten Ochsen einjochte: „Zu dem laß ich mich nicht mehr boten schicken." Gottfried befahl mm, daß auch ihm das Bcrncrwägclcin hergerichtet werde,- er hatte die Angelegenheit mit Cyprian gütlich beilegen wollen, jetzt blieb es beim Rechtswege. Noch wirbelte der Staub auf der Straße vom raschen Ber- nerwägclciu Cyprians, als Gottfried hinter ihm drein fuhr. Ein Jeder hatte leeren Platz neben sich, aber unsichtbar saß neben Jedem der zum Feinde gewordene Schwager, denn einer hegte Zornesgcdankcn gegen den andern. Gottfried schämte sich, den Zerfall durch die Dörfer kundzugcben, durch die man fuhr: er ließ Cyprian einen Vorsprung. Erst auf der Treppe des Amtsgerichtes begegneten sie einander, Cyprian kam herab, während Gottfried hinauf stieg; sic gingen stnmm einander vorüber, aber kaum war Gottfried einige Stufen gegangen, als er sich nmkehrte und in sanftem Tone sagte: „Cyprian, laß gut mit dir reden." „Ich Hab nie was Böses gezeigt." „Komm ins Wirthshaus, da wollen wir's ausmachcn." „Was hast denn?" „Gib mir das Kind, laß mir die Erdmuthe." „Und weiter willst nichts?" „Nichts für mich." „Für wen denn?" „Für das Kind. Thu's denen unterm Boden nicht an, daß ich dich vor Gericht zwingen muß, das Mnttergnt heraus zu geben." „So? Tu kannst mich zwingen?" „Ich will ja nicht." „Will du nur." „Thu's in Gutem, es ist ein' Schand vor Gott und den 277 Menschen. Du »anderst aus, das Kind ist bei uns heimathbe- rechtigt —" „Du hast auch nicht alle Gesetze im Kopf; das Kind ist des Vaters." „Kann sein, aber das Muttergut muß sichcrgestellt werden bei uns; thu's freiwillig und ich laß da oben die Thüre zu." „Mach du sie nur auf." „Cyprian," sagte Gottfried mit bewegter Stimme, „es ist das letzte Wort, das ich mit dir red', übcrleg's zweimal." „Du kannst mir dreimal zum Teufel gehen. Was mein ist, hältst du nicht hinter deinem Eisenkrems," höhnte Cyprian. „Und du stirbst noch einmal (als Gefangener) hinter einem andern Eiscnkrems," knirschte Gottfried voll Zorn. Laut lachend ging Cyprian davon. Er schaute nicht mehr um und Gottfried öffnete die Thüre der Gcrichtsstube. Der Gottfried von Hollmaringcn war der Mann, der das, was er einmal wollte, unablässig ausführte. Er brachte es dahin, daß die Auswanderung Cyprians Hinterhalten, sowie die beabsichtigte freiwillige Versteigerung von Cyprians Haus und Hof wieder zurückgenommcn wurde. Ucber dieses letztere war Cyprian besonders ingrimmig. Er hatte die Felder sammt dem stehenden Erträgnis; verkaufen wollen, was allerdings zum besseren Erlöse von nicht geringer Bedeutung war, jetzt muhte er ernten und dreschen und pflügen und säen und wollte doch nichts mehr von allem diesem und dazu hatte er noch ein Wirthshaus und Güter in Leutcrshosen, das Haus stand leer und um das Erträgniß der Ernte wurde er halb betrogen. Immer mußte er auf dem Wege hin und her sein und dazu noch vor Amt. Um all das Ungemach zu vergessen, mußte jetzt Cyprian den Wein zu Hülfe nehmen, aber beim Glase und am nüchternen Morgen schalt er auf Gottfried, der ihn zu Grunde richte. Gottfried grenzte von je her mit seinen Aeckcrn an viele Nachbarn, er durfte sich rühmen, daß er nie mit Jemanden einen Streit gehabt; in diesem Jahre hatte er wo er an Cyprian grenzte, immer die ärgsten Händel, die natürlich auch von den beiderseitigen Dienstleutcn — 278 — ausgenommen und gehörig ausgebeutct wurden. So war aus dem anfangs nur abwendigen und störrischen Cyprian ein grimmiger Feind geworden. Gottfried aber ging ruhig seines Weges, er verbot in seinem Hause, daß man die bösen Nachreden Cyprians erwähne, ja cr that nichts dagegen als ihn einmal Cyprian selbst öffentlich beschimpfte^ er wollte ihn nicht weiter in's Unglück bringen, er hatte seiner Pflicht genügt und blieb ruhig und gelassen. Tic FcindMindcr und der Schwester Ehrcnschimick. Es gibt ein altes Kinderspiel, das überall und zu allen Zeiten unter den verschiedensten Namen verbreitet ist: mit einem flachen Kiesel oder einem Scherben wagrccht über die Oberfläche eines Wassers werfen, das; der Stein das Wasser nur berührend oft und oft weiter hüpft, bis er endlich »ntersiukt, das nennt man hier zu Land: Bräutlc lösen, und man gibt dafür die Deutung, das; es sinnbildlich die feine, nicht so leicht zu erhaschende, hüpfende und tänzelnde Art der Braut darstclle, die lange neckisch sich verhält, bis sie doch endlich dem Naturgesetze folgend vom Strome des Lebens bewältigt wird. Mag dies die entsprechende Deutung sein oder nicht, gewiß ist, daß Knaben und Mädchen mancherlei Scherz damit treiben und Vläsi, der am Weiher bei der Hans- brechc mit anderen Kindern dies Spiel oft trieb, verstand es, den Stein am meisten auffliegen zu machen, und Cyprians Erdmuthe, die die Kinder ihm als Braut zutheilten, mußte oft hören, daß sic lange tanzen müsse. In der Thal behandelte Bläsi sein Geschwisterkind mit brüderlicher Aufmerksamkeit und hatte nichts dagegen, wenn man sie seine Braut nannte. Jetzt, da die Väter so feindselig geworden, war das anders. Es ist eine seltsame aber vielfach bewährte Erfahrung, das; die Kinder verfeindeter Verwandten den Familienzwist in cigen- thümlicher Weise ausnehmcn und leicht auf die Spielplätze übertragen. Der kleinen zehnjährigen Erdmuthe, die ein derbes braunes Kind mit den dunkeln Augen des Vaters war, hatte man das Haus des Ohms Gottfried strenge verboten, sie durste es nicht mehr betreten und Niemanden aus demselben grüßen, ja sie hörte Tag und Nacht die häßlichsten Worte auf den Oheim und wußte nicht anders, als er wolle ihren Vater an den Galgen bringen. Eine ältere Magd im Hause, die noch bei der verstorbenen Mutter gedient hatte, Traudle (Gertraude) genannt, suchte ihr zu erklären, was eigentlich vorging; aber das Kind begriff natürlich nur die Feindseligkeit im Allgemeinen und liebte über Alles seinen Vater, der jederzeit so gut und liebreich gegen dasselbe war, und jetzt war noch dazu, ohncdas; Erdmuthc den Zeitpunkt merkte, auch die Mutter mild und sanft gegen sie; ja sie kleidete sie immer besonders sauber an und hieß sie manchmal: „liebs Erdele." Wenn Erdmuthc an dem Hanse des Oheims vorübcrging, schaute sie zur Erde und schüttelte zornig mit dem Kopfe, als wollte sic damit sagen: Ich grüße euch doch nicht. Stundenlang saß sic ans der Steinbank vor dem Hause mit ihrem Strickzeug und schaute nur manchmal hinab nach dem Hause des Oheims und dann stieß sie mit der Faust vor sich hin und verzog das Gesicht zu eigcnthümlichcm Trotze und ihr ganzes Wesen sprach: Warum seid ihr so bös? Das ganze Hans erschien ihr so stachelig, starr und finster wie die Eisengittcr vor den Fenstern, die auch so trotzig auf die Straße schauten. Des Nachbars Elans, ein lahmer Knabe, der an Krücken ging, saß oft bei Erdmuthe und wußte ihr viel zu erzählen, wie tückisch der Bläsi sei, denn so klein der Elans war, gab ihm doch seine Eifersucht auf Bläsi manchen großen Gedanken ein. Bläsi ging an Erdmuthe vorüber, als ob sic nicht da wäre. Er hatte ihr einmal heimlich Kirschen geschenkt, sie aber warf sie auf die Straße, daß die Gänse sie ausschnabelten. Bei den Spielen zog sich Bläsi oder Erdmuthe alsbald zurück, wenn eines sah, daß das andere unter den Versammelten war. Den Eyprian haßte Bläsi so sehr, daß er einmal wochenlang cinen Stein bei sich trug, damit er ihm solchen an den Kopf werfen könne, wenn er ihn schlagen wolle. So war der Familienzwist bis tief in die Kinder gedrungen. Mit den abfallenden Blättern kam auch ein großer Slcm- pclbogcn ins Dorf, der das letzte Erkenntnis; in dem Rechtsstreite zwischen Cyprian und Gottfried brachte: es kantete zu Gunsten des letztem. Tie Versteigerung wurde nun auberaumt, aber die Hollmariuger sind stolze wohlhäbige Bauern, sie lassen es nicht leicht dazu kommen, das; sich ein Fremder durch Güterankauf bei ihnen ansässig mache, sic sind froh, wenn einmal ein Acker bei ihnen käuflich wird, um das eigene Gut zu vergrößern oder ein Kind dadurch im Orte zu behalten. Es fehlt daher in Hollmarin- gcu meist an fremden Käufern und die Helfershelfer, die Cyprian ausgestellt hatte, brachten nur wenig zu Stande; man lies; ihnen einige Güter zuschlagen, vollkommen gewiß, das; sie sie bald wieder verkaufen müßten. Das Haus und den größten Theil der Güter erwarb Gottfried unter dem Namen eines Schcinkäufers, und Cyprian war aufs Neue ergrimmt als er dies; merkte. Obgleich er die Sitte des Dorfes kannte und dabei den erklecklichen Kaufpreis erzielte, glaubte er sich doch übervortheilt und bei dem Weine, der damals noch während der Gütcrvcrstcigcruug getrunken wurde, machte er seinem Grolle auf das ganze Dorf und vor Allem auf Gottfried Lust. Mau lies; ihn schimpfen wie er wollte, er war nicht mehr ebenbürtig und man verzieh ihm leicht seinen klnmuth darüber. Ein namhafter Theil des Kaufschillings blieb als unantastbare Hypothek zur Sicherung des Muttergutes für Erdmuthe stehe». Um den nicht aus der Fassung zu bringenden Gottfried zu kränken, kündigte Cyprian an, das; er Tags darauf mit dem Hausrath auch eine» vollständigen Hochzeitsanzug und zwar den seiner verstorbenen Frau verkaufe. Alles sah auf Gottfried und nur die gedungenen Steigerer Cyprians tranken noch von seinem Weine, alle anderen gingen stille und ohne den üblichen Johannistruuk davon. Am andern Tage, bei der Versteigerung des Hausraths, war Gottfried fast das einzige Mannsbild unter den versammelten Frauen, und erst gegen das Ende wurde in der That der Ehrenschmuck der Verstorbenen zum Verkaufe gebracht. Man sah und hörte Gottfried nicht an, was in ihm vorging als er ein Stück des Gewandes nach dem andern zu hohem Preise erwarb. Er inachte sein Anbot immer mit gleicher ruhiger Stimme. Es 282 war noch ein Gewand aus der ehrenfesten Bauernzeit, das sich schon auf das zweite Geschlecht vererbt hatte. Ter kleine runde Strohhut mit gewässerten schwarzen Knüpfbändern mit rothen Weltrufen verziert, die rothen Zopfbänder, die schwarzsammtne auf dem Rücken weit ausgcschnitteneJackc, der sogenannte Schoben, das Scharlachmiedcr mit den silbernen Nesteln und Kettchen, der aus Silbcrdraht und Felbclschnürcn gedrehte Gürtel, ein besonderer nur an Ehrentagen getragener Schmuck, der blaue faltige Rock mit den verschiedenfarbigen Einfassungen, die feine weiße Schürze, die rothen Strümpfe und Stöckleschuhe, Alles das erwarb Gottfried eines nach dem andern und legte cs wieder mit Andacht in die kenntlichen Falten, da cs der Ausrufer auseinander gerissen hatte. Er sprach kein übriges Wort und nur den jedesmaligen Kaufpreis. Als aber jetzt wieder ein Stück Haus- rath an die Reihe kam, gebot er Stille und fragte den Ausrufer: „Ist die siebenfache Granatcnschnur mit dem Schwedcndu- katen nicht auch dabei?" „Den Halsschmuck Hab ich," lachte Cyprian, „ich Hab mir ihn durch die Gurgel laufen lassen." Gottfried knüpfte still alles Erworbene in ein weißes Tuch und ging damit fort. Vor dem Hause traf er die kleine Erdmuthe, sic saß auf der Stcinbank uud weinte. „Was ist? hat dir Jemand was than?" fragte er, dieHand auf das Haupt des Kindes legend: das Kind antwortete nicht und er fuhr fort. „Kann mir's denken, daß dir in dem Durcheinander bang ist: cs sieht sich Niemand nach dir um. Hast denn was zu Mittag gcsscn?" Las Kind nickte bejahend, und abermals sagte Gottfried : „Möcht' dir gern noch anders helfen, aber ich kann nicht. Sei nur geduldig und folgsam und halt dich brav, und wenn du groß bist und so brav wie dein' Mutter selig, schau, da darin ist ihr schönstes Gewand, aber brav mußt du sein und denk du hast noch einen Annehmer in der Welt, du verstehst das jetzt noch nicht, aber du wirst's schon kennen lernen. Jetzt heul' nicht mehr und las; dir's nicht verbieten und komm auch noch zu mir eh du fortgehst. Jetzt heul' nicht mehr." Gottfried ermahnte das Kind zur Fassung und ihn; selber quollen trotz aller Gegenwehr Thräncn aus den Angen und er trocknete sie mit einem Zipfel der Schürze ab, die aus dem Bündel hervorhing; das Ehrengewand der Seligen saugte seine Thränen auf. Er gewann schnell wieder seinen Halt, denn Trandle kan; aus den; Garten herbei, sie gab Erdmuthe mehrere Zwetschgen und hier bewährte sich wieder, das; Zukunftsvcrsprcchungcn bei einem Kinde nichts verschlagen, die gegenwärtigen Zwetschgen wirkten mehr als der versprochene Ehrcnschmuck vom Oheim. Erdmuthe war heiter und Gottfried sagte Traudlc, das; sie jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk von ihm zu erhalten habe, so lange sie bei Cyprian bleibe und auf das Kind Acht habe. Trandle versprach es, schon um der Verstorbenen willen. „Ich habe mein Kind meiner Schwester in Lichtcnhardt qebcn müssen," setzte sie hinzu „ich will die Erdmuthe für das meinige anseheu." Traudlc war eigentlich die Schwägerin Cyprians zu nennen, denn sie war mit ihrem Kinde die Hinterlasscne seines Bruders. Dieser, ein weit bekannter übermüthigcr Geselle, war bei einer Hochzeit in Isenburg ertrunken. Der Wirth hatte vier überzählige Gläser Glühwein an einen Tisch gebracht, da rief der Bruder Cyprians: „Nur her, sie sind alle mein, und als er heimwärts ging, verfehlte er den Weg und ertrank. Als die Schwester Gottfrieds heirathcte, nahm sie Trandle zu sich ins Haus und so war sie in demselben verblieben und hatte sogar über Cyprian eine gewisse Gewalt. Cyprian verbot es strenge, das; Erdmuthe noch im Hanse des Oheims Ade sagte, er hatte nichts mehr, womit er Gottfried kränken konnte als dieses und er wollte es ausnutzen. Gottfried hatte ihn; die Freude des Umzuges durch den Rechtsstreit und durch die Verluste verdorben, er zwang sich nun zu übertriebener 284 Lustigkeit beim Abschiede. Als er aber am Hause Gottfrieds vorüber'fuhr und auf der Fcnsterstangc vor den Eiscngittern den Ghrenschmuch hängen sah, den man lüstete, wurde er plötzlich still und schallte nach den Kindern, die hinter ihm saßen, unter ihnen Erdmuthc. Die Sonne geht ans und steht im Mittag. In der Sonne zu Leutershofen schien Cyprinn erst recht zn blühen nnd sich zu entfalten. Er hatte troß aller Verzögerung doch noch immer einen schicklichen Kauf gemacht, die weiten Räume des Hauses thatcn ihm wohl und das allzeit rührige Leben darin noch mehr. Die ganze Art des lebhaften gewerbsamen Ortes sagte ihm zu nnd er betheuerte oft, hier wisse man doch auch, das; man ans der Welt sei, in einem Dorf wie Hollmaringcn sei man schon bei lebendigem Leib halb gestorben. Hier bekam man jeden Tag bei mehreren Bäckern frisches Brod. Jeden Abend Schlag acht Uhr und jeden Morgen Punkt halb sechs rollte der Eilwagcn durch den Flecken und an Sommcrabcnden, besonders aber am Samstag Abend blies der Postillon jedesmal durch den ganzen Ort, denn die Kinder liefen behende neben ihm her und ließen nicht ab, bis das Posthorn ertönte nnd jauchzten nnd hüpften bei den Klängen, und die Eltern, die vor dem Hause sißcnd Feierabend hielten, schauten fröhlich ans. Leutershofen war nicht nur ein Marktflecken an der Staatsstraße mit einer Schranne von nicht geringer Bedeutung, cs war auch glücklich zwischen zwei Bergen gelegen; kamen die Fuhren vom Thale herauf, so mußten sie hier neuen Vorspann nehmen, vor dem Hause standen fast allzeit mehrere mit Blähen überzogene Frachtwagcn und während die Pferde an den fliegenden Krippen fraßen und die Sperlinge bei ihnen schmarohtcn, saßen die blanhemdigcn Fuhrleute in der Wirthsstubc und labten sich an Speise nnd Trank, und Cyprian that ihnen Bescheid; den rothen sogenannten Weiber- zorn ließ Cyprian nie ausgehen. Die Frau erwies sich als willige Wirthin und Traudle war bald die beliebteste und gespräch- 286 samstc Kellnerin, so weit eine dem Fuhrmann beim Eintritte Peitsche und Hut abnimmt und im Aussagen der vorräthigen Speisen und Getränke dieselben lobend schmackhaft machen kann. Auch Kutschen mit vornehmen Reisenden wurden bisweilen von der Sonne, die Cyprian hatte neu vergolden kaffen, angezogen und Cyprian verstand cs die Landeszcitung mit einigen Worten zu bringen, die den Mtthcilsameu leicht zu einem Gespräche auregten. Die Hanpternte der Woche war aber immer am Tage des Korumarktesda war am Tage ein Lärmen und Rufen in Wer großen Wirthsstnbe, lauter als auf dem Markte selber, und Ware» die Kornpreise hoch gestiegen, hörte das Schlemmen bis tief in die Nacht nicht auf, der einfache Land- Wein galt nichts mehr, warmer Würzweiu mußte her und oft sogar Ueberrhciner und Champagner. Cyprian ließ eS natürlich nicht fehlen, sich auch bisweilen als uneigennützigen Wirth zu zeigen, und kaum ein Jahr war vergangen als sein Gesicht so breit war wie die Sonne in seinem Schilde, er lachte viel und besonders wenn mau ihn wegen seiner Breite neckte und sagte dann oft, das käme nicht vom Essen und Trinken, sondern davon, das; er den Mauskopf, diesen llnnamen hatte Gottfried, nicht mehr vor Angen sehe. In der That kamen die Hollmaringcr wenig und was Gottfriedisch war, gar nicht in die Sonne, sondern hielten ihre Einkehr im Ochsen. Cyprian hatte fast allezeit sechs Nos; auf der Straße als Vorspann und drei Jahre übernahm er die Haberliefernug für die Kavallerie zweier Garnisous- städte; er mußte aber seine Rechnung nicht dabei gesunde» haben, denn er wollte nichts mehr davon wissen. Erdmuthe war in dieser steten Fürsorge für Andere wenig beachtet der Schule entwachsen, nur Traudle nahm sich ihrer an und tröstete sie oft, wenn sie darüber klagte, das; der Ohm Gottfried und Bläst ohne Gruß am Hause vorübcrfuhrcn und sich gar nicht um sie kümmerten; sic selber durfte sich ihnen nicht nahen, denn der Vater hatte ihr das Härteste angcdroht, wenn er solches erführe und der Vater war doch nächst Traudle ihre einzige Stütze und gab ihr verstohlen manchmal ein gutes Wort. 287 Sonst wurde sie viel gescholten, denn sie sollte jetzt die Gäste bedienen helfen, sie aber war schüchtern und verscheucht, wurde über und über roth bei jedem Worte, das ein Fremder ihr sagte, und doppelt wenn er dann erklärte, das; dieses Erröthcn sie noch schöner mache als sie eigentlich schon sei. In der Angst vor den Fremden und vor den eigenen Angehörigen lies; sie oft volle Gläser und Flaschen aus der Hand fallen und hatte darob böse Zeit. Traudle tröstete sie wohl beim Schlafengehen, indem sie ihr alte Märchen erzählte von Kindern, die viel hätten leiden müssen und dann eine Krone errungen. Erdmuthe wusste zwar nicht, woher die Krone kommen sollte, aber diese Geschichten trösteten, ein unnennbarer Zauber stieg aus diesen Wundermären in das Herz und wie ein kleines Kind bat sie oft Trandle am Abend ihr noch mehr solcher Geschichten zu erzählen. Der Vater erlöste sie endlich aus der Wirthsstnbc und dem unmittelbaren beständigen Verkehr mit der harten Mutter. Eines Sonntags, nachdem Erdmuthe den Weiberzorn zu einer Wahrheit gemacht, da sic eine Flasche des rothen Weines einer Dame über das weihe Kleid schüttete, sagte der Vater am Abend im Familienrathe: „Ich seh schon Erdmuthe, du bist Gottjricdisch, was denen nachschlagt, passt nicht unter Menschen, nur unter Vieh und aufs Feld. Von morgen an hast du uichtsmehr in der Stube zu thun, du versorgst mit dem Knecht und der Magd unser Baucrnwcscn. Ist dir's recht?" „Ja. Ich dank Vater." Die Frau wollte diese neue Anordnung nicht gestatten, man würde cs ihr anfbürdcn, das; sic das Kind gegen die ihrigen zu- rücksctzc, aber Cyprian blieb fest. Von nun an war Erdmuthe überaus heiter, der Knecht und die Magd berichteten, man habe gar nicht gewußt, welch ein lustiger Vogel die Erdmuthe sei: sie trällere den ganzen Tag und wisse beim Ansruben gar wunderbare Geschichten zu erzählen, das; man sich wie in einer andern Welt vorkäme und jede Arbeit gehe ihr so flink von der Hand als hätte sie schon Jahre lang die schwersten Geschäfte verrichtet. 288 Erdmuthe wurde sonnverbrannt aber dabei stark und groß, sie hatte gar nichts vom Vater als die braunen Augen mit dein breiten stillen Feuer, im Uebrigcn schien sie ganz der Mutter nachzuarten. Am Werktage, wcnn's im Hause lustig herging, war Erdmuthe fast immer betrübt. Es waltete ein eigener Zufall, das;, so wie sic einen Schritt aus dem Hause ging, sie immer Bläsi begegnete, er fuhr, ritt oder ging immer an ihr vorüber als ob es ihm ein Geist vcrrathcu hätte, das; sie kommen würde. Die Beiden gingen rasch einander vorbei ohne zu grüßen: Anfangs war es das strenge Verbot des Vaters was Erdmuthe davon abhielt, bald aber fehle sich eine selbständige Feindseligkeit in ihr fest und ebenso in Bläsi. In Hvllmaringen sagte dann Bläsi am Abend zu seiner Schwester, die einen Sohn des Rodcl- bauern gehcirathct hatte und im Hause Cyprians wohnte: „Es ist doch unerhört, die Erdmuthe ist doch meine einzige Verwandte und geht au mir vorbei wie an einem Stock: ick) sag's ihr aber nächstens einmal, sie geht mich gar nichts an, sic ist meine Verwandte nicht." Fast ganz dasselbe sagte dann Erdmuthe am Abend dem Traudle und wenn diese dann eine künftige Liebe daraus deuten wollte, wehrte sie sich mit aller Macht dagegen und betheuertc, ihr nie mehr von Bläsi zu sprechen: dennoch konnte sie sich nicht enthalten ihr oft und oft zu erzählen, wie grimmig sic heute den Bläsi angesehen, daß er die Auge» habe Niederschlagen müssen. Einmal erzählte sie sogar, das; Bläsi ihr habe zusprechen wollen, sie aber sei davon gelaufen und habe sich nicht an ihn gekehrt. Cyprian war viel unwirsch, er mußte mancherlei geheimen Kummer haben und nur einen sprach er laut aus: es ärgerte ihn, daß er sein ältestes Kind, das er innig liebte, aus seiner Nähe hatte verdrängen lassen und manche üble Nachrede sich dadurch zugezogen hatte. Er wollte Erdmuthe wieder im Hause um sich haben, aber sie willfahrte ihm nicht. Hinter dem Schcnkgitter suchte er über Mancherlei Vergessenheit zu trinken und brachte dadurch neues Ungemach zu Tage. Das Gelübde, daß der Rausch beim Weinkaufe des Hauses der allerletzte sein sollte, war schon 289 längst übertreten und nicht mehr in Erinnerung. Erdmuthe sah den Zerfall im Hanse wohl und so wehe es ihr that, den Vater sich allein zu überlassen, sie hielt sich jetzt doppelt gern in Feld und Stall ans und selbst im Winter saß sie meist still in der Stube an der Kunkel. Es kamen manche Freier, die um Erdmuthe anhiclten, der Vater wies sie alle ab und wenn sich einer dem Mädchen selber näherte, wußte der Vater so viel Verdorbenheit und Schlechtigkeit von einem Jeden zu sagen, daß Erdmuthe gerne darein willigte, Jeden von sich zu entfernen. Auch Trandle half dem Vater dabei, denn sie nährte unablässig die Hoffnung, daß Erdmuthe den Bläsi heicathen und sie wieder nach Hollmaringcn zurückbringen müsse. ?luerbnch'S Torsg. Nd. 19 Tie Sonne geht nieder. Ein lustig grünender Baum am Bache, dem Plötzlich und auf immer der Bach abgegrabcn wird, der seine Wurzeln tränkte, kann von seinem Schmerze nichts kundgcbcn und verdorret still: der Mensch aber, auch der an die Scholle gebundene, kann doch klagen und schelten wenn er verkümmert und einen Versuch machen, ob er neuen Boden gewinne. Die Eisenbahn, die durch das Schwabcnland gezogen wurde, beschäftigte alle Eemüthcr landauf und landab: man schalt darüber, man stritt hin und her und die Klüger» lachten ob der neuen Mode, die auch wieder aufhvren würde wie viele andere. Die Eisenbahn wurde vollendet, allerlei Fabelhaftes ward erzählt und es zeigte sich, daß sie einen guten Thcil des Verkehrs auch der weit abgelegenen durch Lcutcrshofcn führenden Landstraße entzog. Der Vorspann wurde geringer, aber Cyprian fand ein neues Mittel, er kaufte einen im Ort nie gesehenen Stcllwagcn und ließ ihn regelmäßig jede Woche zweimal nach der Hauptstadt gehen: er sicherte sich dadurch einen regelmäßigen Verdienst und eine nicht unergiebige Einkehr in seinem Wirthshause: aber kaum ein Jahr war vorüber als ein neues Mißgeschick sich an ihn herangrub. Die ganze neue Straßenbankunst gewann durch die Erfahrungen bei der Eisenbahn eine veränderte Wendung: hatte man ehemals die Straßen über Berge geführt, so scheute man jetzt einen Umweg nicht, wenn man nur die Straße möglichst eben legen konnte. Die neue Welt will im Trabe fahren und nicht mühselig über Berge kriechen. Tie Jahrhunderte alte Heerstraße wurde dem Thale nahe gelegt und durch Brücken und Dämme geschützt. Ganz Lcntcrshofcn, besonders aber der Son- 291 ncnwirth, empfand die unausweichliche Brache, und doch mußte man noch Alles in Stand halten, um plötzlich auszuhören. An den Tagen des Kornmarktcs äußerte sich die neue Gestaltung der Verhältnisse besonders in hässigcn Neckereien mit den Einwohnern von Bicringen, Isenburg u. s. w.; das waren Dörfer, die man ehemals gar nicht oder nur mit Spott über ihre Abgelegenheit genannt hatte, aber die neuen Weltmänner ließen es an überhc- benden Anzüglichkeiten gegen die vormals stolzen Dörfer an der Landstraße nicht fehlen. Cyprian suchte aus seinem Mißgeschicke den letzten Vortheil zu ziehen, er übernahm mehrere hundert Klafter Steinfuhren in Accord für den Straßenbau und rüstete dazu Knechte, Roß und Wagen: aber es scheint oft, daß sich eine Tücke des Schicksals, wenn es sich einmal feindlich gestellt, in Allem erwiese, Cyprian erlitt so viel Schaden an Pferden, Wagen und Geschirr, daß er sich einen namhaften Verlust zuzvg. Nun dachte er daran, sein Anwesen zu verkaufen und sich im Thale anzusic- deln, aber cs wollte sich für beides kein sogenannter Schick finden; endlich wollte er wiederum ganz Bauer werden und ging mit Eifer ins Feld, aber er war, wie er sonst oft neckend cingestanden hatte, „zu mast" geworden; bei der kleinsten Handthierung versetzte es ihm den Athem und rann ihm der Schweiß von der Stirne. Nun ließ er endlich Alles kommen wie es kommen mag. Die Thalstraße war fertig und in dem Sonncnwirthshause mit den weiten zur Aufnahme vieler Menschen hergcrichtctcn Räumen war es doppelt öde. Das Sprüchwort sagt, daß man sich ob der leeren Krippe leicht zankt; das bewährte sich nun. Der Eonncnwirth hatte aber manchen Tröster im unterirdischen Dunkel, der ihm die Zeit kürzen und vergessen half. Stunden, ja Tage lang lag er im offenen Fenster, das rothc Taschentuch als Polster untergeschoben und schaute träumend hinaus ins Freie, er bofste, cs müsse endlich ein schicklicher Käufer kommen, denn er hatte das Anwesen wiederholt in den Zeitungen ausgebotcn, um es aus freier Hand zu verkaufen. Was er dann beginnen wollte, das überließ er der Zukunft. Wie öde und leer war jetzt der große freie Platz vor dem Hause, man hörte nichts als das Plätschern 19 * 292 des allzeit rinnenden großen Röhrbrunnens, die fliegenden Krippen, ehedem den Fuhrleuten zur schnellen Fütterung bereit, lagen wie müde und mancher Beine beraubt bei zerbrochenen Flaschen in einem Winkel und das ganze Dorf war still, am Hellen Tage wie eingeschlafen. Jetzt gab es keinen Kornmarkt mehr, jetzt bekam man nicht mehr täglich frisches Brod, kein Posthorn schallte mehr unter jauchzenden und springenden Kindern durch die Gassen. Cyprian sah dem Zerfalle des ganzen Hauswesens mit einer Gleichgültigkeit entgegen, wie sie Uebcrtäubung und das dämmernde Bewußtsein des unabänderlichen Einsturzes so oft erzeugt. Die Mutter, von je her leichtfertigen Sinnes, machte sich von den guten Tagen noch zu Nutze so viel man vermochte, und da Schelten und Zanken mit ihrem Manne nichts half, wollte sie noch mit genießen, so lange sich etwas vorfand; von Fässern und Bütten waren die Reifen gesprungen und sie kochte mit den bequemen Brettern. Zwei Aecker waren verkauft, andere verpfändet, man zehrte sich auf, so lange etwas da war. Cyprian redete sich noch ein, das; er freiwillig verkaufen wolle, während er täglich mehr dem Schicksale entgegen ging, von Haus und Hof gesetzt zu werden. Er gab die Gastwirthschaft nicht auf und bezahlte die Steuern dafür, ohne so viel cinzunehmcn als diese betrugen; er glaubte des künftigen Kaufes wegen das Gewerbe, wenn auch nur noth- dürftig aufrecht erhalten zu müssen. Mitunter bekam er noch ein Fäßchen Branntwein oder halbsaucrn Wein zu hohen Preisen geborgt, in der Regel aber war der Keller leer und wenn ein Hand- werksburschc, der ab der Straße durch die Dörfer zog, in der Sonne cinkchrte, wurde Trandle zu dem Ochsenwirth geschickt, um von dort unter der Schürze verborgen das Verlangte zu holen und Cyprian sagte dem Harrenden wie sich selbst verhöhnend: „Mein Keller ist ein bisle weit weg." Nach und nach ging Cyprian weiter und verkaufte was nicht niet- und nagelfest im Hause war, gestern verspeiste man einige Stühle, heute einen Tisch, morgen Gläser, Pfannen, Pferdegeschirre u. s. w. Oft mußte Traudle, meist aber Erdmuthc, wenn es Nacht war, vom Vater begleitet, kleinere Gegenstände und 293 Bettstücke nach der Stadt tragen. Das waren schwere Gänge, der Vater jammerte allezeit und wünschte sich den Tod und war er auch auf dem Heimwege nach der Einkehr im Wirthshause wohlgemutster, bei der geringsten Anregung konnte er über sein Schicksal weinen und ließ sich nur mit Mühe beruhigen. Seltsamerweise, aber wie sich bald erklären wird nicht ohne Grund, hatte Erdmuthc seit dem Zerfalle des Hauses lauter gute Tage, selbst die Mutter schalt sie selten und war oft freundlich gegen sie. Diese Frau war immer wieder heiter, wenn zeitweilig Fülle in das Haus einzog. Erdmuthe empfand die ökonomische Auszehrung im Hanse oft schwer und es war ihr als müßte die Decke über ihr cinstürzcn, aber das Gefühl, daß sie nun liebreich gehegt und die erste im Hanse war, ließ sie manchmal wiederum Alles vergessen. An dem Tage als von Obrigkeitwcgcn der goldglänzende Schild am Hanse eingczogcn und die Gant verkündet wurde, weinte Alles, Groß und Klein, und ließ sich den ganzen Tag nicht am Fenster und nicht auf der Gasse sehen und zum crsten- male hörte Erdmuthe, daß sie allein die Stütze und Hoffnung des Hauses sei. Am Abend erklärte ihr Traudle was das zu bedeuten habe und warnte sic, sich auch zu Grunde zu richten, sie könne doch den anderen nicht helfen. Schon bevor die Eanterklärung cingetrcten war, hatte Erd- mnthc sich dazu verstehen müssen, zur Nachtzeit viele Habselig- kciten aus dem Hause zu schaffen und bei Bekannten unterzubrin- gcn; jetzt, nach dem Ganterkenntniß, ging es im Hause erst recht an ein Ausranben desselben als wäre es ein fremdes und feindliches. Die Behörde hatte zwar ausgeschrieben was sich vorfand, aber cs gab doch noch Manches bei Seite zu schaffen und endlich wurden sogar auf dem Speicher die Böden ausgehoben und die Bretter verkauft. Eyprian batte es klug dabin gebracht, daß sich die Gant in die Länge zog und er schien nie glücklicher gelebt zu haben als eben jetzt, seine Gläubiger mußten ihn erhalten, er zehrte, wie man cs nennt, von der Masse, er lebte fast wie ein Beamter von seiner Besoldung i aber auch dieß nahm ein Ende und 294 im Frühling, als Erdmuths zwanzig Jahre alt wurde, mußte sie mit dm Eltern und Geschwistern in eine kleine Leibgedingwoh- nung ziehen. Cyprian wollte Traudle aus dem Dienste entlassen, aber auf die Bitten Erdmuthe's behielt er sie; er sprach es aus und zeigte es auch, daß er Erdmuthc zu lieb Alles thue. Man rieth Cyprian, er möge sich doch mit Gottfried in Holl- maringen aussöhnen und nachgcbcn; wenn man Feuer wolle, müsse man es in der Asche suchen; aber Cyprian wollte davon nichts wissen, er sagte, daß er übcr's Jahr in die neue Welt auswandere. Der Ohm Gottfried von Hollmaringcn kam einmal und ließ Erdmuthe zu sich ins Wirthshaus rufen. Cyprian stellte ihr seht frei, ob sie einen Mann besuchen wollte, der ihren Vater keines Wortes würdige und eigentlich an seinem Unglück Schuld sei, wobei er den Verlust, den er bei seinem Umzuge gehabt, noch sehr vergrößerte. Erdmuthe verneinte und nun kam Gottfried zu Cyprian in seine Stube; er schaute sich hin und her um und sagte zu Erdmuthe ohne Cyprian zu grüßen, er habe kein Geheimnis; vor dem Vater und wolle sie nur fragen, ob sie zu ihm ziehen wolle, seine zweite Tochter verlasse nun auch das Haus. Erdmuthe erklärte, daß sie bei ihrem Vater bleibe und als Gottfried sie zur Hochzeit seiner jüngsten Tochter cinlnd, lehnte sic auch dies; ab; sie war dem Manne gram, der ihrem Vater kein Wort gönnte, weil er jetzt in Armuth war. Ein geschmücktes Opfer. Das war ja wie aus den alten glücklichen Märchen als Erdmuthe an ihrem ein und zwanzigsten Geburtstage in ihrer Dachkammer erwachte und ein blinkendes Geschmeide vor ihren Augen schwebte; aber der es ihr darrcichte, war kein Zauberer und kein Geist, sondern der Vater, der es ihr selber um den Hals nestelte und stumm weinend sie küßte. „Was ist denn? was ist denn?" fragte Erdmuthe noch halb träumend. Der Vater setzte sich zu ihr auf den Rand des Bettes und tief athmend begann er: „Das ist das Geschmeide deiner Mutter selig, das Hab ich nicht hcrgeben, in keiner Noth, das ist so bestimmt gewesen, das sollst du heut haben. Heut vor ein und zwanzig Jahren —" In Erinnerungen verloren konnte der starke Mann nicht mehr weiter reden und weinte laut. „Habt Ihr nicht den Ehrenschmuck meiner Mutter verkauft? Deswegen ist Euch ja der Ohm Gottfried so seind? fragte Erbin uthc. „Ich Hab die Kleider verkauft, um den Mauskopf zu ärgern und sie wären doch vermodert, aber den echten Ehrcnschmuck Hab ich doch behalten. Schau Erdmuthe," und Cyprian faßte ihre Hand, „Du bist mein liebes Kind, du bist mein einziges Kind, mein einziges, du bist mir ans Herz gewachsen wie keines sonst, du weißt's wenn ich dirs auch nicht oft sag —" „Ja, ja, Vater, das weiß ich." „Schau, du kannst aus mir machen was du willst, einen Bettelmann oder einen Ehrenmann, oder einen, der sich selbst um's Leben bringt." 296 „Was kann Ich denn thun?" „Hör ruhig zu, hör nur. Schau, du wirst heute großjährig und du kannst dir den Himmel auf Erden verdienen, du ziehst dein Vermögen an dich, cs bleibt dir, ich nehm' dir keinen Groschen davon als was wir zur Reise brauchen, drüben können wir uns schon selber helfen. Verstehst mich? Verstehst, was ich mein?" „Ja, ja, das thu ich von Herzen gern, das Traudle hat das schon lang geahnt und hat mich bereden wollen, ich soll's nicht thun, aber ich thu's doch, da habt Ihr mein' Hand drauf. Machet nur, das; Niemand was davon erfährt —" „Nicht so, liebes Kind, das geht nicht. Du mußt vor Gericht dein Sach verlangen, du kannst's jetzt —" „Könnet Ihr nicht das für mich?" „Nein, du mußt selber und es hat gar kein' Gefahr dabei, du brauchst kein' Angst haben. Nur mußt fest bleiben. Wirst sehen, sie werden Alle kommen und werden sagen, dein Vater ist ein Lump und er verputelt dein Vermögen auch noch und so und so. Da mußt dich nicht abspenstig machen lassen, von Gutem und von Bösem nicht. Kannst das? Du kannst wenn du willst und wenn du daran denkst, daß du deinen Vater und die Dcinigcn von Schand und Tod errettest —" „Ja, ich kaun's, Ihr werdet sehen, ich kann's, ich thu den Ehrenschmuck an und halt ihn in der Hand und da wird mir kein Wort im Hals stecken bleiben. Verlasset Euch darauf." „Schwör mir: so wahr wie dir dein' Mutter im Himmel bcistehen soll, daß du fest bleiben willst." „Ich brauch' nicht schwören. Lasset mich's so ausführen, es ist mir leichter. Trauet Ihr denn Eurem Kinde nicht?" Cyprian verbarg sich mit der Hand rasch die Augen und sagte schnell: „Alles, Alles, du liebes gutes Kind." Er sagte ihr noch, daß sie das Halsgcschmcide verborgen halten müsse, da sonst Niemand etwas davon wisse und er seinen Stolz darein setze, sür schlechter zu gelten als er sei. Als Cyprian zu sciucr Frau in die Stube kam, sagte er zu ihr: „Das ist ein Kind, das ist ein wahrer Engel, ich bin's nicht Werth, das; ich so ein Kind habe." Die Frau lachte in sich hinein. An diesem Tage ging es festlich und vollauf bei Cyprian her, fast wie in seinen besten Zeiten und Erdmuthe war der gefeierte Mittelpunkt von Allein, selbst ihre Geschwister, die sonst nur Boshaftigkeiten an ihr ausübten, waren heute freundlich und dankbar ob des Kuchens, den sie durch die Schwester erhielten. Tags darauf geleitete der Vater selber Erdmuthe bis gen Hoklmaringen, er sprach wenig, nur manchmal schärfte er der Tochter noch ein, wie sie sich seinen abwendig machenden Feinden gegenüber zu benehmen habe. Er wollte Erdmuthe wiederholt die Anleitung geben, das; sie sagen möge, der ganze Plan ginge von ihr ans und es habe ihr Niemand einen Gedanken davon eingcfloßt, aber Erdmuthe sagte: „Vater, das geht nicht, ich komm' viel bester durch wenn ich bei der Wahrheit bleib, llnd was brauchen wir denn da leugnen und verhehlen? Es ist ja in der Ordnung, daß das Kind dem Vater folgt, da kann kein Mensch was davon los hauen." Wenn der Vater den Blick zur Erde geheftet, gramvollen Antlitzes so dahin schritt, betrachtete ihn Erdmuthe oft mit stillem Mitleid und sie freute sich wieder, daß es ihr gegeben sei, Alles wieder gut zu machen und sic gedachte mitten in ihrem praktischen Vorhaben der Märchen, wo die Kinder ausziehcn, um das Lebenskraut für den kranken Vater zu holen und mit Muth allerlei Fährlichkciten bestehen. Als man Hoklmaringen auf der breiten Ebene vor sich sah und der Weg von der alten Hauptstraße nach dem Dorfe abbog, stand der Vater still und sagte, daß er wieder umkehre und in Scebrunn im Nößlc, das das erste Haus des Dorfes gegen Holl- maringcn war, auf die Rückkehr Erdmuthes warten wolle. „Du weißt Alles," sagte er, „und geh in Gottes Namen." Er setzte sich an den Wcgrain und preßte die gefalteten Hände auf den Schlehdornstock zwischen seinen Knieen. Als er nach geraumer Zeit wieder aufschaute, sah er Erdmuthe dem Dorfe zugehcn, sie wendete sich nicht mehr um und schritt ruhig fürbaß und plötzlich wurde dem Vater schwer bange, dort ging sein Kind und was es unternahm, entschied für ihn über Leben und Tod; wenn die Verwandten das Mädchen überredeten und gleich zurück behielten, war er verloren — es war jetzt großjährig und konnte über sich schalten wie cs wollte. Wankenden Schrittes und oft stille stehend kehrte Cyprian um, die Welt war frühlingsgrün, voll Sonne und Lerchcnsang, aber der von schweren Sorgen Bedrückte ist in ihr wie in einem Kerker, Kummer und Qual durchschncidcn wie Eisenstäbe am Kerkerfenster jeden Ausblick. Erdmuthe ging indes; ihres Weges wie in einer Verzückung, die Menschen auf den Feldern und auf dem Wege kannten sie nicht, aber jeder Baum, jede Hecke, jeder Graben grüßte sie mit tausend halb vergessenen Kindeserinnerungen und sie selbst schaute umher mit großen verwundert drcinblickenden Augen wie ein Kind das aus dem Schlaf erwacht; die Lerchen jubelten, die Bäume blühten, die Sonne schien so hell und im Herzen des Mädchens lebte ihr selbst unbewußt der beglückende Gedanke, daß sie einer rechtschaffenen That entgegen ging und ihr ganzes Sein war von Freude übervoll. Sie ging dahin als würde sie von einem unsichtbaren Wesen an der Hand geführt und plötzlich stand sie still und eine tiefe Trauer schlich sich in ihr Herz, daß sie nicht hier bleiben sollte, wo sie so ganz, wo sie allein daheim war. „Und du bleibst ewig da," sagte sie fast laut vor sich hin, sie wußte nicht woher cs kam. Da sah sie den von einem Bnchcn- zanne umfriedeten Gottesacker. Jetzt wußte sie was hier so wunderbar zu ihr sprach; sie ging in den Friedhof, sie las die Jn- schristen vieler Kreuze und es wurde ihr ganz wirr von dem endlosen Sterben der Menschen, das hier von Schritt zu Schritt zu ihr sprach. Da las sie im Tiefsten erschreckt auf einem halb eingesunkenen Kreuz ihren eigenen Namen, cS war das Grab ihrer Mutter, sie sank vor ihm nieder und lag lange das Haupt in das frische Gras gedrückt. Endlich richtdte sie sich starren Blickes auf, sic konnte nicht weinen und doch war ihr ganzes Herz voll tiefer Trauer, sie legte die Hand auf das Grab als faßte sie die Hand der Mutter und schaute in die weite Welt. Die Lerchen über ihr jubelten, ein Buchfink schmetterte seinen Hellen Sang von einer Trauerweide deren junges Laub im Sonnenschein (Merke, ein Säuseln zog durch die einsamen Fohren, die da und dort standen und Schmetterlinge flogen hin und her. — Sie raufte einige Grashalmen und wilden Thymian vom Grabe, steckte sie in ihren Busen und schritt fest davon. Durch das Dorf ging sie ohne umzuschauen und ohne Jemanden zu grüßen; Mittag war vorüber und die Leute gingen wieder ins Feld; nur vor ihrem elterlichen Hause hemmte sie ihren Schritt und sab lange an dem Hause hinauf und auf die Stcinbank, wo sic als Kind so oft gesessen. Es war Alles im alten Stande und nur des Nachbars Klaus, der an Krücken ging, war in den zehn Jahren ein großer Bursche geworden und strickte eine wollene Jacke auf der Steinbank und in dem Garten war eine neue Scheune gebaut. Eben als Erdmuthe den Klaus grüßen wollte, trat Bläsi mit einem Pferdckummct auf der Schulter aus der Hausthüre, er erkannte Erdmuthe troß des großen weißen Tuches, mit dem sie ihr Gesicht fast verhüllt hatte und sagte: „So? Bist auch hiesig? Willst jeßt bei uns bleiben?" „Nein," antwortete Erdmuthe und ging weiter, cs kränkte sie, daß Bläsi ihr weder die Hand reichte noch eigentlich ein freundlich Wort sagte. Als sic die Treppe im Hause des Oheims Gottfried hinan ging, war cs ihr als müßten ihr die Knice brechen, aber sie faßte sich, denn es ahnte ihr, daß sie sich ihr Vorhaben leichter gedacht als cs war. Der Oheim Gottfried, der in Papieren lesend am Tische saß, stand nicht auf, aber er streckte ihr die Hand entgegen zum Willkomm und sagte: „Das ist brav, daß du doch zur Einsicht kommen bist, du bist bei uns so gut und besser aufgehoben als bei deinem Vater. Du mußt in diesen Tagen großjährig werden, halt, heut haben wir den zwölften Mai, gestern ists gewesen wo du's geworden bist, du kannst jeßt mit dir machen was du willst. „Ja, deswegen bin ich da und ich Hab Euch sagen wollen —" Erdmuthe konnte nicht ausreden, denn die Frau, die ebenfalls die Hand gereicht hatte, schnitt ihr das Wort ab indem sie sagte: „Das kannst hernach erzählen. Zuerst mußt was essen. Wärst ein' halbe Stund' früher kommen, hättest's gleich mithalten können. Roscl!" rief sie laut, ein schlankes Mädchen kam in die Stube, das nach Vorstellung der Mutter Erdmuthe herzlich bewillkommte, aber auch hier unterbrach die Mutter jedes weitere Reden nnd sagte: „ Roscl, wärme schnell die Lcberspatzen, die von hcnt Mittag überblicken sind, Ihn noch einen Löffel Schmalz daran und schlag der Base ein paar Eier ein." Erdmuthe wollte danken, aber man hörte nicht darauf und trotz der Ermüdung nnd des unleugbaren Hungers fühlte sie plötzlich eine Sättigung und cs war ihr als müßte sie auf und davon rennen. Diese zutrauliche herzinnige Weise der Menschen, die sie bisher für Feinde und Unholde gehalten, dieses Entgegenkommen von Menschen, bei denen sic sich vergessen geglaubt, das Gefühl bei Verwandten zu sein, die jede Liebe und Güte als selbstverständliche Sache hinnehmen und dazu der Gedanke, das; sic mit einem Vorhaben gekommen, das ihnen entgegen war, Alles das preßte ihr die Kehle zusammen. Der Oheim raffte die Papiere zusammen und sagte, daß er in einer Stunde wiederkomme, er müsse in die Gemeindcraths- sitzung. Erdmuthe stand aus und grüßte dcmüthig als er wcg- ging, reden konnte sic nicht. Als die Rosel, von der die Mutter erzählte, daß sic in acht Tage» Hochzeit mache, das Esten brachte, wollte Erdmuthe durchaus nichts davon annehmen. Es gicbt eine alte Sage, daß man von verführenden Geistern nicht Speise und Trank genießen darf, sonst ist man in ihrem Banne. Erdmuthe kannte diese Sage und sie kam sich wie in einem Zaubcrkrcis vor, aber hier waren gute Geister und sie wollte nur nichts annehmen, weil sie dann bei der ausbrcchendcn Feindseligkeit undankbar war; aber die Frau ließ nicht nach und wiederholte ihr, sic müsse ihr verscheuchtes Wesen ablegcn, sie sei 301 hier unter Menschen, die es gut mit ihr meinen und staunend hörte Grdmuthe, das; man hier Alles von ihrem Leben wußte und erröthend hörte sie ihr Lob, daß sie eine so tüchtige Bäuerin geworden und sich nicht auch dem der schweren Arbeit entwöhnenden „Wirthcln" ergeben habe. Jetzt weinte Grdmuthe, die sonst nie Thränen vergoß, übermäßig; Alles was sie heute erlebt, drängte sich plötzlich übergnellend zusammen. Die Frau suchte sie mit den besten Worten zu beruhigen und die Rosel sagte, sic müsse ihre Kranzjungfcr bei der Hochzeit sein. Grdmuthe erklärte, daß sie nur dem Oheim sagen könne, was ihr das Herz bedrücke. Als der Oheim Gottfried zurück kam, öffnete er einen Schrank, nahm mehrere mit Stempeln versehene Papiere heraus und sagte: „Du wirst auch wissen wollen, wie es mit deinem Vermögen steht i das sind die Hypotheken, dreitausend vierhundert Gulden ists gewesen und so ists geblieben, dein Vater hat jedes Jahr, auch wie's ihm gut gangen ist, die Zinsen erhoben. Wenn du einen rechtschaffenen Mann kriegst, der was hat, so ist das ein guter Zuschuß, daß ihr gut Hansen könnet." „Ich denk nicht daran, Vetter." „Wird schon kommen." „Nein, höret mich gut an, Vetter." „Ja, ja, red du nur." „Schaut Vetter, ich bin ... ich soll ... ich will ... ja ich soll mein Vermögen holen." „So? Das glaub ich, daß das dein Vater will." „Und ich auch." „Aber Ich nicht." „Gottfried that die Papiere wieder in den Schrank, ließ den Riegel zweimal in die Schließe fallen und knüpfte das Lederband, daran der Schlüssel befestigt war, wieder in das Westenknopfloch. Erdmuthe saß still da. „Was möchtest denn nütdcm Geld machen?" fragte Gottfried. „Meinem Vater damit anfhclfen." „Daß es der Lump auch noch verfressen und versaufen kann?" 302 Erdmuthe erhob sich, sie hielt das Halsgeschmeidc in der Tasche fest in der Hand und mit starker Stimme sagte sie: „Vetter, das leid ich nicht. Mein Vater ist so gut wie einer und die wo ihn verschimpfen, die habcn's verschuldet, wenn was nicht recht an ihm ist." „Ich seh schon, dein Vater hat dich auch verdorben." „Und wenu's so ist und wenn's wahr war', wer ist dran schuld? Mein Vater nicht allein, Ihr, ja Ihr seid dran schuld. Ihr hättet die Feindschaft aufgeben und dafür sorgen müssen, daß Euer Schwester Kind nicht verdorben wird, aber mit dem großen Wagen vorbeifahren, wo der Schwester Kind der Pudel im Haus ist, da hat man sich auch nichts zu berühmeu." Gottfried stand starr, er sah zum crstcnmale in seinem Leben seine Rechtschaffenheit angegriffen, er konnte eine gewisse innere Stimme nicht verleugnen, die den guten Grund dazu anerkannte, aber doch war er dem gram, der das anssprach. Er war nahe daran, seine Gelassenheit aufzugcben, aber schnell fand er wieder die Fassung und sagte bitter lächelnd: „Das hat dir dein Vater auch cingeblasen." „Nein, nein, was ich red' das sind meine Gedanken, die ich tausendmal im Stillen gehabt Hab'. Aber ich will Euch keine Vorwürf machen und machet Ihr mir auch keiue. Ich Hab' heut Gutes in Eurem Haus gehabt, ich möcht' gern wenn ich fortgch in Gutem an meine Verwandten zurück denken." „Wo willst denn hin?" „Nach Amerika, mit meinem Vater und meinen Geschwistern. Ihr saget, ich hätt' ein schönes Vermögen, ich will nicht im Reichthum leben, wenn mein Vater ein Bettelmann ist —" „Und noch einmal wird, wenn er das Deinige auch noch verthan hat. Ich sch, man kann gescheit mit dir reden und du hast ein gutes Herz, du verleugnest dein' Mutter selig nicht, die hat mich für brav gehalten, du denkst anders, ich will dir nichts darüber sagen, aber besinn dich nur, laß dich dünken, es redet ein anderer zu dir: wie soll denn ein Mann, der mit einem größeren Vermögen in seinen besten Jahren Alles durchgcbracht 303 hat und keinen Unglücksfall gehabt hat, er mag sagen was er will, wie soll der jetzt auf Einmal fleißig und haushälterisch werden? Du bist nach in jungen Jahren, du hast das Leben erst vor dir, du darfst dich nicht in's Unglück stürzen für einen, der schon mit fertig ist. Besinne dich wenigstens noch, ein Jahr oder so lang du willst, du kannst bei mir bleiben oder wo du magst." Es war zum Verwundern mit welcher Festigkeit und raschen Entgegnung Erdmuthe allen Einwänden Stand hielt und endlich brachte Gottfried das Ehrengewand der Verstorbenen und erklärte mit bebender Stimme wie Cyprian das verkauft und wie er es erworben habe, um es einst Erdmuthe zu ihrem Ehrentage zu geben und als Erdmuthe bestritt, daß der Vater den Ehrenschmuck verkauft, stampfte Gottfried auf den Boden ob dieser Starrheit, aber noch einmal faßte er sich und beschwor sie beim Andenken an die Selige ihm und nicht dem Vater zu Willen zu sein. Und als Erdmuthe noch immer standhaft blieb, veränderten sich plötzlich seine Mienen, mit heiserer Stimme schrie er: „Gut, so geh, so geh, aber das schwör'ich dir, du verleugnest mich, ich verleugne dich auch, auf ewig, auf ewig. Tu bist tcdt für mich, begraben und Gras drüber. Geh —" Plötzlich brach sich seine Stimme, er konnte nicht weiter reden; die Frau, die mit Bläsi und. den beiden Töchtern in der Küche zugehvrt hatte kam herbei und klagte, daß das Uebel, das Gottfried schon einmal gehabt, wiedcrgekehrt sei, aber Gottfried winkte mit der Hand, daß Erdmuthe hinaus solle, und sie verließ das Haus. Niemand grüßte. Niemand geleitete sie. Als ginge sie schon auf schwankendem Schiffe, so schritt Erdmuthe das Dorf hinaus, sic schaute sich nicht um und ging unaufhaltsam bis sie da wo der Weg auf die Hauptstraße geht unter dem blühenden Apfelbaum am Wegweiser sich »übersetzte. Sie schaute nicht auf und antwortete nicht dem Gruße der Weiber, die mit Bündeln Unkraut aus den Saatfeldern kamen. Es blüht ein Baum wo der Weg sich trennt. „Das ist gut, daß ich dich da noch find'," sagte plötzlich eine Stimme, Erdmuthc schaute auf, es war Bläst, der vor ihr stand, hochglühcndcu Antlitzes und mit einem seltsamen Ausdrucke in de» Mienen. „Schickt dich dein Vater und hast du mir von ihm was zu sagen?" crwicderte Erdmuthc und wollte aufstehcn; es durch- schauertc sic aber als Bläsi jetzt zum ersteumale sie berührte, indem er sie am Arm faßte und sie sitzen bleiben hieß mit den Worten: „Bleib du nur, es schickt mich Niemand, ich komm aus mir allein und Hab aus mir allein mit dir zu reden. Willst du mich ordentlich und geduldig anhören und mich ausreden lassen?" „Du hast noch kein' Prob, daß ich nicht Alles mit Ruhe anhöre, was man mit Ruhe anhören kann." „Magst meinetwegen Recht haben," sagte Bläsi sich neben sie setzend, „laß jetzt die alten Sachen vorbei sein, ich Hab anderes mit dir zu reden. Guck, hundertmal Hab ich mir gewünscht, wenn ich nur auch so ruhig wie jetzt mit dir reden könnt', hundertmal Hab ich gedenkt, unser Herrgott muß barmherzig und übergut sein, daß er uns nicht dafür straft, weil die nächsten Anverwandten so in Feindschaft mit einander leben, hundertmal wenn ich dir begegnet bin, Hab ich dich anhaltcn wollen, aber du bist immer so trutzig und stolz gewesen —" „Ich? Stolz?" schaltete Erdmuthc mit bitterm Lächeln ein. Bläsi fuhr fort: „Du bist von Vaters Seite mein' einzige Anverwandte und es hat mir das Herz im Leib hcrumgedreht, wenn ich dich gesehen Hab und dich nicht Hab anreden dürfen. Und mein Vater auch, er red't nicht viel, aber er ist grundgnt, du kennst ihn nicht und dein Vater —" „Sag nichts, cs ist recht, daß du deinen Vater lobst und ich will dir Alles glauben, aber mein Vater ist auch mein Vater und ich laß nichts aus ihn kommen —" „Eben das, wie ich das gehört Hab, Hab ich noch mehr Respekt vor dir kriegt. Aber das haben wir jetzt nicht auszumachen. Wir scheu sicht da bei einander wie wenn wir beide keine Eltern hätten und ganz allein auf der Welt wären, so ist mir's, wic's dir ist —" Bläß hielt innc und trocknete sich den Schweiß von der Stirne,' vor sich nicdcrschauend fragte Erdmuthe: „Warum hast mir denn kein gut Wort geben, wie ich in's Dorf kommen bin?" „Weil ich gemeint Hab du bleibst bei uns und da hätt sich schon schickliche Zeit gefunden und ich Hab dir auch nichts im Voraus geben wollen. Du hast mich dein Leben lang geplagt genug, von damals an wo du mir die Kirschen nachgeworfen hast, ich Hab dir's eintränkcn wollen —" Die gekrümmte linke Hand auf Kinn und Unterlippe gedrückt schaute Erdmuthe den Bläst mit flüchtigem Lächeln an, dann fragte sie: „Warum bist denn jetzt anders?" „Weil du jetzt Alles wieder auseinander sprengst, weil du in Feindschaft davon gehen willst, das ist nicht recht, das ist nicht brav, das ... das leid ich nicht. Du gehörst zu uns und nicht zu denen in Lcutershofen und du sollst uns nicht nachsagen, wir hätten dich verstoßen —" „Das sag ich nicht, und es wär' ja auch gelogen." „Das mein' ich auch nicht, du verwirrst mir ganz meine Worte, du redest mir so drein, daß ich nimmer weiß wo ich steh—" „Ent, ich will ganz still sein, so red du allein." Eich die Hände reibend und eine gewaltsame Bedächtigkeit erraffend begann Bläsi wieder: 20 306 „Du solltest dich eben an uns halten, ich will nichts gegen die Deinigen sagen, so viel sichst aber doch, daß wir ganz andere Leute sind und du solltest dich freuen, daß du so einen Anhang hast. Sag, Hab ich nicht Recht?" „Freilich, aber wenn mein Vater im Zuchthaus säß', ich möcht doch bei Niemand in Gnade sein, ich thät dienen und behielt' mein' Ehr für mich." „Das ist in Ordnung, den Stolz, den hast du doch nur von unserer Familie, du gehörst doch zu uns, aber du brauchst nicht dienen, im Gegcntheil. Wenn man nur wüßl', ob du . . . ich hab dich von Herze» lieb und ich laß dich nimmer davon —" Er umschlang ibrcn Hals und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, aber sie entwand sich ihm. „Hast du mich denn nicht auch lieb? Warum weinst denn jetzt? Warum weinst?" fragte Vläsi mit bebender Stimme. „O Bläsi," begann Erdmuthe endlich, „das ist nicht recht, das ist gcfrevelt, wir müssen scheiden, auf ewig scheiden, das darf nicht sein." „Was darf nicht sein?" „Ich Hab mir's nie gestehen wollen und jetzt darf ich's auch nicht, denk du lieber, ich sei schon lang gestorben." „Das will ich aber nicht. Sag's frei, magst mich oder nicht?" „Ach Gott, ich kann dir's nicht sagen, wie lieb —" Sie umhalste ihn und lange hielten sie sich fest in den Armen, die ganze Welt war vergessen und sie hörten nichts als das Klopsen ihrer Herzen und sahen nichts als das eine in das Auge des andern. Bläsi gewann zuerst wieder das Wort: „Willst du jetzt noch einmal heim?" „Ich muß ja, ich muß." „Es ist auch gut. Mein Vater ist grimmig gegen dich wie ich ihn noch nie gesehen Hab', aber das wird sich schon geben. Hast denn gar nichts geahnt, wie du zu uns kommen bist?" „Ich weiß nicht, wie ich gegen das Dorf kommen bin, ist mir's gewesen wie wenn mich der Boden fcsthaltcn thät und dann bin ich da drüben gewesen aus dem Grab meiner Mutter, und 307 in deinem Haus ist mir's so heimelig gewesen und cs ist mir Allerlei durch den Kopf gangen, aber wie ich gehört Hab, daß man aus meinen Vater schimpft, da ist mir wieder alle Gelüst vergangen, ich bleib in keinem Haus, wo man so über meinen Vater redet, er hat das beste Herz von derWelt, freilich schwach ist er, aber er muß selber am meisten darunter leiden und es hat keiner das Recht darüber zu schimpfen. Jetzt Bläst, jetzt mußt du mir helfen, ich weiß nicht mehr wo ich bin und was ich zu thun Hab." Mit einem stolzen Selbstgefühle seiner Männlichkeit erklärte Bläst, daß er sich das schon ausgedacht habe. Erdmuthe solle ihrem Vater das Geld für die Ueberfahrtskosten geben und mit dem klebrigen nach Hollmaringen kommen, dann sei beiden Thci- len geholfen. Statt diesen Vorschlag, wie Bläst erwartet hatte, als klug zu loben, sagte Erdmuthe: „Ich möcht' ihm lieber Alles lasten, ich will gar nichts mehr mit Geld zu thun haben, es graust mir davor; andere Mädle haben gar nichts damit zu schassen und ich muß mich so viel mit 'rumplagcn." Bläst fand das letztere richtig, wenn er auch nur halb den Widerwillen Erdmuthes anerkannte, er wiederholte ihr, daß sie großjährig sei und daß es eine Sünde wäre, das Geld an Cyprian zu verschleudern. Mitten im sonnigen Erleuchten der Liebe Erdmuthe's zog plötzlich eine verfinsternde Wolke darüber; sie hatte zu oft und Jahre lang von dem Geize der Gottfricdischcn reden hören und sie sah auch Bläst davon befangen. Wenn es nicht wäre, warum will er nicht dem Vater Alles geben, uni sie zu retten? Bläst deutete die Veränderung ihres Antlitzes und ihr Verstummen anders. Er rieth Erdmuthe, da sie sich vor dem Austrage der Sache fürchte, wieder ins Dorf zu seiner verhcirathcten Schwester zurückzukehrcn und ihm allein oder seinem Schwager Alles zu überlassen. Das wollte und konnte Erdmuthe nicht, sie mußte mit ihrem Vater allein zurecht kommen, sie durste auch sein Vertrauen auf ihre Rückkehr nicht getäuscht haben; mußte er nicht an der Welt verzweifeln, wenn sie, seine letzte Hoffnung, ihn hin- 20 * terlistig verließ? Oder wollte sie auch Bläsi beweisen, daß sic für sich allein Kraft genug besaß? Noch einmal siegte die überströmeude Macht jugendlicher Liebe und mit dem Rufe: „Es gicbt gar kein Geld in der Welt, horch wie der Fink da über uns lustig ist und hat keinen Kreuzer im Sack," umhalste sie abermals den Bläsi und tausend Erinnerungen und Begegnungen wurden ausgetanscht und gelacht und gejubclt und sic erfanden verschiedene Küsse, der eine war für den Vetter, der andere war für den Bräutigam, der eine war für die Base, der andere für die Braut. Bald mußte Bläsi aufstchcu, des Weges dahcrkommeu, grüßen und ein Gespräch anknüpfen wie es früher hätte sein sollen, bald mußte Erdmuthe die gleiche Nolle spielen und sie verstand cs noch viel scherzhafter und dann saßen sie wieder beisammen und hielten sich umschlungen und dann hieß es: «Jetzt ist wieder ein Jahr vorbei" und noch eines wurde gespielt und immer wieder. Die Sonne sank nieder als Bläsi sagte: „Sieben und siebenzig Jahr möcht ich so leben." „Und hernach laß ich mir noch was drcingebcu," lachte Erdmuthe. Bläsi bedauerte, daß er nichts habe, das er ihr als Licbes- angedenken geben könne, aber er versprach ihr, wenn sie zur Hochzeit der Rosel komme, ihr einen goldenen Ring zn geben. „Silber oder Gold ist mir eins," scherzte Erdmuthe. „Das Wort gilt," bestätigte Bläsi und wie erschreckt fuhr sie zusammen vor diesem Zusätze: hatte sie nicht ihrem Vater auch das Wort gegeben, fest und standhaft zu bleiben? Durfte sie auf das Wort eines andern, durste man auf ihr Wort mehr trauen? Wie das immer nach gewaltigen Erregungen der Fall ist, hielten sich Bläsi und Erdmuthe still Hand in Hand. Sie gingen die verödete Landstraße und Bläsi betrat gerne die spitzen zerschlagenen Steine und ließ ihrem Fuß das glatte Geleise. Erdmuthe hatte ihm gesagt, daß ihr Vater in Secbroun auf sic warte. Bläsi wollte mitgehen, er wollte ihr Beistand sein, aber sie wehrte ab und Bläsi mußte ihr sogar heilig geloben, sich nichts drein zu mischen und nicht nach Leutcrshofen zu senden oder zu kommen: sie fürchtete durch die Einmischung der Eottfriedischcn von ihrem 309 Vater das Härteste und wollte auch Alles selbst vollenden. Dagegen mußte sie Vläsi versprechen, nicht mehr zu Fuß, sondern in einem Bernerwägelcin, wie es sich für sie schickte, nach Holl- maringcn zu kommen. Erst vor dem Dorfe schieden sie, cs war als könnten sie sich nicht trennen und immer auf's Neue sagten sie einander Lebewohl und hielten doch die Hand fest. Es schien als ob Bläsi noch etwas zu sagen hätte, das er nicht auf die Lippen bringen konnte; er wollte Erdmuthc nicht von sich lasten, diese aber hörte am ersten Hause des Dorfes, welches das Wirths- haus war, die laute Stimme ihres Vaters, sie drängte Bläsi fort und ging hinauf. Bläsi kehrte heim, denn auch er hatte einen Vater zu fürchten. Ein Seclcnlicht. Tag um Tag verging, man hörte nichts von Erdmuthe. Am Abend vor der Hochzeit seiner Schwester, als die ganze Familie sich im Hanse Gottfrieds versammelte und jene stille Lust alle Herzen belebte, die ans der Schwelle eines freudigen Ereignisses so still wonnig macht, da war auch Bläst nicht unter den Versammelten zu sehen, er war allein und gedankenvoll den Weg gegen Scebroun hinausgegaugcn, er saß unter dem Apfelbaum am Wegweiser, von dem seht die Blüthcnblättcr abfielen und die Straße und den Rain wie zum Einzüge einer Freude schmückten. Bläst ging weiter bis gegen Seebronn, er hielt den Ring in der Hand mit dem er Erdmuthe schmücken wollte, aber sie kam nicht und doch hatte er sic für heute so sicher erwartet; er wollte weiter und immer weiter wandern bis nach Leutcrshofen, ein unendliches Verlangen trieb ihn und doch kehrte er wieder um, er wollte die Freude im Eltcrnhause durch sein Ausbleiben nicht stören. Er fand noch Alles, was unverwandt war, versammelt, man labte sich jetzt an der kommenden Freude wie au dem Dufte der frischen Kuchen, der das ganze Haus durchdraug, der Genuß selber gehörte dem morgenden Tage. Bläst erwiderte kein Wort als seine Schwester ihm sagte, daß sic ihm zum letztenmal sein Sonntagsgewand hcrrichte und er sie oft vermissen werde, denn sic heirathetc einen Holzhändler im Enzthale. Bläsi war seiner ganzen Umgebung entrückt, er musterte die Anwesenden Alle nach einander nur um aufs Neue zu sehen, daß Erdmuthe nicht unter ihnen und Niemand sie vermißte als er allein. Als man ihn damit neckte, daß nun das Heirathen an ihn käme und daß er sich umschauen müsse, antwortete er nichts und man- eher strahlende Mädchcnblick der sich auf ihn heftete, wendete sich nncrwidert wieder ab. Am Morgen als Wagen an Wagen den Bräutigam und seine Familie sowie die auswärtigen Anverwandten des eigenen Hauses brachte, ging Bläsi wie verloren hin und her und Hatto für Niemanden einen rechten Gruß. Er zwang sich beim Tanze zur Lustigkeit, aber man sah, das; cs ihm nicht Ernst damit war und doch ahnte Niemand außer der vcrhcirathetcn Schwester im Dorfe was mit ihm verging. Beim Abschiede der Rosel weinte Bläsi am meisten. Wenn er im Torfe oder auf dem Felde war und ein Wagen die Straße dahcrrollte, rannte er ihm aus dem Hause oder vom Acker mit pochendem Herzen entgegen, es konnte nicht anders sein, Erdmuthe mußte kommen, aber immer waren cs fremde Menschen die des Weges kamen und staunend auf den Burschen sahen, der bei ihrem Anblicke wieder zurück rannte. Oft und oft nahm sich Bläsi vor, sich um kein Wagengeränsch mehr zu kümmern, aber so oft er wieder ein rasches Nennen hörte, ließ es ihn nicht an der Stelle und nur noch dicßmal und dießmal wollte er sichs gestatten, bis er auch endlich davon ablicß. Da brachte eines Morgens die Landeszcitung, die Gottfried als Schultheiß — oder wie der abgeschmackte neue Kanzleistil heißt, als „Gemcindcvorstand" — halten mußte, eine erschreckende Kunde ins Haus, denn eine gerichtliche Anzeige forderte alle Gläubiger Cyprians auf, sich zu melden, da er nach Amerika auswandcrn wolle, fügte aber sogleich bei, daß Niemand ans Ersaß hoffen dürfe, da Evprian auf Kosten seines Kindes erster Ehe auswandere. Während Gottfried solches in der Stube las, war Traudle zu Bläsi in den Stall gekommen und brachte ihm den lcßtcn Abschicdsgrns; von Erdmuthe, sie war mit dem Vater nach dem Seehafen voransgeeilt, die übrige Familie sollte erst nach der geschlichen Frist Nachkommen. Traudle erzählte viel, wie schwer Erdmuthe der Abschied geworden sei, und doch wußte sic, die allzeit die Vertraute gewesen, nicht anzugebcn, warum sich Erdmuthe doch noch zur Auswanderung bewegen ließ. Traudle war nun auch verlassen in der Welt, sie bat, bei Gottfried bleiben zu dürfen, aber dieser wollte nichts mehr von Jemanden wissen, der ihn an Erdmuthe erinnerte. Traudle ging zu ihrer Tochter nach Lichtenhardt, sie hatte sichs nie gedacht, daß sie wieder nach dem Dorfe zurückkehren müsse, das so arm und abgeschieden war, daß man sich überall scheute, sich als von dort gebürtig zu nennen. Draußen in der Bauernwelt, die man von Lichtenhardt aus bewundernd ansah galt nun Traudle auch nichts mehr, seitdem Erdmuthe verschwunden war. Cyprian mußte seinen Plan schon lange vorbereitet haben. Auf eine gerichtlich bestätigte Vollmacht Erdmuthe's waren die Hypotheken an einen Unterhändler verkauft, der gewiß nicht ohne namhaste Abzüge baares Gcld dafür gab. Der Tag an dem Gottfried die zweimal verschlossenen Hypotheken hcrausgcbcn mußte, war ein trauriger. Aber nicht nur um den Verlust des Geldes, sondern auch um das verlorene Schwestcrkind mußte eine tiefe Wehmuth im Herzen Gottfrieds wohnen. Er legte zur Verwunderung Aller, die cs bemerkten, Trauerflor um die Abgeschiedene an und sprach wochenlang von Erdmuthe nie anders als von einer Verstorbenen. Gottfried war ein Mann von zäher Selbständigkeit, der keinerlei fremden Einfluß kannte; man schalt ihn ob dieser seltsamen und selbst aufcrlegtcn Trauerzcichen, man warnte ihn, daß er damit Gott versuche, der um ihn zu strafen Ernst machen und ihm ein wirkliches Leid, einen Traucrfall zu- schickcn werde; er bcharrte und ließ sich nur zu der Erklärung herbei: entweder sei ihm eines todt oder lebendig, er wolle nichts davon, daß noch eines für ihn da sei, von dem er nichts wisse, Erdmuthe sei für ihn todt, ob sic auch noch in Amerika lebe, das gehe ihn nichts an, für ihn sei sic todt und in seinem Hause durste sie keiner mehr anders nennen. Vielleicht wollte Gottfried mit diesem eigenartigen Starrsinn doch noch etwas anderes. Nach einigen Wochen legte er den Trauerflor ab, aber eine gedrückte Stimmung im Hause blieb und wollte nicht schwinden. Roscl, die das Haus erheitert hatte, war nicht mehr da und Bläsi wurde von Tag zu Tag stiller und in sich gekehrter. Er hatte um Erdmuthe kein äußeres Trauerzeichcn augcthau und abgelegt, ja er vor Allen war dem Vater über beides am meisten gram, denn er ahnte, daß diese gewaltsame That ihm besonders galt. Gottfried hatte seinem Sohne allmälig das ganze Baucrn- wcscn in die Hand geben wollen, aber Bläsi fragte ihn jetzt um jedes Vorhaben und wußte sich nicht zu rathcn und zu helfen. Er war im eigenen elterlichen Hause wie ein Knecht, der erst an diesem Tage in Dienst getreten war. Sonst hatte Bläsi die meisten Amtsschrcibereieu für Len Vater gemacht und dieser war zufrieden mit der runden Fassung des Sohnes ; jetzt mußte er ihm jedes Wort in die Feder diktiren und dabei schrieb er oft noch Verkehrtes. Die Eltern sprachen über das so veränderte Wesen ihres Sohnes, der nichts leugnete als man ihm laut vorwarf, daß er bei Erdmuthe am Wegweiser gesoffen und sie geküßt habe. Der Vater drohte ihm das Härteste, wenn er nur noch mit einem Gedanken an Erdmuthe denke, ja, er steigerte seinen Haß gegen „die Verstorbene" zu den höchsten Verwünschungen und jetzt zeigte sich, daß er mehr um Bläsi's willen Trauer um Erdmuthe angelegt hatte, ja er ging noch weiter und zündete am Tage Allerseelen zwei Lichter auf dem Grabe seiner Schwester an. Endlich fand er das beste Mittel, jeden Funken in Bläsi zu tödten, er faßte einen festen Entschluß und Bläsi mußte gehorchen; er verlobte ihn mit der schmucken Tochter des Kirchenguts-Vcrwaltcrs, des sogenannten Heiligenpflegers von Scebronn. Bläsi hatte ehedem eine Neigung zu dem Mädchen gezeigt, das aber für Gottfried weit unter seinen Anforderungen stand; jetzt drang er selbst auf die Verlobung und Alles sagte, der Gottfried habe seine alte Art ganz verändert und das Lob, das er jetzt hören mußte, war weit mehr ein Tadel, denn er vernahm, was man ehedem von ihm dachte. Es gab wol nie einen weniger aufgeweckten Bräutigam als Bläsi. Er that Alles was Vater und Mutter ihm sagten, mehr aber auch nicht. Denselben Weg, den er mit Erdmuthe gegangen, ging er nun zu seiner Braut und wenn er zu ihr kam, mußte er — 314 — sich immer erst erinnern, was er sei und was er hierzu thnn habe. Als ihn einst seine Braut eine graste Strecke Wegs heim geleitete und unter dem Apfelbaum am Wegweiser sich niedcrsetzeu wellte, schrie er mit entsetztem Angesichte: „Nicht, nicht, nicht, da sitzt ein Geist," und fort rannte er. Andern Tages kam derHeiligcnpfleger von Sccbronn, brachte die Brautgeschenke wieder zurück und löste das geschlossene Band, da Bläsi irrsinnig sei. Eine tiefere Kränkung hätte Gottfried nicht erfahren können, als das: man seinen Sohn abwics und ihm solches nachsagtc. Gr redete fortan kein übriges Wort mehr mit Bläst, der die Auflösung seines Bräutigamstandcs aufuahm, als ob das ihn gar nichts anginge, er blieb still und schaute immer träumend drein. Sein Schwager war der einzige, dem er sich anschlost, er arbeitete lieber für ihn als im elterlichen Hause und wenn man nach dem Kornmarktc fuhr, der jetzt nach der Stadt verlegt war, leistete er am liebsten Kncchtesdicnste und blieb bei den Pferden. Dabei sah cr in gleicher Weise wie vordem frisch und jugendlich aus, nur hatte er die seltsame Angewohnheit, das: er aus manche Anrede nichts antwortete, sondern nur still wehmüthig lächelte. So vergingen drei Jahre. Als einst i» der Zeit der beginnenden Heuernte Bläsi seine Pferde auf dem Marktplätze in der Stadt tränkte, da kam Traudle zu ihm und winkte ihm schon von ferne, er sab sie kommen, aber er rührte kein Glied und dankte nicht ihrem Ernste. „Gottlob, das; du da bist," rief Traudle. Bläsi sah, dass seine Pferde die triefenden Mäuler aus dem Troge hoben, er pfiff ihnen aber sie soffen nicht mehr und er führte sie in das Wirthshans zurück. Traudle konnte vor raschem Athmcn nicht sprechen, sie ging neben ihm her und sagte: „Bläsi, wach auf, Schlafenszeit ist vorbei." Er sah sie kaum an und band die Pferde wieder an die Krippe. „Hörst mich denn gar nicht? Ich Hab dir was Gutes zu sagen, an das kein Mensch denkt. Um Gottes willen, bist denn wirklich hintersinnt?" fragte Traudle mit steigender Angst und prallte scheu zurück als Bläst sie durchbohrend anschaute. „Was willst von mir? Was hast?" fragte er endlich. „Hinter der ober» Mühle am Bachsteg wartet ein Mädle auf d'ch und hat mich zu dir geschickt. Sag, thut dir's nichts, wenn ich dir sag wer's ist? Sag'sdoch. Es ist ein Mädle, es bringt dir Botschaft von der Erdmuthe." Als ginge plötzlich die Sonne auf, so hell wurde das Antlitz Bläsi's, er faßte Traudle am Arme, das; sic laut aufschrie. „Wo ist das Mädle? Wo?" fragte er. „Komm mit." Er ging raschen Schrittes neben Traudle und als sie über den Weg kamen, sah er eine verhüllte Frauengestalt mit einem weißen Kopstuche und einem Bündel auf dem Rücken, ähnlich wie sie aus der Umgegend aus Wallfahrten ziehen. Tie Gestalt saß unter dem Wcidcnbaume in sich zusammcngekauert, jetzt richtete sie das Haupt empor, ein braunes Auge leuchtete, die Gestalt richtete sich auf und Vläsi rief: „Bist du nicht? . . Heiliger Gott im Himmel, du bist's." Ein Freudenschrei ertönte, den das gewaltige Rauschen des Stromes nicht verdecken konnte. Erdmuthe und Bläsi lagen einander in den Armen. An den rauschenden Wellen. „Glaub nicht, daß ich kein rechter Mann bin, ich kann nicht anders, ich muß weinen, dn glaubst nicht wie viel tausend Thrä- nen mir ins Herz gesunken sind. Es wird mir so leichter. Las; nur." So beruhigte Bläsi, da Erdmuthe seine ins Unfaßliche gehende Erregung beschwichtigen wollte, „ich freu mich nur, daß ich dich gleich erkannt habe, du hast dich ganz verändert, aber deine Augen die sinds noch. Jetzt sag, wie ists denn möglich? Jsts denn wahr, daß dn da bist? Wie hat's denn nur sein können? Sind - denn schon drei Jahr seit du fort bist oder ist's erst seit gestern?" So oft auch Erdmnthe beginnen wollte, ihre Geschichte zu erzählen, sic wurde immer wieder unterbrochen von Ausrufungen der Liebe nnd Verwunderung. Endlich verbot sie jede Zwischcn- rcde und begann: „Da an dem Plaß wo wir jetzt sind, da hat mein großes Unglück angefangcn, da hat sich mein Vater ins Wasser stürzen wollen, wenn ich nicht mit ihm geh, nnd wahr blcibt's, wie's auch kommen ist, ich bin doch seine einzige Freud ans der Welt nnd unterwegs hat er mir all Stund gedankt, daß ich ihn nicht Verlagen habe. O Bläst glaub niir und thn mir die Liebe nnd zweifle nicht daran, ich will dirs zeitlebens vergelten, er ist an dem was mir geschehen ist, so unschuldig wie du: nur das ist sein Unrecht: er hat mir die Höll vorgestcllt wenn ich zu euch komm nnd wie dein Vater dich zu todt plagt, nnd dir zu lieb und ich kann's jetzt selber nimmer begreifen wie mir's gewesen ist und ich Hab auch gedenkt, dn nimmsts vielleicht doch leichter nnd mein Vater hat sonst Niemand, der ihm ein gutes Wort gönnt, die 317 Großen und die Kleinen fahren Alle auf ihn hinein, wenn er ein Wort sagt, und da bin ich halt fort und es ist mir immer gewesen, wie wenn das doch nicht Ernst war und ich kam' morgen wieder heim und doch sind wir immer weiter gefahren, hundert und hundert Meil Wegs bis wir an dem großmächtigen Meer Halt gemacht haben, man heißt den Ort Antwerpen. Wir haben lang da bleiben müssen, bis die anderen Nachkommen sind und mein Vater hat mir jeden Kreuzer verrechnet, den er aus- gcbcn hat, und ich Hab unser Geld immer bei mir tragen müssen, der Vater hat's nicht zugcbcn, daß ichs in einen Schrank verschließ und er selber hats auch nicht genommen! da bin ich dir immer hcrnmgclanfcn, so geplagt und ich Hab fast gar nicht gehen können und mein Herz ist mir noch viel tausendmal schwerer gewesen und ich Hab mich oft fast hintersinnt und ich Hab hcrans- bringen wollen, warum gcrad ich das Alles dnrchmachen muß und hab's doch nicht gefunden. Unter dem Durcheinander von den Schiffen und den Menschen ist mir so stcrbenbang gewesen nnd wenn's kein Sünd gewesen war ich war ins Wasser gesprungen und wenn ich alles Geld von der Welt hält mit mir nehmen und ins Meer versenken können, ich war doch hincingcsprungcn. Das Geld ist doch an allem Unglück in der Welt schuld." Bläst schüttelte nur abwchrend den Kops und Erdmuthe fuhr fort: „Wie die Frau mit den Geschwistern kommen ist, da Hab ich mein Geld in meine Truhe thun dürfen und es ist immer eines als Wacke dabei blieben. Einmal komm ich dazu wie der Vater mit der Frau fürchterliche Händel hat, wie ich dazu komm, sind sie plötzlich still und der Vater hat mich nachher wie wir allein gewesen sind, gewiß eine Stunde bei der Hand gehalten und mir alles Liebe und Gute gesagt nnd geweint. Damals ist mir das nicht besonders ausgefallen, aber nachher Hab ich dran denken müssen, was das Alles zu bedeuten gehabt hat. Am Morgen vor der Abfahrt, wie wir Alle ans dem Schiss sind, schickt mich mein Mutter noch einmal in die Stadt, ich soll einen Sack Erbsen holen, den wir im Wirthsbaus haben liegen lassen! mein Vater will gehen, aber sie lcidets nicht. Wie ich vom Schiff absteig, wclscht einer mit mir aber ich versteh ihn nicht. Ich geh in die Stadt, ich find den Sack nicht, cs will Niemand was davon wissen, das; er liegen blieben sei, ich geh wieder ins Schiff — Bläst, ich Hab ins Wasser springen wollen, das Schiss ist fort und ich bin allein da, allein, ausgesctzt, verlassen und verstoßen, Bläst, kannst dir denken wie mir's da gewesen ist. Tic Leute haben gemerkt, was mit mir geschehen ist und sie haben mich vom Boden aufgcrichtct wo ich hingefallen bin und da war anch ein Deutscher und der hat mich getröstet und hat mir versprochen, er will mir helfen, das; ich den Meinigcn nachreisen kann. Da bin ich gesessen am Boden und Hab nicht reden und Hab nicht gehen können und die Leute haben mir Silber- und Kupfermünzen in den Schoos; geworfen. Noch einmal Geld und immer Geld, was will denn Ich noch davon ? Ich will sterben. Sie haben mich in die Stadt geführt, wie ich erwacht bin, haben sie mir gesagt, das; ich lang geschlafen hätt. Das Trandle hat mir oft Geschichten erzählt von Kindern, die von ihren harten Gltern im wilden Wald im liefen Schnee ausgesetzt worden sind, aber schwerer als mir ists gewiß keinem geworden, und ich bin dir so verlassen und unbeholfen gewesen wie ein kleines Kind, das kaum sagen kann, wie sein Vater heißt. Ter Deutsche, es ist ein Jnd gewesen, der selber Auswanderer hinüberschickt, hat mich umsonst übers Meer bringen wollen, ich Hab aber nicht gewollt, ich Hab bei ihm im Haus ein Jahr gedient und er und die Frau, sic ist auch eine Schwäbin, sind gut gegen mich gewesen, aber ich bin doch fort und bei Köln bin ich krank worden und da bin ich wieder in Dienst gangen zu einem Bauer und jetzt bin ich da. Ich Hab geglaubt, du bist schon lang verheirathet, Bläst, und ich Hab bei dir dienen wollen, und da bin ich zuerst zum Traudle, das hat auch Trauer, sein' Tochter ist ihm gestorben und wir haben einander getröstet, so gut wir haben können und sic hat gesagt, du hättest dir mein Weggehen so arg zu Herzen genommen, daß dn hintcrsinnt seist und da Hab ich dir Helsen wollen —" 319 „Und du hast mir geholfen und ich weiß gewiß, ich war gestorben, wenn du nicht kommen wärst —" „Jetzt sag aber Bläst, was soll ich jetzt anfangcn?" „Du gehst mit in mein Elternhaus." „Nein, so nicht, das geht nicht." „Hast auch Recht, ich weiß schon einen Ausweg, ja, das ist gescheiter. Du hast ja im Feld schaffen können. Kannst's noch ordentlich?" „Freilich, ich Hab mich ja mit dem Traudle über die Sommerszeit verdingen wollen. Ach! ich Hab nicht glaubt, daß ich mit dir wieder zusammen komm, und doch, wenn ich sagen soll—" „Was? Was thätest du sagen?" „Daß das Traudle Recht gehabt hat. Ich bin wieder heimczu und Hab doch kein' Hcimath und da bin ich zum Traudle und bi» grad recht kommen, ihm in seiner Noth beizustehcn, seine Tochter ist ihm gestorben und da haben wir eines über das andere weinen können. Aber davon hat man nicht gesscn, im Gcgen- theil, mich macht das Weinen viel hungriger —" „Hast denn heut schon was gcsscu?" „Ja wohl, schau, da Hab ich noch Brod im Sack. Du hast doch ein gutes, gutes Herz, das Hab ich immer gewußt und ich Hab denkt du wärst schon lang verhcirathet; am selben Abend, wo ich von dir geschieden bin, Hab ich gehört, daß du mit des Hciligenpflcgers Tochter von Scebronn dich versprechen wirst — " „Und warum bist denn doch wieder kommen?" „Hundertmal Hab ich mir das auch ans dem Weg gesagt: du kannst auch beide noch unglücklicher machen. Und doch bin ich mit dem Gedanken immer weiter gangen und ich hätt gern dir Gutes gcthau und dir gedient und deinem Vater auch, er hat es da auch gut mit mir gemeint —" „Ja das hat er und er hat Trauerflor um dich angelegt und hat gesagt: du seist gestorben und man darf nicht anders von dir reden als von einer Verstorbenen." Erdmnthe weinte laut als sie dies; hörte, Traudle aber trat herzu und schalt Bläst, daß er der Verlassenen das Herz noch 320 schwerer mache, das Reden solle jetzt einmal ein Ende haben, er solle sich als Mann zeigen und fest anftreten. Mit einer Heiterkeit des Antlitzes, die gar nicht zu seinem Vorschläge paßte, die ihm aber die Freude über seinen Einsall aufprägtc, erklärte nun Bläsi: „Ich glaub nicht, daß dich Jemand im Ort kennt, Erdmnthe, und so mit dem Tuch nun gar nicht und du mußt dich nicht kennen lassen, von keinem. Trandle, wie hat dein'Tochter geheißen." „Regele (Regina), antwortete die Gefragte mit einem tiefen Seufzer. „Ent. Kennt man dein' Tochter in Hollmaringcn?" „Nein, sie ist nie in Hollmaringcn gewesen, mein Schwester bat sic angenommen gehabt, weil sie selber kein Kind hat. Wenn ich die Erdmnthe anseh' mein' ich noch immer mein Regele lebt und sie habcn's in Lichtenhardt auch gesagt, daß sic sich gleich sehen. Warum sollen sie auch nicht? Eie sindja Vrnderskinder." „Um so besser," sagte Bläsi „Erdmnthe, du hcißst jetzt Regele und bist des Trandle's Tochter." „Ja, ich Hab' sic so lieb wie mein Kind und sie ist's auch mehr als mein eigenes gewesen", sagte Trandle sich die Augen reibend und Bläsi fuhr fort: „Schon recht. Ich nchm' euch also als Taglöhner und du Regele machst, daß sich mein Vater an dich gewöhnt. Nehmet euch ja in Acht, daß ihr euch in Nichts verrathct, bis es Zeit ist, bis Jch's euch sag, cs wird sich schon finden." „Ja, beim Auskehren findet sich Alles wieder," scherzte Erd- muthe und wchmnthig lächelnd sagte Trandle: „So ist's recht, wenn du mein Regele sein willst, mußt du lustig sein, lustiger ist kein Geschöpf ans der Welt gewesen." „Ich glaub', daß ich die Kunst auch kann", bestätigte Erd- muthe. Bläsi trug den beiden Frauen noch auf, zu Fuß nach Hollmaringen zu gehen, er könne sie nicht mit auf den Wagen nehmen, weil er sich zu vcrrathen furchte. Leise ins Ohr sagte er Erdmnthe: 321 „Grab' ein bisle am Apfelbaum beim Wegweiser auf der Ackcrseit', du wirst was finden, nimm es zu dir." Ein eigener schelmischer Zug schwebte auf seinem Antlitze als er dann laut „Regele" bat, ihn nicht zu verkennen, wenn er auch manchmal barsch und grob gegen sie sei und als eben ein Hollmaringer vorüber ging übte er das sogleich und wiederholte in polterndem Tone die Bedingungen unter denen er die beiden Taglöhnerinnen in Dienst nahm und ging davon. 21 Der Heimgang der Verhüllten. Erschien Bläsi seinem Schwager, mit dem er heimwärts fuhr„ als ein Wunder, so erschien ihm die ganze Welt nnd er selber sich noch mehr als ein solches. War's denn möglich, war's nicht ein Tranm, daß Erdmnthc wieder da war? Er schrak zusammen als er diesen Namen in sich hineindachtc als hätte er sich vcrrathcn, und leise vor sich hin sagte er: „Regele." Die beiden Frauen gingen barfuß den Weg neben der Straße nnd trugen ihre Schuhe auf den Rückenbündcl geknüpft; Bläsi deutete schon von ferne mit der Peitsche nach ihnen und fragte seinen Schwager: „Was meinst, daß mein Vater dazn sagen wird, daß ich sie gedingt habe?" „Der wird sich freuen, daß du wieder so hellauf bist und dich auch wieder von selbst um etwas annimmst und Muth hast." Bläsi knallte mit der Peitsche als er an den beiden Frauen vorüber fuhr, die still grüßten, er knallte fort und fort hin und her, das war ja das einzige Frcudenzeichen, das er, ihnen allein verständlich, kundgeben konnte und Erdmuthe verstand die innere Musik, die aus diesem unmelodischcn Knallen hcraustönte. Eie ging den stundenlangen Weg still mit Traudle nnd nur manchmal klagte sie über die Beschwerlichkeit des Gehens: „Ich bin die halbe Welt ausgewandcrt, und jetzt ist mir's als ob mir bei jedem Schritt die Knicc brechen." Sie hatte heute schon zu viel erlebt, um noch bei rüstiger Kraft zu sein. Traudle wollte auf Bläsi schelten, daß er sie nicht mit auf den Wagen genommen, aber sie mußte auf die Einreden ihrer Begleiterin bald schweigen. Als man am Wegweiser beim Apfelbaume anlangte, rannte Erdmuthe ihrer Begleiterin vorauf, grub nach Anweisung Bläsi's an dem Baume und fand einen silbernen Ring von jener Art wie sie ein Bursche seinem Mädchen als Vcrlobnngsring giebt. Sie steckte ihn an den Finger und küßte ihn, und Trandle war die erste, die ihr glückwünschte: sie hatte bis jetzt doch noch an Bläsi gezwcifelt, nun war auch sie bekehrt. Erdmuthe erzählte, wie sic hier einst mit Bläsi gesessen und lichte Freude durchströmte sie; als sie wieder aufstand war sic voll frischer Kraft, das; sic fliegen zu können glaubte. Noch einmal mußte sie von der Wehmuth sich bewältigen lassen; sie schaute hinüber nach jener Buchcnumhcgung, daraus die schwarzen Kreuze schauen, sie durfte jeßt nicht dort sich niederwerfen, sie war eine andere und sie war eine Bettlerin, die barfuß und demüthig in ihre Heimath cinzog. Sie hatte sich vor dem Dorfe die Schuhe anziehen wollen, aber Trandle hatte sie bedeutet, daß sich das für eine Taglöhncrin nicht schicke und ihr übel ausgedeutet würde. Sie schaute kaum auf als sic durch die Gaffen ging und wendete gewaltsam den Blick ab als sie zum Elteruhause kam. Der lahme Klaus saß wiederum auf der Stcinbank und strickte, er stierte sic an, der Knäuel unter dein Arme entfiel ihm, er erkannte sie nicht, und doch wäre das Erdmuthe jeßt lieb gewesen, denn sie zitterte im Herzen vor all der Verstellung, die sic üben sollte; sie sollte den Menschen nahen, die ihr allein ans Erden geblieben waren und keine Hand nach ihnen ansstrccken, kein Licbeswort ihnen sagen. Tie Schultheißin hieß Trandle und ihre Tochter willkommen und gab ihnen ans der Hausflur zu essen, ans der Stube hörte man die laute Stimme Gottfrieds, der den Streit zweier Männer zu schlichten suchte. Bläsi ging an den beiden Frauen, die ans dem Schooße aßen, vorüber und sagte: „Gscgn' es Gott. Trandle, ich glaub' dein' Tochter ist ein bisle heikel, red ihr zu, daß sie essen soll, ihr krieget nichts mehr bis auf den Abend und ihr könnet gleich mit mir hinausfahren und helfen Heu cinthun." Erdmuthe aß mit gutem Appetit und die Schultheiß!» lobte 21 * 321 sie nachher besonders, weil sie so schnell Bescheid im Hause wußte, das Geschirr spülte und au seinen Platz stellte, ehe man sich's versah. Bläsi stand ausrecht im Wagen und Traudle und Erdmuthe fuhren mit ihm hinaus auf die Wiese, er schalt Erdmuthe bei der Arbeit ob ihrer Langsamkeit und sagte: „Du solltest Lahmele heißen, nicht Regele." Er fand sich besser in seine Rolle als Erdmuthe, er hatte es freilich auch leichter. Man brachte das Heu rösch und unverrcguet unter Dach und als plötzlich zwei Mäher krank wurden, hatte Erdmuthe noch einen besonder» Triumph, sie mähte mit Bläsi und dem Knechte in gleicher Linie und blieb nie zurück. Gottfried, der wie der Schwager voraus gesagt hatte, sich an der entschlossenen Thätigkeit Bläsi's freute, ließ auch einen Thcil dieses Gefühls auf die neuen Taglohncrinneu übergehen und ermahnte Bläsi, nicht zu strenge gegen sic zu sein. Erlachte, da ihm die Mutter sagte, die Tochter Traudle's sei Bläsi nicht gleichgiltig, eben weil er so viel mit ihr zanke: er kannte seinen stolzen Sohn viel bester. Tie ganze Woche und selbst am Sonntage kam mau nicht zu Ruhe und Besinnung, man war immer in Bedrängnis; vor dem drohenden Wetter und nur beim Esten im Felde wechselte man einige Worte. Da sagte der Knecht einmal: „Das Bieh geht doch in Allem voraus, das kriegt das erste vom Feld und nachher kommen erst die Menschen mit ihrem Futter dran." „Das gehört sich auch," sagte Erdmuthe, „wenn man zuerst für Andere gesorgt hat, dann kommt inan erst an sich selber und die Kühe und Ochsen fressen das Heu für uns, wir kriegcns nachher als Milch und Butter und Fleisch." „Und die Gäul?" sagte Bläsi. „Die sind unsere Arme, die müssen für uns Pflug und Wagen ziehen." „Dein Maul braucht keinen Wetzstein," lachte der Knecht und Bläsi nickte still zu Erdmuthe. 325 Am zweiten Sonntage sprach Gottfried das erste Wort mit Erdmuthe: „Mädle, ich Hab heut dein'Stimm in der Kirche aus Allen heraus gehört, du hast was besonderes, ich weis; nicht was." Erdmuthe sah ihn groß an, hatte sie die Stimme ihrer Mutter und hatte diese den Bruder so angesprochcn? Wie gerne hätte sie alle Vermummung abgelegt, aber sie durfte nicht und immer mußte sie denken, daß dieser Mann Trauer um sie wie um eine Todtc angelegt; sie hatte schon einmal durch die Erregung seiner Heftigkeit ihn an denNand des Grabes gebracht, sie durste nichts mehr wagen. Am Abend in der Dämmerung ging Erdmuthe mit Traudle durch das Dorf, diese kannte Jedermann und hatte überall eine Ansprache und Erdmuthe stand dabei so verlaßen und es schnitt ihr durch die Seele wenn sie hören mußte, daß sic die Tochter Traudle's sei. Verlcugncte sie ihre Mutter? Sie kam sich beständig wie eine Diebin vor und gab nur wenig Antwort und die Spielplätze ikrer Kindheit betrachtete sie mit verstohlenem Blicke. Bläsi hatte ihr doch Schweres auferlegt, aber sic vertraute ihm und wollte ausharrcn. An ihrem elterlichen Hause stand sie lange bei der Schwester Bläsis und konnte sich kaum enthalten, sie nicht als Aase zu begrüßen. War denn diese ganze Mummerei nicht unnöthig und grausam? Aber Bläsi sollte sehen, daß sie ihm unbedingt gehorchte. Die jungen Burschen und Mädchen zogen singend durch das Torf, die Schwester Bläsis verkündete mit Jubel, daß dieser seit Jahren zum erstenmal wieder unter ihnen war. Erdmuthe seufzte still und immer wieder kam die unlösliche Frage, warum gerade ihr allein ein so schweres Loos beschieden war. Der Dorfschütz klingelte und verkündete, daß am morgenden Tage die Ernte beginne und ein Jeder vor Allem Wege schneiden müsse, daß der Nachbar seine Frucht ohne Schaden des andern heimbringcn kann. Das Dorf schlief bald, denn mit der Morgensonue mußte Alles wach sein. „Man sollte eigentlich gar keinen Menschen lieb haben," sagte Erdmuthc beim Schlafengehen zu Trandle, „wenn man so sieht, wie sie weiter leben wenn man fort ist und gar nicht mehr au einen denken als war' man nicht da gewesen." „Das kannst von deinem Bläsi nicht.sagen." „Nein, gottlob nicht, aber sprich nicht so laut. Gut Nacht." Erdmuthc war die erste im Hause und schlich unhörbar wie ein Geist umher, Alles ordnend und zurecht legend und hier znm erstenmal seit sic in das Haus gekommen war, überraschte sie Bläsi beim Brunnen als sie Wasser holte. Sie klagte ihm leise, wie schwer ihr die Verleugnung ihres Namens und Lebens sei, aber Bläsi getröstete sie, daß das der einzige Weg sei, seinen Vater zu gewinnen, der sie auf ewig aus seinem Herzen vcrstoften, und wenn auch Alles sich wieder ansgleichen ließe, nur durch das äußerste Mittel ihr verzeihen werde, daß sie ihr Mnttergut verschleudert habe: noch heute könne er in mächtigen Zorn gerathcn, wenn er auf einen Acker komme, der Erdmuthc gehören sollte und der nun in fremdem Besitze sei. Erdmuthc wagte cs kaum leise ein Wort ob dieser zähen Habsucht zu äußern, da faßte sie Bläsi mit starker Hand und sagte, daß er nie an den verschwenderischen Leichtsinn ihres Vaters gedenken wolle, daß sie dafür aber auch seinem Vater nichts Böses Nachträgen und ihn ehren und Hochhalten müsse. Erdmnthe versprach das gerne und bat nur, daß sie sich der Mutter oder der Schwester zu erkennen geben dürfe, es drücke ihr das Herz ab, daß sie mit Niemanden von sich selber reden könne. Auch hicgegcn bestand Bläsi darauf, daß cs ihr genügen solle, wenn er allein wisse, wer sie sei, sie brauche sonst Niemanden, und hingcgeben in treuer Liebe sagte Erdmuthc, daß sie gerne Buße thne, weil sie ihn verlassen hatte, daß sie ihm allein angehörc und ihn fortan um nichts mehr bitten wolle, bis er selber finde, daß es Zeit sei. In stiller Umarmung hielten sich die beiden Liebenden bis daß der Morgenstern am Himmel erblich. Die neue Ruth. Das ganze Jahr ist der Feldbau cincin gleichmäßigem Schritte gehaltene stetige Arbeit. In der Heuet, noch mehr aber in der Ernte wird sie plötzlich zur Leidenschaft, cs ist ein gehetztes Treiben, jede Stunde, jede Arbeitskraft, jedes Fahrzeug ist unersetzlich, man jagt im Galopp die Straße hinaus ans klapperndem Wagen, biegt feldein, wo die Räder sich stille umdrehcn, fährt knallend mit geladenem Wagen ins Haus zurück, um dann auf's Neue hinaus zu jagen, wo die gebundenen Garben harren. Selbst die Essenszeit, der sonst so gewissenhaft gehaltene Nuhepunkt, ist draußen im Felde von Hast nicht frei, so sehr man sich auch gegenseitig ermahnt, die Hast nicht aufkommcn zu lassen. Das aber ist ein schönes Kennzeichen der Mcnschcnnatur, das; das Herz sich um so freudiger bewegt inmitten aller Arbcits- mühen, das; ein gutes und heiteres Wort nie erfrischender in die Seele fällt, daß ein Bissen nie besser mundet, daß man nie zu einer, wenn auch flüchtigen doch innigen Begegnung mit den Ncbcumcnschcn aufgelegter ist, als in solcher angespannten Tätigkeit. Alle Tugenden und Lebensfreuden sprießen frei in ihr auf und jener uralte Fluch ist zum Segen verwandelt, der Mensch ist erst durch die Arbeit zum Menschen geworden. Wie der Morgcuthau erfrischend auf Busch und Halm lag, so ruhte auch ein erquickliches Gefühl im Herzen Aller, die vom Hause Gottfrieds mit den Eicheln hinausschritten in das Feld. Bläst ging voran mit den Männern, die Frauen hinter ihnen drein mit Körben und Krügen an der Hand. Man ging eine geraume Strecke wortlos, da machte ein Scherz Traudle's Alles lachen, sie sagte: „Wann sind die Bauern am stärksten?" Nie- 328 mand wußte eine Nutwort und Traudle erklärte: „Vor der Erut' da können sie all' ihre (wenige) Frucht aus dem Buckel iw die Mühle tragen." Es bedurfte nur dieses leisen Anstoßes, um die Allen iuwohucndc Heiterkeit Schlag auf Schlag zur Offenbarung zu bringen. Andere schlossen sich der Kruppe eine Strecke Weges an und das Lachen und Necken tönte hell über die schnittreifen Feldbreiten. Als die Gottfriedischcn in die Nähe des Ecr- stenackers kamen, der zuerst angeschnitten werden sollte, schimpfte der Knecht, daß der Anwänder (Nachbar), cs war der Vater des lahmen Klaus, keine Anstalt getroffen, daß man durch seine» Acker auf den eigenen kommen konnte. „Wir machen Luft," sagte Erdmntbe und legte zuerst ihre Sichel au die Nehren und Bläsi bestätigte: „Sie hat Recht: zuerst für einen andern arbeiten, das bringt Segen." Es konnte kein besseres Liebeswort Bläsi's geben, als daß cv das was Erdmuthc früher ausgesprochen, hier sogleich anwendcte. Fast nur in langsamerem Schritte weiter schreitend, legte man nun einen breiten Weg durch den Acker des Anwänders nieder, bis man zu dem eigenen kann Die Frauen schnitten immer zwischen den Männern drci» den schrägen etwas schmäleren Streifen, den sic zwischen einander stehen ließen, sic selber mit ihrer stärkeren Kraft nahmen größere Breiten oder wie man hier zu Lande den Ausschnitt nennt, den ein Jeder macht, einen größeren Jaun. Erdmuthc, die zwischen Bläsi und dem Knechte war, legte mit einer Leichtigkeit und Behendigkeit die Aehrcn nieder, daß cs schien als habe sie eine Zaubersichcl, sic kam den Anderen vorauf, vollendete zuerst den Jaun und rief, die Sichel hoch hebend: Juchhe! daß es weithin schallte und von anderen Feldern erwiedcrt wurde. Traudle erhob sich auch und sagte: „Duss (draußen) ist's, hat feiler (jener) Pfarrer gesagt und hat das Amen vergessen." Alles lachte und nun ging cs rückwärts und so oft mau an das Ende eines Jauns kam ging das Schneiden viel schneller, weil Alles zusammen rückt und cs wurde gearbeitet als würde geraubt und das Sprechen der Genossen, die 329 durch keine Scheidewand getrennt waren, nahm einen frischen Anlauf, bis cs allmälig wieder verstummte und man nichts Härte als das Schneiden der Sichel und manchmal einen Seufzer über Rückenweh. Alan spottete einmal über Erdmuthe die die Stoppeln etwas höher stehen ließ als die Anderen, sic aber sagte: „Wenn man dem Acker die Halme nicht zu kurz nimmt, dann ist er bald gefüttert und trägt das nächstem«! um so bester." Dieses Wort vernahm der »»gehört hcrbeigckommene Gottfried und sah bitter drein. Deutete er dies; vielleicht als Anwendung auf seine Genauigkeit? Alan setzte sich zum Morgenimbiß, den eine Magd herbei- gcbracht hatte. Traudle konnte sich nicht enthalten über das schlecht- gebackene Brod die spöttische Bemerkung zu machen: „Es giebt verschimmelte Bauern, die verderben die Gottcs- gabc und lassen schlechtes Brod backen, damit cs einem wie ein .Üiesclstein im Magen liegt." Alles schwieg, aber Erdmuthe schnitt sich ein gutes Stück ab und sagte dabei halb singend: „Laible, du muht Nübele heißen, Rübelc, du muht gestcn sein." Gottfried betrachtete genau die Spalten an den Aehren des bcnacbbartcn .liornackers, denn cs gilt als alte Regel, das; je mcbr Spalten da wo der Strohhalm beginnt, taub sind, um so theurer wird das llorn. Er nickte zufrieden. Ein Storch flog über die Schnitter weg und sich zurück legend und in den Himmel schauend sagte Erdmuthe: „Ich möcht' nur wissen, wie der Vogel da oben auf uns 'runterguckt, wie sich da Alles tummelt: cs muh ihm doch sein, wie wenn wir in einen Ameisenhaufen schauen." Gottfried ging brummend davon, er kam wenig aufs Feld, er hatte meist mit seinen Amtsgeschäftcn zu thun und überließ Bläst gern die Meisterschaft und die jungen Leute waren doppelt lustig, wenn er weggiug. 330 Am Mittag kam der wohlausgerüstcte Korb. Man saß am Raum, die Sonne im Rücken, und Erdmuthe mußte allzeit den Obstmost in den zinnernen Becher einschcnke», der von Hand zn Hand ging. Man kam den ganzen Tag nicht ins Dorf und schnitt unaufhörlich bis der Abendthau auf die Felder sank und nur noch der Goldammer von den Obstbäumen pfiff und die Staare in Haufen aufflogcn. Der Vollmond kam mit röthlichem Scheine hinter den Bergen hervor und im Heimgchcn sagte Erdmuthe: „Mir ist's immer wundcrig, daß man gar nichts davon hört, wenn der Blond kommt, daß er auf Einmal so still da ist." Es lebte ein eigener regsamer Geist in dem Mädchen und Bläsi pries im Stillen doppelt sei» Geschick, daß cs ihm so wunderbar wiedcrgegcbcn war. Tag um Tag verging und die Heiterkeit blieb sich gleich wie das ständige Wetter. Am Abend hörte man im Dorfe nichts als Futterschnciden und Dengeln. Erdmuthe half das Vieh versorgen, auf das man jetzt doppelt Acht haben mußte und war eben so behend in der Küche und in der Stube. Gottfried betrachtete sie oft mit freundlichem Blick und einmal sagte er ihr sogar: „Wenn mein Bläsi gehcirathet hat, kannst du als Magd bei uns bleiben. Du bist anstellig." Erdmuthe antwortete nichts. Zum Earbeueiuführen kam Gottfried immer ins Feld und die Sammelten betrachtend schätzte er immer richtig, wie viel Garben cs gebe, damit man wisse, wie viel Wagen man nehmen solle und keine Zeit verliere. Die Mädchen sammelten den Männern die Aehrcn in die Wieden, Erdmuthe hatte immer das beste Augenmaß, sic durfte nie etwas ab oder zuthuu und ihre Garben lagen immer wie nach der Schnur gemessen in gradlinigen Gassen. Erdmuthe sah schön aus, wenn sie das Korn in ihren beiden Armen hoch hielt und die Aehrcn über ihrem Haupte wallten, ihr Kopf war allzeit verhüllt sic war nur mit dem rothen Leibrocke bekleidet und von den Hüften bis zu dem Hals geschlossen bedeckte das Hemd die L31 anmuthigstcn Formen, die sich beim Heben und Beugen leicht und frei ausprägten. Das bemerkte sogar der alte Gottfried. Trotz seiner vorgerückten Jahre hob Gottfried mit Leichtigkeit die Garben auf den Wagen, nur beim Eiustemmcn und Aufheben sah man ihm eine Mühe an; hatte er die Garbe hoch, so trug er sie leicht, wenn aber Bläsi die Garben aufnahm, war es als ob sie sich von selbst vor ihm erhöben. Das war ein Leben auf dem Felde! Es war als ob die zahllosen Fuhrwerke aus dem Boden wüchsen, die Mädchen glühten, die Burschen knallten mit den Peitschen, man lieh einander Wieden, man rief einander an beim Ein- und Ausfahren, lobte, Gott dankend, die Schwere der Garben und trank einander zu. In solcher Zeit ist eine Weile alles Leid und alle Sorge vergessen und die Menschen sind zu einander wie Brüder auf der Mutter Schoos;. Der Besitzer großer Ackcrbrcitcn und dcr Taglöhncr, der nur einen kärglichen Lohn davon trägt, sind eine Weile gleich, denn die Arbeit macht gleich und das Mahl auf dem Boden und der Trunk aus demselben Becher wird zum sclbstgeheiligten Liebes- mahle. Der alte Gottfried that seinen Arbeitern manche Handreichung, er saß bei ihnen, sprach mit ihnen und kannte keinen Stolz mehr. Er scherzte sogar mit Traudle von alten Zeiten, da sic beide noch jung waren und Traudle war mehrmals nahe daran, ibm Alles zu sagen; aber sie wollte doch Bläsi nicht vergreifen und am Abend drängte sie diesen oft, daß er dem gefährlichen Spiel ein Ende mache, da gerade jetzt die entsprechende Weichheit und ein gewisses gesättigtes Wohlwollen in Gottfried war, aber Bläsi war weit entfernt inmitten der Ernte solch eine Bewegung zu veranlassen und so mußte man sich still gedulden. Bläsi war überhaupt wie einer, der in gewaltiger Anstrengung eine Thüre aufgedrückt und nun fast rathlos dasteht und nicht weiß was und wie er beginnen soll. Er wollte ruhig ab- warten und er hatte dabei ein gut Thcil von jener Angewöhnung des Bauernlcbcns, die in allen Dingen gerne Wachsthum und Reife abwartet und sich nicht leicht überstürzt. 332 Es kamen Regentage und man drosch einstweilen in den Scheunen und die Hühner gackerten dazu und erhaschten manches ausspritzende Körnlein. Bläst drosch immer in dem Trupp mit Erdmuthc. Es kamen schwere sorgenvolle Tage und Nächte, man hörte von Hagel im Unterlande und ein säuselnder Regen, der nur manchmal in starkes Platzen überging, wollte nicht enden. Man hatte Vieles geschnitten draußen liegen, und bangte darum, daß es auswachse und auch wenn die Sonne wiederkommt, trocknet es nicht so leicht als das Stehende. Gottfried ging immer brummend umher und auch Bläst war betrübt: Erdmuthe wollte ihn dnrch Scherzen erheitern, aber er verwies ihr das und es schnitt ihr tief durch die Seele als er sagte: „Es scheint, du weißt nicht, wie weh es thut, wenn das Sach vor der Thüre zu Grunde geht." Hielt sie Bläst für nicht haushälterisch und mußte sie immerdar darunter leiden, daß sie aus einem verkommenen Hause kam? Das wollte sic nicht, lieber wollte sic Alles wiederum verlassen. Schön ist ein Sommermorgen nach ausgcregneten Tagen, ein leichter schwüler Dampf steigt auf von der reichgctränktcn Erde, die Berge, die lange verhüllt waren, steigen in bläulichem Duft hervor, die Vögel singen und jubeln, die Sonne zeigt aufs Neue ihre nie versiegende Kraft und die Menschen athmen wieder frei auf! Die Kümmernis; war verschwunden, es ging aufs Neue an die rüstige fröhliche Arbeit und cs zeigte sich, daß die Sorge übertrieben war. Als Erdmuthe einst abgesondert von den übrigen dem Bläst die Achrcn in die Wieden trug, sagte sic: „Ich kann nichts lange nachtragen, ich muß dir sagen, ich bin dir noch bös, weil du mir beim Dreschen das böse Wort gesagt." „Weiß schon, aber du darfst das nicht übel aufnehmcn, du mußt auf Alles bedachter sein, du hast ein bisle einen leichten Sinn, du kannst nichts dafür, du bist's gewohnt —" „Aber solche Vorwürfe bin ich nicht gewohnt. Ich will's nicht leugnen, ich mach mir vielleicht zu wenig Sorgen, ich will das gern annchmen, aber du übertrcibst's auch, siehst ja jetzt, daß es 333 nicht so arg ist. Ich will gern von dir lernen, aber du mußt auch von mir, glaub mir, das ist auch nöthig." „Gieb noch einen Armvoll her, es geht noch in die Wiede", endete Bläsi und der Friede war abgeschlossen. Im weiteren stillen Arbeiten wollte er zwar Anfangs die Mahnung Erdmuthe's verwerfen, aber er war ehrlich genug, ihr doch Recht zu geben und es war ihm eine Freude, ihr Recht geben zu können. Diesseits der Regentage war Emsigkeit und Heiterkeit auf dem Felde noch eine verdoppelte. Selbst der allzeit finstere Gottfried sagte einmal seiner Frau, so lustig sei noch nie eine Sommerszeit gewesen und er befahl ihr, daß sie bei der Sichclhenkete auch nicht sparen solle. Mit der hohen Erntezeit hörte das Bedrängen der Arbeit nicht mehr auf. Es ging an's neue Einbauen der kaum befreiten Accker. Männer und Frauen hielten sich an verschiedene Arbeit, diese mußten Hanf jäten, den Samen ausklopfen, spreiten und im Weiher cinweichen und dazwischen die Ernte unter dem Boden halten, Kartoffeln und Rüben einthun und der hunderterlei kleinen Thätigkcit obliegen, die ein ausgebreitetes Feldgeschäft mit sich bringt. Bläsi hatte meist mit dem Eiusäcn zu thun und kam müde nach Haus, denn das Säen gehört zu den beschwerlichsten Arbeiten: ein bis zwei Simri Saatfrucht vor sich hertrageu, in dem schweren Boden, wo man kaum die Füße heben kann, sich in gleichmäßigem Schritte und gerader Linie halten und dabei allzeit einen gleichmäßigen Wurf thun — wenn Bläsi Abends heim kam, schlief er bald ein und cs war nicht abzusehen, wann die Angelegenheit mit Erdmuthe enden sollte. Man schnitt eines Tages wieder gemeinsam den Späthaber an dem Hubelberg, die Blätter an den Bäumen fingen schon an zu vergilben, an den Bergen hingen Wolkcnflockcn und ein leiser Herbstduft wob über den Feldern; da kam Gottfried mit einem fremden Herrn zu den Schnittern auf das Feld. Erdmuthe mußte ibm auf den Wunsch der Genossen nach altem Brauche „ins Weisch fangen." Sie nahm eine Handvoll Aehren, wand sie dem 334 Fremden nm den Arm, legte ihm die L-ichel aus die Schulter und sprach: Den Weg bin ich gegangen, Den Herrn Hab ich gefangen, Das Brod wird sich gcscgnen, Der Herr wird sich auslöscn. „Wenn du mich in - Wcisch saugst, kriegst du auch was," sagte Gottfried in ungewohnter Leutseligkeit. Als ihm nun Erd- muthe die Hand auf die Schulter legte, bebte er zusammen. Spürte er vielleicht die Blutsverwandtschaft? Gr war wenigstens so verwirrt, daß er dem Thcilungscommissär — denn dies; war der fremde Herr — nur orduungslose Auskunft geben konnte über die Art wie der Zerstückelung der Güter ein Gndc gemacht und durch Tausch u. s. w. wieder abgerundete Ackerflächen zusammen gelegt werden sollten. Auf den Abend war die Sichelhenketc anberaumt und Gottfried sagte dem Bläsi, daß er die fremden Taglöhner ablohnen und fortschicken wolle. Bläsi widersprach und sagte, daß man die Lichtenhardtcr noch behalten müsse. „Hast denn was mit dem Mädle?" fragte der Vater. „Ich geb Euch mein heilig Wort, ich Hab nichts mit des Traudle's Tochter," crwiederte Bläsi und der Vater willfahrte ihm gern, er hatte ja Freude genug, daß sein verdüsterter Sohn ihm so heiter und frisch wieder erstanden war. Bräutle lösen und Allerseelen. Warum zögerte nur Vläsi mit der Offenbarung des Geheimnisses? Er bangte dach davor, denn er kannte die eiserne Härte des Baters, er hatte auf irgend einen begünstigenden Zufall gehofft, aber er war nicht cingetreten, und wie das so geht, allmälig erwuchs ihm ein neuer Gedanke. Viele Menschen sind oft am stolzesten ans Ereignisse und Gedanken, die ihnen im Laufe der Zeit erwuchsen und bereden dann sich und andere, daß dies ihre ursprüngliche genau berechnete Absicht war. So auch beredete sich Bläsi, daß er die lange Verborgenheit erzielte, um den haushälterischen Sinn Erdmuthe's zu prüfen und in ihr zu pflanzen; denn so tief und innig auch seine Liebe zu Erdmuthe war, er war doch noch Gottfriedisch genug, um jede leichtfertige Vergeudung, ja sogar die Sorglosigkeit als das ärgste Nebel zu fürchten, und man konnte nicht wissen, was noch Erdmuthe von der Gewohnheit ihres elterlichen Hauses auhangc. Erdmuthe batte ihn nur das eine Mal am Morgen vor der Ernte um Lösung des Geheimnisses gebeten, sie schwieg fortan und harrte geduldig. Um so drängender war Traudle. Sic schilderte die Gefahr, daß Jemand von Lichtcnhardt komme und sage, daß ihre Tochter todt sei, sie schilderte ihre Qual und die Erdmuthe's in den grellsten Farben und wollte keinen Zweck der Zögerung anerkennen, ja seit einigen Wochen war die Sorge, daß das Geheimnis; ans ungeschickte Weise offenbar würde, das sich so wunderbar lange erhalten hatte; der lahme Klaus mußte Erdmuthe halb erkannt haben, denn er lauerte ihr oft ans und lief ihr an seinen Krücken nach und fragte sic, ob sie nichts von Erdmuthc wisse; diese wies; ihn barsch ab, aber sie weinte im Stillen darüber. Das Unglück kennt einander, nur Klans hatte sie erkannt und sie wich ihm nun aus und verbarg sich vor ihm, aber erst als Traudlc ihn bat, ihr Kind in Ruhe zu lasseu, lies; er ab, sic zu verfolgen. Die Sichelhenkete war in Lustigkeit vorüber. Gottfried hatte die Taglöhncr für die bisherige Arbeit abgelohnt und Grdmuthe als „Weischgcfangener" noch ein besonderes Geschenk gemacht. Jetzt kam Traudle mit erneuertem Dränge», aber Vläsi ging zu Grdmuthe, die im Keller Kraut cinjchnitt und fragte sic, was sic mit ihrem Gcldo mache. „Ich hab's bis auf zwei Gulden dem Traudlc geschenkt," erwicderte sie und Blast gerietst darob in hohen Zorn und schalt über Verschwendungssucht und böse Gewohnheiten. Erdmnthe lies; ihn anstoben, dann erklärte sie ihm, das; sic eben so gern arm sein möchte als in Ncichthum kommen, und dieses sei ihr nur darum erwünscht, damit sie Anderen ohne Schmälerung des Vesitzthumes Gutes thun könne; dürfe sie das nicht und vertraue ihr Bläsi nicht, das; sie haushälterisch sei, so verließe sic lieber in dieser Stunde das Haus und zöge wieder in die weite Welt und wolle Niemanden sagen wer sic sei. Nun ging es an ein abermaliges und gründliches Erörternder beiderseitigen Geldschätzung, und Bläsi, der Grdmuthe hatte bekehren wollen, mußte selber bekennen, das; bei der Art, wie inan in seinem elterlichen Hanse allzeit in Augst und Sorge sei, man kein Vermögen besitze, sondern davon besessen sei und das; cs ein Taglöhner bester habe als ein Reicher, der immer den Ecldschlüstel ans Herz gebunden habe. Bläsi verstand diese letzte Wendung wohl und er bat nur Erdmuthe, seinen Vater nichts merken zu lasten, das; er und sie andern Sinnes seien. Mit Freude gab ihm Erdmuthe die Hand darauf und verhöhnte ihn zuletzt noch völlig, indem sie sagte: „Ich will dirs nur gestehen, ich Hab mein Geld noch, und Hab nur zwei Gulden dem Trandle geschenkt; aber weil du mich so mißtrauisch gefragt hast, Hab ich grad umgekehrt gesagt; du 337 mußt an mich glauben, ungefragt, wie ich an dich, ich mein' ich Hab dies bewiesen." „Ja, und jetzt ist Alles gut und schön und am Allcrscclcn- tag kommt's erst recht. Meiner Schwester Hab ich zur Vorsorge Alles gesagt und du sollst wcnn's Abend wird zu ihr kommen. Es geht was vor. Sei gefaßt." Im eigenen elterlichen Hause fand sich Erdmuthc zuerst wiederum daheim und erkannt, und es war das größte Lob, das ein Gottfricdischcs aussprechen konnte, als die Schwester sagte: „Mein Bruder macht ein größer Glück an dir als wenn du dein Vermögen doppelt und dreifach noch hättest." Als andern Tages Erdmuthe mit vielen anderen Frauen beim Hanfbrechen am Weiher war, kam auch Bläsi und bezahlte gerne das übliche Lösegeld, das ein Mann geben muß, der den Frauen bei dieser Arbeit in den Weg kommt. Viele Knaben sprangen hier umher, die sich Peitschen flochten und das Bräutlclösen am Weiher spielten: als wäre er selber noch ein Kind nahm auch Bläsi dieses Spiel auf uud Alles staunte und jubelte über seine Geschicklichkeit. Im Ucbcrmuthe seines beseligenden Geheimnisses und in der kecken Lust cs zu verrathen, rief er: „Das Hab ich vor vielen Jahren mit der Erdmuthe gespielt, sie hat lang auf dem Wasser getanzt, endlich ist sie doch untergeplumpst. " Niemand verstand ihn als Erdmuthe und die Schwester, die anderen sahen einander staunend an und ihre Blicke sagten: jetzt hat man gemeint, er war'geheilt und jetzt ist er doch wieder nicht recht im Kopf. —> Ein stiller sonnenloser Tag brach an, der Himmel war weißlichgrau und die Erde auch, denn ein Winterreif lag auf Gras und Scholle uud auf den Spitzen der Wintersaat. In jener Buchcnumzäuuung vor dem Dorfe brannten Hunderte von Lichtern aus den schwarzen Kreuzen, kein Windhauch wehte und die Lichter brannten unbewegt: auf einem Kreuze flammten zwei Lichter und darunter stand der Name: Erdmuthe. Die Lebenden gingen zwischen den Gräbern der Abgeschiedenen umher, Niemand sprach ein lautes Wort, nur leise Gebete wurden gemurmelt, die Attcrbach'S Terfg. 4. Bb. 22 Lebenden selber glichen nmwcmdelndcn Geistern und Mancher mußte denken, Laß er übers Jahr vielleicht auch hier unter dem bereiften Boden liege und ein Licht brennt zu seinen Häuptcn. Anch Gottfried wandelte bin und her, er hatte Gräber von Eltern und Kindern und von der Schwester hier. Als er sich diesem wieder nahte, lag eine Francngestalt auf demselben ansgcstrcckt und schluchzte, daß es ihr den ganzen Körper znsammcnschütterte. War das nicht die Tochter Traudlc's, znm crstenmale barhäuptig? „Was hast du da? Was geht dich das Grab an?" fragte Gottfried. Dringt das Antliß der Verstorbenen aus der Erde? Mit bleichen Lippen fragte Gottfried noch einmal: „Du bist — " „Ja, ich bin die Erdmuthe, Eurer Schwester —" Lautlos sank Gottfried auf den Boden, Alles sprang herbei, man trug ihn erstarrt davon, eine Leiche vom Kirchhofe. Weinend ging Erdmuthe hinter drein, ihr entgegen kam Bläsi mit seiner Schwester und sie sahen mit Entseßen, was geschehen war. Bläsi hatte heute dem Vater auf dem Kirchhofe Alles sagen wollen, mir so glaubte er ihn erweichen zu können; Erdmuthe arbeitete aus dem Kartoffelfelde beim Wegweiser und sollte warten, bis man sie holt, aber cs duldete sic nicht, sic lief vorzeitig hin und so geschah, was wir erfahren. Inmitten des Jammers um Gottfried, den jcßt wiederum Alles lobte, erfuhr man, daß die vermeintliche Tochter Traudlc's des Cyprians Erdmuthe sei, an die Niemand mehr gedachte. Man wollte es nicht glauben, daß sie schon einen ganzen Sommer im Dorfe war, das schien unmöglich und die Gruppen der Neugierigen und Thcilnchmcnden wechselten zwischen dem Hanse Gottfrieds und dem Cyprians, wohin die Rodclbäuerin Erdmuthe zu sich genommen und in die Kammer eingcschlosscn hatte. Nach einer Stunde, in der Erdmuthe die höchsten Qualen ihres Lebens durchmnchte, kam die Rodelbäncrin zu ihr und verkündete, daß man den Vater wieder znm Leben gebracht habe, daß ihm aber die Stimme versage. Bald darauf kam auch Bläsi mit der Nachricht, daß der Vater spreche, nur sage er, er müsse sterben, weil seine Schwester ihm erschienen sei. Erdmuthe war trost- 339 los, weil sie nicht aus dem Hause durfte und nichts thuu konnte zur Abwendung des großen Leids, das sie über die Familie gebracht, aber Bläsi tröstete sie und sagte: „Wir haben's verschuldet, ich besonders, es ist sündlich gewesen, dich so lang hinznhaltcn. Mach dir nur keine Vorwürfe und Niemand soll sie dir machen." Die Rodclbäucrin ging wieder hinab ins Elternhaus und bald kam an ihre stelle die Schultheißin und umarmte Erdmuthe innjg und seltsam äußerte sich ihr Herz, indem sie Erdmuthe schalt, das; sie sich nicht schon lange zu erkennen gegeben; sie könne nichts dafür, daß sie sie als Taglöhncrin behandelt habe. Das erste, das wiederum Heiterkeit gewann, die Ohnmacht Gottfrieds für vorübcrgegangen ansah und sich an der Wichtigkeit seiner Bedeutung freute, war Traudle, und sie wiederholte oft, ihr wäre seht so leicht als wenn eine ewige Last von ihr genommen wäre. Der lahme Klaus saß auf der Steinbank vor dem Hanse und rühmte sich seiner Klugheit, daß er allein Erdmuthe erkannt habe. Er beklagte sich bitter, daß man nie genug anerkenne, wie er gescheiter sei als alle im Dorfe, aber als der erste Schreck vorüber war, neckte und hänselte man ihn nur ob seiner Weisheit. Erdmuthe indeß ließ ihn zuerst vor Allen zu sich herauf rufen und reichte ihm die Hand und mm hatte er doch noch seinen Lohn. Man konnte dem alten Gottfried nur schwer begreiflich machen, daß die, die er gesehen, die lebcndigc Erdmuthe sei. Er schüttelte immer mit dein Kopfe, endlich schien er es doch zu fassen, denn er sagte: „Ich hält'eher geglaubt, daß die Todte wieder aufcrstcht als daß die aus Amerika kommt." Er verlangte Erdmuthe zu sehen, aber man willfahrte ihm erst andern Tages und er selber befahl, daß man ihr das alte Ehrenkleid bringe, sie solle in diesem zu ihm kommen. Das ganze Dorf lief zusammen als Erdmuthe mit dcm Ehrenkleide angethan und mit dem Halsgcschmeide geziert, das sie treulich bewahrt hatte, nach dem Hanse Gottfrieds ging. Sie küßte die zitternden Hände des Oheims, der lange nichts reden konnte, endlich sagte er, auf die siebenfache Granatenschnur mit dem Schwcdendukaten deutend: „Wer hat dir das geben?" 340 „Mein Vater." „Hast du sonst noch was von deinem Muttergnt gerettet?" „Nein." Gottfried legte die Augen zu und schwieg, da trat Bläst vor und sagte: „Sie braucht jetzt nichts mehr, sie hat wieder Vater und Mutter am Leben, cs fehlt ihr nichts mehr —" „Als ein Mann", ergänzte Trandle. „Und den hat sie auch," begann Bläsi wieder, „den Ring da an dcr Hand trägt sie von mir, der ist auch aus dem Grab auferstanden." Die Mutter umarmte Erdmuthe, Gottfried nickte nur still... So bald der Dispens cingetrofsen war, noch vor der Fastenzeit, wurde die Hochzeit Erdmuthe's nndBläsi's gefeiert und Gottfried, der viel daheim sitzen mußte, hatte es am liebsten, wenn Erdmuthe bei ihm blieb, er sprach wenig, aber ihre Nähe that ihm wohl. Im Frühling wurde das Haus neu verputzt und wenigstens ein Gisengittcr abgctha». Gottfried gab Grdmuthe Recht, daß er so besser auf die Straße sehen könne. Ein Brief an Gottfried aus der neuen Welt von Cyprian, vollendete noch im zweiten Sommer die Sühne. Cyprian klagte bitterlich um das verlorene Kind, bctheuertc seine Unschuld und wie er oft wiederholte im Angesicht des Todes. Er mußte im Innersten zerbrochen sein, denn er bat Gottfried um Verzeihung für all die Unbill, die er ihm angethan und immer wieder sprach er von seinem nahen Tode. Gottfried schrieb selbst einige Worte zu dem Briefe Erdmuthe's, worin sie alles Geschehene erzählte. Es ist aber nicht bekannt geworden, ob der Brief Cyprian noch am Leben traf. Am Wegweiser unter dein Apfelbaum errichtete Bläsi eine Steinbank und ließ den Namen Erdmuthe darauf eingraben und an sommerlichen Sonntagsnachmittagen erschallt es allzeit hier von Lachen und Singen der jungen fröhlichen Welt. Stereotypen und Druck von C. Adelmami in Frankfurt ci. M.