280 Buch VI. Erstes Hauptstuck.
Reiche wurde nämlich nicht mehr durch dauernde Staats-, jeselbst nicht einmal Familien-Jntercssen bestimmt, sondern wech-selte nach den augenblicklichen Interessen, Leidenschaften unsLaunen der Fürsten oder ihrer Rathgeber, Günstlinge und Mai-tressen oft so plötzlich, daß man diejenigen, welche seit langerZeit Feinde gewesen, sich gegen die vereinigen sah, welche frü-her ihre natürlichen Verbündeten geschienen. Ein allgemeinerArgwohn ist daher fortwährend rege und gestattet auch unterVerbündeten nicht, daß Vertrauen aufkomme, ja auch sie be-wachen einander wie Feinde und sind immer bereit, die Waf-fen, welche sic vereint gegen einen Dritten brauchen wollen, ge-gen einander zu wenden.
Zunächst für Oesterreich, Frankreich und England hatteder utrechter und rastadter Friede Verhältnisse begründet, derenErhaltung ihnen Allen wichtig war. Oesterreich hatte die ka-tholischen Niederlande, Neapel, Sardinien und Mailand, ehe-malige Nebenländer Spaniens, erworben, ohne daß Philipp V.sie abgetreten, ja nur mit dem Kaiser Frieden geschlossen hätte.In demselben utrechter und rastadter Frieden war einerseits dieewige Trennung der Kronen Frankreichs und Spaniens festge-setzt, andererseits die Nachfolge des Hauses Hannover auf denenglischen Thron und daher bald darauf nach dem Tode derKönigin Anna (12. Aug. 1714) Georg I. von Hannover alsihr Nachfolger anerkannt worden. Gegen Ludwigs XIV. Wil-len hatte sich nach dessen Tode (1. Sept. 1715) sein Neffe,der Herzog von Orleans, der Regentschaft des Reichs und derVormundschaft über den körperlich schwachen fünfjährigen Lud-wig XV. bemächtigt.
Diesen drei Mächten gegenüber bewegte Spanien Europa.Der Cardinal Alberoni, ein Mann von unruhigem und unter-nehmendem Geiste und jedes Mittels zur Erreichung seinesZweckes fähig, besaß die Gunst des schwachen Königs Philippvon Spanien, dann der zweiten Gemahlin desselben, der Kö-nigin Elisabeth, welche ihm ihre Erhebung verdankte. Er lei-tete die spanischen Angelegenheiten und entwickelte die Kräftedes Staats nachdrücklich durch innere Verbesserungen. DenKönig Philipp gewann er für den Gedanken an Herstellungder alten großen spanischen Macht, auch wollte dieser seinen