Druckschrift 
Nachtr., 1 (1825)
Entstehung
Seite
117
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rechnete bei der Unternehmung gegen Rußland wohl ungleich mehrdarauf, als er sollte. Inzwischen hatte er doch, ehe er diesen Krieganfing, selbst Zweifel und Besorgnisse. Er berathschlagte darüberIn der Voraussetzung, daß Widerwärtigkeiten und Schläge des Schick»sals eincreten könnten, und eine solche Voraussetzung war zu be»wundern, wenn man die Beständigkeit seines Glückes erwägt, unddaran denkt, wie sehr er mit Schmeichlern umgeben war, die jedenGedanken, jede Betrachtung dieser Art zurückwiesen; denn für einenGeneral Rapp, der ihm die Wahrheit sagte, hatte er wenigstenszehen andere, die ihr wichtigstes Geschäft daraus machten, sie untereinem dichten Schleier zu verbergen.

AlS er zu Rapp, der verwundert war, Ihn von Moskau spre»chen zu hören, sagte, daß der Wein eingeschenkt sei, so gestand erdurch den Gebrauch dieses gemeinen Sprüchworts, daß er im Be»griff sei, ein großes Wagstück zu unternehmen. Inzwischen wärees doch durch den Erfolg gekrönt worden, wenn er nicht in der al-ten Hauptstadt Rußlands länger gezögert hätte, als nöthig war, umseine Truppen ausruhen zu lassen — es wäre sogar höchst rühmlichgewesen, wenn er sein Heer schnell nach Polen zurückgesührt undden vernünftigen Plan, den er mit diesem Lande hatte, vernünftigausgesührc hätte *). Vierzehn Tage nach dem Brande von Mos-kau wäre er so leicht auszusühren gewesen, so daß man jetzt mitStaunen und selbst mit Schrecken sieht, von welchen geringfügigenUrsachen oft die wichtigsten Dinge abhängen! Man denke auch nureinen Augenblick über die wahrscheinlichen Folgen der Wiederher»stellung Polens nach und vergleiche sie mit dem, was geschehen ist.

In diesem Feldzuge sah man zum erstenmale, daß Napoleonzögerte, daß er an der Zukunft zweifelte. Späterhin wurde erstarrköpfig und — so heißt es im Tagebuche — schmollte. Die»seS Schmollen kam ihm und so vielen Andern theuer zu stehen.

*) Es soll dies kein Wortspiel seyn. Der Plan, Polen wieder herzustcl»len, diesem edlen Volke seine Unabhängigkeit zurückzugebcn, warwohl selir vernünftig und von grofiem Nutzen für Europa; (gebeder Himmel, daß es nicht des Nächsten diesen Nutze» begreife»lerne!) aber eS war zu fürchten, daß Napoleon tl»n einen KönigauS seiner Familie geben möchte, anstatt ihm selbst die Wahl zuüberlassen, und in diesem Stücke hätte er dann nicht vernünftig ge-handelt. Diese Besorgnisse waren durch das, was er zu Neapel,Madrid und Kassel gethan hatte, erregt. Inzwischen Hält man fürgewiß, daß Napoleon den Polen drei Kandidaten und vor allenandern Pontatowskh dazu Vorschlägen wollte, indem er ihm zweiNebenbuhler bcigcscllte, die eben nicht furchtbar »nd mehr dazu ge-eignet waren, das Verdienst dieses Generals höher zu heben, alsihm das Gegengewicht zu halten.