Nachtrag ru Las C a j" e s Tagebuche über - Napoleon's Leben oder kritische Bemerkungen und noch nicht bekannt gemachte Anekdoten zur nothwendigen Ergänzung und Berichtigung jenes Werkes. In zwei Bänden. Erster Band. _ ^ Dresden 1824, in der Arnoldischen Buchhandlung. Vorrede. ^as Tagebuch von Sankt Helena gehört zu der sehr kleinen Anzahl derjenigen Werke, welche dadurch, daß sic entweder wirklich Wahrheit enthalten, oder daß ihr Autor die Kunst und das Talent besaß, das Unwahre als wahr auözuprägen, von einem hö- Hern Interesse und von nicht zu berechnender Wirkung sind. Bei der Leichtigkeit auf diesem Wege Tadel oder Lob nach Belieben auszucheilen, müßte ein solches Buch unter der Feder eines Betrügers eine reichhaltige -Quelle des Ruhmes oder der Schande werden. Die Person, welche dabei immerwährend auf der Scene erscheint, welche man sprechen, handeln, sich erklären läßt, ist nicht mehr und kann daher das Zeugniß des Geschichtschreibers weder anfechten noch bestätigen. Ein solcher Zug auS dem Munde Napoleons vermag einen rechtlichen Mann zu beschimpfen und eben so einen andern zu Ehren zu bringen, der für alle Zeiten in der Verborgenheit bleiben sollte. Herr von Las Cases kann jedoch nicht der Gegenstand eines solchen Verdachtes seyn und diese Bemerkungen sind auf ihn kei- neswcges anwendbar. Er ist ihnen selbst zuvorgekommen, indem er sein Recht auf Vertrauen darthut und, wie er sich hierbei ausdrückt, seinen Kreditbrief In die Hände des Lesers legt. Wir beginnen demnach damit, dessen redliche Absicht zu bezeugen, gegen welche nach unsrer Meinung durchaus nichtseingewendet wer- den darf. L. C.Tageb. Nachte, i. 1 Aber er kann sich irren und schuld seyn daß wir dann seinen Irrthum theilen. Dir würden alsdann das Spiel einer zweifachen Täuschung werden; denn erstlich würde es der Geschichtschreiber hin« sichtlich seines Modells seyn, das unter dieser Voraussetzung seinem Maler Vorgelegen häcce, und dann würde er uns zweitens die Täuschung, die ihm sonach geworden, wieder seinerseits und mit der vollkommensten guten Meinung mittheilen. Diese Bemerkungen bilden eben so viele wichtige Bewegungs« gründe, das Tagebuch von Sankt Helena sorgsam zu prüfen. Der Herr von Las Cafes giebt zu wiederholtcnmalcn selbst zu, daß er im Irrthum gewesen seyn und mithin auch etwas Irriges gesagt haben könne, wenn er die Erinnerungen Napoleons mit des» sen Plänen vermengt und einigemale a!S eine Thatsache erzählt hätte, was doch nur ein Vorsatz gewesen ist. Er ist eS bei den Gardes de lÄigle noch zu rechter Zeit gewahr worden. *) Es kann dies nicht anders kommen, wie rechtlich auch ein Geschichtschreiber zu Werke gehen, wie groß auch sein Bestreben seyn möge, immer der Wahrheit treu zu bleiben. Es liegt in unsrer Natur, unsere Erinnerungen mit der Zeit verschieden zu gestalten. Wir werden ein Ereigniß, wobei wir selbst eine Rolle gespielt haben, wenn der Zwischenraum an Zeit, wo es sich zugekragen hat, nun schon größer geworden ist, nicht zweimal auf gleiche Weise erzählen. Wenn wir das Geschehene nicht sorgfältig niedergeschrieben haben, nehmen wir es gegen uns selbst damit nicht genau, ohne deshalb minder wahrheitliebend zu seyn. Die Zeiten haben sich seitdem geändert, wir sehen nicht mehr mit den nämlichen Augen als sonst; das Herz hat eine andere Parthei ergriffe»; der früher erhaltene Eindruck ist verlöscht oder er erneuert sich nicht; die Thätigkcit unsrer Sinne ist nicht mehr die alte; die Beziehungen sind von andrer Art — was weiß ich? Tausend geringfügige zufällige Dinge treffen zusammen, um eine Abweichung hervorzubringen. Ganz anders noch ist es, wenn die eigentliche Spring- seder, welche alles belebt, alles in Thätigkeit setzt, abgenutzc und abgespannt ist, wenn die Einbildungskraft durch Erfahrung gelähmt, wenn sie farblos geworden ist und zu schlummern beginnt. Bei dem Verfasser des Tagebuchs hat sie noch nichts von ihrer Kraft verloren, sie könnte wohl sogar dann und wann seinem Gedächtnisse nachgeholfen haben; hieraus entsteht ein neuer Grund für uns, wohl zu unterscheiden, was unter dem Einflüsse jener geschrieben ist, welcher die Geschichte nur mit Vorsicht trauen darf, und was diesem angehörk, das sie ganz für ihr Reich in Anspruch nimmt. Welche besondere Umstände sind nicht bei dem Verfasser eingctreten, um dergleichen Abweichungen zu erzeugen? Gleich Anfangs im Schreiben gehemmt, mußte er dies nur in der Eile thun, und so sehr in der Eile, daß er statt der Worte Zeichen machen mußte, auf deren Bedeutung er sich nachher nicht besinnen konnte. Späterhin als er mit Gewalt wie ein Verbrecher, in Gemäßheit des von Sir Hudson Lowe angenommenen Gesetzbuchs, sortgeschaffc wurde, blieb er lange Zeit seines Manuskripts beraubt. Die Wahrheit hat in sich selbst ein so hohes Interesse, baß man schon das Streben derer, die sie redlich suchen, dankbar anerkennen muß, selbst wenn sie ihren Zweck nicht erreichen. Welchen würdiger» Gegenstand für unsere Aufmerksamkeit kann es wohl geben, als diesen Mann, der zu einem Grade der Macht und deS milicairischen Ruhmes gelangt war, welcher uns unglaublich scheinen müßte, wären wir nicht selbst Zeugen davon gewesen, der aber dann plötzlich fällt, auf einen Felsen hingeworfen wird, dort das Loos des Prometheus findet und den man nun — was vermag nicht Haß und Neid — lange Zeit hindurch sogar die Talente absprechen will, von denen er doch so viele Proben gegeben hat. Unerhörter noch als seine Siege, gewaltiger als sein Aufschwung, 4 überraschender als die Wunder, welche ihm gelangen, möchte wohl dir Behauptung seyu, daß ein blos mittelmäßiger Mensch dies al« lcs vollbracht habe. Die Erklärung dieses historischen Phänomens, eine treue Schilderung des Mächtigen unscrs Jahrhunderts, der ein schreckliches Beispiel des Unbcstands menschlicher Größe geworden ist, war mithin ein wahrer Dienst, welcher der menschlichen Gesell« schaft erwiesen wurde, da er auf alle Klassen derselben einwirkce- Was recht ist muß recht bleiben! Vielleicht sind die Gefährten des berühmten Verbannten daS Werkzeug, hier das Rechte an den Tag zu bringen. *) Die Macht, zu welcher Napoleon gelangte, ist eine Thacsache, die niemand abläugnen kann; anders verhält es sich mit dem Ge« brauche, den er davon gemacht hat, oder noch davon machen wollte. Veldes ist einer verschiedenen Deutung unterworfen, das erstere we« Niger als das letztere; allein das eine kann dazu dienen, das andere mir einiger Gewißheit zu beurcheilen. scln all posse valer cou- secnüv. Er macht uns durch den Herrn von Las Cafes mit seinen Ab« sichten und Entwürfen bekannt. Allein dergleichen Versicherungen bedürfen des Beweises und wo kann man diese anders als in dem finden, was schon geschehen ist? Kann aber das Geschehene wohl rin Bürge des Künftigen sryn? Wenn die angekündigten Pläne sich an das anschließen, was wir bereits vollbringen sahen, wenn sie in bekannte und offen daliegende Thatsachen eingriffen, dann ist »S nicht mehr möglich den Entwurf dieser Pläne abzuläugnen, weil sie bereits durch jene Thatsachen auf gewisse Weise einen Anfang ihres Vollbringcns erlangt haben. "*) Man ist jetzt im Stande ») Das Tagebuch, die Memoiren Napoleons, herausgcgeben von den Generalen Gourgaud und Monthoiv» n. s. w. **) So kann man wohl nicht an dem Vorhaben Napoleons zweifeln, die Engländer aus ihren Comtoircn in Indien zu vertreiben. Außer der zu diesem Zwecke unternommenen und wirklich ausgc- zu urthcilen, sobald man seinen Blick bald auf die einen, bald aus die andern wirft und nun sieht, ob diese Verbindung besteht und ob die zweiten auch wirklich aus den erstem fließen. Es würde keine leichte Aufgabe seyn, Ordnung in eine lange Reihe von Gesprächen zu bringen, bei denen man von einem Gegenstände zu dem andern überging, jetzt den letzter» fallen ließ, um einen dritten abzuhandeln, oder auf den ersten zurückznkommen. Wir wollen lieber dem Erzähler bei seinem Gange folgen. Selbst seine Unordnung ist nicht ohne Reize. Dann und wann werden wir uns jedoch erlauben, wenn die an und für sich interessante Materie einer näheren Entwickelung bedarf, die Stellen des Werks anzugeben, wo sie wieder erscheint, um nicht nochmals darauf zurück zu kommen und gleich das Ganze ins Auge zu fassen. Den Thatsachen, an welche der Verfasser des Tagebuchs erinnert, oder welche er erzählt, werden wir noch andere hinzufügen, die durch die Verbindung, worinnen sie mit den erstem stehen, sie entweder bestätigen, oder widerlegen und folglich den Grad der Glaubwürdigkeit, der ihnen zukommt, näher bestimmen. Es giebt in diesem Werke Unrichtigkeiten, Jrrchümer, gewagte, entstellte Angaben. Man sieht leicht, daß viele Artikel erst späterhin, nach unvollständigen, mit Zeichen, deren Bedeutung nicht wieder gefunden wurde, überfüllten Notizen, geschrieben worden sind. Der Verfasser gesteht dies selbst mit einer löblichen Offenherzigkeit, was ihn gegen jeden Tadel schützt, von der andern Seite aber auch die Absicht, die erwünschte Genauigkeit herzustellcn, wohl hinreichend erklärt und rechtfertigt. Uebrigenü verdient derselbe, wie wir bereits erwähnten, schon Entschuldigung in Rücksicht des durch Zwang erzeugten Zwischenraumes, von der Zeit an, wo er seine Notizen hinwarf, bis zu der, wo er sic ordnen und an einander reihen konn- führten Ambassade nach Persien, ist noch eine Vorarbeit hierzu vorhanden, worüber wir merkwürdige »nd wenig bekannte nähere Umstände miltheiien werden. te; und da dieser Zwischenraum mit Verfolgungen, mit Sorgen für seine Sicherheit, mit Krankheiten, mir langwierigen, kummervollen, kostspieligen -Ortsvetänderungen ungefüllt war, so erhielt seine Entschuldigung um so größeres Gewicht. Nach dieser Vorerinnerung können unsre Bemerkungen für den Autor nicht mehr beleidigend seyn. Er hat flüchtige Gespräche nur unvollkommen behalten, hat dieselben nun eben so unvollkommen und mit dem Bedauern, daß er es nicht besser machen konnte, nie- dergeschriebeo, hat dieses Bedauern auch oft genug selbst geäußert. Wir helfen diesen Mängeln in Hinsicht aller der Thatsachen ab, die wir zu berichtigen im Stande sind, und glauben dadurch in die Absichten des Herrn von Las Cafes einzugehen. Sein Zweck war, ein treues Gemälde Napoleons zu entwerfen. Das ist auch der unsrige und wir gehen bei unserin Bestreben mit derjenigen Unparteilichkeit zu Werke, deren vor allen andern solche Personen fähig sind, die gleich uns von Napoleon weder ein Unrecht erfahren, noch Irgend Wohlkhaten empfangen haben. Wir schließen mit einer wichtigen Bemerkung, die wir, da sie einmal für immer hier stehen soll, nicht zu vergessen bitten. Um das Betragen Napoleons zu ermessen, um zu bcurtheilen, ob das, was er in gewissen kritischen Verhältnissen seines Lebens lhac, auch dasjenige war, was er thun sollte, muß man nothwendiger Weise immer von der Stellung ausgchen. In welche er sich gesetzt hatte, und diese Stellung — welche doch auch etwas sakrisches war — stets in Anschlag bringen. DaS ist eine strenge Bedingung. So betrachten wir Napoleon mit dem Titel und der Macht des Kaisers, zwei Dinge, die nicht bestritten werden körnen; denn wer vermag wohl zu läugnen, daß er diesen Titel geführt und die kaiserliche Macht ausgeübc habe. Wir gehen von der Thatsache aus und lassen die Frage, welches Recht er dazu gehabt habe, unentschieden. 7 Nachtrag zu dem Tagebuche von Sankt Helena. §. i. Thronentsagung 2t. Juni 1815. Frankreich- Wohl konnte nur allein durch die Abdankung des Kaisers gesichert werden. Bd, l. S. y. Äa wir dem Autor folgen, so sprechen'wir nur insofern von der ersten Thronentsagung, als er deren bei den Gesprächen und sonst sich darbietendcn Gelegenheiten gedenkt. Es soll jedoch in einem andern Artikel davon noch Rede seyn. Die Thronentsagungen sind so selten, daß sie wohl einer aufmerksamen Betrachtung würdig sind. Wenn sie freiwillig waren, so folgte ihnen die Reue in den mehre- sten Fällen. ') Die übrigen mußten um so schmerzlicher seyn. Als Napoleon das erstemal zu Fontainebleau dem Throne entsagte, unterhandelte er mit den fremden Mächten, die eben ihren Einzug in Paris gehalten hatten. Mitbin war er nicht mehr Herr der Hauptstadt. Dieses Ungeheuern Verlustes ohngeachtet blieben doch der HülfSmittel und der Aussichten zu einem Wechsel deS Glücks bei der Partei, die er ergreifen konnte, noch so viele, "* **) ) F *) Karl der FmMc, Di-tor AmadcuS, Philipp vo» Spanien, Enkel Ludwig des Vierzehnten. **) Man wird über diese Mittel, die ihm noch zu Gebote sianden- und die verschicdncn Fälle, welche noch ciutrelc» konnte», das Nähere unter dem Artikel: Feldzug von 1814, finden, der sich mit der ersic» Thronentsagung endete. Ferner sehe man den vierten Paragraphen über den Selbstmord. daß man ihm annehmliche Bedingungen machte, von denen jedoch die erste, nämlich die Nachfolge seines Sohnes auf dem Throne, alsbald widerrufen wurde. Man behandelte ihn als regierenden Herrn und es wurde ihm dieser Titel sogar noch Vorbehalten. Bei der zweiten Thronentsagung waren es nicht die fremden Machte, welche selbige in Antrag brachten, sondern die ersten Männer im Staate, die besten Freunde des Kaisers, die ihn dringend baten, durch diesen feierlichen Akt Frank» reich zu retten. Zu dieser hochwichtigen Betrachtung gesellte man abermals den unwiderstehlichen Reiz, der das erstemal so mächtig auf Napoleon gewirkt hatte, man sprach von seinem Sohne und einer Regent» schaft. Der Fürst Metternich gab sein Wort wegen des einen und wegen der andern, und der Bürge dafür war Herr Touche! — Aber, was mehr noch zu seyn schien, war die von der Kammer der Deputaten genommene Maasregel, Napoleon den Zweiten zu proklamiren. Die Mittel, über welche Napoleon jetzt zu gebieten hatte, wa» ren ungleich bedeutender, als vor fünfzehn Monaten unter gleichen Verhältnissen. Die Armee, welche viel zahlreicher war als diejenige, mit der er im Jahre 1814 gesiege hatte, zog sich auf das noch völlig freie Paris zurück und man konnte es vertheidigen. Die Bevölkerung der von den Alliirten nun schon ruinirten östlichen Grenzländer wußte, welchen Glauben Proklamationen und Versprechungen verdienen. Bei ihrem lebendigen Verlangen nach Rache würden sie sich mit Hartnäckigkeit geschlagen haben, und die übrigen Provinzen wären dann diesem Beispiele gefolgt. Sie waren jedoch insgesamt daran gewöhnt, das Vorbild der Hauptstadt nachzuahmen. Die Sache lag jetzt ganz anders. Bei der ersten Thronentsagung fehlte es an einem jedermann bekannten Sammelplätze. Napoleon zu verlassen war Verrath, und eS gewann solches ein um so gehässigeres Ansehen, weil man zum Feinde überging, indem man die Vortheile benutzte, die schon in dessen Händen waren. Bei der zweiten hingegen wußte man viel besser woran man war. Der Verrath, der ohnehin bei seiner Logik leicht mit sich handeln läßt, schien diesmal recht glücklicher Weise die Farbe der Treue anzu- nehmcn. Napoleon, der die Versammlungen entweder mit Verachtung behandelt oder aufgelöst hatte, fühlte bei dem Betragen derjenigen, die sich nach seiner Rückkehr bildeten, daß er entweder zu viel, oder nicht genug gethan und mithin gefehlt habe. Das Verlangen in Betreff der Thronentsagung paßte schlecht zu dem auf dem Mai- selbe bewiesenen Enthusiasmus. Inzwischen wurde es von der Kammer zu erkennen gegeben und dem Oberhaupte vorgetragen, daß selbige vereint und von ihr nichts erhalten hatte. Und so sollte dieselbe, wenn sie ein solches Opfer forderte, auch dem, der sich bereit zeigte, cs zu bringen, ein ruhiges Asyl sichern. Dies mußte eine nothwendige Bedingung seyn, ohne welche sie nichts fordern und nichts annehmen durfte. Sie mußte sogar in dem Falle, wenn Napoleon den Antrag gemacht hätte, sich demselben widersetzen, sobald sie voraus sah, daß sie dieses Asyl nicht zugestehen, oder nicht für ihn erhalten könnte. Wenn man an den Feldzug von 1814 zurück denkt, der durch die Ungleichheit des Kampfes unermeßlicher Heere gegen eine Hand «oll Menschen, durch seine geschickten Manöuvres, durch die Schnelligkeit der Bewegungen, womit die entmuthigende Schwäche der Truppen verborgen wurde, so höchst merkwürdig ist, wenn man sich erinnert, daß der Feind seinen Sieg nur der Untreue zu verdanken hatte, so muß man sich wundern, daß Napoleon den Kamps im Monat 2uli 1815 nicht von neuem begann, daß er um das Kommando der Armee erst nachsuchte, anstatt sich ohne Weiteres an deren Spitze zu stellen. Daß er dieses Verlangen einige Stunden nach der Thronentsagung äußerte, beweist den über Napoleon ausgeübcen Einfluß, den man schon gar nicht mehr bezweifelte. Es ergiebt sich derselbe aus vielen Umständen und er muß in mehreren Fällen ziemlich groß gewesen seyn, da der Kaiser dahin gebracht wurde, seinen Widerwillen und seine Abneigung zu bekämpfen. Es ging so weit, daß er auf Bitte mehrerer Personen, in welche,er Vertrauen setzte, bei allem Abscheu, den er vor Fouch6 hatte, ihm doch das Polizei-Porte- feuille anvertraute. Wir kommen aus letzter» zurück. §< 2 . Herr F o u ch 21 . 2uni 1815 . Fauche muß eine» wüthendcn Hang zu heimlichen Operationen habe». Bd. i. S. io. Die Rolle, welche Herr Fouchs während der hundert Tage spielt, ist äußerst merkwürdig. Man schlägt Napoleon vor, ihn zum Polizciminister zu ernennen. Napoleon erinnert sich, daß er heimliche Schritte gcthan hatte, um den Frieden mit England zu Stande zu bringen, daß er selbst zu diesem Zwecke Herrn Onvrard absendete, so wie andere Ranke schmiedete, und mag sich nicht mit einem Menschen einlassen, den er sür sehr gefährlich hält, da man nie aus seine Treue rechnen kann. Der Herzog von Bassano, Reg» uaulc de St. Jean d'Angely, Real und mehrere andere Personen besiegen jedoch seinen Widerwillen- So hatte denn Herr Fouch« sein Portefeuille blos diesen Fürsprechern und dem Einflüsse zu ver> danken, dem Napoleon aus Schwäche gegen sein inneres Gefühl und obschon er durch Erfahrung bereits gewitzigt war, dennoch nachgab. Herr Fouchs incriguirt und wird mit dem Grasen von Metternich einig, der viel zu klug war, um nicht jetzt zum Vesten L)e- ftcrreichs von den Umständen Dortheil zu ziehen, wo daS Glück dem Anscheine nach sich Napoleon wieder zuwendece. Er stand daher mit Herrn Fouchs im Briefwechsel und dieser checkte ihm alles mir, was in den Tuilericn vorging. Wir wollen die besonders merkwürdigen Gegenstände dieser Jntrigue näher ins Auge fassen. Mit Hülfe der Regentschaft und Napoleon des Zweiten zog er sich geschickt aus der Sache. Eben so gelang rS Ihm in einem andern Falle, weil er sich mit dem Hofe von Gent verstand. Man will sogar versichern, daß er sür jeden andern Fall seine Rolle gut gespielt hätte und ich würde mich gar nickc darüber verwundern. Aber der eigentliche Haupcmoment sein Talent in vollstem Glanze zu zeigen, trat nach dem Verluste der Schlacht bei Waterloo ein. Die pro» visorische Regierung, die Maasregel derselben, die Abdankung, die Abreise Napoleons — alles das ist Herrn Fouch^s Werk. Wenn man bedenkt, welche Schritte er chun mußce, welche heimliche Umtriebe nöthig, welche Mittel überhaupt anzuwenden waren, um bei Personen, die ihn weder liebten noch schätzten, zum Zwecke zu gelangen und die einander widerstrebenden Elemente so zu verbinden, daß wenigstens eine ephemere Vereinigung, hinreichend um sür einen Augenblick nur das Unmögliche möglich zu machen, zu Stande zu bringen, so muß man gestehen, daß Herr Fouch« glückliche Anlagen für die Jntrigue hatte und man wird die Anrede eines erfahrnen Kenners, der nach seiner Rückkehr von Wien: Willkommen, Meister unsrer aller! zu ihm sagte, sehr richtig finden. Aber es war doch noch etwas Bescheidnes in diesem Grusse; Herr Fouch6 hatte sich bis jetzt nur als Meister in den nieder« Jncrigurn gezeigt. Ihr Gelingen während der hundert Tage lag in den augenblicklichen Verhältnissen, der Verlegenheit, worinncn man sich befand, der allgemeinen Unruhe, der Unsicherheit, der Ueberraschung, dem Mangel an festen oder bekannten Vorschriften. Es war mehr Glück als gutes Spiel, denn sein Treiben wurde entdeck!; Napoleon konnte cs mißlingen lassen und den Verräther bestrafen. Wie mag er eö wohl in der Folge umsonst und zu spät bereut ha- den, als er alle Fäden der provisorischen Regierung in seinen Händen sah und alS er erkannte, daß ohne diesen Menschen sein Loos gewiß nicht so hart gewesen seyn würde. Was mochte er nachher wohl denken, als Herr Fouchs Minister wurde und noch andre, als er, von ihm betrogen waren. Es ist Herrn Fouchs gar nicht schwer geworden alle diejenigen hinzuopfern, die sich für ihn bei Napoleon verbürgt hatten. Sie wurden eMrt; er dachte nicht, daß auch an ihn die Reihe kommen, daß seine Gunst nur eine Folge der Ueberraschung, nur ein bloßer Irrthum seyn könne; hat aber doch am Ende, fern von seinem Vaterlande, einen sanfcern Tod gefunden, als er verdient hätte, wenn das Verbrechen immer bestraft und stete Gerechtigkeit in der Welt geübt würde. Wir wollen nun die vernehmlichsten Stellen iin Tagebuche, wo von Herrn Fouchs Rede ist, zusammen nehmen, damit wir nicht nöthig haben, uns weiter mit chm zu beschäftigen. Der Verfasser gicbt (Bd. 4. S. 23 u. f.) einige Kunde über sein Verhalten mäh- rend der hundert Tage, aber sie «st unvollständig und keineswegeS genau. Folgendes mag zur Berichtigung dienen. 2m April 1815 kommt eine von dem Grafen Metternich em- pfohlne Person zu dem Banquier L. Der Banquier hat bei einer langen Unterhaltung mit dieser Person vollkommen Gelegenheit zu bemerken, daß selbige einen diplomatischen Auftrag von größter Wichtigkeit haben muß. Sie übergiebt ihm hierauf Namen und Adresse und man bedarf daher nicht der Hülfe der Polizei, um sie aufzufindm. Napoleon, dem der Banquier Nachricht von der Sache giebt, läßt den Menschen (ehe er noch zu dem Minister gegangen ist) zu sich kommen und ihn (ich glaube) durch den Herzog von Vicenza ausfragen. Man giebt sich dabei das Ansehen, alS wisse man mehr, als man wirklich weiß, kommt aber nach dem, was man aus dem Gespräche mit Herrn L.... abnehmen konnte, der Sache sehr nahe. Kurz man erklärt ihm, daß er arretirt sei und wenn er nicht die Missiv, welche er mit anher gebracht habe, sogleich hcrausgäbe, als Spion behandelt und bestraft werden würde. Jetzt rückte er mit dem Briefe des Herrn von Metternich an Herrn Fouchs heraus. Man behielt den Emissair einige Tage lang In den Augen, dann gab man ihm seinen Brief wieder, um ihn an die Behörde zu bestellen. Es war nicht mehr der nämliche Brief; man hatte alles daraus weggestrichcn, was gefährlich gewesen wäre eö Fouchs wissen zu lassen. Der Spion mußte Stich cbweigen angeloben und war übrigens auch selbst dabet interessirt, cS zu beobachten. An ihn erging die Drohung des Kaisers, von- welcher 12 Herr von L. C. spricht, und nicht an Fouchö. Einen Verräthcr von seinem Range geht man zu Leibe, ohne erst zu drohen. Allein cs war nöthig von dem Emissair alle Nachrichten zu erlangen, die von Nutzen waren, und da man Ihn, seinem eignen Geständnisse zu Folge, als Spion, der auf der Thar ertappt worden war, bestrafen konnte, so brauchte man mit ihm nicht viel Umstände zu machen. Er wurde begnadigt und in. Freiheit gesetzt, jedoch nur unter der Bedingung, daß er an Herrn Fouch« den Brief abgebcn, die darauf erhaltene Antwort überbkingen und von seiner Unterhaltung mit ihm Rechenschaft ablegcn müsse. 'Es wurde ihm hiernächst nicht verheimlicht, daß man ihm auf allen Schritten und Tritten nachgc- hen werde. Der Graf Metternich war zu klug, um sich einen dummen Menschen auszusuchen. Sein Abgesandter merkte bald, daß er mit Leuten zu thun habe, die nicht mit sich spaßen ließen und jede Art des Widerstandes schlecht für ihn ablaufen könne. Die Pflicht der Selbsterhalcung ging ihm über Alles und das Vertrauen, das man in ihn setzte, kam dieser Pflicht zu statten. Man hatte sich nicht verrechnet. Der Spion verrieth Fouchs kein Wort von seinem Unfälle und gab genaue Nachricht über die mir demselben gepflogene Unterhaltung. Jetzt wurde nun auch der Auditeur im Staatsrathe, Herr Fleury von Chaboulon, dem nach Basel vom Herrn von Metternich abgesandten Emissair dahin entgegen geschickt. Er hieß Werner und Herr von Chaboulon war zu gut unterrichtet, um nicht bei seiner Mission, deren Erfolg er bekannt gemacht hat, glücklich zu seyn. Da nun der Kaiser sah, daß Fouchö schwieg, sagte er eines Tages zu ihm: „Es ist mir hinterbracht worden, daß Sie im Briefwechsel mit Herrn von Metternich stehen und nur erst vor einiger Zeit einen Brief von ihm erhalten haben." Da hat man Ew. Majestät nicht belogen. — „Und warum sagen Sie mir kein Wort davon?" — Wir haben so viel zu thun gehabt; zudem war auch der Gegenstand zu unbedeutend, um Sie damit zu behelligen. Uebrigens, fügte er mit gleichgültigem Tone hinzu, wartete ich nur auf eine Gelegenheit, mit Ew. Majestät davon zu sprechen. Ich habe den Brief bei mir; hier ist er. Hierbei nimmt er ihn aus der Tasche und überreicht ihn Napoleon. Dieser liest und sicht bald, daß Foucho eben so geschickte Leute wie er selbst zum Schriftnachmachen zur Hand habe. Die vorliegenden Schriftzüge waren denen des Originals von Metternich völlig gleich, aber cs war nicht der von Napoleon diktirte Brief, sondern ein anderer von eben dieser Hand an dessen Stelle. Napoleon hatte in dem scinigcn noch einige Dinge von dem deutschen Diplomaten stehen lassen, worüber er nun Fauche befragen wollte. Daß sie nun nicht mehr darinnen zu finden waren, hinderte ihn seine Absicht auözu- 13 führen; aber die Verrärherci seines Ministers war ihm jetzt klar. Doch da er glaubte, daß er, In Folge der von ihm genommenen Maasregcln dessen Briefwechsel aufzufangrn, nichts mehr dabei zu befürchten habe, strafte er ihn blos mit Verachtung. Er ließ nunmehr den Agenten abreisen und war nach der Unterschiebung, welche Fouch-l gemacht hatte, völlig überzeugt, daß derselbe nach Vorschrift gehandelt habe- Diese vollkommen wahren und genauen Umstände beweisen, daß, weil Napoleon Touchs unbestraft ließ, jede Drohung gegen ihn unklug gewesen seyn würde. Napoleon hat Noten über das Werk des Herrn von Chaboulon diktirt. Sie sind in dem zweiten Theile der. Memoiren des Herrn von Montholon zu finden. Hier ist eine derselben (S. 343). Napoleon wollte Fouchs arretiren lassen, weil er bereits dessen verdächtigen Umtriebe kannte, als der Herzog von Vincenza ihn von der Ankunft eines Agenten des Herrn von Metternich unterrichtete. Er schob seinen Entschluß bis zur Rückkehr des Herrn von Flcury von Basel auf, denn das Gerücht von Fouchss Ungnade würde Herrn Werner verscheucht haben. Die Familie des letztem war von jeher den Metternichs sehr ergeben. Der Baron von Werner, der Vater, der in Oesterreich zu hohen obrigkeitlichen Aemtern gelangte, war vormals Ge- neralvcrwalter der Abtei Ochsenhausen gewesen, die dem Fürsten von Metternich bei den Länderverkheilungen in Deutschland als Entschädigung überlassen wurde. Die Werners waren ganz im Geheimnisse der Angelegenheiten dieses Hanfes und bet diesem besonder» Vertrauen, worauf man rechnen konnte, mußte wohl auch der fragliche Auftrag von Wichtigkeit seyn. Aber warum behielt Napoleon, als Herr von Fleury zu- rückkam und schon als er hörte, daß derselbe Zusammenkünfte mit Herrn Werner gehabt hatte, Touche noch länger zu seinem Polizei- minister? Er wußte doch nun gewiß, daß ihn derselbe verrieth und dem Fürsten Metternich von allen seinen Plänen Nachricht gab. Wäre es denn jetzt eine Sünde gewesen, diesen Herrn Fouchs festzusctzen, ihn von vier Grenadieren in einem Zimmer der Tuilerien bewachen und ihm diktiren zu lassen, was er an seinen Correspondcnten schreiben solle, um diesem nur solche Nachrichten zu geben, die in seine eigne Politik paßten? Nicht allein daß er dies nicht thac, sondern er gab auch noch vor wie nach zu, daß Herr Fouchs sein Wesen nach Belieben treiben konnte, welcher ihn dann durch eine verächtliche Gleichgültigkeit strafte und gegen ihn keineswcges gleiche Nachsicht übte. Wäre er wirklich so grausam gewesen, wie man ihn gewöhnlich schilderte, wer hinderte ihn denn, von dem Augenblicke an, wo er durch Herrn Fl. de CH. erfuhr, daß der Derrath wirk» lich begangen worden sei, durch selbigen die Zahl der Schlachtopfer zu vermehren, die seiner Grausamkeit gefallen seyn sollen? Herrn Fouchs konnte weder sein Kredit, noch die Achtung welche er im Publikum genoß, noch das Andenken an die Dienste schützen, die er dem Staate geleistet hattet Nie würde vielleicht eine willkührlichc Handlung großem Beifall bei allen Parteien gefunden habeng es laßt sich das schon aus dem gerechten Tribute schließen, den man seinem Gedächtnisse zollte, als er seine mit Blut und Ränken befleckte Laufbahn auf fremdem Boden beschloß. §. 3. 1. 2uli 1815. Abreife von Maimaison nach Nockesort. Bd. i. S- 7g. Man muß die verschiedenen Erzählungen, wie man sie über diese Abreise sowohl in dem Tagebuche findet, alS auch in damaliger Zeit, nach der Correspondenz zwischen denen, welche Napoleons LooS thcilten und den Freunden derselben, bekannt machte, eine durch die andere berichtigen. Hier ist das Wesentlichste davon. Herr von L. C-, der, wie er selbst sagt, damals dem Kaiser wenig bekannt war, wollte ihm folgen und ließ durch den Großmarschall, der bis dahin die Mittelsperson zwischen Napoleon und seinen Kammerherren gewesen war, um diese Gunst bitten. Napoleon hatte die Absicht einen Sekretair mitzunehmen und sein Kabinets-Sekrc- tair war durch Geschäfts- und Handelsverbindlickkeicen, welche seine Gegenwart forderten, außer Stande Paris verlassen zu können. Herr Fl. de CH., welcher während der hundert Tage Napoleon wichtige Dienste geleistet hatte und ihm dadurch bekannt worden war, sollte ihn ersetzen. Er hatte sogar einen Auftra'g erhallen, wovon er dem Publikum in einem höchst interessanten Werke Rechenschaft abgelegt hat; aber er war im Augenblicke der Abreise von Malmaison nicht zu finden. Herr von Las Cafes folgte Napoleon bis Rochefort ohne irgend einen Titel und wir finden dann, daß er der englischen Regierung gegenüber den eines Sekretairs annimmt, wie er denn auch wirklich dieses Amt während der Fahrt nach Sankt Helena und seines Aufenthalts daselbst verwaltete. Unter diesem Namen wurde er auch von den englischen Journalisten bei den Nachrichten aufgeführc, die sie über das, was sich am Bord des Norchumbcrland zutrug, bekannt machten. Die gewaltsame Ausschließung des Generals Gourgaud (Bd. 1. S. 43) konnte durch 15 diese Hypothese nickt molivirc und Herr von Las Cafes nickt als Offizier betrachtet werden. Man kam überein, erzählt letzterer, ihn ganz als Civilisten zu betrachten und mit Hülfe d.icscr Auslegung einen Vierten zuzulassen. Dieser Vierte war denn der General Gourgaud. Wenn man unter den Worten, ganz Civili st, Sekretair versteht, so lassen sich beide Lesearten vereinigen; daß aber dieses Wort fehlt, was doch so leicht zu sagen war, läßt den Leser im Zweifel über die eigentliche Rolle und das Amt des Verfassers. Die Funktionen der drei Generale waren gehörig angegeben. Die Generale Bertrand, Montholon und Gourgaud reisecen ab, ersterer als Großmarschall und die beiden andern als Adjutanten. Herr von Montholon hatte den Auftrag die Equipagen auf der Straße über Limoges zu führen, weil nicht alle Wagen den näm» licken Weg nehmen konnten, ohne sich vielleicht bei der Bedienung auf den Posten zu schaden. Dieser General nun hatte bis Roche« fort hierbei zu befehlen. DaS sind denn nun die Umstände, welche deSfalls bekannt gemacht worden sind. Man kann solche dem ge« mäß mit den Angaben vergleichen, welche das Tagebuch enthält. Eine derselben ist mir sehr unverständlich vorgekommcn und es wird die Sache, welche sie betrifft, auch nur vom Herrn von Las Cafes erzählt. Eine dem Kaiser besonders ergebne Person, die des« sen Sorglosigkeit in eignen Angelegenheiten kennt, kommt nach Malmaison, um zu erfahren, welche Maasregcln man wegen Napo« lcons Zukunft, da er eben dem Throne enrsagt hatte, genommen habe. Man hatte daran nicht gedacht und der Kaiser besaß durchaus gar nichcö. Um dem abzuhelsen, mußte jedermann sich der Sache von ganzem Herzen annehmen und bald waren die vier oder fünf Millio« nen zusammen gebracht, welche bei Herrn Lafitte deponirt sind (Bd. 1. S. 99 Note). Der Wagen, der die« sen kleinen Schatz enthielt, wurde nachher selbst in einer Remise vergessen. Glücklicher Weise denkt man an denselben noch im Augenblicke der Abreise, die sich dann eben we« gen der Maasregeln verzögerte, welche getroffen werden mußten, um den Wagen nach dem Orte seiner Bestimmung abzusenden. Bei dieser Erzählung fallen einem manche Bedenklichkeiten ein. Napoleon verließ das Elisee am 25. Juni 1815, um noch des nämlichen Tages nach Malmaison zu gehen. Dort blieb er nur drei volle Tage, indem er den 29ften abreiste und in Rambouillet Nachtquartier machte. In diesen drei Tagen also soll sich jeder aus gutem Herzen ins Mittel geschlagen haben, um eine unbe« 16 stimm» Summe Geldes vorzustrecken, hierdurch aber ein Betrag von vier oder fünf Millionen zusammen gekommen seyn. Die Sache wäre eigentlich nicht unmöglich, wenn man annähme, daß es Staatspapiere oder Anweisungen gewesen wären; aber es sollen vier bis fünf Millionen in Gold- oder Silbcrmünzen gewesen seyn, weil man sie ja auf einen Packwagen geladen hatte. Wenn man nun auch glauben wollte, daß fünfzig Personen hierzu beigetragen und einen Theil der empfangenen Wohlthaten dem Wohlthäter zurück- gegeben hätten, so müßte jede derselben gleich hunderttausend Franken Münze, in dem Augenblicke einer allgemeinen Gefahr, bei der Erwartung des Einzugs der Fremden in die Hauptstadt, bei sich gehabt haben. Dies sind denn die Betrachtungen, wozu die Erzählung einer Thacsache Anlaß giebt, die allerdings, um begriffen zu werden, noch einiger näheren Erläuterung bedurft hätte. Die Dankbarkeit thut selten Wunder und will man etwas von ihr erwarten, so darf man doch nur sich auf das Mögliche beschränken. §. 4. Selbstmord Napoleons. 3. August 1815. „ES käme nur darauf an, ein wenig seinen Kopf aufznsetze».^ Bd. i. S. Z6. Man erinnert sich bei diesem Gespräche über den Selbstmord dessen, was eine Menge starker Geister sowohl im Jahre 1814 bei der ersten Thronentsagung, als auch Im Jahre 1815, bei der zweiten Abdankung und selbst in der Zwischenzeit nach der Schlacht bei Waterloo, über den Weg sagte, den Napoleon, als er. seinen Untergang für unvermeidlich erkennen mußte, hätte gehen sollen. Alle hielten ihn für einen Feigherzigen, daß er das Leben der Entehrung vorziehen könne. DaS war der höflichste Name, den sie ihm geben wollten und fast machten sie sich ihre Mäßigung zum Vorwurfe. Aber wohl zu merken: hätte er ihre Wünsche erfüllt, so war er auch ein Feigherziger, der sich selbst gemordet hatte; denn der eine Satz hält dem zweiten die Waage. AlS man nun sah, daß er vorzog, lebend zu bleiben, ging man so weit, ihm jede Art des Muthes ganz abzusprechen. Wie blind macht doch die Leidenschaft! Denn welchen Namen, welchen Grad der Verachtung verdienen sonach alle diejenigen, welche ihm so lange Zeit folgten, ihm bienten, ihn abgöttisch verehrten, ihn, der durchaus gar keinen Much besaß. Die Soldaten Werdens wohl besser wissen. Wo wäre denn die Gewalt hergekommen, die er über sie hatte, wenn er blos ein feigherziger Mensch gewesen wäre und könnte denn wohl die geistreichste Nation einem feigherzigen Menschen gehorcht haben! Napoleon hatte keine Handlung der Feigherzigkeit begangen, als er seinen Fall überlebte und eben so wenig wäre dies geschehen, wenn er im Fallen sich den Tod gegeben Härte. Brutus und Caro verdienten Lob, daß sie den Faden ihres Daseyns zerschnitten; aber nicht minder bewundert man RcguluS, der anstatt das seinige zu verkürzen, die furchtbarsten Martern ertrug. Der beiden ersten Tod konnte auf das Wohl der Republick einwirken, des letztem Leiden > war ihr nützlicher als sein Tod. Sein Selbstmord würde, anstatt die Rache auszurcgen, als eine Feigherzigkeit erschienen, würde cs f auch wirklich gewesen scyn. Karthago war dann gerechtfertigt, anstatt daß sein martervolles Leben den Schwur für dessen Veiderbcn herbeiführte. Er ging aus dem mit spitzigen Nägeln ausgcschlag- nen Fasse, worinnen Regulus starb, wie aus der Urne des Schicksals hervor. Große Interessen knüpften sich an die Person Napoleons, so wie diese auf der andern Seite viel Furcht cinflößte. Er war minder als Irgend jemand berechtigt, sich das Leben zu nehmen. Uebri. gens hatte er für einen Augenblick diese Schwäche, wovon ich den nähern Beweis in einem neu herausgekommenen Werke finde ^ Es verdient dieses Ereigniß theils an und für sich selbst, cheils we- !> gen der Art womit es erzählt ist, einer nähern Erwähnung. ! Es war unmittelbar nach der zu Fonrainebleau erfolgten Thron- >! entsagung, in dem Augenblicke, wo nun die Binde gänzlich fiel, ! wo auf den Verlust aller Täuschungen der höchsten Gewalt, sofort l ein zweiter, in Hinsicht auf die noch viel lieberen Täuschungen der > Dankbarkeit, der Freundschaft folgte; in dem Augenblicke da er sich l verlassen sah von allen, die er mit Ehren und mit Neichthümern überhäuft hatte und die nun, nach gepstognen Unterhandlungen, zum Behufe der Erhaltung und Vermehrung ihres Besitzthums, - ihm den Rath gaben, alles aufzugeben. Der Senat, den Napoleon an Gehorsam gewöhnt hatte und der ihm, wenn er cs verlangte, 300000 Conftribirte zugestand, willigte jetzt in Napoleons Absetz- Nemoiicr elu Larnn 0>I inanusorit sie 1814. 1 Vol. in 8. i82Z. Ei» äußerst merkwürdiges geschichtliches Bruchstück, weil der Verfasser cs verstand, sich zu der Höhe seines Gegenstandes und dem Interesse der Tbatsachen deS verhängnisvollen Zeitraums zu erheben, wovon seine Schrift handelt, hiermit aber auch «och einen anziehende» Vortrag verbindet. Es ist «in wahres Drama; mau sicht die Personen vor Augen. L. E. Tageb.Nachtr.l, r 13 ung, weil man sie von ihm forderte. Erschüttert durch die Much, losigkeit seiner alten Waffcngefährten, zu Boden gedrückt durch den Abfall seines ältesten Freundes, betrogen in seinen Neigungen, in seinen Hofnungeu, sieht er jetzt schmerzlich die Menschen in ihrer ^ eigentlichen Gestalt. «Seit einigen Tagen scheint ihn ein geheimes Vorhaben zu beschäftigen. Sein Geist lebt nur in dem Rückblicke auf die Trauerscenen der Vorzeit. Der Gegenstand seiner vertrau« lichsten Gespräche betrifft den freiwilligen Tod, den die größten Männer des Alterthiimö ln einer der seinigen ähnlichen Lage, ohne ZS« gern gewählt harren. Man hört wie er mit Unruhe und doch mit kaltem Blute die widersprechendsten Beispiele und Meinungen zer« gliedert. Plötzlich wird in der Nacht vom 12. zum 13. (April 1814) die Stille der langen Schloßvorsäle durch häufiges Hin« > und Herlaufen gestört. Die Bedienten gehen auf und ab, die Kerzen der innern Gemächer werden angezündct. Die Kammerdiener ' sind auf den Beinen — man klopft an die Thüre des Dokrors Dvan, man eilt, den Großmarschall Bertrand zu wecken; man ruft den Herzog von Vicenza herbei, man verlangt den Herzog von Bassano, der in der Kanzlei bleibt. Alle kommen und werden nach und nach in das Schlafzimmer einaeführt. Umsonst lauscht die ^ Neugierde mit gespitzten Ohren. Sie vernimmt nur Seufzen und ^ Schluchzen, das von der Antichambre aus sich den Dorsälen mit. theilt. Plötzlich kommt der Doktor Dvan heraus, läuft eiligst hin« unter in den Hof, besteigt dort ein am Schloßgitter bereit stehendes Pferd und fliegt im Galop davon. Die schwärzeste Finsterniß be« i deckt das Gehcimniß dieser Nacht mit ihrem dichten Schleier." Hier ist was davon gesagt wird. „Zur Zeit des Rückzugs von Moskau halte sich Napoleon das Mittel verschafft, in einem unerwarteten Falle nicht lebendig in die Hände des Feindes zu gerathen. Sein Wundarzt Dvan gab ihm ^ damals, auf sein Verlangen, einen kleinen Beutel mit Opium *), den er während der Zeit der Gefahr unausgesetzt an seinem Halse trug. Seitdem verwahrte er dies Beucelchen sehr sorgfältig in i einem geheimen Fache seines Nccessairs und in dieser Nacht nun schien ihm der Augenblick gekommen zu scyn, um zu diesem lrtzlen Hülfsmittel seine Zuflucht zu nehmen. Der Kammerdiener, weicher hinter seiner halb offenstchenden Thüre schlief, harre gehört, daß er aufstand, hatte gesehen, daß er etwas in einem Glase Wasser auf« ») Es war nicht blvS Opium, sondern ein Präparat, dar Cabanis näher angegeben Hatz das nämliche, dessen Condorcct sich bediente, um sich dar Leben zu nehmen. (Note des Herr» F.) löste, eS trank und sich dann wieder nicderlegte. Bald nachher hatte der Schmerz Napoleon das Geständniß seines nahen Todes auögeprcßt. Jetzt nun ließ er seine vertrautesten Diener -rufen. Dvan war unter dieser Zahl, hatte aber, als er horte was eben vorgcganacn sei und daß Napoleon sich über die verzögerte Wirkung des Giftes beklagte, den Kops verloren und sich eiligst von Fontainebleau fortgcmackt. Man erzählt nun weiter, es sei hierauf eine lange Ermattung eingetreten, die Schmerzen hätten nach einem sebr starken Schweiße aufgehört und alle beunruhigende Symptome wären, entweder wril die Dosts zu gering oder vielleicht die Kraft des Giftes von der Zeit verzehrt war, nun ganz verschwunden. Endlich wird gesagt, Napoleon hätte tm Erstaunen daß er noch lebe,, einige Minuten vor sich hin gesonnen, dann ausgerufc: Gott hat es nicht gewollt! und nun mit Ergebung in die Wege der Vorsehung, welche ihm nur ^rben das Leben erhalten, sein Schicksal ruhig zu ertragen beschlossen. Das Geschehene mußte ein Ge- heimniß bleiben. Am Morgen stand Napoleon auf und kleidete sich an wie gewöhnlich." Die Rückkehr von der Insel Elba, welche in noch nicht Jahresfrist erfolgte, war wohl, was auch die Partisane des Selbstmords in Beziehung auf Napoleon sagen mögen, das stärkste Argument, andern und besonders ihm selbst zu beweisen, wie unsinnig er gehandelt Härte, sich ums Leben zu bringen. Diese Erinnerung wirkte ohne Zweifel sehr auf seine Meinung und brachte ihn auf den Gedanken, daß man sich nie der Verzweiflung überlassen müsse. Als er das zweitemal die Krone verlor, kamen ihm die früher» Ideen wieder ein; er dachte über den Selbstmord nach und Liktirte eine Note, worinnen das Andenken an sein desfallstges Attentat und zugleich an jene Rückkehr sich verbanden und ihre Wirkung zeigten. DaS darinnen vorherrschende oder vielmehr einzige Gefühl ist Reue. Sie müsse immer dem Tode folgen, wenn derjenige, der sich denselben gegeben hätte, im Stande wäre, in die Zukunft zu schauen. Hier ist diese Note. Sie ist nicht lang und kommt hiermit zuerst ans Licht. „Hat ein Mensch das Reckt sich umzubringen? — 2a, wenn sein Tod Niemand Schaden bringt und das Leben ein Uebel für ihn ist. „Wenn ist das Leben rin Uebel für den Menschen? — Wenn es ihm nur Leiden und Kummer gewährt. „Da aber Kummer und Leiden des Menschen In jedem Augenblicke sich ändern können, so giebt cs keinen Moment im Leben, in -c 20 welchem er rin Recht hätte, sich umzubringen. Denn eS kann dieses Recht nur im Augenblicke dcS Todes selbst cinirccen, weil Ihm dann erst bewiesen ist, daß sein Leben nur ein Gewebe von liebeln und Leiden gewesen sei. „Es giebt wohl keinen Menschen, der nicht wehreremale in seinem Leben, wenn er den moralischen Beängstigungen seiner Seele unterlag, Lust bekommen hätte sich zu tödtcn, bei dem aber nicht, wenige Tage später, in Folge der Veränderungen, welche in seinen Verhältnissen und bei seiner Herzensangst eintraten, die Rene nach- gekonunen wäre. Es würde mithin der Mensch, der sich Montags umgcbracht hat, deS Sonnabends vielleicht gern leben wollen und gleichwohl kann man sich nur einmal tödtcn. DaS Leben des Menschen besteht aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. ES müßte also das Leben wenigstens für Gegenwart und Zukunft ein Nebel für ihn seyn — denn wenn cs dies nur für die Gegenwart ist, so opfert er seine Zukunft auf. Die Hebel eines Tages geben ihm nicht daS Vesugniß, auch die künftigen Tage hinzugebcn. Der Mensch, dessen Leben ein Ucbcl ist und der die Gewißheit hätte, (was aber unmöglich bleibt) daß es immer ein Ucbcl seyn und nie, weder in Beziehung auf sein Gefühl, noch in Ansehung seines Willens, sei cs nun durch Veränderung der Umstände, sei es durch die Macht der Gewohnheit und des Ganges der Zeit, eine andere Gestalt gewinnen werde (was wiederum unmöglich Ist), würde allein ras Recht haben sich umzubringen. Wer unter der Last der gegenwärtigen Uebcl so tief zu Boden sinkt, daß er sich selbst den Tod giebt, begeht ein Unrecht an sich selbst. Er giebt auS Verzweiflung oder Schwäche der Eingebung eines Augenblicks nach und bringt ihm sein künftiges Leben zum Opfer. „Das Gleichniß von einem Arme, der mit einem Krebsschaden behaftet ist und den man abiösen läßt, um den Körper zu retten, Ist nicht gut. Wenn der Wundarzt den Arm abnimmt, so ist er gewiß, daß der ganze Körper außerdem nicht forclcben könne. Das ist kein bloßeö Wort, das ist vielmehr eine ausgemachte Sache; anstatt daß die Leiden des Lebens, welche den Menschen dahin bringen sich zu tödtcn, nicht blos seine Leiden enden, sondern auch zugleich seine ganze Zukunft vernichten. Niemand wird es bereuen, der sich den Arm abiösen lies, aber er könnte wohl und würde es fast immer bereuen, sich ums Leben gebracht zu haben." So sehr auch Napoleon aus Sankt Helena gemartert wurde, so durste er doch immer „och die Hoffnung hegen, daß vielleicht neue politische Verhältnisse die Rettung von seiner Insel herbeifüh« reu könnten. Bet diesem Glauben würde er, indem er sich umbrach- te, die Zukunst der Gegenwart geopfert haben. Z. 5. Herr von Montalivcc. 21. August 1815. Herr Montatwet, der Minist" dcS Innern wurde, war ei» ehrlicher Manu, sagte.Napoleon. Bd. i. S. 87. Diese Lobrede ist sehr kurz, so beschränkt auch die Zahl der ehrlichen Leute seyn möchte. Herr von Montalivet hatte Zartgefühl, Rechtlichkeit, Leben, Geist, Tiefe des Gefühls, eine seltne Liebenswürdigkeit, weil sie vom Herzen kam und weil' er Im hohen Grade sich auf daS Schickliche verstand. Sein Talent in Hinsicht auf Staatsverwaltung ist ganz unzweifelhaft. 'Man wachte ihm allzn- großcn Eifer für Napoleon zum Vorwurf: als ob die Dankbarkeit ein Verbrechen wäre! Diese Ergebenheit hinderte keineswegcs, daß er nicht bei vorkommendcr Gelegenheit Muth gezeigt und daS Wag- niß zu mißfallen bestanden Härte, sobald eö die Freundschaft for- derte. Er bewies cS an einem seiner Freunde, einem General, der unbillig behandelt worden war. Ein gerechter Anspruch wurde vom Herrn von Montalivet nie zurückgcwiesen, und dis das Unrecht wir- der gut gemacht war, lag er Napoleon unaufhörlich in den Ohre». Man hat wohl gesehen, daß er über einen mächtigen General cri- umphitte, der das HauS deö Maire von Veulogne diesem mit Gewalt weggenommen und denselben zuvor persönlich beleidigt hatte. Herr von Montalivet war, ehe er Minister des Innern wurde, mehrere Jahre General-Direktor der Brücken und Chausseen, ein Werwaltungszweig, wobei man seinen Namen noch sehr in Ehren hält. Er ist dabei nicht vergessen und wird cS noch lange nicht werden. Er starb als Pair von Frankreich im Monat Februar 1823. §. e. Frau von Thuror. 6. September 1815. Die Fran dieses Repräsentanten war äußerst hübsch und sehr tlcbeuSwürdlz. Vd. 1. S. yz. Der Volksrepräsentant, von dem dort die Rede ist, hieß Thurot- Seine Frau war von Versailles und ist richtig geschildert. Sie hieß Gauchler, starb noch jung im Jahre 1815 und hintcrliess eine an Herrn Vcr.... vcrheirachcce Tochter. Alles was von ihr gesagt wird, kommt mit der Wahrheit genau überein, nur die strafbare Gefälligkeit des damaligen Artillerie«Ge» ncrals muß davon ausgenommen werden, wenn anders Frau von Thurot der Wahrheit treu geblieben ist. Sie hat die vom Herrn von L. C. erwähnte Geschichte oft mit ganz andern Umständen er» zahlt. Nach ihrer Angabe hatte sie oft gewünscht, ein Gefecht an einem sichern Orte mit ansehen zu können. Der General versprach, ihr bet der ersten Gelegenheit Nachricht davon zu geben. Er chat cs auch wirklich; aber erließ nicht ihr zu Liebe angrcifcn *) und Frau von Thuroc, die so ungeduldig war, daß diese Gelegenheit gar nicht kommen wollte, verlor doch, als sie sich endlich zeigte, alle Lust noch einmal dabet zu seyn. ES war das Gefecht bet Loano, wie sie versichert, wobei der General Dumcr- bion am 3- 2uli 1794 viertausend Piemontescr in die Flucht schlug. Vielleicht hatte sie bei ihrer abgeänderten LeSart besser alS unser Geschichtschreiber den Ruhm ihres Geliebten im Auge, obschon letzterer nicht beschuldigt werden kann, daß er dessen Glanz zu verdunkeln beflissen gewesen wäre. Dem sei nun wir ihm wolle, wenn man ihm bet der Thatsache Glauben beimißt, so muß man eS auch bei der Reue Napoleons und den Vorwürfen die er sich hierüber machte. Noch eine andere Begebenheit verbürgt die Acchthcic derselben. Bet der vorgcspicgelten Landung in England und der Einschiffung der Armee, (womit wirklich der Anfang gemacht wurde) manöuvrirte die Flotte vor Boulogne und es trennten sich dann und wann einzelne Schiffe von der englischen/ entweder um uns zu ob« serviren, oder um sich einen Spaß mit uns zu machen. Eine der Schwestern Napoleons hatte ein gleiches Lüstchcn wie Frau von Thurot und begab sich, um es zu befriedigen, auf ein Schiff. Ihr zu Gefallen begann der Angriff; allein da dabei nichts gehörig berechnet war und man auch gar nicht wollte, daß cs Ernst damit werden möchte, obschon man bet der Vcrtheidigung bittern Ernst bewies, so jagten uns die Engländer zurück und wenig fehlte, so wäre die Prinzessin gefangen worden. Napoleon schalt den Admiral und behandelte seine Schwester sehr hart. Er sagte ihr, man müsse nie mit Menschenleben spielen; cs sei ein abscheuliches Verbrechen, cs ohne Noch in Gefahr zu bringen. ') An de», Gefechte bei Lrano, wenn eS dieses wirklich gewesen ist, sind wohl die schönen Angen der Frau von T. nicht Schuld gewesen. 23 7 . 5. September 1315. Bei aller Anstrengung res Generals Bonapartc und des Direktoriums konnten doch nicht mehr als zweitausend LouiSd'orS zusammen gebracht werden. — Bei seiner Ankunft in Nizza ließ er die Summe von viertausend LouiSd'orS in Golde a» die GeneraiS ais eine Bcibl'ilse zu Bestreitung des Aufwands bei Erdfnung des FeidzugS auSzahlen. Bd, i. S. qü. Hierbei ist noihwendig ein Jrrihum ober eine Lücke. Der Verfasser stellt den Staatsschatz In einem solchen Grade der Entblösimg dar, daß man alle nur mögliche Mühe h-t, 48000 Franken aufzubringen, womit denn der General eiligst abreist und nachher bei seiner Ankunft daS Doppelte dieser Summe vertheilt. Man hätte sagen sollen, auf welche Weise sich diese Summe unterwegs vermehrte. Es Ist wohl nicht wahrscheinlich, daß das Direktorium je- malö so ganz arm gewesen seyn sollte. Man weiß, daß ein Reservefonds für den auslretenden Direktor vorhanden und diese Summe so bedeutend war, daß einer der fünf Direktoren sich Immer gern diesem Schlage deS Schicksals unterwarf, daß er darein willigte, sich sogar Mühe gab daS Schlachtopfer zu werden. Dieser Umstand ist aus einer andern Stelle deS Tagebuchs, bei der Epoche, wo der General Bonaparte sich an die Stelle deö Direktoriums setzte, erwiesen. Sicycs machte eine Theilung, welche der von Monr-Tommery glich. Wir werden späterhin davon sprechen. Z- 8. B e r t h > e r. 30. September 1815. Der Kaiser meinte, daß er Berthicr gewiß vierzig Millionen gegeben habe. Bb. i, S- I2Z. Unter diesen Geschenken ist weder das Fürstenchum Neufchacel, noch sind darunter die Dotationen begriffen. Man fragt sich, welche Schlachten der Mann gewonnen habender mit so großen Reichchü- mern überhäuft wurde? Welchen Staat er gerettet harte? Wie sein Verhalten war, als sein Wohlthätrr alles verlor? In dem Manuscripc von 1814 ist die Antwort hierauf,, zu finden. Er wurde nicht zum Verrät her, abcr^er reiste^bloS ganz cin- «) Durch eine» bdfcn Druckfehler ist in Liistr ang«zvaeuen Stell- S, mpe<- — auögcpumt) worden. Was aber ernsthafter seyn möchte als alles das, Ist, daß der König von Schweden den Tod des Herzogs von Enghien rachen will und der Kaiser von Rußland den Ambassadeur Hedouville zurückschickt :c. „Vom 20sten. Endlich ist gestern das merkwürdige Senatus- Konsult erschienen. Es besteht aus 143 Artikeln. Louis und Joseph sind Prinzen, Lucian und Zerome hingegen wie Bastarde behandelt; es ist gar nicht Rede von ihnen. „Vom 21sten. Gestern wurde Bonaparte an allen Gassenecken von Paris zum Kaiser ausgerufen. Man wird sogleich Register zum Behuf der Annahme des Volks eröffnen. Das heißt so ge« wissermaaßen die Ochsen hinter den Wagen spannen. „Vom 26sten. Carion hat ein Gelegenheitsstück gefertigt, eö heißt Peter der Große. Da er des Kindes Schicksal voraus« sah, benutzte er alle mögliche Vorsicht. Er nahm seine Zuflucht zu der Polizei und lies die Zöglinge der polytechnischen Schule cinsper« ren, weil diese die schlechten Verse nicht gut leiden können. Dem» ungeachtet wurde es fürchterlich auSgepstffen. Man schrie: Nie» der mit dem Carillon! Ein Versehen, das darauf gemacht wurde, deutet thcils auf das Durchfallen des Stücks, theils auf die Rolle, welche der Dichter in der großen Hauptscene des Tages gespielt hat: Prinz C.man bittet sehr, Daß den Cochurn Sie meiden sollen; Sie passen für das Lustspiel mehr, Am Besten für Vedientenrollen. „Der Marineminister erzählte gestern in meiner Gegenwart, die Matrosen hätten, als sie die Proklamation vernahmen, wodurch Bo> uaparte zum Kaiser erklärt ist, gesagt: Nun weiß man wenigstens was er will, er drückt sich doch deutlich aus; alle die andern, die bisher auch schon so weit kommen wollten, wagten sich damit nicht heraus!" Wir haben Vieles weggestrichen aus Besorgniß, daß dieser Auszug ohnehin schon zu lang geworden sei. Was Napoleon in dem Tagebuche sagt, Ist am allertreffendsten: 2ch schaffte das Tribunal ab. Aus diesen Worten geht hervor, daß der Redner bei -euer Motion nicht aus freiem Antriebe handelte. 33 tz. 12. Josrphine. 12. November 1815. Sie war die Kunst und die Grazie selbst — i» jeder Stellung und Lage reizend und verführerisch — bat ihren Gemahl nie um etwas, blieb aber überall schuldig. Bd. 2. S. Z8 s. Napoleon kannte Josephinen sehr gut. Nichts ging über ihre Anmuth und Liebenswürdigkeit. Sie konnte bei ihrer Cour mir hundert Personen sprechen und jeder einzelnen etwas angenehmes sagen. Ihr Gedächtniß kam ihr hierbei sehr zu statten; es erinnerte sie immer an irgend eine Sache, die schmeichelhaft war. Bei ihrer Großmuch konnte sie niemand etwas abschlagen und würde mit dem öffentlichen Schatze bald fertig geworden seyn, wenn sie damit hätte schalten dürfen. Bei Ihrem Unvermögen zu geben, behalf sie sich immerwährend mit Versprechungen, die sie sogleich wieder vergaß, aber eben so leichtsinnig wiederholte. Einen Beleg hierzu gab ein sonderbares <)>» pro yno, das der ganze Hof, nur sie allein nicht wußte. Sie hatte vor ihrer ersten Verheirathung zu Martinique einen Staabsoffizier gekannt, der in ihrer Familie Zutritt hatte. Als nun Napoleon das Oberhaupt der Regierung wurde, wollte dieser -Offizier wieder Dienste nehmen, rechnete auf Josephinens Unterstützung, hoffte dadurch sein Glück zu machen und bat um eine Audienz. Er wurde mit jener Freundlichkeit ausgenommen, die man so gern für aufrichtig hält und wodurch man gleichwohl so oft getäuscht wird. Sie bezeigte ihm die allerlebhafteste Theilnahme und verlangte, daß er irgend etwas bitten möchte. Der Offizier ließ sie nicht lange warten. Am folgenden Tage erschien er wieder bei ihr mit der Bittschrift in der Seicentasche seines Rockes. Aber der Schneider hatte auch seine Rechnung darinnen gelassen. Herr *** nimmt eins für das andere, überreicht der Kaiserin die Schrift, und diese nimmt sie ohne zu lesen mit der Versicherung an sich, daß sie sein Gesuch Napoleon vertragen werde und daß er den besten Erfolg erwarten dürfe. Der Offizier ist ganz entzückt; als er aber nach Hause kommt, bemerkt er seinen dummen Streich und will ihn sogleich verbessern. Er geht abermals zu Zoscphinen, die ihm sogleich mit der Versicherung entgegen kommt, daß ihr Gemahl seine Bittschrift gelesen und ihr versprochen habe, ihr Günstling solle ganz nach seinen Wünschen angcstellr werden. Da eine Menge von Menschen zugegen war und die Kaiserin sogleich mit andern Personen sprach, antwortete er nichts; kam aber zu mehrernmalen wieder, um die fatale Rechnung gegen L. C. Tageb. Nachtr, r. z 34 sein Gesuch auszutauschen, ohne jedoch seinen Zweck erreichen zu können. Er unterließ es nun ganz, nahm seine Partie, erzählte seine Geschichte aller Well und lachte selbst am meisten darüber. §- 13 - 12. November 1815. Behandlung Ferdinand des Siebenten. Bd. s. S. qi. Man muß sich wundern, wenn man in dem Tagebuche Fehler und Verstöße gegen die Zeit selbst bei Dingen findet, die der Verfasser ganz genau wissen mußte, und wobei er, wenn er zweifelhaft war, so leicht die Wahrheit erfahren konnte. Er behauptet, daß Ferdinand der Siebente bei seinem Aufenthalte in Valencey Mademoiselle de Tascher, Josephinens leibliche Nichte und Namensschwester, nach dem Beispiele des Prinzen von Baden, der sich mit Mademoiselle von Bauharnais vermählt hatte, . von dem Kaiser zur Gemahlin erbeten habe. Diese Demoiselle de Tascher, setzt er hinzu, ist die nämliche, welche der Kaiser später an den Herzog von Aremberg verheirathete und zur Gouvernantin der Niederlande machen wollte. — Sie war aber schon vor der Ankunft Ferdinands in Valencey vermählt, mithin konnte dieser Fürst nicht um ihre Hand bitten. Es war die Tochter LucianS, Nichte von Napoleon, um welche er anhielt, ohne sie jedoch zu bekommen. Der Herzog von Aremberg nahm an dem Kriege In Spanien Theil, während Ferdinand sich zu Valencey aufhielt. Er hatte selbst ein Regiment auf eigne Kosten errichtet. Mademoiselle von Tascher ist ein Gegenstand der Launen des Glücks, wie es deren so viele giebt. Sie liebte den Mann nicht, den man ihr zum Gemahl bestimmt hatte, und da sie wohl fühlte, daß sie ihn nie lieben würde, so vertraute sie sich Josephinen, was sie bei Napoleon selbst nicht wagte, in Hoffnung, daß ihr Geheimniß durch sie auch ihm kund werden solle. Aber Josephine schwieg und die Vermählung wurde vollzogen. Der Herzog von Aremberg hatte die Fürsten- thümer längst verloren, welche seine Familie früherhin besaß und glaubte durch diese Verbindung einen Theil derselben wieder zu er- halten. So glänzend sie nun auch für die Tochter eines bloßen ^ Edelmanns war, so wollte doch Mademoiselle von Tascher dies nicht einsehen — und der Fürst, den sie stets mit der größten Kälte ! behandelte, sah bald wie er mit ihr daran war. Sie trennten sich, ! die Ehe wurde für nichtig erklärt, weil die Mutter der jungen P»r- ^ son nie ihre Einwilligung gegeben hatte. Mademoiselle von Tascher, ! 35 die jetzt wieder frei war, konnte nun Hand und Herz an Herrn von Guitry geben und verzichtete auf den Titel und den Namen eines Fürsten, dessen Gemahlin sie nie gewesen zu seyn versicherte. Wir haben gesagt, daß Ferdinand um die Tochter Lucians anhielt; die Kaiserin Mutter unterstützte diese Bewerbung, in der Hoffnung, daß dies ein Mittel seyn werde, die beiden Brüder zu versöhnen, welche damals entzweit waren. Napoleon antwortete > nicht und erklärte sich eben so wenig. Jetzt bat Ferdinand um Josephs Tochter. Der Kaiser schwieg auch hierbei, schenkte aber doch der Sache mehrere Aufmerksamkeit. Die ganze Heirath war eine Sache der Politik. AlS Ferdinand im März des Jahres 1814 nach Spanien zurückkehren durste, wiederholte er sein Gesuch. Man antwortete ihm, daß es ausgenommen werden solle, wie es solches wohl verdiene, sobald er im ruhigen Besitze seines Thrones seyn würde. Aber als er dies nachher war, hatte Napoleon den seinl- gen verloren und dann fragte Ferdinand nicht weiter danach, wie man leicht glauben wird. Wir wollen nach unsrer Art und Weise den diesen Fürsten betreffenden Artikel gleich zu Ende bringen, indem von ihm in dem Tagebuche von Sankc Helena mehrmals die Rede ist. Der Verfasser sagt: „Europa und selbst Frankreich haben nie einen richtigen Begriff von den Verhältnissen Ferdinands in Valencey gehabt; man irrc sich sehr über die persönliche Stimmung und Meinung des letzter» In Hinsicht auf seine Lage." (Bd. 6. S. 53.) Alles was hier gesagt wird ist vollkommen wahr, Und ehe wir sie nach Anleitung eines ganz neu erschienenen Werks vervollständigen, müssen wir einen Augenblick bei dem seltnen Schauspiel verweilen, welches die königlich-spanische Familie durch ihre Trennungen bietet. Von der einen Seite steht der alte König, die Königin und Godoy, der in ihren Namen regiert und sie von ihren Kindern entfernt, so daß der letzter» Haß gegen einen von Ihnen verabscheuten Günstling sich auch bald auf dessen Schützlinge erstreckt — von der andern Seite Ferdinand, der seinen Vater entthront, wodurch denn der legitime Thronerbe zum Usurpator wird. Beide wenden sich an Napoleon, der eine um Recht gegen seinen Sohn, der andere um Schutz bei ihm zu suchen. Dieser will die Krone behalten, der andere sie wieder haben. Das war denn einer von den Prozessen, bei denen statt der Rcchlsgelahrhcit nur die Gewalt gilt und deren Entscheidung an die Fabel von der Auster und dem Advokaten erinnert. Inzwischen scheint es, als ob beide einige Entschädigung in der Befriedigung ihrer Rache und Trost für den — ?,6 — Verlust Ihrer Krone darinnen gefunden hätten, daß sie ein Fremder trug und sie doch nicht auf dem Haupte des Nebenbuhlers stand. Hieraus erklärt sich Ferdinands Benehmen in Dalcncey. Napoleon beging, wie er selbst gesteht, mehrere Fehler bei dieser Angelegen» heit; der größte aber ist derjenige, von dem er nicht spricht. Es soll nämlich der alte König Karl, wie man damals wissen wollte, ihm angeboten haben, daß er ihm jährlich zwölf Millionen bezahlen wolle und er, Napoleon, dafür französische Garnison in die Scehä» sen legen möchte, um den englischen Handel zu behindern und Spanien den Engländern ganz zu untersagen. Auf diese Weise hätte er, ohne einen Schuß zu thun, alle Früchte einer Eroberung geärvlet.. Der zweite Fehler war, daß er nicht Ferdinand bei den Bedingungen, wovon man in diesem Kapitel spricht, sesthielt. Man wird gleich sehen, daß er in seiner Gewalt war. „Ferdinand der Siebente befand sich mit seinem Dnkel und seinem Bruder zu Valencey, einem Schlosse des Prinzen Talleyrand, in einer der schönsten Gegenden Frankreichs, mitten in einem großen Walde *). Er wurde nicht bewacht, hatte seine Hausbeamtcu und Domestiken bei sich, und konnte Besuch annehmen, von wem er wollte. Mehrere Meilen im Umkreise konnte er frei jagen oder spazieren fahren. Außer 72000 Franken, welche Frankreich Miethe für Valencey an Herrn von Talleyrand bezahlte, erhielt Ferdinand 1,500000 Franken zu seinem Unterhalte. Er schrieb jeden Monat regelmäßig an Napoleon und erhielt auch Antwort von ihm. Am 15. August und bei dem Namensfeste der Kaiserin uncerlies er nie, das Schloß und den Park von Dalencey zu erleuchten. Hicrnächst bat er Napoleon mehrmals um die Erlaubniß, nach Paris kommen zu dürfen, was aber von einer Zeit zur andern aufgeschoben wurde. Ferner bat er Napoleon, ihn zu adoptiren und ihn an eine französische Prinzessin zu vermählen. Es war ihm eine sehr schöne Bibliothek zum Gebrauche überlassen; er erhielt oftmalige Besuche von i Edelleuten aus der Nachbarschaft und Pariser Kaufleuten, die sich ! beeiferten, ihm daS Neueste vorzulegen. Lange Zeit hatte er auch ^ ein Theater und lies sich Schauspieler kommen, bis endlich seine ! Beichtväter ihm eine Gewissenssache daraus machten und er die Ge- ! sellschaft verabschieden mußte. «) Valencey, welches die alleren Herren dieses Schlosses Dallenc-- schrieben, weil cs ans einer Höhe liegt, dessen Tbal einem L gleicht, ist ein großes, schönes Gebäude und steht einem fürstliche» Schlosse ähnlich. Ilivtuiee clc ülols z>ar lZernicr. I'. 245. 37 „Der König Karl, sein Natcr und die Königin - Mutter hielten sich lange im Schlosse zu Compicgne auf, von da gingen sie nach Marseille *), dann nach Rom, wo sie im Pallaste des Prinzen Borghese wohnten. Sie bezogen die Summe von drei Millionen jährlich. Die Königin von Hetrurien, Marie Louise, Schwester Ferdinands, war eine von denen, welche den größten Antheil an der spanischen Revolution nahm. Ihr Briefwechsel mit Murat, der damals in Spanien kommandirte, ist höchst merkwürdig. Sie war auf der Seite ihrer Mutter und spielte eine sehr thatige Rolle bei den Begebenheiten In Madrid. Don Nizza aus, wo sie sich lange Zeit aushielt, cröffnete sie eine geheime Corrcspondenz mit dem eng« lischen Kommandanten im mittelländischen Meere und als Napoleon erfuhr, daß sie darnach strebe, Frankreich zu verlassen, ließ er ihr sagen, es würde ihm sehr angenehm seyn, wenn sie fortginge, cs möchte nun nach England, oder nach Sicilten, oder in jedes andere europäische Land seyn. Diese Fürstin war in der That ganz unbc« deutend und ihre Abreise hätte ein Ersparniß von 500vü0 Franken hcrbeigeführc. „Ferdinand hat jederzeit die größte Abneigung gegen die Corres gezeigt und die Spanier werden noch lange Zeit die Constitution von Bayonne zu beweinen haben. Wäre sie durchgesetzt worden, so gäbe cs keine kirchliche Gerichtsbarkeit in weltlichen Dingen mehr. Ferdinand hat oft gesagt, er wolle lieber in Valcncey bleiben, a!S In Spanien mit den Cortes regieren. Inzwischen, als Napoleon im Jahre 18i3 ihm Vorschlägen lies, seinen Thron wieder zu besteigen, so zögerte er keinesweges. Der Graf de la Forest wurde an ihn abgesendct, um mit ihm hierüber zu unterhandeln; *) Während des Aufenthalts dieses Fürste» i» jener Stadt hatte man de» Plan gemacht, ihn zu entführen und an England auszuliefcr». Alle Maasrcgeln waren genommen und zwar so gut, daß der Erfolg vollkommen gesichert war; auch scheiterte die Sache bloS in Folge eines eignen Verlangens des Königs Karl. In dem Augenblicke, da er schon zu Schiffe gehen wollte, fragte er nämlich: ob man auch wie gewöhnlich icc> Kanonen lösen werde? Da die Entführung mit dem größten Geheimnisse betrieben werden mußte, glaubte man de» König nicht recht zu verstehe», indem er doch unmöglich eine Ehrenbezeigung fordern konnte, die nothwendigcr Weise seine Befreiung verhindern mußte. Aber er wiederholte seine Forderung und erklärte, daß er nicht reisen würde, wenn man ihm diese Ehre, die allen regierenden Herren erwiese» werde, versage. Man lies ihn also dort, das Kvmplot wurde cutdcckt und mehreren Offizieren der Prozeß gemacht. Man stellte sie vor eine Militair- Commission und lies einige derselben erschieße». 38 der Traktat war bald abgefaßt; es wurden ihm dabei keine Bedin« gungen gemacht, denn man wird es doch keine Bedingung nennen, daß er sich verbindlich machte, die Verkäufe der Nationalgürer bestehen zu lassen, die in seiner Abwesenheit geschlossen worden wa- ren, so wie niemand darum zu belangen, daß er öffentliche Aemter verwaltet habe. Ferdinand erklärte damals laut, daß er in Spanien die Dinge übernähme, wie er sie fände, und als konstitutioneller König regieren wolle. Sobald die Verhandlung abgeschlossen war, schlug er selbst vor, vermittelst einer Vermählung ein engeres Band mit Napoleon zu knüpfen, und es wurde dieser Antrag weder angenommen, noch verworfen. Man antwortete, daß der Augenblick noch nicht gekommen sei, darüber zu bestimmen; wenn er, Ferdinand, wieder auf seinem Throne sitzen würde und dann sein Gesuch erneuerte, so würde es in der Art in Erwägung gezogen werden, wie es solches verdiene. Der Traktat von Valencey war sehr geheim verhandelt worden; es kam viel darauf an, daß die Engländer darüber in Unwissenheit blieben; sie hätten sonst in Spanien einer Maasregel entgegen gewirkt, wodurch die Armee dergestalt disponibel werden sollte, daß sie zu rechter Zeit für den Feldzug von 1814 in den Ebenen von Champagne ankommen konnte. Die Dinge, welche damals In Paris angesponnen wurden, wollten cs nachher anders; die Parlhei, welche damit umging, Napoleon zu stürzen, durchdrang das Geheimniß dieser Negociation; man suchte ihn zu überreden, daß es seiner Ehre zuwider scyn würde, Spanien aufzugeben und es dahin zu bringen, daß er den Traktat von Va- lenccy nicht ralificiren möchte. Da dies nicht gelang, so wurde dessen Bestehen überall verrathen und alles aufgeboten, um mit Hülfe der Jntrlgue, Ferdinands Abreise, hierdurch aber auch die Rückkehr der Armer von Spanien nach Frankreich zu verzögern. Ferdinand sollte Valencey im November 1813 verlassen *). „Was den Prinzen Ferdinand von Spanien betrifft, so hatte sich der Herr Graf de la Foric auf Befehl Napoleons in den ersten Tagen des Dezembers zu ihm verfügt. Am 2. Dezember wurde ein Traktat unterzeichnet, nach welchem man von diesem Prinzen nichts verlangte, als daß er für seine Heimkehr nach Spanien drei Dinge zugestchen solle; daß er nämlich erstens die Pension seines Vaters pünktlich bezahlen, zweitens unsre Gefangenen für die seinigcn, deren zwanzigmal mehr waren, ausliesern, und "5 !Uemoi,?s 3? ddai-nlcoo, eciirs r>nr I« xensral lVIoulbolcw. r. II. i>. 235 drittens, daß er nach erfolgter Befreiung von Frankreichs 2och sich nicht unter das 2och von England schmiegen wolle. Ferdinand Unterzeichnete alle diese Bedingungen ohne alles Zögern, schrieb eigenhändig einen Danksagungöbrief an Napoleon und trat dann die Reise nach Katalonien an. Der Marschatt Suchet deckte die- selbe bis zu den spanischen Vorposten und den 6. 2anuar kam er in Madrid an." Z. 14. Der Prinz von Benevent. 12. November 1815. Es Ist gewiß, daß der Prinz Benevent der Verfasser der bekannten Erklärung vom iz. März war. >-") Bd. 2. S. 46. Herr von T. müßte den Stoff zu einem sehr interessanten Kapitel geben, um die Kenntniß des menschlichen Herzens zu erweitern; wir begnügen unS aber, diesen der Geschichte angehörenden Mann untcr einem Gesichtspunkte der Moral oder vielmehr der Physiologie zu bclrachtkn. Es scheint, daß die Natur ihn mit den beiden wesentlichsten Eigenschaften ausgerüstet habe, deren man bedarf, um ohne große Anstrengung vorwärts zu kommen. Die erste ist Sckweigenkönncn und Meister seiner Zunge so wie seiner GcsichcsmuSkcln zu seyn; die zweite ist schnell und zu rechter Zeit zu antworten. Ohne die letztere würde er sich vielleicht verdächtig machen; man würde nie wissen, ob derjenige, welcher nichts sagt, wohl etwas Gutes sagen möchte und ob das St llschweigen, das er beobachtet, nicht bloS ihm nützlich werden soll. Allein der Herr von T. hac seine Proben längst abgelegt und wenn er jetzt stumm wird, so glaubt jedermann, es steckt sonst etwas dahinter. Man kann sagen, daß er eine Art von 2nstinkt besitzt, der ihn in kritischen Fällen sehr zu statten kommt, ihm immer das sagen läßt, was zu sagen ist und durchaus nicht mehr, als hinreicht, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen wenn er gefragt wird und er nun nicht länger schweigen kann. Es scheint, als ob er das selbst zugestehc, wenn er folgende Gcschichle als eine Posse erzählt, die er begangen habe, aber mancher geistvolle Mensch würde noch immer mit den Possen des Herrn von T. Glück machen. Illanusciit . 39. Wir werden künftig von dieser Erklärung, ln Beziehung auf eine . sonderbare Anekdote, spreche», die ihn und de» Verfasser angcht. 40 Als er noch sehr jung, Ich glaube achtzehn Jahre alc war, wiederfuhr ihm in Rücksicht seiner Geburt und seines Namens die Ehre, zu dem Herzoge von Choiseul zum Diner eingeladen zu werden. Es waren eine große Menge von Gasten daselbst versammlet; der Abbee kommt zuletzt, tritt ein und während er langsam durch den ersten Salon geht, öffnet man abermals die Thüren und die Frau Herzogin von Grammont wird angrsagt. Bei diesem Namen bleibt der Herr Abbee sogleich stehen, tritt auf die Seite und ruft, als sie bei ihm vorüber kommt, ein Ah! ihr nach. Durch diesen wohlangebrachten Ausruf fällt er der Herzogin auf, sie wirft einen beobachtenden Blick aus ihn, geht schnell vorüber und erreicht die Gesellschaft. Da nur sie noch erwartet wird, setzt man sich nun sofort zur Tafel und der Abbee, der nicht so geschwind folgt, nimmt, als er ganz langsam nachkommt, das für ihn übrig gebliebene Couvert. Man weiß, daß die Herzogin von Grammont in dem Hause ihres Bruders das Sccpter führte. Diese Herrschaft war allgemein bekannt und wer dem Minister den Hof machen wollte, fing gewöhnlich damit an, daß er ihr zu gefallen suchte. Mochte nun das Stillschweigen, welches man beobachtete, dasjenige seyn, waS man zu Anfänge eines Mahles gewöhnlich, oder bei den Großen pflichtmäßig beobachtet, oder mochte man vielleicht warten, daß die Frau Herzogin von Grammont das Zeichen zum Sprechen ge- . ben solle, kurz man schwieg. Sie schien befangen zu seyn und nach der Richtung ih«r Blicke zu urtheilen, einen Gast zu suchen. Jetzt bemerkt sie am äußersten Ende der Tafel den Herrn von T. und faßt ihn zu mehrerenmalen fest Ins Auge. Er wird hierdurch ganz ! natürlich der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit und hatte es schon damals der bereits erlangten Herrschaft über sein Gesicht zu verdanken, daß cs schien, als ob er selbst gar nichts davon gewahr würde. Endlich sagt die Herzogin zu ihm: Herr Abbee! was soll denn das Ah! bedeuten, das Sie aussprachen, als ich vorhin bei Ihnen vorüber ging? — Ich? Frau Herzogin, ich habe nicht Ah! ich habe -O! gesagt! — Die Herzogin war vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben zum Schweigen gebracht; sie lächelt und denkt nicht daran, nach dem Sinne des andern Ausrufs weiter zu fragen. Wahrscheinlich hatte ein gewisser Accent der Stimme diesen Ausruf als sehr schmeichelhaft erscheinen lassen, denn in solchen Fällen geht das Sprüchwort in Erfüllung, daß der Ton die Musik ausmacht. Kurz, der Abbee hakte nicht umhin gekonnt, ihr etwas zu antworten, und man mag nun Nachdenken, mag suchen, wie man will, eS wird nicht leicht etwas zu ersinnen seyn, wodurch er sich mit größcrm Glücke auö der Verlegenheit zie- Hey konnte. Seine Antwort war gewiß nicht voraus überlegt, denn er konnte diese Frage nicht vorauSschcn und dachte auch schon nicht mehr an seine Epciamakion. Er mußte aber etwas antworten und da eigentlich seine Erwiederung gar keinen Sinn hat, so war es offenbar eine Art von Instinkt, der ihm zu statten kam, nicht aber die außerordentliche Gegenwart des Geistes, die er bei so vielen andern treffenden Antworten, wodurch er so berühmt worden ist, gezeigt hat *). Diese Antwort, welche er der Herzogin von Grammont gab, wurde sehr bemerkt. Man sprach viel mit ihm, er blieb sich treu und erhielt noch an diesem Abende ein halbes Dutzend Einladungen, die er ohne jenen Widerspruch, der ihn aus der Verlegenheit zog und ihn bald Mode machte, nicht erhalten haben würde. Solche Unbeweglichkeit in den Gesichtszügen, solche gänzliche Ruhe ist in vielen Fällen von dem grüßten Nutzen. Herr von T. hat neuerlich sehr Gebrauch von dieser Kunst gemacht, namentlich bei einer der letzten Sitzungen in der Pairskammer von 1822. Der Herzog von F... 2... hielt eine Rede, worinnen er seinen Herrn Collegen, den edlen Pair, bald durch bittre Reden, bald durch heftige Anspielungen gewaltig zu Leide ging. Er beschuldigte ihn sogar, daß er auf gleiche Weise bei der Revolution, wie bei der Restauration sich durch Heldenthaten ausgezeichnet habe. Aller Blicke waren auf den Herrn von T. geheftet. Was that er? — Er sah den Redner nur dann an, wenn er etwa ein Wörtchen schreiben, sich eine kleine Note machen wollte, wie man zu thun pflegt, wenn man etwas erwiedern will, und sagte, als die Dahin gehört die: Ich habe auf das Steigen der Fonds vom 17. Brumairc spekulirt, welche er dem ersten Konsul auf die Frage gab, woher er sein großes Vermögen habe. Dahin gehört noch eine andere, die wir weiterhin in diesem Werke erzählen, allein die letztere war nicht so auf der Stelle abgedrungcn — er konnte cS unterlassen sic zu geben, hatte sich gewissermaßen darauf vorbc- reltcn können und wenigstens Zeit gehabt es zu thun, anstatt daß er in andern Fallen gezwungen war z» antworten. So gab er einst alS Minister der auswärtige» Angelegenheiten ein Diner und es befand sich unter den cingeladncn Gästen einer, den er sehr schonend behandeln mußte, weil er es eben dahin gebracht hatte, daß dieser Mann seine Tochter mit mehr als looooo Livres jährlichen Renten, einem seiner Verwandten geben wollte. An einem Augen, gcnblicke allgemeiner Stille fragte ihn nun dieser Gast: Ist es denn wirklich wahr, Monseigneur! daß wir Krieg mit Oesterreich haben werden? — Ach habe den Moniteur nicht gelesen, antwortet der Minister auf der Stelle. Wie konnte er bei diesen Verhältnissen etwas Besseres finde»? — Rede zu Ende war, zu seinen Nachbarn: Der Herzog von F... habe wirklich Talent und einige allzubittre vorgebrachte Kleinigkeiten ausgenommen, recht gut gesprochen. tz. 15. 15. Dezember 1815. AlS die Anhänglichkeit an die Person des Kaisers uns bei ihm zusammen- brachte, so hatte hierbei nur der Zufall, nicht die Sympakbic der Herzen gewirkt. Wir bildeten einen Verein, der ohne alle Wahlverwandtschaft der Seelen cniftanden war; wir liingc» zu Lougwood an einander, mehr durch Zwang des Raumes, als durcli freiwillige Annäherung. Wir Ware» uns Alle ganz fremd. Bd. 2. S. yy. Wir schweigen über die Sonderbarkeit deS Scyls, so wie des Gesuchten in den Ausdrücken und bleiben bei dem Sinne derselben sichen. Man weiß bereits (tz. 5.), wie der Herr von Las Cafes unter die Verbannten gekommen isi. Er war weder von ihnen noch von Napoleon gekannt, nur mit dem General Bertrand hatte er einigermaßen in Verbindungen gestanden. Nicht der Zufall, sonder» sein eigner Entschluß hatte ihn nach Sankt Helena geführt. Er wurde nicht dazu verlangt oder aufgefordert, und fragte nicht einmal seine Familie, welche diesen Akt der Ergebenheit nicht gut geheißen haben würde. Um so verdienstlicher ist solcher und dieses Verdienst würde Wegfällen, wenn der Zufall ihn hcrbeigeführt hätte. Die drei Generale dagegen mußten sich, sollte ich meinen, sehr genau kennen. Der General Bertrand, welcher der Expedition nach Egypten beiaewohiit hat und seit länger als zehen Jahren von Napoleon gekannt, in den vertraulichsten Verhältnissen mit ihm gewesen war. Der Herr von Montholon, der ihn im Jahre 1793 kennen gelernt hatte, und der General Gourgaud, welcher selt 1809 sein Ordonnanz-Offizier oder Adjutant gewesen war. Die Art der Dienstleistung dieser drei Offiziere mußte sie unter sich einander näher bringen, sie konnten sich daher wohl nicht fremd seyn. tz. 16. 18. December 1815. Zpivnircn und Polizei. Bd. s. S. ro8. Napoleon hat das Ansehen, als mache er sich sehr wenig aus der Polizei. Es ist wohl gewiß, daß er keine große Achtung dafür hegte; aber wenn man dem General Rapp hierbei glauben darf, so beschäftigte sie ihn für seine Ruhe viel zu sehr. „Er harte, sagt 43 dieser General *), die Schwäche, aus eine Klatschpolizei Werth zu legen, die ihm mehrentheils nur falsche Berichte verlegte. Diese verächtliche Polizei hat sein Leben vergiftet, hat ihn oft gegen seine Freunde, seine nächsten Verwandte, gegen seine Gemahlin selbst erbittert." Dies ist die Aeußerung eines Mannes, der in sehr enger Verbindung mit Napoleon gelebt hat, sein Vertrauen, seine Achtung besaß und das eine wie die andre durch den Much verdiente, womit er ihm jederzeit die Wahrheit sagte. Es stimmt dies mit dem Postentragen derer überein, die bei den Hof-Soireen Zutritt hatten und der Verfasser bestätigt es selbst, wenn er in andern Kapiteln von dem Interesse und der Neugierde spricht, womit Napoleon alles wissen wollte, was in dem Innern der Familien vorging. Er liebte die Klatscherei, sagt der General Rapp. 17 . 19. Dezember 1815. Der Kaiser wußte freilich bei weitem nicht alles, was tic Polizei in seinem Namen über Schriften und Individuen verhing, Er balle weder Zeit noch Mittel dazu. AIS er mcvrere Schriften gelesen bäite, welche unter seiner Regierung mit andern Vlältern verseilen oder verboten worden wären, habe er die Gründe der meisten Verbote der Polizei in dieser Hinsicht gar nicht begriffen — er sei für die unbeschränkte Freiheit der Presse gewesen, Bd, 2. S. Ilo. Wäre ein Thron Napoleons Wiege und eine Krone sein Fallhut gewesen, so könnte man diese Entschuldigungen gelten lassen, denn dann wäre er seine ganze Lebenszeit hindurch am Sehen behindert, oder nur mit fremden Augen zu schauen gezwungen gewesen. Man weiß sehr gut, daß ein Fürst weder Zeit noch Mittel hat, alles zu thun; aber man weiß auch, daß wenn er kräftig ist und will, daß Gerechtigkeit geübt werde, dieselbe auch wirklich geübt werden muß, weil, sobald er nur diejenigen recht streng bestraft, die ihn betrogen haben, ihm niemand so leicht wieder kommt. Ein Fürst, der das Guce nur recht ernstlich will, trifft gute Wahlen, oder er läßt, wenn sic zweifelhaft wären, sie durch die Art, womit er die schlechten behandelt, gut werden. Ist denn Friedrich oft betrogen worden? Länger als dreißig Iahre seines Lebens konnte Napoleon nicht daran denken, daß er Souverain werden würde; er war der souverainen Gewalt mehr scind, als ein ) blcmuircs llu Lenoral kl-Pp. 4. Anhänger derselben. Er kannte alle ihre Jnconvenienzen und da er nur durch die Energie seines Charakters dazu gelangte und sich darinnen behauptete, so fehlte es ihm nicht an den Mitteln, die Mißbrauche abzuschaffen. Er har es auch wirklich bei mehreren Zweigen der Verwaltung gethan, aber die Uncerlochung der Presse war ihm wahrscheinlich lieb, außerdem hatte er sie nicht gelitten; denn es ist unmöglich, daß er sie nicht gekannt haben sollte. Bei seiner Rückkehr gab er sie frei; entweder, weil die Erfahrung ihn eines Bessern belehrt hatte, oder weil er glaubte, daß man es nicht wagen werde, ihm die Wahrheit zu sagen. Die Freiheit war eine Zeit lang ganz unbeschränkt und man hat gesehen, daß die Resultate, der Furcht welche sic cingeflößt hatte, nicht entsprachen. Die Menge von Schmähschriften, welche in jedem Sinne, von jeder Meinung erschienen, brachten eine ganz unerwartete Wirkung hervor. Die Kraft der einen war durch das Erscheinen der andern aufgelöst, gänzlich dadurch vernichtet; man wußte nicht woran man war; der Ekel trat rin und endlich las man sie gar nickt mehr. Herr von L. C. sagt, Napoleon sei für die unbeschränkte Freiheit gewesen. Anderwärts werden wir sehen, daß er nicht erlaubt hätte, den Tar« ruffe zu spielen; eS ist also schwer zu glauben, daß er gestattet haben möchte, dieses Meisterstück des menschlichen Geistes zu drucken. §- 18 - 24. Dezember 1815. Unstreitig Ist es die erste Pflicht eines Fürsten, das z» tbun, waS das Volk will; aber das, was es will, ist fast niemals das, was cS sagt. Sein Wille, seine Bedürfnisse müsse» weniger im Munde des Fürsten, als in dessen Herzen scl)N. Bd. 2. S. Hg; i Es ist gewiß, daß ein hellsehender Fürst die Bedürfnisse des ! Volkes kennen muß; allein die wichtigste Pflicht des erstem ist, das ! zu chun, was daö letztere will, er soll wissen, was er unter dem ! Wollen zu verstehen habe. Die Volksmassen sind beweglich und ^ sehr eindrucksfähig; sie werden von demjenigen geleitet, der das Talent zu sprechen hat. 2st dieser böse, so wird er sie leicht zu einer ! bösen Handlung bewegen, wird machen, daß man sie will und sie vollbringt. Die Reue wird bald Nachfolgen und man am Ende bei näherer Prüfung erkennen, daß bei dieser Handlung kein Wille, sondern daß sie freie Wirkung einer augenblicklichen, auf arglistige Weise erregten Leidenschaft gewesen sei. Ein Zug aus derjenigen Zeit, die man noch immer die Schreckenözeit nennt, und der von dem Wahnsinne des einen, so wie von der Betäubung des andern Theils zeugt, wird für die Wahrheit dieser Bemerkung sprechen. 2n einer 45 Gemeinde auf dem Lande, deren Herr geliebt war^ wurde durch einen Schuft, den letztrcr vor kurzer Zeit aus dem Hause gejagt hatte, in Antrag gebracht, des Gutsherrn Haus in Brand zu stek- kcn und ihn selbst umzubringen. Dieser Mensch besaß eine gewisse gemeine Art von Beredsamkeit, die Winkelgäßchcn.Redekunst. Er bezog sich bei seinem Aufrufe auf ein Dekret, das nach seiner Behaup« tung wirklich bestehen sollte, woriuncn vorgeschrieben sei, alle Gutsherren ums Leben zu bringen und ihre Wohnhäuser niederzubrennen. Glücklicher Weise besaß der Geistliche des -Orts das Vertrauen seiner Pfarrkinder, welche nichts chaten, ohne seinen Rath zu hören. Sie gingen daher zu ihm und fragten, ob eS denn wirklich wahr sei, daß man den Herrn von De... auS dem Wege räumen müsse, und ein Gesetz hierüber vorhanden wäre. „3a, meine Freunde, antwortete er ihnen, aber ihr kommt zu spät; das Gesetz ist eben zurückgenommen worden und nach einem andern sollen alle diejenigen begnadigt seyn, die der Strenge des erstem entgangen sind." „-O das ist gar schön! sagten sie letzt alle, 's wäre doch jammerschade gewesen! 'S ist gar so ein braver Mann!" Mehrere derselben gingen nun hin zu dem Herrn und wünschten ihm Glück, daß das Gesetz zurückgenommen worden sei und auf diese Weise erfuhr er nun, in welcher Gefahr er sich befunden habe. Hätte der Geistliche sich darauf beschränkt, das Daseyn des Gesetzes zu verneinen, so hätte er Mißtrauen erregt; man würde ihm nicht geglaubt und vielleicht gar den vorgeblichen Befehl vollzogen haben. Durch seine Gegenwart des Geistes rettete er nicht allein den Herrn von D...., sondern er schützte ihn auch vor jedem Angriffe in seinem Hause und erhielt sich dabei seinen eignen Credit. Man sieht an diesem Beispiele, daß das Volk in einem und demselben Augenblicke zu ganz verschiednen Dingen gebracht werden konnte. Thun was es will, ist ein Grundsatz, der sehr modificirc werden müßte und in dem Munde eines Napoleon höchst sonderbar klingt. §. 19. Verläumdungssystem. 29. Dezember 1815. Die Läge vergebt — Wahrheit bleibt. Bd. 2. S. 127. Es ist oft von den Verläumdungen die Rede, deren Gegenstand Napoleon war. Bei dieser Gelegenheit machte er eine scharfsinnige Bemerkung: „Weise, verständige Menschen, sagt er, urcheilen nur nach Thatsachen. Die, welche auf mich folgten, sind im Besitze der Archive meiner Staatsverwaltung, der Archive der Polizei, der 46 Reglstranden der Tribunale. 2n ihrem Solde, ihnen zu Gebote stehen jetzt die, welche die Ausübcr, die Mitkhätcr meiner Grausamkeiten, meiner Verbrechen hatten seyn müssen. Und was haben sie bekannt gemacht? Was haben sie für Aufschlüsse gegeben?" Dieses Stillschweigen ist allerdings merkwürdig; man harre keinen Grund, Rücksichten zu nehmen. 2st es nicht wunderbar, daß von Men Schmähschriften gegen Napoleon sich keine gehalten und in keiner eine gehässige Handlung gefunden worden ist, deren Beweis geführt worden wäre; denn der Tod deS Herzogs von Enghien ist ein Akt, der aus dem gewöhnlichen Laufe der Dinge heraustritt und nach andern Regeln beurtheilc werden muß, als dieser. Zudem scheint es auch, nachdem was Herr von Montholon in seinen Memoiren ausführlich darüber sagt, daß diese Thatsache in mehrern Nebenumständen entstellt worden sei. Selbst das, was man zur Zeit der höchsten Macht Napoleons überall verbreitete, ist ganz unbegreiflich. Wer hat nicht geglaubt, daß er an epileptischen Zufällen leide? — Was hat man nicht für besondere Züge in dieser Hinsicht erzählt, die man wegen der Nebenumstände, welche dabei angeführt wurden, für ganz gewiß hielt! Bald sollte ihn sein Zufall bei einer mehr hübschen als in Ansehung ihrer Kunst sehr vorzüglichen Schauspielerin, bald in einem Augenblicke der größten Wuth betroffen haben, und damit ja niemand an der Sache zweifeln möchte, so nannte man die Person und gedachte mit der sorgsamsten Genauigkeit auch der geringfügigsten Dinge, die dabei statt gefunden haben sollten. Was hätte wohl aber mehr diese Wirkung Hervorbringen können, als der Eindruck, den er in dem Augenblicke empfinden mußte, als er, nachdem er sich der Disposition des Prinz-Regenten hingegeben hatte, erfuhr, daß er Kriegsgefangner sei und nach Sankt Helena forcgc- schafft werden solle? Und dennoch gedenkt man keines einzigen Anfalls, weder auf dem Schiffe, noch während der Fahrt zur See, noch in der sechsjährigen Zeit des Aufenthalts und seines Todeskampfs auf dem Felsen, der sein Grab geworden ist. Die Zeit übt ihr Recht über alle diese Derläumdungen. Sie wird sie ganz vernichten, und ohne Napoleon so vollkommen erscheinen zu lassen, wie ihn sein Mahler darstellt, wird sie ihm doch alle seine Ansprüche an Ruhm zurückgeben, wird blos noch den harren Vorwurf übrig lassen, den er wegen des Verlustes unserer Freiheiten verdiente. Herr von L. C. bezeigt seine Verwunderung und sein Vergnügen über die Sprache, die man bei seiner Rückkehr über Napoleon führte/ da er nichts als Verwünschungen zu hiren erwartet hatte. Die Zahl derer, welche nichts thaten als Beleidigungen für Ihn auszustoßen, hat sich allerdings auf eine merkwürdige Weise vermindert. Es giebt ein altes Weib, die Witkwe eines Glücksritters von der ehemaligen Königszeic her, die sich Marquise nennen läßt, weil Ihr Mann ein Gut gekauft hatte, daS zu einem Marquisat erhoben worden war. Dieses Weib widersteht sowohl muthig allen Vorstellungen ihrer Kinder, als deren Stillschweigen, welches sie nicht deuten mag, und predigt mit Feuer Dinge, die wegen ihrer Gräßlichkeit eines Blaubarts würdig wären, durch ihre Unwahr« scheinlichkeit aber, so wie durch den Ton und die Grimassen, womit sie spricht, höchst komisch werden. Sie schließt immer mit folgenden Worten: „Stellen Sie sich vor, mein Herr! daß der Elende, das Ungeheuer, um gesund zu bleiben, ein Glas Blut zum Frühstück trinken mußte — Menschcnblut, mein Herr! Wenn er-einmal keins hatte, da wurde er gelb — am folgenden Tage krank, wenn man ihm keines gab! Ja, ja, mein Herr! das ist nicht etwa so eine bloße Redensart, 's ist buchstäblich wahr; ein Glas Blut zum Frühstück und zwar Menschenblut!" Ihre Pantomime, daS Gesicht, das sie dabei machte, ihre Gebehrden, ihr Blick und besonders ihr Ton — das Steigen der kreischenden Stimme, das nicht eher nachließ, als bis man sagte, daß man alles vollkommen glaube, ist unmöglich zu beschreiben. Sie erbtelt jene Versicherung immer sehr schnell, damit man sie nur loö wurde. §. . 20 . 10. 2anuar 1816. Ach warum bat man uns Pianat nicht gelassen! Der brave junge Mann würde mir jcyt von großem Nutzen setz». BL. Z. S. 2. Man hat Bd. 1. S. 14 gefunden, daß dieser Offizier zu der Zahl derer gehörte, welche Napoleon begleiteten. Der General Rapp spricht von ihm in seinen Memoiren (S. 292 und 296): Es war nämlich der Kapital» Planat, den ihm der Kaiser im Monat 2uni 1813 von Neumark aus nach Danzig schickte, um ihn von den glücklichen Erfolgen zu unterrichten, die er über die Alliir- ten erlangt hatte. Er kam bis in die belagerte Stadt und war großen Gefahren entgangen. Necker. 19. Januar 1816.' Der Kaiser erzählte, daß, air er nach Marcngo gegangen sei, er von ihm zu Genf einen Besuch erhalten und derselbe bei dieser Gelegenheit ihm ohne große Umschweife sein Verlangen, wieder Minister zn werden, zu erkennen gegeben habe. Bd. .Z. S. iz. Dieser Besuch ist mit noch mehreren Umstanden in den Memoiren des Generals Gsurgaud erzählt. „Der erste Konsul kam den 8. Mai 1800 zu Genf an. Der berühmte Necker, welcher sich dort befand, bewarb sich um die Ehre, dem ersten Konsul der französischen Republik vorgestellt zu werden. 'Er uncerhielt sich eine Stunde lang mit ihm, sprach viel vom öffentlichen Credit, von der einem französischen Finanzminister höchst nöchigen Moralität und kannte doch nicht einmal, wie es mit den Schatzobligationen gehalten würde. Er rühmte sehr die unter seinen -Augen vorgehende militairische -Operation (den Ucbergang der französischen Armee über die Alpen) und der erste Konsul war eben nicht so sehr von seiner Unterhaltung erbaut." Neckern würde, ohne Rücksichten gegen seine Familie, besonders ohne die Berühmtheit seiner großen Tochter, die, wie man damals sagte, ohne Zweifel sein bestes Werk ist, schon längst sein Recht wlederfahren seyn. Aber es bleibt nicht aus, die Nachwelt ist unerbittlich. Senac de Meilhan ist derselben vorangeeilt und sie wird gewiß dessen AuSspruch bestätigen, da sich derselbe auf anerkannte Thatsachen gründet. Nicht ohne Verwunderung sieht man, wie Herr Necker den ersten Konsul um das Portefeuille der Finanzen bittet, welches ihm von dem unglücklichen Ludwig dem Sechzehnten zu zweienmalen an- vertraut worden war. Man muß diesen Schritt mit der philosophischen Gleichgültigkeit vergleichen, womit er einst zu Basel, in Lavaters Gegenwart, den Kourier aufnahm, der ihm die Nachricht von seiner Wiederberufung zum Ministerio, oder vielmehr die dringende Bitte, zurückzukommen und sich eine süße Gewalt anthun zu lassen, überbrachte. Lavater, der sich theils durch sein eignes System, theilS durch Neckers Benehmen getäuscht, vollkommen zum Besten haben ließ, erzählt diese Scene mit einem höchst komischen Ernste. Dieser Stoizismus eines Ehrgeizigen, der darauf brennt das Steuerruder der Geschäfte wiederum zu erfassen, der aber sein Spiel sorgsam verbirgt, einen Ekel für die Geschäfte affekcirt und endlich erklärt, daß er dem allgemeinen Besten das größte Opfer 49 von der Welt bringe, entzückt den Physiognomiker, der sich einen blauen Dunst vormachen läßt und in Neckers Gesichtszügen die äußerste Bescheidenheit, eine bewundernswerche Philosophie erkennt und sich nun alle rrsinnliche Mühe giebt, das ihm von dem Finanzmanne gegebene schöne Schauspiel mit seinem Systeme in Einklang zu bringen. §. 22 . 20 . Zaouar 1816. Frau von Stael schmiedete Jntrlgue» und erhielt de» Befehl, Frankreich zu verlassen. Br. Z, G. ig. Sie wurde anfangs 40 Stunden Weges von Paris weggcscbickt und nahm ihre Zuflucht In daS Blaisois und die Touraine. Der Ort, wo sie sich am mehresten aufhielt, war das Schloß Fossl bei Blois, dem Herrn von Salaberry gehörig. Dort befand sie sich mit Madame Recamier. Herr Corbigny, Präfekt des Departements Loir-et-Cher, hatte die Aufsicht über sie zu führen und den besten Willen, mit seiner Pflicht doch alle die Rücksichten zu vereinigen, die er in jedem Betrachte der Frau von Scacl schuldig war, sonach aber, so gut er nur immer konnte, die Strenge einer Verbannung zu mildern, die der Wunsch in Paris zu wohnen und das Verlangen n h dieser Stadt sehr verbitterte. Die berühmte Vertriebene bed« ,ce Leute von Geist, die sich darauf verstanden, sie sprechen zu la>,en, sie zu fassen und angemessen zu antworten. Der Herr des Hauses und der Präfekt wußten sich dem gemäß zu benehmen und da sie nicht immer selbst in ihrer Nähe bleiben konnten, so sorgten sie für Gesellschaft, die Ihr angenehm war. Wahrend dieses Aufenthalts zu Foflss- beendete sie ihr Werk ' über Teulschland. Sie korrigirte dort die Probebogen, die man ihr von Paris aus zuschickte und überlud dieselben mit Zusätzen und Verbesserungen, indessen die Polizei oder die Censur ihrerseits ebenfalls durch Herrn Eemenard eine Menge von Dingen strich. Herr Regnaud de St. 2can dÄngely fand Mittel, sich alle zweiten Pro- bebogen zu versckaffcn. Er erlangte dadurch ein merkwürdiges Exemplar, denn es ist ganz einzig, daß Frau von Stael, in Folge einer gänzlichen Sorglosigkeit, von dem was sie hinzusetzte keine Abschrift behielt und fest darauf rechnete, es auf dem dritten Pro- ^ bebogen zu finden. Das Resultat aller dieser Zusätze und Verbesserungen und der Schikanen, die man ihr spielte, war ein Brief ! des Herrn Esmenard, worinnen er daraus antrug, das Werk zu «er- ^ bieten. ! - -4 ->1 > L. C.Tages.Nachtr.r. 4 50 Frau von Stael hac die Geschichte Ihrer Vertreibung erzählt. Mir ihrem ausgezeichneten Talente und den besondern Geiftesgaben, die ihr eigen waren, hätte sie nicht nslhlg gehabt, neben den schon an sich selbst, hiernächst aber auch durch die handelnde Person interessanten Gegenständen, wie sie es gleichwohl in diesem Werke thuc, die Nation, in deren Sprache sie schrieb, die sie stets allen andern vorzog und die sie nun unter jede andere herabsetzt, immerwährend schwarz zu machen. Man hat diese Rache ungerecht und kindisch gefunden. Z. 23. 11. Februar 1816. Er glaube, eS gebe niemand in der ganzen Welt, der sich besser alS er ln ein so eisernes Schicksal hätte finden können. Vd. Z. S- 70. DaS Benehmen Napoleons, der von einer so bedeutenden Höhe herabgefallen war, ist in der Thac merkwürdig. Wir wenden unS ganz weg von denen, die nichts von ihm hören mögen, denn mit Leuten dieser Art ist nichts anzufangen, und lieber selbst zu seinen Feinden, sobald sie uns nur Rede stehen, um sie zu fragen, ob sie dieses Schauspiel erwartet haben? Sie sollen nicht das Zeugniß im Tagebuche von Sankt Helena, sondern nur dasjenige gelten lassen, welches die Commission der verschiedenen Mächte ausgesprochen hat, nur was sein eigner Kerkermeister von ihm sagt. Hat sein Gefangner jemals ein demüthiges Gesicht vor ihm gemacht? Hat man Verzweiflung, hat man Schwäche an ihm wahrgenommen? Verdient er ja einen Vorwurf, so ist es mehr wegen der Rauheit seines Wesens und der immerwährenden Ausübung seiner Würde. Dies ist nun freilich mit allen den Gerüchten von Wuth, von Epilepsie, von Zorn u. s. w-, die in der Zeit seiner Macht im Umlaufe waren, schwer zu vereinigen. Talma ist Dichter selbst hinter den Conlissen und bleibt stets in seiner Rolle. Der Talma der Könige hielt die seinige fest, selbst In der engen Bucht von Longwood. Hätte er dies nicht gewollt, so ist es wohl wahrscheinlich, daß man die Strenge seiner Gefangenschaft gemildert haben würde. Hat er denen, die in seiner Gewalt waren, all bas Böse angechan, was er thun konnte? Haben sie wohl, alS eö von ihnen abhing, ihm all das Böse angerhan, was sie thun konnten? §. 24. 11. Februar 1816. Napoleon, welcher der Fürstin Hatzfeld den Brief, um ihn Ins Feuer zu werfen, zurückgiebt, und dessen Verschwinden ihren Gemahl rettete. Bd. z. S. 71. Da dieser Zug in Betreff der Fürstin von Hatzfeld vormals entstellt oder bezweifelt wurde, so ist es nicht unwichtig, ihn zu berichtigen, und wir beeilen uns, dasjenige hierüber mitzutheilen, was der General Rapp, der eine Hauptrolle bei der Sache spielte, davon sagt. Der Fürst Hatzfeld, der durch seinen Charakter als Deputirter der Stadt Berlin und durch seinen Eid, die Bedingungen zu erfül- lcn, unter denen seine Gegenwart zu Potsdam von dem Kaiser geduldet wurde, allerdings verbunden war, sich auf den Gegenstand seiner Sendung zu beschränken, gab seiner Regierung heimlich die allergenauesten Nachrichten über die französischen Truppen. Die Zahl ihrer Rationen, die Bestände ihrer Munition, ihrer Waffen aller Art, ihrer Bekleidung, ihrer Magazine, ihrer Lebensmittel u. s. w. nichts wurde vergessen. Da sonach der Fürst die Rolle eines Spions spielte, so hakte er auch zu erwarten, daß er, im Falle der Entdeckung, als ein solcher behandelt werden würde. Der Fall trat ein und über das was nun geschah, lassen wir den General Rapp sprechen. „Napoleon übergab mir den Brief des Fürsten mit dem Befehle, diesen augenblicklich verhaften zu lassen und in das Hauptquartier des Marschalls Davoust, zwei Stunden davon, zu bringen. Vergebens suchten wir Ihm zuzureden, er wollte nichts hören. Es war offenbar ein Verbrechen des SpionirenS. Savary hatte als Kommandant der kaiserlichen Gendarmerie diese Geschäfte gewöhnlich zu besorgen. Ich mußte in dessen Abwesenheit seine Funktion verrichten, befahl demnach des Fürsten Verhaftung, aber anstatt ihn zu dem Marschalle abführen zu lassen, that ich ihn in das Zimmer des wachthabenden Offiziers im Schlosse, dem ich aufgab, ihn mit der größten Achtung zu behandeln. Napoleon sagte zu Berchier, er solle sich setzen, um die -Ordre zu schreiben, nach welcher der Herr von Hatzfeld vor eine Militair-Commission gestellt werden sollte. Der Major-General versuchte Vorstellungen dagegen zu thun. „Ew. Majestät können doch einen Menschen aus einer der ersten Familien Berlins nicht wegen einer solchen Kleinigkeit erschießen lassen. Das ist ja gar nicht möglich — Sie wollen cS gewiß nicht." Der Kaiser wurde immer lebhafter. Ncufchacel blieb fest und Napoleon verlor die Geduld. Letzt ging Berchier aus dem Zimmer und Ich wurde gerufen. 2ch hatte die ganze Scene mit angehört, hütete mich aber wohl, die mindeste Bemer- kung darüber zu machen und meine Lage war höchst peinlich. Außer der Unannehmlichkeit, eine so strenge Ordre schreiben zu müssen, sollte ich bei dem Schreiben auch in größter Schnelligkeit dem Kaiser folgen und ich gestehe gern, daß ich dieses Talent nie besessen habe. Er diktirte mir von Wort zu Wort folgendes: „Unser Vetter der Marschall Davoust wird eine aus sieben Obersten seines Armeecorps zusammen gesetzte Milicair-Commission ernennen, hierbei den Vorsitz übernehmen und den Fürsten Hatzfeld, als des Verrachs und des Spionirens überführt, von derselben verurtheilen lassen. Das Unheil muß heute Abends vor 6 Uhr gefällt und voilstreckt scyn." *) Es war gegen 12 Uhr Mittags. Napoleon befahl mir, diele Ordre augenblicklich abgehen zu lassen und ihr den Brief des Fürsten Hatzfeld beizufügen. 2ch khat von dem allen nichts, befand mich aber in einer Todesangst. 2ch zitterte für den Fürsten, zitterte für mich selbst, weil ich, anstatt ihn nach dem Hauptquartiere abzuschicken, denselben im Schlosse gelassen hacce. Napoleon verlangte seine Pferde, um dem Prinzen und der Prinzessin Ferdinand seinen Besuch zu machen. Als ich nun hinausging, seine Befehle wissen zu lassen, sagte man mir, daß die Fürstin Hatzfeld in der Ancichambre ohnmächtig hingefallen sei und mich zu sprechen wünsche. 2cb ging zu ihr, verheimlichte ihr keineswegeS Napoleons Zorn, sagte, daß wir eben ausreiten würden und gab ihr den Rath, uns bet dem Prinzen Ferdinand voranzueilen, um dessen Thcilnahmc an dem Loose ihres Gemahls aufzuregen. 2ch weiß nicht, ob sie sich wirklich an ihn gewendet hat; aber sie befand sich auf einem Korridor seines Palais und warf sich im größten 2ammer zu des Kaisers Füßen, dem ich ihren Namen nannte. Sic war schwanger; Napoleon schien von ihrer Lage gerührt und sagte ihr, sie möchte sich ins Schloß verfügen. Zugleich trug er mir auf, an Davoust zu schreiben, daß der Urtheilsspruch aufgeschoben werden möchte; er glaubte, daß der Fürst Hatzfeld schon fort sei. Napoleon kam dann inS Schloß zurück, wo ihn die Fürstin erwartete; er ließ sie in den Salon eintreten, wo ich auch blieb. „2hr Gemahl, sagte er mit gütigem Tone, hat sich in eine traurige Lage versetzt; er hat nach unfern Gesetzen das Leben verwirkt. General Rapp! geben Sie mir seinen Brief. Hier, lesen ») Das war schon an und für sich ein Urtheil ab irato. Napoleon war pbchst aufgebracht und Iiaitc alle Ursache, es zu sepn; aber er verdammte, anstatt Recht sprechen zu lassen. Man mußte Handel», wie Rapp rS that, und warten, bis der erste Augenblick vorüber war. Eie selbst." Sie zitterte über und über. Napoleon ninunc jetzt den Brief zurück, zerreißt und wirft ihn ins Feuer. „Ich habe nun keinen Beweis mehr, gnädige Frau I Ihr Gemahl ist begnadigt." Er befahl mir jetzt, ihn sogleich aus dem Hauptquartiere zurückkommen zu lassen. Ich gestand, daß ich ihn gar nicht forc- geschickt hätte und er machte mir keinen Vorwurf darüber, schien selbst damit zufrieden zu seyn. Kaum war der Fürst zu seiner Familie zurückgekommen, als er alles erfuhr, was vorgegangen war. Er schrieb mir einen Brief, der seine Erkenntlichkeit beweist und von den Gefühlen zeugt, die ihn belebten. Hier ist derselbe. „Mein Herr General! Bei der Menge von Empfindungen aller Art, die mich an dem gestrigen Tage bestürmten, sind doch die Zeichen Ihrer Theilnahme und Ihres gefühlvollen Herzens meiner Dankbarkeit nicht entgangen. Gestern gehörte ich noch ganz meiner häuslichen Glückseligkeit an, nur erst heute kann ich meiner Pflicht gegen Sie Genüge leisten. Glauben Sie übrigens, Herr General! daß es Augenblicke im Leben giebt, deren Andenken unverlöschlich ist, und wenn die innigste Erkenntlichkeit und Verehrung eines rechtlichen Mannes einigen Werth ln Ihren Augen hat, so wird Ihnen der Antheil vergolten werden, den Sie mir bewiesen haben. Empfangen Sie die Versicherung meiner Hochachtung und aller der Gefühle, die mir Ihr Andenken unvergeßlich machen werden. Berlin den 30. Oktober 1806. Der Fürst von Hatzfeld." §. 25. 26. Februar 1816. Der Fellzug ln Italien wird mit Ihren Namen erscheine» und der Feldzug in Egypten »lit Gertraud» Namen. Vd. z. S. 7y. Wie kommt eS nun aber, daß der Verfasser des Tagebuchs nur einige Bruchstücke dieses Feldzugs in sein Werk rinschalcet und der General Montholon eS ist, der das Ganze in Druck giebt? Es soll wenigstens den dritten Theil der Memoiren ausmachen, die unter seinem Namen herauskommen. Vcrmuthlich hat Napoleon gefunden, daß dieser General, den er seit der Zeit des italienischen Krieges kennt, mehr Recht auf diese Gunst habe. Das ist übrigens eine bloße Conjckcur. Es bleibt jedoch immer eine ausgemachte Sache, daß, welche Ursache oder welcher VewegungSgrund dabei auch vorgcwaltet haben möchte, der Verfasser des Tagebuchs die Materialien dieses Feldzugs nicht gehabt und Napoleon jenes Versprechen faktisch abgeläugnet hat. 54 tz. 26. 29. Februar 1816. Von der Genauigkeit nnd Ausführlichkeit in den Ansätzen sprach er mit eben so vieler Vorliebe, weil sie zu den glücklichsten Hülfsmitteln bei seiner Verwaltung gehört hätten. Bd. Z. S. 84. Die Arbeiten theilen, die Fähigkeiten derer, denen man sie an» vertrauen will, studircn, und sie ihnen nicht eher überlassen, als bis man weiß, daß sie sich zu deren Betreibung wirklich schicken, und zwar ganz besonders zu dem Geschäftszweige schicken, den sie unter den Händen haben sollen — war der Grundsatz der Regierung. Aber die Sorge für dessen praktische Ausübung blieb in den obcrn Regionen und kam selten über die Minister hinaus. Auch Napoleon täuschte sich dann und wann bei seinen Wahlen. Er konnte namentlich nicht wollen, daß die Präfekten sich die allertyrannischsten Handlungen, die ihn durchaus verhaßt machen mußten, erlauben dürsten. Darinnen liegt ein Widerspruch. Die folgende übersteigt alle Begriffe und man hatte Unrecht, ihn darüber in Unwissenheit zu lassen. Als das Vedürfniß an Mannschaft Veranlassung gab, alle Mittel sie zu erlangen, hervorzusuchen, erfand man die Garde d'Honneur. Zeder Präfekt erhielt eine Instruktion, um die jungen Leute anzuwerben, und die nicht mehr jung, aber bemittelt waren, Beiträge bezahlen zu lassen. Der Präfekt von kannte einen wohlhabenden Eigenthümer, der das ganze 2ahr aus dem Lande lebte, und da er ihn als einen Tadler der Regierung In Verdacht hatte, so sollte er zu Bekleidung und Equipirung dieser Garde das Seinige leisten. Der gedachte Gutsbesitzer hatte weder ein Kind noch einen nahen Verwandten, den man einzuberufen berechtigt gc> wesen wäre. Eines Tages kommt ein von der Präfektur Beauftragter mit einem Schreiben zu ihm, worinnen er unterrichtet wird, daß er auf die Höhe von 3000 Franken taxirt sei und diese Summe so bald als möglich cinzahlen solle. Der Gutsherr ist erstaunt, bezeigte in seiner Antwort seine Verwunderung und vermuthec einen ! Irrthum. Der Präfekt erwiedert, daß er selbst im Irrchume sei, schickt ihm einen Gendarme und es wird ihm in einer wohlabgefaß- > cen Ausfertigung der Grund der Maaöregel und dessen Folge ge> ! nau und zwar nachsiehendermaasen auseinander gesetzt. „In Er-! wägung, daß wenn Herr *** die Summe nicht bezahlt, nach wel-^ cher er taxirc ist, er die Mittel dazu nicht besitzt und sonach denen! gleich zu achten ist, welche in das Armenhaus gebracht werden müssen, so wird hiermit beschlossen, daß Herr *** in das Armenhaus für die Departements-Bettler abzuführen sei." Dieser Präfekt denkt jetzt viel besser. Nicht allein daß Napoleon von diesem Verfahren nichts erfuhr, selbst der Minister hat bis »u dessen Falle nichts davon gewußt. tz. 27. 26. Februar 1816. Wenn Corneille noch lebte, würde ich ihn zum Fürsten machen. Bd. Z. S. 8o. Und doch Ist zu bezweifeln, daß er wohl daran gethan hätte. Ware Corneille wegen seines Talents Fürst geworden, so hätte er dann ausgeruht und mithin keinen weiccrn Gebrauch von seinem Talente gemacht. Dies wäre also wahrscheinlich die unmittelbarste Folge der ihm zu Theil gewordenen Gunst oder Belohnung gewesen. Der fürstliche Rang mußte mit einem Vermögen verbunden seyn, das dem erstem angemessen war, folglich auch mit allem, was sonst dazu gehört, einem Hofe und Schmeichlern. Wozu hätte nun der neue Fürst noch nöthig gehabt ein Trauerspiel zu dichten? Der Ehre wegen? Er hatte ja nun schon die höchste Ehre erreicht, die man in der Welt nur haben kann. Zst es wahr, daß so mancher Autor ausruht, sobald man ihn aus den akademischen Lehnstuhl setzt, um so mehr wird dies geschehen, wenn man ihm einen Thron anweist, wäre es auch nur ein Nebenthron; besser alS ein Lehnstuhl ist er doch immer. tz. 28. 26. Februar 1816. Beurthcilung der Etats de BiolS. Bd. z. S. 8o. Wenigstens ist hier die Untersagung dieses Trauerspiels mocivirk. Napoleon hatte die kluge Parchie ergriffen, kein neues Stück eher spielen zu lassen, als biö er, nach einer Aufführung desselben auf dem Hostheater, darüber urtheilen konnte. Die unter Napoleon geächteten Etats sielen, als man sie nach seinem Sturze auf die Brcter brachte, bei aller der Gunst doch durch, welche die Erinnerung an ihre Aechcung und die Anspielungen, womit dies Stück angesüllt ist, demselben bei den nun cingecretenen Verhältnissen, verschaffen mußte. Als dieses Stück verboten war, ging Herr Ray« nouard zu dem Minister des Innern und bat ihn, die Ursachen dieses Verbots anzugeben. Bet der Diskussion, welche sich nun erhob, antwortete der Verfasser auf die Gründe, welche Herr von Montaltvet anführte, unter andern damit, daß er mehrere Trauerspiele nannte, welche gleichen Tadel verdient halten, nämlich solche, in welchen ebenfalls wenig artige Anspielungen auf Napoleon verkamen. Er erwähnte insbesondere rin Stück von Herrn De.... 26 Herr von Montalivet konnte diesen Argumenten nichts entgegensetzen, zog sich jedoch mit vieler Geschicklichkeit und Geistesgegenwart aus der Sache. „Ich gebe alles zu, was Sie mir da sagen, sprach er, aber die Trauerspiele des Herrn De... zu besuchen, das schadet gar nichts; man geht aus dem Theater und weiß keinen einzigen Vers mehr; aber Sie, Herr Raynouard, Sie haben großes Unrecht! Warum machen Sie Verse, die man sich merkt?" Der Dichter konnte jetzt kein Wort mehr sagen; er ging mit einem Gesichte, welches von diesem Hofweihwasser neuer Art, das vor dem andern den Vorzug hat, daß man sich nicht verrechnen kann, ganz aufgefrischt war, davon. Herr von Montalivet versprach nichts; er gab das, was jeder Autor für baare Münze nimmt und hier hatte der Lobspruch ein doppeltes Verdienst — er war gegründet und auf Kosten eines Nebenbuhlers ertheilt. §. 29. 29. Februar 1816. Absetzung des Hern, Bernard, Vater der Madame Reeamier; sein Unter- suchungsprozeß. B. z. S. 82. Hier ist ein Irrthum in Betreff der Wiedereinsetzung. Herr Bernard verlor seine Stelle als Direktor eines Briefpostbüreaus, weil die ganze Correspondenz der ChouanS ungestraft unter ihm betrieben wurde. Bei diesem Briefwechsel wurden Komplotte gegen den ersten Konsul angesponnen und als nun diese Intrigue entdeckt wurde, so verlor Herr Bernard nicht bloS seine Stelle, sondern er wurde auch verhaftet und es sollte ihm der Prozeß gemacht werden. Der General Bernadocce, welcher sich für Madame Necamier intcrcssirce, bat für deren Vater und brachte es bei dem ersten Konsul dahin, daß er nickt in Untersuchung kam. Aber es siel Ihm nicht ein, um seine Wiedereinsetzung zu bitten. Blos die Freiheit erhielt er zurück. ES Ist wohl möglich, daß Herr Bernard nichts davon wußte, daß man sich seines Couverts bediene und derselbe mithin vollkommen unschuldig war; dies konnte ihn aber unter diesen Umstanden nicht entschuldigen. Z. 30. Der kaiserliche Hof— Etiquette. 5. März 1816. Man machte ihn zum Kaiser und er schnf sich Große, die seinen Hof bildeten. Bd. z. S. yo. Wir haben bei dem Artikel von der Abschaffung des Tribunals gehört, wie man Napoleon zum Kaiser machte. Die Beibehaltung 57 der Gleichheit läßt sich schwer mit der Ernennung von Groß-Ossi« zieren, von Groß-Würdelrägeru vereinigen. Man hat behaupten wollen, sie habe dadurch bestanden, daß auch in den untern Klas. sen der Gesellschaft ein jeder zu den höchsten Ehrcostellen zu ge. langen hoffen konnte. Aber, wenn wir ehrlich sepn wollen, — war es nicht eine Narrheit so etwas zu hoffen? — In des General Gourgaud Memoiren von Napoleon liest man (1. 145.) folgende Stelle: „Napoleon war überzeugt, daß Frank, reich ein monarchischer Staat seyn müsse. Da aber das sranzöst. sche Volk mehr noch an der Gleichheit als an der Frei, heic hing und das Prinzip der Revolution sich auf die Gleichheit aller Klassen gründete, so war durchaus keine Aristokratie vorhanden." Es ist sehr wahr, daß derjenige Theil der französischen Nation, den man Volk nennt, mehr noch auf die Gleichheit als aus die Freiheit hält und zwar aus einer ganz natürlichen Ursache; weil eS von der einen etwas und von der andern gar nichts hat. Der gänzliche Abgang der letztem wurde in jedem Augenblicke gefühlt und zwar dergestalt, daß man darüber die erstere vergaß, besonders weil sie so ganz unter dem Einflüsse der Ungleichheit stand, daß ihr Daseyn dadurch höchst gefährdet wurde. Das Volk war gegen die Lettres de Cachet und die Launen der Behörden geschützt; es genoß Im Allgemeinen*) den Dortheil, daß es nur Kraft eines Gesetzes, das auf das begangene Verbrechen angewendet wur. de, seiner Freiheit beraubt werden konnte, indessen man bei der höhern Klasse, wo man eine Art von Ansehen, Einfluß und Kredit aus« übte, weniger Freiheit hatte oder sie wenigstens leichter einbüßen konnte. Aber es herrschte hier eine gewisse Gleichheit, mit einigem Uebergewichce bei dem Volke verbunden. Man kam zur Zeit der Revolution überein, sie bei diesen MitceUKlassen aufzuheben, weil man ungleich höhre Gewalten vernichtete, unter denen man sich be- fand. Anfangs scherzte man über diesen neuen Äaiser.Hof, besonders thaten es diejenigen, welche zu den, frühem gehört hatten — aber «) Es liegt schon in diesem Worte, daß es Ausnahmen gab — aber In Beziehung auf die Volksmasse waren cs auch nur Ausnahmen. Ucbrigens hatten fast alle wtllkührliche Verhaftungen, das heißt von solchen denen keine gehdrigc Untersuchung vorangegange» war, bei denen, welche sie betrafen, das Vergessen der Ungleichheit, und bei denen, von welchen sie verhangen wurden, den beleidigte» Stolz derselbe» zum Grnnde. bald sah man, wie sie sich dem anschlossen, über welchen sie sich zuvor luftig machten. tz. 31. 11. Marz 1816. Ich kam von der Insel Elba als ein ganz neuer Mensch zurück. Das wollten Sie nicht glauben. Eie konnten st» nicht verstellen, daß ein Mann Seelenstärkc genug besitze, seinen Charakter zu verändern. Ich wäre ganz aus vollem Herzen der Monarch der Konstitution und des Friedens gewesen, wie ich vorher der der Diktatur und großer Unternehmungen war. Wd. z. S. io8. Man glaubte wirklich es sei ein ganz andrer Mensch zurückge- kommen. Allein Ließ hatte keine Dauer und der Verfasser sagt selbst an einem andern Orre, daß er schon am Tage nach der Ankunft, am 21. März, alle Welt kälter fand. Diese Wirkung brachte der Anblick der Menschen hervor, von denen man wußte, daß sie ihn durch ihre Rathschläge zu Grunde gerichtet hatten, deren knechtische Höflichkeit, und wiederholte Berufung in den KreiS seiner nähern Umgebung. Wenn man wirklich glaubte, daß mit Napoleon eine Veränderung vorgegangen sei, so konnte man es doch nicht auch vom Herrn R... de S.— glauben. Er hatte keines. Weges die Lehren der Erfahrung wie sein Herr bekommen, war nur so nebenbei davon betroffen worden und hatte aus den Ursachen, die Napoleons Fall veranlrßcen, nicht den Nutzen gezogen, den er daraus ziehen konnte und sollte. Härte dieser jetzt andere Männer von unbescholtenem, von Ränken unbefleckten Rufe, wie Carnot, um seine Person versammlet, dann hätte er gezeigt, daß er einen andern Gang gehen wolle. Die Additional-Akte machte, daß die Erkältung zu einer wahren Erstarrung wurde. Sie begann damit, daß sie sich in die Tuilerien einschlich — und indem man außerhalb noch die Wahlen und die Maaßregeln erwartete, welche man treffen würde, waren sie im Palais schon bekannt. Ich entnehme Folgendes aus einem am 22. März geschriebenen Briefe: „Ick plauderte gestern," heißt eS darinnen, „mit dem Doktor Esparron, der nach und nach in den Ruf kömmt/ den seine langen Studien, seine edlen vortrefflichen Eigenschaften, die LUginalität seines Geistes wohl verdienten*). Wir sprachen von Napoleons *) Er ist »un schon der Freundschaft u»d den Wissenschaften geraubt und als ein Opfer seiner Pflicht, bei der Pflege von Gefangenen, welche am Wechselfieber litten, gestorben. Ankunft, fragten Lns gegenseitig, ob er wohl anders seyn, ob er wohl Wasser in seinen Wein gegossen haben möchte? Ich sagte sogleich es würden ja wohl die Neun Monate, welche er im Zucht» Hause zu Elba zugebracht hätte, ihn zur Besserung gebracht haben. Jetzt kömmt der Doktor Dubois, den ich auch nicht einmal von Ansehen kannte, dazu, Esparron sagt ihm — sehen Sie da einen meiner Freunde, welcher glaubt, der Kaiser sei moralisch besser geworden und komme nun zurück, um nach konstitutionellen Grundsätzen friedlich zu regieren. Dubois wendet sich jctzc an mich, legt mir die Hand auf die Stirn und sagt mit einem kräftigen Tone der Stimme, die ich jetzt noch höre, L) Sie einfältiger Mensch. Sie glauben also, daß man anders gehen könne, alS einem die Beine gewachsen sind! Unmöglich kann ich die Wirkung beschreiben, welche diese an einen Unbekannten gerichteten Worte, und der Ton der festen Ueberzeugung womit sie gesprochen wurden, aus mich und den mit mir gleich fühlenden Espar« ron hervorbrachten." §. 32. 10. März 1816. Trugen jene Addltional-Punkte, gegen welche man so sehr aufgestanden ist, nicht alle Verbesserungen in sich selbst? Bd. Z. S. m. Aber sie bestätigten diese Verfassung, von der sie nur Zusätze waren; mithin aber auch das Prinzip der unbeschränkten Gewalt, welche sie stets begünstigt hatte. Nur diejenigen, welche selbst Zeugen davon gewesen sind, können sich einen richtigen Begriff von der üblen Wirkung der Additional-Urkunde machen. Man erwartete eine bestimmte Erklärung, deutliche, mit dem was bereits versprochen worden war übereinstimmende Bewilligungen. Nichts gleicht dem Erstaunen, wovon man ergriffen ward, als vielleicht die Unzufriedenheit, welche sick hierauf zeigte- Man glaubte jetzt, er gebe blos, bei der obwaltenden Krise, der Macht der Umstände nach nnd würde, sobald die Gefahr vorüber wäre, nach seinem alten Systeme handeln. Ich entlehne aus dem Manuskripte eines Mannes, der täglich mit dem Minister des Innern (Carnot) arbeitete, folgenden sonderbaren Vorfall: „An dem Tage da die Additional-Akte im Moniteur erschien, ging ich zu der gewöhnlichen Arbeitsstunde zn dem Minister. Er befand sich mit einem seiner Brüder in einem sehr lebhaften Gespräche. Letzcrer verheimlichte seinen Verdruß über jene Akte gar 60 nickt, machte seinem Bruder Vorwürfe darüber, gab ihm Schuld, daß er wohl auch seinen Theil an diesen vorgeblichen Zusätzen der Rcichsversassung haben möchte, die er sehr heruntermachte und daß er seinen Einfluß bei Napoleon dazu gcmißbraucht hätte, Ihn zu einer solchen Maaßregel zu bewegen. Der Minister setzte nicht allein seine Ehre zum Pfände, daß ihm die Sache ganz fremd sei, sondern betheuerte sogar, daß es statt jener Akte eine Konstitution gebe, von der er des Morgens um 2 Uhr die Probebogcn gelesen und daß er nicht eher die Tuilericn verlassen hätte, als bis er mit der Korrektur derselben fertig gewesen wäre. Alle diejenigen, welche man wegen Diöcussion und Annahme dieses DerfassungSgesetzes herbcigerufen habe, wären, sobald sie den Abdruck desselben im Moniteur gesehen hätten, fortgegangen; und nur der R_de S.... und de bei Napoleon geblieben. Wahrscheinlich hätten diese beiden Personen ihn zu Abänderung seines Beschlusses bewogen und dahin gebracht, anstatt der Konstitution, die Additional - Akte auszugeben. Die beiden Brüder waren einverstanden, es sey lächerlich und gegen alle angenommene Begriffe, seine Kinder verbindlich zu machen, eine Familie zu ächten; eine ungerechte Maaßregel, wovon in dem anfänglich angenommenen und bereits gedruckten Gesetze nichts gestanden hatte, einem Gesetze das rein organisch war, nur Grundsätze und keines Menschen Ausschließung oder Annahme aussprach. Herr Carnoc fragte jetzt verdrießlich den Minister, was er zu lhun gedenke? — Ich werde mein Vaterland gegen die Fremden schützen. — Wirst Du unterzeichnen? — 2a und zwar aus der Stelle, obschon ich die Akte nicht gucheißen kann, denn Uneinigkeiten stiften, hieße den Fremden dienen. Während dieser Rede unterschrieb er, als der erste, eine Schrift, die er dann in die Büreaup- schickte, um die Unterschriften seiner Angestellten zu erhalten. Diese Anekdote, deren Aechheic Ich als Zeuge verbürgen kann, beweist, daß man bisweilen einen nachtheiligen Einfluß über Napoleon ausübte und man braucht nur an die allgemeine Unzufriedenheit zurück zu denken, welche durch jene unglückliche Additional-Akte erregt wurde, um diese Bemerkung richtig zu finden." Diejenigen, welche an der Verfassung des Gesetzes, an dessen Stelle nachher jene Akte trat, Theil genommen hatten, mußten wohl erstaunen, als sie im Moniteur eine ganz andere Schrift fanden, als welche sie darinnen des Morgens um 2 Uhr gelesen hatten. Wußten sie, von wessen Hand der Streich aus- gegangen war, so nannten sie Napoleon schwach und wußten sie es nicht, so mußten sie ihn für falsch halten. ES gewann das Ansehen, als ob man sie durch diese Auswechslung zum Besten haben wolle. Diese Addltional-Akte war so schlimm, als eine verlorne Schlacht. Sie hatte Einfluß aus die Schlacht bet Wacerloo und mehr noch aus deren Folgen. §. 33. 19. März 1816. Napoleon bemerkte, daß man siet« dadurch, wenn man die Eigenliebe der Fürsten beleidige, am meisten Einfluß auf ihre Entschlüsse gewinne. Bd. z. S. 122. Napoleon sprach dabei aus Erfahrung. Der Gegensatz dieses Gedankens ist aber eben so wahr, nämlich daß man durch das Schmeicheln der Eigenliebe der Fürsten, Einfluß erhält. Sie ge» wohnen sich schnell an Schmeicheleien und die dadurch mit Wohl» gerüchen angefüllce Atmosphäre derselben, wird bald zu der Lebenslust, deren sie zu ihrer Existenz bedürfen. Hieraus folgt, daß wer ihre Eigenliebe verwundet, anstatt derselben zu schmeicheln, eine um so schnellere Wirkung hervorbringt, als der Angriff unerwartet war. Bei jeder Hofungnade pflegt wohl die Eigenliebe der Fürsten lhrc Rolle zu spielen. Man muß hierbei sich schon auf die Höflinge verlassen. §. 34. 21. März 1816. Dieser Adjudant habe ihn verlasse» und sei zu dem Direktorium übergc» gangen. Bd. Z. S. IZI. Es ist hier von Herrn Rolland de Vlllarceaux die Rede. Er war kein kluger Rechner, aber es hieß sich rechtlich benehmen, wenn man der Regierung treu verblieb, anstatt dem Generale zu folgen, der die Fahne der Empörung gegen die Regierung erhob. Es kann dies kein Verralh genannt werden; im Gegentheile. — Uebrigcns bewies Napoleon, daß wenn er auch mit seinem Betragen nicht zu» frieden gewesen war, er doch nicht aufgehört hatte, ihn persönlich zu schätzen — denn er ernannte ihn späterhin zum Präfekten. 35. 27. März 1816. Ach bin von Murat verrathcn worden, den ich vom gemeinen Soldaten bis zum Könige, zu dem Gemahle meiner Schweiler erhoben hatte. Berthier hat mich verrathen, dieser Gänserich, aus dem ich eine Art von Adicr gemacht habe. Bd. z. S. IZ 7 . Dies beweist nur, daß er Murat weder seiner Schwester noch eine Krone geben sollie und daß es eine Narrheit war, aus einem Gänserich einen Adler machen zu wollen. Und wenn man schon gesagt hat, daß der erste, welcher König wurde, nichts als ein glücklicher Soldat gewesen sey, — wie es denn auch ursprünglich wohl so war — so mußte doch Napoleon fühlen, daß in dem Jahrhunderte, worinncn er lebte, die Bravour nicht hinreichte, um einen Staat zu regieren. Er glaubte vielleicht nur ein gelehriges und dankbares Werkzeug auf den Thron von Neapel zu setzen — aber er betrog sich und wurde hart dafür bestraft, denn Murat, der ihm die Krone schuldete, hat nicht wenig zu dem Verluste der seinigen beigetragen. Es scheint gewiß, daß Napoleon hoffte, seine Schwester würde ihren Gemahl leiten und daß Murat ohne sie nie König geworden seyn würde. Es ist bei dieser Gelegenheit zu bemerken, daß Napoleon den Vorwurf verdiente, den man sonst den Päpsten machte und wozu man das Wort Nepotismus erfand. Nie hat ein Papst so viel für seine Familie gethan als Napoleon. Keiner seiner Brüder entsprach seinen Erwartungen; aber cS war doch keiner undankbar — nur Murat, sein Schwager ist es gewesen. So viel nun den wahren Gänserich betrifft, so konnte ihn Napoleon zwar zu einem Platze erheben, den ein Adler hätte einnehmen sollen, aber keinesweges eine Art von Adler daraus machen. Man muß die Leute, die man kennt, stets nach Verdienst behandeln. tz. 56. Die Atmosphäre der jugendlichen Ideen ist jetzt hinreichend die alten LelmS- anhängcr zu ersticken, denn von nun an kann nichts mehr die großen Prinzipc unsrer Revolution zerstören oder ausldschen. Jene hohen und schönen Wahrheiten werden bleiben, denn wir haben sie mit Glanz, mit Denkmälern, mit Wundern geschmückt, haben ihre ersten Flecken in den Wogen des NuhmeS abgewaschen rc. Bd. 4. S. lü. Napoleon ist es der diese Sprache führt, aber Napoleon auf St.Helena. Er lebte jetzt in einer andern Luft, und wenn in derjenigen, welche er während des Zeitraums von zehn Jahren, vom 18. May 1804, da er durch ein Senacus - Consult zum Kaiser der Franzosen ernannt wurde, bis zum 1. April 1814, an dem ») Dieses ganze Kapitel ist eine republikanische Deklamation gegen die Könige und di- Höfe und glücklicher Weise nicht mehr gefährlich, weil die darinnen enthaltenen Ideen abgedroschen sind. 63 er Menschen und Dinge ohne Prisma sah, dergleichen Ideen in ihm ausstiegen, so verflogen sie auch eben so schnell. Die Könige leben in einer ganz eignen Atmosphäre. Die Wesen, welche ihren Hof bilden, gleichen andern Menschen, In welcher Klasse man sie auch suchen möchte, in keiner Weise. Kein Gegenstand erscheint dort in seiner wahren Gestalt unter seinem eigentlichen Gesichtspunkte. Ueberall ist dort falsches, täuschendes Licht; was man sieht ist nicht das wirklich Vorhandene; das Gefühl, welches man ausdrückt, nicht das empfundene; das Lachen ist eine Grimasse, womit man das Weinen verbirgt. Wie soll nun ein König io einer solchen Umgebung die Wahrheit erkennen? — Man denke sich ein Treibhaus, In welchem der Thermometer stets 32 Grad Wärme zeigt. Alle Personen, welche darinnen wohnen, glauben daß dies die allgemeine Temperatur sei und benehmen sich dem gemäß. Ihr Herr theilt diesen Irrlhum, weil er es nicht anders hört — und an dem Thermometer eben so sieht, wenn er sich nämlich die Mühe giebc ihn zu befragen; es fällt ihm gar nicht rin, um zu vergleichen, einen Thermometer außerhalb auszuhängen. Hätte er es gethan, so würde er bald einen Unterschied von 18 biS 20 Graden zwischen beiden Wärmemessern wahrgcnommen haben. Dieses Treibhaus Ist der Hof und jener Herr der Fürst. — Als Napoleon aus der einen Atmosphäre in die andere versetzt wurde, gewöhnte er sich an seinen neuen Stand und vergaß, indem er sich so wohl fühlte, sehr bald die Temperatur, in welcher er zwei und dreißig Jahre gelebt hatte; nur dann und wann dachte er daran, einen Thermometer nach Außen anzubringen — und rhat es doch nicht. Man wollte Ludwig den Sechszehnten daran denken lassen; ich finde den Beweis hiervon in einer sehr merkwürdigen Schrift, die ich aus einer ungeheuren Sammlung, worinnen sie vergraben war, entnehme. Sie gehört zu denen, die man über den Prozeß des Königs bekannt gemacht har. Der unglückliche Monarch hatte wahrscheinlich die Richtigkeit der Bemerkungen gefühlt, die man ihm machte, wcil er die Schrift aufbewahrte. Man riech ihm nämlich, wie man bald sehen wird, durch die starke Parthei seiner Zeit zu regieren und führte Beispiele an, die mehr noch welch sind alS Rathschlägc. Hier ist nun die Schrift selbst, über welcher nur die Worte.' an den König stehen. „Der König gleicht demSceucrmanne eines Schiffes. Das Schiff ist der Staat und wird von den Wellen getragen; die Wellen sind das Volk. Der Steuermann muß das 64 Schiff erhalten und darf sich nie davon trennen. Sein Thun muß sich nach der Witterung richten und nach der Bewegung der Wellen (die er allerdings beherrscht, die ihn aber auch verschlingen können) und eS lehrt unö die Geschichte, Paß die Könige von Frank- reich stets von der stärkern Parchei gestürtzt oder erhalten worden sind. Ich will dies noch mehr erläutern. „Die Königin Bruehild kam um, weil sie das Werk Ludwig dcS Eilften, nämlich die Demüthigung der Mächtiger» im Lande zu frühzeitig begann. Klotar war nickt allein genöthigt, seine Großmutter zu verlassen, sondern er mußte sie sogar selbst bei dem hö« Hern Adel anklagen, welcher damals in dem Grade die starke Parthei war, daß er ungestraft die Könige entthronen und die Kirche berauben konnte. „Unter dem zweiten Könlgsgeschlechte waren die Bischöfe die starke Parthei; die Abkömmlinge Karl des Großen, die sich mir ihnen nicht zu vertragen wußten, wurden von denselben abgesetzt. Ludwig der Fromme und einer seiner Söhne gestanden, daß sie den Sccpter nur ihnen zu verdanken hätten. „Franz der Erste und Heinrich der Vierte nannten sich selbst die ersten Edelleute deS Reichs; und diese Phrase, dieLud- wig dem Sechszehnten unvermeidliches Verderben bringen würde, war ihre einzige Rettung, well diese Könige in unglückliche Kriege verwickelt waren und nur durch den Adel regieren konnten, der damals die starke Parthei war und sowohl in den Heeren, als sonst in ganz Europa durch den jetzt nicht mehr vorhandenen ritterlichen Geist herrschte. „Ludwig der Dreizehnte und besonders Ludwig der Vierzehnte hatten alle Gewalten unter sich vereint und gaben ihrem Volke jene glänzende und kostbare Zerstreuung der ^iege und großen Unternehmungen. Sie hörttn nicht auf durch die starke Parthei ihrer Zeit zu herrschen — nämlich durch Adel und Kirche zugleich. „DaS Geld brachte endlich alles ins Gleiche, weil alle darnach jagten. Ludwig der Fünfzehnte lebte nachlässig von den Brocken der Tafel Ludwig des Vierzehnten und was für Ludwig den Sechszehnten hiervon »och übrig blieb, reichte blos hin bis zu dem fünfzehnten Jahre seiner Regierung. „In dieser Zeit warteten die Gemücher nur auf einen Vorwand zum Aufruhr. Die Furcht vor dem Banqueroute gewährte denselben und bemächtigte sich der Stände. „Von diesem Augenblicke an ging mit der obersten Gewalt eine wichtige Veränderung vor. Vier feindliche Faktionen (cS Ist dieser Fall einzig in der Geschichte) geben sich die Hand, eine Revolution zu bewirken. „ 1.) Die Ueberbleibsel der Janscnistcn und alle Parlkinentö- Mitglieder, welche der Ueberhebung der höhern Geistlichkeit ein Ende machen wollten. „2.) Die Protestanten, um die Macht Roms zu stürzen. „3.) Die Kapitalisten, die nach den Gütern des Clcrus krachten, und endlich „4.) der Schwarm von Philosophen und Schreiern, welche die Religion und den Adel abzuschaffen Lust hatten und die, nachdem beide Schlachtopfer von ihnen verzehre waren, nun die Hand an das Königthum legten. Dieses Gezücht ist so mächtig geworden und handhabt die drei übrigen Faktionen mit so großem Vortheile, daß sie das Reich, wenn man ihren Fortschritten nicht Einhalt thun könnte, zur völligen Auflösung bringen, oder die allerschlechteste Republik daraus machen würden *). „DieS mußte man bei der Eröffnung der ständischen Versammlungen bald sehen, und wäre jetzt der König nach diesen Thatsachen und Bemerkungen berathen worden, so ist gar nicht zu zweifeln, daß Se. Majestät auf die Unterstützung der Kirche und des Adels verzichtet haben und von nun an durch die starke Parthei, nämlich nach populären Grundsätzen regirt haben würde; denn wenn eine Stütze der Monarchie verfault ist, muß sie natürlich zu einer andern greifen. Jetzt konnten die Adlichen und die Priester nichts für die Monarchie thun, denn sie vermochten nichts für sich selbst. Sie wären nur dann im Stande gewesen dem Könige zu dienen, wenn sie ihm zu schaden fähig waren; aber sie befanden sich in jedem Betrachte in dem vollkommensten Zustande der Unfähigkeit. Wenn sich also der König auf sie stützte, so mußte er auch mit ihnen fallen. Mit einem Worte, ein König muß nie gegen den herrschenden Geist seines Jahrhunderts verstoßen, wenn er durch diesen Geist mit ein wenig Geschicklichkeit regieren kann. Dies ist die jetzt herrschende allgemeine Sprache. Selbst die Waffen weichen ") Es ist zu bemerken, daß diese Schrist dem Fahre I7YI angehört. Wir haben zwei Fahre nachher die allerschlechteste Republik gehabt. Schlechte Republik oder Auflösung! Siehe das kleoiell >les pieoco trouvaes (laus l'arnioire de irr. Wir haben einige Stellen weg- gelassen, aber sonst ist dieser Auszug völlig genau, wovon man sich leicht selbst überzeugen kann. L. C.Tageb.Nachtr, r. 5 jetzt bessern oder schlechter!! RaisonnementS. Die fremden Machte können wohl den Emigranten die Micccl verschaffen, Frankreich zu beunruhigen, aber sie können diese nicht dort wieder einsetzen. Es ist nicht genug, daß man siegt, man muß regieren, muß bezahlen können. Was soll der König mir diesem Adel machen, den er neu bcsiedern müßte; mit diesen Geistlichen, weiche ihre Privilegien zurückfordern würden? — Eine große siegreiche Armee würde dem Adel, den Priestern und den Prinzen nur zur Befriedigung ihrer Rache dienen — ein König ist aber kein Priester, kein Bischof, kein Edelmann, kein Volk — er ist König und alle Mittel, dir monarchische Form zu erhalten, sind die scinigen. Ew. Majestät können jetzt den Staat nur durch volksthümliche Mittel regieren — Sie können es mit derjenigen Kraft, mit alle dem Glücke, welches der Geschicklichkeit Ihrer Minister angemessen Ist." Napoleon hielt Waffen und Eroberungen für die starke Par» thei und er betrog sich. §. 37. 21. April 1816. Ich verlange meine Freiheit, oder einen Henker. Bd. 4. S. 40. Älle die Maasregeln und alle Vorsicht, welche Klugheit und Sicherheit forderten, um Napoleons Flucht unmöglich zu machen, sind leicht erklärlich. Sein Entkommen von der Insel Elba und dessen Folgen durften nicht vergessen werden. Ader unbegreiflich bleiben die Mißhandlungen, die Beraubungen, die Bestrebungen ikm zu erniedrigen und der Eifer, womit man jede Gelegenheit hierzu ergriff. Das Merkwürdigste hierbei ist immer, daß man nicht einmal seinen Zweck erreicht hat, da Napoleon dagegen stets auf seiner Hut war und nie seine Rolle vergaß. Er wird seinen Kerkermeister unsterblich machen, aber wer möchte jenen wohl um diesen Ruhm beneiden? Man will behaupten, daß er geheime Instruktionen gehabt habe. Vielleicht erhielt er ähnliche wie die, welche Lacude um seine Maus und Pelisson um seine Spinne brachten. §. 38. 21. April 1816. Die Bekanntmachung der bei Waterloo gefundenen Papiere wird vielen Leute» beweisen, daß das, was sic enthalten, von keiner Schlafmi'iye Herkommen könne. Bd- q. S. 41. In den Memoiren des Generals Rapp kann man Nachlesen, welche Bewandniß es mit dem Nepolcon so häufig vorgeworfenen Schlafe hatte. Die Menge von LrdreS, die er in den zwei letzte.« Feldzügen gegeben hat, von Maasregeln, die er vorschrieb, von Instruktionen, welche er seinen Generalen diktirte, ist wahrhaftig zum Entsetzen. Kaum sollte man glauben, daß eS einem Menschen möglich sei, so viele Dinge auf einmal zu umfassen. Wer etwa diesen geschriebenen Beweisen, weil sie wohl auch später gemacht worden seyn könnten, (waö aber unmöglich ist, weil man von der Schlacht bei Waterloo an Napoleon bis zu seiner Einschiffung solgen kann) keinen Glauben schenken möchte, der kann doch die offenbaren That- sacken nicht abläugnen, die reißende Schnelligkeit seiner Bewegungen in dem Feldzuge von 1814, wo er sich, so zu sagen, überall zeigte, wo man seine Garde zwanzig Stunden weit von dem Orte sah, den sie Tags zuvor mit Blut überschwemmt hatte. Da sieht man doch wohl, daß er dem Schlafe nur so viel Recht über sich einräumte, als er ihm durchaus nicht versagen konnte. Ich glaube nicht, daß er von Cannes bis in die Tuilerien viel geschlafen hat, auch nicht in der Zeit vom 20. März bis zum 29. 2uli und in den neun Monaten, welche diesen beiden Epochen vorhergingen, war er wohl auch nicht der, welcher am festesten schlief. Aber was unheilbringender für ihn wurde als schlafen, war eine Art von Vorgefühl, das er zuerst im Zahre 1812 hatte, welche um sich griff, verschwand, um noch gewaltiger wieder zu kommen, abermals wich und dann fest an ihm hielt und ihn peinigte, wie einst den -Orestes die Lualen seines Gewissens. Man findet die ersten Spuren hiervon in den Memoiren von Rapp, vor dem Feldzuge gegen Rußland, während dessen Dauer, nach der Rückkehr; man findet sie ferner in dem Tagcbuche. Kaum ist er, gleichsam im Triumphe in den Tuilerien wieder cingczogen, als er schon am folgenden Tage eine Eisluft um sich her empfindet, eine Art von Schauder ihn ergreift. Es war, als ob eine innere Stimme ihm sagre: es ist um dich geschehen, du hast aufgehört zu herrschen. Bei einer solchen unerklärlichen Stimmung ist man wie gefesselt, wie erstarrt; man bleibt unentschlossen, läßt am Ende das Schicksal gewähren und erst dann, wenn es in Erfüllung gegangen ist, erkennt man mit bittrer Reue, waö da hätte gethan werden sollen, um es aufzuhalten und die hierzu, wenn es nicht mehr Zeit ist, sich erweisende Möglichkeit vermehrt die Heftigkeit der Sckmerzcn. Diese unerklärlichen Wirkungen werden durch ein unwillkührliches Zusammentreffen von Ereignissen, vorübergegangenen Verhältnissen, anfangs unbemerkten, aber dann plötzlich aufgcfaßken Beziehungen, durch Erinnerungen und jene Erfahrungen hervorgebracht, deren Lehren erst dann in die Seele cindringen, wenn man sie nicht mehr benutzen kann. Als Napoleon unter denen, welche ihm bei seiner Rückkehr am kriechendsten schmeichelten, Menschen sah, von denen er verrathen worden war, welches Vertrauen konnte er da wohl zu ihnen haben? Fühlte er denn nicht, als ihn bejahrte Männer umgaben, deren Glück er gemacht hatte, daß sie kein anderes Verlangen hegten, als dieses Glück nun zu genießen und keineswegs Lust hatten, sich für eine Sache zu schlagen, wobei sie ungleich weniger gewinnen als verlieren konnten. Er erkannte jetzt recht gut, daß er neue Menschen bedürft, aber auch daß er keine Zeit habe sie auszuwählcn und eben so wenig sie zu bilden. Die Gewalt dieser Gefühle machte ihn oft unentschlossen. Von Fouch^'s Verrath ist er vollkommen überzeugt; er will ihm den Prozeß machen lassen, thut cs aber dennoch nicht und Fouch-l wird eines der eifrigste» Werkzeuge zu seinem Sturze. Nicht also dem Schlaft, nicht der Ilnthätigkcit, sondern dem Zustande seiner Seele muß man jene Art von Unsicherheit zuschreiben, die ihn wie eine Krankheit in den letzten drei Monaten befallen hatte. Vielleicht war er niemals thäti- ger. Es ist im 2ahre 1819 ein Auszug der Registrande seiner vertraulichen Noten an den Minister Carnot von dieser Zeit im Druck erschienen. Sie betreffen insgesamt administrative Gegenstände und sind mitunter sehr ausführlich und verwickelt. Die erste ist vom 25. März und die letzte vom 12. 2uni. Es giebt deren fünf und achtzig und keine betrifft die fortlaufenden, täglichen Arbeiten bei dem Portefeuille des Ministers. Die Corresponden; mit den übrigen Ministern ist unbekannt geblieben. 29. 26. April 1816. Wie die gute Königin von Frankreich sagte: Wenn Sie mir so komme»! Bo. 4. S. 50. Hier hat Napoleon, oder der ihn redend einführc, die Personen verwechselt und eine für die andere genommen. Diese wirklich gute und geistreiche Königin war Marie Lcczinska. Aber anstatt die Antwort zu geben, welche man ihr in den Mund legt, erhielt sie dieselbe vielmehr. Bei Gelegenheit eines Beschlusses, bei welchem die Rechtlichkeit der Richter in Zweifel gezogen wurde, fragte sie den Abbe Terrassen, der für den chrliebendstcn Mann am ganzen Hofe gehalten wurde, ob er als Mitglied des Tribunals wohl ein Geschenk von hunderttausend Livres auögeschlagen haben würde. Der Abbo gab seine Verwunderung und zugleich seine Empfindlichkeit hierüber zu erkennen. Die Königin verdoppelte die Summe und erhielt die nämliche Erwiederung. Sie ging immer höher hinaus und setzte stets hunderttausend LivrcS zu. Bei jedem Zusätze verlor die Stimme des Abbs's an Kraft und Ausdruck. Schon 69 blieben alle Ausrufungen weg, und als nun Marie Leczinska bis zur Million kam, da sprach er die Worte: „Wenn Ew. Majestät mir so kommen wollen . . . ." tz- 40. 28. April 1816. Der Abbe kramte höflicher Weise eine Menge witziger Worte aus. Bd. 4 . S. 5Z. Dieser Wortüberfluß ist in der That ein großer Fehler jenes Mannes, er mag nun sprechen oder schreiben. Glücklicher Weise hat er viel, eigentlich viel zu viel Geist. Manche Menschen würden reich mit der Hälfte dieses Geistes und noch ungleich reicher als er seyn, wenn sie sich darauf verständen, einen Theil dieses Reichthums zu verbergen und ihn nur errathen zu lassen. Ader der Herr Abbe zeigt Alles und sagt Alles. So würde die Geschichte seiner Gesandtschaft interessanter seyn, wenn er etwas' mehr an sich hielte, denjenigen lächerlich zu machen, welchen er repräsentiere, denn eS stand ihm ja frei, wenn er es wollte, die Sendung auS- zuscklageii. Den 1. April 1814 ist er noch etwas zu früh in der Ankichambre des Kaisers Alexander. Er hätte wohl fühlen sollen,. daß diejenigen, welche sich zugleich mit ihm dort befanden, ihn ziemlich scheel ansehen mußten. Mehr als einmal konnte er sagen, das war eine schöne Ambassade! Der 2upirer« Sca pin war ein Ausdruck, der sein Glück dem Momente verdankte, in welchem der Herr AM ihn gebrauchte: diesen Moment hatte er sehr geschickt gewählt. Man muß dabei den Witz mehr glücklich als kühn nennen. Drei Monate früher würde er beides gewesen seyn. Vor dieser Epoche konnten die konstitutionellen Gesetze eben so gut gepredigt werden und man hätte damit einen wahren Much bewiesen. 2ch habe nie jemand mehr verwundert gesehen, als ein gewisser Mann (zu einfach, um ein Partisan jener Gesetze zu seyn) cs über den Herrn Erzbischof war. Letzterer befindet sich auf seinem Landgute in der Auvergne, bittet Herrn*** bei ihm zn speisen und dieser nimmt die Einladung an. 2n dem Augenblicke, da er sich zu Fuß auf den Weg machen will, fährt ein stattlicher Wagen mit vier Pferden vor, den man ihm sendet. Ganz verdutzt steigt er ein, denn er ging eigentlich immer zu Fuß, bald mit seinen Gedanken, bald mit Botanisiren beschäftigt. Mit den Blumen wars nun aus, da er einmal im Wagen saß. Er versinkt dafür in seine Träume, alS läz' er im Bette und denkt besonders an den Herrn der schönen Berlin?, die ihm doch etwas zu kostbar dünkt. Aber damit wars noch lang« nicht abgemacht; bei seiner Ankunft im Schlosse sieht er dort noch ganz andere Dinge. Ein prachtvolles massives Silberservicc, einen Intendanten, einen Haushofmeister, der Henker dem Stuhle des Hausherrn stehen bleibt und ohne sich wegzurühren, die Bedienung blos durch Blicke und Winke leitet; er vernimmt dann, wie die Gaste, sobald sie die Rede an ihren Wirth richten, ihn ganz vertraulich Monseigneur! nennen. Herr schleicht sich nach dem Diner, von dem man gesagt hatte, daß es ganz ohne Umstände seyn solle, philosophisch fort und schwürt — freilich um etwas zu spät, — daß ihn niemand wieder dorthin bringen solle. Wir fragten, warum er denn so entrüstet sei, warum er es denn nicht leiden wolle, daß man Reichthum und eine Konstitution zugleich liebe, daß man von dem erstem Gebrauch mache, wenn man ihn besitze und nach der zweiten strebe, wenn man sie nicht besitze? Dir sagten ihm, daß die Liebe zu dem einen die Liebe zu der andern nicht ausschließe. Aber er wollte durchaus, daß die philosophischen Bischöfe wieder seyn sollte» wie zu Zeilen der Apostel, welche wahre Philosophen der That nach waren. 8- 41. 21. April 1816- Ich hätte zu erkennen geben sollen, daß ich nur auf den Grund der Treu, nung der drei Kronen von Oesterreich, Ungarn und Böhmen unterhandeln würde. Bd. 4. S. Zy. Dies wäre in der That das beste Mittel, die Kräfte dieser Macht zu mindern und nach der Schlacht bei Wagram allerdings ausführbar gewesen. Es wird schwer, zu glauben, was Napoleon hinzufügt, daß wirklich ein Prinz um eine der drei Kronen bitten ließ. Inzwischen scheint ein Gerücht, was damals in Umlauf war, das Anführen des Verbannten zu bestätigen. Man behauptet nämlich, der Großherzog von W— habe eine der drei Kronen von Napoleon in dem Augenblicke begehrt, wo dieser darüber schalten konnte. Der Ausgang der Dinge hat besser für ihn gesorgt; er herrscht in dem schönsten Klima und beglückt dir Bewohner seines Landes. Der Dokror O'Meara bestätigt die Anekdote von den drei Kronen, so wie die Bezeichnung des Prinzen, der eine dieser Kronen haben wollte. 71 §- 42. 29. April 1816. Der persische Gesandte Asker-Kan. Der persische Gesandte hatte lange Zeit dem Hofe zum Schauspiele gedient. Bd. 4 . S. üo. Sein Nachfolger zeigte mehr Würde. Hier ist, was man damals (1819) über diesen öffentlich sagte: Mirza-Aboul-Hassan ist gegenwärtig persischer Gesandter zu Paris. Er stammt von einer Familie, welche lange her die ersten Aemter in Persien bekleidet hatte. 2hre Macht brachte sie in den Verdacht des Ehrgeizes, sie fiel in Ungnade und wurde ihrer Güter beraubt. Mirza-Abouls Hassan entkam aus seinem Kerker und ging nach Indien, wo Lord Wellesley, der Gouverneur des Landes, ihn freundlich ausnahm. 2m 2ahre 1809 kam er bei seinem Herrn wieder zu Gnaden, wurde als Gesandter nach London geschickt und bei seiner Rückkehr zum Khan ernannt. Er hat seine Reisen beschrieben. 2m 2ahre 1813 erhielt er den Auftrag mit Rußland Frieden zu schließen und wurde bald darauf Gesandter am Petersburger Hofe. Er ist 44 2ahre alt und spricht mehrere Sprachen. Die Annahme desselben war mit Schwierigkeiten verbunden, weil man vergessen hatte, sich über seine Absichten zu unterrichten und er ohne Weiteres von dem Könige von Frankreich auf gleichem Fuß behandelt seyn wollte. Man verständigte ihn jedoch am Ende. Die Geschenke, welche er überreichte, bestanden in sechs Schawls, einem Säbel, der 2smael angehört haben und einem kostbaren Steine, der gegen alle Hebel, ganz untrüglich aber gegen die Kolik Helsen sollte. Dies ist hinreichend, um einen Begriff zu geben, auf welcher Stufe man in Persien, hinsichtlich auf Naturkunde und Philosophie steht. §. 43. 12. Mai 1816. Alles wobt erwöge», sei DccrLs immer noch der beste gewesen, den er sin» de» können. Be. Z. S. 2Y. ' Der Marineminister war durchaus nicht der Mann, der Napoleons Regierung beliebt machen konnte. Mehr noch hart und grob, als auffahrend, demülhigte er oft und schien sich ein Vergnügen daraus zu machen 2nzwischen nahm er doch auch Lehre an und änderte sein Benehmen, wenn man sich gegen ihn gleicher Waffen bediente. Zum Beweis nachstehende Anekdote. Der Staatsrath D...-, der, wie wir in einem andern Artikel sehen werden, selbst dem Kaiser, mit einem mehr bewundcrnswerchen, als nachgcahmtcn Muthe, eine Lektion gab, machte einst einen Besuch bei Decr-S, den er sonst nur in den Versammlungen sah, wo sie sich beiderseits einfinden mußten. Die Absicht bet seinem Besuche war folgende. D... interessirte sich für einen bei der Marine angestellten Mann und verschaffte ihm eine kleine von dem Minister!» der auswärtigen Angelegenheiten abhängige Stelle. Es hatte derselbe ein Recht auf eine Pension bei der Marine, weil er dreißig Jahre, woran jedoch noch rin Monat fehlte, gedient hatte. Ehe er aber darum bat, wartete er ab, bis die dreißig Jahre voll waren. Der Minister, der wohl wußte, daß man ihm eine kleine Stelle bestimmt habe, um sein Schicksal bei seiner zahlreichen Familie zu verbessern, hatte ihn jedoch von dem Etat wegstreichen lassen und beschlossen, daß er weder Pension noch Entschädigung bekommen solle. Herr D_ erfährt diese strenge Maasregel, begicbt sich zu dem Minister und bittet vergebens um die Wiedereinsetzung seines Schützlings auf den Etat. Decrüö bleibt taub und mit einer unbesiegbaren Härte bei seiner «bschläglichen Antwort. Sein Wille sollte, in der Arc wie er sich äußerte, für ein Gesetz gelten. Alles Bitten, alles Flehen, alles Zureden ist vergeblich. Umsonst verschwendet Herr D.... seine ganze Redekunst, und da, was er sagte, aus dem Herzen kam, da er überhaupt ein warmer Freund ist, so mußte der Minister wirklich unerbittlich wie das Schicksal seyn. Rach einem äugen« blicklichen Schweigen steht jetzt Herr D— auf, geht ohne Umstände in dem Salon des Ministers auf und ab, indessen ihn dieser nicht ohne Verwunderung ansieht, und nachdem er nun so einige Touren ohne ein Wort zu sprechen gemacht hat, bleibt er plötzlich stehen und sagt dem Minister mit starker Stimme: „Herr Herzog! Es fehlt Ihnen hier noch an einer Anstalt, welche großen Nutzen für Sie haben müßte — Nun was denn für eine, Herr Graf? — Eine Anstalt, welche beweisen würde, daß Sic Mitleid mit den Unglücklichen haben und niemand über Ihre Menschenliebe in Zweifel lassen könnte. — Ich frage nochmal, was Sie meinen? — Ein Schlachthaus, mein Herr, erwiederte jetzt Herr D_ mit donnernder Stimme, ein Schlachthaus für alte Seeleute, denen Sie die Pensionen verweigern. Ein Schlachthaus wäre besser für sie, als die Verzweiflung , die nur ein langsamer schmcrzen- voller Hungertod beendigt." Dcctts klingelt, läßt den Chef der Abcheilung kommen, für welche die Sache gehört und befiehlt ihm, den Name» des weggestrichnen Mannes bis zu dem Zeiträume wieder auf den Etat zu bringen, wo sein Dienftalter Ihm das Recht auf eine Pension geben würde. . 44. 12. Mai 1816. Entscheidende Unternehmung gegen Indien. Bd. 5. S. Zo. Napoleon hat mehr gcthan als diese entscheidende Unternehmung bloS zu träumen. Hier sind einige nähere Umstände, die man nicht uninteressant finden wird und welche uns eben jetzt ein Engländer mitgethcilt hat. „Wenn die Erinnerung an Gefahren, die uns bedrohten, sobald die Furcht vorüber ist, eine lebhafte Freude verursacht, so gilt dies ebenfalls von solchen, die man gar nicht kannte und nur erst im Hafen erblickt, ohne früher eine Ahnung von ihrem Daseyn gehabt zu haben. Unter den Plänen Napoleons war einer, den man stets für so höchst chimärisch hielt, daß man glaubte, er sei ihm von seinen Feinden angedichtet, da dessen Ausführung ganz unmöglich schien; nämlich die Zdce, «in Heer zu Lande nach Indien zu schicken, um meine Landsleute daraus zu vertreiben. Allein dieses Projekt hat allerdings bestanden und wenn man das Nähere davon, wenn man die Mittel der Ausführung desselben kennt, so verschwindet diese Unmöglichkeit allmählig; die Fälle, in denen der Erfolg gelingen konnte, mehren sich und man ist ganz erstaunt, etwas Verständiges in einer Sache zu finden, die man zuvor für Unsinn gehalten chatte. Wir haben Memoiren in Beziehung aus diese Unternehmung durchlesen, die, so riesenhaft sie auch scheint, es doch ungleich weniger ist, als die jenes Khans, der tief aus Asien bis Neustadt kam, und viel weniger als die Krcuzzüge, bei denen bekanntermaßen die Völker von Europa nach Asien hinstürzten und ohne alle die Vorbereitungen, die jetzt Im Gebrauche sind, bis nach Palästina gelangten. Wir halten es für nützlich, das Wesentlichste aus diesen Memoiren, welche der Geschichte angehören, zu entnehmen. Die Sache ist an sich selbst interessant und verdient eine nähere Betrachtung; sie ist es aber auch nicht weniger in Hinsicht auf das bei Mittheilung dieser Memoiren von unsrem großen Herzoge beobachtete Verfahren. Man wird sehen, daß große Männer über gewöhnliche Regeln erhaben sind — 4« iniiünns no„ curar I>r38wr. Diese Regeln, welche gewisse Pflichten vorschreibcn, sind für die Kleinern. Die Franzosen müssen sich ihnen unterwerfen. Mit uns ist das etwas anders *). Und nun vollends der Lord! — ) Die Engländer sind mit diesen Begriffen erzogen und führen daher ganz natürlich eine solche Sprache. Hiervon einen Beweis: Einer der scharfsinnigste», philosophisch gesinnteste», richtig denkendsten Ren- Kaum daß wir in seinen Augen, von der Sphäre aus, wohin ihn das Schicksal gestellt hat, vorhanden sind. „Alles ist merkwürdig bei dem Entwürfe dieses kühnen Unternehmens; der Plan an und für sich, die innere Verbindung der Ausführungsmittcl, ihre Beziehung auf den Zweck des Vorhabens, der Zeitraum, da man den ersten Gedanken dazu faßte und das Gcheimniß, worein es gehüllt wurde. Es darirt sich von der Ambassade des Generals Hedouville, das heißt vom Jahre 1802 hrr »). Herr von Reuilly befand sich bei derselben als Sckrecair. Er war zwar jung, aber unterrichtet, verband mit seinen Studien die Erfahrungen eines Beobachters, für welchen ihre Lehren nicht verloren gehen und war schon viel gereist. Bei seinem Aufenthalte in der Krimm hatte er die Bekanntschaft des berühmten Pallas gemacht, der mehrere Jahre zu Thibct und Caschcmir zugcbracht, verschiedene Reisen nach Indien unternommen hatte und da er alle unsere dortigen Besitzungen sehr gut kannte, über selbige besser als irgend jemand sonst genaue Nachrichten geben konnte. Herr von Reuilly verschaffte sich dieselben sehr bald von diesem Gelehrten, dem er seinerseits alle die Bemerkungen mittheilte, welche er auf seinen Reisen gemacht hatte. Man brachte ihn in nähere Verhältnisse mit Herrn de Noirsotte, ehemaligen Chef de l'Etac-Major des Generals scheu, war Gibbon. In seiner vortreffliche» Geschichte vom Untergänge des römischen Reichs zeigt er immerfort, daß er die gesundesten Ansichten über Völkerrecht und die gegenseitigen Verhältnisse der Nationen hatte; sobald er aber von der scinigen spricht, dann ist er wie umgewandclt. Man findet über diesen Gegenstand einen merkwürdigen Zug in seinen Memoiren. Er kam von Lausanne in sein Vaterland zurück »nd zwar im Frühjahre 1758. „Wir waren, so spricht er, damals im völligen Kriegszustände. Die Empfindlichkeit der Franzosen über die Art, wie wir ibre Schiffe ohne vorherge- gangcne Kriegserklärung wcgg,nomine» hatten, hatte diese sonst so höfliche Nation etwas verdrießlich und schwierig gemacht. Sic wollten die englischen Reisenden nicht passircn lassen/' Er war ge- ndthigt, mit zwei Schweizer» unter einem angenommenen Namen zu reisen. Wir hatten sonach großes Unrecht, etwas verdrießlich und schwierig zu sehn, obschon inan uns im völligen Frieden angegriffen und bestohlen hatte! Er findet cs ganz natürlich, daß man unsre Schiffe ohne Kriegserklärung weggenommen hatte, spricht mit philosophischer Gleichgültigkeit von dieser Verlegung des Völkerrechts, die es aber in seinen Augen nicht ist! Dieser Mann, der friedliebendste, der gerechteste, den die Natur hcrvorgcbracht hat! (Note des französischen Herausgebers.) ») Am 8. Dentose des Jahres io. (27. Fcbrnar l8v2) trat die Gesandtschaft ihre Reise an. Bussi, der achtzehn Jahre in Indien verlebt hatte; tnan schrieb Bemerkungen nieder, arbeitete Memoiren aus und daS Resultat die« ser verschiedenen Arbeiten war ein weitläustigcr Plan, den man füglich unter drei Theile bringen kann. Der erste bezieht sich auf die Bündnisse, welche man nochwendiger Weise mit den gegen die englische Macht feindlich gesinnten indischen Völkern schließen mußte, dies waren die Präliminarien der Unternehmung. „Eine Expedition zur See war der Gegenstand des zweiten Theils und -der dritte becriffc endlich die Expedition zu Lande. Er ist der wesentlichste, weil sein Gelingen das Gelingen der ganzen Unternehmung sicherte. „Erstens Bündnisse mit den gegen die englische Macht feindlich gesinnten Völkern. Wenn man auch voraussetzt, daß ein Heer, bei dem Zuge von Frankreich bis nach Indien, noch so glücklich wäre, daß es ohne Widerwärtigkeiten und Verluste diesen ungeheuer» Weg zurück«zte, (was aber ganz unmöglich ist), so würde es doch noch gleichsam im Hafen stranden, wenn man nicht die Vorsicht gebraucht hätte, ihm Freunde und Bundesgenossen unter den Völkern zu sichern, welche die Nachbarn der von den Engländern unterjochten Nationen sind. Es hätte genug zu thun mit dem Kampfe gegen das Klima, ohne sich täglich mit Nationen zu schlagen, die an selbiges gewöhnt sind. Man mußte daher damit anfangen, sich Bundesgenossen zu werben. Das ist also der erste Punkt des Entwurfs. „Es ist der einzige, mit dessen Ausführung man dadurch einen Anfang gemacht zu haben scheint, daß der General Gardanne im Jahre 1807 als bevollmächtigter Minister an den Hof von Teheran geschickt wurde, eine diplomatische Sendung, die ohne allen Zweifel andere geheime Absichten zum Grunde hatte. Dieser General reiste im Monat Mai von Finkenftein bei Wien ab, ging durch Ungarn, durch die Türkei, schiffte sich am io. September zu Scutari nach Kleinasien ein und kam am 4. Dezember in Teheran an. Der König von Persien gab ihm den Titel eines Khan, der in diesem Lande nach dem Königsticel der ehrenvollste ist. Er kam im Jahre 1810 von dieser Sendung zurück, hinterließ aber dort mehrere sehr unterrichtete -Offiziere, welche die persischen Soldaten mit der milicairischen Taktik bekannt machen mußten und schickte noch vor seiner Abreise seinen Bruder ab, um von seinen Verhandlungen Rechenschaft zu geben und dem Herrn von Talleyrand, Fürsten Benevent, von dem Könige von Persien den Sonnenorden zu Überbringer!. Zweitens die Expedition zur See. Sie war die schwache Seite des Plans, aber auch das minder wichtige desselben. 76 „ Drittens die Expedition zu Lande. Für Alles war ge« sorgt/ für die Zusammenbringung der Armee, deren Equipirung, Bekleidung, Verpflegung und die Versuche, fle an die Sache zu gewöhnen. Die Uiberfahrt, der Weg, die Distanzen von Constantino- pel auS waren in Erwägung gezogen. Die Berechnungen gingen von letztgenannter Hauptstadt an. Man berechnete von da bis zu der Stadt Agra eilfhundert und zwanzig Stunden; von dort führen zwei verschleime Straßen zu dem Kap Komorin; eine Ablheilung des Heeres sollte über Cambayr, die andre über Caleucca gehen. Die Entfernung von Constancinopcl bis zu jenem Dercinigungs- punkte beträgt auf der ersten Straße siebenzehnhundert sieben und sechzig und auf der zweiten siebenzehnhundert zkvei und neunzig Stunden. ,',Man wollte die Armenier und die Guebrrn wegen der Leichtigkeit, womit sie sich in der Tartarei nach Thibct und Persien hin verbreiten konnten und wegen des unbedeutenden Bedachts, der durch sie erregt worden wäre, alS Unterhändler gebrauchen und durch sie eine Menge kleiner Entrepots bilden, die ein bedeutendes Magazin ausmachen sollten. „Ich habe nun schon genug gesagt, um zu beweisen, daß jenes Projekt nicht so unsinnig war, als Menschen, welche leichtsinnig und ohne die Sache genau zu untersuchen, es beurtheilten. Es ist zu hoffen, daß der Besitzer jener Manuscriptr sie zur Kenntniß des Publikums bringen werde. Wenn nun die Franzosen, anstatt des Krieges gegen Spanien und Rußland, die Siimmug der letzter» Macht benutzt hätten! — „Wenn man an die Unternehmungen des unter dem Namen Gengis- Khan bekannten Temugin und seiner vier Söhne an der Spitze von 700000 Mongolen'*) zurück denkt und sich erinnert, daß sie China, Persien, Anatolien, Rußland, Polen und Ungarn eroberten und bis an das Schloß Neustadt in Oesterreich vordraugen, so wird man finden, daß das fragliche Projekt viel klüger, berechneter und ungleich leichter auszuführcn war. ,, Nach dieser Betrachtung müssen wir, als gute Engländer, unS freuen, daß die Dinge diejenige Wendung nahmen, wie wir dieselbe nun erblicken. Dank sei dafür dem großen Herzoge, dessen Benehmen, bei der Mittheilung die ihm von den Memoiren über jene Unternehmung gemacht wurde, wir nun erzählen wollen. »h Fuilfzehnhunterttauscnd Man» ließen sich zu Eroberung des Abendlandes ciilschreibcn. Der große Khan .nahm iin Jahre I2go nur den dritten Thcil dieser Masse. S, Gibbon Thl. rz, Buch sq. „Es hatten dieselben durch die Umstände ihr ursprüngliches Interesse verloren und waren nur noch in geschichtlicher Hinsicht von Werthe. In dieser Beziehung glaubte ein Franzose darüber mit dem Herzoge sprechen zu dürfen. Bei der ersten Unterhaltung wurde die Akquisition in Antrag gebracht. Man suchte auszuwei- chen, die Sache wurde verschoben; erst mußte man sie -a naher kennen, che man kaufen konnte; nichts war natürlicher. Jetzt beriech man sich — eS trat ohne Zweifel ein eben so beleidigendes als ungerechtes Mißtrauen ein. Das Manuskript könnte wohl gar abgeschrieben werden; endlich ist man entschlossen, es auf eine kurze zur Durchsicht dieser Schriften hinreichende Zeit aus den Händen zu geben. Alle diese Verhandlungen finden im Oktober 1814 statt. Am 1. November erhält der Franzose ein Billet, das vom Anfänge bis zu Ende von einer Hand geschrieben ist, die den Degen besser als die Feder zu führen wußte. Es lautet folgendermaßen: „Der Herzog von Wellington hac die Ehre, Herrn Alexander benachrichtigen zu lassen, daß er in England in Betreff deö von ihm angebotenen Manuskripts angcfragt habe, und ihm schreiben werde, sobald die Ancwort eingegangen scyn wird." „Die größer» Genies haben kein Gedächtniß; es vergehen drei Wochen, nach deren Verlaufe der Lord vergessen hat, was früher geschehen ist, was er gesagt, was er geschrieben hat und Herrn Alexander das Manuskript durch seinen Lauser mir folgendem Briefe zurückschickt ^ „Der Herzog von Wellington macht Herrn Alexander sein Kompliment. Er hat biS jetzt nicht Zeit gehabt, sich mit dem bewußten Buche zu beschäftigen und schicke es, nach dem Verlangen des Herrn Eigenthümcrs zurück, da er findet, daß es nicht werlh ist, von der brittischen Regierung gekauft zu werden." Brittisches Gesandtschaftshotel den 4. Dezember 1814. „Diese Franzosen sind schwer zu befriedigen! Hat doch einer es gewagt, sich Bemerkungen über dieses Benehmen des Herrn LordS zu erlauben und sogar behaupten wollen, daß er gegen das Zartgefühl verstoßen habe! Das wäre noch recht gut — aber er hatte sogar die Frechheit zu sagen, daß der Herr Lord sich selbst widersprochen hätte. Wenn er das Manuskript nicht gelesen hat, sprach er, so kann er nicht behaupten, daß cs für England unbrauchbar sei, und wenn er cs behauptet und dabci gedenkt, daß er es nicht gelesen habe, so gesteht er, daß er ohne Ucberlegung, ohne Kcnncniß der Sache urtheile, das ist noch viel schlimmer, als wenn er, nach dem Lesen, das Gegenrhcil sagte!" *) Ll roniqne Id-ang-use, 1820. Idigs 94 bis 102. 76 §. 44.» 13. Mai 1816. Wörterbuch ter Wetterfahnen. Bd. Z. S. ZZ. Es kamen damals zwei Werke heraus, die einen gemeinschaftlichen Ursprung zu haben und von einer und derselben Grundidee auSgegangen zu seyn schienen. Es war dies das Wörterbuch der Wetterfahnen und die Leichenpredigt Napoleons. In der letztem hatte der Verfasser, ein Mann von vielem Geiste, der zugleich sehr gut und auf sehr mannichfache Weise unterrichtet war, die mit den niedrigsten Schmeicheleien angefüllcen Stellen aus den verschiedenen an Napoleon, den er nicht liebte, gerichteten Adressen und Reden ausgezogen, und dabei recht sorgsam die Namen der Schmeichler genannt, die er noch weniger schätzte. Das Spaßhafte von der Sache war, diese Namen bereits unter denen zu finden, welche den nämlichen Weihrauch den Thronerben Napoleons eben so häufig gestreut hatten. Das Wörterbuch der Wetterfahnen enthielt einige Notitzen und besondre Umstände von nurgedachten Personen und zeigte sie in ihrer so verschiedentlich veränderten Gestalt, jedoch stets dem Grundsätze treu, daß man der herrschenden Gewalt schmeicheln müsse. Es war dieses Buch gewissermaßen die Biographie des andern, aber weniger pikant, obschon der Verfasser der Leichenpredigt auch nicht eine Zeile der eignen Meinung hinzugefügc hatte. Seine Arbeit bestand blos darinnen, daß er andere reden und sagen ließ und die ausgezogenen Stellen aus vielen Schriften — vom heiligen Vater an, der Napoleon seinen vielgeliebten Sohn, äiieoeissimun, Miu„>, genannt hatte, bis auf Herrn F.... — mit einander verband. Diese Brochüre hat schon vier Ausgaben erlebt und wird sich halten. Der Plan des Wörterbuchs war komisch, aber die Ausführung desselben verfehlt. Der erste Gedanke gehörte einem ungenannten armen Teufel an, den der Hunger nöthigke, den Grundstoff desselben an einen Buchhändler zu verkaufen. Dieser suchte nun, um einen Gewinn auS dem Handel zu ziehen, Pamphlctschrciber zu werben und verband sich mit dem jetzt verstorbenen Proisy d'Eppe, der das Wörterbuch der Wetterfahnen ausarbcitcn sollte. Da aber die Menge der Wetterfahnen ungleich größer war, als ihre nähere Bekanntschaft mit denselben, so nahmen sie Gehülfen, die, ohne etwas von einander zu wissen, Beiträge liefern mußten. Das mußten nun, wie man glauben sollte, Personen seyn, die nicht im Buche standen. Aber das Mittel, welches die beiden Unternehmer gewählt harten, machte cS möglich und sogar leicht, daß selbst die Micar- 79 * beiter mit hineinkommen konnten, ohne etwas davon zu merken. Theils kannten sie einander nicht, rheils hüteten sie sich vor Mit- theilungen und selbst vor dem Geständnisse der Theilnahme an der Bearbeitung des Werks und hieraus entstand denn so manche gar» stige Täuschung. Man erzählte sich unter andern damals, Herr Charrin habe den Artikel in Betreff eines Gelehrten bearbeitet, der mit dem über ihn beauftragt war. Er war sehr glücklich, nicht mit aus der Liste der Namen zu stehen, und weil er seiner Sache ganz gewiß zu scyn glaubte, so wettete er sogar darauf. Aber er verlor sein Spiel und sah mit Verdruß und Erstaunen, daß auch er in dem häßlichen Buche stehe. So ging es mehreren andern, und es ist hieraus wohl der Unterschied bei den drei Aus» gaben des Wörterbuchs zu erklären, indem Artikel, die in der ersten und in der zweiten stehen, in der dritten verschwunden sind und da» gegen andern Platz gemacht haben, so daß, wenn man das Werk vollständig besitzen wollte, man eigentlich alle drei Ausgaben kaufen müßte. 3ch weiß nicht, welche davon nach Sc. Helena gelangt ist. Die Wirkung, welche das Lesen dieses Wörterbuchs bei Napoleon hervorbrachte, war keine andere als die, weiche jeder andere rm» Pfand; man lachte anfangs darüber, aber cS trat sehr bald der Ekel rin und am Ende ärgerte man sich über so viele Gemeinheiten. tz. 45. Scheidung von Zosephinen und Vermählung mit Marie Luise. 19. Mai 1816. So groß auch Josephincns S-iunerz über die Scheidung war, so unterwarf sie sich dennoch. Marie Luise zeigte vielen Widerwillen gegen sie. Vd. Z. S. 58 . Dieses Ereigniß wurde von einigen gelobt, von andern getadelt. Man hacke sich daran gewöhnt, Josepdinens Loos für fest vereint mit dem Loose Napoleons zu halten und glaubte allgemein, daß die Erster- großen Einfluß auf das Schicksal des Zweiten gehabt habe. So wie die Scheidung kund wurde, beschuldigte man Na» polcon der Undankbarkeit und es fehlte nicht an Propheten, die für ihn nichts als Unglück vorhersagten. Hier ist die Note, welche er über diese Begebenheit dikcirc hat. „Die Scheidung der Kaiserin 2osephine ist in ihrer Art ein» zig in der Geschickte. Die Verbindung beider Familien erlitt da» durch keine Veränderung. Sie war für beide Ehegatten ein gleich großes Opfer, d»S sie politischen Zmcressen brachten. Die Ehe wird 80 in Frankreich als eine bürgerliche Verhandlung und zugleich alS ein kirchliches Sakrament betrachtet; um sie aufzulösen, bedarf es mithin der Dazwischenkunft der bürgerlichen und der kirchlichen Behörde. Die kompetente bürgerliche Behörde, um die Auflösung des Ehebandcs auszusprechcn, war der Senat und die beiden Ehegatten erklärten in einer Familienvcrsammlung ihre desfallsige Zustimmung. Es halte diese Feierlichkeit in den Prunkzimmern der Tuilcrien statt und erregte große Theilnahme. Alle Anwesenden vergossen Thrä- nen und nachdem die Genehmigung durch den Erzkanzler bestätigt worden war, wurde die Scheidung durch den Senat ausgesprochen. Die Kaiserin verließ die Tuilcrien und verfügte sich nach Malmai- son. Alles Gerüche in den Zimmern, welche Napoleon in diesem kleinen aber höchst lieblichen Lustschlosse bewohnte, blieb auf seinem Platze. Sie erhielt noch außerdem das Landgut Navarre und eine Domaine von zwei Millionen, welche sie größtentheils zu Aufmunterung der Künste und zu Unterstützung der Unglücklichen verwendete. Malmaison liegt drei Stunden von Paris und eine Stunde von Saint Cloud. Sie blieb immerwährend dort und erhielt in einem Zeiträume von fünf Zähren drei oder vier Besuche von Napoleon. Der ganze Hof ging regelmäßig dahin und als die Alliir- ten in Paris einrückten, statteten der Kaiser Franz, der Kaiser von Rußland und der König von Preußen daselbst ihre Besuche ab. „Sobald die Entscheidung des Senats in Betreff der Nullität der bürgerlichen Ehe Napoleons erfolgt war, so stellte das geistliche Gericht zu Paris hierüber die nähern Erörterungen in Beziehung auf die katholische Kirche an und sprach dann ebenfalls die Auflösung des Ehebündnisses aus. Der römische Hof machte jetzt den Anspruch, darüber zu cognosciren; allein der französische Clerus erklärte, daß solches den Privilegien der gallikanischen Kirche entgegen sei, indem ein Landesherr in den Augen Gottes nur ein Mensch und mithin der Gerichtsbarkeit seines Kirchsprengels und seines Bischofs unterworfen wäre. Die erzbischöfliche Behörde zu Wien mußte die Frage näher untersuchen, ehe die Feier der Vermählung Napoleons mit einer österreichischen Erzherzogin statt finden konnte. Der Ausspruch des geistlichen Gerichts zu Paris wurde derselben mitgetheilt und sie trat ihm mittelst einer förmlichen Entscheidung bei. „ Die Scheidung Napoleons machte großen Lärm. Sein Thron, der am höchsten stehende von ganz Europa, war ein Gegenstand, wornach alle regierende Häuser strebten. Die Politik berufte drei Prinzessinnen zu demselben; eine russische, eine österreichische und eine sächsische. 81 „Man ließ sich mit Rußland in offene Unterhandlungen ein, und cs waren schon in Erfurt dem Kaiser Alexander einige Worte darüber gesagt worden. Ein Brief deü Grafen Narbonne an den Polizeiminister Fouch>l enthielt, daß ihm bei seiner Reise durch Wien verschiedne Insinuationen gemacht worden wären, woraus er schließen könne, daß eine Verbindung mit einer Erzherzogin, Oesterreich angenehm seyn würde. Napoleon konnte jedoch keinen direkten Schritt deshalb thun, so lange er die Gesinnungen des Kaisers Alexander noch nicht kannte. Er ließ den Fürsten Schwarzenberg, damaligen österreichischen Gesandten zu Paris, sondiren und die Un- terhandlung hierüber wurde in der Art cingeleitet, daß der Gesandte verbindlich wurde, ohne daß Napoleon es war, im Fall die Vermählung mit der Schwester des Kaisers Alexander Schwierigkeiten finden sollte. Letztere zeigten sich in der That; cs gab darüber eine Meinungsverschiedenheit in der russisch-kaiserlichen Familie, wenn es auch schien, als ob der Kaiser selbst dabei keinen Anstoß fände. Aber man verlangte, daß die Prinzessin, welche die Gemahlin Napoleons werden sollte, eine russische Kapelle in dem Innern der Tuilcrien, daß sie ihre Popen, ihre Geistlichkeit und die freie Ausübung ihrer Religion hätte. Man unterhandelte desfallS und erwartete die Antwort hierüber von Petersburg, um dann einen Beschluß zu soffen. Diese Antwort traf ein. Man hatte sich sicher gestellt, daß der österreichische Gesandte, er mochte nun Instruktion dazu erhalten haben oder nicht, doch eine vollständige Zustimmung in Betreff der beabsichtigten Verbindung abgebcn könnte, sobald es Zeit dazu seyn würde, und da der Fürst Schwarzenberg eben auf der Jagd war, so wurde ihm ein Kourier oachgcschickt; er kam eiligst nach Paris zurück und erwartete nun den Ausgang der Sache. „Drr geheime Rath wurde zu einer außerordentlichen Sitzung auf den Nachmittag um 4 Uhr zusammen berufen, und nach Verlesung der von Petersburg eingegangenen Depeschen wurde die Frage in Ansehung der zu treffenden Wahl vorgelegt. Die Meinungen waren für eine sächsische Prinzessin, eine russische und eine österreichische getheilt. Die Mehrzahl erklärte sich jedoch für die letztere. Sie wurde durch die wichtige Betrachtung der Erhaltung des allgemeinen Friedens geleitet. Man bedenke, daß von allen Mächten Oesterreich diejenige war, welche am mehresten über Frankreichs Absichten in Ungewißheit scyn mußte. Es wurde vorstellig gemacht, daß die mit derselben in Frage kommende Verbindung alles finstre Gewölke zerstreuen, einen unwiderleglichen Grund zum Vertrauen Hervorbringen und Las Pfand eines festen Friedens werden würde. Diese Betrachtungen entschieden und verschafften der L.C.Tagcb.Nachtr.i. 6 62 Vermählung mic der Erzherzogin den Vorzug. Um 6 Uhr Abends beauftragte Napoleon den Prinzen Eugen, sich zu dem Fürsten von Schwarzenberg zu verfugen und ihm einen förmlichen Antrag zu überbringen. 2n dem nämlichen Augenblicke eitheilte er seinem Minister der auswärtigen Angelegenheiten Vollmacht, mit diesem Gesandten den Kontrakt zu der Vermählung mit der Erzherzogin Marie Luise, nach dem Muster deö srühern zwischen Ludwig de», Sechszehncen und der Erzherzogin Marie Antoinette, zu untcrzeich. nen. Um 7 Uhr stattete der Prinz Eugen Bericht von seiner Sendung ab und noch am nämlichen Abende war der Kontrakt vollzogen. Prinz Neufchatel wurde nach Wien geschickt, um die Bitte in herkömmlicher Form zu wiederholen und der Erzherzog Karl, der hierzu ausdrückliche Vollmacht erhielt, ließ sich als Repräsentant Napoleons die Erzherzogin Marie Luise antrauen. Der Erzherzog, Großhcrzog von Würzburg, jetzt Großherzog von Toskana, repräsencirte bei dem Vermählungsfeste zu Paris den Kaiser von Oesterreich. „Napoleon ging der Erzherzogin bis Compiegne entgegen. Die bürgerliche Verbindung wurde zu St. Cloud, die kirchliche in dem großen Saale des Museums gefeiert. Fünf oder sechs Kardinale, welche der bürgerlichen Trauung in St. Cloud beigewohnt hatten, erklärten, daß sie der kirchlichen, auS Achtung für den heiligen Stuhl, der bei der Vermählung der Fürsten gehört werden müsse, nicht beiwohnen könnten. Die französischen Bischöfe und die Mehrzahl der Kardinäle verwarfen jedoch diesen Anspruch mit Unwillen; der Papst selbst tadelte diese Kardinäle; sie wurden von Paris weggewiesen und die schwarzen Kardinäle genannt, weil ihnen vom heiligen Stuhle aus das Tragen der rochen Farbe auf einige Zeit untersagt war. „Es wurden bei dieser Gelegenheit glänzende Feste gegeben. Der österreichische Gesandte Fürst Schwarzenberg veranstaltete eines im Namen seines Herrn *). Er ließ zu diesem Zwecke einen Tanzsaal im Garten seines Hotels erbauen. Die Draperien von Gaze fingen Feuer und in einem Augenblicke stand der ganze Saal in Flammen. Napoleon ging ganz langsam davon- und hielt die Kaiserin am Arm. Der Fürst Schwarzenberg blieb unverrückc dersel- *) §S war am i. Juli >8io. Herr von M. nahm Napoleon zwischen seine Arme, um ihn aus dem Saale fvrizi,bringen. Da er oder sal,, wie unangenehm Nun das war, so ließ er ihn wieder los und ging nun langsam neben ihm her, langsamer vielleicht, alö er gern wollte. 83 ben zur Sei». Sie fuhr nach Saint Cloud. Der Kaiser ver- weilte bis zum Morgen im Garten. Nichts vermochte die Gewalt des Brandes auszuhalten. Mehrere Personen kamen dabei ums Leben. Die Fürstin Schwarzenberg, geborne von Aremberg, Schwägerin des Gesandten, war schon heraus aus dem Saale; aber in der Angst um eines ihrer Kinder, ging sie noch einmal hinein und erstickte, als sie sich durch eine Thüre nach dem Znnern des Hotels retten wollte. Als es Tag war fand man die von den Flammen größtentheils verzehrten Ucberrefte der Unglücklichen. Der russische Ambassadeur Fürst Kurakin, wurde schwer verwundet u. s. w. Dieser unselige Ausgang des von dem österreichischen Gesandten zu der Vermählungsfeicr gegebenen Festes schien eine schlimme Vorbedeutung zu scyn. Der veränderten Politik -Oesterreichs ist Napoleons Unglück vornehmlich zuzuschreiben, und obschon selbiger keineswegs abergläubisch genannt werden kann, so hatte er doch bei dieser Gelegenheit ein peinliches Vorgefühl.^ §- 46. 31. Mai 1816. Für England glcbt es nur noch ein System — auf seine Konstitution zu» rückzukommen, das Militairsysiem aufzugeben und sich nur durch seinen Einfluß auf dem Meere in die Angelegenheiten des Kontinents zu mischen. Bd. 5- S. Y2. Die Politik und die Konstitution Englands sind zwei, jedes für sich bestehende Dinge. Es braucht keineswegs zu der letzter» zurückzukommen, da es selbige nie verlassen hat. Die erstere bleibt bei ihrem unwandelbaren Grundsätze, andern so viel Leides, als nur immer möglich, zuzufügen, wenn es nur dabei selbst in Sicherheit ist und wechselt blos bei der Anwendung desselben, nach Maßgabe der Umstände. Seine politischen Prinzips haben mit den konstitutionellen gar nichts gemein. Die Konstitution besteht für sich allein, für das Beste der großen Znselfamtlie, und da sie zu dem Gedeihen des Staates beiträgt, so muß man sich wohl hüten, sie bei einem andern Volke aufkommen zu lassen, muß hierbei unaufhörliche Hindernisse ins Geheim in de» Weg legen, sobald große Betrachtungen es verhindern solches öffentlich zu thun. Um sich einen Begriff von der englischen Konstitution zu machen, müßte man sich eine zahlreiche blühende Familie denken, die solches durch ihre innere Verfassung und durch gewisse, nur ganz eigends und ausschließend für sie vorhandene, die Liebe zu dieser Familie, den Haß jeder andern, so wie den Stolz und jedes Vorurrheil, das allen diesen Gefühlen noch höhere Kraft giebt, nährende Dorschrif- 84 t«n geworden Ist. So ist rs mit der englischen Konstitution. Mo» denke sich mm die Mitglieder dieser Familie mir Flinten bewaffnet und Immerwährend auf der Lauer, um, sobald sie die Vorübergehenden ungestraft auSplündcrn können, auf selbige zu schießen, so hat man eine richtige 2dee von ihrer Politik. In der ganzen civi- lisirten Welt soll nichts vorhanden soll, waS nicht England in irgend einer Art Gewinn brächte. Man muß für dasselbe arbeiten; die Bündnisse, welche es schließt, sind nur für den eignen Dortheil; so wie derselbe aufhört, werden die Allilrkcn aufgespfert und wie alte Feinde behandelt, die man vernichten muß, sobald nur einiger Gewinn daraus hervorgeht. Die Handelsvcrhältnisse empfinden dieses stillschweigend angenommene Prinzip, das man nie aus den Augen verliert. Von tausend Thalsachen nur eine gar merkwürdige, die ich darum wähle, weil sie nicht bekannt ist. Herr Perron, ein reisender französischer Handelsmann hat ein Schiff nach China befrachtet und geht mit englischen Kaufleuten unter Segel. Sie landen an der unbewohnten Insel Amsterdam. ES ist eben die Zeit im Jahre, da die Meerkälbcr in großer Menge auf der Insel sich befinden. Man tödter mehrere, um deren Pelz- werk zu bekommen. Herr Perron sicht, daß er eine einträgliche Spekulation machen kann. Er beschließt, sein Schiff nach China zu schicken, auf der Insel zu bleiben, dort Meerkälber zu schießen und ihre Häute zuzurichlen, um sie dann zu verkaufen. Das Schiff soll längstens nach Verlauf von sechs Monaten zurück kommen. Er bleibt demnach mit zwei Unglücksgefährten auf der Insel, indcsscn seine Eguipage und Ladung die Reise mit den Engländern sortsctzt. Der Handelsmann und seine beiden Gehülfen thun nichts, als daß sie aus Meerkälber Jagd machen und Hütten bauen, die ihnen zu Magazinen dienen. Lord Macartney landet sodann auf der Insel, um Wasser einzunehmen, wird von Herrn Perron sehr artig ausgenommen und behandeit, und, nach Mittheilung der gemachten Spekulation, ersucht, das Schiff sobald als möglich wieder zu schicken. Der Lord, welcher weiß, daß cs zwischen Frankreich und England mißlich steht, sagt als ein verschwiegner Gesandter seinem Winhe kein Wort davon und reist nach China ab. Es vergehen sechs, fiinszehln, zwanzig Monate — Herr Perron sieht nichts kommen. Während sieben und zwanzig Monaten geht kein einziges Schiff an seinem Horizonte vorüber. Endlich, nach Ablauf dieser Zeit, er- blickt er eines, bindet ein Tuch an eine Stange und schwingt es in der Luft, zum Zeichen der ihm nöthigen Hülse. Das Schiff wird rS gewahr, kommt näher und setzt, als es nahe am Lande ist, die Schaluppe aus. Herr Perron, der in seiner Ungeduld von dem Ufer hinüber, aber auS Unvorsichtigkeit zu kurz springt, fällt ins 85 Wasser, wird aber sogleich herausgczogen und befindet sich auf einem amerikanischen Schiffe. Er beschwört den Kapitain, seine Häute mitzunehmcn, oder sie holen zu lassen- Aber dieser hat für Guyana geladen und soll dort eine andere Ladung für die vereinten Staaten erhalten. Er macht Herrn Perron die Bemerkung, daß cs ihm leicht werden würde, mit Kauflcuten über diese Häute einen Handel abzuschließen, und diese sie dann abholen lassen würden, nimmt nun die drei Verbann»» auf und sobald sie nach **' kommen, zieht Herr Perron Erkundigungen über sein Schiff ein, erfährt aber, daß seine Reisegefährten sich desselben bemächtigt Härten. Man hatte Schiff und Ladung für gute Prise erklärt und eS mithin, blos nach dem Rechte des Stärker» und einzig nach Belieben derer, welche dieses Recht ausübtcn, schon vor erfolgter Kriegserklärung weggenommen. Er unterhandelt nun mir Kaufleuten über die Häute; es waren für 500000 Franken, die er dort liegen hatte. 2m Augenblicke der Abreise sieht man ein Schiff im Hafen landen. ES sind die unglücklichen Häute, welche eben ankommen. Wenig Tage nach dem Fortgänge des Herrn Perron war ein englisches Fahrzeug nach der 2nsrl Amsterdam gekommen; man hatte die Hütten untersucht und sie ausgcleert. Wem gehörten die Häute? Dem, der sie zuerst in Beschlag nimmt. Schiff und Ladung war konfiseirt worden, che der Krieg erklärt, die Mecrkälber, als er zu Ende war. Da gilt immer dieselbe Logik. Der Eigenthümer führt nun schon seit langen Zähren Prozeß, um eine Entschädigung zu erhalten — die Sache ist bet der Admiralität anhängig. Wenn man von den politischen Verhältnissen zu den gesellschaftlichen übergeht, so verdient der Engländer alles Lob. Er muß sehr von den Engländern im Ganzen unterschieden werden, ist dann tsolirt und in einer ganz andern Sphäre. tz. 47. 1. Juni 1816. Bei der Rüchkchr aus Italien ging Napoleon Inkognito durch ganz. Frankreich, und obschon er dreißig bis vierzig Millionen den öffentlichen Kaffe» Frankreichs und noch außerdem mehrere hundert Millionen in Meisterwerken der Kunst dem Lande cingebracht batte, so besaß er selbst doch kaum hunderttausend Thalcr. Das Institut hatte ihn zum Mitglied der mechanische» Klasse ernannt; daS war das Kostüm, welches er aunahm. Bd. z. S. IZy. Die Geringfügigkeit der Summen, welche der Ueberwinder Italiens für sich bchalcen hatte, ist allerdings merkwürdig und die Verwunderung darüber steigt, wenn mau seine Mäßigung mit dem Ver- halten der andern Generale vergleicht. Die Beweise dieser Be. 86 scheidenheit gehen aus der Verwendung seiner Mittel hervor; nämlich aus dem Ankäufe eines sehr gewöhnlichen auf der Straße Chantereine gelegenen Hauses und von Malmatson, das er von Herrn le Coutculx an sich brachte. Diese Enthaltsamkeit in einem Verhältnisse, wobei es ihm so leicht gewesen wäre, sich zu bereichern, macht die Gleichgültigkeit, womit er in der Folge das ungeheure Vermögen mehrerer seiner ^ -Offiziere ansah und die Straflosigkeit worinnen er sie ließ, um so ! unerklärlicher. Was das Kostüm des Instituts betrifft, das er bei den Festen, die man ihm gab, und bei den Diners trug, so war dies wohl eine besondere Feinheit von ihm, dazu dasjenige zu wählen, das am wenigsten auffiel. Die Direktorialregierung, welche durch Bonaparke gesiegt hatte, fürchtete nicht ohne Grund, daß dieser General sie ! vernichten werde und mußte wegen ihres Verhaltens gegen ihn in großer Verlegenheit scpn. Es war gefährlich, die Aufmerksamkeit der Menge auf ihn zu ziehen und eben so gefährlich, ihn zu vernachlässigen, ihn nicht zu belohnen. Dankbarkeit und Undank schienen mit gleich wichtigen Nachthellen zu drohen. Man ergriff die Parthei, welche man für die klügste hielt, nämlich die Siege durch Nationalfeste zu feiern und dem, der sie erfochten hatte, eine prunkvolle Audienz zu geben, in welcher er von Talleyrand, dem Minister der auswärtigen Verhältnisse, eingeführt wurde, auf welchen man sich wegen dessen, was gesagt und was mit Stillschweigen übergangen werden mußte, verlassen konnte; wie er denn auch wirklich dieses Vertrauen des Direktoriums vollkommen rechtfertigte. Bonaparte erriech die ganze Sache und begegnete allem durch ! das bescheidne Kleid des Instituts, dem er sagen konnte: Ach, ! mein Kleid, wie viel habe ich dir zu verdanken! Er fühlte sehr ! gut, daß er nichts dabei verlieren könne, wenn er die Sorge, ihm ^ das Kostüm des Sieges anzulegen, der Einbildungskraft der Zuschauer überließe. Sie überhäuften ihn mit Lorbeeren und mit Sie- gerkronrn und das Vermissen alles dessen, was an seine schönen Feldzüge in Italien erinnern konnte, brachte diese eben vor die gci« ^ stigen Augen und die nämliche Wirkung hervor, welche vormals die ! Abwesenheit des Cassius und des Brutus erzeugte — ec> ijisa Huoä ooir viciekaurur. tz. 48. 1. Juni 1816. Eine berühmte Frau fragte ihn, welches in seine» Augen hie grdßt« Frau unter den Lebendigen und Tobten in der Welt sei? — Die, welche die meisten Kinder gehabt hat, antwortete er. Bd. Z. S. 140. Diese Antwort Napoleons war allgemein bekannt, aber über die Person, der er sie gegeben haben sollte, bleiben die Meinungen verschieden. Sie wäre noch treffender gewesen, wenn Frau von Stael kein Kind gehabt hatte. Er erhielt selbst eine der nämlichen Art, die ganz vortrefflich und gewiß für die, welche so glücklich war, selbige zu ertheilen, nicht ohne Nutzen war. Es geschah dies bei dem Balle, den die Stadt bei Gelegenheit der Vermählung Napo» Kons mit der Erzherzogin Marie Luise gab. Man hatte Herrn Cardon, einen reichen Negozianten, als einen Mann genannt, der schnell zu einem großen Vermögen gelangt sei und die Mittel zu einer freiwilligen oder gezwungenen Anleihe besitze. Napoleon durchstreicht die zahlreiche und sehr lange Reihe von Damen, welche den Ball durch ihre Jugend, ihre Schönheit, oder auch durch die Eleganz und die Pracht ihres Anzugs schmücken. Jetzt bleibt er vor Madame C.... stehen, die noch recht schön ist, obschon sie viele Kinder gehabt hat und läßt sich ihren Namen angeben. So wie er denselben vernimmt, sagt er ihr, man wolle behaupten, daß sie sehr reich sei. ,,Ja, Sire, antwortete sie, ich habe zehen Kinder." Napoleon lächelt und geht weiter. ^ Was er zu Frau von Stael sagte, war vielleicht der Anfang zu den Feindseligkeiten zwischen beiden Personen. Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß die berühmte Fragerin ein, wenn auch nur indirektes Kompliment, Irgend eine Anspielung auf das Genie, auf das Talent einer Frau, die in der gelehrten Welt nicht unbekannt war, erwartete. Sie hatte dazu ein wohl begründetes Recht. Scart dessen verweist sie Napoleon sofort in ihre Dirch, schafc unter eine Heerde von Kindern! Man hat seitdem gesagt, sic hätte erwiedern sollen, daß ein so großer Menschenverbraucher, wie Napoleon, eine solche Antwort geben müsse. Diese Replik würde zehen oder zwölf Jahre später recht gut gewesen seyn, wäre aber zu der Zeit der Siege in Italien als unpassend erschienen, weil Bonaparte eine ungleich minder zahlreiche Armee als die>Oest- reicher, hiernächst aber auch damals auf das Ausheben der Truppen keinen Einfluß hatte. 88 h. 49. 1. Juni 181k. Ich bin sieten Jahre Lieutenant gewesen, und wie Sie sehen, kann man demungeachtet vorwärts kommen, Bd. ö. S. 7. Napoleon gab diese Antwort öfterer, wenn ein -Offizier sich über allzulangsame Beförderung beklagte, was immer bewies, daß die sieben Jahre als Lieutenant ihm noch auf der Seele lagen. Auch der General Rapp erhielt solche bei einer ähnlichen Gelegen» ^ heit, war aber glücklich genug so zu erwiedern, daß er sein Spiel gewann. „Eines TageS, so erzählt er selbst, bat Ich ihn, zwei -Offiziere zu befördern- „Ich will das nicht mehr, sagte er zu mir, der gottlose Bcrthier ist mir dabei schon zu weit gegangen." Zetzt wen» det er sich zu Lauriston- „Nicht wahr, Lauriston, zu unsrer Zeit ging das nicht so geschwind? Ich bin eine schöne Reihe von Zähren Lieutenant gewesen!" — Das ist wohl möglich, Sire, aber Sie haben nachher die verlorne Zeit ganz gut eingebracht. Er lachte herrlich über meine Entgegnung und bewilligte mir, was ich gebeten hatte," *) . §. . 10 . 2. Juni 1816- Herr de lg Bouillckle befand sich mit zehn und mehrerii Millionen, welche Napoleon angehbrten, in Orleans, und schaffte sie nach Paris, anstatt dieselben nach ffontaincbleau zu bringen. Bd. S. S. y. Man muß diese unvollständig erzählte Thatsache berichtigen. / Die Gelder, welche bei dem Vorrücken der Alliirten in Sicherheit ! gebracht und daher von Paris fortgeschafft werden mußten, waren i beträchtlich und noch größeren Gefahren ausgesetzt, sobald sie für das persönliche Eigenthum Napoleons, als wenn sie für einen Theil ! des Staatsschatzes galten, da die Alliirten erklärten, daß sie nur ; die Feinde des Kaisers wären. Inzwischen möchte es auch keine große politische Ketzerei seyn, wenn man glaubte, daß sie diese Gelder, sobald sie sich ihrer bemächtigt hätten, ohne bedeutende Gewissensbisse und ohne Unruhe über die Rechte und Titel des Eigen« i thümers, für gute Prise erklärt haben würden. Sie haben später« ! hin bewiesen, daß dergleichen Skrupel sie nicht plagten, und daß sie weder die Invasion noch den Rückzug aus eigne Kosten machen wollten. Aber sie wußten nichts von diesen Geldern und ihre Sachen ') dlsmoii-e» ,I„ Okttci-.il 140. — 89 — standen auch noch nicht sicher genug, um sich derselben bemächtigen zu können. Dem allen sei wie ihm wolle; Herr von T...., der so gescheut gewesen war, die Kaiserin, die Minister und die Groß- würdecräger sortzuschicken, sich selbst aber von dieser Maßregel auszunehmen, wußte sehr gut, daß die ihrem Ende sich nahende Regierung, bei der Veränderung ihres Aufenthalts, hatte Gelder forc- schaffen lassen. Die provisorische Commission wurde daher sofort hiervon unterrichtet und schickte sogleich einen Commissarius mic einer respektablen Eskorte nach -Orleans. Herr de la Bouillerie übergab alsbald den Schatz, oder trennte sich nicht von demselben, ich weiß das nicht zu sagen. Einige Minuten später erschien eine Reklamation Napoleons, der, nach erlangter Nachricht, wo man seine Gelder hingeschafft habe, von Fontainebleau nach -Orleans sendete, um sie in Empfang zu nehmen, aber man kam zu spät, und was das Uebel unheilbar machte, er war schon nicht mehr der Stärkere. Die Gelder gingen nach Paris zurück. Herrn de la Bouillerie stand, bei dem Verdienste sie ihrem Eigenthümer zurück zu geben, wenn sie wirklich einen solchen hatten, oder sie der neuen Regierung auszuliefern, keine Wahl mehr frei, denn er handelte nicht mehr nach eignem Ermessen. Unter diesen Umständen erscheinen die Vorwürfe, die ihm gemacht worden, als ungegründet, selbst wenn man voraussetzen wollte, daß das Loos dieser Gelder mir seinen Wünschen übereingekom- men sei, denn er hatte keinen Willen bei der Sache. §. 51. 6. Juni 1816.' Chambure's Freicompagnic. Bd. 6. S. 18- In den Memoiren des Generals Rapp *) findet man sehr Interessante Nachrichten über den Heldenmuth dieses Kapicains. Man nannte seine auserlesene Truppe die verlornen Kinder, weil sie sich den augenscheinlichsten Gefahren ohne Zögern aussetzten. Unter steter Anführung Chambure's benutzten sie bald die dichte Finsterniß der Nacht, um in einem Dorfe bei Danzig den ungleich starkern Feind zu überrumpeln und daraus zu vertreiben; bald drangen sie in die Laufgräben der Belagerer ein und warfen dieselben; bald nahmen sie eine von den Russen besetzte Schanze weg u. s. w. Der sonderbare Prozeß, den man ihm machte, weil er zwei eng« S. ZZc> der ersten Lieferung der Nemoiior äc- Loneem^oraini. i 82 Z. bei Gebrüder Bossange. 90 lischt Offiziere ausgcplündert haben sollte, die er im Gegentheil gerettet und gegen Ausplünderung geschützt hatte, und seine gegen das ausdrückliche Zeugniß, gegen die Erklärung ihrer Dankbarkeit erfolgte Verurcheilung, beweist die Blindheit des Parthcigeistes und was die Leidenschaft vermag, wenn sie ihre Ungerechtigkeit unter dem Stempel des unbilligsten und hirnlosesten Ausspruches ausübr. Chambure verlangte die Revision des Prozesses, sobald diese Leidenschaften einigermaßen zum Schweigen gebracht waren. Da der General Rapp den 29. März nach Straßdurg geschickt wurde und Napoleon bei seiner Rückkehr nur zweimal gesehen hat, so fand er keine Zeit ihm diesen Äapitain vorzustellcn. Man will sogar wissen, daß ihn Napoleon gar nicht gekannt und Chambure im Jahre 1815 seine Freicompagnie zu Bekämpfung der Alliirten aus eigner Bewegung errichtet habe. §. 52. 7. Juni 1816. Dev Kaiser äußerte, wie er sich überzeugt habe, daß viele Personen seiner Umgebung und seines Hofes zum größten Theile an die Albernheiten glaubten, die man auf seine Kosten ausgesprengt habe — daß sie sogar so weit gingen, daran zu zweifeln, ob auch die ganz schrecklichen Dinge, womit man sein Andenken beschimpfe, durchaus erlogen scyn möchten — daß er einen Panzer trage, daß er am Fatalismus hänge, daß er die Epilepsie habe, Pichcgrü auf seinen Befehl erwürgt worden sei u. s. w. Bd. ö. S. Wir haben schon bei anderer Gelegenheit von dem gegen Napoleon in der Mitte seines Hofes, selbst von den Seinen, von Menschen, die er mir Wohlthaten überhäuft hatte, angenommenen Verläumdungssyfteme gesprochen. Be! der Stellung der Personen, welche solches beobachteten, war es wohl etwas ganz Unbegreifliches. Wenn sie Napoleon verloren, so blieb ihnen gar nichts mehr übrig und sie handelten mithin ganz gegen ihr eignes Interesse. Ihr Verhalten war dabei sehr inkonsequent, indem sie durch Herabsetzung dessen, dem sie dienten, sich selbst herabsetzten, besonders da sie zu diesem Dienste keineswegs gezwungen waren und jedem frei stand, einen Hof zu »ermssen, wo bei jeder Erledigung einer Stelle sich tausend Ehrgeizige zu deren Erlangung meldeten. Der Grund eines so sonderbaren Benehmens kann nur in der beleidigten Eigenliebe gesunden werden. Napoleon schuf dadurch, daß er sich zum Kaiser machte, eine ungeheure Kluft zwischen sich und seiner nähern Umgebung. Er fühlte, daß man von ihm mehr als von andern für den Thron erzogner Fürsten fordern werde. Die letzter» nimmt man bet ihrem Zuvorkommen und wenn sie sich 9i gürig zeigen, nicht so streng beim Worte. Napoleon aber mußte dirü besorgen, er, der bei seiner Herkunft so viele Ebenbürtige Halle. Er schloß sich also ein, war an seinem Hofe nicht sehr zugänglich, blieb es gleichwohl für sein Heer, da er die Vertraulichkeit des Kriegers mehr als die deS Höflings liebte. Weil man ihn selten sah, so schloß man, daß er sich verberge und dann weiter, daß er irgend einen Grund habe, dies zu thun. Daher kam eben dies Gerücht von seinen epileptischen Zufällen, das sich vom Hofe in die Scadt und aus der Stadt in die Provinz verbreitete. Ich habe einen Militair gekannt, der Napoleon sehr ergeben war und gleichwohl steif und fest daran glaubte, daß derselbe an dieser schrecklichen Krankheit leide. Es wäre immer nur ein Unglück und kein Verbrechen gewesen, aber man mußte dock wissen, ob er wirklich mit einem solchen Ucbel behaftet sei. Der Militair, von dem ich spreche, war Page gewesen und glaubte, daß Napoleon die Epilepsie habe. Seine Beweise bestanden anfangs in der Allgemeinheit des Gerüchts, was aber nichts beweisen konnte, weil es ja eben darauf ankam, dieses Gerücht näher zu untersuchen und dessen Grund aufzufinden. Er erinnerte sich eines bcsondern Umstandes, wovon er beinahe selbst Zeuge gewesen war. Auf die Bitte, sich näher zu erklären und etwas Genaueres anzugeben, erzählte er, daß, als er im Schlosse gewohnt habe, man einst plötzlich die Thüre dcö Zimmers oder Kabiners von Napoleon zugemachc habe, und wie er nun nach der Ursache gefragt hätte, sei ihm ganz geheimnißvoll und ais ob dabet etwas zu verschweigen wäre, geantwortet worden; endlich aber habe ein Kammerherr, den er gut kenne, ihm ganz deutlich gesagt, daß es wohl wegen des Uebels, womit er geplagt sei, ge- schehen sepn möchte. Da ich die Wahrheit gern enthüllen wollte, so beredete ich den ehemaligen Pagen, mit mir zu jenem Kammerherrn, den ich ebenfalls kannte, zu gehen, besonders weil ich wußte, daß er oftmals bei den Soir-len in den Tuilerien Zutritt gehabt hatte und dann und wann zu Missiouen gebraucht worden war, welche eine Art von Vertrauen voraussetzen ließen. Wir begaben uns also zu ihm. Der Page erinnerte ihn an den Vorfall, von welchem er mir mir gesprochen hatte. Der Epkammerherr besann sich darauf und sagte zu ihm: „Wenn ich Sie am salzenden Tage wiedergesehcn hätte, so würde ich Ihnen haben sagen können, warum die Thüren des Zimmers so schnell zuaemacht wurden. Es geschah , weil man die mit Ungeduld erwarteten Depechen aus Rußland, in Betreff des Projekts der Vermählung einer Schwester des Kaisers Alexander mit Napoleon lesen wollte. Ich erfuhr es noch am Abend und ob ich gleich seitdem so manche Gelegenheit gefunden habe, zu erforsche», ob das, was ich glaubte, eben so wahr sei, wie 92 so viele andere Dinge, so habe ich doch nie etwas der Art ent. deckt und bin daher von meiner Meinung abgegangen." Es wäre ungleich wichtiger, Napoleon von andern Beschuldi- gungen zu reinigen. Die Vcrläumdung drückt sich ganz einfach und deutlich aus und findet stets Menschen, welche geneigt sind, Ihr ohne Beweis Glauben zu schenken. Nur wenn von etwas Gu« tem Rede ist, fordert man Beweise und zwar recht viele. Um eine Verläumdung zu widerlegen, mochte man lieber gleich ein ganzes Buch schreiben. Hat Pichegru sich selbst gehangen, oder wurde er mit Gewalt auf Napoleons Befehl erwürgt? Wie hat man es wissen können? Die Werkzeuge dieser angeblich an ihm verübten Gewalt hätten ein Interesse haben müssen, die Sache zu verheimlichen, sie hätten sehr verschwiegen seyn müssen. Wir können nichts thun, als die früher schon gemachte Bemerkung wiederholen, daß man seit 1814 wohl Zeit genug gehabt hätte, die Beweise der Napoleon schuld gegebenen Verbrechen bekannt zu machen und diese Beweise doch bis jetzt vergebens erwärm werden. H. 53. 8. Juni 1816 . Der Kaiser äußerte, er besorge, daß er nicht als ein Andächtiger cudcu werde und sage das mit Bedauern — sei» Unglaube entspringe ander Stärke seiner Vernunft. Bd. 6. S. 2i. Dieses Gespräch Napoleons Ist sehr merkwürdig. Er beklagt, zu wenig Religion zu haben, zeigt, von welchem Nutzen sie ihm auf seinem Felsen seyn, welchen Trost ihm ein religiöser Sinn gewähren würde, wie großen Nachtheil die Priester der Religion zufügen, wenn ihre Moral mit ihren Handlungen nicht übcreinstimmt. Wenn man dieses Kapitel und den Schluß desselben liest, so glaubt man, daß das Ende dieses Mannes doch von der Art seyn könne, wie er es sich wünscht. „Er ließ das Evangelium herbeiholen, laS ununterbrochen bis zu der Bergrede des Heilandes und sagte dann, er sei hingerissen, ganz entzückt von der Reinheit und erhabnen Schönheit dieser Moral." (Ebendaselbst S. 22.)' Durch die Erzählung alles dessen wird das Befremden über das Schauspiel, Napoleon mit religiösen Gefühlen sterben zu sehen, sehr vermindert. Nichts ist bei alle dem gewisser. Niemand von denen, die ihm gefolgt waren, hat cs gcläugnet und wir müssen in diesem Schweigen ein Zeichen der Achtung für das Andenken eines Mannes erkennen, der für gewisse Menschen zwar ein Gegenstand des Hasses, für niemand aber ein lächerlicher seyn kann, zugleich aber 93 auch darinnen einen Beweis der Rücksichten finden, welche die andern schönen Geister verdienen und erhalten, wenn sie als starke Geister bei vollkommner Gesundheit sich brüsten, recht heroisch sterben zu wollen. §. 54. Das Direktorium — Rewbell — Moulin. 9. 2uni 1816. Rewbell hatte bei de» Berathmige» fest immer großen Einfluß, hing sehr von Vorurthcilcn ab. Noch ist die Frage ungelöst, ob er sich während des Direktoriums bereichert habe, oder nicht. Vd. ü. S. 25. Napoleon spricht von diesem Direktor auf eine Weise, die allerdings wegen ihrer Mäßigung merkwürdig ist, da er persönlich nicht eben Ursache hatte, mit ihm zufrieden zu seyn. Er hatte mit ihm im Direktor!» eine sehr lebhafte Diskussion über gewisse Maßregeln, die durch Truppen genommen und unterstützt werden sollten. Bonaparte war General cn Chef, mithin ein Mann, der eine gewisse Autorität hatte und der einem Direktor leicht einiges Mißtrauen einfiösen konnte. Er wurde nach und nach immer heftiger und drohetc, seinen Abschied zu nehmen. Rewbell, der eigentlich nicht viel Geduld hatte, lies ihn reden, ohne ihn z» unterbrechen, streckte aber immer den Arm vor sich hin und hielt dabei eine Feder in der Hand. Als der General geendet hatte, reichte ihm Rewbell die Feder und sagte mit seinem teutschen Accente: „Da, Bürger. General! unterschreiben Sie, unterschreiben Sic Ihr Abschiedsgesuch; die Nation ist noch nicht so unglücklich, daß sie nicht Generale finden könnte, die eben so gute Republikaner sind wie Sie." Der General hütete sich aber, ihn beim Worte zu nehmen. Was die Geldverschwendung betrifft, die man Rewbell wie den mehresten andern Direktoren Schuld giebt, so scheint eS, als ob er deshalb keinen Vorwurf verdiene, und dir hierüber von Napolecn aufgeworfene Frage zu seinen Gunsten gelöste worden sei; wenigstens erkennt man diese Gunst in der Meinung, welche ein sehr rechtlicher und unbestechlicher Mann, der mit Rewbell in vertraulichen Verhältnissen lebte, von ihm hegte. Herr Cadec de Vanx erzählt nämlich eine Menge von Zügen, welche deö alrcn Advokaten von Colmar strenge Rechtschaffenheit darthun. Die Reihenfolge der Direkcorcn unter sich, das heißt der fünfMän» ner, denen das Schicksal von Frankreich anvertraut war und die mithin wohl aus der Zahl derer gewählt werden mußten, welche den besten Ruf, die größten Talente und die vorzüglichsten Eigenschaften besaßen, bleibt etwas höchst merkwürdiges. Der Constquenz nach 94 hätte man stets von dem anerkannten auf den noch aner- kanncern sortgehcn sollen, aber cs kam dabei ganz anders. Mou- lin folgte auf Carnot und jedermann mußte sonach glauben, daß man von dem Bekannten zu dem Unbekannten übergehen wolle. Darf ich mir wobl erlauben, einen Zug zu erwähnen, der wohl geeignet ist, einen Begriff von der Erziehung zu geben, die dieser brave Bürger gehabt hatte und der Höflichkeit, die er bei den öffentlichen Audienzen bewies? — Die Sache läßt sich freilich nicht gut erzählen und gleichwohl gewährt sie ein Bild von den Sitten und dem Tone der damaligen Zeit. 2ch ersuche daher meine zartfühlenden Leser, sogleich zu einem andern Artikel weiter zu gehen. Madame Rou.... erscheint eines Tages in der Audienz des Direktor Moulin mit einer Bittschrift, worinnen sie darum ansucht, einen ihrer Freunde, der auf der Emigrantenliste stehe, uncer Sur- veillance zu setzen. Der Gegenstand des Gesuchs war am Rande angegeben und der Direktor liest ihn. Bei dem Worte Emigrirter ruft er aus: Emigriere! sch — auf die Emigrieren! und wirft dabet mit größter Heftigkeit das Papier nach ihr. Madame R.... erfaßt es, verneigt sich tief und sagt zu Moulin: Bürger-Direktor, Sie sprechen wie mein H.... Nach diesen Worten geht sie ganz gravitätisch ab, läßt den vornehmen Mann ohne Zweifel in großer Verwunderung über ihre Antwort und das Publikum erstaunt über das kurze Gespräch. Doch muß man zu Moulins Lobe sagen, daß er Madame R..., welche uns die Geschichte mitgetheilt hat, nichts zu Leide thun ließ. §. 55. 9. 2uni 1816. Carnot bewies stets einen großen moralischen Much. Bd. 6. S. 26. Carnot ist vielleicht einer der Menschen, die man am übelsten beurtheilt hat, die man am übelsten beurtheilen mußte und deren Beispiel wohl dazu dienen könnte, die Liebe zur Pflichterfüllung zu mindern. Er wurde oft zum Besten gehabt und glaubte an die Tugend derer, die ihn zum Besten hatten. Carnots Charakter verdient studirt zu werden. Wir wollen das recht unparcheiisch thun, unbesorgt, ob wir vielen Menschen dabei gefallen möchten. Wunderbar, daß der Verfasser den Königsmord vergißt, oder zu vergessen siel, das Ansehen giebt — ein Verbrechen, bei dem alles Lob verschwinden muß. 95 Es giebt eine gewisse Klasse von Menschen, welche Ändern gar nicht ähnlich sind, sich anch einander selbst nicht einmal gleichen und die man Sonderlinge nennen könnte. Sie haben in ihrem Be» nehmen gewisse angenommene Grundsätze, von denen sie nie abweichen, die keine Ausnahme zulassen und hiernächst, in der Gesellschaft, ausgesprochene Begriffe, wenn man sie so nennen darf, auf welche sie alles was sie sehen, hören und wahrnehmen, zu beziehen pflegen. Wenn sie schon bisweilen ganz verkehrt urtheilen, so handeln sie doch dabei vollkommen ehrlich. Sie könnten auf die rechtlichste Weise ein Verbrechen begehen, ohne zu ahnen, daß es ein Verbrechen sei. Man findet sic immer auf demselben Wege. Sie gehen ihren Gang vor sich hin, ohne, wie es scheint, rechts oder links zu sehen und sich im geringsten von der geraden Linie abbringen zu lassen, wenn es anch ihr Interesse oder ihre Sicherheit fordern sollte. Unter diesen Sonderlingen giebt es einige, die viele Gelehrsamkeit und überhaupt große Fähigkeiten besitzen, von rechtschaffnem Sinn, aufrichtigem Gemülhe und erhabner Denkart sind, und wenn sie nicht an jenen selbst geschaffnen Grundsätzen hingen, nicht dadurch ohne alle Nachgiebigkeit, nicht Lieblingsmeinungen und dem Vorurcheil ausgeseyt wären, nicht alles über einen Leisten schlügen, wohl geeignet seyn müßten, an der Spitze der Staatsangelegenheiten zu stehen. Zu dieser Klasse und zwar dem ehrenwerthesten Theile rechne ich Carnoc, der außer jenen Eigenschaften noch andre seltene Tugenden, Gucmüthigkeit, eine große Sittcneinfalr und sehr viel Liebenswürdiges in dem vertraulichen Umgänge mit ihm besaß. Wer hätte wohl in der Zeit, da sein bloßer Name schon ein Schrecken war, geahnec, daß er recht niedliche Verse und Gedichte mache. Hartnäckigkeit und Festigkeit des Charakters sind zwei sehr ver- schiedne Dinge, so oft man sie auch verwechselt. Carnot, der gegen das lebenslängliche Konsulat, gegen die Verwandlung des ehrgeizigen Konsuls in einen Kaiser stimmt und hierbei seine Gründe ohne Furcht aussprichc, dieser Carnot zeigt Festigkeit, die öffentliche Achtung folgt dem in Ungnade Gcfallnen und wird sein Lohn. Aber in dem Verhalten, wovon ich eben sprechen will, liegt nur Hartnäckigkeit, welche beweist, daß er die Menschen wenig kannte und sie schlecht beurtheilce, weil er annahm, daß sie nach Grundsätzen handelten. Ein Zug aus dem wenig bekannten Leben CarnotS macht seinem Scharfsinne, der damals durch den Instinkt der Sclbstcrhaltung aufgeregt seyn mußte, wenig Ehre, wird aber zu einem sichern Belege der Meinung, die ich mir über ihn gebildet habe. Das Ereigniß fällt in die Zeit vor seiner Ausstoßung aus dem Direkcorio. Es bedurfte keiner großen Klugheit, um sich recht bald zu überzeugen, daß in Hinsicht auf Jntrigue mit Carnot nichts anzufangen war. Weil nun die Rankestifter mit ihm nicht gemeinschaftliche Sache machen konnten, so wollten sie ihn auch nicht als Gegner dulden und eilten daher, die Maßregel der Proscription, welche sie zu Ausführung ihres Komploks beabsichtigten, auch auf ihn auszudehnen. Er wurde zu mehrernmale» gewarnt, achtete es aber nicht, weil es ihm unmöglich schien, daß die Konstitution so sehr verletzt werden könne, und noch dazu von denen verletzt werden könne, welche die Pflicht hatten, sie aufrecht zu erhalten. AlS man nun sah, wie sorglos er sei, wendete man sich an den Mann, der als sein näherer Freund dessen besonderes Vertrauen besaß. Man gab demselben Beweise, die wegen des Vorhabens, Carnot zu verhaften, keinen Zweifel übrig ließen, brachte es dahin, daß selbiger jene gegründeten Besorgnisse theilte und alles, was nur in seinen Kräften stand, anzuwenden versprach, um den Direktor klar sehen zu lassen. Man konnte um so sicherer aus ihn rechnen, da sei» Loos von dem Schicksale Carnots abhing. Er hielt Wort, doch sollte man cs wohl glauben, daß Carnot bei jedem Beweise nichts antwortete, als: Aber die Konstitution! es ist ja unmöglich. Er begriff durchaus nicht, daß die Menschen, welche jene Konstitution beschworen hatten und für deren Erhaltung sorgen sollten, die Absicht haben könnten, sie zu brechen. Unter ihrer Aegide hielt er sich für unverwundbar. Herr * " war In Verzweiflung über diese Antwort und wußte nicht, zu welchem Heiligen er seine Zuflucht nehmen solle. Man gab ihm Nachricht von dem Tage und der Stunde, wenn Carnoc arretirt werden solle. Da er Direktor ist- so muß ein General die dazu beorderte Mannschaft kommandiren, denn man will nicht gegen die Honneurs verstoßen, die seinem Range zukommen. Der Name de» Generals, die Namen der Offiziere, welche den Befehl vollziehen sollen, die Scärke der Mannschaft, alles ist genau angegeben und wird Carnot gehörig hinterbracht. Unglücklicherweise ist der kommandirende Offizier einer seiner nähern Bekannten, der für ihn besondere Verbindlichkeiten hat. Dieser Umstand vermehre die Ungläubigkeit Carnots, der weder an Undank noch an Eidcsbruch glauben mag. Man hatte die Stunde gewählt, in der Carnoc gewöhnlich zu Hause war. Er wohnte gleich seinen Kollegen im Palaste Luxemburg. Jeder hatte zum eignen Gebrauch einen mit der Wohnung in Verbindung stehenden Garten, an dem fraglichen Tage drückte Napoleon das Verlangen aus, zu wissen, was man wohl nach seinem Tode von ihm sagen werde? Die Heuchelei hatte jetzt eine schöne Gelegenheit, ihren Weihrauch dampfen zu lassen. Man benutzte sie bestens, sprach von Ruhm - und Lorbeeren, von Triumphen und den Posaunen der Fama, von ^ der Unsterblichkeit und ich weiß nicht wovon noch sonst. Die Ver- , göktcrung, mit allen den Gemeinplätzen, die so selten ihre Wirkung verfehlen, kam in allen Antworten vor. Man nahm den Helden des Alterthums ihre Kränze, um einen für Napoleon daraus zu flechten. Alexander und Cäsar schwanden in die Dunkelheit. Na- ! polcon ließ den Strom seines Preises rauschen, ohne zn verrarhcn, ob er zufrieden damit sei oder nicht. Dann trat er vor und sprach: „Nichts von dem allen. Narrcnspossen! Sie Habens nicht getroffen. 2ch will 2hnen sagen, wie man sprechen wird, wenn ich nicht 105 mehr seyn werde." Er bog jetzt den Körper vorwärts, nahm die Stellung eines Menschen an, der eben eine für seine Schultern zu schwere Last abladet und ruft Ah! indem er seiner Stimme den Ton gab, der diesen Ausruf recht kräftig machen sollte. Ahs wiederholte er nochmals. Sehen Sie, so wird man es machen. — England, Sire! erwiederte auf einmal der Fürst Benevenr. Und so hatte man es England und vor allem dem gewandten Manne zu danken, der es hier so geschickt anzubringen wußte, daß die Gesellschaft aus der Verlegenheit war. Der Preiß wegen aller Lobsprüche wurde dem zuerkannt, der vorher ganz geschwiegen, und als man nicht mehr an baS Loben dachte, nur dies eine Wort ausgesprochen hatte. Schwerlich wird er in irgend einem andern Verhältnisse seines Lebens einen größern Nutzen von England gezogen haben. §. 60. 17. 2uni 1816. Herr von F. beugte sich vor dem Ungewittcr, ging aber nichts destowenl- ger den alten beliebten Gang. Dieser Großmeister der Universität hatte sich berühmt, er habe die Absichten Napoleons entstellt und gehindert. Bd. 6. S. 86. Napoleon sagte mehrmals, wenn von Personen die Rede war, die er erhoben hatte, und die seinen Erwartungen nicht entsprachen-. er ist einer von meinen Irrthümern. Herr von F. war ein merkwürdiger Irrthum. Da er aber die Gabe zu loben in sehr hohem Grade besaß, da er von allen Schmeichlern Napoleons ohne Zweifel der beredteste, der geschickteste und derjenige war, welcher die größte Ergebenheit heuchelte, so ist nicht zu verwundern, daß er den Gegenstand dieser Ergebenheit hinters Licht führte. Man urtheile von diesem Manne nach folgendem Zuge. Herr Esmenard, der einen sehr schlechten Ruf (jedoch nicht von Seiten des Talents) harte, gesellte sich den Kandidaten zu, welche sich um eine erledigte Stelle im Institute bewarben. Der Polizeiminister, dem er attachirt war, wünschte seine Ernennung und man hörte bald, daß seine Wahl dem Kaiser angenehm seyn würde. Herr E. hatte Herrn von F. eine blutige Beleidigung zugesügt. Elfterer bedurfte die Stimme des Zweiten, deren Einfluß auf dessen Collegen sehr bedeutend war und mithin mehrere Stimmen nach sich zog. Herr *** ein Mitglied des Instituts, hatte jedoch von jener Herrn F. zugefügten Beleidigung gehört und ging, um die Wahrheit zu erfahren, zu ihm. Er hielt deshalb Nachfrage, erklärte, daß wenn die Sache gegründet sei, Herr E. seine Stimme nicht bekommen würde und Herr F. antwortete hierauf: „Alles was ich Ihnen sagen kann, ist, daß ich ihm die mcinigc gebe» werde." Man hac ln einigen von Herr» F. gehaltenen Reden schöne Wendungen, gewisse edle Gedanken wahrgenommen. Er verdankt das seinem Freunde Herrn von C_, der ihm alle zu schmctchel' hafte Reden und alle Ausdrücke wegstrcichen lies, die eine gar zu niedrige Heuchelei athmctcn. §- 61 . Krieg gegen Rußland — unglücklicher Rückzug. Bd. 6. S. 8y- Der General Rapp war einer von denen, (und man darf glauben, daß er doch wohl nicht der einzige gewesen ist) welche Napo- leon die Wahrheit nie verbargen; er hatte aber vielleicht allein das Verdienst, nicht blos die Gelegenheit hierzu zu erwarten, sondern selbige sogar herbei zu rufen. Er wurde zu mehrernmalen über den Krieg gegen Rußland befragt und antworrece jederzeit, daß man den Plan, solchen zu unternehmen, ausgeben möchte. Es wäre von großem Werthe, die Ursachen jenes Krieges zu kennen, in welchem daS Glück Napoleon anzudeulen schien, daß cs müde sei, seine Gunst an ihn zu verschwenden und daß sein Loos sich wenden werde. Wenn er durch falsche Berichte getäuscht wurde, so sprach doch der General Rapp mit der lobeoSwcrthesten Freimüthigkeit die Wahrheit aus: „Man fragte mich oft, so erzählt er, über die moralische Lage Deutschlands. 2ch schilderte sie, wie sie war, niedergedrückt, rui» nirt, aufs Aeußerste gebracht. 2ch bezeichnet? jene geheimen Gesellschaften, in welchen die ganze Nation sich aufnehmcn ließ, wo der Haß die Rache vorbereitete, wo die Verzweiflung sich vereinte und ihre Kräfte berechnete. Allein Napoleon fand diese Vereine lächerlich. Er kannte die Deutschen wenig, traute ihnen weder Kraft noch Energie zu und erfuhr zu spät, wessen sie fähig waren. So wollte man auch oft von mir wissen, was in Rußland vorgche, welche Vewandniß es mit der Armee habe, die sich bet Wilna zusammen zog. Man verlangte meine Meinung über die Frage, was diese Nation, so wie auch was Deutschland thun würde, im Fall eine Unternehmung jenseits des Niemen übel ausfiele, oder gänzlich scheitern sollte. 2ch antwortete Wort für Wort (schwerlich wird man an eine Prophezethung glauben, die leider! so richtig cingetrof- srn ist): Wenn Ew. Majestät ein Unglück haben sollten, so können Sie versichert seyn, daß Russen und Deutsche sich in Masse erheben würden, um ihr 2och abzuschütteln; eS würde ein wahrer Krcuz- zug werden. Der König von Baiern, auf den Sie so sehr rechnen, würde sich sogar der Koalition anschließen. 2ch nehme niemand aus, als den König von Sachsen. Dieser möchte 2hnen vielleicht treu bleiben; aber seine Unterkhancn würden ihn zwingen, auch gemeinschaftliche Sache mit 2hrcn Feinden zu machen." Die Art, wie die Frage gekeilt wurde, ist merkwürdig. Man nahm dabet die Möglichkeit, nicht blos eines Verlustes, sondern einer gänzlichen Niederlage an. Es scheint, daß man eine Art von Vorgefühl hatte und Napoleon anstng, an seinem Glücke zu zweifeln. Er war mit jenem Berichte nicht zufrieden und blieb lange verdrießlich. Inzwischen harte er zu Danzig eine Privatunterredung mit Rapp, wovon dieser folgendermaßen Kunde giebc: Er that mancherlei Fragen über den Festungsdienft an mich. Sobald er aber angezogcn war und sein Kammerdiener hinaus ging, sprach er: „Nun Herr General Rapp, die Preußen sind, wie Sie sehen, unsre Alliirten, die -Oesterreicher werden es nächstens auch seyn." — Leider, Sire! fügen wir als Alliirte viel Böses zu; ich erhalte von allen Seiten Klagen über unsre Truppen. — „Das ist ein Strom, welcher schnell vorüber geht. Zch werde sehen, ob Alexander den Krieg wirklich will, und ihn vermeiden, wenn ich cs kann." — Des Abends hatte ich die Ehre, mit Napoleon, dem Könige von Neapel und dem Fürsten von Neufchatel zu speisen. Napoleon schwieg lange; auf einmal fragte er mich: „Wie weit ist es von Danzig bis nach Cadix?" — Zu weit, Sire! — „-O ich verstehe Sie, Herr General! und doch werden wir in einigen Monaten noch viel weiter davon seyn." — Desto schlimmer. — Der König von Neapel und der Fürst von Neufchatel sagten kein Dort. „Ich sehe wohl, meine Herren, erwiederte Napoleon, Sie haben keine Lust mehr Krieg zu führen. Der König von Neapel will sein schönes Land nicht verlassen, Berthier möchte lieber zu Gros- Bois auf die Jagd gehen und Rapp sein kostbares Hocel in Paris bewohnen." — Ich wills gestehen, Sire! Ew. Majestät haben mich nicht verzogen; bis jetzt kenne ich die Freuden der Hauptstadt noch sehr wenig. — Murat und Berthier sprachen sorcan auch nicht eine Sylbe und sahen ganz betroffen aus. Nach der Tafel äußerten sie mir, ich hätte wohl daran gethav, Napoleon das zu sagen. „Recht gut, antwortete ich, aber Sie hätten mich nicht sollen so ganz allein sprechen lassen." Einige Tage nachher setzte Napoleon, Im Gespräche mit Murat, den Generalen Bclliard und Flahaud, seind Pläne auseinander. „Wenn Alexander, so sprach er, darauf besteht, die Verträge, welche wir geschlossen haben, nicht zu erfüllen, wenn er auf meine letzten Vorschläge nicht eingeht, so setze ich über den Niemcn, schlage ihn, nehme Russisch-Polen weg, vereinige es mit dem Groß- herzogthume, bilde davon ein Königreich und lasse SOOOO Mann daselbst, welche das Land ernähren muß. Die Einwohner wünschen wieder eine Nation zu seyn; sie sind kriegerisch, werden zusammen halten und bald ein zahlreiches, krieggewohntes Heer ausbringcn. Es fehlt den Polen an Waffe»; ich werde sie ihnen geben; sie wer» den die Russen zügeln und ein« kräftige Vormauer gegen dir Eindrücke der Kosaken seyn." Die Vorschläge, von denen der Kaiser sprach, wurden nicht angenommen. Die Russen beschwerten sich über unsere Streitkrafte, unsere kommerziellen Maßregeln und verlangten, daß wir Deutschland räumen sollten. Bei allem wahren Enthusiasmus der Polen, die mit Entzücken die Möglichkeit ihrer Befreiung, ihrer Rückkehr zur Unabhängigkeit, daS Wtedererwachen ihres Vaterlandes erkannten; bei der unglaublichen Thätigkeit Napoleons, der überall war, alles zugleich umfaßte, die Bewegungen der Truppen, die Verwalcungsangelegenhei- ren, die Dorsichts- und Sicherheitsmaßregeln, rheilte der General Rapp doch keineswegs die allgemeinen Hoffnungen. „Die geschlagenen Russen zogen sich zurück und steckten dabei die von ihnen verlassenen Städte und Dörfer in Brand. Vor allem drangen die Feuerströme aus den Kirchen hervor. Die hohen Dome, die Thurmspitzen und die Menge kleiner Thürmchen, welche über die brennenden Ortschaften emporragtcn, trugen das ihrige zu den Gefühlen bei, die besonders auf dem Schlachtfelde sich dem Herzen oft un> erklärlich gestalten. So drangen wir bis nach SmolenSk vor. Es lag zur Hälfte In der Asche und war mit dichten Haufen von Leichnamen und Verwundeten, welche die Flammen schon erreichten, angefüllt. Ein gräßlicher Anblick I — Welch ein Gefolge hat doch der Ruhm!" — Das russische Heer wird verfolgt und würde ohne die Fehler, welche Zunot beging, vernichtet worden seyn. Napoleon sagte bei dieser Gelegenheit zu Rapp: „Er ist Schuld, daß die Russen daS Gewehr nicht gestreckt haben, und wird mich vielleicht hindern, nach Moskau zu gehen!" — Ew. Majestät sprachen von Moskau; die Armee erwartet ein solches Unternehmen nicht. — „ Der Wein ist einmal eingeschenkt, man muß ihn trinken. Ich habe eben gute Nachrichten erhalten." Einige Tage später schlafen Rapp und Napoleon unter einem Zelte — es ist die Nacht vor der Schlackt und Letzterer sagt zu seinem Adjutanten: „Nun, Rapp, glaubst Du, daß wir heute gute Geschäfte machen werden?" — Daran ist nicht zu zweifeln, Sire! wir haben ja alle unsre Mittel erschöpft, sind ja gezwungen zu siegen. — Die Fortuna ist eine feile Metze; ich habe es oft gesagt und fange an es zu erfahren. — Ew. Majestät erinnern Sich, daß Sie mir äußerten, der Wein sei eingeschenkt, man müsse ihn auslrinken. Das ist jetzt mehr als je der Fall, zum Umkehren wäre es zu spät. Uebrigens kennt die Armee ihre Lage, sie weiß, daß sie nur erst in Moskau Lebensmittel finden kann und bis da. hin nicht mehr als 30 Stunden sind. — „Diese arme Armee! Sie ist sehr zusammen geschmolzen, aber der Rest ist gut; meine Garden sind noch im besten Stande." Die Schlacht wurde geschlagen, gewonnen, kostete viel und eS zeigte sich nun ein lockender Köder, dem inan nicht widerstehen konnte — der Besitz von Moskau. Bald wird die Stadt durch Ansteckung zu einem Aschenhaufen. Die Russen glaubten, als sie das Feuer anlegten, ganz gewiß, der Feind werde sich sogleich zu« rückziehen. Aber es war anders; dieses unerklärliche Bleiben, das so unglückliche Folgen hatte, ist einer von den ganz unbegreiflichen Fehlern, für welche man noch vergebens eine Entschuldigung sucht. Rapp erhielt in dieser Schlacht vier Wunden. Die vierte, in Allem die zwei und zwanzigste, setzte ihn für den Augenblick außer Dienstfähigkcit. Napoleon schickte ihm seinen Wundarzt und be. suchte ihn selbst. „ Du kommst doch immer daran!" sprach er zu ihm. Sobald Moskau zerstört war, hatte man keinen Vortheil mehr davon, die Ruinen zu behalten. Alle Welk glaubte, man müsse es verlassen, aber über das, was zu thun sei, waren die Meinungen sehr verschieden. Eugen behauptete, man müsse auf Petersburg los gehen. Mchrcrcs noch wurde in Vorschlag gebracht. Nur dcrje« nige, welcher die Frage allein entscheiden konnte, schwieg. Der Ge« neral Rapp glaubt, daß er seine besonder,! Gründe gehabt habe. „Man hat sehr viel, sagt er, über dieses Verweilen gesprochen.. Es war ein Fehler, die Folge hat das bestätigt, aber alle diese Schreier waren nicht in das Geheimniß der Geschäfte und der Unterhandlungen eingcdrnngen. Sie können immerhin, ohne die Bescheidenheit zu übertreiben, sich darauf verlassen, daß die Klughcir dieses großen Mannes nicht geringer war, als die, welche ihnen von der Natur zugetheilt ward *). Er hat sich gerauscht, wir Diese Bemerkung ist, in dem vorliegenden Falle, mehr scheinbar, als wahrhaft richtig. Auch mit einer gernigen Dosts von Klugheit er, kennt inan bisweilen bas Bessere, besonders bei dieser Sache, worinnen man nach dem Erfolge urtheilcn kann und bloS Zuschauer, nicht von den Gefühlen berauscht ist, welche der Sieg, die Eroberung eines Landes, der Besitz der Hauptstadt errege» u. s. w. Die klügste Partie, welche genommen werden konnte, war doch immer, zurückzugehen und schnell zurück zu gehen. Die Russen zweifelten nicht, daß es geschehen werde. Sie stellten sich auf, um den Feind bei seinem Rückzuge anzugreifen. Auf Petersburg loSzugchen, konnte für eine Tollheit gelte» u»d gleichwohl war diese Stadt haben die nachteiligen Folgen davon empfunden; aber man wird vielleicht in der Zukunft erfahren, welche Betrachtungen ihn irre leiteten. Mit einem Worte, man blieb, unterhandelte, schlug sich und es wurde bet alle dem nichts entschieden." Man merkt an dem Bestreben NapokonS, sich den Fehler, den er machte, selbst auszureden, daß er ihn wohl fühlte. Im Augen» blicke der Abreise führte er mit dem General Rapp folgendes Ge» sprach: „Nun, Rapp! wir ziehen uns also über Kaluga an die polnische Grenze zurück. Ich will gute Winterquartiere machen und hoffe, Alexander soll Frieden schließen." — Sie haben lange gemärter, Sire! Die Leute hier zu Lande prophezcihen einen streu» gen Winter. — „Ach mit Euren Leuten da! Wir haben heute den 19. -Oktober, sehen Sie doch nur wie schön es ist. Glauben Sie denn nicht an meinen guten Stern? Ich konnte ja nicht eher fort, als bis alle Kranke und Verwundete abgegangen waren; ich durste sie ja nicht der Duth der Russen Preiß geben!" — Doch glaube ich, Sire! Sie hatten besser gethan, sie in Moskau zurückzu« lassen. Die Russen würden ihnen nichts gethan haben, indessen sie vielleicht, aus Mangel an Pflege auf den Landstraßen umkommcn. Napoleon gab nichts zu, aber was 'er mir Beruhigendes sagte, täuschte ihn selbst nicht. Sein Gesicht zeigte offenbar seine innere Unruhe. Der Rückzug begann. „Kälte und Entbehrungen erreichten den höchsten Grad; die Stunde des Unglücks hatte geschlagen. Wir fanden unsre Verwunderen todt auf der Straße und die Russen, welche zu Viasma auf uns warteten. Die Soldaten rafften bei ihrem Anblick die letzten Kräfte zusammen, sie wurden geworfen. Aber alle Augenblicke neckte man uns, wir waren bei jedem Schritte genöthigt, feste Stellungen zu nehmen uud uns zu schlagen. Unser Marsch ging in einem Lande, das wir eigentlich mit Adlersschnclle durchfliegen sollten, nur langsam von statten. Die Witterung, der Hunger, die Kosaken, alle Ovalen die cö giebt, waren auf uns losgelassen. Die Armee ermattete unter der Last ihrer Leiden, die Straße war mit ihren Leichnamen bezeichnet und cs übersteigt jeden Begriff, was sie auszustehcn hatte." Man muß in den Memoiren des Generals die herrlichen Waffenkhaten Nachlesen, die unsre Trup» pen, so erschöpft sie waren, dennoch vollbrachten. Jetzt wollen wir aber sehen, welche Rolle Napoleon in dieser gefahrvollen Lage spielte. schlechter vcrtheidigt, alS die Straße nach Smolensk, wo sich alle russische Corps und die Kosaken vereinigten. Der große Fehler bleibt immer, daß man zögerte. 111 „Wir wohnten, sagt der General Rapp, zu Dombrowna bei einer rassischen Dame, welche den Much gehabt hatte, ihr Haus nicht zu verlassen. Ich hatte den Dienst. Der Kaiser ließ mich des Morgens rufen; er war höchst niedergeschlagen und freilich alles, was uns umgab, so gräßlich, daß eS wohl schwer gewesen wäre, nicht niedergeschlagen zu seyn. Er sagte zu mir: „Meine Sache geht sehr schlecht; diese armen Soldaten zerreißen mir daS Herz und ich kann gleichwohl nicht helfen!" Er war mit manchen Per» sonen unzufrieden, die ich nicht nennen will. „Welche Theater« könige, sprach er, ohne Energie, ohne Mtith, ohne moralische Kraft! Habe ich mick denn wirklich so sehr irren können?" — Wir ka« men jetzt nach Borisow und hatten weder Schiffbrücken noch Le« bensmittcl. Das große russische Heer ging vorwärts; Wittgenstein rückte heran und die Truppen aus der Moldau versperrten uns den Weg. Von allen Seiten waren wir umringt; unsre Lage wurde beispiellos schrecklich. Nur der Kops und der große Charakter des Kaisers war im Stande, uns zu retten. Eigentlich konnte kein Franzose, Napoleon selbst konnte nicht davon kommen. Da gab er Befehl zu dem falschen Angriffe, der uns rettete. Wir gingen einige Meilen vorwärts. Der General Mouton und ich brachten die Nacht gemeinschaftlich auf einer Handvoll Stroh zu. Der mor« gende Tag beschäftigte unsre Gedanken und unsre Betrachtungen waren nicht eben lustiger Arc. Um vier Uhr brachen wir wieder auf und erblickten bald die Wachtfeuer der Russen, welche daö jcn» seitige Ufer überdeckten. Wald und Sumpf war voll Russen, so weit man nur sehen konnte, sah man Russen. Der Strom war tief, schlammig, mit Eisschollen ganz bedeckt. Hier sollte der Ueber« gang erfolgen, hier mußte man hinüber — oder sich ergeben. Wir prophezeihten Böses. Der General Moucon drückte sich sehr frei« müthig aus. Schon oft hatte er dies selbst Napoleon gegenüber gethan. Dieser behandelte ihn wie einen Raisonneur, liebte ihn aber deshalb doch recht sehr. Ney nahm mich auf die Seite und sagte auf deutsch zu mir: „Unsre Lage ist unerhört; wenn sich Napoleon heute zu helfen weiß, so muß er den Teufel im Leibe haben." Wir waren in großer Besorgnis und es fehlte uns nicht an Gründen, es zu seyn. Der König von Neapel kam herbei und war nicht minder unruhig. „Ich habe dem Kaiser vorgeschlagen, er soll seine Person retten, soll einige Meilen von hier über den Fluß gehen Ich habe Polen, die mir für den Erfolg bürgen und ihn glücklich bis Wilna bringen werden. Aber er will nichts von der Sache wissen, man darf gar nicht einmal davon sprechen. 2ch zweifle meinerseits, daß wir uns retten können. Wir waren alle drei derselben Meinung. Murak fuhr fort: „Wir setzen alle über den Strom; vom Ergeben ist nicht Rede." Zudem wir so zusammen sprachen, sehen wir den Feind im vollen Marsche. Seine Massen sind verschwunden, die Wachtfeuer verlöscht. Man erblickt nur noch den Nachtrab der Colonnen, der sich nun auch im Walde verliert und fünf bis sechshundert Kosaken, die In der Ebene umherschwärmen. Wir betrachten die Scene mit dem Augcnglase und überzeugen uns, daß das Lager aufgehoben Ist. Ich trete hinein zu Napoleon, der eben mit dem Marschall -Oudi- not spricht. „Sire! der Feind hat seine Stellung verlassen." — „Nicht möglich!" Jetzt tritt der König von Neapel und der Marschall Ney rin; beide bestätigen meine Meldung. Der Kaiser geht aus der Barake und wirse einen Blick aus daS jenseitige Ufer des Stroms. „Ich habe Tschitschakoff angeführt. Er glaubt mich dort, wo ich den falschen Angriff angcordnec habe und eilt auf Bosilow los." Seine Augen blitzten vor Freude und Ungeduld. Er befiehlt, eiligst Brücken zu schlagen und etwa zwanzig Kanonen als Batterie aufzustellen. Er läßt dann ungefähr sechzig Mann unter Anführung des -Obersten Iaqueminot überschwimmen. Sie wagen sich sehr zur Unzeit an die Verfolgung der Kosaken; einer von denselben wird gefangen, ausgefragt und man erfährt von ihm, auf welchem Punkte sich Napoleon befindet. Tschitschakoff komme zurück; aber es ist nun schon zu spät — Napoleon, seine Garden, Ney, -Oudinot und alle Truppen, welche diese Marschälle noch haben, sind bereits übergcgangen. Der russische General,.ist ganz verblüfft, daß er seine erste Stellung verlassen hat und vergißt darüber die Sümpfe von Lemblin- Die Brücke, welche fünfviertel Stunde Wegs über diesen schlammigen Boden hinläuft, war unser einziger Ausweg. Hätte er sie zerstört, so hatte er uns noch einmal In seinen Händen. ES geschah bei dem Uebergangc der Beresina, der so gräßlich war, daß die Geschichte cs nicht gewagt hat, diese Jam- merscene zu schildern. Da der Gegenstand zu wichtig ist und wohl verdient, daß man ihn näher beleuchtet, um auf alle nur mögliche Weise Aufklärungen über diesen blos nach dem Erfolge beurtheilten, mithin sehr getadelten Feldzug, herbeizusühren, so wird man uns verzeihen, wenn wir hier Alles zusammenstellen, was die Meinung berichtigen soll, die man sich davon gemacht haben könnte. Wir finden in dem zweiten Theile der lVlemoires sts Napoleon, welche der General Moncholon neuerlich herausgegeben hat *), eine diese Sache betreff ) Im Monat Juni iS2Z. IlZ sende Note, die ihm der Geächtete auf Sankt Helena diktirte. Wir wollen sie näher prüfen. „Man wird die Geschichte des russischen Feldzugs niemals genau kennen lernen, sagt Napoleon, weil die Russen nicht schreiben, oder wenn sie schreiben, dabei nichts nach Wahrheit fragen, die Franzosen aber neuerlich sich mit dem größten Eifer bemühen, sich selbst zu entehren und ihre rühmlichsten Waffenthatcn zu verkleinern*). Der Krieg gegen Rußland war eine nothwendige Folge des Kon- rinentalsystems, und zwar von dem Tage an, da der Kaiser Alexander die Konventionen von Tilsit und Erfurt brach; aber eine Betrachtung von ungleich größerer Wichtigkeit war es eigentlich, welche Napoleon dazu bestimmte; nämlich die Gewißheit, daß der Scepter Europas in die Hände eines Czaars gerathen müsse, wenn die Russen nicht über die Grenze des Borysthcnes zurückgeworftn und Polens Thron, dieses natürliche Bollwerk jenes Reichs, wieder herge« stellt würde. 2 m Jahre 1812 befand sich -Oesterreich, Preußen, Deutschland, die Schweiz und Italien unter den Flügeln des französischen Adlers vereint. Sollte Napoleon nicht glauben, der Augenblick sei gekommen, das ungeheure Gebäude, was er errichtet hatte, zu befestigen, auf dessen Gipfel Rußland mit aller seiner Macht so lange drücken konnte, als cs nach Belieben seine zahlreichen Heere bis an die Oder herbeizubringen vermochte. Alexander war jung und voller Kraft wie sein Reich; es war anzunehmen, daß er Napoleon überleben müsse. Dies ist der wahre geheime Grund dieses Krieges; keine Persönlichkeit hatte Theil an der Sache, wie in mehrern Flugblättern behauptet wurde. Der Feldzug gegen Rußland ist der glorreichste, der schwierigste, der ehrenvollste, dessen die ältere und neuere Geschichte Erwähnung thut." Nach Inhalt dieser Note hatte also der Krieg zwei verschiedne Ursachen. Die erste war die Verletzung der mit dem Kaiser Alexander geschlossenen Traktaten; sie war an und für sich schon hinreichend und wälzte das Unrecht auf die Seite der Russen, welche, ln dieser Voraussetzung, die Angreifenden waren, anstatt, wie man das so sagte, sich blos in dem Falle der Vertheidigung zu befinden, denn es heißt angreifen und den Krieg sortsetzen, wenn man die *) Es ist Bitterkeit In dieser Sprache, aber auch nicht ohne Grund. Man lieferte Napoleon, während seines Aufenthalts auf Sankt Helena, recht geflissentlich alle gegen ihn erschienenen Schmähschriften und die von der Rache und dem Neide höchst entstellten Darstellungen seiner Feldzüge» L. C. Tageb.Nachtr.il. 8 114 Bedingungen nicht erfüllt, unter welchen die Waffen niedergelegt worden sind. Die zweite Ursache, der eigentliche Gegenstand, wor- nach gestrebt wurde, das Ziel, welches man erringen wollte, war die Wiederherstellung des polnischen Thrones. Dieser Zweck konnte allerdings erreicht werden, wenn man sich bei dem Gewinn der Schlacht begnügte und nicht weiter vorging. Wir wollen nun weiter sehen, warum es Napoleon dennoch lhat. Der Marsch von Smolensk bis Moskau war durch den Gedanken veranlaßt, der Feind werde, um diese Hauptstadt zu retten, eine Schlacht liefern und geschlagen werden, daß dann Moskau besetzt werden, Alexander, um es zu befreien, Frieden machen, und man, wenn er es nicht thätc, in den ungeheuer» Vorrathen dieser Stadt, in 4oooo freigegebenen Einwohnern, den Sühnen von Freigelassenen oder Handelsleuten, die Mittel finden würde, den Kern eines NacionalcorpS zu bilden und damit alle Sklaven Rußlands in Aufstand und so dem Reiche den Todesstoß bcizubringen. Der Gedanke, daß man eine Scadt von Zvoooo Seelen, die fast gleichen Umfang mit Paris hat, in Brand stecken könne, kam niemand als etwas Mögliches in den Sinn. Es war in der That auch vernünftiger, Frieden zu machen, als zu einer solchen Barbarei seine Zuflucht nehmen *). Die russische Armee nahm drei Tagemärschc von Moskau die Schlacht an, wurde geschlagen und das französische Heer rückte in die Stadt ein. Vier und zwanzig Stunden lang war es Herr aller ihrer Schätze. Die Mittel, welche cs dort fand, waren unermeßlich; fünfhundert Paläste des Adels mit allem Nöthigen versehen. Die mehrcsten Eigenthümer derselben harten bei dem Fortgange aus der Stadt Billets an die Generale, welche Ihre Häuser bewohnen würden, hinterlassen, worinncn sie nach den ersten Tagen der Unruhe wiederzukommen versprachen. Jetzt geschah es plötzlich, daß acht bis neunhundert Polizeiosfiziancen, welche die Aufsicht über die Bewachung der Stadt und zugleich die Feuerspritzen unter sich hatten, in allen Luartieren Feuer anlegten. Eine *) §s war keine Barbarei, sondern ein Akt der Vaterlandsliebe, ein bis zur Verzweiflung gesteigerter Patriotismus, welcher beweisen will, wessen er fähig ist. Dies ist wenigstens die von der Mehrzahl angenommene Auslegung. Wenn man inzwischen an ähnliche Fälle zurück denkt und dt- dazu gegebene Veranlassung naher untersucht, so findet fichs, daß eine kleine Anzahl von Menschen, von denen mehrere nichts zu den dabei nöthig werdenden Opfern beitrugen, Befehl dazu gegeben halten. Man muß also wohl, in Ansehung des Brandes von Moskau, weder bei dem Lobe, noch bei dem Tadel zu weit gehe», Menge von Häusern, die blos von Hol» erbaut waren, enthielten große Magazine von Branntwein, >Oel und andern brennbaren Dingen. Alle Feuerspritzen waren fortgeschafft. Die Armee suchte vergebens das Feuer zu bekämpfen. Alles wurde ein Raub der Flammen. Die in der Stadt zurückgebliebenen Einwohner retteten sich; nur der allcrniedrigste Pöbel blieb zurück, um zu plündern. Diese große herrliche Stadt wurde ein wahres Kloak, ein Aufenthalt der Verzweiflung und der Schandthaten. Man konnte jetzt die Parthte ergreifen nach Petersburg zu gehen; der Hof fürchtete das. Er hatte seine Archive und seine kostbarsten Schätze nach London sortschaffcn lassen. 2n Erwägung aber, daß es eben so weit von Moskau nach Sankt Petersburg, als nach Smolensk sei, zog Napoleon vor, den Winter an dem letzten, an der Grenze von Lithauen befindlichen -Orte zuzubringen. Er begann diese Bewegung damit, daß er Kutusows Armee von neuem bei Malsioroslawit an- griff und schlug, und setzte sie dann ohne Hindernisse fort, bis Schnee und Kälte in einer Nacht 30000 Pferde tüdtrcen, weshalb man nun die Wagen zurücklasscn mußte, ein Umstand, der die Ursache des Verderbens bei diesem unglücklichen Marsche wurde. Man darf denselben keinen Rückzug nennen; die Armee harte gesiegt und konnte eben so gut nach Petersburg gehen. Sie würde in Smolensk Winterquartiere gefunden haben, wenn der Fürst Schwarzenberg sie nicht verlassen und nach Warschau hin manöuvrirt hätte, was sodann dem Admiral Tschitschakoff »erstattete, an die Beresina vorzudringcn." „Kein General hat Napoleon die Nothwendigkeit vorgestcllt, innen zu hatten; alle fühlten, daß, wenn er erst Herr von Moskau wäre, der Krieg geendigt seyn würde »). Bis nach SmolenSk führte er denselben in einem Lande, das eben so günstig gestimmt war, wie es nur Frankreich selbst seyn konnte. Das Volk wie die Behörden waren ihm zugethan; er konnte dort Mannschaften, Pferde, Lebensmittel ausschreiben lasse» und Smolensk war zudem eine Festung. Auf dem Marsche nach Moskau hatte er nie einen Feind lm Rücken gehabt und während der zwanzig Tage seines dortigen Aufenthalts sind alle Transporte glücklich daselbst angekommcn. Wäre Moskau nicht niedergebrannt worden, so war der Kaiser Alexander gezwungen, Frieden zu machen, und wenn, nach der Einäscherung dieser Scadt, die harten Fröste nicht vierzehn Tage eher als gewöhnlich eingetreten wären, würde die Armee ohne Verlust Man se»te die Erhaltung dieser Stadt voraus, wurde aber nur Herr vo» Nninen, nach SmolenSk zurückgekommen seyn *), wo sie von den an der MoSkowa geschlagenen russischen Heeren nichts zu befürchten hatte. Nach den Erfahrungen, die in den letzten zwanzig Jahren über die Witterung gemacht worden waren, durste man erwarten, daß der Thermometer im Monat November nicht über 6 Grad unterm Eispunkte fallen werde und es fehlten nur noch drei Tage, so würde die Armee ihren Rückzug in völliger Ordnung bewerkstelliget haben. Dem Ausgange der Sache zufolge könnte man also Napoleon einen Vorwurf darüber machen, daß er um vier Tage zu lange in Moskau geblieben sei, aber politische Gründe bestimmten ihn dazu. Er glaubte noch Zeit genug zu haben, nach Polen zurückzugehen. — Das Unglück des russischen Feldzugs war die Wirkung des zu frühzeitigen Wechsels der Witterung." Dies sind sonach die von Napoleon selbst angegebenen Gründe. So viel ist allerdings gewiß, daß der Brand von Moskau weder zu seinen Berechnungen, noch zu den Wahrscheinlichkeiten gehören konnte, aus welche er Rücksicht zu nehmen hatte. Aber, sobald derselbe erfolgt war, mußte er durchaus seinen Abmarsch beschleunigen. Er spricht von politischen Ursachen, ohne sie jedoch näher anzugeben. Man hat wissen wollen, daß er durch Unterhandlungen ausgehalten worden sei; allein die Rückkehr konnte dabei nichts hindern. Ucbri- gens durfte er, wie wir schon gesagt haben, nur dann bei denen, mit welchen er unterhandelte, aus Worthaltcn zählen, wenn er, als der Stärkere, Herr des Erfolgs und im Besitze von Stellungen und von Plätzen sich befand, die so gut wie Geiseln waren; allein von dem allen war nichts zu sehen. Die Witterungsberechnung nach den Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre (angenommen auch, daß sie nicht nach der Zeit erst angestellt worden ist) entschuldigt keines- weges. Bei einer Sache von so großer Wichtigkeit, wobei es auf dir Erhaltung einer Armee ankommt, muß man nicht den Barometer zu der Basis seiner Operationen machen. In diesem und dem folgenden Feldzüge muß Napoleons Cha« ^ rakcer genau ins Auge gefaßt werden. Das Glück hatte ihn verwöhnt und er setzte vielleicht mehr Vertrauen darauf, alS er Härte > thun sollen. Die Gunst desselben schien ihn durch seine Täuschungen allzusichcr gemacht zu machen. In seinen Budgets hatte er > ein eigenes Kapitel: Unvorhergesehene Ereignisse. Bei seinen Plänen brachte er aber dafür das Glück in Anschlag und ^ *) Hder besser »och, wenn man sie hätte vierzchen Tage elicr abgehcn l taffen, was nicht «p- mdglich war, sondern auch die Dprsichc oer, langte. rechnete bei der Unternehmung gegen Rußland wohl ungleich mehr darauf, als er sollte. Inzwischen hatte er doch, ehe er diesen Krieg anfing, selbst Zweifel und Besorgnisse. Er berathschlagte darüber In der Voraussetzung, daß Widerwärtigkeiten und Schläge des Schick» sals eincreten könnten, und eine solche Voraussetzung war zu be» wundern, wenn man die Beständigkeit seines Glückes erwägt, und daran denkt, wie sehr er mit Schmeichlern umgeben war, die jeden Gedanken, jede Betrachtung dieser Art zurückwiesen; denn für einen General Rapp, der ihm die Wahrheit sagte, hatte er wenigstens zehen andere, die ihr wichtigstes Geschäft daraus machten, sie unter einem dichten Schleier zu verbergen. AlS er zu Rapp, der verwundert war, Ihn von Moskau spre» chen zu hören, sagte, daß der Wein eingeschenkt sei, so gestand er durch den Gebrauch dieses gemeinen Sprüchworts, daß er im Be» griff sei, ein großes Wagstück zu unternehmen. Inzwischen wäre es doch durch den Erfolg gekrönt worden, wenn er nicht in der alten Hauptstadt Rußlands länger gezögert hätte, als nöthig war, um seine Truppen ausruhen zu lassen — es wäre sogar höchst rühmlich gewesen, wenn er sein Heer schnell nach Polen zurückgesührt und den vernünftigen Plan, den er mit diesem Lande hatte, vernünftig ausgesührc hätte *). Vierzehn Tage nach dem Brande von Moskau wäre er so leicht auszusühren gewesen, so daß man jetzt mit Staunen und selbst mit Schrecken sieht, von welchen geringfügigen Ursachen oft die wichtigsten Dinge abhängen! Man denke auch nur einen Augenblick über die wahrscheinlichen Folgen der Wiederher» stellung Polens nach und vergleiche sie mit dem, was geschehen ist. In diesem Feldzuge sah man zum erstenmale, daß Napoleon zögerte, daß er an der Zukunft zweifelte. Späterhin wurde er starrköpfig und — so heißt es im Tagebuche — schmollte. Die» seS Schmollen kam ihm und so vielen Andern theuer zu stehen. *) Es soll dies kein Wortspiel seyn. Der Plan, Polen wieder herzustcl» len, diesem edlen Volke seine Unabhängigkeit zurückzugebcn, war wohl selir vernünftig und von grofiem Nutzen für Europa; (gebe der Himmel, daß es nicht des Nächsten diesen Nutze» begreife» lerne!) aber eS war zu fürchten, daß Napoleon tl»n einen König auS seiner Familie geben möchte, anstatt ihm selbst die Wahl zu überlassen, und in diesem Stücke hätte er dann nicht vernünftig gehandelt. Diese Besorgnisse waren durch das, was er zu Neapel, Madrid und Kassel gethan hatte, erregt. Inzwischen Hält man für gewiß, daß Napoleon den Polen drei Kandidaten und vor allen andern Pontatowskh dazu Vorschlägen wollte, indem er ihm zwei Nebenbuhler bcigcscllte, die eben nicht furchtbar »nd mehr dazu geeignet waren, das Verdienst dieses Generals höher zu heben, als ihm das Gegengewicht zu halten. 118 §. 62. 19. Juni 1816. Der Kaiser sagte mir oft, daß die Relation der Feldzüge in Italien unter meinem Namen erscheinen, daß sie mir geschenkt, daß sic mein Eigen- tlmm seyn solle. Ich darf mich also dem Traume überlassen, daß ihr Abdruck einst statt finden werde. Bd. 6 . S. 104 . Hierauf glebt nun der Verfasser den Plan an, den er bei der Herausgabe deö Werks befolgen wollte. Man weiß nicht, wie man das mit dem vereinigen soll, was jetzt wirklich geschieht. Die Feldzüge von Italien werden einen Theil der Memoires äs Aastoleori bilden, welche der Graf von Mon- tholon hcrausgiebc und wovon bereits zwei Bände erschienen sind. Sie sollen den dritten ausfüllen (der bereits unter der Presse ist und nächstens herauskommen wird) und wahrscheinlich mehrere noch folgende Bände. Was den Druck und das Format betrifft, wovon das Tagebuch spricht, so kommt es in mehrern Punkten mit dem überein, was Napoleon hierüber diktire hat. §. 63.. 27. 2uni 1816. Eine Konscrlptivn von den reichsten Erbinnen, die er unter seine Generale vertheilen wollte. Dd. 6 , G. 108 . Diese elende Verläumdung hatte selbst in Frankreich Gläubige gefunden, so albern sie auch in Beziehung auf unsre Sitten, unsre Begriffe und die Gewißheit ist, daß ein solcher Gedanke, der ein Verstoß gegen unsre liebsten Zntereffen und unsre Dorurtheile seyn würde, bei seiner Ausführung überall unüberwindliche Schwierigkeiten gefunden haben müßte. Mehrere Züge beweisen, daß wenn auch Napoleon reiche Erbinnen für seine Generale wünschte, er doch zu Erreichung dieses Wunsches nur gesetzliche Mittel in Anwendung brachte. Der, für welchen er ohne Zweifel die größte Zärtlichkeit empfand, den er als Sohn adoptirte, weil er 2osephinens Sohn war, für den er die reichste Erbin Frankreichs begehrt haben würde, war Eugen Beauharnais. Ein Kind von dreizehn 2ahrcn und sechs Monaten, das ein Vermögen von hunderttausend Franken jährlicher Einkünfte aus schlecht verwalteten Gütern besaß, von denen die Hälfte noch ganz unkultivirt waren, gehörte damals zu den Schäfchen in der Heerde des Bischofs Bcrnicr zu Orleans. ES kommt in Frage. Eugen langt an, zeigt sich und reifee wieder zurück, ohne von dem jungen Mädchen, dem die Eltern völlige Freiheit der Wahl lassen, bemerkt zu werden. ES kommt ihm nicht darauf an, — ,,9 — noch zu warten. Ein damals mächtiger Minister, der einen be« rühmten Namen hat, wendet sich aber an den Bischof und trägt ihm auf, mit Gewandtheit um die Hand des Fräuleins D'A. für einen seiner Vettern, den nichts als sein Name empfiehlt, zu werben. Vernier ist glücklich bei seinem Unternehmen; man bedarf einer AltersdiSpensation dabei und Napoleon bewilligt sie auf der Stelle, obschon er wahrscheinlich die reiche Erbin für einen seiner Generale haben wollte. Diese Thatsache ist ein Beitrag zu dem, was der Verfasser des Tagebuchs in Betreff der Verweigerung des Herrn Aligre Seite 109 erzählt. Und bei alle dem hatte diese Derläumdung doch einigen Grund. Bei dem Ministerio des Innern war ein statistisches Büreau. Dort wurden von Zeit zu Zeit Etats mir einer Menge von Kolonnen hinausgegeben, von denen eine jede das enthalten sollte, was man zu wissen verlangte. Diese Etats nun wurden dermaßen vervoll« kommt, daß es darinnen Kolonnen für die Hühner und sogar für die Eier gab. Ein Präfekt erhielt eine nachdrückliche Verwarnung, weil er bei Einsendung eines solchen Etats die Verlegenheit berich« tete, in welcher er sich befinde, indem er ein Huhn zum Frühstück verzehrt und gehört habe, daß seine Hühner eben Eier legten, so« nach aber befürchten müsse, daß das Huhn in der Kolonne nicht in Wegfall gebracht und die Eier nicht eingetragen worden wären, mithin diese Kolonnen unrichtig seyn möchten. Nachdem nun die Erzeugnisse jeder Art bereits berücksichtigt waren, glaubte man daS menschliche Geschlecht zu beleidigen, wenn es vergessen würde. Man machte also eigne Etats, um das Innere der Familien kennen zu lernen, nämlich für die Zahl der Kinder,' die Verschiedenheit ihres Geschlechts, deren Alter und wahrscheinliches Vermögen. Mehr war nicht nöthig, um eine Konskription der reichen Erbinnen crwar» tcn zu lassen. §. «4. 30. Juni 1816. Seine große Taktik bestand darinnen, unsere Exzesse ans dem Kontinente anznzcttcln, dann aber sie den Engländern als Popanz aufzustcUcn und sich bewilligen zn lasse», was er nur wollte. Bd. 6. S. H 7 . Es wäre wohl merkwürdig, die von Pitt in Anwendung gebrachten Manöuvres für die krummen Wege seiner Politik ganz genau zu kennen. Wer aber zu dergleichen Mitteln seine Zuflucht nimmt, pflegt alle Spuren derselben sorgfältig zu vertilgen. Im Anfänge des Rcvolutionskriegeö wurde in England, wie gewöhnlich, die Liste der Gebliebenen und Verwundeten, mit Angabe - -.4 '-4 - t t .'.1 - 1 -'1 > der Namen, bekannt gemacht. Daö verursachte denn mancherlei Klagen, und Pitt, der ihnen ein Ende machen wollte, beschloß, es dahin zu bringen, daß die englischen Soldaten sich fernerhin keiner Gefahr aussetzen sollten. Er bezahlte daher den Vorschlag und die Annahme eines Conventsdekrets, nach welchem eS verboten war, Engländer zu Gefangnen zu machen. Sie mußten getödtet oder dienstunfähig gemacht werden. Mit Hülfe dieses Dekrets erlangte er nun von den Alliirten bald, daß die englischen Truppen immer zurück blieben und halte sonach den doppelten Vortheil, nicht blos seine Landsleute in Sicherheit zu bringen, sondern auch den Haß, den man ohnehin schon gegen uns hegre, noch zu verstärken. Auf gleiche Weise erkaufte er noch mehrere Dekrete. Man sah bei den Mordsccnen in den Gefängnissen zwei englische Emissairs, die den Würgern Gold gaben. Dies ist eine vollkommen bestätigte Thal» sache. Pitt war nicht ohne Theilnahme an dem Tode Ludwig deS Sechszehntcn. Wenn schon hierdurch der Tod Karl des Ersten nicht in Vergessenheit kam, so war doch nun die englische Nation nickt mehr die einzige, die ein solches Beispiel gegeben hat, als wofür sie seit anderthalb Jahrhunderten galt. Während Pitt in Ansehung unserer Frevel, das Feuer anschürte, um Geld zu gewinnen, das er dann dazu anwendete, uns immer mehr Böses thun zu lassen, bediente man sich in Frankreich seines NamenS zu Anklagen mit ihm in Briefwechsel zu stehen, woraus die Todesstrafe erfolgte. Ich werde nie den Einnehmer einer kleinen Gemeine vergessen, der verhaftet wurde, weil er das Geld seiner Einnahme an Pitt geschickt haben sollte, und immerfort fragte, wer denn der Herr Pitt nur sei, wo er denn nur wäre und mit Thränen in den Augen beschwor, daß er ihn gar nicht kenne! §. 65. 30. Juni 1816. Go ist cs mit dem Throne »nd seinem Gifte; kaum daß man ilm besteigt, so fühlt man schon die Ansteckung. Und hat man mir nicht am Ende den nämlichen Vorwurf gemacht? Vielleicht sogar nicht ohne einigen Schein des Rechts, Bd. 6. S. I2Z. ^ Bevor Napoleon sich selbst anführt, cikirt er das Beispiel der l Braunschweiger, die kairm auf dem Throne saßen, auf ! welchen sic die liberalen Ideen erhoben hatten, alS > sie auch, so wie die Nassauer, jene Schutzherren einer edlen Unabhängigkeit in Europa, bloS nach Will- kühr strebten. „Man wirst mir vor, sagt er, daß ich Despotismus ausgeübt habe, sollte aber nur von einer Diktatur sprechen." Worte thun hierbei nichts zur Sache. Die Diktatur ist nur bei großen Gefahren zu ertragen, und wenn derjenige, dem sie an« vertraut wird, nur den Vortheil des Staats ins Auge fassend, sei« neu Leidenschaften das Ohr verschließt, nicht um dieselben zu befriedigen, sich der unbegrenzten Macht bedient, die ihm gewöhnlich nur für eine sehr beschränkte Zeit übertragen ist. Die Diktatur ist schon von einer zweideutigen Nothwendigkeit, wenn man sie sodert, anstatt sie zu erhalten. Sie gleicht völlig dem Despotismus, oder sie ist es vielmehr selbst, ist die wtllkührltche Ausübung einer unbeschränkten Gewalt, wenn man sie ohne Auftrag an sich reißt und sich selbst über das Gesetz erhebt. Es würde für einen Nero oder für einen Mahomec eine schöne Entschuldigung seyn, wenn sie sa« gen wollten: wir haben nicht als Despoten, sondern als Diktatoren gehandelt. Napoleon hätte also seinen Gedanken mehr auseinander setzen sollen; wahrscheinlich hörte er nur über einige allgemeine Maßregeln zu Besiegung seiner Feinde sprechen, wobei er denselben zuvorzukommen suchte. Die Absetzung der Tribunen war ein Akt des Diktators, so wie die Abschaffung des ganzen Tribunals; aber er ließ gehörig darauf antrageo und vermied sonach den Schein (H. 11). Er vergaß sich mithin, als er, nach 2nhalc des Tagebuchs, sagte: ich schaffte das Tribunat ab. Es wurden so mancherlei Maßregeln in Kraft der diktatorischen Gewalt getroffen, aber immer unter Vermittlung der kompetenten Behörde, so wie z. B. des Senats bet den außerordentlichen Truppenaushebungen, als wodurch dann die Form unverletzt blieb. Diese allgemeinen Maßregeln, welche ganze Massen betrafen, waren minder gehässig, als es einzelne Vexationen gewesen seyn würden. Mehr alS diese erstem insgesamt würde das Verschwinden eines einzigen weggeschafften Menschen, von dem man nicht erfahren hätte, was aus ihm geworden sei, Schrecken verbreitet haben. Was den Gift des Throns anbetrifft, so frage ich, giebt es dbnn wirklich ein Wesen, das glücklich genug organisirt wäre, um gegen dessen Einfluß geschützt zu seyn, wenn es nicht in der Atmosphäre des Throns geboren ist? Wir wollen uns gar nicht so hoch «ersteigen, und nur von der Wirkung sprechen, die nur ein Ministerportefeuille bet Sem hervorbrachte, der es eben erhalten hatte. Welche Revolution in seiner ganzen Existenz! Ich meine jedoch damit weder das jetzige Ministerium, noch das vorherige, noch das vorvorige, auch das nicht, das diesen voran ging. Wir wollen uns nur ja recht verstehen, ohne über die Sache zu scherzen. 122 Hat wohl dtr neue Herr Minister in der erste» Nacht ein Äuge zugethan? War am folgenden Morgen sein Gang noch der vorige? War sein Kopf noch so gesenkt, als bisher; sein Blick so liebevoll, sein Mund noch eben so lächelnd? Hatte er noch ein Gedächtnis für seine alten Freunde, besonders für diejenigen, welche ihm irgend einen Dienst geleistet haben? — Ich begegne eines Tages dem Freunde eines neuen Ministers und mache ihm meinen Glückwunsch. Kopfschüttelnd dankt er mir; er war noch nicht vorgelassen worden. Nur Geduld! sage ich zu ihm. Einige Zeit nachher sah ich ihn wieder und zwar ganz traurig, verdrießlich, aufgebracht. Es war keine Antwort erfolgt, er hatte ihn weder sprechen »och Zutritt bet ihm erlangen können. Sein Freund, der Herr Minister, beobachtete das tiefste Stillschweigen. — Scyn Sie nicht unbillig, das liegt in der Natur der Sache. — Er schreit dennoch laut, — Hören Sie mich einen Augenblick nur an. Lieben Sie den Champagner? — Scherzhafte Frage Hierbeil — Antworten Sie doch nur, lieben Sie ihn? — Nun ja doch, recht sehr, nachdem er ist. — Wie viel Gläser bedürfen Sie, um so etwas benebelt zu werden? — Gehn Sie doch mit Ihren Fragen, ich weiß das selber nicht. — Ich will annehmen, daß Sie zehen dazu bedürfen; ich traue Ihnen sonach wirklich viel zu, Sie dürfen sich nicht beschweren. Nun wollen wir weiter annehmen, daß Sie die neun ersten schon verschluckt haben. Alle diese Voraussetzungen können Sie sich leicht gefallen lassen. — Ich gebe daö zu, aber wir wollen, was Sie da sagen, lieber lhun. — Lassen Sie mich fortfahren. Sie haben jetzt neun Gläser Champagner im Leibe. Alles fängt an sich mit Ihnen zu drehen, ihre Augen werden trüber, ihr Blick ist unsicher, die Gegenstände gehen durch einander. Nun komme daö zehnte Glas und nimmt mit den andern einen Weg. Von diesem Augenblicke an sehen Sie gar nichts mehr, Sie hören nichts mehr, Sie haben das Gedächtniß verloren, sind nicht mehr Sie selbst. — Sehen Sie wohl! Das Portefeuille ist das zehnte Glas Wein und würde die nämliche Wirkung hervor- bringen, wenn man cs Ihnen in diesem Augenblicke brächte. Wir haben also Unrecht, so sehr auf die Großen zu zürnen, die wir klein, wie wir selbst sind, gekannt haben und die uns vergessen. Das liegt leider! in dem menschlichen Herzen. Jetzt wollen wir von der Vergleichung, die wir gemacht haben, die wir für richtig halten, zu einem Zuge übergehen, der solche bestätigt. Das Studium der Nacur zeugt, wenn eö bis zu der größten Vollkommenheit und so betrieben wird, daß der Forschende für den I ! 123 Ersten gilt (und dabei den ersten Rang einnimmt)/ ohne asten Zwei» fel von einem starken, gehörig ausgebildetcn Geiste. Glückliche Entdeckungen, gelehrte Arbeiten, eine lichtvolle Logik, und endlich der Genius, welcher allen Geheimnissen der Natur auf die Spur kommt, müßten wohl eigentlich den Begriff von lener Kraft der Seele noch erhöhen, von welcher man (nach dieser Berechnung, die blos streng zu nennen ist) glauben sollte, daß ihr die Gunst der Höfe eben so gleichgültig scyn könne, als alle Hosungcwitter. Ich bitte, mich weiter zu hören. Am 23. oder 24. Dezember 1818 schließt sich Herr C.. ein, l um seine Forschungen ganz ungestört vorzunehmen. Er hat Befehl ^ gegeben, niemand zu ihm zu lassen, weit entfernt, den Besuch zu ^ ahnen, den er anzunehmcn nicht vermeiden kann. Während er sich i nun den ganz unaussprechlichen Genüssen hingiebc, welche ihm Ar- j beit und Studium, da sie stets von Erfolgen gekrönt sind und ihm i, neue Bewunderung sichern, auch an diesem Tage verschaffen, kommt I der Minister des Innern, Herr L.... Vor einem Minister verrie- ! gelt man sich nicht, keine Wacht hält vor ihm Stand. Der Kam- i merdiener weiß dies alles recht gut und läuft, Herrn C... herbeizuholen, der, um recht ungestört zu seyn, sogar außer seiner Wohnung arbeitet. Der Minister warret; Herr C.... erscheint und wenn schon keiner von beiden mir sein Vertrauen geschenkt hat, ich auch nicht einmal je die Ehre gehabt habe, sie zu sprechen, so weiß ich dennoch, daß der erstere gekommen war, dem zweiten das Portefeuille, das ihm seit sieben und einem halben Monat anvertraut ! war, anzutragen. Wie die Verhandlung statt hatte, weiß ich jedoch - nicht, auch gehört dies nicht zur Sache, allein Herr C... durfte ! sich während eines Zeitraums von 24 Stunden für einen Minister halten; ! am folgenden Tage sollte die Sache entschieden werden. Er brachte > fast alle seine Abende mit einem Freunde von 20 2ahren her zu, mit dem er höchst vertraulich lebte. Sie lassen nicht von einander, und auch heute kommen beide Familien regelmäßig zusammen. ES war zur Gewohnheit geworden, erst spät gegen Mitternacht sich zu trennen. Herr C...., der sonst überaus unterhaltend und höchst angenehm unter seinen Freunden ist, spricht heute kein Wort, geht mit auf den Rücken gelegten Händen, einer wahren Geschäftsmiene, als ob er noch so große Sorgen hätte, mit stierem Blicke und ge« > senktem Kopfe im Zimmer auf und ab. Sein Freund redet ihn an, kaum daß er antwortet. Dabei fährt er mit der Hand über ' die Stirn, als wolle er zu verstehen geben, daß man ihn nicht stö« ^ ren möchte. Man beachtet sein stilles Träumen um so sorgsamer, als man glaubt, daß irgend eine wichtige Entdeckung der Gegenstand desselben sei und daß er mit seinen Gedanken in dem weiten Reiche der Natur umherirre. 2m Moment des Scheidens drückt er sei. nem Freunde die Hand und spricht: Schlaf Du wohl! Voll Unruhe über diese ungewohnten Abschiedsworte, welche an« zudeuten schienen, daß der, welcher sie aussprach, nicht viel schlafen werde, eilt Herr von S... am folgenden Morgen zu Herrn C..., um sich eine Erklärung darüber zu erbitten und ist ganz verwundert, ihn bei der desfalls an ihn gerichteten Frage so lustig, lachend, offen und freundschaftlich, mir einem Worte, ganz wie sonst zu finden. „Mein lieber S —, spricht Herr C..., gestern Abend war ich Minister, jetzt bin ich es nicht mehr, das ist die ganze Lösung des Rälhsels!" Wie kann man nun verlangen, daß der Becher der Könige nicht ein berauschendes Getränk enthalte! Inzwischen muß man bekennen, daß Napoleon wohl hätte nach und nach dahin gelangen können, sich vor dieser Trunkenheit in ! Acht zu nehmen. Der Becher war nach seiner Angabe und zu sei- ^ nem Gebrauche gefertigt, er konnte Acht haben auf das Getränk, das man hinein goß und ihn nur mit Vorsicht zu dem Munde ! bringen. §. 66 . 5. Juli 1816. ^ Sieyes bewerkstelligte die Thcilung der Zocooo Frauken und ungefähr wie der Löwe in der Fabel. Bd. ü. S. izo. 2n den Memoiren des Generals Gourgaud (Th. 1 . S. 146) drückte sich Napoleon folgendermaßen über Sieyes aus: „Er liebte > das Geld, aber er war von der strengsten Rechtschaffenheit, was . Napoleon sehr gefiel. Er schätzte diese Eigenschaft an einem Mann > in einem öffentlichen Berufe höher als alle andere." ! Man begreift recht gut, wie ein Mensch das Geld lieben und doch von strenger Rechtschaffenheit seyn kann. Diese Rechtschaffenheit wird dann um so verdienstlicher, aber man begreift nicht, daß sie dennoch vorhanden wäre und eben so streng bliebe, wenn einer > eine Summe nimmt wozu er kein Recht hat, sie zu theilen in Vor« : schlag bringt und bei der Theilung betrügt. Dann dünkt mich diese Strenge doch sehr nachgiebig zu seyn. Hier ist die Frage von einer Summe von 80vooo Franken, welche bei Seite gelegt worden waren, um einem abgehenden Direktor eine Pension geben zu können. Als daS Konsulat an die Stelle des Direktoriums trat, gab Sieyes dem ersten Konsul Nachricht von dieser getroffenen Vorsichtsmaßregel und fragte bei ihm an, was nun mit diesem Geld« geschehen solle. Bonaparte ant« mottete, er möchte es mit Ducos theilen, da sle beide Mitglieder dcS Direktoriums gewesen wären. SieyeS nahm nun diese Thei« lung, aber ln Wahrheit nach Art deS Löwens, vor. Er machte vier Theile und nahm den ersten, als der älteste der Direktoren; den zweiten, weil er länger alS sein Kollege im Amte geblieben seyn würde; den dritten, weil er die Idee zu der elngetretrnen Regie« rungsveränderung gegeben habe; blos ln Ansehung des vierten wagte er nicht zu sagen, daß er ihm gehöre, weil er SieyeS hieße und eben so wenig, daß man denselben nicht antasten dürfe, wenn man es nicht mit ihm zu thun haben wolle. Er kam daher an Ducos, der sonach 200000 Franken erhielt, indessen sein Kollege sich, aus den bereits angegebenen Ursachen und Gründen, 600000 zueignece. Man merke wohl, daß es gegen den Geist und den Zweck der ursprünglichen Bestimmung (der Pension des austretenden Direktors), die unter den Namen von Konsuls bleibenden Direktoren sind, welche das Geld unter sich theilen und keiner der drei abgegangenen oder ausgeschiedenen einen Sous davon erhält; das ist nun freilich eine Rechtschaffenheit von ganz eigner Strenge.