33
tz. 12.
Josrphine.
12. November 1815.
Sie war die Kunst und die Grazie selbst — i» jeder Stellung und Lagereizend und verführerisch — bat ihren Gemahl nie um etwas, bliebaber überall schuldig. Bd. 2. S. Z8 s.
Napoleon kannte Josephinen sehr gut. Nichts ging über ihreAnmuth und Liebenswürdigkeit. Sie konnte bei ihrer Cour mirhundert Personen sprechen und jeder einzelnen etwas angenehmessagen. Ihr Gedächtniß kam ihr hierbei sehr zu statten; es erin-nerte sie immer an irgend eine Sache, die schmeichelhaft war. Beiihrer Großmuch konnte sie niemand etwas abschlagen und würdemit dem öffentlichen Schatze bald fertig geworden seyn, wenn siedamit hätte schalten dürfen. Bei Ihrem Unvermögen zu geben, be-half sie sich immerwährend mit Versprechungen, die sie sogleich wie-der vergaß, aber eben so leichtsinnig wiederholte. Einen Beleghierzu gab ein sonderbares <)>» pro yno, das der ganze Hof, nursie allein nicht wußte. Sie hatte vor ihrer ersten Verheirathung zuMartinique einen Staabsoffizier gekannt, der in ihrer Familie Zu-tritt hatte. Als nun Napoleon das Oberhaupt der Regierungwurde, wollte dieser -Offizier wieder Dienste nehmen, rechnete aufJosephinens Unterstützung, hoffte dadurch sein Glück zu machen undbat um eine Audienz. Er wurde mit jener Freundlichkeit ausge-nommen, die man so gern für aufrichtig hält und wodurch mangleichwohl so oft getäuscht wird. Sie bezeigte ihm die allerlebhaf-teste Theilnahme und verlangte, daß er irgend etwas bitten möchte.Der Offizier ließ sie nicht lange warten. Am folgenden Tage er-schien er wieder bei ihr mit der Bittschrift in der Seicentasche sei-nes Rockes. Aber der Schneider hatte auch seine Rechnung darin-nen gelassen. Herr *** nimmt eins für das andere, überreicht derKaiserin die Schrift, und diese nimmt sie ohne zu lesen mit derVersicherung an sich, daß sie sein Gesuch Napoleon vertragen werdeund daß er den besten Erfolg erwarten dürfe. Der Offizier ist ganzentzückt; als er aber nach Hause kommt, bemerkt er seinen dum-men Streich und will ihn sogleich verbessern. Er geht abermalszu Zoscphinen, die ihm sogleich mit der Versicherung entgegenkommt, daß ihr Gemahl seine Bittschrift gelesen und ihr verspro-chen habe, ihr Günstling solle ganz nach seinen Wünschen angcstellrwerden. Da eine Menge von Menschen zugegen war und die Kai-serin sogleich mit andern Personen sprach, antwortete er nichts;kam aber zu mehrernmalen wieder, um die fatale Rechnung gegenL. C. Tageb. Nachtr, r. z