323
wir als Erfolge von jenen betrachten dürfen. Demungcachtct be-hält Jochmanns Brief ein eigenes Interesse für uns, nicht alleindadurch, daß sich der Helle Geist seines Verfassers treu darin ab-spiegelt, sondern auch, daß wir daraus erkennen, wie ein unbe-fangener, vorurtheilloscr Fremdling, ein Mann von Einsicht undScharfblick, die Wirren jener Tage und die verkehrte Behandlungder Völker, ja der europäischen Menschheit, mit heiligem Unwil-len betrachtete.
Jo chm an» eilte von Tharand in die Rheingegendcn. Siewaren ihm schon früher lieb geworden. Er sah sie gern wieder,und verweilte hier lange. Dann trat er in die Schweiz. Aneinem der schönsten Herbsttage (es war der 12. September 1820)besuchte er mich, indem er mir ein Briefchen von der Hand einestheuerwerthen Mannes, des russischen Staatsrathes Theodor v.Fab er, brachte. Eine Stunde genügte, daß wir einander unsergegenseitiges Vertrauen aufschlosscn. Ein wunderliches, mir selbernoch unerklärliches Ereigniß, wie es mir schon einigemal geschehenwar, beförderte die Annäherung.
Während wir nämlich im Garten plaudernd beisammen saßen,und er mir abwechselnd von seinen Reisen, oder seinen Entwürfenfür die Zukunft, erzählte, verlor ich mich in Betrachtung seinerPerson. Wohlgebaut, von kaum mittlerer Größe, aber mager undzart, verrieth er, in der krankhaften Farbe seines sonst angeneh-men Gesichts, eine schon zerstörte Gesundheit. Selbst der freund-lich-milde Blick seiner Augen, auch wann er in Augenblicken derBegeisterung, oder im Gefühl der Freude lebhafter erglänzte,schien ein verborgenes Leiden anzuklagen. Allmälig verdunkeltesich vor mir seine Gestalt, als würde sie nebelhaft; ich hörte wohlseine Stimme, aber ohne seine Worte zu beachten. Es ward indiesem Augenblick der Gang seines bisherigen Lebens, selbst die