möchte. Offenbare Ungerechtigkeit scheut Jeder; aber nicht so ge-nau nimmt man's, seine Zwecke durch Schlauheit allmälig aufUmwegen zn erreichen. Man wendet da gern, für seine kleinenAngelegenheiten, seine kleine Staatsklugheit an, mit einer Be-harrlichkeit, Feinheit und List, und einer Kunst der Verstellung,als man wohl schwerlich in dem Maße bei andern Gebirgsvölkernantrifft.
Wie der Landmann in seinem kleinern Geschäftskreise, so derReichere und Angesehenere, oder der „Herr" im größer». Manüberläßt diesem willig die höher» Stellen und die Verwaltung derLandesangelegenhciten, nicht nur, weil er ans auswärtigen Schulen,oder in fremden Kriegsdiensten nnd auf Reisen mehr Kenntnissegesammelt, sondern auch Ehrgeiz nnd Vermögen genug hat, demStaate so gut als nnentgcldlich zu dienen nnd deswegen Wochenund Monate lang von seinem Hcimwesen entfernt zn leben. DieSöhne der reichern Familien, immer durch den Beweis einesöffentlichen Vertrauens geschmeichelt, und um die Gunst einesVolks werbend, das sie heben und stürzen kann, treten gern indie uneinträglichcn Staatsämter, wenn auch nicht jederzeit ausVaterlandsliebe, doch aus Gefallen an der Ehre, oder weil ihnenhöhere Stellungen Gelegenheiten bieten, sich oder ihren Familienmehr oder minder bedeutende Vortheile zuzuwenden.
Vorzeiten, als Bünden noch ein selbstständiger Bundesstaat,gleich der schweizerischen Eidgenossenschaft war; als cs noch eigeneUnterthanenlande, und dazu in den Dienst europäischer Könige ge-stellte Truppen besaß, zeigten sich jene Gelegenheiten des Gewinnszahlreicher und glänzender, denn jetzt. Damals schickten noch Oester-reich und Spanien, Venedig nnd Frankreich ihre Gesandten indas unabhängige Hochland, um sich nebenbuhlerisch zu den ewigenitalienischen Kriegen Beistand und die Oeffnung der Gebirgspässezu versichern. Da wurden den einflußreichsten Machthabern des