Druckschrift 
7 (1851)
Entstehung
Seite
322
Einzelbild herunterladen
 

322

Verkörperung des Geistige».

Sic reichte mir das Bild, das nur ihr schwaches Contcrfei undlebloses Ebenbild war, und lächelte ob mcinein Erstaunen undEntzücken.

Dann sagte sie mit holdseliger Anmuth: „Don Bastians, stehetauf; es geziemt Euch nicht, vor mir zu knien. Auch möchte ichnicht, das Euch Menschen in dieser Stellung sähen. Stehet auf,oder ich fliehe!" So gehorchte ich ihr, stand auf, konnte abernicht reden, so ganz außer mir war ich; sondern einer Bildsäulegleich blieb ich aufrecht vor ihr, und betrachtete schweigend diePracht und Heiligkeit ihres Antlitzes.

Sie sagte und lächelte wieder mit unnennbarem Liebreiz: „Ihrhabet wohl Recht, Euch zu verwundern, daß Ihr zu Euerm Bildeine Person gefunden, der cs gleichet, und daß Ihr anstatt derHeiligen nur ein sterbliches Weib gefunden, gleichwie ich in großeVerwirrung gerathen bin, da ich dies Bild in Euer» Händen er-blickte, als Ihr in der Kirche neben mir gebetet habt. Ich nahmes zu mir, als Euch übel wurde und Ihr ohnmächtig nicdcrfieletzu meinem großen Entsetzen. Denn ich fürchtete, das Bild werdein andere Hände gerathen oder zertreten, weil gar großes Gedrängvon Leuten um Euch entstand, die Euch hinaus trugen. Ich be-kenne auch, daß ich Euch das Bild vvrcnthalten wollte. Da Ihraber cs in ganz Loretto aller Orten habt auskünden lassen, undich einsah, wie viel Euch daran gelegen sei, suchte ich Euch wie-der in der Kirche, um es Euch znznstellcn. Schon gestern suchteich Euch daselbst vergebens. Nehmet es denn, wenn es Euch ver-gnügt, und entweihet es niemals."

Ich nahm das Bild aus ihrer zarten Hand, und drückte dasWiedergesundene an mein Herz und hielt es hoch gen Himmel;»S schossen Thränen in meine Augen. aber reden konnte ich nicht